Im Wintersemester 2019/2020 haben wir im Rahmen des Lehrangebotes der Fachhochschule Potsdam (FHP) ein Pilotprojekt zum Thema Datenkompetenzen begleitet. Hierfür wurde das bestehende (verpflichtende) Lehrangebot zu digitalen Medienkompetenzen, das so genannte „Medienpraktikum“, weiterentwickelt. Inhaltlich wurde der Fokus verstärkt auf Datenkompetenz und die Fähigkeit, Daten auf kritische Art und Weise zu bewerten und anzuwenden, gelegt.

Hintergrund war die Überlegung, dass im Rahmen von Digitalisierungsprojekten entstehende Daten stärker vernetzt und in Citizen Science Projekte eingebracht werden sollten, anstatt auf die rein technologiebezogenen Anwendungskompetenzen zu fokussieren. Von insgesamt 6 Lehrblöcken bezogen sich vier Blöcke auf die Vernetzung von in Digitalisierungsprojekten entstehenden Daten durch Einbringung in die Wikimedia-Projekte Wikimedia Commons, Wikipedia und Wikidata.

Prof. Dr. Ellen Euler berichtet von Ihren Erfahrungen im Projekt.

Frau Euler, sie haben das Seminar im Wintersemester 2019/2020 an der FH Potsdam geleitet und sich dafür entschieden, die ursprünglichen Inhalte anzupassen und mit der Arbeit in den Wikimedia-Projekten zu verknüpfen. Warum?

Es ging mir darum, zu zeigen, dass Digitalisierung kein Selbstzweck ist und wie sich mithilfe der Wikimedia-Projekte die digitale Wissensallmende bereichern lässt. Ich wollte dafür sensibilisieren, dass es nicht damit getan ist, digitale Kulturschätze über eine Website verfügbar zu machen, sondern sich das volle Potenzial digitaler Objekte erst in dem dem Zusammenspiel von freien Lizenzen, hoher Qualität und standardisierten, strukturierten Daten entfalten kann. Dieses Zusammenspiel verkörpern die Wikimedia-Projekte mit Wikidata, Wikimedia Commons und Wikipedia und lassen eine Utopie greifbar werden. 

Daten, Informationen und Wissen über geeignete Informationsinfrastrukturen in standardisierten und offenen Formaten bereitzustellen, zu vernetzen und Aspekte von Citizen Science hierfür fruchtbar zu machen, statt an Insellösungen zu bauen, ist eine wesentliche Handlungskompetenz für die am Fachbereich Informationswissenschaften der FH in Potsdam unterrichteten Berufsgruppen (= Mitarbeitende in Archiven, Bibliotheken oder der freien (Daten-) Wirtschaft).  

Wie kam es dazu und wie haben sie das Seminar vorab geplant?

Bevor ich an die Fachhochschule in Potsdam gewechselt bin, war ich bei der Deutschen Digitalen Bibliothek in der Geschäftsführung tätig, die zum Beispiel den Kulturhackathon Coding da Vinci mitveranstaltet. Dieser ist ein wunderbares Beispiel dafür, was mit freien Daten und Inhalten passieren kann. Das Projekt war für mich ein Augenöffner und zeigt jedes Jahr auf ein Neues, was für ein ungeheures Potenzial in offenen, vernetzten und strukturierten Daten liegt. 

Ich bin schon länger am überlegen, wo das in die Curricula der Hochschulen eingebaut werden kann und in einem Gespräch mit Andrea Knabe-Schönemann (Wikidata community), Elly Köpf und Lucy Patterson (Wikimedia Deutschland) sind wir gemeinsam auf die Idee gekommen, in Kooperation mit einer Kuturerbeeinrichtung auch für Studierende die Potenziale strukturierter Daten und Wikidata greifbar zu machen. Dazu haben wir uns mehrfach bei Wikimedia getroffen und gebrainstormt, Lernziele definiert und außerdem eine Zotero Bibliothek mit freien Materialien zu Wikimedia, Wikidata und Wikimedia Commons für die Vertiefung aufgebaut. 

Sie haben im Seminar mit einer Kulturinstitution zusammengearbeitet? Wie kam das und wie dürfen wir uns das vorstellen?

Wir haben mit dem Institut für Kunst- und Bildgeschichte der HU Berlin zusammengearbeitet (eigentlich – als Univeristätsinstitut – einer Wissenschaftseinrichtung, die aber eigene Foto- und Grafiksammlungen im Grimm-Zentrum besitzt). Georg Schelbert, der Leiter der Mediathek, arbeitet schon länger aktiv daran, Wikidata für die Erschließung und Vernetzung der digitalen Bestände fruchtbar zu machen. Werke der Kunstgeschichte lassen sich nämlich mit herkömmlichen Konzepten wie (Werk-) Normdaten nur unzureichend beschreiben und vernetzen. Wikidata hat viele Vorteile gegenüber den klassischen Konzepten: Es ist mehrsprachig, und durch die hergestellten Beziehungen und Einbeziehung einer unglaublichen Vielzahl von Identifiern und Normdaten, lässt sich das Weltwissen mit dem lokal vorhandenen Wissen in Beziehung setzen und vernetzen. 

Die Zusammenarbeit mit dem Institut für Kunst- und Bildgeschichte war doppelt spannend. Zum einen, weil wir die grundständigen Inhalte wie Bildbearbeitung an Originaldateien üben konnten, zum anderen, weil die Kooperation unmittelbar greifbar gemacht hat, inwieweit die Wikimedia Projekte Commons, Wikipedia und vor allem Wikidata ineinandergreifen und auch für Wissenschafts- und Kulturerbeeinrichtungen praktisch relevant sind.

