Seit vier Monaten ist das neue Präsidium von Wikimedia Deutschland im Amt. Was hat euch in dieser Zeit vor allem beschäftigt?

Anfang Oktober fand unsere erste mehrtägige Sitzung statt, in der wir besonders die strategische Ausrichtung von Wikimedia Deutschland in den Blick genommen haben. Die aktuelle Corona-Pandemie hat einmal mehr deutlich gemacht, wie wichtig Wikipedia als unabhängige Wissensquelle ist. Gerade eine Online-Community wie die Wikipedia lebt aber auch durch den persönlichen Austausch – also auf Stammtischen, bei gemeinsamen Exkursionen oder in Workshops und Konferenzen mit Partnerinstitutionen vor Ort. Dass diese Formate derzeit nicht oder nur in einem sehr eingeschränkten Rahmen stattfinden können, hat die Tätigkeit des Vereins insbesondere in der Zusammenarbeit mit der Community stark ausgebremst und wir denken viel darüber nach, wie wir dem begegnen können.

Ein großes Anliegen bei der Wahl des neuen Präsidiums war es, mehr Frauen für das Gremium zu gewinnen. Das hat geklappt. Welche weiteren Schritte für mehr Diversität habt ihr geplant? 

Wir wollen unser Unterstützungsangebot für eine bessere Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Ehrenamt ausbauen und die Aufgaben im Präsidium flexibler aufteilen. Auf politischer Ebene wollen wir uns im Rahmen der Initiative #stayonboard dafür einsetzen, dass auch Mitglieder von Vorständen und Aufsichtsräten gemeinnütziger Organisationen in Elternzeit gehen können – das ist nach der aktuellen Gesetzeslage nämlich nicht möglich.

Für dich ist es die zweite Amtszeit als Vorsitzender. Hast du Erfahrungen aus deiner ersten Amtszeit in die zweite mitgenommen und haben sich deine Ziele verändert? 

Als Vorsitzender des Präsidiums muss ich die unterschiedlichen Fäden im Blick haben, die bei mir zusammenlaufen. In dieser Amtszeit möchte ich aber gleichzeitig noch mehr versuchen, dass wir unsere Prioritäten und unseren Aktionsrahmen als gemeinsame Aufgabe wahrnehmen. Solche Fragen der Rolle unseres Gremiums und der Verteilung der Aufgaben zu klären, ist ein permanenter Prozess.

Nächstes Jahr feiert Wikipedia ihren 20. Geburtstag – Was wünschst Du der Enzyklopädie für die nächsten (20) Jahre?

Unsere 2017 beschlossene internationale strategische Ausrichtung besagt, dass Wikimedia bis im Jahr 2030 “das Fundament im Ökosystem des Freien Wissens” sein möchte und und dass sich uns alle anschließen können, die unsere Vision teilen: eine Welt, in der alle Menschen frei an der Summe allen Wissens teilhaben können. Der bisherige Erfolg der Wikipedia ist unser Ausgangspunkt für die Erreichung dieser Strategie und ich wünsche mir, dass es der Community gelingt, die Relevanz der Enzyklopädie zu bewahren: einerseits offen für neue Aktive, die unterschiedliche Sichtweisen auf das Wissen einbringen und andererseits resilient gegen Einflüsse, die unser Wissen als Erkenntnisquelle unterminieren wollen.

Welche Themen stehen in den nächsten Monaten für das Präsidium an?

In diesen Wochen startet die Umsetzung unserer neuen globalen Strategie “Wikimedia 2030”. Wir haben uns vorgenommen, bei Wikimedia Deutschland vier Themen besonders in den Fokus zu rücken: Wie können wir auf internationaler Ebene bessere Entscheidungsstrukturen etablieren? Wo befinden sich ‘weiße Flecken’ auf der ‘Wissens-Landkarte’ von Wikipedia und was müssen wir tun, um sie zu füllen? Wie können wir die Wikipedia-Community dabei unterstützen, neuen Aktiven mit unterschiedlichen Hintergründen ein ansprechendes Umfeld für ihr Engagement zu bieten? Und schließlich: Wie können wir die Bewegung robust und nachhaltig aufstellen? Ich freue mich schon darauf, in den nächsten Monaten im Präsidium und mit den haupt- und ehrenamtlich Wikimedia-Aktiven über diese Themen zu diskutieren.

Mehr Informationen zum Präsidium von Wikimedia Deutschland auf der Website.

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Seit Ausbruch der Corona-Pandemie informieren sich Millionen Menschen in der Wikipedia über das Virus und seine Auswirkungen. Die Weltgesundheitsorganisation will dieses Potential nutzen und den Zugang zu verlässlichen Informationen über Covid-19 erleichtern. In Genf wurde eine entsprechende Kooperation zwischen der WHO und der Wikimedia Foundation vereinbart.

Die WHO wird demnach Infografiken, Videos und weitere Informationen zu Covid-19 unter eine freie Lizenz (CC BY SA 3.0) stellen und im freien Medienarchiv Wikimedia Commons  freigeben. Diese neuen frei lizenzierten Ressourcen können die ehrenamtlich arbeitenden Wikipedia-Autorinnen und -Autoren somit ohne Beschränkungen direkt für die Artikel nutzen und so den Zugang zu Wissen über die Pandemie für Menschen auf der ganzen Welt weiter ausbauen.

„Der gleichberechtigte Zugang zu vertrauenswürdigen Gesundheitsinformationen ist entscheidend, um die Menschen während der COVID-19-Pandemie sicher und informiert zu halten. Unsere neue Zusammenarbeit mit der Wikimedia Foundation wird den Zugang zu verlässlichen Gesundheitsinformationen der WHO über mehrere Länder, Sprachen und Geräte hinweg verbessern.“

Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation

Mit verlässlichen Gesundheitsinformationen gegen eine „Infodemie”

Aktuell gibt es in den verschiedenen Sprachversionen der Wikipedia über 5.000 Artikel zur Pandemie. Weltweit arbeiten freiwillige Wikipedia-Aktive, von denen viele aus dem medizinischen Bereich kommen, täglich mit Hochdruck daran, die Artikel mit Informationen aus zuverlässigen Quellen zu aktualisieren.

Gleichzeitig hat die WHO seit Beginn der Pandemie Schritte unternommen, um eine „Infodemie“ zu verhindern – von der Organisation definiert als „ein Übermaß an Informationen und die rasche Verbreitung irreführender oder fabrizierter Nachrichten, Bilder und Videos“.

Durch die neue Kooperation erhoffen sich beiden Seiten, diese „Infodemie“ einzudämmen und sicherzustellen, dass alle Zugang zu verlässlichen Gesundheitsinformationen haben. Nicht nur die Wikipedia kann die von der WHO bereitgestellten Videos, Grafiken und Materialien ab sofort nutzen, auch andere Organisationen, Einzelpersonen und Websites können sie leichter auf ihren eigenen Plattformen teilen, ohne sich mit strengeren Urheberrechtsbeschränkungen auseinandersetzen zu müssen.

Weitere Informationen zur neuen Kooperation finden Sie in der Pressemitteilung der Wikimedia Foundation

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Ein wichtiges Kernelement des Fellow-Programm Freies Wissen ist das kontinuierliche Mentoring der Teilnehmenden: Neben der Unterstützung bei der Umsetzung der Projekte, sorgt es besonders auch für die Vernetzung mit der Offenen Wissenschaft.

Wir haben die vier neuen Mentor*innen des kommenden Jahrgangs 2020/21 gefragt, warum sie sich für den Nachwuchs im Bereich Open Science einsetzen und was sie mit dem diesjährigen programmatischen Schwerpunkt „Knowledge Equity“ verbindet.

<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Moritz_Schubotz_Fellowship.jpg" title="via Wikimedia Commons">Physikerwelt</a> / <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0">CC BY-SA</a>

Dr. Moritz Schubotz (FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur) erforscht gemeinsam mit Doktoranden der Bergischen Universität Wuppertal Methoden und Werkzeuge, um mathematisches Wissen maschinenlesbar und somit besser zugänglich zu machen. Als theoretischer Physiker und Informatiker überträgt er aktuelle Forschungsergebnisse aus der Informatik auf die besonderen Informationsbedürfnisse von Mathematikern und Wissenschaftlern angrenzender Fachbereiche.

„Offene, nachvollziehbare, verständliche und zugängliche Wissenschaft ist unerlässlich, um gesicherte Erkenntnisse von tendenziösen Behauptungen zu unterscheiden.“

Darüber hinaus ist er Botschafter der Open Science Bewegung und fühlt sich den FAIR-Data-Prinzipien verpflichtet. Dennoch erachtet er es als wichtig, dass Forschende, die ihre Daten und Ideen früh teilen, nicht Gefahr laufen plagiiert zu werden. Zu diesem Zweck untersucht er das Potential der Blockchain-Technologie und kryptographischen Verfahren, um die Open Science Prinzipien wirkungsvoll umzusetzen.

„Ich setze mich mit meinem Engagement als Mentor dafür ein, neben der Weitergabe von Prozesswissen, auch die Sensibilität für die gesellschaftliche Verantwortung als Wissenschaftler zu stärken.“

Foto: Physikerwelt / CC BY-SA

Kerstin Schoch (Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg / Universität Witten/Herdecke) ist Kunsttherapeutin und Psychologin. Als Promovendin an der Universität Witten/Herdecke sowie Wissenschaftlicher Mitarbeiterin an der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg forscht und lehrt sie transdisziplinär zwischen Künsten, Psychologie und Freier Wissenschaft.

„Open Science heißt für mich Wissenschaft transparent zu machen und den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft voranzutreiben. Offene Wissenschaft bedeutet für mich auch Wissenschaftskommunikation“

Sie ist Gleichstellungsbeauftragte an der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg, aktiv beim Feministischen Streik Berlin und selbst Alumna des Fellow-Programms. Ihre Motivation Mentorin des Fellow-Programms zu sein ist der diesjährige Schwerpunkt auf Knowledge Equity.

„Wenn wir Wissenschaft und Gesellschaft revolutionieren wollen, ist es notwendig Open Science mit Feministischer Forschung zusammenzudenken. Beiden geht es um eine Enthierarchisierung. Während Feministische Forschung durch ihre machtkritische, intersektionale Haltung Wissenschaft diversifiziert, eröffnet Open Science praktische Möglichkeiten, um Wissenschaft zu revolutionieren.“

Foto: Kerstin Schoch

Dr. Anita Runge ist ehemalige Geschäftsführerin des Margherita-von-Brentano-Zentrums an der Freien Universität und begleitet aktuell den Transformationsprozess der Publikationsgepflogenheiten in der Geschlechterforschung als Leiterin von zwei drittmittelgeförderten Open-Access-Projekten (Repositorium GenderOpen, Open Gender Platform).

„Mein Anliegen ist es, vor allem jüngere Forschende dabei zu unterstützen, sich in ihrer wissenschaftlichen Praxis an Konzepten von Open Science und Open Access zu orientieren und sich selbstbewusst mit den Widerständen auseinanderzusetzen, die ihnen dabei auf ihren Karrierewegen, insbesondere in eher traditionellen Disziplinen, begegnen.“

Sie beschäftigt sich in Vorträgen, Workshops und Lehrveranstaltungen sowie als Redaktionsmitglied der Zeitschrift Open Gender Journal mit dem Thema „unconscious bias“, mit Ausschlussmechanismen im Kontext von wissenschaftlicher Qualitätssicherung und –bewertung

„Für meine Arbeit als Geschlechterforscherin ist Openness und Transparenz zentral, da nur damit den nach wie vor bestehenden Vorbehalten gegen dieses wissenschaftliche Feld begegnet werden kann.“

Foto: Bernd Wannenmacher

Rima-Maria Rahal (Senior Research Fellow Max-Planck-Institut für die Erforschung von Gemeinschaftsgütern, Bonn. Department of Social Psychology, Tilburg University) ist Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für die Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn. Sie arbeitet an der Entwicklung des Einsatzes physiologischer Maße in sozialen, ethischen und rechtlichen Entscheidungskontexten.

„Da ich selbst Fellow im Programm war, weiß ich, dass die Gemeinschaft der Stipendiat*innen, Mentor*innen und Projektmitarbeiter*innen großartige Impulse für unsere Arbeit zur Förderung der offenen Wissenschaft gibt. Teil dieser Community zu sein ist mir von größtem Wert und das möchte ich weiter geben.“

Sie ist ehemalige Stipendiatin des Fellowship Freies Wissen, wo sie einen offenen Online-Kurs über die methodologischen Grundlagen des wissenschaftlichen Experiments unter Einbeziehung offener wissenschaftlicher Praktiken entwickelt hat. Die Förderung der Nutzung offener Bildungsressourcen und der offenen Wissenschaft in der empirischen Forschung sind ihre Hauptinteressen.

@rimamrahal auf Twitter
Foto: Rima-Maria Rahal

Hier der Live-Stream der Auftaktveranstaltung des Programms am 16.10.2020 mit einer Keynote von Prof. Dr. Judith Simon zu der Frage: „Führt offenes Wissen zu einer gerechteren Gesellschaft?“ und für den Überblick: eine Videoshow aller Fellow-Projekte im Schnelldurchlauf.

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Die Kontaktbeschränkungen der letzten Monate hatten erhebliche Auswirkungen auf die Arbeit von Kulturinstitutionen. Auf der diesjährigen Konferenz wollen wir deshalb darüber sprechen, welche Innovationen durch die Krise angeregt oder verstärkt wurden. Wie konnten und können Kulturinstitutionen trotz der Beschränkungen ihrem Auftrag gerecht werden? Welche rechtlichen Schwierigkeiten haben sich in den letzten Monaten dabei ergeben – und wie lassen sich diese erfolgreich bewältigen?

Zwölf Partnerorganisationen veranstalten die Konferenz

Mitdiskutieren in Fokusrunden
In den vier Themenblöcken Innovation, Urheberrecht, Gemeinfreiheit und Datenschutz diskutieren unsere Gäste Lösungswege aus der Krise. Mit dabei sind unter anderem Prof. Johannes Vogel, Direktor Naturkundemuseum Berlin, Larissa Borck, Swedish National Heritage Board, Dr. Maria Böhmer, Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission und John Weitzmann, Justiziar und Teamleiter Politik und Recht bei Wikimedia Deutschland. Auch für reichlich Gelegenheit zum Mitdiskutieren ist gesorgt: In sechs Fokusrunden sind alle Teilnehmenden eingeladen, mit den Expertinnen und Experten ins Gespräch zu kommen, ihre Fragen direkt zu stellen und die Themen der einzelnen Vorträge und Panels zu vertiefen. Mehr Infos zu den Fokusrunden erhalten die registrierten Teilnehmenden kurz vor der Veranstaltung.

Zu Gast bei Wikimedia Deutschland
Die Konferenz wird von zwölf Partnerorganisationen getragen, zu denen unter anderem die Deutsche Nationalbibliothek, das Bundesarchiv und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und iRights gehören. Wikimedia Deutschland ist seit der ersten Konferenz im Jahr 2011 als Partnerin dabei und fungiert dieses Jahr auch als als Gastgeberin: Moderation und einzelne Programmpunkte werden live aus der Geschäftsstelle in Berlin übertragen.

In diesem Jahr feiert Zugang gestalten! zehnten Geburtstag. Die zweite Ausgabe im Jahr 2013 fand im Jüdischen Museum Berlin statt; David Jakob (david-jacob.de), CC BY-SA 2.0.
Das Altonaer Museum in Hamburg war Schauplatz der dritten Konferenz im Jahr 2015; Hansgeorg Schöner, Konferenz Zugang gestalten 17, CC BY-SA 4.0
Im letzten Jahr war die Konferenzreihe in der Deutschen Nationalbibliothek zu Gast; DNB, Stephan Jockel, CC BY 4.0.

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OPEN!NEXT: Erster DIN-Standard für offene Hardware

09:48, Thursday, 01 2020 October UTC

Das Team um OPEN!NEXT und Open Source Ecology Germany hilft Nutzer*innen und Unternehmen dabei, Hardware kollaborativ und auf der Grundlage offener Standards zu entwickeln. Jérémy Bonvoisin, Assistant Professor an der Universität Bath und Martin Häuer erklären im Interview, warum die DIN SPEC 3105 die Prozesse der Open Source Hardware und auch der Standardisierung verändert. 

Elisabeth Giesemann: Warum begeistert ihr euch für offene Hardware?

Jérémy Bonvoisin: Ich interessiere mich für nachhaltige Produktentwicklung, also wie man Produkte ökologisch gestaltet. Da Offenheit viele Türen für nachhaltige Produktentwicklung öffnet, forsche ich seit ein paar Jahren an dem Thema Open Source Hardware.

Martin Häuer: Mir sind vor allem die sozio-ökonomischen Effekte von offener Hardware wichtig. Open Source Hardware stellt die Frage des Eigentums von Technologie auf einer höheren Abstraktionsebene. Wem gehört Technologie? Wer hat das Recht und das Wissen, Maschinen herzustellen? Wem die einzelne Maschine gehört, ist dann in meinen Augen zweitrangig. Wenn das Wissen über die Herstellung von Technologie frei ist, löst das eine Menge Probleme auf recht elegante Weise. 

Elisabeth: Wie genau definiert ihr Open Source Hardware?

Jeremy: Open-Source-Hardware-Produkte sind Produkte, deren Baupläne öffentlich zugänglich gemacht werden, damit jeder diese Produkte wiederherstellen, reparieren, studieren und weiterentwickeln kann. Diese Definition gibt es schon länger, aber sie war ein bisschen unpräzise. In der DIN SPEC 3105 haben wir angeregt, diese Definition präziser zu gestalten und einen Standard dafür festgelegt. 

Könnt ihr bekannte Beispiele von offener Hardware nennen? 

Jérémy: Das bekannteste Beispiel ist der Mikrocontroller Arduino. Auch andere Unternehmen sind aktiv in elektronischer Hardware, wie zum Beispiel Adafruit Industries Lcc. Ein weiteres tolles Beispiel ist der humanoide Open-Source-Roboter Poppy

Martin: Der sich teils selbst replizierende 3D-Drucker RepRap von der University of Bath hat eine ganze Reihe von Derivaten angestoßen und dabei die 3D-Druck-Technologie verfügbar und erschwinglich gemacht. Der darauf basierende 3D-Drucker Prusa i3 ist im Heimgebrauch weit verbreitet. An der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt wird ein Open-Source-MRT entwickelt – was auch interessante Fragen hinsichtlich eines transparenten Gesundheitssystems aufwirft. Der MNT Reform ist der erste Open-Source-Laptop, der in modernen Arbeitsumgebungen eingesetzt werden kann.

Elisabeth: Warum benötigt man für offene Hardware einen Standard?

Martin: Unser Ziel Ist es, nicht jede Maschine selbst zu entwickeln, sondern eine Infrastruktur zu bauen, die es den Menschen ermöglicht, das selbst zu tun. Und dabei am besten auch die etablierten Institutionen an Bord zu bekommen. Einer der ersten Bausteine, denen wir uns da gewidmet haben, war die Standardisierung. Das haben wir von Open Source Ecology Germany auch bei DIN angebracht, und die waren von Anfang an interessiert.

Zusammen mit über 30 Organisationen aus der OSH-Community durften wir dann den ersten DIN-Standard im Open Source Bereich schreiben. Der ist außerdem auch der erste Standard, der frei verwendet werden kann, also selbst Open Source ist. Man kann den Standard frei nutzen, verbreiten, weiterentwickeln, modifizieren. Die Feedback-Schleifen sind so deutlich kürzer als bei klassischen Standards; Prozesse und Entscheidungen sind sehr transparent gehalten.

Jérémy: Das heißt wir konnten nicht nur Fortschritte für die Open Source Hardware erzielen, sondern auch für die Standardisierung allgemein. 

Elisabeth: Was genau habt Ihr denn bei Hardware standardisiert?

Martin: Die technische Dokumentation, also die “Source” von Open-Source-Hardware. Bei Software ist die Sache recht simpel: Es gibt Code, der wird unter einer freien Lizenz veröffentlicht und gut. Bei Hardware ist die Sache komplexer. Ich könnte eine Skizze meiner Maschine veröffentlichen, aber das bringt ja niemandem etwas. Je nach Technologie, braucht es Stücklisten, 3D-Modelle, und Leiterplatten-Layouts. Das alles natürlich in editierbaren Formaten und unter freier Lizenz. Wir haben damit die allgemein anerkannte OSHWA-Definition um eindeutig prüfbare Kriterien erweitert – und OSH damit (hoffentlich) für Industrie und Forschung kompatibler gemacht.

Elisabeth: Wie genau sieht der Standard denn jetzt aus?

Martin: Der Standard hat zwei Teile: Der erste Teil beschreibt die Anforderung an die technische Dokumentation, also was alles wie mitgeliefert werden muss, sodass andere damit frei weiterarbeiten können. 

Der zweite Teil definiert einen community-basierten Prüfprozess dafür, ob ein bestimmtes Produkt open source ist – aus der Perspektive von DIN SPEC 3105-1. Soweit ich weiß, ist es damit auch der erste offiziell standardisierte Prüfprozess nach Open-Source-Prinzipien. Normalerweise läuft sowas über akkreditierte Zertifizierungsstellen, aber diese potenzielle Machtkonzentration bzw. diesen Flaschenhals wollten wir vermeiden. Damit kann nun bspw. in öffentlich geförderten Forschungsprojekten ein Prototyp „nach DIN SPEC 3105-1“ dokumentiert werden und so Forschungsergebnisse für die Allgemeinheit besser verwertbar gemacht werden. Citizen Science ist das Buzzword und bisher war das deutlich komplizierter.

Jérémy: Die Frage, die der Standard beantwortet, ist folgende: Was sind die Dokumente, die du teilen musst, damit jemand anderes dein Produkt nachbauen kann? Wenn du sie teilen kannst, kannst du sagen: ‘Mein Produkt ist Open Source Hardware.’

Elisabeth: Gibt es noch weitere Unterschiede zum normalen Standardisierungsprozess bei DIN?

Jérémy: Der größte Unterschied zu den Industrie-Standards ist sicherlich, dass er vollkommen offen ist. Andere DIN SPECs sind zwar kostenfrei aber nicht Open Source. Die Verwertungsrechte liegen unverändert bei DIN. Die DIN SPEC 3105 hingegen ist Open Source und kann sich jetzt dadurch einwandfrei weiterverbreiten und -entwickeln. Sie ist in Teilen sogar maschinenlesbar. Außerdem wurde für Feedback Loops gesorgt: Wenn jemand Kritik an bestimmten Teilen des Standards hat, soll er diese Kritik nicht verstecken. Die Dokumente sind alle öffentlich einsehbar im Gitlab Repository. Jeder kann dort Vorschläge einreichen und zur nächsten Version des Standards beitragen. 

Martin: Wir wussten schlicht noch nicht, was die Anforderungen für einen Bioreaktor in Bangladesh sind. Deswegen mussten wir es so halten, dass Leute aus der Praxis Feedback geben können und den Standard allmählich komplettieren können. 

Elisabeth: Wo seht ihr sonst Parallelen zu Open Source in der Software und Open Data?

Jérémy: Wir wollen dabei helfen, dass Open Source Hardware das erreicht, was Open Source Software bereits für die Software-Seite ist: Open Source ist die Basis der digital economy. Ohne Open-Source-Software gäbe es kein Internet. Android-Smartphones, alle Supercomputer und die meisten Kleingeräte, wie Router etwa, laufen mit Linux. In normalen, proprietären Programmen wird zwischen 40-60% offene Software verwendet.  

Martin: Vernetzte Kreislaufwirtschaft wird erst dann möglich werden, wenn Open Source den Weg in den Maschinenbau gefunden hat. Ich kann mein Handy nicht reparieren oder recyclen, wenn ich nicht weiß, was drin ist. Ich kann auch kein Superhandy aus zwei Handys entwickeln, weil die Firmen sich mit Copyrights und Patenten gegenseitig blockieren. Wenn wir große, komplexe Probleme global und nachhaltig lösen wollen – also Klimawandel, Corona, künstliche Obsoleszenz und so weiter – dann müssen wir kooperieren und dann brauchen wir Open Source.

Elisabeth: Wie geht es weiter bei OPEN!NEXT?

Martin: Wir arbeiten an der technischen Infrastruktur für Open-Source-Hardware und dabei an einer Art “Internet der Dinge”. Maschinen, Bauteile und deren Abwandlungen werden in der Graphdatenbank global vernetzt. Damit kann man offene Hardware dann auch viel besser finden und eben verbinden. Eine US-Community führt eine Liste von Beatmungsgeräten zur COVID-19 Krisenbewältigung. Da liegen knapp 140 Projekte, die vermutlich voneinander vorher noch nicht wussten. Das kann alles ein gutes Stück effizienter ablaufen.

Dafür arbeiten wir auch schon mit Wikimedia zusammen. Unsere Kern-Technik basiert auf Wikibase, unsere Datenstruktur nutzt Wikidata, Wikimedia ist sogar offizieller Projektparter bei OPEN!NEXT, also kein Wunder. Außerdem ist ein Projekt für Community-basierte Zertifizierung von Open Source Hardware teil von UNLOCK, dem Accelerator-Programm von Wikimedia Deutschland. Damit wollen wir eine Community von Reviewern aufbauen und den DIN SPEC 3105 in die Anwendung bringen.

Martin Häuer von Open Source Ecology Germany e.V. hat Gremium und Vorstand von DIN davon überzeugt, einen offenen Standard für Open Source Hardware zu schaffen. Bild: „port-nou“, Martin Häuer, CC BY 4.0.

Jérémy Bonvoisin forscht an der University of Bath zu sozial und ökologisch nachhaltiger Produktentwicklung und offener Hardware. Bild: Philippe Marin.

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Erstmals seit zehn Jahren: Wikipedia bekommt neues Design

11:43, Wednesday, 30 2020 September UTC

Wikipedia ist die Enzyklopädie, die täglich mehr als 600 Millionen Mal aufgerufen wird. Sie ist auf Platz 13 der meistbesuchten Websites der Welt und dabei eine der wenigen, die bei ihrer Größe keine kommerziellen Interessen verfolgt: Keine Cookies, keine Werbung, minimale Erfassung der Daten sind Standard. Wikipedia unterscheidet sich aber auch optisch vom Rest des Internets: Die Benutzeroberfläche hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. Bis jetzt: Die Wikimedia Foundation wird in den kommenden Monaten Änderungen an der Desktop-Version der Wikipedia umsetzen.

Neue Optik – verschiedene Bedürfnisse

Seit Mai 2019 arbeitet die Wikimedia Foundation zusammen mit der Community daran, die Wikipedia optisch zu verbessern. Neben einem leicht angepassten Logo soll es unter anderem eine zusammenklappbare Seitenleiste sowie ein neu gestaltetes Inhaltsverzeichnis geben. Letzteres erleichtert vor allem das Lesen von sehr umfangreichen Artikeln: Musste man bislang immer durch den gesamten Artikel scrollen, um zu bestimmten Abschnitten zu kommen, kann künftig einfach das entsprechende Fenster mit den Informationen ausgeklappt werden. Außerdem soll es für Leser*innen dank eines neuen Features einfacher möglich sein, innerhalb der Artikel in eine andere Sprachversion zu wechseln.

Zwei Aspekte werden bei den Änderungen besonders beachtet: Einerseits soll sich die Vertrautheit des Designs nicht so drastisch verändern, dass die Wikipedia kaum wiedererkennbar ist – andererseits soll das Design für alle Autor*innen und Leser*innen benutzerfreundlicher und pragmatischer werden. 

Einen Überblick über alle bisher geplanten Änderungen und wie diese aussehen könnten, gibt es auf MediaWiki.

Die ersten Änderungen können angemeldete Nutzer*innen in verschiedenen Testwikis mitverfolgen, diese sind unter anderem die französische, die hebräische und die persische Wikipedia.

Läuft alles nach Plan, sollen die neuen Features bis Ende 2021 in allen Wikis standardmäßig eingebaut sein.

Erstes Redesign seit zehn Jahren

Wikipedia ist seit dem Start im Jahr 2001 enorm gewachsen. Heute gibt es mehr als 54 Millionen Artikel in 300 Sprachen, die von tausenden freiwilligen Autor*innen weltweit geschrieben worden sind. Allein in der deutschsprachigen Wikipedia kommen täglich rund 300 neue Artikel hinzu. Die Benutzeroberfläche hat dabei nicht Schritt gehalten. Insbesondere neue Nutzer*innen würden sich von der Oberfläche der Wikipedia häufig überfordert fühlen, schreibt die Wikimedia Foundation in einer Erklärung. Einige Elemente der Seite würden sich unpassend und überwältigend anfühlen. Damit möglichst viele Nutzer*innen und Freiwillige in der Wikipedia mitarbeiten, lesen, kreieren oder lernen können, sollen die Designänderungen helfen, einen besseren Überblick zu bekommen und sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. 

Die Wikipedia entsteht im Kollektiv und durch die Arbeit der Freiwilligen weltweit – Änderungen werden folglich nicht einfach entschieden, sondern entstehen in einem kollaborativen Prozess mit der Community. Die Features werden immer wieder neu adjustiert, bis es zu einem für alle zufriedenstellenden Ergebnis kommt. Feedback kann beispielsweise hier gegeben werden.

Mehr Wissenswertes über die Wikipedia und Freies Wissen

Viele spannende Infos zur Gestaltung und Mitmach-Möglichkeiten in der Wikipedia gibt es in der Wikipedia-Challenge zu entdecken. Weitere Nachrichten rund um Wikipedia, Wikimedia und Freies Wissen liefert außerdem alle zwei Wochen der Wikimedia Deutschland-Newsletter.

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Es ist wieder soweit, der Jubel ist groß und die Vorfreude steigt. Der Start des Fellow-Programms Freies Wissen steht uns ins virtuelle Haus. Die Auftaktveranstaltung zum Fellow-Programms Freies Wissen findet am 16. und 17. Oktober als digitales Event statt. Zum ersten Mal werden sich hier die Fellows und Mentor*innen des neuen Jahrgangs 2020/21 treffen, sich virtuell kennenlernen und die gemeinsame Zusammenarbeit für die kommenden acht Monate planen.

Das Programm unterstützt Nachwuchswissenschaftler*innen aus allen Disziplinen dabei, Prinzipien offener Wissenschaft in die eigene wissenschaftliche Arbeit zu integrieren und gleichzeitig als Wissensvermittler*innen andere für dieses Thema zu sensibilisieren. Ein besonderer Schwerpunkt wird in diesem Jahr auf verschiedene Perspektiven und Diskussionsansätze rundum Knowledge Equity im Kontext offener Wissenschaft liegen, dies spiegelt sich teilweise in den Projektvorhaben der diesjährigen Fellows wieder..

Wie in den letzten Jahren auch beteiligen sich mehrere wissenschaftliche Partner*innen mit Workshops und Inputs am Programm, unter anderen die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Open Knowledge Maps, die Technische Informationsbibliothek (TIB), die Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin sowie innOsci, das Forum offene Innovationskultur vom Stifterverband.

Öffentlicher Live-Stream von Keynote und Eröffnung

Die digitale Abendveranstaltung am 16. Oktober startet mit einem öffentlichen Live-Stream aus der Wikimedia-Geschäftsstelle: Es folgt die Programmeröffnung mit einer Keynote von Judith Simon und die Vorstellung der Fellow-Projekte in TikTok-Länge in einer kompakten Videoshow. Der 17. Oktober bietet den neuen Fellows die Möglichkeit sich untereinander, ihre Mentor*innen und das Programmteam in einem Online-Workshop kennenzulernen.  
Hier geht es zum Live-Stream am 16. Oktober.

Wir freuen uns auf einen neuen Programmstart und den gemeinsamen Austausch, den wir nicht nur auf einzelne Veranstaltungselemente und die Programmbeteilgten beschränken möchten, sondern auch über die acht Monate Programmlaufzeit verteilt in verschiedenen Qualifizierungs- und Beteiligungsformaten in unterschiedlichen Personenkonstellationen ausweiten möchten. Seid gespannt, lasst euch überraschen und haltet Ausschau, vielleicht ist die eine oder andere Veranstaltung oder ein Workshop auch für dich dabei.

Hier ein Überblick über die Fellows des Jahrgangs 2020/21 und ihre Forschungsprojekte: 

Follow us

Wer mehr über das Fellow-Programm und über die Fellows selbst erfahren möchte, kann sich auf unserer Programm Webseite weiter informieren oder folgt uns via #fellowsfreieswissen oder @OpenSciFellows auf Twitter. Die Webseite des neuen Fellow-Jahrgangs ist derzeit noch in Arbeit, bitte seid geduldig, wir arbeiten kollaborativ daran und ergänzen nach und nach weitere Informationen.

Für Anregungen, Fragen und Interesse an unserem Fellow-Programm schreibt uns an wissenschaft@wikimedia.de.  

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ProWD: Ein Werkzeug zum Erkennen von Datenlücken in Wikidata

09:52, Wednesday, 16 2020 September UTC

Wikidata ist mit derzeit 89 Millionen Datenobjekten die größte offene Datenbank der Welt, doch auch sie hat Lücken und Ungleichgewichte. Die Gründe dafür sind komplex: so wurden historisch für lange Zeit Daten aus den Bereichen Naturwissenschaft und der westlichen Geschichte erhoben, während manche Felder, wie die Lebenswelten und Geschichten von nicht-westlichen Kulturen oder Minderheiten, systematisch unterrepräsentiert sind. Um die Lücken aufzuzeigen, analysiert ProWD die Verteilung von Daten in Wikidata. Durch die Erstellung von Dashboards können die Nutzer*innen Lücken in den Daten entdecken und sie verbessern.

Elisabeth Giesemann: Wer seid ihr und wie habt ihr ProWD entdeckt?

Nadyah Hani: Wir studieren beide Informatik an der Universitas Indonesia. Ich interessiere mich für Datenanalyse und Nutzerforschung und beschäftige mich auch viel mit Frontend-Entwicklung.

Refo Ilmiya: Ich interessiere mich hauptsächlich für Data Science und Softwaretechnik. Wir haben das Projekt in einem Kurs zum Semantic Web entdeckt und uns dem Forschungsteam angeschlossen. Wir haben dann darüber auch unsere Bachelor-Arbeit geschrieben, es war eine tolle Lernmöglichkeit. 

Elisabeth: Wie war es, Wikidata für ein Uniprojekt zu verwenden? 

Nadyah: ProWD ist eine Fortsetzung eines Forschungsprojekts, es wurde ursprünglich von einer anderen Studentin in einem älteren Jahrgang, Avicenna Wisesa, durchgeführt und von uns weiterentwickelt. Wir haben sechs Monate daran gearbeitet, in den ersten beiden Monaten haben wir vor allem Wikidata und das Semantic Web studiert und vier Monate lang haben wir dann die Seite mit Hilfe von Dr. Fariz Darari und Dr. Panca O. Hadi Putra von der Universitas Indonesia entwickelt. Außerdem waren Prof. Werner Nutt von der Freien Universität Bozen und Dr. Simon Rasniewski vom Max-Planck-Institut beteiligt. 

Refo: Wir hatten beide nur wenig Vorerfahrung mit Wikidata und waren bis zum Forschungsprojekt nicht besonders aktiv. Vor zwei Jahren besuchten wir an unserer Universität einen Workshop über Informationen zu Indonesien auf Wikidata. Es war hauptsächlich eine Einführung darüber, wie man darauf zugreifen und Daten beitragen kann. 

Elisabeth: Erklärt doch bitte ProWD und wie es funktioniert!

Nadyah: ProWD zeigt die Verteilung der Einträge in einer Klasse von Wikidata-Items. Dazu verwendet es das Maß des Gini-Koeffizienten. Der Gini-Koeffizient misst die Ungleichheit zwischen den Werten einer Häufigkeitsverteilung und ist vor allem dafür bekannt, das Niveau der Einkommensungleichheit zu beschreiben. Ein Gini-Koeffizient von Null drückt also eine vollkommene Gleichheit der Daten aus, bei der alle Werte gleich sind (z.B. wenn alle das gleiche Einkommen haben). Ein Gini-Koeffizient von eins (oder 100%) drückt die maximale Ungleichheit zwischen den Werten aus. 

Refo: Wenn man also an einem Thema auf Wikidata interessiert ist, kann man ein Profil in einem Dashboard erstellen, indem es gefiltert wird. So kann man unterrepräsentierte Themen identifizieren. ProWD zeigt den Gini-Koeffizienten und die Verteilung der Wikidata-Items einer Klasse an und die Nutzer*innen können so erkennen, wo Daten fehlen und sie entsprechend hinzufügen. 

Nadyah: Die App verfügt auch über Dashboards, mit denen man zunächst herumspielen und ausprobieren kann. 

Refo: Überraschend für uns war, dass die meisten Klassen von Items bereits ziemlich ausgewogen sind. Allerdings weisen die Unterklassen oft hohes Ungleichgewicht auf. 

Mit ProWD können zum Beispiel Personen mit dem Beruf Informatiker*in in Wikidata gefiltert werden. Die Klasse ist unausgewogen, was bedeutet, dass einige Items der Klasse viele Einträge in Wikidata haben, andere hingegen nicht. 

ProWD erlaubt es dem Benutzer, die regionale Verteilung von Informatiker*innen weltweit zu vergleichen. 

Das Tool bietet auch einen Überblick über die Geschlechterverteilung von Informatiker*innen, die einen Eintrag in Wikidata haben. 

Elisabeth: Wie schließt man damit jetzt Datenlücken in Wikidata?

Nadyah: Wenn man also eine Gruppe von Items entdeckt, die stark unausgewogen ist, können die häufigsten Properties (Eigenschaften) auf ProWD nachgeschlagen werden. Diese kann daraufhin hinzugefügt werden. Auf diese Weise können die Lücken Schritt für Schritt geschlossen werden. 

Refo: Die Anwendung kann also vor allem für die Erkennung Anomalien und den Vergleich verwendet werden. Wir sehen ProWD hier hauptsächlich als ein Erkennungssystem. Indem es  die Lücken in den Daten aufzeigt, kann sie weitere Untersuchungen zu bestehenden Ungleichgewichten auslösen. 

Nadyah: Die Daten können einen ersten Eindruck vermitteln und das kann ein Auslöser für weitere Forschung sein, z.B. darüber, warum weniger Daten vorhanden sind. Liegt es an Wikidata, oder hat die Geschlechterverteilung bei Wissenschaftler*innen Gründe, die eigentlich in unserer Gesellschaft liegen?

Elisabeth: Was ist eure Empfehlung für andere Entwickler*innen, die Tools mit Wikidata bauen wollen?

Nadyah: Nehmt so früh wie möglich Kontakt zur Nutzerbasis auf und konzentriert Euch auf deren Bedürfnisse! Anstatt nur darüber nachzudenken, wie etwas technologisch funktionieren kann, ist es meiner Meinung nach wichtig zu verstehen, was Wikidata-Nutzer*innen wirklich brauchen. 

Die Wikimedia-Community in Indonesien war sehr hilfreich. Mit den Mitgliedern haben wir Interviews durchgeführt, um die Benutzerfreundlichkeit zu testen. Aber es wäre sicher sehr gut, wenn wir eines Tages mit der internationalen Community Nutzerforschung betreiben könnten!

Elisabeth: Was ist der nächste Schritt für ProWD?

Refo: Wir haben unser Programm abgeschlossen und planen, unsere Arbeiten einzureichen, in denen wir sowohl die Analytik als auch die Schnittstelle beschreiben.

Nadyah: Es gibt noch viel Potenzial in Open Data, das wir mit den richtigen Werkzeugen erschließen können. Für ProWD werden jetzt andere Student*innen daran arbeiten, es weiter zu verbessern. 

Nadyah und Refo zeigten mir die interessantesten Items (Hier: Songs von Queen) auf Wikidata und sprachen mit mir über ihr Universitätsprojekt ProWD.

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Wie wichtig gute, digitale und vor allem frei zugängliche Bildungsinhalte sind, hat sich im letzten Schuljahr eindrucksvoll gezeigt. Der Wechsel hin zum Homeschooling war für Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern gleichermaßen eine Herausforderung. Sie alle mussten sich in kürzester Zeit im Bereich des E-Learnings weiterbilden. Freie Lern- und Lehrmaterialien, Open Educational Resources genannt, waren plötzlich so gefragt wie wohl nie zuvor.

Schon im Koalitionsvertrag hatten die Regierungsparteien eine “umfassende Open Educational Resources-Strategie” in Aussicht gestellt. Man wolle die “Entstehung und Verfügbarkeit, die Weiterverbreitung und den didaktisch fundierten Einsatz offen lizenzierter, frei zugänglicher Lehr- und Lernmaterialien fördern”, heißt es dort. Eine Veröffentlichung dieser Strategie steht aber noch aus.

Wir möchten gemeinsam mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung an der Strategie arbeiten und fordern einen offenen Beteiligungsprozess, der die Vielfalt an Akteuren und Akteurinnen der Bildungslandschaft mit einbezieht.

Das Bündnis Freie Bildung hat im Rahmen eines mehrmonatigen kollaborativen Prozesses gemeinsam mit seinen Mitgliedern einen Vorschlag erarbeitet, wie diese freien Bildungsmaterialien effektiv gefördert werden können. Die Strategie baut auf den Forderungen der Community auf und soll als Blaupause und Diskussionsgrundlage für die Zukunft dienen.

Konkrete Vorschläge im Strategiepapier beziehen sich unter anderem auf die folgenden Themen:

  • Fort- und Weiterbildung von Lehrenden im Bereich der digitalen, offenen Bildung
  • Förderung der Herstellung von offenen, anpassbaren Bildungsmaterialien
  • Etablierung von offenen Infrastrukturen, die flexibel auf spezifische Anforderungen der Bildungseinrichtungen regieren können

Die OER-Strategie des Bündnis Freie Bildung versteht sich als Einladung zu einem offenen Beteiligungsprozess und einem intensiven Austausch mit Politik, Bildungssektor und Zivilgesellschaft. Denn selbst wenn es im neuen Schuljahr nicht mehr zu flächendeckenden Schulschließungen und einer Rückkehr ins Homeschooling kommen sollte:

Freie Lehr- und Lerninhalte sind ein zentraler Baustein, um die Bildung in Deutschland zeitgemäß gestalten zu können.

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Wikimedia Deutschland erhält die Karl-Preusker-Medaille 2020

10:07, Wednesday, 09 2020 September UTC

Wie der Dachverband der Bibliotheksverbände, Bibliothek & Information Deutschland (BID) e.V., mitteilt, geht die Karl-Preusker-Medaille 2020 an Wikimedia Deutschland. Sie ist eine der höchsten Auszeichnungen des Bibliothekswesens und wird an Institutionen oder Personen verliehen, die den Kultur- und Bildungsauftrag des Bibliothekswesens in herausragender Weise fördern und unterstützen.

Mit der Auszeichnung wird die enge Partnerschaft gewürdigt, die Wikimedia Deutschland seit der Gründung des Vereins 2004 mit den Bibliotheken verbindet. In den großen gemeinsamen Zielen wie der Ermöglichung des freien Zugangs zu Wissen, der Bereitstellung von offenen Bildungsinhalten bis zur Unterstützung der Digitalisierung von Bibliotheks- und Archivbeständen wird das vereinte Engagement als Akteure für die Gestaltung unserer Informationsgesellschaft deutlich, so die diesjährige Jury in ihrer Begründung. 

Auf der Grundlage ihrer gemeinsamen Ausrichtung haben Wikimedia und Bibliotheken immer wieder konstruktiv und zu gegenseitigem Vorteil zusammengearbeitet. Durch diese Kooperation hat der digitale Wandel in Bibliotheken wichtige Impulse erhalten. Schon früh nach Vereinsgründung von Wikimedia Deutschland im Jahr 2004 haben die Freiwilligen der Wikimedia-Projekte wichtige Grundlagen für die elektronische Verfügbarkeit von Bibliotheksbeständen geschaffen, indem z. B. Texte transkribierten und in der Wikipedia einsetzen. Umgekehrt liefern Bibliothekar*innen beispielsweise im Projekt #1Lib1Ref (One Librarian, One Reference) die Referenzangaben für Online-Enzyklopädie.

Weitere Kooperationen wie beim Launch des Kultur-Hackathons Coding-da-Vinci 2014 oder die Zusammenarbeit der Deutschen Digitalen Bibliothek mit Wikidata, der offenen Wissensdatenbank von Wikimedia, zeigen die enge Verzahnung der beiden Welten. Auch beim Kerngeschäft von Bibliotheken, der Speicherung und dem Wiederauffinden von Informationen, kooperieren Bibliotheken mit Wikimedia Deutschland. So beteiligen sich ehrenamtlich Mitarbeitende an der Pflege der Gemeinsamen Normdatei der Deutschen Nationalbibliothek.

Patricia Costillo / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

Wikimedia Deutschland e. V. freut sich sehr, die Karl-Preusker-Medaille am 18. November in Rostock entgegen zu nehmen. Die Laudatio wird die Direktorin der Universitätsbibliothek Rostock, Antje Theise, halten und die Veranstaltung wird ab 15 Uhr live gestreamt.

Die Karl-Preusker-Medaille

Die Auszeichnung wird seit 1996 an Personen und Institutionen verliehen, die den Kultur- und Bildungsauftrag des Bibliothekswesens in herausragender Weise fördern und unterstützen. Zu den Persönlichkeiten, die bisher mit der Medaille geehrt wurden, gehören unter anderem Bundespräsident a. D. Horst Köhler, Ranga Yogeshwar und die Allianz der Wissenschaftsorganisationen. Der Jury gehören Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Journalismus und aus den Bibliotheksverbänden an.

Die Karl-Preusker-Medaille erinnert an Karl Benjamin Preusker (1786-1871), der am 24. Oktober 1828 im sächsischen Großenhain eine Schulbibliothek gründete, aus der wenig später die erste Öffentliche Bibliothek in Deutschland hervorging.

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Wiki Loves Monuments 2020: Denkmalschutz mitgestalten!

14:45, Monday, 07 2020 September UTC

Wiki Loves Monuments ist einer der größten Fotowettbewerbe der Welt und wird einmal im Jahr von Ehrenamtlichen der Wikipedia und des freien Medienarchivs Wikimedia Commons organisiert. Seinen Ursprung hatte der Wettbewerb rund um Bau- und Kulturdenkmäler im Jahr 2010 in den Niederlanden. Bereits 2012 trugen Freiwillige aus 35 Ländern weltweit Hunderttausende Fotos bei und bereicherten damit den Online-Wissensschatz der Wikipedia. Den ganzen September über können Fotobegeisterte ihre Bilder von Bauwerken und Kulturstätten auf Commons hochladen und sich so am Wettbewerb beteiligen.

By Wirginiusz Kaleta – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62934419

Die entstandenen Fotos lassen das Kulturerbe sowohl aus der Ferne bewundern als auch für die Nachwelt festhalten. „Wiki Loves Monuments versammelt viele Menschen, die sich von der Schönheit dieser Orte mit Geschichte faszinieren lassen. Und die historischen Baudenkmäler leben von deren Interesse und Engagement!“, sagt Fürst Alexander zu Sayn-Wittgenstein, Vorsitzender des Vereins Schlösser und Gärten Deutschland e.V.

Denkmale sind Teil der Gegenwart, Zeugnisse der Vergangenheit und stiften Identität

„Neben dem unerlässlichen Original sind es die Bilder, die die Bedeutung und Wirkmächtigkeit von Denkmalen vermitteln können.“ so Dr. Ursula Schirmer, Sprecherin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. „Zur Vermittlung der Vielfalt der Bauten und Anlagen, ihrer Materialität und ihrer einmaligen Details tragen Fotos wesentlich bei. Die einzelnen Denkmale zu erfassen und identifizierbar zu machen, ist eine große noch ausstehende Aufgabe. Sie allen zugänglich zu machen, trägt zu ihrer Wertschätzung bei.“ sagt Schirmer weiter. 

By Roman Eisele – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62751753

Freiheitsstatue, Kölner Dom oder das Brandenburger Tor: Denkmale schaffen Identität
Denkmäler sind ausdrucksstarke und identitätsstiftende Zeitzeugen unserer Kultur- und Ortsgeschichte. Von der Karlsbrücke über das Brandenburger Tor zum Eiffelturm: Denkmäler schaffen Identität und bedeuten Heimat. „Jeden Tag im öffentlichen Raum erlebbar sind Denkmäler sowohl selbstverständlicher Teil der Gegenwart und zugleich wertvolle Zeugnisse der Vergangenheit und Kristallisationspunkte kollektiver Identität.“ bringt es Lukas Mezger, Vorsitzender des Präsidiums Wikimedia Deutschland e. V., auf den Punkt. 

SimonCiminski / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

Wiki Loves Monuments: Denkmalschutz aktiv mitgestalten

Denkmalschutz bedeutet nicht nur den Erhalt der Denkmalsubstanz, sondern auch ihre Dokumentation und vor allem: den freien Zugang zu diesem Wissen und den Dokumenten über historische und künstlerische Bedeutung für die Gemeinschaft. Die Teilnehmenden in Deutschland und den anderen 40 Ländern bei Wiki Loves Monuments in diesem Jahr leisten also ganz unmittelbar einen entscheidenden Beitrag zum Denkmalschutz, indem sie ihre Beiträge im Wettbewerb einreichen. 

Und übrigens: Jede Person ist herzlich eingeladen mitzumachen und beizutragen! Hier Mitmachen! 

Von Reinhold Möller, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73151846
By Ermell – Self-photographed, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62736553
By Bild: © Ajepbah / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=51092142
By Geolina163 – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62927541

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Das Auge reist mit

09:09, Wednesday, 19 2020 August UTC

Wüsste man nicht, dass wir in Deutschland und weltweit mit gravierenden Klima- und Umweltschutzproblemen zu kämpfen haben, dann wähnte man sich angesichts dieser tollen Bilder im Paradies. Doch das ist kein Zufall: Eine der Vorgaben des Wettbewerbs lautet, Fotos aus offiziell ausgewiesenen Naturschutzgebieten einzureichen – gerade um aufzuzeigen, wie schön und schützenswert die Natur ist. Und natürlich, um die Bilder mit Hilfe digitaler Fotografie in der Wikipedia und im freien Medienarchiv Wikimedia Commons einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 

Dieses Jahr hatten die Teilnehmenden des Wettbewerbs vom 1. Mai bis 30. Juni Zeit, ihre Fotografien einzureichen. Aufgrund der mit dem Coronavirus verbundenen besonderen Bedingungen war die Einreichfrist dieses Jahr um einen Monat verlängert worden, um möglichst vielen Menschen die Teilnahme am Wettbewerb zu ermöglichen. 

2. Platz: Hwbund mit Bienenfresser übergibt Beute. (FFH-Gebiet Kaiserstuhl);
HwbundBienenfresser übergibt Beute im FFH-Gebiet KaiserstuhlCC BY-SA 4.0

Die Jury wählte aus insgesamt 27.037 eingereichten Bildern aus und hat im Rahmen ihrer Jurysitzung vom 14.–16.  August 2020 ihre Entscheidung gefällt, die Top 100 sind prämiert und einzusehen auf Wikipedia. Mit der Anzahl der Einsendungen stellten die Freiwilligen für den deutschsprachigen Wettbewerb einen neuen Rekord auf. 