In Hands-on Übungen haben wir mit echten Kulturdaten gearbeitet und eine Sammlung der Historischen Glasdiasammlung des Instituts für Kunst- und Bildgeschichte genutzt. Super war, dass Georg Schelbert im Projektverlauf für Rückfragen immer erreichbar war und durch die Zusammenarbeit mit Wikimedia Kolleg*innen auch immer ein direkter Kontakt zur Community für Rückfragen gegeben war. 

Wie steht es um das Thema Digitalisierung in den Bibliotheks-, Archiv- und Datenwissenschaften? Was sind die Herausforderungen?

Digitalisierung ist ein weites Feld. Insgesamt sind die Einrichtungen sehr gut aufgestellt und begleiten die digitale Transformation aktiv. Dabei wird deutlich, dass die Anforderungen an Datenkompetenzen steigen und das muss natürlich auch in den Ausbildungseinrichtungen berücksichtigt werden.

Denken sie, dass sie bei den Studierenden das Interesse an der der Mitarbeit in Wikidata, Wikipedia und Wikimedia Commons wecken konnten? Wenn ja warum? Wenn nein, warum nicht?

Ich hoffe sehr, dass uns das gelungen ist, denn unser vernetztes Wissen ist nur so gut, wie wir es gestalten und daran mitarbeiten. Wenn die aktive Mitarbeit manchmal nicht so ausgeprägt ist, dann liegt das meines Erachtens weniger am Interesse, denn an Zeitmangel. In einer digitalen und vernetzten Welt steigen die Anforderungen an das vernetzte Arbeiten, dabei ist Zeit ein nicht dehnbares Kontinuum. 

Welche Bedingungen in der Lehre müssten aus Ihrer Sicht erfüllt sein, um das Thema „Teaching the digital Commons” voranbringen zu können? Ist ein „Medienpraktikum“ angesichts der Herausforderungen aus Ihrer Sicht ausreichend?

Das Medienpraktikum hat uns die Möglichkeit gegeben, die Wikimedia Projekte einem ganzen Jahrgang Studierender vorzustellen und die praktischen Fertigkeiten für Digitalisierungsprojekte mit den Vermittlungsaspekten zu verknüpfen. Dabei hat sich aber auch gezeigt, dass in einer beschränkten Zeit nur Grundlagen erlernt werden können. Darauf aufbauend kann aber in Projekten weitergearbeitet werden. Für mich gehören die Wikimedia Projekte zur Vermittlung von Datenkompetenz und zum Aufzeigen der Potenziale von Linked Open Data dazu und könnten sicher noch mehr berücksichtigt werden.

Was nehmen sie aus diesem Piloten mit für Ihre weitere Arbeit?

Dass es neben den Wikimedia Projekten, also technologischen Lösungen für die kollaborative Vernetzung des Weltwissens, noch eine wunderbare Community gibt, die für Citizen Science Projekte und die gemeinsame Arbeit an der digitalen Wissensallmende, den Commons, brennt und jederzeit angesprochen werden kann und das die gemeinsame Arbeit immer wieder neue und unerwartete Perspektiven bietet, die es sich lohnt aufzunehmen! 

Vielen Dank für das Interview!

Prof. Dr. Ellen Euler ist Professorin für Open Access / Open Data am Fachbereich Informationswissenschaften der FH Potsdam. Als promovierte Juristin mit Zusatzausbildung in Bereich Telekommunikations- und Medienrecht sowie einem LL.M. mit Schwerpunkt Informationsrecht hat sich Ellen Euler schon immer mit Informationen und Daten und dem rechtlichen Rahmen für den Umgang damit befasst. Als Creative Commons Projekt-Lead für Deutschland war sie an der Übersetzung der ersten Version der deutschen Creative Commons Lizenzen maßgeblich beteiligt und hat zuletzt an der Entwicklung der Digital Right Statements entscheidenden Anteil gehabt. Durch ihr Wirken beim Auf- und Ausbau der Deutschen Digitalen Bibliothek hat die Urheberrechtsexpertin bei der Sichtbarmachung deutschen Kulturguts und von Kulturdaten in der Europeana unter möglichst freien Lizenzen mitgewirkt. Heute gibt sie ihr Wissen an der FH Potsdam am Fachbereich Informationswissenschaften weiter. Sie ist Mitglied unter anderem auch im Beirat von InnoSci und des Digitalen Deutschen Frauenarchivs (ab September). Regelmäßig äußert sie sich in Radio und als Keynotespeakerin zu Themen wie #openGLAM #openGovernment #opendata #openaccess und #openscience. (Bild: Ellen Euler, CC0)

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Wikimedia-Salon: Wie kann die Wikipedia diverser werden?

13:27, Tuesday, 10 2020 November UTC

23. November 2020, 18 Uhr: Live-Gesprächsrunde, Livestream auf der Webseite des Wikimedia-Salons.

Gäste:
Ferda Ataman, Journalistin, Publizistin, Vorsitzende der Neuen deutsche Medienmacher*innen – eine Initiative für mehr Vielfalt in den Medien
Leonhard Dobusch, Professor für Organisationstheorie Universität Innsbruck, Mitgründer Momentum-Kongress, langjähriger Beobachter der Wikipedia-Community-Strukturen
Christel Steigenberger, langjährige Wikipedianerin, Trust & Safety specialist, Wikimedia Foundation

Moderation: Lilli Iliev, Projektmanagerin Politik, Wikimedia Deutschland e. V.

Alle können das Wissen der Welt mitgestalten. Oder?

Wikipedia ist ein offenes Wissensprojekt; jede und jeder kann editieren und an der gemeinsamen Wissensproduktion teilhaben – so das Prinzip. In der Realität bestehen jedoch eine Vielzahl an unsichtbaren Hürden, die dazu führen, dass nicht alle gesellschaftlichen Gruppen in der Autorinnen- bzw. Autorenschaft von Wikipedia einen Platz finden. Dabei ist die Repräsentation in der Wikipedia ein Spiegel für gesamtgesellschaftliche Verhältnisse: Wer hat Zeit, als Autorin oder Autor mitzuschreiben, wer fühlt sich von dieser Wissensform angesprochen und wer hat das Gefühl, ein „Mitspracherecht“ zu haben, wenn es darum geht, gemeinsames Wissen zu bestimmen?