Wiki Loves Earth findet parallel zum Wettbewerb in Deutschland auch in vielen weiteren Ländern statt und ist der größte internationale Fotowettbewerb rund um Naturschutzgebiete, Naturdenkmäler und Nationalparks, der zum Ziel hat, Fotografien nicht-kommerziell zur Verfügung zu stellen und die Projekte Wikipedia und Wikidata weiter zu bestücken. Bei der Wahl des Motivs waren im Wettbewerb wenige Grenzen gesetzt: Es konnte sich um Fotos von als Naturdenkmal geschützten Bäumen, den Wasserfall in einem Nationalpark oder auch die als Landschaftsschutzgebiet geschützten Felder handeln. 

Dieter Wermbter, Purpurreiher beim Nestbau, NSG Wagbachniederung, CC BY-SA 4.0
T meltzer, Darß 7423, CC BY-SA 4.0
Hwbund, Eisvogel, Männchen mit erbeuteter Groppe im Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald, CC BY-SA 4.0

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Virtueller Kick-Off für den UNLOCK Accelerator

07:41, Monday, 10 2020 August UTC

Für diese fünf Gruppen ging es jetzt so richtig los: Am 1. und 2. August fiel der Startschuss für das neue Förderprogramm. Wer mehr über die teilnehmenden Teams erfahren möchte, kann hier nachlesen. Doch wie organisiert man einen rein virtuellen Kick-Off und wie schafft man es, dass die Teilnehmenden wirklich miteinander ins Gespräch kommen? Das zeigen wir euch in diesem Beitrag.

Nicole Waleczek (WMDE), Steckbriefe, CC BY-SA 4.0

Kennenlernen im Kick-Off: Breakout Sessions, Whiteboards, ungewöhnliche Hobbies

Eine der größten Herausforderungen für jeden Kick-Off: Wie sorgt man dafür, dass sich die Teilnehmenden möglichst unverkrampft kennenlernen? Die UNLOCK Projektleitung setzte dafür mehrere Tools ein, zum Beispiel ein gemeinsames digitales Whiteboard, separate virtuelle Räume (Breakout Sessions) und einen bunten Mix aus Fragen – beispielsweise nach den ungewöhnlichsten Hobbies oder Angewohnheiten der Gruppenmitglieder. Anders als bei vielen anderen Kick-Offs ging es hier zunächst nicht darum, dass die Teams mehr übereinander erfahren. Vielmehr bekamen die einzelnen Personen Raum für ihre ganz individuellen Interessen und Themen. Der Effekt: Auch innerhalb der einzelnen Gruppen kam es teilweise zu erstaunlichen neuen Erkenntnissen – selbst unter Menschen, die schon jahrelang zusammen arbeiten: „Ich habe viel Neues über ein Teammitglied erfahren, obwohl ich ihn fast jeden Tag sehe und er viel redet“, meinte beispielsweise einer der Teilnehmenden. An Tag eins konnten sich so die Menschen besser kennenlernen, die in den kommenden drei Monaten am Programm teilnehmen. An Tag zwei kamen die Coaches dazu, die die Gruppen auf diesem Weg begleiten werden.

Gemeinsame Werte für den UNLOCK Accelerator

Nicole Waleczek (WMDE), Playbook values, CC BY-SA 4.0

Ebenfalls ein wichtiger Teil des Kick-Offs: Ein gemeinsames Wertefundament. Auch hier ging das UNLOCK Team ungewöhnliche Wege und legte nicht von vornherein die Werte fest, die für das Förderprogramm gelten sollten. Stattdessen sollten die Teilnehmenden jeweils in kurzer Zeit die 10 Werte aufschreiben, die für sie persönlich besonders wichtig sind und anschließend nach und nach einzelne Punkte davon wegstreichen, bis nur noch drei übrig waren. Auf dieser Basis konnte das Playbook von UNLOCK mit einem Wertekanon ergänzt werden, der direkt aus den Gruppen kommt.

Wie es nach dem Kick-Off weitergeht

Das Feedback der Teilnehmenden zum Kick-Off war sehr positiv; nach dem intensiven Wochenende waren alle erschöpft, aber glücklich – und vor allem gespannt auf das, was jetzt kommt. Das Ziel des Accelerators ist es, dass alle Teams aus ihren guten Ideen binnen drei Monaten einen echten Prototypen entwickeln. Das Programm beinhaltet mehrere Sprints und professionell begleitete Projektphasen. Der erste Sprint läuft nun und hat zum Zweck, gemeinsam mit den Teams Ziele, Herausforderungen und Besonderheiten rund um das eigene Thema zu ermitteln. Wir wünschen allen Teilnehmenden viel Erfolg, aber vor allem auch viel Spaß im UNLOCK Förderprogramm!

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Visiting Wikimedian 2020 Alice Kibombo

08:17, Thursday, 23 2020 July UTC

Vor WMDE

In meinen Augen hatte ich bereits sehr viel überstanden: Das Interview mit Florian, Cornelius und Jana – ich freute mich also und feierte, indem ich mir einen Tag frei nahm, als ich schließlich eine positive Antwort erhielt. Daraufhin wäre ich vor einem Konsularbeamten fast zusammengebrochen, wartete 4-5 Wochen ängstlich auf eine Antwort von der Botschaft; dann, eine Woche nach eigentlichem Beginn meines Vertrags: endlich eine positive Rückmeldung. Ich kam also an einem kalten und grauen Samstag in Berlin an – dann wählte ich am Montag prompt die falsche Zugverbindung und meldete mich an meinem ersten Arbeitstag erst sehr spät zum Dienst.

Nichts von all dem ist jedoch gleichzusetzen mit dem tatsächlichen physischen oder emotionalen Erlebnis und bereitet einen angemessen darauf vor. Zugegeben, wir alle haben vielleicht schon an anderen Orten gelebt, aber trotz des „Weltbürger“-Geredes ist für mich kein Ort wie der andere. Körperlich war ich mir nicht sicher, wie ich mit meiner ergrauten „Winter-Alligatorenhaut“, übermäßigem Durst, unregelmäßigem Schlafrythmus (KEIN Jetlag), Trägheit und Müdigkeit wegen mangelndem Vitamin D (Hallo, Nahrungsergänzungsmittel!) und ja, sogar Träumen über Kartoffeln umgehen sollte.

ABER, ich schweife ab, dies ist kein Drehbuch über mein psycho-soziales Wohlbefinden in Berlin. Obwohl es nicht leicht war, meine Erfahrungen als „Visiting Wikimedian“ zu artikulieren, hoffe ich, dass ich dem gerecht geworden bin und einige ungefragte persönliche Informationen als Mitbringsel aus meiner Zeit hinzufügen konnte.

Die Praktikumserfahrung

Die Rolle des Visiting Wikimedian besteht in erster Linie in lernender und unterstützender Funktion für die Organisation des Wikimedia Summits. Am Ende wird erwartet, dass man in der Lage sein wird, erworbenes Wissen auf vergleichbare Veranstaltungen zu Hause, oder besser noch, innerhalb der internationalen Wikimedia-Bewegung zu übertragen.

Zunächst einmal arbeitet man direkt mit den Personen aus den Teams zusammen, die für den Gipfel verantwortlich sind, d.h. Internationale Beziehungen und Veranstaltungen. Was man von jeder und jedem Einzelnen erhält und lernt, ist sehr unterschiedlich. Das Gespräch mit Cornelius hat mir zum Beispiel geholfen, zu verstehen, welche Überlegungen das Konferenzdesign bestimmen müssen, während die Interaktion mit dem Veranstaltungsteam alles Logistische in die richtige Perspektive rückte.

Wenn ich nicht an Aktivitäten wie Vor-Ort-Besuchen und Treffen am Konferenzort beteiligt war, musste das Kommunikationskonzept entworfen werden, Kontakte mit Einzelpersonen bezüglich der „Gesichter“ des Summits hergestellt werden und Recherchen über verschiedene mögliche Optionen angestellt werden, die unter so vielen anderen Dingen in Erwägung gezogen wurden.

Dann war da noch die ganz konkrete Aufgabe, das Catering für das Dinner mit meiner Kollegin Susann zu arrangieren – ich schlage vor, dass wir direkt vom Thema einiger sehr frecher Dienstleister abrücken. Für einen Abend, der für thematische Gruppentreffen und Geselligkeiten außerhalb des Tagesprogramms des Summits gedacht war, mussten wir also überlegen, wie viele uns Bescheid gegeben hatten, sie essen oder trinken etwas bestimmtes nicht. Warte, erinnerst du dich an A, B… Q… Y, Z? Wie viel hatten wir wieder für das Budget eingeplant? Wer hat seine Anwesenheit angemeldet? Und für wie lange? Übrigens, Raum X wird gerade umgebaut… Die Zusammenarbeit mit Susann Petraschek war hilfreich, denn herauszufinden, was in den jeweiligen Speisekarten der Caterer steht und zu erfahren, wie die Dienstleister in Deutschland konkret arbeiten, hätte mich Ewigkeiten gekostet. Und am Ende kam es darauf an, zuerst das Budget auszuarbeiten, dann die Logistik, dann einen Arbeitsplan, in der Hoffnung, dass alles an diesem Tag genau nach Plan funktionieren würde.

Und um „mein Gleichgewicht zu finden“, gab es die regelmäßigen Check-Ins und Team-Jour-Fixes. Was funktioniert? Was funktioniert nicht? Wie können wir in der Sache X helfen? Irgendwelche Vorschläge für Y? All das wurde angesprochen und war stets eine gute Gelegenheit für gegenseitiges Feedback.

Schließlich war ich sehr dankbar für die Arbeit früherer „Wikimedianer auf Besuch“ in Sachen Dokumentation – vieles von dem, was ich brauchte, war bereits aufgeschrieben und zentral gespeichert worden, so dass ich mich mit den Prozessen im Vorhinein früherer Gipfeltreffen vertraut machen konnte. Auch außerhalb der formalen Struktur war es interessant und zuweilen humorvoll zu erfahren, wie Kollegen den Gipfel wahrgenommen hatten. Alles in allem schätzte ich die Unabhängigkeit, die diese Rolle bietet.

Welche Rolle spielt die Kultur?

Meiner Beobachtung nach besteht das Kollegium von Wikimedia Deutschland aus Menschen verschiedener Nationalitäten, und das macht kulturelle Kompetenz und Inklusion sehr relevant, sowohl für den Einzelnen als auch für die Organisation. Auch kommt Kultur in verschiedensten Formen vor und wird unterschiedlich praktiziert, deshalb plädiert meine kleine Erzählung auch dafür, dass dieser kulturelle Faktor bei der Bewerbung um die Stelle des Visiting Wikimedian nicht unterschätzt wird. Und das wirft gleichzeitig die Frage auf, was wirklich mit der Besetzung der Stelle verbunden ist.

In Bezug auf den Summit könnte der kulturelle Aspekt eine Reihe von Angelegenheiten betreffen und im Umgang mit den Teilnehmern eine Menge erklären helfen. Aber auch abseits des Gipfels arbeitet man tatsächlich nah mit dem Kollegium, also der Bürokultur, zusammen und ist ein Teil davon. Die Zusammenarbeit mit Noelle und anderen hat mir einige der Grundlagen vermittelt, den Rest habe ich im Laufe der Zeit gelernt und absorbiert, je nachdem, mit wem und was ich zu tun hatte. Und damit glaube ich gerne, dass ich die „Vorbeben“ des Kulturschocks bereits überstanden hatte.

Nur als Beispiel: Wo ich herkomme, gilt es als unhöflich, wenn nicht gar unseriös, Dinge, die die Arbeit betreffen, über einen Chat zu kommunizieren. Es ist respektvoll, erst an den Schreibtisch der Person zu treten und ihr dann eine E-Mail zu schicken (in dieser Reihenfolge).

Aus diesem Grund zögerte ich erst, mit einigen Menschen per Chat zu kommunizieren, aber als ich es schließlich tat, war ich froh, dass ich mich nicht der Ängstlichkeit stellen musste, die mit einem persönlichen Gespräch mit (noch) Unbekannten einhergeht. Paradox…

Dennoch, außerhalb der Arbeit lebst du und musst innerhalb einer Welt navigieren, welche nicht nur von Kollegen bevölkert wird und dies führte zu unzähligen komischen Zwischenfällen in Form von Fehltritten, aber auch einigen Vorkommnissen, welche mich ein wenig durchgerüttelt hinterließen. Es war tatsächlich eine Erleichterung, welche Strecke auch immer zurückzulegen, ohne dass mir dabei hinterhergejohlt oder -gepfiffen wurde.

Als kleiner Einschub: Es gibt auf jeden Fall Dinge, die ich am Büroalltag vermisse – Menschen, die mit ihrem Helm in der Hand mit einem kurzen, schwungvollen „Tschüss!“ durch die Tür treten, das Bio-Obst montags und mittwochs, die ungeplanten Feierabend-Zusammentreffen in der Lounge und die Fremdsprachen-Mittagessensrunde in der Küche im 3. Stock (wenn auch nur zwei Mal).

Der Schatten von COVID-19

Persönlich war COVID-19 für mich eine Angelegenheit, von der ich schnell überdrüssig wurde, auf allen Nachrichtenkanälen zu hören -– insbesondere deswegen, da sie langsam aber sicher einen langen Schatten über alles warf, was den Summit betreffen sollte. Und dann traf es schließlich Deutschland, schleichend, aber dennoch hart – hart genug, die direkte Absage des physischen Treffens zu begründen. Das hätte sich wirklich niemand ausdenken können! Der Ablauf der Dinge sowie unsere Art, zu arbeiten, änderte sich ganz offiziell – von anfänglichem Unglauben hin zum Umgang mit den Verstrickungen und Auswirkungen der Absage aller bereits involvierten Teams von WMDE, der Teilnehmer des Gipfels, bereits unter Vertrag stehende Dienstleister, Lieferanten, und und und… Worum müssen wir uns nun kümmern und wie? Was können wir weiterhin umsetzen? Wie gehen wir mit diesem Rückschlag als Team und als Einzelpersonen um? Zählt das unter „höhere Gewalt“, worauf in Verträgen hingewiesen wird?

Meine Hoffnung konzentrierte sich schnell auf die Möglichkeit, den Summit virtuell abzuhalten. Zaghaft erst, denn es war das erste Mal, dass ein solches Treffen vollständig online abgehalten werden würde und ich sollte ein Teil davon sein, MUSSTE ein Teil davon sein. Ich war optimistisch und neugierig bezüglich der Eingliederungs-Prozesse und der möglichen Ausgänge, welche ein solches Engagement bietet. So wie ich es sah, war es der gleiche Ablauf, jedoch unterschiedlicher Raum und Logistik – aber wie wählt man einen passenden Moderator? Welches Medium wird am besten genutzt? Wie verdichtet man physische Aktivitäten, welche sich über drei Tage erstreckt hätten, zu interaktiven Online-Sessions und strukturiert diese so um, dass gewährleistet werden kann, dass die Teilnehmenden erhalten, was sie brauchen? Ist das Konferenz-Konzept das selbe wie für ein tatsächliches Treffen? Was, wenn es solche gibt, sind die Variablen, anhand derer der Erfolg eines solchen Unterfangens gemessen wird? Und das alles muss noch lange vor der eigentlichen Erfahrung durch die Teilnehmenden in Betracht gezogen werden. All dies sollte sich schließlich als positive Fehleinschätzung herausstellen – persönlich fühlte ich mich doppelt hintergangen, obwohl die Umstände natürlich außerhalb irgendjemandes Kontrolle lagen. Wie verhext kann etwas noch werden? 

Im Rahmen der Vorbereitungen im Vorfeld des Summits dachten wir, wir könnten uns weiterhin auf die Unterstützung der „Summit Faces“ in Hoffnung auf einen virtuellen Gipfel verlassen. Dies sollte zwar auch nicht funktionieren, jedoch gab es während und nach dem Prozess einige wichtige Dinge zu lernen.

Leben in Berlin

Neben der Arbeit gestaltete sich die Chance, in Berlin leben zu können, als bunte Mischung.

Manche Umstellungen dauern ein Weilchen – mit der U-Bahn zur Arbeit fahren, fanatisch nach meiner Geldbörse suchen, als der Zug am Mehringdamm losfährt, in der Hoffnung, mich an das Lösen eines Tickets erinnert zu haben, als Kontrolleure herumgehen; auf der falschen Straßenseite fahren, um dann „Sorry“ zu niemand bestimmtem zu sagen; sich zu fragen, nach wie vielen Pieptönen des automatischen Türöffners die Tür auch tatsächlich öffnet und in welche Richtung der Knauf gedreht werden muss…? Ich lache noch immer über mich selbst.

An manche Dinge jedoch gewöhnte ich mich nie: Nach 2 Esslöffeln voll MioMio konnte ich nie Gefallen am Geschmack finden; ebenso wenig an den VIELEN Eingängen der Haltestelle Alexanderplatz sowie dem Fahrradfahren auf der Karl-Marx-Straße.
Andere Dinge fing ich an, zu mögen: eingelegte Gurken, das Einrichten meines Zimmers, der Treptower Park und seine Hafenseite, die Fahrt vom Hermannplatz zum Mehringdamm, Fahrradfahren auf dem Tempelhofer Feld an einigen Samstagen und Sonntagen und die Windmühlen des Deutschen Technikmuseums, welche man durch den Zaun sieht, der den Park umgibt.

Wieder andere Dinge wurden zu einer kleinen Obsession, beispielsweise eBay-Kleinanzeigen…
Und manche Dinge verpasste ich: einen Besuch der Berliner Mauer und verschiedenster Museen.

So unglücklich es auch war, dass es in diesem Jahr keinen Wikimedia Summit gab, war und bin ich dankbar für diese Erfahrung und dafür, dass ich die Möglichkeit hatte, für die Organisation und an der Seite einiger engagierter Menschen zu arbeiten, und für die beruflichen und persönlichen Stärken, die sie in die geleistete Arbeit eingebracht haben. Meine Dankesliste lautet also wie folgt:

An Cornelius – er war die punktgenaue mobile Bibliothek des Gipfels. Und um ehrlich zu sein, wenn ich ein nur Viertel der Denkarbeit, der Verhandlungen und der Diplomatie leisten müsste, die er geleistet hat, hätte ich keine Haare mehr auf dem Kopf…

An Robert – die gründliche Kenntnis seines Handwerks, sein Wissen über technische Ausrüstung, Spezifikationen, Layouts, Anforderungen und Vorbereitung für welche Art von Veranstaltung auch immer, was man wann braucht, worauf man achten muss und so weiter, und so fort… Es stimmt vielleicht, dass jeder, der entsprechend ausgebildet ist, das Gleiche tun könnte, aber er schien das zu lieben, was er tat und das machte einen großen Unterschied.

An Jana – ihre Effizienz und Laserfokussierung bei der Arbeit. Die Fähigkeit, Informationen und Situationen sehr schnell und korrekt zu analysieren, und das alles bei äußerster Ruhe. Logistik und Teilnehmermanagement sind ihr Ding.

An Marc – da ich etwas allergisch auf soziale Medien reagiere, war er hilfreich dabei, aus seiner Erfahrung heraus zu erklären, wie man soziale Medien für eine Veranstaltung nutzen kann, die Zeitvorgaben, verschiedene Erfolgsmaßstäbe und Instrumente und Ansätze im Zusammenhang mit Marketing und Werbung für Veranstaltungen; und er hatte immer spontane Updates zu aktuellen Themen.

An Gesine – ich weiß nun mehr über Budgetübersichten und Überlegungen, auch die Beurteilung der Realisierbarkeit von Veranstaltungsorten für eine erfolgreiche Veranstaltung kenne ich von ihr (zum Beispiel, 2qm pro Person zu berechnen). Es waren seltsame Zeiten, aber wir hatten immer noch unsere guten Zeiten…

Während Uganda sich also darauf vorbereitet, 2021 WikiIndaba auszurichten, hoffe ich, mit allem, was ich jetzt weiß, dort sehr clever auszusehen und zu klingen.

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Aktuell existiert Wikipedia in 309 verschiedenen Sprachen. Die Konferenz Celtic Knot will den Informationsfluss über die Sprachgrenzen der Wikipedien hinweg lenken und zeigen, wie Technologie hierbei unterstützen kann. Ein wichtiger Teil ist der internationale Austausch, der während der Celtic Knot stattfindet. Im Jahr 2020 standen die Organisatoren daher vor der Herausforderung, eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen und den Dialog über Zeitzonen hinweg zu ermöglichen.

Wikidata zur Unterstützung von Sprachen im Wikimedia-Projekt

Wie in den vergangenen Ausgaben der Celtic Knot war Wikidata eines der Hauptthemen, die während des Programms vorgestellt und diskutiert wurden. Nach einer Einführung in Wikidata und eines Tutorials des Editierens wurden die Teilnehmer ermutigt, Daten in ihrer Lieblingssprache zu editieren. Auch die Möglichkeit, Wikidata-gestützte Infoboxen in lokalen Wikipedien zu aktivieren wurde demonstriert und angeregt. 

Denn für Communitys mit nur wenigen Redakteuren kann es eine gewaltige Aufgabe sein, die Daten auf dem neuesten Stand zu halten. Hier kann Wikidata helfen: Daten, die an einem Ort gespeichert sind und von der  internationalen Community aktualisiert werden, können so leicht wiederverwendet und automatisch aktualisiert werden. Mehrere Wikipedien, wie z.B. die walisische, katalanische oder baskisch Wikipedia, haben Wikidata bereits übernommen. Ein weiterer Anwendungsfall ist die Eingabe von Ortsnamen in der Landessprache, wie es für das nordische Sami geschehen ist, um die Sichtbarkeit der Sprache im Internet zu erhöhen.

Eine komplett digitale und internationale Konferenz

Der Rahmen der Konferenz „Celtic Knot“ geht weit über die in Europa gesprochenen und keltischen Sprachen hinaus. Das Programm enthielt auch Präsentationen über Berbersprachen, russische Sprachen oder Santali Wikipedia, und die Teilnehmer wurden aus verschiedenen Orten der Welt erwartet.

Eine der Herausforderungen der Konferenz bestand darin, dafür zu sorgen, dass Teilnehmer aus verschiedenen Zeitzonen an der Veranstaltung teilnehmen und miteinander interagieren konnten. Aus diesem Grund wurde ein Teil der Videos vorab aufgezeichnet, während auch die Talks des Live-Programms direkt nach der Ausstrahlung auch als Replay zugänglich war. Darüber hinaus wurden asynchrone Diskussionen auf verschiedenen Kanälen gefördert, wie z.B. auf Etherpad-Seiten, die mit jeder Videositzung verbunden waren. Dies ermöglichte es den Teilnehmern, Videos anzuschauen und den Rednern nach ihrer Freigabezeit Fragen zu stellen. Die Mehrheit der 60 aktiven Teilnehmer kam aus Europa, aber auch mehrere andere Kontinente waren vertreten, wobei die Teilnehmer aus Südafrika, Ghana, Indien, Russland oder Brasilien angereist waren.

Herausforderungen und Learnings der Organisation

Die Celtic Knot war eine Kooperation mehrerer Organisationen: Ursprünglich hätte die Konferenz von Wikimedia Irland und Wikimedia UK im Hunt Museum in Limerick organisiert werden sollen. Wikimedia Deutschland hat bei der Koordination und Kommunikation unterstützt. Aufgrund der Pandemie trafen die Organisatoren die Entscheidung, die Veranstaltung in einem entfernten Format durchzuführen. So wurde ein neues, digitales  Konzept entworfen. Das Online-Experiment war ein Erfolg und ermöglichte es allen gleichermaßen, an den Inhalten und Diskussionen der Konferenz teilzuhaben.

Die Organisator*innen legten viel Wert auf die Wahl der Werkzeuge und Methoden: Wenn möglich, wurden Open-Source- und frei zugängliche Werkzeuge wie Wiki-Seiten und ein Etherpad gewählt. Um den Teilnehmern ein bestmögliches Erlebnis zu bieten, entschieden sie sich aber auch teilweise für proprietäre und zuverlässige Lösungen, wie z.B. Streamyard für die Sprecher, Youtube für die Übertragung und das Hosting der Inhalte oder Telegram für den Austausch neben dem offiziellen Konferenzprogramm.

Das Team hat bei der Vorbereitung und Ausrichtung der Konferenz viel gelernt: wie man ein Online-Programm einrichtet, wie man die Redner vorbereitet, wie man mit unerwartetem Spam während einer Sitzung umgeht oder wie man mit entfernten Teilnehmern umgeht. Die Dokumentationsseite bietet eine breite Palette von Lerninhalten und weitere Einzelheiten über die Auswahl der Hilfsmittel.

Die nächste Celtic Knot wird in Tromsø, Norwegen stattfinden

Im Jahr 2021 wird die Konferenz von Wikimedia Norwegen organisiert und wird – sofern es die globalen Gesundheitsbedingungen erlauben – in Tromsø, im nördlichen Teil Norwegens, stattfinden. Ein Fokus wird daher auf den samischen Sprachen und ihrer Integration in die Wikimedia-Projekte liegen, aber auch wie in diesem Jahr sind alle Sprachen willkommen. 

Bis dahin können Sie sich den Inhalt der Celtic Knot 2020 ansehen. Außerdem können Sie im Wikimedia-Projekt zur Sprachenvielfalt mit anderen sprachbegeisterten Wikimedianer*innen in Kontakt treten.

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Wikipedia von A bis Z. Ein Versuch

19:16, Monday, 20 2020 July UTC

Brockhaus


Die Brockhaus Enzyklopädie ist ein mehrbändiges Nachschlagewerk in deutscher Sprache, das zuletzt von dem zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Wissen Media Verlag herausgegeben wurde. Ist es ein Nachschlagewerk? War es ein Nachschlagewerk? Seit einigen Jahren befindet sich der Brockhaus in einer Art Limbo des Untotseins. Irgendwie existiert er noch. So richtig aber auch nicht mehr. Ohne jetzt die Irrungen und Wirrungen des ehemaligen Goldstandards der deutschen Nachschlagewerke nachzuerzählen, reicht es mir zu erwähnen, dass noch vor 10 Jahren der Brockhaus quasi das unerreichbare Ziel, die große Messlatte und die ferne Vision dessen war, was Wikipedia werden sollte. Genau wie Wikipedia den Brockhaus anscheinend maßlos überschätzte, so war und ist der Brockhaus selbst ratlos wie er mit der Wikipedia umgehen sollte. Man weiß nicht, ob man von vertanen Chancen reden soll. Denn hatte der Brockhaus je Chancen?

Chiara Ohoven



Chiara Ohoven ist ein deutsches It-Girl. Viel mehr wissen wir nicht, da Wikipedia den zu Chiara gehörigen Artikel permanent löscht. Vor einigen Jahren erlangte sie kurzzeitig deutschlandweite Berühmtheit durch eine Do-it-Yourself Schönheits-OPs mit Schlauchbootlippen als Ergebnis, fand aber vor den Do-it-Yourself-Enzyklopädisten damit keine Gnade. Ansonsten folgt Chiara ihrer Mutter und ihrem Vater auf das Parkett der High Society und des Glamours. Und da kein Wikipedianer je zur High Society gehörte oder gehören wird, gilt sie in Wikipedia weiterhin als nicht-relevant.

Donauturm




Der Donauturm ist ein Aussichtsturm[4] inmitten des Donauparks im 22. Wiener Gemeindebezirk Donaustadt. Darüberhinaus sieht der Donauturm aus wie ein Fernsehturm, was zu einem der erbittertsten Editwars in der Wikipedia-Geschichte führte. Dort der Fachmensch für Fernsehtürme, der sich sehr sicher war, dass Fernsehturm die Bezeichnung eines bestimmten architektonischen Typs ist, dort eine Gruppe Wiener und Österreicher, die darauf verwiesen, dass von diesem Turm kein Fernsehsignal übertragen wird, noch nie ein Fernsehsignal übertragen wurde und niemand je plante von diesem Turm aus ein Fernsehsignal zu übertragen. Beide Seiten standen fester zu ihrem Standpunkt als der Donauturm im Wiener Boden. Schlußendlich führte der Editwar zu einem mehrseitigem Artikel im Spiegel, gebrochenen Herzen, frustrierten Wikipedianern und der Tatsache, dass jeder Wikipedianer weiß wie der Donauturm aussieht.


Elian


Elian ist ein in den 1980er Jahren aus dem Französischen entlehnter männlicher Vorname. Er geht auf den Beinamen Aelianus, eine Ableitung des römischen Geschlechternamens Aelius, zurück. elian (klein geschrieben und gesprochen eher wie Alien) kann auch als weiblicher Internetnickname genutzt werden. Ohne elian keine Wikipedia so wie wir sie kennen.

Gdansk



Danzig (polnisch Gdańsk Zum Anhören bitte klicken! [ɡdaɲsk],[3] kaschubisch Gduńsk), die Hauptstadt der Woiwodschaft Pommern im Norden von Polen, liegt an der Ostsee rund 350 km nordwestlich von Warschau und steht mit über 460.000 Einwohnern auf der Liste der bevölkerungsreichsten Städte Polens auf Platz sechs. Außerdem ist Gdansk Anlass des ersten Edit Wars, den ich persönlich mitbekommen habe. Es war 2003. Es war in der englischen Wikipedia. Deutsche und polnische Nationalisten ähnlicher Angestrengtheit konnten sich nicht einigen, ob die Stadt nun Danzig oder Gdansk heißt. Hilflos naive und offensichtlich überforderte Amerikaner versuchten zu vermitteln. Der interessante Moment kam, als der Edit-War zur Frage überging, ob die Band Danzig nun "benannt ist nach der Stadt Gdansk, ehemals Danzig" oder "benannt ist nach der Stadt Danzig, heute Gdansk".


Hubertus


Hubertus ist ein männlicher Vorname. Er wird NICHT Atze abgekürzt.

Kreuz


Curious Myths p 81
Bild: Page of symbols referenced in s:Curious Myths of the Middle Ages. 1868 von Sabine Baring-Gould. Public Domain.

Das Kreuz ist ein weltweit verbreitetes Symbol, das insbesondere religiöse und kulturelle Bedeutung hat. In diesen Bedeutungen hat sich Wikipedia unentrinnbar verheddert. Einerseits ist das Kreuz-Symbol ein wunderbares Beispiel dafür, welche Probleme das Internetprojekt mit Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten jeder Art hat. Andererseits ist der Streit darum ein tragischer Fall epischen Ausmaßes, der die Wikipedia-Community über Jahre in Aufregung hielt, die Nerven dutzender Wikipedianer verschliss und für Verzweiflung und Frustration allüberall sorgte. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: das Kreuz ist natürlich DAS Symbol des Christentums und symbolisiert Jesu Tod. Daraus folgend wurde † zum Symbol für den Tod. Das † kommt in der Wikipedia in Lebensdaten vor. (Beispiel: * 1600 †1666). Nun waren und sind sich die Wikipedianer nicht einig, ob †ein Symbol ohne jede Bedeutung ist, die einfach Standard ist, oder ob es immer noch christlich konnotiert ist. Bei Artikeln zu Menschen nicht-christlichen Glaubens kam und kommt es zum Streit. Ist das Kreuz nun eine christliche Usurpation von Nicht-Christen oder ist der Versuch deren Tod anders darzustellen - beispielsweise durch "gestorben 1666" ein Verbrechen an enzyklopädischer Neutralität und verstößt gegen die Einheitlichkeit der Form, die anzustreben ist? 

Lutz Heilmann


Siehe → Streisand-Effekt

Narrenschiff 


Das Narrenschiff (alternativ: Daß Narrenschyff ad Narragoniam) des Sebastian Brant (1457–1521), 1494 gedruckt von Johann Bergmann von Olpe in Basel, wurde das erfolgreichste deutschsprachige Buch vor der Reformation. Es handelt sich um eine spätmittelalterliche Moralsatire, die eine Typologie von über 100 Narren bei einer Schifffahrt mit Kurs auf das fiktive Land Narragonien entwirft und so der Welt durch eine unterhaltsame Schilderung ihrer Laster und Eigenheiten kritisch und satirisch den Spiegel vorhält. Im Wikipedianischen Zusammenhang war das Narrenschiff eine Art Mitteilungsblatt des Hans Bug, in dem er die Wikipedianer und ihre Laster und Untaten kritisierte. Bugs Narrenschiff war inhaltlich und qualitativ von Sebastian Brants Narrenschiff entfernt, wie es heutige Nachwuchswikipediakritiker von Bugs Narrenschiff sind. Wenn etwas in den letzten Jahren extrem gelitten hat, dann das Niveau der internen Wikipedia-Kritik.

Manipulation

Zur Manipuation in der Wikipedia und vor allem zu den Maßnahmen dagegen siehe Wikipedias Kontrollmechanismen gegen Manipulation

München


Bild: Wikipediastammtisch München 2005. Von: Hella Breitkopf Linzenz: CC-Attribution-Share Alike 3.0 Unported

München?/i [ˈmʏnçn̩] ( bairisch  Minga?/i) ist die Landeshauptstadt des Freistaates Bayern. Sie ist mit ca. 1,45 Millionen Einwohnern die einwohnerstärkste und flächengrößte Stadt Bayerns und, nach Berlin und Hamburg, die nach Einwohnern drittgrößte Kommune Deutschlands und die zwölftgrößte der Europäischen Union. Wikipedia-historisch ist München wichtig, da hier am 28. Oktober 2003, organisiert von → elian, das allerallererste Wikipedia-Treffen überhaupt stattfand. Und nachdem sich die Münchner einmal getroffen hatten und feststellen, dass es gar nicht so schlimm ist, folgten Treffen in Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Boston, Taipeh, Alexandria bis es dann 2014 zum bisher größten Treffen in London mit knapp 2.000 Teilnehmern kam. Siehe auch → Wikimania, Stammtisch.


Nordsee


Die Nordsee ist ein Mehr, ein teil der Atlant, zwischen Grossbritannien, Skandinavien, und Friesland. Siehe auch Kattegatt, die Niederlanden, Deutschland.


Polymerase-Kettenreaktion

Der Artikel zur Polymerase-Kettenreaktion war im Mai 2001 der erste Artikel der deutschsprachigen Wikipedia. Vielleicht war es aber auch der Artikel zu Vergil. Oder der zur -> Nordsee. Die frühen Anfänge der Wikipedia liegen im Nebel. Mehr dazu: Wikipedia Manske Polymerase-Kettenreaktion.

Relevanz 


Relevanz (lat./ital.: re-levare „[den Waagebalken, eine Sache] wieder bzw. erneut in die Höhe heben“) ist eine Bezeichnung für die Bedeutsamkeit und damit sekundär auch eine situationsbezogene Wichtigkeit, die jemand etwas in einem bestimmten Zusammenhang beimisst. Das Wort ist der Bildungssprache zugeordnet[1] und bezieht sich auf Einschätzungen und Vergleiche innerhalb eines Sach- oder Fachgebietes. Das Antonym Irrelevanz (Adjektiv: irrelevant) ist entsprechend eine Bezeichnung für Bedeutungslosigkeit im gegebenen Zusammenhang, umgangssprachlich vereinfacht auch für allgemeine Sinnlosigkeit oder Unwichtigkeit. Das Fremdwort für eine allgemeine, qualitativ messbare Wichtigkeit ist Importanz. Siehe auch → Löschkandidaten, Relevanzkriterien, Inklusionismus, Exklusionismus, Tschunk.

Seitenleiste

Die Seitenleiste lässt sich vielleicht ab 2020 oder 2021 wegklappen. Siehe Seitenleiste Wikipedia nötig?

Strecke


Eisenbahnstrecke wird die Verbindung von Orten mit einem Schienenweg genannt. Im Gegensatz dazu bezeichnet der Begriff (Eisen-)Bahnlinie den auf diesen Strecken regelmäßig stattfindenden Verkehr. So können auf einer Strecke mehrere Bahnlinien oder eine Bahnlinie auf mehreren Strecken verkehren. Nach herrschender Meinung in der Wikipedia sind Strecken relevant und Linien irrelevant. Oder umgekehrt. Ich kann es mir nicht wirklich merken. Wobei die Regel zwar grundsätzlich gilt, bei Wiener Straßenbahnlinien gelten allerdings Sonderregeln und es ist andersrum. Und da wundert man sich, warum sich niemand mehr an Artikel zu Eisenbahnen herantraut.

Volker Grassmuck


Volker Grassmuck (* 1961 in Hannover) ist ein deutscher Publizist und Soziologe. Er ist assoziierter Professor für Mediensoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Wikipediahistorisch ist Grassmuck gleich zweimal wichtig. Zum einen war er auf der Gründungsversammlung von → Wikimedia Deutschland anwesend, was uns ein wunderbares Video bescherte.

Zum anderen veröffentlichte er 2002 ein Buch über Freie Software. Dieses Buch enthielt eine Fußnote, in der Wikipedia erwähnt wurde. Diese Fußnote brachte nicht nur den Verfasser dieser Zeilen zur Wikipedia, sondern auch → elian zur Wikipedia brachte.

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Längerer Text zu Pokémon in der Wikipedia.

Weitere Texte zu online: Kultur in Iberty!




10 Regeln für den eigenen Wikipedia-Artikel

17:51, Thursday, 11 2020 June UTC

Wikipedia ist nicht nur eine Enzyklopädie mit dem Anspruch auf Ewigkeit, sondern auch ein Nachschlagewerk für Ephemeres und zeitgemäß Aktuelles. In der Wikipedia stehen nicht nur Artikel über Themen von Bach und Barock bis zu Bismarck oder zur Binomialverteilung. Im Bastelbrockhaus stehen auch Einträge über lebende Künstler, Sänger, Sportler, Unternehmen, Vereine und Stiftungen.

Nun können diese Künstler, Sänger und andere diese Einträge auch lesen und sind – mal zu Recht mal zu Unrecht – nicht glücklich mit diesen Artikeln. Mal sind die Artikel eigenwillig gewichtet, mal lassen sie das Wesentliche aus, mal sind Daten veraltet und ab und an enthalten die Artikel auch echte inhaltliche Fehler.

Artikel über sich selbst oder seine Organisation zu ändern, ist nicht einfach. Manchmal ist es aber für Wikipedia und die Betroffenen hilfreich. Deshalb hier einige Regeln zum Umgang mit dem eigenen Wikipedia-Artikel.

Maze 01
Auf den ersten Blick wirkt Wikipedia unübersichtlich. Bild: Maze01. Von Nevit Dilmen Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

(0) Vorweg: Wikipedia-Artikel sind böse

Die Grundregeln für den Umgang mit der eigenen Person oder Organisation in Wikipedia ist einfach: existiert noch kein Artikel, so ist das gut. Wikipedianer schätzen es gar nicht, wenn Betroffene über sich selbst Artikel anlegen. Die geschriebenen Regeln verbieten die Artikelanlage in eigener Sache nicht explizit. Die - wichtigeren - ungeschriebenen Regeln sprechen sich stark dagegen aus. Umso kritischer werden Wikipedianer die neuen Artikel begutachten, nach Schwächen und Fehlern suchen. Umso schlimmer wird das Spießrutenlaufen für denjenigen, der diesen Artikel anlegt.

Selbst wenn der Artikel durchrutscht, zumindest am Anfang keine Kritik erfährt: Viele der Ersteller und Objekte von Artikeln rechnen nicht damit, was für eine eindrückliche Erfahrung es sein kann, die Kontrolle aus der Hand zu geben, einer anonymen Gruppe von Menschen eine große Bühne zu geben, das eigene Leben oder die eigene Organisation darzustellen. Eine eigene Website oder ein Facebookauftritt kann dasselbe wie ein Wikipedia-Artikel. Aber man behält die Kontrolle.

Wenn eine Person oder Organisation keinen Wikipedia-Artikel hat, dann sollte sie eine Flasche Sekt öffnen, dankbar sein und sich auf andere Formen der Öffentlichkeitsarbeit verlegen. In vielen Fällen allerdings existiert der Artikel schon, oftmals nicht zur Zufriedenheit der betroffenen Person. Manchmal muss die Person oder Organisation halt damit leben, dass die eigene Existenz nicht nur Feiernswertes enthält. Manchmal hat sie aber auch legitime Gründe zur Kritik: Veraltetes, Unvollständiges, Fehlerhaftes oder eigentümlich Gewichtetes findet sich in vielen Wikipedia-Artikel. Es gibt die Möglichkeit, etwas daran zu ändern.


(1) Transparenz 


Wikipedia ist überaus kritisch gegenüber Bearbeitungen in eigener Sache. Jeder, der Artikel über sich selbst bearbeitet, muss Grundmisstrauen überwinden und Vertrauen gewinnen. Vertrauen gewinnt man durch Offenheit.

(2) Verifizierung 


Speziell für Bearbeiter in eigener Sache und ganz speziell für Menschen, die professionell unterwegs sind, existiert in der deutschen Wikipedia das Mittel der Verifizierung. Bearbeiter melden sich unter dem Namen ihrer Organisation/ ihrer Person an und stellen damit eine Grundtransparenz her. Danach schicken Sie eine Mail an  info-de-v@wikimedia.org und werden dann von Freiwilligen verifiziert. Weitere Details finden sich unter: Wikipedia:Benutzerverifizierung

(3) Diskussionsseiten 

Zu jedem Eintrag in der Wikipedia gehört eine Diskussionsseite, auf der dieser Eintrag diskutiert wird. Um Konflikte und Konfrontationen zu vermeiden, empfiehlt es sich, jede größere Änderung erst auf der Diskussionsseite mit einigen Tagen Vorlaufzeit anzusprechen. Erst wenn dort kein Widerspruch, oder gar Zustimmung, gekommen ist, sollte der Artikel selbst geändert werden. Taucht auf der Diskussionsseite Widerstand auf, so ist die Diskussionsseite zur Diskussion zu nutzen.


(4) Belegen 


Wikipedia ist eine Enzyklopädie, die verlässlich sein will, die aber jeder anonym bearbeiten kann. Zum Ausgleich legt die Community starken Wert darauf, dass jeder inhaltliche Beitrag belegt wird. Als Belege gelten nur Fakten, die anderswo veröffentlicht sind. Sei es in Büchern, Zeitschriften oder Websites. Diese Pflicht geht so weit, dass selbst Aussagen der Person selbst oder amtliche Dokumente nicht akzeptiert werden – sofern diese nicht an einer externen Stelle veröffentlicht wurden.

Belege im Artikel zur Wikipedia (kleiner Ausschnitt)
Dies klingt auf den ersten Blick aufwendiger als es ist. Zumindest in heutiger Zeit. So gut wie jede Wikipedia-relevante Person oder Organisation wird Zugriff auf eine Website haben, auf der sie etwas veröffentlichen kann. Im Zweifel besitzt zwar eine externe Veröffentlichung eine höhere Reputation.

Aber gültig sind auch Inhalte auf eigenen Websites. Wenn also Wikipedia ihren zweiten Vornamen falsch schreibt: beginnen Sie keine Diskussion mit der Community, sondern schreiben Sie ihn richtig auf der eigenen Website. Wenn die Community nicht glaubt, dass die Rolling Stones ihr größter literarischer Einfluss sind - schreiben Sie es auf der eigenen Website.

(5) Klare, harte Fakten. Keine Adjektive 


Artikel über sich selbst zu ändern, ist selbst unter den besten Umständen ein Drahtseilakt. Die Gefahr besteht, auf andere Autoren zu treffen, die dies aus Prinzip ablehnen und versuchen gegen die Edits zu arbeiten. Aber auch diese Autoren sind an Regeln gebunden. Je besser eine Bearbeitung nachgeprüft werden kann und je eindeutiger diese ist, desto höher sind die Chancen, dass sie bestehen bleibt.

Am besten hierfür eigenen sich unstreitige Zahlen und Fakten. Während Fakten einfach und erwünscht sind, ist dies mit Interpretationen schwierig. Diese sind generell in der Wikipedia verpönt. Je niedriger das Vertrauen ist, das ein Autor genießt, desto schwieriger wird es, Text einzubauen, der auch nur entfernt nach Interpretation aussieht. Adjektive sehen immer nach Interpretation und Wertung aus. Sie haben in einem Artikel über einen selbst nichts verloren.

(6) Verständlich bleiben 


Nun gibt es nicht nur die Community, für die ein Text geschrieben wird, sondern auch die Leser. Leser lieben Wikipedia, weil er hier klare, verständliche Informationen gibt, die sich beim ersten Lesen erschließen. Buzzwords, unverständliches, aber auch Fachsprache und Insiderlingo sind verpönt. Die Community achtet darauf dies durchzusetzen. „Geschwurbel“ ist einer der liebsten Begründungen innerhalb der Community um Text zu streichen.

Gerade professionelle PR-Personen stellt dies oft vor besondere Herausforderungen. So ist nicht ratsam zu schreiben, dass ein Unternehmen "Verbindungen herstellt zwischen den Grundbestandteilen der Industrieproduktion", sondern es stellt Schrauben her. Jemand "entführt nicht in Welten der zwei Sonnen", sondern schreibt Fantasy-Romane. Am besten haben Leserin oder Leser bereits beim ersten Lesen eine klare Vorstellung davon, um was es geht. 

(7) Mit der Community zusammen 


Wikipedia ist ein grundsätzlich offenes System, das von zahlreichen Vandalen, Trollen und Manipulatoren heimgesucht wird. Dementsprechend ausgebildet und etabliert sind mittlerweile die Mechanismen, unerwünschte Bearbeitungen fernzuhalten. Die etablierte Community hat die informellen, formalen und technischen Mittel Text zu verhindern, kann aber auch unglaublich Großartiges vollbringen. Jede Mitarbeit in Wikipedia, die von Erfolg gekrönt sein soll, funktioniert nur im gegenseitigen Vertrauen mit der Community.

Leider hat die Community die Eigenschaft die unkooperativsten und unfreundlichsten Mitarbeiter vorzuschicken, wenn es um das Sichten neuer Artikel geht. Oder anders gesagt: Die unfreundlichsten Mitarbeiter sind besonders motiviert darin, sich auf Neulinge zu werfen. Warum das so ist, darüber kann ich spekulieren, möchte es aber nicht. Aber nicht aufgeben: es gibt nette und freundliche Wikipedianerinnen und Wikipedianer. Mit etwas Ausdauer lassen sie sich finden. 

(8) Zu vermeiden: Freunde holen 


Manche Autoren fühlen sich von der Wikipedia-Community übermannt oder ungerecht behandelt und versuchen, Freunde zu motivieren, ihnen beizustehen. Kaum etwas ist schlimmer. Die reine Anzahl von Teilnehmenden in der Diskussion hat kaum ein Gewicht. Wesentlich bedeutender ist das Vertrauen, dass den einzelnen Beteiligten in der Community beigebracht wird.

Die Community hat ein eingebautes internes Vertrauenssystem, das maßgeblich auf bisherigen Beiträgen beruht. Wenn aus heiterem Himmel plötzlich eine größere Anzahl neuer Nutzer bei einem Thema auftaucht, lässt das bei vielen erfahrenen Wikipedianern Alarmglocken schrillen. Sie reagieren skeptischer und aggressiver. Dabei gilt: gegen eine skeptisch und aggressive Community zu agieren, hat nie Erfolg. Der Versuch, Freunde zu mobilisieren ist bisher immer nach hinten losgegangen.

(9) Das Sichtungsproblem 


Speziell die deutsche Wikipedia hat das Instrument der Sichtungen eingeführt. Das bedeutet: Änderungen an Artikeln werden sofort gespeichert. Wenn diese Änderungen von einem neuen Autor stammen, sind sie aber nicht sofort für die Öffentlichkeit sichtbar. Dafür muss erst ein erfahrener Wikipedianer sein OK geben. Je einfacher die Edits sind und je einfacher sich ihr Inhalt extern überprüfen lässt, desto schneller wird die Freigabe erfolgen.

Übersicht über die Seiten, die am längsten nicht gesichtet wurden.

(10) Fotos unter freier Lizenz 


Ein einfacher Weg, das Vertrauen der Community zu gewinnen, Inhalte beizutragen und es Wikipedia zu ermöglichen eigene Inhalte zu nutzen, ist das Bereitstellen von Fotos unter freier Lizenz. Das bedeutet, dass diese Fotos im Nachhinein genutzt, verändert und eingebaut werden können. Allerdings muss dabei der Autor genannt werden ebenso wie der Titel des Fotos. So in Wikipedia und von dort aus dann viral durch das halbe Netz.

Rose Stanwell Perpetual バラ スタンウェル パーペチュアル (7887553466)
Ist ein Foto unter freier Lizenz hochgeladen, kann es unter Autoren-Nennung quer durch das Internet gesehen werden. Bild: Rose Stanwell Perpetual バラ スタンウェル パーペチュアル von: T.Kiya Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

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Der Wikipedia mangelt es nicht an Seiten mit Regeln, Vorschriften und Anleitungen. Auch zu diesem Themenkomplex gibt es eher zuviel als zu wenig zu lesen. Als Einstieg empfiehlt sich: Wikipedia:Interessenkonflikt  und die dortigen Links.

Bei Rückfragen zu bestimmten Einzelfällen, gerne auch eine Mail an mich, dirkingofranke@gmail.com

Alle Iberty-Posts zu Netz- und Kulturthemen finden sich unter. Kultur in Iberty! Eine Übersicht.

Wikimania 2016 - random thoughts

20:05, Friday, 06 2020 March UTC

Wikimania! The world Wikipedia conference. Every year in a different place on changing continents. Organised by locals but with basically a lot of the same people always attending. A highlight in the Wikipedia year. So much to see and to comprehend. In case you missed it, here is my live twitter feed (and thanks to Sucomo for the support). But what happened there of course lasts longer than just for the moment,

Just to get some thinking going and pin down some notes from Wikimania as long as I still remember. Some random thoughts about Wikimania 2016 in Esino Lario, close to Lake Como, Lomardy, Italy.

1200 Wikipedians in a small village with about 800 inhabitants. Sleeping in every free bed the village had to offer, attending workshops in discussions in a school, the local museum, the local gym and the theater. The Wikimania was down to earth. Literally, as this was outdoors and the environment played a big part in Wikipedia, but also metaphorically. Much less about "we save the world" and "why we are important" and a lot more about "The How". Stuff for daily activities one can work with.


So just for some random thought before I did more thorough thinking and analysis:





Stunning scenery. We were allowed to drive every day the way from Lake Como to Esino Lario and it qualifies as most scenic commute I have ever undertaken.

View on my daily commute.

Great venue. The most wiki-style conference. It looked like the whole village was involved andcontributing to the event. As fas as I could see, the village got something infrastructure, events aimed at the locals and events aimed at Wikimedians and locals alike.




Stones, mountains, the nearby lake, more stones. This Wikimania was down to earth, even literally.


Talks: same procedure as last year and the years before. Basically the same people talking about the same topics as always.. Discussions rounds were a great idea but always a bit bogged down because there were too many people in the room to really discuss. Training sessions were a good diea and the one i attended did make sense.

Can we maybe just skip the presentations next time altogether (or put them in some place "for press and others who don't know anything) and just design the real program out of training sessions and discussions? 

Walkimania. Up and down and up again. Following the mule path. Great. Got some movement in between sessions and one was not confined to a hotel/campus setting but walked (and climbed) around the real world. Big, big, plus.

THE RAIN


THE HAILSTORM


Best conference catering ever. Salad. Vegetables. Good quality meat. Vino rosso. Also really liked that a lot of the catering happened at a restaurant/bar setting, but even the tent-catering was way better than these kunds of catering are in other places.



Texas line dancing on an Italian village square.