Wie können mehr Menschen mit verschiedeneren Hintergründen und Perspektiven für die Wikimedia-Projekte gewonnen werden? Foto: Jason Krüger for Wikimedia Deutschland e.V., Wikimedia Conference 2017 – 106, CC BY-SA 4.0

Als Massen- und Bildungsmedium hat Wikipedia einen erheblichen Einfluss auf das, was gesellschaftlich als Wissenskonsens wahrgenommen wird. Nicht nur die thematische Bandbreite und die Art des Wissens, auch sprachliche Konventionen werden in und durch Wikipedia geprägt und weiter vermittelt. Der Anspruch dabei ist, das Wissen der Welt abzubilden. Allerdings wissen wir, dass die Vielfalt der Erfahrungswelten und Perspektiven der Gesellschaft in Wikipedia nicht genügend repräsentiert wird. Umso relevanter ist die Frage: Wie kann Wikipedia diverser werden?

Wikipedia und Diversität – viele Projekte laufen, viel ist noch zu tun

Zu dieser Frage arbeiten die Wikimedia-Bewegung und Wikimedia Deutschland seit mehreren Jahren. Die global und kollaborativ entwickelte Movement Strategy stellt knowledge equity, zu deutsch etwa: Wissensgerechtigkeit, explizit ins Zentrum ihrer Arbeit. Alle Menschen sollen sich perspektivisch in Wikipedia sicher und willkommen fühlen. Mit verschiedenen Veranstaltungen und Projekten unterstützt Wikimedia Deutschland die Freiwilligen in ihrer Arbeit zu Themen der Diversität und bei der Neugewinnung verschiedener Menschen für die Wikipedia-Communitys. Eine Auswahl an aktuellen Projekten:

Wiki Women’s editathon Foto: Matthew (WMF), CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons
  • Am 10. November beginnt der Diversithon Berlin, eine Schreibwerkstatt mit dem Ziel, die Sichtbarkeit von Wissenschaftlerinnen und anderen in den Lebenswissenschaften unterrepräsentierten Gruppen zu erhöhen.
  • Im Interview mit netzpolitik.org erklärt Nicole Ebber, Leiterin Internationales bei WMDE, die Empfehlungen aus dem Strategieprozess Wikimedia 2030
  • Im Knowledge Equity Adventskalender haben wir 24 Geschichten von Freiwilligen veröffentlicht, die sich durch ihre Arbeit für eine gleiche Verteilung und Zugang zu Wissen einsetzen.
  • Die Kampagne Wiki Loves Pride! ruft jedes Jahr dazu auf, zu Themen der LGBTQ+ Community auf Wikipedia zu schreiben und zu editieren. Im Juli 2020 haben wir anlässlich der Pride Week und des Christopher Street Days, die dieses Jahr digital stattfanden, noch einmal auf die Kampagne aufmerksam gemacht.
  • Regelmäßig Edit-A-thons, um mehr Artikel über Frauen in die Wikipedia zu bringen. Anlässlich des Weltfrauentags und zur Berlinale haben in diesem Jahr viele Freiwillige in Schreibwerkstätten mehr als 100 neue Artikel über bekannte Frauen verfasst. 
  • In der Schreibwerkstatt WomenEdit treffen sich seit mittlerweile acht Jahren erfahrene Wikipedianer:innen und engagierte Neugierige regelmäßig in Berlin, um gemeinsam an der Wikipedia zu arbeiten und Artikel zu redigieren und Frauen den Einstieg in die Autorinnenschaft bei Wikipedia zu erleichtern.

Diversität hat viele Dimensionen

Der Gender-Gap, also die geringere Anzahl von Frauen gegenüber Männern, die Wikipedia editieren, ist nur eines von vielen Beispielen für Luft nach oben, wenn es um Diversität geht. Seit vielen Jahren wird an verschiedenen Aspekten von Wissensgerechtigkeit in den internationalen Communitys gearbeitet: Wie steht es mit Barrierefreiheit in den Wikimedia-Projekten? Was ist mit handwerklichem gegenüber akademischem Wissen? Wie kann rein mündlich tradiertes Wissen in Wikipedia abgebildet werden? Dies sind nur einige Fragen, die das Spektrum an Themen rund um Diversität und Wikipedia verdeutlichen. Siehe dazu etwa auch die Videodokumentation der Wikimania-Konferenz in Kapstadt 2018. Wikimedia Deutschland möchte sich verstärkt diesen Fragen widmen und ein Forum für die Diskussion schaffen. Eine Diskussionreihe mit dem thematischen Schwerpunkt auf Fragen der Wissensgerechtigkeit ist für 2021 geplant. Wir freuen uns auf interessante Diskussionen!

Wir freuen uns sehr auf die Diskussion im Wikimedia-Salon und auf eure Fragen und Erfahrungen! Unter #wmdesalon und in einem Live-Chat können sich alle Interessierten an der Diskussion beteiligen!

Stilisierte Zeitleiste für die Phasen I, II, und III des Wikimedia-Strategieprozesses CC-BY-SA 4.0 Riesenspatz / Svenja Kirsch, Anna Lena Schiller

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„Die Krise wird den Kulturbereich verändern.“

14:33, Monday, 09 2020 November UTC

Die Jubiläumsausgabe der Konferenz „Zugang gestalten!“ war in mehrerer Hinsicht besonders: Erstmals komplett online, erstmals aus der Geschäftsstelle von Wikimedia Deutschland – und mit einem anderem Fokus als geplant: „Innovationsschub“. Ursprünglich wollten wir uns dem Thema „Schwieriges Erbe“ und Wegen der Dekolonisierung von Kulturgut widmen. Doch durch die Krise haben sich für alle Kulturinstitutionen zugleich neue und doch ähnliche Fragen gestellt:

Wie kann ich mit meinem Publikum den Kontakt pflegen, wenn der physische Besuch nicht mehr möglich ist? Welche technischen und rechtlichen Hürden gibt es für virtuelle Ausstellungen? Sollten wir Dienste und Plattformen wie tiktok oder Instagram nutzen, auch wenn diese aus verschiedenen Gründen in der Kritik stehen? Auf der Konferenz wurden dazu vielfältige Antworten gegeben. Die Videos von Konferenztag 1 (Schwerpunkt Innovation & Urheberrecht) und Konferenztag 2 (Schwerpunkt Gemeinfreiheit und Datenschutz) sind nun online.

Digitale Kulturprojekte zeigen Innovationsschub in Museen, Bibliotheken und Archiven

„Die Zukunft liegt darin, dass wir die Menschen beteiligen!“ sagte Dr. Claudia Emmert, Direktorin des Zeppelin-Museums Friedrichshafen. In den Monaten der Krise hat das Museum ein beachtliches Projekt hervorgebracht: Das debatorial lädt als digitale Diskursplattform digitale Besuchende zum Austausch mit Kurator*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen ein und legt dabei auch die Recherchen zur Ausstellung offen.

Weitere digitale Kulturprojekte, die sich in der Krise bewährt haben oder gerade erst durch die Zeit der Kontaktbeschränkungen angestoßen wurden, sind auf der Webseite von Zugang gestalten unter Projektpräsentationen zu sehen. Hier ist ein kleines Archiv der Veränderungen in Kulturinstitutionen durch Corona entstanden. In der Videoreihe „Zu Besuch“ sind persönliche Einblicke der Mitarbeitenden verschiedener Kulturinstitutionen zu finden, die von ihren Erfahrungen des Kulturjahres 2020 berichten.

Das Museumsgebäude als ein Interface von vielen

„Offene Daten sind Möglichmacher von Innovation!“ sagte Larissa Borck, Datenmanagement-Koordinatorin bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die Einrichtungen, die schnell auf Schließungen reagieren konnten, seien auch diejenigen, die bereits sehr intensiv mit Open Access arbeiten und viel in digitale Infrastruktur investiert haben. Als Beispiel nannte sie das Cleveland Museum of Art, das sein digitales Backend als Rückgrat der Krise bezeichnete. Borck betonte, dass Kulturinstitutionen vor allem resilient werden müssen im Angesicht verschiedener Herausforderungen.

Ko-Kreative Formate, Freiwilligen-Strukturen, Open Access: Diese Zutaten seien wichtige Stützpfeiler für Nachhaltigkeit, Resilienz und adaptive Strukturen von Kulturinstitutionen. Borck regte an, dass Kulturinstitutionen nun digitale Zielgruppen endlich auf Augenhöhe mit anderen Besuchendengruppen sehen müssten. Interessantes Gedankenexperiment: Wenn das Museumsgebäude als ein Interface von vielen verstanden werde, provoziere das ganz neue Gedanken über Offenheit. Digital und analog dürften grundsätzlich nicht mehr als bipolare Gegensätze verstanden werden, sondern als verschiedene Dimensionen der Ziele von Kulturinstitutionen.

Museen & Social Media: Neue Zielgruppen, neue Verantwortungen

Museen müssen Orte werden, wo sich Menschen wohlfühlen, betonte Prof. Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums für Naturkunde in Berlin, und urteilte damit auch den Dünkel und Elfenbeinturm-Charakter ab, den einige große Kulturinstitutionen noch immer pflegten. Darum experimentiert das Naturkundemuseum – wie viele Kulturinstitutionen nun verstärkt – auch intensiv mit Social Media. Etwa über tiktok oder InstaLive können Jugendliche in ganz anderer Dimension erreicht werden. Auch der Museums-Podcast Beats&Bones spreche neue Interessengruppen an.

So machen viele Häuser momentan die Erfahrung, dass die Möglichkeiten digitaler Wege dazu führen, dass neue Besuchendengruppen nochmal neu skaliert werden können. Viele Kulturinstitutionen berichten über eine gravierend höhere Reichweite etwa durch virtuelle Ausstellungsführungen. Dabei müssten u.a. aber auch datenschutzrechtliche oder ethische Fragen rund um diese Dienste stets mitreflektiert werden, so Vogel. Auf Kulturinstitutionen, so wurde deutlich, kommen viele neue Herausforderungen zu: Haltungen zu Diensten und ihren Praktiken entwickeln und diese vertreten, ist sicher eine davon.

Mehr Resilienz für Museen: Chancen von Open Access

In 6 Fokusrunden mit Expertinnen und Experten – etwa zu Open Access und Urheberrecht für Kulturinstitutionen – wurden verschiedene Aspekte des Innovationsschubs in Museen, Bibliotheken und Archiven näher beleuchtet. Hier wurde diskutiert, wie Open Access zu mehr Resilienz im Angesicht von Krisen wie in diesem Jahr führen kann. Dabei wurde deutlich, dass es häufig an den grundlegenden technischen Infrastrukturen fehlt, um vernetzt mit anderen Einrichtungen arbeiten zu können und sich gegenseitig zu unterstützen.

Die Programme dive in oder Neustart Kultur der Bundesregierung beispielsweise fördern die Erstellung virtueller Ausstellungen. Doch ohne eigene entsprechende Online-Präsenz hilft diese Maßnahme eher nur größere Playern. Hier wäre denkbar, dass sich große Häuser solidarisch zeigen und ihre digitalen Infrastrukturen für kleinere Häuser zur Verfügung stellen. Im Rahmen der Pläne für eine nationale Forschungsinfrastruktur wurde gefordert, dass hier Open Access-basierte Tools und interoperable Standards von vornherein mitgedacht werden müssten.