My thoughs on Mapping Wikipedia made some progress.

Never seen so few talks by the Wikimedia Foundation or other Wiki-professionals. Did not miss them.

Whoever designed the Wikimania-Shirts and their colour must have spent a lot of time at Pizzeria Oasi looking at their tables and chairs.



Not much about Foundation politics. I am sure all politics happening at the Foundation and the chapters were of really big interest to some people. But people who don't really care about this inside baseball did not have to listen to all the people involved for days and hours.

Even the two surprise moments (Christophe Henner as new chairman of the board and Katherine Maher as now-non-temporary CEO - congratulations to both!) were delived elegantly, swiftly and just fitting into ethe occasion and the moment.

Paid editing really differs throughout the different language versions. Though the talk was more about the rules than about actual editing happening or not happening.

Jimmy seemed to be way more enthuastic and engaged at a Wikimania than I have seen him for a long time. Cool. My most touching moment: Jimmy offering his personal help to the blocked Uzbek Wikipedia.

Heard about some cool projects done throughout the Wiki world.

Italy has a lot of different police troups and all of them were at the Wikimania. At least they all were friendly and mingled and such. Still a bit strange: Wikimania in the most peaceful place one could imagine and at the same time the Wikimania with the most police ever.




I have seen a 6-meter theremin played by a falcon.


Klippan ist ein klassisches Sofamodell des sich schwedisch gebenden Möbelhauses IKEA. Das Sofa wird dieses Jahr 40 Jahre alt und ist neben Billy vielleicht der Klassiker IKEAs. Klippan steht in den Räumen des MEKs, des Museums Europäischer Kulturen, in Berlin. Dort steht es nicht etwa als Ausstellungsstück, sondern als Möbel.

Aber: wenn man ein Museum für Volkskunde und Alltagskultur mit einer Gruppe Wikipedistas zusammenbringt - dann wird auch das Foyersofa zum Ausstellungsstück - und darüber entstehen Wikipedia-Artikel. 

Berlin, Museum Europäischer Kulturen, GLAM on Tour im Museum Europäischer Kulturen (2018) NIK 6039
Klippan im Museum. Bild: Berlin, Museum Europäischer Kulturen, GLAM on Tour im Museum Europäischer Kulturen (2018) NIK 6039 Von: Nightflyer. Lizenz: Creative Commons Attribution 4.0 International license.

Willkommen bei Wiki goes MEK! 2.0. Willkommen bei der zweiten Veranstaltung zwischen Wikipedia, dem MEK und dem Glam-Team von Wikimedia Deutschland.



MEK MEK MEK


Zwei Tage, am 17. und 18. November 2018, lud uns das Museum Europäischer Kulturen (MEK) nach Dahlem ein. Das MEK ist das einzige der Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), das in Dahlem bleiben darf und nicht in die Bierbike- Reisebushölle von Berlin Mitte muss.

Unsere Gruppe zieht vom Ausstellungs- in den Arbeitsteil des Museums Europäischer Kulturen.


Der Bestand des MEKs stammt noch zu größeren Teilen aus den Zeiten, in denen es das Museum für Deutsche Volkskunde war, und dann mit den europäischen Teilen der anderen Volkskunde-Museen vereinigt wurde. Es beschäftigt sich mit dem Leben normaler Menschen.

Das Museum hat einen Fokus auf Alltagskultur aber natürlich auch - dem Fokus der Ethnologie folgend - einen Blickwinkel auf Festtage normaler Menschen. Am konkreten Beispiel heißt das: derzeit laufen Ausstellungen über Wolle als Textil, Hochzeiten und die damit verbundenen Träume sowie Sterne (im Allgemeinen und als Weihnachtsstern im Besonderen).

Weihnachtssterne und Hochzeitskronen


Das MEK hatte eingeladen und etwa 20 Wikipedistas kamen. Es begann mit Kuraturenführungen durch die Stern- und Hochzeitsausstellungen. Wir schimpften, dass der 2. Stock nicht barrierefrei zu erreichen ist - man sollte meinen, eine Welt die den preußischen Museen ein komplettes neues Humboldtforum bauen kann, sollten dem MEK auch einen Fahrstuhl verschaffen können - bewunderten dann aber die atmosphärische Stern-Ausstellung.

Wir würdigten Hochzeitskronen aus dem 19. Jahrhundert ebenso wie Hochzeitskleider aus derselben Zeit. Wir staunten über den Traum in Rosa einer deutsch-türkischen Henna-Nacht und diskutierten die Ausstattung in Millenial Pink eines anderen aktuellen Hochzeitspaares.

2018Eroeffnung003
Ein Traum in Rosa. Bild: 2018Eroeffnung003 von: Holger Plickert (WMDE) Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

Wir verfolgten nach, wie aktuelle Besucherpaare des MEKs sich kennengelernt hatten.

Tinder - echt jetzt!


Ruhiger wurden wir bei der Hochzeits-Chuppa einer Berliner Synagoge, die vermutlich das erste Mal seit den Nazis wieder öffentlich zu sehen war. Wenig ist über diese bekannt, außer dass sie heute dem Centrum Judaicum gehört und der Gestaltung nach wohl zu Zeiten der Weimarer Republik gefertigt wurde.

Chuppa
Chuppa / jüdischer Hochzeitsbaldachin in der Ausstellung. Bild: Chuppa. Von: Medea7 Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Alles wurde in einen Kontext gesetzt und mit hinter-den-Kulissen-Informationen versehen von der Kuratorin der Ausstellung.

Derart inspiriert ging es ins Verwaltungsgebäude des MEKs wo schon alles von Kaffee über Büchern bis hin zu fotografierende-Objekte vorbereitet war. Und wir setzten die Inspiration in Artikel um.

Madame ergründete Klippan. Ich, aufmerksam geworden, dass Flachmãnner in angesagten Kreisen zur Hochzeitsausstattung gehörten lernte dann noch, dass sowohl die Wörter Hipster wie auch Bootlegging auf diese Flachmänner zurückgehen. Hipster waren Menschen, die zu Zeiten des amerikanischen Alkoholverbots Flachmänner an der Hüfte trugen; Bootlegger diejenigen, die ihn im Stiefel (englisch Boot) hatten.

Es entstand während des Workshops das Portal Baskenland. Die Artikel zu Ehe und Textilie wurden erweitert. Die Kochbuchautorin des 18. Jahrhunderts - Maria Luisa Schellhammer - bekam einen neuen Artikel. Ebenso bekamen die Artikel zu Hochzeitskronen, Pommerschen Fischerteppichen oder zur Moritat neue Bilder. Und wo wir dann schon dabei waren, wurde der Artikel "Papierkorb" mit einem Bild aus dem Hotel des Fotografen Nightflyer erweitert.

MEK II-277
Pelotaspiel (Ballkorb und Ball) aus der baskischen Sammlung. Bild:

Allerdings zeigt sich, dass ein Wochenende nur begrenzte Zeit bereitstellt, um zu schreiben. Einer meiner Highlight-Artikel würdigt den mechanischen Weihnachtsberg aus der Dauerausstellung des Museums - eine Art mechanische Modelleisenbahn ohne Eisenbahn mit Weihnachten aus dem 19. Jahrhundert - mit einem umfassenden Artikel. Dieser Artikel entstand größtenteils am Freitag vor dem eigentlichen Treffen - offensichtlich in Vorbereitung auf dieses. Und hoffentlich wird mein eigener Text zu den Herrnhuter Sternen auch noch dieses Jahr fertig.

Danke

 

Kaffee am richtigen Ort und viele Kekse. Trotz erschwerter Bedingungen ein funktionierendes Internet. Menschen, die sich auf für die Kultur vermeintlich kleiner Menschen interessieren - ein Traum in Rosa, Moritaten, obskure Bücher, ein Blick hinter die Kulissen eines Museums - und überall eine freundliche, fokussierte Stimmung. Wenig will ich mehr.

Blick in einen der Arbeitsräume.

Zum Abschluss ein großes Danke an alle Beteiligten. Selten erlebte ich eine Veranstaltung, die so stimmte. Nicht nur, dass wir offensichtlich willkommem waren: das Timing war nahezu perfekt, die Mischung aus genug Inspiration und viel Gelegenheit diese gleich umzusetzen war großartig und offensichtlich hatten sich alle Beteiligten viele Gedanken gemacht, was die kommenden Wikipedianer am besten brauchen.

Das wir zum Beispiel auch noch obskurste Bücher im Vorhinein bestellen könnten und dann vor Ort in die Hand bekamen, rundet die Sache ab.

MEK 3.0? Am besten nächste Woche.

Weiterlesen


Die Projektseiten in der Wikipedia: WIKI goes MEK! 2.0

Die Darmstädter Madonna, deren Artikel im Rahmen dieser Veranstaltung verbessert wurde, haben wir in Berlin auch schon einmal besucht: Allein mit der Madonna zum Hasen.

Auch GLAM - ähnlich cool, wenn auch ganz anders, war die Veranstaltung mit der Jules-Verne Gesellschaft in Braunschweig.

Alltagskultur in Dahlem. Da fallen mir als erstes die historischen Tänze der Ü300-Parties ein. Oder natürlich die Schwimmhalle Hüttenweg.

 Alle Kultur-Posts in Iberty. Kultur in Iberty!

Vegan Straight Edge in der Wikipedia

14:25, Saturday, 19 2019 January UTC

Eine gelöschte Schlachteplatte führte mich in die Vergangenheit zu zwei rundlichen Herren mit Schnauzbart auf dem Straight-Edge-Konzert. Der Wikipedia-Schreibwettbewerb sorgte dafür, dass ich nachträglich noch beeindruckt von Nirvana war. Ich verstehe Widersprüche, die ich mit 19 einfach so hingenommen hatte:

„Vegan Straight Edge, Eigenbezeichnung auch xVx, oder VSxE war eine Szene innerhalb der Punk/Hardcoreszene. Leitsätze der Szene waren "kein Alkohol, keine Drogen, keine tierischen Produkte". Sie entwickelte sich Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre aus der Straight-Edge-Szene, als diese zunehmend auch vegane Ernährung propagierte und sich politisch für Tierrechte engagierte.“

Dieser Satz steht seit einigen Wochen in der Wikipedia. Er steht dort als Einleitung zum Artikel [[Vegan Straight Edge]], den ich Anfang März 2018 zu schreiben begann. Der Artikel befindet sich schon länger im Stadium des Unfertigen, denn ich habe Probleme. Gab es Vegan Straight Edge wirklich als abgrenzbare Szene? Oder war es eine Szene oder doch zwei verschiedene in den USA und Europa? Kann man sie klar genug vom restlichen Straight Edge trennen? Um die Frage, auf die Rechtschreibung einzudampfen: war es vegan Straight Edge oder Vegan Straight Edge?


Wurstbruehe
Wurstbrühe beim Kochen (Hausschlachtung) von: Jens Jäpel Lizenz: Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“

Fragen über Fragen, die eigentlich nur entstanden, weil sich in der Wikipedia ein linksbewegter Autor und ein landwirtschaftsnaher Autor in einen epischen Streit über Schlachteplatten und Massentierhaltung hineinbewegten. Schließlich kamen beide zum Schreibwettbewerb. Beim Wikipedia-Schreibwettbewerb schreiben Autoren in einem Zeitraum von einem Monat zu einem bestimmten Thema. Eine Jury aus Wikipedianern bewertet den besten Artikel. Die meisten Preise stammen von anderen Wikipedianern und bewegen sich im Rahmen zwischen selbstgemachter Marmelade und Buch-Gutscheinen.

Youth of Today at SO36 (2010)
Youth of Today (2010). von: Libertinus Yomango Lizenz: r Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 generisch“ (US-amerikanisch)

In diesen Wettbewerb nun gerieten die beiden Autoren und eskalierten beim Schreibwettbewerb weiter. Schließlich führte es dazu, dass der eine Autor eine Schlachteplatte als Preis für den besten Artikel mit Veganismus-Bezug aussetzte. Der andere lief kreischend und hyperventilierend um den virtuellen Block lief. Ich dachte „Hausgemachte Schlachteplatten sind super, Veganismus ist spannend. Gerade den veganen Punk-Tierrechtler bin ich schon oft genug in der Realität über den Weg gelaufen. Es wird Zeit, einen Wikipedia-Artikel zu schreiben!“ Die ersten Recherchen sprachen für das Thema: es gibt Autoren, die Vegan Straight Edge als eigene Szene sehen.



Der Schlachteplatten-Preis für den Schreibwettbewerb verschwand kurz darauf nach Intervention der Wikipedia-Administratoren, und mit dem Thema tue ich mich schwerer als gedachte. Aber nun hänge ich drin.   

Straight Edge? Vegan? Hardcore?


Erst war Punk. Dessen Geschichte wurde viele Male erzählt und soll hier vorausgesetzt werden. Aus Punk entwickelte sich Anfang der 1980er in Washington, D.C. die Musikrichtung Hardcore – oder harDCore: musikalisch schneller als Punk und stilistisch alle Überbleibsel des Glamrocks hinter sich lassend. Junge Männer mit sehr kurzen Haaren, in Kapuzenpullis und Chucks spielen präzise sehr schnelle und sehr kurze Gitarrensongs.


Out of Step - der eine definierende Song auf den sich alle Hardcore-Anhänger einigen können. Man beachte auch das schwarze Schaf ganz am Ende.


Fast gleichzeitig mit Hardcore entwickelte sich die Straight-Edge-Bewegung. Straight Edge heißt mindestens „kein Alkohol und keine Drogen“, konnte aber noch um beliebige "No"s erweitert werden: Kein Sex, kein Kaffee, kein Fleisch, keine Milch, kein Leder, kein was auch immer. Eine Jugendbewegung, deren Hauptmotiv der Verzicht war. Wenig überraschend eigentlich, dass ein signifikanter Teil der Bewegung dann vegan wurde.


Rundliche Männer


Ich persönlich denke bei Straight Edge immer an alte, rundliche Männer, eigentümlich wie es ist. Als Randbewohner des Punk-Hardocre-Universums war mir Straight Edge ein Begriff. Aber mir wirkte es zu elitär. Und auch wenn wir alle in der Gymnasium-Langenhagen-Gang nicht viel tranken und vielleicht alle paar Monate mal kifften – Drogen ablehnen aus Prinzip war nie mein Ding. Straight Edge kannte ich aus den üblichen Szeneheften wie dem ZAP oder all‘ den Punk-Fanzines. Aber wirklich in der Szene war ich nie.

Dann war da dieses Straight-Edge-Konzert im Jugendzentrum Langenhagen. Bands, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere, spielten mittelmäßigen Hardcore. Im Publikum tobten sich hunderte schmächtiger, pickliger Jungen in Hoodies und Turnschuhen aus, die alle ein großes X auf der Hand hatten und so böse schauten wie man mit 17 Jahren und 50 Kilo Lebendgewicht halt schauen kann.

Dann waren noch ein paar Dauer- und Stammgäste des Jugendzentrums anwesend, um die 20.  Und im Gang standen diese beiden Männer, die offensichtlich niemanden kannten. Sie waren um die 40, Schnauzbart, klein, rundlich, Hemd und Jacke. Die Schnauzbartträger hatten sich ein großes X auf die Hand gemalt – als wären Sie direkt einer Comedyserie über schlecht getarnte Zivilpolizisten entstiegen. Seitdem denke ich bei Straight Edge immer an rundliche kleine Männer mit Schnauzbart.


Straight Edge und die Polizei


Nun war es nicht überraschend, dass die Polizei auf diesem Konzert auftauchte. Ausgerechnet diese verhärmten Jünglinge standen mindestens im Verdacht, staatsgefährdende Straftaten zu planen. Drogen wurden auf Straight-Edge-Konzerten natürlich weder gehandelt noch konsumiert. Dafür war die Szene weltweit latent gewaltaffin, in Europa auch eng mit Autonomen, Linksradikalen und radikalen Tierbefreiern vernetzt.

Jugendzentrum Glocksee seitlich
Unabhängiges Jugendzentrum Glocksee (2010). Autor: AxelHH Lizenz: Public Domain

Die Auftrittsorte waren hier, wie im Jugendzentrum Langenhagen, fast immer ehemals besetzte Jugendzentren oder autonome Jugendzentren wie das UJZ Kornstraße in Hannover oder das Glocksee in Hannover oder gleich ganz besetzte Häuser. Politik, Hardcore und Straight Edge hingen für mich immer zusammen. (wie dem auch heute noch ist: wie man jedes Jahr auf dem Resist to Exist in Kremmen sehen kann.)

Für mich waren Punk – Autonome – Hardcore – Besetzte Jugendzentren – sXe – Emocore immer eins – mit verschiedenen Abstufungen und verschiedenen Ausprägungen: aber letztlich dieselbe Szene, deren Mitglieder den Anspruch hatten, die Welt so abzulehnen wie sie ist und eine bessere Welt zu schaffen.

Umso mehr verwirrten mich Bands wie Youth of Today, Cro-Mags oder auch Earth Crisis, die zwar auch echte in der Szene anerkannte Hardcore-Bands waren, aber so unpolitisch bis christlich konservativ – deren Message ich nie verstand. Das war musikalisch nicht viel anders als europäischer Straight Edge, auch mit diesem Weltverbesserungsmessianismus, aber auf eine eigenwillige Art unpolitisch. „Wir wollen die Welt verbessern, können aber nicht sagen, was das Problem ist.“ Manchmal erinnert mich das heute an das Silicon Valley. Wahrscheinlich liegt es gar nicht soweit auseinander.


USA und Europa


Für die Wikipedia-Recherche bin ich das erste Mal gründlich in die Geschichte der Hardcore-Szene vorgedrungen. Bisher hatten da neben den eigenen Erfahrungen und den unzähligen gelesenen Fanzines als Buch Martin Büssers „If the Kids are United“ ausreichen müssen. Nun kamen aber diverse Bücher aus der Berliner Stadtbibliothek hinzu, halbveröffentlichte Bücher in Google Books, digitalisierte Fanzines, Doktorarbeiten und sonst noch alles was da Internet zu bieten hatte.

Da ging mir etwas auf: Hardcore ist größer. Während in Europa und Lateinamerika immer der Zusammenhang Politik-Hausbesetzer-Punks-Hardcore existierte, war das in den USA anders. Gerade die prägende Bands Minor Threat und Fugazi waren nun sehr politisch im europäischen Sinn. Aber viele andere Größen des US-Hardcores übten sich in Jock Culture wie es heißt. Männer, die sich selber ausleben wollen und wenig sonst. Mit ungerichteter Aggressivität, sich manchmal gegen industrielle Tierproduktion richtete, oft genug gegen die eigene Szene.

Die Szene in den USA entwickelte sich unter anderen Voraussetzungen. So gab es dort nie wirklich besetzte Häuser. Die Bands spielten in kommerziellen Clubs, oft zusammen mit anderen Rockbands oder in Washington, D.C. mit Go-Go-Bands. Die linke Szene in den USA war kleiner und abgeschotteter. Konnte man in meiner deutschen Schulzeit gar nicht anders, als sich politisch zu positionieren, wäre der Gedanke sich als Jugendlicher ernsthaft mit Politik zu beschäftigen in großen Teilen der USA geradezu bizarr gewesen. US-Punk und dann US-Hardcore entwickelten sich in einem luftleeren Raum, in mehr oder weniger kommerziellen Clubs. Vegetarismus und Veganismus stießen in großen Teilen der Szene auf ein inhaltliches Vakuum, um so mehr und einfacher konnten sie sich als herrschende Ideologien verbreiten.


Veganismus


Vegetarisch und Vegan wurden Straight Edger und Hardcorler Ende der 1980er. Während einzelne Szeneangehörige schon früher vegetarisch waren, thematisierten Youth of Today im Song No More und die Gorilla Biscuits mit dem Song Cats and Dogs das Thema. Danach entwickelte sich die Sache ziemlich schnell. Es gab Bands wie die Cro Mags oder Earth Crisis, die sich als vegan Straight Edge verstanden.

Sie und ihre Anhänger entwickelten sich schnell hin zum Hardline: militante Tierschützer, die auch aggressiv gegen andere Punks und Hardcore’ler vorgingen, solange sie nicht den strikten Lebensvorstellungen der Hardliner folgten. Da war die einst offene, kreative Szene zu einer Art Sekte geworden. Menschen, die sich als Vegan Straight Edge verstanden, gab es. Aber gab es sie lange genug, um von einer eigenen Szene zu sprechen?

In Europa hingegen, war Veganismus in der Szene immer nur ein Teilaspekt, eingebettet in allgemeine Weltrettung und Kapitalismuskritik. Tatsächlich veganes und vegetarisches Essen war wahrscheinlich verbreiteter, da es oft zum Standard wurde. Die Übergänge allerdings waren dadurch auch fließender.

Und nun geht es mir, wie oft, wenn man mehr zu einem Thema weiß: ich bin ahnungsloser als je zuvor. Es gab vegane Straight Edger. Und zumindest zeitweise haben die sich auch bewusst von den Nicht-veganen abgesetzt. Für Wikpedia reicht es: es ausreichend gibt Literatur, die Vegan Straight Edge (mit "V") beschreibt und selbst unangemeldete Wikipedia-Autoren behaupten, dass es es diese Bewegung noch gibt. Aber waren diese wirklich geschlossen genug für eine eigene Szenedefinition und einen guten Wikipedia-Artikel über sie?

Ausblick: Washington, D.C.


Während ich beim Thema Vegan Straigt Edge ratloser bin, als vor dem Beginn der Recherche, hat sie mir auch neue Welten geöffnet. Washington, DC – die Szene, die vermutlich der europäische Szene am ähnlichsten war. Mit Ian MacKaye als Überfigur, der früh begriff, dass man eigene Labels und Strukturen aufbauen muss, mit der Crew um Dischord Records und mit der sozialen Organisation Positive Force, die der Szene nahestand. Washington wies lange Zeit ein lebendige Szene auf, die im engen Austausch mit dem Vor-Grunge-Hype-Seattle stand.

Eine Szene in Washington, die sich früh politisch verstand – sehr ungewöhnlich für US-Punk – früh Frauen in wichtigen Rollen zuließ; eine Szene in der beispielsweise der 15jährige Dave Grohl (von späterem Nirvana und Foo Fighters Fame) seine ersten Auftritte absolvierte, die Bad Brains – als Reggae-beeinflusste Band – prägend war, und in der auch Bikini Kill und die frühen Nirvana zu ständigen Gästen gehörten. Dann auch die Szene in Washington State um Seattle: uns ja eher bekannt als diejenigen, die Grunge kommerziell und populär machten - hier bestand eine echte, kreative, politische Punk-Szene bevor MTV sie entdeckte. Und in beiden Washingtons: eine Szene mit Dutzenden Fanzines, vermutlich hunderten Bands, die in Bewegung war, sich neu formierte, Sachen ausprobierte und sie wieder verwarf.  

Bands, die ich dabei entdeckte, waren:

Scream mit dem damals 15-jährigen Dave Grohl und der faszinierenden Erkenntnis, was für Langhaarmatten man in den 1980ern auch im Hardcore trug:



Oder Bratmobile, die zur ersten Runde gehörten als die Szene endlich auch Frauen zuließ und diese eigene Bands gründeten:



Vor allem aber entdeckte ich die Go-Go-Szene. Man stelle sich eine Art frühen Hip Hop in funky mit Congas und Bläsersätzen vor. Aber dazu später mehr.

Beim Schreibwettbewerg gewann ich zu recht nichts, da der Wikipedia-Artikel in einem Limbo hängt. Aber ich entdeckte mindestens drei spannende Szenen. Und sehe Helden oder Nicht-Helden meiner Jugend mit anderen Augen. Und das alles nur wegen eines Schlachteplattenstreits.

Weiterlesen


Der unfertige Wikipedia-Artikel zum Thema Vegan Straight Edge.

Zwei Bücher, die mir vieles erklärten:



Marc Andresen / Mark Jenkins: Punk, D.C. Ventil Verlag 2006 (im Original: Dance of Days, Akashic Books 19929. Bericht aus der Szene nach Lektüre zahlreicher Poster und Fanzines. Einerseits mit mehr Detailinfos zu Bands und Orten als ich je haben wollte, aber von den selbst-beteiligten Autoren auch stets auf der Suche nach dem Spirit, der alles zusammenhielt.

Roger Gastman "Pump Me Up. DC subCulture of the 1980s". Ausstellungskatalog zu einer Ausstellung über den Graffiti-Sprayer Cool "Disco" Dan - mit einem breiten Rundumschlag zu allem was in den 1980ern subkuturell in Washington los war. R. Rock Enterprises 2013.

Wie es damals war im Jugendzentrum Langenhagen schrieb ich in Kleinstadt Antifa, 1994

Was der Hardcore-Punk heute so macht, lässt sich auf dem Resist to Exist besichtigen.

Alle Posts zu Politik und Kultur in Iberty liegen unter: Kultur in Iberty!

Allein mit der Madonna zum Hasen

11:28, Tuesday, 27 2018 November UTC

Darmstädter Madonna
Hans Holbein der Jüngere, 1526/1528
Öl auf Nadelholz (?), 146,5 × 102 cm
Sammlung Würth, Johanniterhalle (Schwäbisch Hall)

Wikipedia-KNORKE erwähnte ich ja an dieser Stelle schon einmal. Berliner Wikipedianerinnen und Wikipedianer treffen sich und erkunden zusammen eine ihnen unbekannte Gegend. Soweit so üblich. Diesmal jedoch gab es etwas besonderes: Auf ins Museum!

In Berlin gastiert gerade die Darmstädter Madonna, ein 1526 entstandenes Gemälde von Hans Holbeim dem Jüngeren. Diese Madonna hat eine bewegte Lebens- und Reisegeschichte, ist eines der bedeutendsten deutschen Gemälde des 16. Jahrhunderts und kann Menschen auch über Jahre faszinieren. Wunderbar, wenn man eine kundige Bilderklärung der Autorin des exzellenten Wikipedia-Artikels dazu bekommt.