Mehr Zugang gestalten!

Die erste Online-Ausgabe der Konferenz hat gezeigt: Auch wenn der persönliche Austausch, die Pausengespräche und die gemeinsamen physischen Erlebnisse fehlten; auch digital ist ein produktiver Austausch von Fachleuten und Interessierten sehr gut möglich. Gerade in der Krise ist es wichtig, miteinander zu sprechen, voneinander zu lernen und eine Fehlerkultur zu etablieren. Wir freuen uns schon umso mehr auf die nächste Konferenz „Zugang gestalten!“

Impression mit Anna Heizmann und Paul Klimpel „Zugang gestalten!“ 2017. CC BY-SA 4.0

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Neues Advisory Board unterstützt offene Wissenschaft

11:51, Monday, 09 2020 November UTC

Wikimedia Deutschland engagiert sich seit Jahren und auf vielfältige Weise für eine offene Wissenschaft.  Mit dem Fellow-Programm Freies Wissen unterstützen wir eine nachhaltige und wachsende Praxis-Community von Nachwuchswissenschaftler*inen, die sich die Prinzipien der Offenen Wissenschaft zu eigen macht und dazu beiträgt, eine offene Wissenspraxis in ihren Forschungseinrichtungen, in ihren Disziplinen und in der Gesellschaft zu fördern. 

Unsere Vision bei Wikimedia Deutschland ist es, dass Menschen innerhalb wie außerhalb wissenschaftlicher Institutionen und Forschungseinrichtungen gleichberechtigt einen uneingeschränkten und kostenlosen Zugang zu wissenschaftlichen Informationen und Erkenntnissen haben und diese für ihre eigenen Zwecke nutzen können.

Um diese Vision zu verwirklichen, unterstützt uns seit neuestem ein wissenschaftliches Advisory Board. Das Advisory Board als ehrenamtliches Gremium aus Expert*innen im Bereich offene Wissenschaft soll das Wikimedia-Wissenschaftsteam dabei unterstützen, die oben genannte Vision zu erreichen. Dabei ist es beratend bei den folgenden Aufgabenbereichen tätig:

  • Identifizierung von Trends und Entwicklungen im Themenfeld Offene Wissenschaft
  • Inhaltlich strategische Ausrichtung des Fellow-Programms Freies Wissen 
  • Positionierung zu aktuellen wissenschaftspolitischen Themen 

Das Board besteht aus sechs Personen, die teilweise schon als Mentor*innen im Fellow-Programm mitgewirkt haben, teilweise aber auch eine ganz neue Perspektive mitbringen.

Übersicht der Mitglieder des wissenschaftlichen Advisory Boards:

Dr. Bastian Greshake Tzovaras ist Research Fellow am Center for Research & Interdisciplinarity in Paris wo er eine Arbeitsgruppe zu peer-produced research & Bürgerwissenschaften leitet. Er begann seine wissenschaftliche Karriere als Biologe & Bioinformatiker. Seit dem Abschluss seiner Doktorarbeit widmet er sich jedoch vollzeit den Offenen Wissenschaften. Er ist einer der Gründer des Open Data-Portals openSNP, einer crowdgesourcten Sammlung von Personal Genomics-Daten. Seit 2011 wurden darüber über 5,000 Datensätze in die Public Domain gespendet. Seit 2017 ist Bastian ist ausserdem der wissenschaftliche Direktor für die Open Humans-Stiftung, welche das Empowerment in der Nutzung von persönlichen Daten zum Ziel hat. Insbesondere arbeitet die Stiftung daran es Einzelpersonen und Communities zu ermöglichen ihre Daten zur eigenen Bildung und persönlichen Forschung zu verwenden. (Bild: Athina Tzovara, CC0)

Prof. Dr. Claudia Müller-Birn leitet die Forschungsgruppe Human-Centered Computing am Institut für Informatik der Freien Universität Berlin und ist Principle Investigator des Exzellenzclusters „Matters of Activity“ an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist ebenfalls stellvertretende Sprecherin der Fachgruppe „Informatik und Digital Humanities“ der Gesellschaft für Informatik. In ihrer interdisziplinären Forschungsarbeit fokussiert sie auf den Bereich Human-Machine Collaboration, d.h. sie entwickelt gekoppelte, co-adaptive Workflows in denen menschliche und algorithmische Aktivitäten effektiv verflochten werden. Ihre Forschung umfasst dabei eine empirische als auch eine ingenieurwissenschaftliche Dimension, die zu einem wertorientierten soziotechnischen Systemdesign beitragen soll. Claudia setzt sich in ihrer Forschungsarbeit für die Nutzung und Entwicklung von Open-Source-Software und die Prinzipien von Offener Wissenschaft ein, sowie für den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen. Sie hat daher an der Freien Universität Berlin die Open Science Working Group mit aufgebaut.

Darüber engagiert sich Claudia in zivilgesellschaftlichen Initiativen. Sie hat das Fellow-Programm „Freies Wissen“, eine von Wikimedia Deutschland, dem Stifterverband und der VolkswagenStiftung unterstützte Förderinitiative, von Anfang an begleitet und hat drei Jahre als Mentorin Nachwuchswissenschaftler*innen unterstützt, Offene Wissenschaft als Teil ihrer Forschungspraxis verstehen und damit den kulturellen Wandel in ihren Institutionen befördern. Ebenfalls ist Sie Mitglied der Jury im Prototype Fund, ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), das von der Open Knowledge Foundation Deutschland betreut wird. Sie unterstützt bei der Auswahl von Projekten