Wir trafen uns einige Minuten vor der Öffnung in kleiner Gruppe vor dem Bode-Museum und konnten - da alle Anwesenden über eine Jahreskarte verfügten - auch sofort zur Madonna und zur Sonderausstellung "Holbein in Berlin" begeben. Der Raum war noch leer, die Museumswachmannschaft ließ freundlicherweise die leise aber engagiert redende Gruppe gewähren. Ein einziger Saal, in dessen Mittelpunkt die Madonna hängt. Links davon einige Holbein-Teppiche, ansonsten weitere Bilder und Zeichnungen von Holbein, Inspiratoren und andere Madonnen. Nicht überladen, sinnvoll aufbereitet und mit einem klaren Konzept - eine der besseren Kunstausstellungen.



Und dann ging es los: Es begann mit Schilderungen von der bewegten Entstehungszeit zur Zeit des Basler Bildersturms im Auftrag des Basler Ex-Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen. Die Aussage des Bildes traditioneller Marienfrömmigkeit in Zeiten der Reformation war Thema, ebenso natürlich wie der Teppich und seine Falte. Wir staunten über die Eigentümlichkeit, dass sich niemand auf dem Gemälde eigentlich anschaut und wurden über dden Unterschied zwischen Schutzmantelmadonnen und Stifterbildern aufgeklärt. Vermutungen tauchten auf, wo das Bild wohl im Original hing - vermutlich in der Martinskirche als Epitaph - und wir verfolgten gedanklich seine Wanderung aus Basel über den Grünen Salon im Berliner Stadtschloss bis hin zum Hause Hessen und das Frankfurter Städelmuseum bis hin zum spektakulären Verkauf an die Privatsammlung Würth. Die Meinungen über die Sammlung Würth in der Gruppe waren durchaus geteilt, ebenso wie die richtige Benennung des Bildes: ist es nun eher die Darmstädter Madonna oder eher die Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen?

Über die Darmstädter Madonna ging es dann zur Dresdner Madonna und einem der prägenden Momente deutscher Kunstgeschichte: dem Dresdner Holbeinstreit. Im 19. Jahrhundert wurde es den Menschen bewusst, dass es zwei fast identische Holbein-Madonnas gab und nur eine die echte sein konnte. In einer großen Ausstellung, unter lebhafter Anteilnahme der Öffentlichkeit und erregten Debatten der Experten entschieden sich die Kunsthistoriker schließlich für das Darmstädter Gemälde. Eine Sensation,  da die Kunstkennerschaft vorher felsenhaft von der Originalität des Dresdner Gemäldes ausging. Hier zeigte sich erstmals das Bemühen, um eine rein sachlich, objektive Abwägung der verschiedenen Gesichtspunkte - der Dresdner Holbeinstreit ist einer der Ausgangspunkte um die Kunstwissenschaft als Wissenschaft zu etablieren. Und - wie sich später herausstellte - lag die Kunstwissenschaft auch in diesem ihren Anfangsurteil richtig; sämtliche mittlerweile vorhandenen naturwissenschaften Verfahren die Darmstädter Madonna als die originale der beiden bestätigten.

Erkenntnisse am Rande: eine weitere Kopie des Gemäldes (beziehungsweise eine Kopie der Kopie - es stellt aus unerfindlichen Gründen das Dresdner Exemplar dar) hat sich in das Set des James-Bond-Filmes "Man lebt nur zweimal verirrt".

Hans Holbein der Jüngere: Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London, 1532. Eichenholz, 96,3 × 85,7 cm. Gemäldegalerie Dahlem der Staatlichen Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz

Und nachdem wir dann auch noch gerätselt hatten, wer die beiden Knaben unterhalb der Madonna sind, den verschwundenen Haaren der Tochter nachspürten und weiter über den Teppich in der Renaissancemalerei sinniert hatten, kamen wir dann nach knapp einer Stunde noch zu Georg Giesze. Giesze (auch Georg Giese) ist Titelheld in einem anderen Holein-Hauptwerk, das praktischerweise fünf Meter weiter links hing. Wieder mit Teppich und nun auch noch mit Glas, Metall, Bücherregalen und Briefen. Gedanklich begleitete wir Holbein dann weiter von Basel nach Antwerpen und London. Mittlerweile hatte sich der Raum etwas gefüllt. Nachdem wir dann noch den Weg aus dem Museum gefunden hatte (wie immer im Bodemuseum nicht ganz einfach und jedes mal findet man zwischendurch neue Säle) folgte noch ein erschöpfter Abschlusskaffee.

Eine Stunde fast allein mit der Madonna. Und immer noch Neues zu entdecken.

Gab es in der DDR Spaghetti?

09:10, Tuesday, 28 2018 August UTC

Eine der schöneren unbekannten Ecken der Wikipedia ist die Seite zur Auskunft. Dort können Menschen mögliche und unmögliche Fragen stellen, die dann mal launisch, mal larmoyant, mal ernsthaft oder auch gar nicht beantwortet werden. Wie im wahren Leben und eine ewige Fundgrube obskuren Wissens, seltsamer Fragestellungen und logischen Extremsports.

Nicht die DDR. Bild: Giorgio Conrad (1827-1889) - Mangiatori di maccheroni. Numero di catalogo: 102.



Dort nun fragte vor ein paar Tagen ein unangemeldeter Nutzer:

 "Warum gab es in der DDR eigentlich nur Makkaroni (die in Wirklichkeit Maccheroncini waren), aber keine Spaghetti? Das erscheint mir nach Lektüre einiger Bücher aus der DDR so gewesen zu sein und ist mir auch so von meiner aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden Verwandtschaft bestätigt worden. Warum?"

Es folgte eine längere und mäandernde ausgiebige Diskussion, die immerhin folgendes ergab:

* Anscheinend gab es in der DDR Spaghetti, zumindest erinnerten sich einige der Diskutanten an derartige Kindheitserlebnisse.
* Ob Spaghetti so verbreitet waren wie Makkaroni oder Spirelli, darüber bestand Uneinigkeit.
* Die Nudelsaucensituation war in Berlin besser als im Rest der DDR.
* Die DDR allgemein pflegte in vielerlei Hinsicht traditionellere Essgewohnheiten als Westdeutschland, die Küche der DDR ähnelte in vielem mehr der deutschen Vorkriegsküche als dies für die westdeutsche Küche gilt.
* In Vorkriegszeiten waren Makkaroni verbreiteter als Spaghetti.
* Schon bei Erich Kästner wurden Makkaroni gegessen
* Der Makkaroni-Spaghetti turn im (west-)deutschen Sprachraum war Mitte der 1960er
* Schuld könnten wahlweise das mangelnde Basilikum, die mangelnde Tomatensauce, überhaupt mangelnde Kräuter, Italienreisen, Gastarbeiter, Miracoli oder auch was ganz anderes sein.
* Klarer Konsens im Rahme: Sahne gehört keineswegs in Sauce Carbonara!


Gab es in der DDR nicht: Miracoli. Bild: Miracoli-Nudeln mit Mirácoli-Soße von Kraft. Von: Brian Ammon, Lizenz: CC-BY-SA 3.0
 
Daneben tauchten eine ganze Menge Kindheitserinnerungen auf an exotische Spaghettimahlzeiten mit kleingeschnittenen Spaghetti, Ketchup-basierter Tomatensauce und anderen kulinarischen Exotika des geteilten Deutschlands.

Einige Antworten, viel mehr Fragen:
* seit wann wird in Deutschland überhaupt Pasta gegessen?
* wie lange schon ist Tomatensauce verbreitet?
* seit wann essen westdeutsche Spaghetti?
* Und wer ist Schuld? Die Gastarbeiter? Die Italienurlauber? Miracoli?
* Und wie kommen eigentlich die Löcher in die Makkaroni?

Also verließen wir dann erst einmal die Auskunft und die dortige Diskussion und betrieben etwas weitere Recherche. Das heimische "Kochbuch der Haushaltungs- und Kochschule des Badischen Frauenvereins", veröffentlicht 1913 in Karlsruhe, kennt sowohl Makkaroni wie auch Spaghetti. Ungewohnt für heute: die Makkaroni werden in "halbfingerlange Stückchen gebrochen" und dann 25 bis 30 Minuten gekocht.

Neben den diversen Makkaroni-Gerichten gibt es auch einmal Spaghetti. Die Priorität ist klar. Spaghetti werden erklärt als "Spaghetti ist eine Art feine Makkaronisorte. Beim Einkauf achte man darauf, daß sie nicht hohl sind"

Die "Basler Kochschule. Eine leichtfaßliche Anleitung zur bürgerlichen und feineren Kochkunst" von 1908 kennt keine Spaghetti aber diverse Gericht mit "Maccaronis". Darunter sogar schon die Variante "a la napolitaine" mit Tomatensauce.

Weitere Recherche. Weitere Erkenntnisse bringt das Buch "Meine Suche nach der besten Pasta der Welt: Eine Abenteuerreise durch Italien", das die Ankunft der Makkaroni in Deutschland auf das frühe 18. Jahrhundert verlegt. Die 1701 nachweisbaren "Macronen" waren wohl eher Lasagne, aber Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden in Prag und Wien echte Makkaroni-Fabriken.

Die Pasta folgte anscheinend den jungen Männern der Grand Tour aus Italien in das restliche Europa. Bestimmt waren die Grand Tours für junge Männer, die mal etwas von der Welt sehen und klassische europäische Bildung mitbekommen sollten, die auf der Tour aber anscheinend nicht nur Statuen und Kirchen kennenlernten, sondern auch Pasta.

Philip Dawe, The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade (1773) - 02
Der Macaroni. Der Hipster seiner Zeit. Bild: Philip Dawe: The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade, 1773.

In England gab es sogar einen eigenen Modestil Macaroni für exaltierte junge Männer - "a fashionable fellow who dressed and even spoke in an outlandishly affected and epicene manner". Die englische Wikipedia schreibt dazu lakonisch: "Siehe auch: Hipster. Metrosexuell." Komplett falsch wäre wohl auch die Assoziation zur Toskana-Fraktion nicht.

Nach diesen extravagant und auffallend auftretenden jungen Männern ist nun wiederum im Englischen der Macaroni penguin - auf deutsch der Goldschopfpinguin - benannt.


Makkaroni-Penguin. Benannt nach dem Stil, nicht nach den Nudeln. Bild: Macaroni Penguin at Cooper Bay, South Georgia von Liam Quinn, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Wie aber kommen nun die Löcher in die Makkaroni? Und seit wann? Licht in dieses Dunkel bringt die "Encyclopedia of Pasta." Diese lokalisiert die Entstehung der maschinellen Pastafertigung - die für Makkaroni in zumutbarer Menge unvermeidlich ist - in die Bucht von Neapel in das 16. Jahrhundert. Dort existerte eine Heimindustrie mit Mühlen, an die sich relativ problemlos eine im 16. Jahrhundert aufkommende ’ngegno da maccarun anschließen lies, die es den Neapolitanern ersparte stundenlang im Teig herumzulaufen, um ihn zu kneten: im Wesentlichen Holzpressen mit einem Einsatz aus Kupfer, je nach Form des Einsatzes entstehen verschiedene Nudelsorten und damit unter anderem Makkaroni. Die Makkaroni wurden dann in langen Fäden zum trocknen in die süditalienische Sonne gehängt.


Sommer, Giorgio (1834-1914) - n. 6204 - Napoli - Fabbrica di maccheroni
Neapel, 19. Jahrhundert. Bild: Giorgio Sommer (1834-1914), "Torre Annunziata-Napoli - Fabbrica di maccheroni". Fotografia colorita a mano. Numero di catalogo: 6204. 

Das hat alles nicht mehr wirklich etwas mit Spaghetti und der DDR zu tun, beantwortet nicht, warum die Deutschen in den 1960ern plötzlich lieber Spaghetti als Makkaroni mochten, oder warum die Makkaroni bei ihrem ersten Zug über die Alpen die Tomatensauce in der Schweiz ließen? Warum gibt es in Deutschland kein Äquivalent zu "Macaroni and cheese" (mehr)? Gab es ein Miracoli-Äquivalent in der DDR, bei dem es Pasta, Sauce und Käse schon in einer Packung gab? Warum sind Makkaroni in Deutschland tendenziell lang und dünn in vielen anderen Ländern aber dicker und hörnchenförmig-gebogen? Es ist hochspannend. Und ein Grund, noch viel mehr zu recherchieren.

Die Verschwundenen

18:28, Monday, 06 2018 August UTC

Crossposting eines Posts von mir aus dem Wikipedia Kurier. Erfahrungsgemäß lesen das dort und hier ja doch andere Menschen.

Wikipedistas kommen und gehen. Manchmal gehen mehr, manchmal weniger. Einzelne davon fallen durch ihr Wirken in der gesamten Wikipedia auf oder versuchen sich wenigstens durch einen spektakulären Abgang in Szene zu setzen. Die meisten Autoren und Autorinnen aber gehen genauso still und leise wie sie gekommen sind und gearbeitet haben.

Die unseligen Autorenschwund-Debatten der unseligen Wikimedias kümmern sich ja um Zahlen und nicht um Autorinnen und Autoren. Wie armselig! Den Meta-aktiven Communitymitgliedern - aka Wikifanten - fallen vor allem die anderen Wikifanten auf, die entschwanden. Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es um lauter einzelne Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Arbeitsstilen und Interessen geht, die in Wikipedia tätig waren und sind. Es gibt vor allem diejenigen, die kommen, einen Beitrag leisten und dann wieder verschwinden. Der größte Teil der tatsächlichen Wikipedia wird von Menschen und Accounts gestaltet, deren Edits fast nur im Artikelnamensraum aufzufinden sind. Manchmal arbeiten sie unermütlich über viele Jahre, manchmal auch nur einige Wochen an einen oder zwei Artikeln. Viele davon sind als IP aktiv, so dass sich fast nichts über sie sagen lässt. Vielleicht sind die Beitragenden per IP auch gar nicht viele, sondern eine einzige sehr fleißige Autorin? Wer weiß?


 Viele Wikipedianerinnen und Wikipedianer sind derzeit inaktiv.

Anlässlich des Projektes WikiWedding und in meinem Bestreben möglichst viele Wedding-Aktive daran zu beteiligen, lese ich ja derzeit viele Artikel zu einem Themengebiet, das mir in den letzten Jahren eher fremd war und an dessen Entstehung ich nicht beteiligt war. Wer sich in den letzten Monaten am Thema beteiligt hat, ist mir bewusst, wer sich von 2001 bis 2014 des Weddings angenommen hat, musste ich nachlesen. Eine spannende Lektüre voller mir unbekannter Namen und Accounts. Neben einigen mir bekannten Wikipedistas waren dort vor allem mir unbekannte Accounts. Accounts, die oft aufgehört haben zu editieren. Meist sind sie still und leise gegangen. Ihre Edits und Kommentare geben keinen Hinweis warum. Aber anscheinend war es anderswo schöner. Oder sie hatten den Einruck, alles in Wikipedia geschrieben zu haben, was sie beitragen wollten. Um diesen Autorinnen und Autoren zumindest nachträglich etwas Aufmerksamkeit zu geben, um ihre Namen kurz aus den Tiefen der Versionsgeschichten zu retten, sollen hier einfach einige Autorinnen(?) und Autoren gewürdigt werden, die sich um den Wedding in Wikpedia bemühten bevor sie verschwanden.



Da ist zum Beispiel der Artikel zur Chausseestraße. Ein Mammutwerk von Gtelloke, dessen Wikipedia-Edits sich von Juni bis Dezember 2012 fast ausschließlich auf diesen Artikel beschränkten.


Bild: Die Chausseestraße 114-118 in Richtung Invalidenstraße von Gtelloke
Lizenz: CC-BY-SA 3.0



Da ist der Artikel zum Wedding selber. Angelegt 2002 von Otto, dessen letzter Edit aus dem Dezember 2004 stammt. Im November 2004 dann maßgeblich ausgebaut von Nauck, der sich auch sonst dem Ortsteil und seinen Themen widmete. Artikel zu Moabit, den Meyerschen Höfen, Mietskasernen und Schlafgängern waren Teil seines kurzen Werks, das im Wesentlichen nur zwei Wochen im November 2004 dauerte, aber die Grundlagen wichtiger Artikel zur Berliner Sozialgeschichte legte. Ein Blick auf seine Benutzerseite zeigt auch den Geist der Wikipedia-Frühzeit: ''GNU rockt! Der König ist tod, lang lebe das Volk! Lang lebe die Anarchie des Netzes! Licht und Liebe''

Weiterer Ausbau erfolgte durch 87.123.84.64, auch zu wikipedianischen Urzeiten. Dann passierte 500 Edits und acht Jahre im Wesentlichen nichts – mal ein Halbsatz hier, mal die Hinzufügung von drei Bahnstrecken dort, Hinzufügen und Löschen von berühmten Persönlichkeiten bis im Dezember 2014 der erste heute noch aktive Wikipedianer hinzukommt: Fridolin freudenfett verpasst dem Artikel mit „Katastrophalen Artikel etwas verbessert)“ eine Generalüberholung.

Der Leopoldplatz; angelegt von Frerix, der in den immerhin fünf Jahren seiner Wikipedia-Aktivität nie auch nur eine Benutzerseite für nötig hielt und anscheinend auch in keine Diskussion verwickelt wurde.  Zu seinen wenigen Beiträgen gehören neben der Anlage des Leopoldplatzes auch noch die Anlage der englischen Stadt Sandhurst, die Anlage des Kreuzviertels in Münster und des Three Horses Biers. Dann war er/sie wieder weg. Mutter des Artikels ist hier aber 44Pinguine, die den heutigen Inhalt maßgeblich prägt und auch heute noch aktiv ist.

Da wäre das Wahrzeichen des Weddings. Die Alte Nazarethkirche. Der Artikel stammt vor allem von 62.246.210.30.


Bild: Leopoldplatz, Ev. Alte Nazarethkirche, 1832–35 von Karl Friedrich Schinkel von Schliwiju

Nichts war für die Entwicklung des Weddings wohl so entscheidend wie die Geschichte der AEG. Dieser Artikel stammte in seiner Frühzeit von WHell, engagiertem Wikifanten, mit ausführlicher Artikelliste und Diskussionsseite, der uns 2007 verließ. Der letzte Eintrag auf seiner Diskussionsseite war „Hallo WHell, ich möchte Dich als den Hauptautor darüber informieren, dass ich den Artikel John Bull (Lokomotive) in die Wiederwahl zum Exzellenten Artikel gestellt habe,“ Größere Beiträge zur WEG folgten in den späteren Jahren durch Peterobst – aktiv von Februar bis April 2006 vor allem mit Beiträgen zur Berliner Industriegeschichte, nach seiner Benutzerseite AEG-Kenner und in Arbeit an einem Buch über den Konzern. Es folgten 80.226.238.197, von Georg Slickers 2006 (auch heute noch aktiv, wenn auch recht unregelmäßig), Flibbertigibbet 2006 , 79.201.110.89 im Jahr 2008 und der unermüdlichen 44Pinguine. Weiter ausgebaut von Onkel Dittmeyer, aktiv von 2009 bis Juli 2015 in Technikthemen und vielleicht immer noch unter neuem Account? Begann seine Karrier mit der Nutzerseite „Hier ist Nichts und das soll so bleiben !“ und hielt sich im Wesentlichen daran.

Da ist der Volkspark Rehberge. Angelegt von Ramiro 2005, aktiv 2005/2006, vor allem zum Thema Fußball. Maßgeblich ausgebaut, umfassend überarbeitet 2007 von 84.190.89.208 und noch einmal 2010 stark erweitert von Katonka. Landschaftsplaner mit unregelmäßigen Edits zwischen 2009 und 2014, die Edits waren wenige, aber die Qualität war hoch.


Bild: LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin Mitte - Panoramabild auf die Wiesen des Volkspark Rehberge in Berlin, Wedding (Mitte). Von: Patrick Franke Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Neben diesen Verschwundenen tauchen glücklicherweise aber auch heute noch aktive Wikifanten auf. Immer wieder 44Pinguine und Fridolin freudenfett. Darüber hinaus Definitiv, Magadan, Flibbertigibbet und Jo.Fruechtnicht.

Die Artikel entstanden durch Wikifanten und IPs. Accounts mit nur einem Thema oder anderen, die über Jahre thematisch sprangen. Während in der Frühzeit aber viele verschiedene Accounts und IPs an den Artikel beteiligt waren, waren in den letzten Jahren deutlich weniger Menschen aktiv. Fast alle inhaltlichen Edits in den von mir angesehenen Artikeln verteilen sich auf 44Pinguine,  Fridolin freudenfett und Definitiv. Wikipedia wird kleiner und noch lebt sie. Aber wir können all‘ den Verschwundenen danken, die vor uns kamen.

Berlin celebrates old school #wikipedia15

14:36, Wednesday, 06 2018 June UTC

I still remember the time when real life meetings for Wikipedians were new and adventurous and a bit scary. Did one really want to meet these strange other people from the Internet? How would they be? Could they even talk in real life or would they just sit behind a laptop screen staring on it for hours?

My first meeting in Hamburg – THE first Wikipedia meeting in Hamburg - would consist of three people (Hi Anneke, Hi Baldhur!) sitting in a pub, and just waiting and seeing what would happen. These meetings were kind of improvised, in a pub, quite private and personal in nature and no talk about projects, collaborations, “the movement” whatever. Just Wikipedia and Wikipedians having a nice evening.

WP15 Germany Berlin 01
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

So what a fitting setting to celebrate this day in Berlin just the old school way. Half improvised, organized by our dearest local troll user:Schlesinger on a talk page, we met in a pub, it was not clear who would come and what would happen except some people having a good time.

And so It was. In the “Matzbach” in the heart of Berlin-Kreuzberg seven people promised to come, in the end we were almost twenty. Long time Wikipedians, long-time-no-see-Wikipedians, a Wikipedian active mostly in Polish and Afrikaans, some newbies and two and a half people from Wikimedia Deutschland. Veronica from Wikimedia Deutschland brought a tiny but wonderful home-baked cake, and we just talked and laughed, talked about history and future.  Actually, mostly we talked about future.

WP15 Germany Berlin 03
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

About the Wikipedian above 30, who has just started a new a university degree in archaeology, the question whether the Berlin community should have its own independent space, industrial beer, craft beer and the differences, the district of Berlin-Wedding, the temporary David-Bowie-memorial in Berlin-Schöneberg, the vending machine for fishing bait in Wedding, new pub meet-ups in the future, who should come to the open editing events, how to work better with libraries, colorful Wikipedians who weren’t there, looking for a new flat, whether perfectionism is helpful or rather not when planning something for Wikipedians, explaining Wikipedia to the newbie, the difficulties of cake-cutting and whatsoever.

No frustration, almost no talk about meta and politics, just Wikipedians interested in the world, Wikipedia and eager to be active in and for Wikipedia and with big plans for the future. Old school. So good.

WP15 Berlin Torte angeschnitten


Mensch-Maschine Braunschweig


Im ICE ist Deutschland. Der Zug fährt ein und hält. Das Schild am Gleis behauptet tapfer „Zugdurchfahrt“. Die Türen lassen sich öffnen. Am Zug steht nichts geschrieben, außer Wagennummern, die nicht zu den Reservierungen passen. Das Publikum bleibt irritiert. Etwa die Hälfte der Anwesenden geht in den Zug und bleibt im Wageninnern ratlos stehen. Die andere Hälfte steht ratlos am Bahnsteig. 

Schließlich: Lichter gehen an. Der Zug verkündet mittels seiner Anzeigen nun auch, nach Kassel zu fahren.  Eine Frau entschuldigt sich über die Lautsprecheranlage über die falschen Wagennummern, man solle ich immer zehn wegdenken „Also 22 statt der angezeigten 32.“

Ein Mensch mit re:publica-Bändchen am Arm verscheucht die ältere Dame ohne Reservierung von seinem Platz und liest den gedruckten Spiegel. Ich höre ein angeregtes Gespräch zwischen einem Musicaldarsteller und einer Abteilungsleiterin im Innenministerium, die sich gerade kennenlernen über, den relativen Wert von Musikgymnasien in Berlin. Geht es noch deutscher?

Illustration aus dem Buch ""Le tour du monde en quatre-vingts jours" Alphonse de Neuville & Léon Benett


Passenderweise habe ich ein entsprechendes Buch mitgenommen. Nils Minkmars „Mit dem Kopf durch die Welt.“ Das hat schon auf dem Cover ein ICE-Fenster und geht der Frage nach, was Deutschland bewegt. Minkmar lässt sich über deutsche Normalität aus. Der deutsche Ingenieur, lange Jahrzehnte Sinnbild der Normalität, sei nicht mehr normal. Minkmar erzählt aus seiner französisch-deutschen Kindheit:


„Meine Mutter nannte dann immer eine Berufsgruppe, die uns besonders fern war, nämlich les ingenieurs. Wir waren in Deutschland […] und das ganze frisch aufgebaute Land ruhte auf Säulen, die les ingenieurs berechnet, gegossen und zum Schluss noch festgedübelt hatten. […] Viele Jahre später sollte ich die Gelegenheit haben, diese seltene Spezies besser studieren zu können. Sie saßen direkt hinter mir, zwei ausgewachsene Exemplare: Ingenieure, Familienväter, auf der Rückfahrt von einer Dienstreise. Sie plauderten über die sich verändernden Zeiten. […] Fernsehen, Marken, Politiker, auf keinem Gebiet fanden sich diese beiden braven Männer wieder, alles zu grell und bunt, zu aufgeregt. Ihre spezifischen Werte und Tugenden, Sorgfalt und diese stille Freude an der eigenen Biederkeit, das alles war an den Rand gerückt. Ingenieure waren nun Exzentriker. […] Diese Männer fanden sich kulturell kaum zurecht.“

Wenn „der deutsche Ingenieur“ nicht mehr normal in Deutschland ist, sind es jetzt Ministerialbeamtinnen und Musicaldarsteller?