im Bereich der Public Interest-Technologien, um zivilgesellschaftliche Technik-Ideen auf Basis von Open Source zu realisieren. (Bild: Ralf Rebmann, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Prof. Dr. Ellen Euler ist Professorin für Open Access / Open Data am Fachbereich Informationswissenschaften der FH Potsdam. Als promovierte Juristin mit Zusatzausbildung in Bereich Telekommunikations- und Medienrecht sowie einem LL.M. mit Schwerpunkt Informationsrecht hat sich Ellen Euler schon immer mit Informationen und Daten und dem rechtlichen Rahmen für den Umgang damit befasst. Als Creative Commons Projekt-Lead für Deutschland war sie an der Übersetzung der ersten Version der deutschen Creative Commons Lizenzen maßgeblich beteiligt und hat zuletzt an der Entwicklung der Digital Right Statements entscheidenden Anteil gehabt. Durch ihr Wirken beim Auf- und Ausbau der Deutschen Digitalen Bibliothek hat die Urheberrechtsexpertin bei der Sichtbarmachung deutschen Kulturguts und von Kulturdaten in der Europeana unter möglichst freien Lizenzen mitgewirkt. Heute gibt sie ihr Wissen an der FH Potsdam am Fachbereich Informationswissenschaften weiter. Sie ist Mitglied unter anderem auch im Beirat von InnoSci und des Digitalen Deutschen Frauenarchivs (ab September). Regelmäßig äußert sie sich in Radio und als Keynotespeakerin zu Themen wie #openGLAM #openGovernment #opendata #openaccess und #openscience. (Bild: Ellen Euler, CC0)

Dr. Ina Blümel ist Architektin und Informationswissenschaftlerin. Sie hat seit Juli 2019 die Professur Vernetzte Daten in den Informationswissenschaften inne, eine gemeinsame Professur von Hochschule Hannover und TIB – Leibniz Informationszentrum für Technik und Naturwissenschaften. Sie ist Mitbegründerin und stellvertretende Leiterin des Open Science Labs an der TIB, und hat für die TIB mehrere Drittmittelprojekte eingeworben, u.a. zur Anwendung von Machine Learning und Crowdsourcing bei der Anreicherung von Kulturdaten. Einer ihrer Arbeitsschwerpunkte ist die Umsetzung partizipativer Forschungsprojekte mit Methoden des Action Learning. Sie ist Mitglied des Europeana Members Council und der Tech Steering Group, und war drei Jahre lang Mentorin im Fellow-Programm Freies Wissen von Wikimedia Deutschland, Stifterverband und VolkswagenStiftung. Sie ist als Gutachterin für verschiedene Fachzeitschriften und Fördergeber aktiv. Interview mit Ina Blümel bei Heise Online: https://heise.de/-425916 (Bild: TIB/C. Bierwagen, CC BY 4.0)

Julia Kloiber ist Managing Director des Superrr Lab und Partnerin bei Ashoka Deutschland. Sie ist Fellow der Mozilla Foundation und Mitbegründerin des Prototype Fund und des Netzwerks Code for Germany. Ihre Arbeit bewegen sich an der Schnittstelle von Technologie und Gesellschaft, wo sie sich für mehr Offenheit und Diversität einsetzt. Julia Kloiber ist Rednerin auf internationalen Bühnen. Aktuell beschäftigt sie sich in ihren Vorträgen damit, was die Zukunft für uns bereithält und wie wir diese gemeinsam gestalten können. Julia Kloiber bezeichnet sich selbst als Optimistin, die an die Macht der Zivilgesellschaft glaubt. (Bild: Julia Kloiber, CC0)

Dr. Peter Kraker ist Gründer und Obmann von Open Knowledge Maps, einem gemeinnützigen Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Sichtbarkeit von Forschungsergebnissen für Wissenschaft und Gesellschaft signifikant zu erhöhen. Peter Kraker ist seit vielen Jahren im Bereich Open Science gestaltend tätig. Unter anderem hat er den Begriff „Open Methodology“ geprägt und ist Leitautor von „The Vienna Principles: A Vision for Scholarly Communication in the 21st Century“. Peter Kraker ist Mitglied des GO FAIR Executive Boards, Koordinator des GO FAIR-Implementierungsnetzwerks „Discovery“ und Mitglied des Kernteams des Open Science Network Austria (OANA). Vor der Gründung von Open Knowledge Maps war Peter Kraker Senior Researcher am Know-Center, Österreichs führendem Forschungszentrum für Data-Driven Business und Big Data Analytics, und leitete dort das Thema Open Science. Peter war von 2016 – 2018 Mentor im Fellow-Programm Freies Wissen. (Bild: Peter Kraker, CC0)

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Wikipedia-Spendenkampagne gestartet

09:00, Thursday, 05 2020 November UTC

Jeden Tag nutzen Millionen Menschen die Wikipedia. Allein die deutschsprachige Seite wird über 30 Millionen Mal pro Tag aufgerufen. Eine Welt ohne die Online-Enzyklopädie? Kaum vorstellbar. 

Dabei gelingt Wikipedia etwas, das kaum einer anderen Internetseite dieser Größe möglich ist: Sie kommt komplett ohne Werbung aus und ist dadurch vor kommerziellen Einflüssen geschützt. Das ist nur möglich, weil zum einen engagierte Freiwillige auf ehrenamtlicher Basis mitarbeiten und ihr Wissen teilen und zum anderen jedes Jahr tausende Menschen dieses gemeinnützige Engagement mit Spenden oder als Vereinsmitglied unterstützen. 

Spendenziel: 8,7 Millionen Euro bis Jahresende 

Mit der jetzt gestarteten Spendenkampagne 2020 haben also wichtige Wochen für Wikipedia und die vielen weiteren Projekte für Freies Wissen begonnen. Bis zum Jahreswechsel soll das Spendenziel von 8,7 Millionen Euro erreicht werden (wofür das Geld eingesetzt wird, lesen Sie weiter unten). Sobald das der Fall ist, wird die Kampagne beendet. Letztes Jahr geschah dies in nur 44 Tagen und damit in Rekordzeit

Das Spendenbanner wird den Besuchenden der Wikipedia übrigens maximal zehn Mal angezeigt und kann natürlich jederzeit mit einem Klick auf das Kreuz rechts oben ausgeschaltet werden. Dann ist es für einen Zeitraum von einer Woche deaktiviert. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, sich ein kostenloses Benutzerkonto in der Wikipedia einzurichten, bzw. sich mit dem schon bestehenden Konto einzuloggen. Wer eingeloggt ist, bekommt das Spendenbanner nicht angezeigt. Nach den Abschluss einer Spende über das Spendenformular wird auch ein Cookie gesetzt, welches verhindern soll, dass das Spendenbanner weiterhin sichtbar ist. 