Forschung Maschinenbau Braunschweig


Minkmar war noch nicht in Braunschweig. Oder Braunschweig ist nicht normal. Da steige ich harmlos aus dem Zug und die Stadt schlägt mir „Deutscher Ingenieur“ rechts und links um die Ohren. Braunschweig hebt das Thema "autogerechte Stadt" in Höhen, die selbst mir als gebürtigem Hannoveraner unerreichbar schienen.

Braunschweig. Bahnhofsvorplatz.


VW ist daran beteiligt, ist klar in der Gegend. Aber nicht nur. Ich wandelte also Freitagabend gegen 21 Uhr auf der Suche nach einem Wegbier durch das verlassene Braunschweig, passierte die Stadthalle und wurde prompt begrüßt mit „Tag des Maschinenbaus. Herzlich Willkommen.“



Vor allem aber  fiel mir bei diesem Wandeln auf, wie unglaublich gepflegt diese Stadt aussieht. Ich erblickte  keine einzige Kippe auf dem Weg. Selbst die Großbaustelle, über die irrte, wirkte irgendwie aufgeräumt. Viel verwunderlicher war, dass selbst die in Braunschweig reichlich vorhandenen 1970er-Großbauten gepflegt und sorgsam hergerichtet wirkten. Die Stadthalle selber, offensichtlicher spät 1960er/früh 1970er-Stil wirkte besser gepflegt als Berliner Gebäude nach zwei Jahren. Die Wege und Lampen darum herum: offensichtlich keine zehn Jahre alt. Sie wirkten wie frisch aus der Packung genommen.

Wegbier. In Braunschweig nur schwerlich aufzutreiben, dann aber stilgerecht,


Selbst die Schwimmbäder sind alle gepflegt(*), alle haben gleichzeitig geöffnet und keines ist aus obskuren Gründen gesperrt. Da spielt nicht nur bürgerschaftliches Engagement eine Rolle, sondern offensichtlich ist auch Geld vorhanden.

Auf dem Hotelzimmer, noch so ein sehr gut gepflegter und hergerichteter Bau, der einem „1970er!“ ästhetisch schon ins Gesicht schreit, mit dem Hotel-Wlan (7 Tage, 7 Geräte) nachlesend, wie das nun ist mit Braunschweig. Bekanntes taucht beim Nachlesen auf: Die physikalische-technische Bundesanstalt mit der Atomuhr; geahntes lese ich (Volkswagen – hey, das ist Niedersachsen und die Technische Universität existiert ja auch) und nicht bekanntes:

„Im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) verfügt die Region Braunschweig über die höchste Wissenschaftlerdichte,[103] im bundesweiten Vergleich über eine hohe Ingenieurquote[104] sowie über die höchste Intensität auf dem Gebiet der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In der Region Braunschweig arbeiten und forschen mehr als 16.000 Menschen aus über 80 Ländern[105] in 27 Forschungseinrichtungen sowie 20.000 Beschäftigte in 250 Unternehmen der Hochtechnologie[106]“

Dazu noch „Braunschweig ist die Stadt mit der niedrigsten Verschuldung Deutschlands.“ Und nach einer obskuren EU-Rangliste ist Braunschweig  die innovationsfreudigste Region der EU vor Westschweden und Stuttgart. Hier lebt der deutsche Ingenieur. Hier lebt die deutsche Technik. Was für ein passender Ort für Jules Verne.


Jules Verne


Jules Verne; französischer Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts und vor allem bekannt als "Vater der Science Fiction." Von seinem vielfältigen Werk sind vor allem die Abenteuer-Techno-Knaller wie Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, die Reise Von der Erde zum Mond oder die Reise zum Mittelpunkt der Erde bekannt. Wikipedia und die Deutsche Jules-Verne-Gesellschaft hatten ein gemeinsames Wochenende organisiert mit einer Tagung zu Jules Verne und Gesprächen zu Wikipedia.

Volker Dehs bestreitet das halbe Programm


Jules Verne, mir vor allem bekannt durch vage Erinnerungen an den 1954er Nemo-Film, Weiß-orange Taschenbücher und einen blau eingebunden Robur-Roman, der mich verstörte, weil er so anders war als die großen mir bekannten Abenteuerromane von Jules Verne. Warum ich überhaupt fuhr: Intuition. Ich hätte nur schwerlich begründen können, was genau mich reizte, aber die Mischung aus Vertrauen in die Veranstalter, Science Fiction und Neugier auf diese andere niedersächsische Stadt nach Hannover, trieben mich dorthin.

Verne selber gilt als Begründer Science Fiction. Und so bringt er als Autor frankophile Literaten und Groschenromanfans, Ingenieure und Naturwissenschaftler zusammen. Besessene Bibliographen waren Thema und Anwesend, ebenso wie die phantastische Bibliothek in Wetzlar – die Mischung der Jules-Verne-Aktiven unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Mischung der Wikipedia-Aktiven. Die Perspektiven, aus denen Verne hier unter die Lupe genommen wurden, waren vielgestaltiger als sie es in der Literatur sonst sind. Faszinierend hier war die Neigung unterschiedlicher und leicht besessener Menschen sich zu einem Thema auseinanderzusetzen.

Haus der Braunschweigischen Stiftungen - Veranstaltungsort.



Dementsprechend hatte der Veranstalter, der Wikipedia-Autor Brunswyk das Programm gestaltet: ist Verne eher katholisch oder eher laizistisch? Kam der Wille zur Aufklärung in seinen Büchern durch seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel hinein, während auf Verne eher zurückgeht, dass alles menschliche Streben gegenüber der göttlichen Macht sinnlos bleibt? Wen inspirierte er? Ist es eine sinnvolle Frage, dem nachzugehen, welche seiner Voraussagen, sich bewahrheiten? Dazu kamen dann noch Exkursionen zu Friedrich Gerstäcker, Fenimore Cooper, die Ingenieure, die ihre U-Boote dann nach Jules Verne „Nautilus“ nannten – und stark von diesem beeinflusst waren

Für mich brachte das Treffen interessante Erkenntnisse, wie die Tatsache, dass Verne immer Theaterautor oder – produzent werden wollte und wie sehr der Katholizismus sein Denken beeinflusste. Romancier war er eher gezwungenermaßen – und verdiente mit seinen zwei erfolgreichen Theaterstücken in seinem Leben ein Viertel so viel Geld wie mit etwa 80 bis 100 Romanen.

Interessant das Rätseln aller Anwesenden, warum Vernes Roman "der Grüne Strahl" so ein kommerzieller Erfolg war, was niemand der Anwesenden nachvollziehen konnte. Und dann eine Dreiviertelstunde später kam die Bemerkung in einem anderen Zusammenhang, dass "der Grüne Strahl" quasi Vernes einziges Buch mit einer weiblichen Hauptfigur war. Ich ahne einen Zusammenhang, Update: Es kam wie es kommen musst. Da denke ich mal, ich habe etwas entdeckt, dabei habe ich nur etwas falsch verstanden. Tatsächlich ist Der Grüne Strahl nicht das einzige Werk mit einer Protagonistin. Das prägnanteste Buch ist dabei Mistress Branican, da hier die Titelfigur die komplette Handlung quasi im Alleingang bestreitet. Aber auch in anderen Büchern spielen Frauen eine wichtige Rolle (und dieser Umstand war Jules Verne sogar so wichtig, dass er in Interviews darauf hinwies): Die Kinder des Kapitän Grant, Nord gegen Süd, Reise um die Erde in 80 Tagen, Das Lotterielos ... und einige mehr.

Für mich neu war die Erkenntnis, dass ein Großteil von Vernes Werk gar nicht in den Bereich Science Fiction gehört, sondern es (fiktive) Reisebeschreibungen sind. Und selbst dort wo Verne Maschinen und phantastische Gerätschaften erfindet, dienen diese vor allem dem Zweck zu reisen.

Und jetzt recherchiere ich, natürlich, zum Grünen Strahl.

Die Phantastische Bibliothek


Meine beiden Programmhighlights beschäftigten sich nur mittelbar mit Jules Verne. Sie kamen von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar: zum einen der Rückblick von Thomas Le Blanc auf Wolfgang Thadewald. Den großen Phantastik- und Jules-Verne-Sammler. Thadewald verstarb 2014. Er lebte in Langenhagen. Mehrere der Anwesenden hatten ihn noch persönlich gekannt. Und die Schilderung seiner Sammlertätigkeit, seiner Liebe zu Büchern und zu Menschen, aber auch die Besessenheit mit der Thadewald an ein Thema heranging und auch von Krankheit schon schwer gekennzeichnet das Arbeiten an Bibliographien nicht lassen konnte – es ließ sich nicht anders beschreiben als bewegend. Sicher war dieser Vortrag mein emotionaler Vortrag des Programms.

Wer auch immer aber auf die Idee kam, den Vortrag von Klaudia Seibel zu Future Life: Wie (nicht nur) Jules Verne dabei hilft, die Zukunft zu gestalten an Ende der Konferenz zu legen: Chapeau! Das Projekt ist, kurz gesagt, ein Projekt der Phantastischen Bibliothek. Die stellt zu bestimmten Themen Dossiers zusammen, wie Science-Fiction-Autoren sie sich vorstellen. Die Berichte  werden manchmal von öffentlichen Stellen, öfter von Großunternehmen bestellt, die damit selber zukunftsfähig werden wollen und in die Zukunft denken.

So als Beispiel: Nanotechnische Ideen in der Science Fiction



Wobei Auftraggeber von Staats wegen selten sind. Die meisten Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. Die allerdings meist gleich umfangreiche Verschwiegenheitsklauseln verlangt, weshalb die Phantastische Bibliothek da wenig zu sagen kann.

Da haben also Autoren und Mitarbeiter der Bibliothek ein profundes Wissen über die Science-Fiction-Literatur und die größte Bibliothek ihrer Art im Hintergrund und seit mittlerweile einigen Jahren eine große Datenbank aufgebaut, was Autoren zu verschiedenen Themen schreiben.

Als jemand, der ich selbst weiß, wie viele Situationen ich durch gelesene Bücher interpretiere – Bilder aus diesen Büchern im Hinterkopf habe und mir immer wieder mal sagen muss, dass ein Roman nur bedingt real ist, glaube ich sofort, dass es nichts gibt, was so sehr Denkprozesse auslösen und Kreativität triggern kann, wie Romane. Der befreit das Hirn gerade vom strikt logisch-folgerichtigen Denken, verrückt die Perspektive etwas nach links oder oben, und schon öffnen sich vollkommen neue Gedankenwege. Die Idee ist so brillant, dass es überraschend ist, dass sie wirklich angenommen wird. Anscheinend wird sie das.


Mensch Maschine Normal


Und nachdem ich dann wieder im Zug saß und das erste Handy-Ticket meines Lebens gekauft hatte, fragte ich mich wieder. Ist diese Stadt – die mir in vieler Hinsicht – so unfassbar „normal“ vorkommt, vielleicht die große Ausnahme? Sind die Musicaldarsteller, die mit „dem Alex“ [Alexander Klaws] telefonieren, normal? Die Menschen im Ministerium? Die größten Jules-Verne-Experten des Landes, die alle noch einen anderen Brotjob haben? Oder eher die Normalität vieler Menschen, die darin besteht, am Ende des Monats zu überlegen, wie denn die letzten 10 Tage mit dem leeren Konto noch überbrückt werden können?





Brauschweig ist die verstädterte Mensch-Maschine-Kopplung. In seiner Normalität sicher schon wieder ein Ausnahmefall in Deutschland. Aber ich sah die Zukunft: sie sitzt in einer Bibliothek in Wetzlar und liest Science-Fiction-Romane.

Weiterlesen


Mit Wikipedianern kann man nicht nur Verne lesen, sondern auch Cocktails mischen: Ramos Gin Fizz für die Enzyklopädie.

Oder man läuft mit Wikipedianern durch den Wedding:Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Mehr zu Future Life bei der phantastischen Bibliothek: Future Life. 

Zum Jules-Verne-Club

Die Wikipedia-Seiten zur Veranstaltung: Wikipedia:Wiki Loves Jules Verne

Beiträge zur Veranstaltung im Wikipedia-Kurier und im Blog von Wikimedia Deutschland.

Der grüne Strahl im Gesamttext bei zeno.org: Der grüne Strahl

Alle Iberty-Posts zur Kultur stehen unter: Kultur in Iberty!

Anmerkungen


Auch zu Schwimmbädern ein schönes Minkmar-Zitat aus dem Mit-dem-Kopf-durch-die-Welt.Buch:

„Nichts gegen das große Geld und die wenigen, die es genießen können, aber die Stärke mitteleuropäischer Gesellschaften liegt gerade in der Mischung. Für Reiche ist es in Singapur, Russland und Malaysia ideal. […]Glaspaläste und Shopping Malls gibt es auf der ganzen Welt, bald vermutlich auch unter Wasser und auf dem Mond. Öffentliche Freibäder, Stadtteilfeste oder Fußgängerzonen, in denen sich Reiche und Arme, Helle und Dunkle, Christen und Muslime mit ihren Kindern vergnügen und drängeln, gibt es nur hier. Ich fand es immer erstaunlich, dass es in Algerien beispielsweise keine öffentlichen Schwimmbäder gibt oder dass man in den USA oder in Brasilien Mitglied in einem Club werden muss. Das ist eine teure und in vieler Hinsicht sozial sehr voraussetzungsreiche Angelegenheit, nur um mit den Kindern mal schwimmen zu gehen, es sei denn natürlich, jeder hat seinen eigenen Pool im Garten, was, für mich zumindest, wie eine Definition von struktureller Langeweile klingt.“ (s. 104)

Reisen mit WP: Schloßhotel Karlsruhe

10:27, Sunday, 27 2018 May UTC

Für Wikipedia/Wikimedia reise ich mehrmals pro Jahr durch die Gegend. Dabei muss ich muss ich natürlich auch irgendwo übernachten. Daraus entstand diese Serie.

Die Frühlings-Mitgliederversammlung des Vereins fand diese Jahr in Karlsruhe statt. Die Geschäftsstelle quartierte uns dafür im Schloßhotel Karlsruhe ein. Das Schloßhotel liegt direkt am Bahnhof bzw. am Zoo. Warum die Deutsche Bahn glaubte mich für die max. 200m zwischen Bahnhof und Hotel mit dem Bus fahren zu müssen (beim Rückweg sogar mit 1x Umsteigen) wird für ewig ihr Geheimnis bleiben.

Die Aufmachung des Hotels ist so edel wie der Name klingt. Ein repräsentativer Bau aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Das merkt man auch gleich, wenn man den Aufzug betritt: Er ist ein Denkmal und stammt von 1914. Hohe Räume und Teppichboden fanden sich überall. Die Preise des Hotelrestaurants ließen schlucken, auch wenn die Beschreibung der Gerichte sehr gut klang.

Am Empfang war nichts los und so kam ich direkt dran. Der Zutritt zu den Zimmern wird über Nearfunk Chipkarten gelöst: Hat den Vorteil das man keinen Schlüssel mit sich herumschleppen muss. Das Zimmer war schön eingerichtet: Bett, Schranknische, Schreibtisch, Stuhl, Hocker und Sessel. Das Zimmer war vollklimatisiert, verfügte aber trotzdem über einen großen Heizkörper und man konnte das Fenster – vom Typ französischer Balkon – öffnen. Leider war die Straße vor meinem Zimmer so laut das mit offenem Fenster zu schlafen kein Option war – zum Lüftern aber durchaus geeignet.

Das Bett kam mir etwas schmäler als normal vor, war aber durchaus ok. Ein großes und ein kleines Kissen warteten bereits auf mich. Laut Zimmermappe können diverse andere Kissen dazubestellt werden; auf Wunsch kann auch die Bettwäsche täglich gewechselt werden.

Das Bad scheint ein Teilnehmer um den Preis für die kleinste Bad-Grundfläche zu sein. In den ca. 1,5x1,5m großen Raum wurden eine Dusche, ein WC und ein kleines Waschbecken gequetscht – die Tür ließ sich dabei nur halb öffnen und blieb dann an der Klöschüssel hängen. Bei der letzten Modernisierung wurde die die Duscharmatur wohl falsch herum angeschlossen: Ein Schild weißt auf die Vertauschung hin.

Das Zimmermädchen kommt früh – für meine Verhältnisse zu früh. Am Samstag wollte man schon gegen 9:30 saubermachen: Da lag ich noch im Bett. Als ich am Abend ins Hotel zurück kam, war mein Zimmer aber gereinigt worden. Am Sonntag hatte ich vorsichtshalber das Bitte-nicht-stören-Schild an die Türklinke gehängt – als ich gegen 10:45 das Zimmer zum Auschecken verließ war der Herr von der Zimmerreinigung schon da.

Das Frühstück war auch am Wochenende nur bis 10 Uhr. Für mich war die Auswahl mehr als ausreichend: Verschiedene Arten von Brötchen (auch Sesambrötchen), der übliche Wurstaufschnitt, Käse, Cornflakes und die üblichen Frühstück-Getränke eben.

Das Personal, mit dem ich gesprochen habe, war freundlichen und hilfsbereit.

Alles in Allem kann ich mit dem Aufenthalt nur zufrieden sein. Kann WMDE wieder buchen.

Berlin ist groß; deutlich größer als alle anderen deutschen Städte. Berlin bietet seinen Bewohnerinnen und Bewohnern immer wieder neue Straßen, Stadtviertel und ganze Bezirke von denen sie noch nie gehört haben. So fand sich dann vor 10 Jahren eine Gruppe Wikipedistas zusammen, die im Rahmen der KNORKE-Touren Berlin erkundete. (Für mehr Hintergrund, hier der Iberty-Artikel) Einige oder viele Wikipedianer treffen sich, neugierig auf die Stadt um sie herum und erkunden sie. Die Treffen finden dabei unregelmäßig statt. Mal sind sie monatlich, mal alle anderthalb Jahre.

Im Januar 2016 traf sich die erste KNORKE-Runde nach über einem Jahr Pause seit zur Tour entlang der Müllerstraße, dem „Ku’damm des Weddings“. Vom Startpunkt aus, dem Angelgeschäft Koss, beziehungsweise dessen Madenautomaten, ging es weiter zu Gänsen, Enten und Schweinen in der Kinderfarm Wedding. Leider überlebten die Maden im Sägemehl nicht den Gang bis zu den Enten und konnten so nicht mehr als Futterspende dienen. Zwischendurch warfen wir einen Blick auf den Abenteuerspielplatz Telux, laut einem der Knorkisten der erste Abenteuerspielplatz Deutschlands.[citation needed]

Berlin-Weddinger Automatenmaden.

Nach dem Besuch der Schweineställe in der Kinderfarm folgte die Innenbesichtigung des Ernst-Reuter-Hauses mit kurzem Blick auf den Biergarten Eschenbräu, bevor es nach Süden Richtung Bayer Health Care (ehemals : Schering) ging. Am Beispiel des Schering-Parkhauses erörterten wir die Existenz der "brutalism appreciation society" und diskutierten die Frage ob Bauwerken des Brutalismus die Fassadengestaltung mit knalligen Farben eher nutzt oder schadet. An der Dankeskirche am Weddingplatz lebten die wilden Zeiten des Roten Weddings wieder auf, Erich Kästner verewigte den Platz mit seinen wilden Straßenschlachten in seinem Roman Fabian.

Ein Fall fur die brutalism appreciation society.

Danach ging es an der Panke entlang zu einem der ungeplanten Höhepunkte der Tour: dem Tanz auf dem Guglhupf. Das Kunstwerk mit dem offiziellen Namen „Tanz auf dem Vulkan“, das offensichtlich von einer engagierten Kunststudentin im ersten Semester geschaffen wurde, regte auf jeden Fall zur intensiven Diskussion an.

Nachdem einem Blick auf das Stadtbad/Stattbad Wedding - das wegen des Brandschutzes geschlossen werden musste - überlegten wir wann es dem Krematorium Wedding wohl genauso geht. Beide Sightseeingpunkte wurden noch mit Geschichten der jetzigen und ehemaligen Bewohner des Weddings abgerundet. Schnee und Kälte zwangen uns dann zu einem Kaffeestop in einem der zahlreichen inhabergeführten migrantischen Geschäfte der Müllerstraße.

Kunst im öffentlichen Raum. Der Tanz auf dem Guglhupf.

Dann noch schnell ein Schinkel-Bau, am interkulturellen Garten Himmelbeet die Überlegung ob es ein nicht nur eines Lokals B in Berlin bedarf, sondern auch eines Lokalen Beets B, noch schnell eine weitere Kirche abgehakt, das Rathaus Wedding auf dem ehemaligen Gelände von Onkel Pelles Rummelplatz - auch dieser mit einer Würdigung durch Kästner. Ob die neu eraute Schiller-Bibliothek schick war oder eher nicht, daran schieden sich die Geister. Am Platz des unscheinbaren AOK-Gebäudes erbargen sich die Pharus-Säle, einst das "Wohnzimmer der KPD" im Wedding und die Schiller-Bibliothek. Abschluss für die frierende Gruppe dann schließlich beim exzellenten "Rebel Burger" mit Coleslaw, Pommes-Twister im stilechten denkmalgeschützten 50er-Jahre-Kiosk. KNORKE kommt wieder. Im Jahr 2016 bestimmt.

This is friend is not the end (anymore): Das ehemalige Krematorium Wedding

Resist to Exist - The Kids are alright

15:15, Wednesday, 16 2018 May UTC


Nach Wacken geht’s zum Kacken.
Der Antifaschist fährt zum Resist.
Auch wenn es pisst. (Henne, Sänger von Rawside)

Junge Männer klettern auf den Bühnenzaun, schwenken die Fahne der Antifaschistischen Aktion. Die Ordnerin mit Union-Berlin-Käppi rennt herbei, versucht sie wieder herunter zu bewegen. Die dünne junge Frau mit der Rockabilly-Frisur, den Docs und dem „No Pasaran“-Tattoo bindet sich derweil die Haare, während zwei andere junge Frauen mit blonden bzw. blauen Haaren dem Typ mit dem halbnackten Oberkörper Schlamm ins Gesicht schmieren. Auf der Bühne rührt ein Russe mit Eishockeytorwartmaske, weißen Markenturnschuhen (wie hat er die in diesem Schlamm so weiß gehalten) irgendwas über Widerstand.

Nebenan, im Kuhstall, die Punks in den Polizeiuniformen, lassen es sich im Backstagebereich gutgehen.  Verkaufsstände verkaufen „NZS BXN!“-T-Shirts, der Drugstore von der Potse in Berlin Schöneberg verkauft Solischnapps und die tschechische Antifa hat einen eigenen Merchandise-Stand.
Willkommen im Dorfe in Brandenburg.




Resist to Exist, existiert seit 2003. 2.500 Punks und Freunde aus Deutschland und Europa hören Punk, Hardcore, Streetcore, HC-Rap und Ska. Ursprünglich aus Berlin-Marzahn,  findet das Festival mittlerweile in Kremmen statt: 3000 Einwohner, zwischen Berlin und Neuruppin, umgeben von Rhinluch mit Kremmener See, Schloss Schwante, Schloss Grossziethen, viel Lehm, viel Sand ein wenig Wald, ein Spargelhof und ein Selbstpflücker-Gemüsefeld.


Leicht touristisch erschlossen, aber dann auch ein Brandenburger Kleinstädtchen mit einer Kirche, einer Stadtbibliothek die Dienstags und Donnerstags einige Stunden geöffnet hat. Das größte Ereignis im Kremmener Jahr ist das Erntefest mit Traktorparade. Und hier: Punks. Mehrere tausend, so viele wie ich sie zuletzt bei den Chaostagen 1994 sah. Antifas in Mengen, die mich an Großdemos in der sächsischen Provinz um die Jahrtausendwende erinnern. Und in der Nähe liegt unser Kleinsttierzoo/Garten.




2016 im August


Es war letztes Jahr im August. Friedlich im Garten Buttermilch-Margaritas trinkend hörten wir trommeln und röhren. So vage von gegenüber? War die Tochter der Nachbarin mal wieder da und hörte jetzt bei voller Lautstärke im Zimmer Tote Hosen? Nachdem es nach drei Stunden nicht besser geworden war, begannen wir uns Sorgen zu machen – nicht dass die Tochter mittlerweile taub geworden war. Wir wandelten die Straße entlang, auf der Suche nach der Geräuschquelle. Am Ende der Straße. Alles unverändert. Okay, die Geräuschquelle ist von wesentlich weiter weg,  dann aber wohl sehr laut.
.


Deutschpunk? Nazirock? Die Musikrichtung ist, wenn man nur die Drums hört und ein unspezifisches Gebrüll des Sängers, nicht immer leicht zu unterscheiden. Und in Brandenburg auf dem Dorfe? Die Musik kommt vage aus Richtung Kremmen. Ein Ort, der sich musikalisch bisher dadurch hervortat, dass in der "Musikantenscheune" der Brandenburger Landesparteitag der AfD stattfand. Lässt sich was zum Konzert googeln?



Madame fand etwas in Kremmen: Resist to Exist, die Bands kannte sie alle nicht, uneindeutig. Ich schaute. Okay, Sham69, Total Chaos. Das ist kein Nazirock. Aber Oi? So in der Brandenburger Provinz geht vieles. Zweiter Blick: Rasta Knast, Fuckin‘ Faces, Distemper,  ganz sicher kein Nazirock. Eher im Gegenteil. Klingt spannend. Aber ein paar der Bands waren ja schon alt als ich noch jung war. Eine Traditionsveranstaltung? Egal, es gilt Lehmberge zu versetzen, keine Zeit für.Festivals, die eh schon halb vorbei sind. .