Das passiert mit den Spenden 

Auch wenn die Wikipedia von ehrenamtlichen Autorinnen und Autoren geschrieben wird, gibt es doch viele Kosten, die zu tragen sind. Die Wikipedia-Server beispielsweise stehen in den USA und den Niederlanden und werden von der Wikimedia Foundation (WMF) betrieben. Sie bekommt einen Großteil der Spenden, auch für die Unterstützung der vielen weiteren Länderorganisationen und Freiwilligengruppen weltweit. Bei Wikimedia Deutschland kümmern sich rund 140 hauptamtliche Mitarbeitende um zahlreiche Projekte für Freies Wissen, fördern die Freiwilligen in ihrem digitalen Ehrenamt, entwickeln und verbessern die Software, mit der die Wiki-Seiten betrieben werden und sind auf politischer, kultureller und wissenschaftlicher Ebene für Freies Wissen aktiv.

Das Ziel der jährlichen Spendenkampagne resultiert übrigens aus den jeweiligen Jahresplänen von Wikimedia Deutschland und der Wikimedia Foundation, in denen festgelegt ist, welche Projekte und Ziele umgesetzt werden sollen. Informationen zur Mittelverwendung gibt es hier.  

“Weiter so” – “Ist es wert” – “Chapeau an die zahlreichen Ehrenamtlichen”

Ein Blick in die Spendenkommentare zeigt auf besonders schöne Weise, wie sehr Menschen die Wikipedia wertschätzen und warum sie durch eine Spende Danke sagen wollen: „Wikipedia ist ein grandioses Projekt, es ist unglaublich, wie viele Menschen hier eine riesige Menge an Wissen und Informationen zusammengetragen haben, täglich wird dieser Schatz größer”, schreibt zum Beispiel ein Spender. In einem anderen Kommentar heißt es: „Gerade jetzt in Zeiten der Pandemie ist Wikipedia für mich von größter Bedeutung. Durch die Information über die Spanische Grippe habe ich sehr früh verstanden, was passieren würde und konnte mich auf die Situation gut einstellen“.

Wenn auch Sie für die Wikipedia spenden oder Mitglied im Verein Wikimedia Deutschland werden wollen, besuchen Sie uns auf wikimedia.de. Hier finden Sie auch weitere Frage und Antworten rund um die aktuelle Spendenkampagne. 

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* Indem ich meine E-Mail-Adresse eintrage, erkläre ich mich damit einverstanden, dass Wikimedia mich aufgrund meiner Einwilligung (Art. 6 Abs. 1 lit. a) DSGVO) per E-Mail bis auf Widerruf über Aktuelles informiert und die hierzu erforderlichen Datenverarbeitungen vornimmt. Ich kann meine Einwilligung jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber Wikimedia widerrufen. Nähere Informationen zur Datenverarbeitung bei Wikimedia und zu meinen Rechten finde ich unter https://www.wikimedia.de/datenschutz/.

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Am 16. und 17. Oktober 2020 fand die Auftaktveranstaltung für das fünfte Programmjahr des Fellow-Programm Freies Wissen statt. Das Stipendienprogramm für 20 Nachwuchswissenschaftler*innen aller Disziplinen legt in diesem Jahr den Schwerpunkt auf Knowledge Equity.

„Führt offenes Wissen einer gerechteren Gesellschaft? Gerechtigkeit erfordert aktives Aushandeln und ergibt sich leider nicht automatisch aus Transparenz. Aber Transparenz macht Ungerechtigkeit sichtbar – und dies kann Veränderung herbeiführen!“

Prof. Judith Simon beim Fazit ihrer Keynote bei der Auftaktveranstaltung
Fellows und Mentor*innen des Jahrgangs 2020/21
Fellows und Mentor*innen des Jahrgangs 2020/21

Nach einer Begrüßung durch das Projektteam gab die Philosophin Prof. Dr. Judith Simon mit ihrer Keynote „Führt offenes Wissen zu einer gerechteren Gesellschaft“ den Einstieg im öffentlichen Livestream, gefolgt von einer Publikumsdiskussion und der Vorstellung der Forschungsprojekte der Fellows. Hier geht es zu den Live-Tweets der Keynote und anschließenden Diskussion.


Auch im fünften Programmjahr beschäftigen sich die Projekte der Fellows  mit vielfältigen Themen: Das bunte Spektrum beginnt bei natürlicher Radioaktivität, geht über zerschlagenes Geschirr, archäologische Quellen in Wikidata, Wissenschaft für Menschen mit Demenz oder Wikipedia als Rechtsprechungsgrundlage – unter vielen anderen. Die Videoshow aller Fellow-Projekte ist hier zu sehen. 


Was gibt es Neues im Fellows-Programm? 

Wie die gesamte Wikimedia-Bewegung, hat es sich auch das Fellow-Programm zur Aufgabe gemacht, Möglichkeiten dafür zu entwickeln, dass mehr Menschen an der gemeinsamen Wissensgewinnung teilhaben und sich vielfältige Gemeinschaften im kollektiven Wissensschatz repräsentiert sehen. In diesem Jahr widmet das Programm sich daher insbesondere der Frage, wie Offene Forschung und Lehre Wissenschaft im allgemeinen zugänglicher und gerechter machen kann. Dieses Ansinnen wird mit dem Begriff „Knowledge Equity“ umschrieben und bildet den thematischen Schwer- und Ankerpunkt.