2017 


Es ließ mich nicht das ganze Jahr über nicht los. Die Bands klangen spannend. Der Lehmberg ist mittlerweile versetzt. Das Lineup 2017 ist meins. Ach, Rawside, war auch meine Jugend und ist mittlerweile ein Kandidat für Nostalgietreffen; aber die waren hammergeil. Und viele Bands kenne ich nicht. Vielleicht sind die U40. Klingt so. Das sieht groß aus, das sieht cool aus. Ich will da hin. Aber nur als Besucher? Langweilig. Wenn, dann richtig. Eintritte für Konzerte habe ich schon 1998 nicht mehr bezahlt. Gut, dass es diese Internetenzyklopädie gibt.


Der Wikipedia-Festivalsommer


Der Festivalsommer der Wikipedia existiert seit 2013: Wikipedianerinnen und Wikipedianer gehen auf Festivals, die Wikipedia-Spendengelder sorgen dafür, dass es auch professionelles Fotoequipment gibt. Danach laden die Beteiligten Fotos von Festivals und Bands unter Freier Lizenz auf Wikipedia. Mittlerweile entstand eine hohe fünfstellige Zahl an Fotos von über 1.200 Bandauftritten und knapp 100 Artikel über Festivals und Bands. Alles ehrenamtlich, alles DIY, in der Form sehr anders als das Resist im Spirit aber noch so weit voneinander entfernt. Da nehme ich Teil, schieße Fotos, schreibe einige Artikel (das Festival hat noch keinen, diverse relevante Bands auch noch nicht) und laufe durch den Matsch.



Das Resist


Das Resist entstand in Marzahn. Marzahn in den 1990ern war kein angenehmer Ort, wenn man links war. Nazis rannten dort einige herum und die waren wenig zimperlich in ihren Methoden. Punks und Linke - die es in Marzahn immer gab und gibt - trafen sich im geschützten Biesdorfer Park. Bis das Ordnungsamt das nicht mehr wollte und mit massiven Polizeieinsätzen begann zu räumen. Es gründete sich "Resist to Exist" und ein Soli-Festival. In Marzahn ist das Festival nicht mehr, dafür ist es schöner und größer als zuvor.



Die Resistenten mussten mehrfach den Veranstaltungsort wechseln und sind seit 2016 in Kremmen gelandet. Was spontan und ungeplant begann, ist mittlerweile ein eigener Verein, eine Vorbereitung, die fast das ganze Jahre über läuft und trotzdem die Verrückten immer noch alles ehrenamtlich machen, mittlerweile reichlich professionell.



Mehrere tausend Besucher im Jahr, das „größte Festival für DIY-Punk und artverwandtes.“ Autokennzeichen sah ich aus ganz, der Schweiz (u.a. am stylischen schwarzen Anarcho-Wohnmobil), Österreich, Italien, Polen, Tschechien, Berlin, Hamburg, Sachsen und natürlich ganz Deutschland. Das Festival ist bis heute ehrenamtlich organisiert, von einem Verein getragen, und wird größer und größer und professioneller. Anscheinend, für mich – hoffentlich! – bleibt es in Kremmen.


Das Resist 2017


2017. Das Jahr des großen Regens. Dauerregen, Starkregen, Dauerstarkregen. Ich genoss den Luxus des nahegelegenen Bungalows, kam erst nach dem Regen aber zum großen Schlamm. Hinter dem Kremmener Bahnhof gleich rechts, die Feldstraße entlang. Die ersten Punks sind auf dem Weg, meist schlammverspritzt, oft Barfuss. Drei freundliche Jungs im Campingstuhl winken mich irgendwo auf die Wiese zum Parken, neben mir ein Bully mit kleinem Vorzelt. Ein längerer Fußweg. Vorbei an vielen Zelten und Strohballen. Durch die „Winterfütterungsanlage für Mutterkühe“ hindurch, die auch als Backstage dient.



Dann das Festival. Menschen! In Massen! Unbeeindruckt vom Schlamm, sich damit bewerfend, auf Hügel ausweichend. Haarfarben in allen Farbtönen. Die AFD und NZS sind hier nicht beliebt! Bier natürlich. Antifa-Merchandise. Auf der Bühne eine Band in Polizeiuniformen, die über Punks lästert. Das Publikum hat Spaß. Das Publikum: Mein Gott, sind die alle jung. Sehr weiblich auch noch. Nichts mit Traditionsveranstaltung. Nichts mit Alte-Männer-fahren-zum-Camping wie in Wacken. Die Szene lebt. Ist politisch. Die Bands sind politisch. Fast fühle ich mich als ältester Anwesender.  Zum Glück gibt es noch eine handvoll Festivalbesucher, die ihre Originalkuttern von 1977 spazierenführen. Aber nicht viele. Jugend. Mit Energie. Sehr wenig Handies, fast niemand, der auf sein Handy schaut, sehr wenige Leute am Fotografieren, sehr viele Leute am Spaß haben.



Auch der Pressegraben bleibt leer. Wir sind eine handvoll Leute, die versuchen die schlimmsten Pfützen zum umgehen und nicht all zu sehr mit Schlamm beworfen zu werden. Auf der Bühne Siberian Meat Grinder. Sieht geil aus. Aber ich verstehe kein Wort – habe später zu Hause noch mal Videos geschaut, verstehe immer noch kein Wort –aber sie geben coole Interviews. Und ich mag die Musik.

The Kids are alright

Nix mit Traditionsveranstaltung. Junge, politische Menschen mit DIY-Ethos, Hammerbands, viel Spaß, wenig Handies, friedlich und doch entschlossen. Ihr seid super.

Weiteres

Für mehr Hintergrundinformationen gibt es hier und hier Interviews mit den Machern des RTEs. Hier bei Uglypunk.  Der Wikipedia-Artikel ist noch in Arbeit.

Das Festival selbst hat ein umfängliches Archiv über all’die letzten Jahre

Schöne kommentierte Fotostrecke bei Bierschinken.net: Resist to Exist Tag 2

Geradezu niedlich war es wie die Lokalzeitungen über das Treffen der Punker berichteten. Durchaus sympathisch und sympathisierend, aber der kulturele Abgrund den es zu überbrücken galt, war groß. Kein Wunder, dass sich die Zeitungen ganz besonders über das Festivalbaby Silas freuten, das auf dem Festival geboren wurde. "Festival-Baby Silas ist wohlauf."


No Way Back

Und zum Schluss:




Pokémon in der Wikipedia

12:09, Saturday, 03 2018 March UTC

Pikachu ist ein Pokémon. Nein, Pikachu ist DAS Pokémon. Oder, um es im Wikipedia-deutsch zu sagen:

Das Pikachu (jap. ピカチュウ, Pikachū) ist ein fiktives Wesen und das bekannteste Pokémon aus den gleichnamigen Videospielen der japanischen Spielesoftwarefirma Game Freak, sowie eine Kernfigur im zugehörigen Anime. [...] Japanische Forscher des Osaka Bioscience Institute benannten nach dem Pokémon ein neu entdecktes Protein, Pikachurin, welchem eine Rolle beim Bewegungssehen zugeschrieben wird.

Bild: Ana.b747.pokemon.arp.750pix Von: Adrian Pingstone Lizenz: Public Domain. Warning: One or more elements in this image are protected by copyrightSome parts of this file are not fully free but believed to be de minimis for this work. Derivatives of this file which focus more on the non-free element(s) may not qualify as de minimis and may be copyright violations. As a direct consequence it might be needed to review the copyright status if you crop the picture.

Außerdem ist Pikachu sehr gelb, sehr niedlich und vermutlich das einzige Pokémon, das auch viele Nicht-Spieler kennen. Pikachu wird seit mittlerweile 11 Jahren in seinem eigenen Wikipedia-Artikel vorgestellt. Pikachu begann sein deutsches Wikipedialeben am 25. Februar 2005.



Pikachu im Jahr 2005


Die damalige Beschreibung in der Wikipedia lautete:

Pikachu (ピカチュウ Pikachu) ist ein sogenanntes Pokémon aus den gleichnamigen Computerspielen der japanischen Spielesoftwarefirma GAME FREAK inc., sowie dem dazugehörigen Anime. Pikachu stellt eine Art Maus dar und besitzt überwiegend elektrische Fähigkeiten.  (Blitze schleudern, etc.) – es gehört deswegen zum Pokémon-Typ Elektro. Seine interne Pokémon-Nummer ist 156 (25 nach alter Zählung).
Damit dauerte es immerhin drei Jahre bis auf den Pokémon-Artikel von 2002 der Pikachu-Artikel folgte. Die Entwicklung des Artikelinhalts von 2005 bis 2016 gestaltete sich typisch für einen Wikipedia-Artikel. Weg von spielinternen Informationen "Blitze schleudern", hin zu Informationen, mit denen auch Außenstehenden etwas anfangen können, wie beispielsweise, die Information über das nach Pikachu benannte ein Protein. Es wird deutlicher, warum Pikachu eine Bedeutung über die enge Pokémon-Welt hinaus hat. 

Es kann nur eines geben


Pikachu bleibt bis heute das einzige Pokémon, der in einem deutschen Wikipedia-Artikel beschrieben wird, weil nach Meinung der deutschen Wikipedianer kein anderes Pokémon die enge Welt des Spielekosmos verlassen hat. Ansonsten blieben Detailinformationen zu den verschiedenen Pokémon-Varianten dort, wo sie die deutsche Wikipedia am liebsten hat. Im - viel zu langen und komplett unlesbaren - Hauptartikel zu Pokémon an sich.

Selbst die "Liste der Pokémon" brauchte acht Jahre vom Entstehen des Pokémon-Artikels bevor sie seit 2010 in der deutschen Wikipedia bestehen blieb. Nicht, dass es nicht Leute versucht hätten und sich die Liste nicht zwischenzeitlich in den Jahren von 2002 bis 2010 immer mal wieder einige Monate halten konnte. Aber sie fiel dann stets einem Löschantrag zum Opfer.

Die erste Löschdiskussion der Liste im Mai 2006 war dramatisch.:

* "Fangeschwurbel", 
* "Wikipedia ist keine Sammlung fiktiver Nerv-Monster", 
* "Gibt es irgendeinen Mehrwert gegenüber der Pokémon-Wiki außer den Pseudoerklärungen des Namens?", 
*"löschen und nirgends einarbeiten, es wird doch wohl genügend Pokemon-Fanseiten im www geben, die solche Listen führen können."

gegen

* "die Informationen machen den Pokémon-Artikel zu lang", 
* "wichtiges Medium um junge Leser an die Enzyklopädie heranzuführen" 
* "hat Zusatzinformationen wie einzelne Namen".

2006 wurde die Liste gelöscht. Vier Jahre nach dieser Löschdiskussion hat sich die Wikipedia anders entschieden. Heute stehen alle Pokémon von Nummer 1 Bisasam bis zum nicht-mehr-nummerieren Lunala (gezählt der 740. Pokémon) nebeneinander in der Liste einschließlich der Bezeichnung auf englisch, französisch, japanisch und koreanisch, der Typ (Bisasam: Pflanze/Gift Lunala: Psycho/Geist) und der Kategorie (Bisasam: Samen Lunala: Mondscheibe). Für Nicht-Pokémonista ist dort nicht erklärt, was Typ und Kategorie bedeuten.

Braucht Bisasam einen Artikel?


Dabei wäre beispielsweise ein Artikel über Bisasam diskutabel. Nach Pikachu ist Bisasam das Pokémon, das auch außerhalb der Szene am bekanntesten ist. In der Szene selbst ist es sogar beliebter als Pikachu selbst. Immerhin heißt das englische Pokémon-Spezial-Wiki Bulbapedia nach Bisasams englischer Bezeichnung Bulbasaur. Im deutschen Pokéwiki wiederum ist Bisasam der einzige Artikel über ein Pokémon, der als lesenswert ausgezeichnet wurde.

Bisasam brachte es in der deutschen Wikipedia hingegen auf 13 Löschungen, bevor die Seite komplett gegen Neuanlagen gesperrt wurde. Hier eine Übersicht über die Löschbegründungen:


Die Begründungen laufen im Wesentlichen auf "Fancruft" hinaus. Oder, länger formuliert, es gibt nichts über Bisasam zu sagen, was außerhalb der Spiele von Relevanz wäre oder für das es andere Quellen als die Spielanleitungen gibt.

Deshalb ist die Frage nicht unspannend, wie Wikipedia-Artikel über Bisasam aussähe. Im Pokéwiki bestehen normale Artikel über einzelne Pokémon vor allem aus langen Listen von Fähigkeiten, Entwicklungen und Stufen, die tatsächlich nur für Spieler relevant sind - und größtenteils auch für diese überhaupt nur verständlich. Bei Bisasam ist der Text länger: Dort erfahre ich zum Beispiel:

Bisasams Knolle ist der Ausgangspunkt für zahlreiche Fähigkeiten. [...] Da Bisasam seine Knolle kurzzeitig an der Spitze öffnen kann, kann es die in der Knolle enthaltenen Samen auch offensiv nutzen, indem es den Gegner mit Samen bombardiert oder auf den Gegner einen Egelsamen schießt, der ihn bepflanzt und ihm Energie absaugt...

In den Spielen ist Bisasam vor allem bekannt für seine Rolle als Starter-Pokémon, die es in den Spielen Pokémon Rot, Blau, Feuerrot und Blattgrün innehat. Zu Beginn dieser Spiele kann sich der Protagonist bei Professor Eich in Alabastia eines von drei Starter-Pokémon aussuchen, zu denen neben Bisasam auch Glumanda und Schiggy gehören. Wählt der Protagonist Schiggy, wird der Rivale Blau Bisasam als Starter-Pokémon wählen. In diesem Fall kämpft Blau dreimal mit Bisasam gegen den Protagonisten: In Professor Eichs Labor, auf Route 22 und in Azuria City.
Das gibt mir tatsächlich einen ganz guten Eindruck wie Pokémon funktioniert und wie es sich von innen heraus anfühlt. Geschrieben wurde der Text aber deutlich von Spielern für Spieler. Mehr externe Perspektive als in im Pokéwiki sollte es in der Wikipedia geben.

Bisasam in der englischen Wikipedia


Glücklicherweise sieht die englische Wikipedia das anders mit den Pokémon als die deutsche Wikipedia. Ein Blick auf den Text im Englischen lässt den Vergleich zu. Dort hat zwar bei weitem nicht jedes Pokémon seinen eigenen Artikel - die englische Wikipedia kennt 43 Artikel zu Pokémon von denen es über 700 gibt. Aber Bulbasaur schon.

Der Artikel über Bulbasaur existiert in der englischen Wikipedia seit 13 Jahren und hat mittlerweile 25.000 Zeichen. Er ist ein schönes Beispiel, wie es hätte anders laufen können. Dort erfährt der Leser, dass Bulbsaur/Bisasam von Ken Sugimori gestaltet wurde, der Name sich aus "Bulb" (Blumenzwiebel) und "[Dino]saurier" zusammensetzt. Es werden viele Vorkommen in vielen Videospielen nacherzählt, noch mehr Vorkommen als diversestes Werbemittel von Flugzeugbemalungen über McDonalds-Happy Meals aufgezählt und erwähnt, dass es die Insel Niue eine Münze mit Bulbasaur auf der Rückseite ausgegeben hat. Außerdem hat die Games-Fachplattform IGN Bulbasaur zum 52. besten Pokémon aller Zeiten gekürt.

Und ich frage mich: handelt es sich beim englischen Wikipedia-Artikel nicht einfach um eine Nacherzählung von Pressemitteilungen? Steht in der englischen Wikipedia nicht der Pokéwiki-Artikel in schlechter? Menschen drucken/prägen/gießen/virtualisieren ein fiktives Monster um Geld zu verdienen. Das sollen sie machen.. Aber ist es wirklich ein Enzyklopädieartikel nachzuerzählen wann/wo/wer dieses tat? Ist es mehr als eine Rohdatensammlung?

Ist es sinnvoll, eine Spielanleitung nachzuerzählen, die einerseits niemand nutzt, der nicht spielt, andererseits dann doch nicht detailliert genug ist, um als Anleitung zu taugen?

Vermutlich hat die Existenz des Bulbasaur-Artikels in der englischen Wikipedia Leute an Wikipedia gebunden/nicht verschreckt, die sonst gegangen wären. Vermutlich hat es viel internen Streit vermieden, eher offen an das Thema heranzugehen. Die praktische Erfahrung zeigt, dass Artikelschreiben viel einfacher ist, wenn man sich nicht dauernd gedanken machen muss, ob ein Thema relevant ist. Aber ist es das wert, dass Wikipedia sich gleichzeitig als ausgelagerte Pressestelle von Nintendo präsentiert?

Was lässt sich daraus lernen - nicht über Pikachu und Bisasam - sondern über die deutsche Wikipedia?

(1) Der Umgangston in Teilen der deutschen Wikipedia war schon 2006 unterirdisch.

(2) Die deutsche Wikipedia hat ein hohes Grundmisstrauen gegenüber reinen Datensammlungen. Ein Wiki funktioniert mit Text gut, zumindest technisch ist es mit Datensammlungen schwierig.

(3) Die deutsche Wikipedia hat ein hohes Grundmisstrauen gegenüber kontrollierter Information. Bisasam hat das Pokémon-Universum nie verlassen. Alles was je an Information über Bisasam öffentlich wurde und öffentlich werden kann, geht letztlich auf Game Freak und Nintendo zurück. Letztlich läuft jeder Artikel auf eine Umformulierung von Inhalten der Anbieter zurück. Die deutsche Wikipedia versteht sich nicht als Reformulierer von Pressemitteilungen.

(4) Auch in der deutschen Wikipedia ist die Lage seit 2006 deutlich entspannter geworden. Die Liste der Pokémon immerhin steht seit sechs Jahren in der Wikipedia.

Bonus: Pokémon Go


Als Bonus die Aufrufzahlen für den Wikpedia-Artikel zu Pokémon Go. Der Hype ist schon vorbei.



Weiterlesen

Die Iberty-Artikel zur Kultur im engeren und weiteren Sinne stehen unter Kultur in Iberty! 

Mehr zu einzelnen Aspekten der deutschen Wikipedia findet sich beispielsweise unter Wikipedia von A bis Z. Ein Versuch.

Ein kurzer Einwurf dazu, wo Wikipedia politisch steht: Wo steht Wikipedia so politisch.

10 Jahre KNORKE 2005-2015 Stadtrundgang mit Wikipedia

21:14, Monday, 26 2018 February UTC

Was waren das für Zeiten im Jahre 2005. Die Wikipedia war klein. Die Welt war groß und aufregend. Dabei ging es in der Wikipedia nicht nur um abstrakte Konzepte, tote alte Männer und den Stoff der Schullehrbücher. Zum Wissen der Welt gehörte auch Wissen über das persönliche Umfeld, das pralle Leben direkt vor der eigenen Haustür oder in U-Bahn-Nähe entfernt.

Hermannstraße (Rixdorf) Apollo-Theater-Garten anno 1900 AK gemeinfrei  
Ort des erstes KNORKES: die Hermannstraße.

Neben den Artikeln über Philosophie und Physik oder Barock und Bariton entstanden in jenen Anfangsjahren auch Wikipedia-Artikel über das eigene Umfeld. Gerade in Berlin präsentiert sich dieses Umfeld nicht immer hübsch und geleckt, sondern auch mal rau und nicht für jeden Stadtführer geeignet.

So um 2005 beschlossen verschiedene Berliner unter den Wikipedianern (unter anderem die Autoren Cornelius, Achim., Lienhard, Rainer) einen Artikel über eine Straße zu schreiben. Die Hermannstraße ist eine Hauptstraße in Neukölln. Sie macht alles aus, was eben auch Neukölln ausmacht: historische Friedhöfe, sozialer Brennpunkt, Fahrradfahren im Slalomverkehr, lebendiges Leben des Kleingewerbes und jede Menge Casinos und Cafés.

Wenn man über eine Straße schreibt, die vor der eigenen Haustür liegt, liegt es nahe, sich diese persönlich anzuschauen. Wenn man zusammen am Thema schreibt, liegt es nahe, sich die Straße zusammen anzuschauen. Der erste wikipedianische Stadtbegehung war geboren. Am 4. Dezember 2005 fand die erste "KNORKE"-Tour der Wikipedia statt. Der Benutzer Marbot war noch nicht als der Meister des perfekten Protokolls dabei, der er später werden sollte, so dass die schriftlichen Überlieferungen spärlich blieben. Was uns im Archiv erhalten blieb, kulminierte in dem Satz:

Im Handwerkerstübchen rund 1 Meter hoher Cappuccino mit zwei Meter Sahne drauf und gefühlten 68 Keksen rundrum für schlappe 1,50 oder so und so weiter ..

Was auch immer bei jener legendären Tour noch geschah: der Artikel über die Hermannstraße wurde zu einem Artikel ausgebaut, der innerhalb der Wikipedia als Qualitätsartikel gilt(*). Die Stadtbegehung fand wieder statt, diesmal an anderen Orten.

Wannsee29
KNORKE on Tour: Hier auf dem Weg zum Wannsee. Bild: Jcornelius CC BY-SA 2.0 de, via Wikimedia Commons

Bereits am 26. Februar 2006 folgte die zweite Tour  am und um den Hackescher Markt und einen Monat später der dritte Anlauf durch die Prenzlauer Allee.


Betreut, gepflegt und koordiniert von den Autoren Cornelius und Lecartia fanden innerhalb des ersten Jahres 10 KNORKE-Wanderungen von Wannsee/Kladow über die "Rote Insel" in Schöneberg, den Beusselkiez in Moabit bis hin zum Osktkreuz statt. In den folgenden Jahren sank und stieg die Begeisterung.

KNORKE-Touren gab es unter anderem im Bayerischen Viertel, im Zillekiez, Links und Rechts vom Ku'damm, zu den AEG-Fabriken auf dem Wedding/Humboldthain, nach Friedrichshagen und durch das Botschaftsviertel. WIr gingen rund um das Autobahnkreuz Schöneberg, wir folgten den 1920ern in Schöneberg-Nord und erkundeten zuletzt Mariendorf. Zusätzlich fanden Sonder-KNORKES mit Adventsessen oder Spieleabend statt.

Der KNORKE-Enthusiasmus folgte dabei dem Rhythmus der Wikipedia. Nach enthusiastischen Aufbruchsjahren und schneller Expansion, spielte es sich danach etwas ein und verlor etwas an Energie. Insgesamt gab es 48 KNORKES in stark wechselnder Frequenz:

2005: 1 Tour
2006: 9 Touren
2007: 8
2008: 12
2009: 6
2010: 2
2011: 2
2012: 4
2013: 2
2014: 2
2015: 0
2016: 1 (bisher geplant)

Karte Berlin Landnutzung
Berlin, Berlin, wir laufen durch Berlin. Bild: By Maximilian Dörrbecker (Chumwa) CC BY-SA 2.0 or ODbL, via Wikimedia Commons

Die Touren verliefen recht unterschiedlich. Allen gemein ist: jemand lädt auf der KNORKE-Hauptseite ein, dann kommen Menschen und man läuft zusammen offenen Auges und wachen Geistes durch die Stadt. Mal sind es lange Waldwanderungen mit seltenen Kurzpausen wie bei Lienhards Tour durch die Morellenberge im Berliner Westend. Mal gibt es historisch erschlossenes in dichter Folge wie beispielsweise die Tour durch das Schloss Charlottenburg mit Achim, Cornelius und Ralf.

Mal sind es Touren ins wahre Leben selbst, "Berlin in your face" geradezu wie die KNORKE-Pioniertat in der Hermannstraße, Ralfs Führung durch die Potsdamer Straße oder Denis' Tour durch den szenigen Schöneberger Norden. Auf jeden Fall wird viel geschaut, viel geredet und für eine Gruppe von 5 bis 15 Leuten auch überraschend viel gelaufen.

Ab und an werden in Folge oder Vorbereitung der Tour Wikipedia-Artikel geschrieben und verbessert. Anfangs dokumentierten die Knorkisten, welche Artikel und Bilder entstanden, im Laufe der Gewöhnung an den Event ließ der Enthusiasmus bei der Dokumentation allerdings nach.

Mal sind die Touren minutiös vorbereitet und geplant, mal gehen alle aus davon aus, dass sie nichts wissen, aber neugierig sind (wie zum Beispiel in Reinickendorf) und mal wissen die Mitlaufenden auch deutlich mehr als derjenige der die Tour plante. Manchmal glauben die Mitlaufenden nur mehr zu wissen als die Person, die vorbereitete. Das wird anstrengend.

Berlin Wedding bayer parkhaus 14.11.2015 13-40-01
Für das 49. KNORKE folgt die Müllerstraße im Wedding.

10 Jahre - KNORKE ist nicht tot. Im Januar geht es weiter mit einer Tour entlang der Müllerstraße im Wedding. Vielleicht klappt im Februar ja zum 50. mal die Jubiläumsausgabe wieder durch die Hermannstraße.

Berlin ist groß, jeder Berliner entdeckt wohl immer noch regelmäßig komplett neue Stadtteile. Und die Stadt verändert sich: Neukölln 2015 ist nicht mehr Neukölln 2005. Es bleibt spannend.

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Der Bericht der angesprochenen Tour durch den Wedding findet sich unter Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Daraus entwickelte sich das WikiWedding-Projekt, um den Wedding mehr in die Wikipedia zu bringen: Randlage.

Zum KNORKE-Jubiläum veranstaltete ich eine Wiederholungswanderung durch die Hermannstraße - die unter anderem zur Erkenntnis führte, dass die Straße kaum besichtigt wurde: Wikipedistas ignorieren wiederholt die Hermannstraße

Alle Posts zu KNORKE und sonstigen kulturellen Aktivitäten liegen unter: Kultur in Iberty.