Eine hörenswerte Annäherung an den noch recht neuen Begriff gibt es in der dieser Podcast-Folge des Open Science Radios mit Mentorin Anita Runge und Dominik Scholl von Wikimedia Deustchland. 

Termin-Tipp: 
Open Science Slam am 4. November 2020
Bring mit uns etwas Edutainment (hier eine Studie dazu: Niemann et al, 2020: http://dx.doi.org/10.17645/mac.v8i1.2459) auf die Bühne des Open Science Slams, am 4. November 2020. Durch den Abend führt Wissenschaftskommunikator und Science Slam Moderator und Alumnus des Fellow-Programms Philipp Schrögel. Der Science Slam startet ab 19 Uhr, und wird online über YouTube und die Plattform der Berlin Science Week gestreamt.Ihr seid herzlich eingeladen daran teilzunehmen!

5 Jahre Fellow-Programm in Fakten und Zahlen:

  • 335 Nachwuchswissenschaftler*innen unterschiedlichster Fächer und Disziplinen haben sich seit 2016 mit Projekten für das Fellow-Programm Freies Wissen beworben. Das macht im Schnitt 67 Einreichungen pro Jahr.
  • 90 Fellows haben oder sind im Begriff das Fellow-Programm zu durchlaufen. Davon gehören knapp 60 Prozent den Geistes- und Sozialwissenschaften und beinahe 20 Prozent den Naturwissenschaften an. Die übrigen Fellows kommen aus den Lebens-, Ingenieur- und Strukturwissenschaften.
  • Unsere Fellows repräsentieren 65 wissenschaftliche Einrichtungen in der Schweiz, Österreich, Deutschland, Dänemark und den Niederlanden. Dort treten sie als Botschafter*innen der Offenen Wissenschaft auf und tragen so zur weiteren Öffnung von Forschung und Lehre bei.
  • 19 Expert*innen der Offenen Wissenschaft haben das Fellow-Programm seit seiner Gründung 2016 als Mentor*innen begleitet. 5 davon waren selbst Fellows. Kontinuierliches und persönliches Mentoring ist ein Kernelement des Programms. Neben der Unterstützung bei der Umsetzung der Projekte, sorgt es besonders auch für die weitläufige Vernetzung innerhalb der Offenen Wissenschaft. 
  • Und zu guter Letzt: 95 Prozent unserer Absolvent*innen bewerten nach Abschluss der achtmonatigen Förderphase den Nutzen des Programms für die Förderung Offener Wissenschaft als hoch beziehungsweise sehr hoch. Das Fellow-Programm fördert Offene Wissenschaft besonders nachhaltig. 

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Warum liegt dir der Geburtstag persönlich am Herzen?

Das was Wikidata ausmacht, ist die Community, die sich Tag für Tag darum bemüht, der Welt hochqualitative, vollständige und maschinenlesbare Daten zur Verfügung zu stellen. In all dieser Arbeit an den unterschiedlichen Projekten verliert man schnell den Blick fürs große Ganze und das, was wir schon erreicht haben. Es ist immer gut einmal innezuhalten, darüber zu reflektieren und Erfolge zu feiern.

Außerdem nehmen wir den Geburtstag als Gelegenheit, als Community zusammenzukommen, etwa zur WikidataCon in Berlin in 2017 und 2019 oder online in 2018 und 2020.

Wie wird der Geburtstag gefeiert?

Dieses Jahr feiern wir online. Es gibt viele Veranstaltungen, die von Community-Mitgliedern aus aller Welt organisiert wurden. Mit dabei ist ein 24h-Livestream, bei dem es im Stundentakt viele tolle Sachen zu sehen gibt, sowie die WikiCite Konferenz. Und natürlich wäre es kein Geburtstag ohne Geschenke, das sind bei Wikidata dann Programme, Dokumentationen oder Spiele, aber auch Songs und Kuchen. Die werden auch aufgemacht! Alle Details über den Geburtstag stehen hier.

Bitte erzähl uns von den Anfängen! Wie ist es damals zur Idee von Wikidata gekommen?

Die Idee hinter Wikidata entstand etwa 2005. Denny Vrandečić und Markus Krötzsch wollten die Wikipedia verbessern und maschinenlesbar machen. Wikipedias Texte sind fantastisch, aber leider nur schwer maschinenlesbar. Das macht es schwer, sie weiterzuverwenden, um neue Applikationen oder Visualisierungen darauf zu bauen. 

Im April 2012 haben wir bei Wikimedia Deutschland mit der Entwicklung von Wikidata angefangen. Am 29. Oktober 2012 wurde das Wiki dann unter wikidata.org erstmals freigeschaltet. Am Anfang stand die Verwaltung der Links zwischen verschiedenen Sprachversionen der Wikimedia Projekte. Diese wurden vorher aufwendig von Hand in jedem Artikel in jeder Sprachversion gepflegt und werden jetzt nur einmal zentral in Wikidata verwaltet. 

Wenig später folgte dann die Möglichkeit, die eigentlichen Daten in Aussagen zu speichern und sie auch in den Wikimedia Projekten einzubinden. Und während der ganzen Zeit hatten wir viele Freiwillige an unserer Seite, die Wikidata mit Leben und Daten füllen – mittlerweile über 12.500.

Im Jahr 2014 erhielt Wikidata den Open Data Innovation Award. Bild: Open Data Institute Knowledge for Everyone, Wikidata at the ODIAwards 4Nov 082, CC BY-SA 2.0

Was waren die größten Meilensteine?

In den letzten acht Jahren ist so viel passiert, da ist es schwer Highlights herauszustellen. Aber ich versuche es mal: Ein großer Meilenstein aus Sicht des Entwickler*innenteams war sicher die Eröffnung des Wikis nach vielen Monaten Grundlagenarbeit. Die erste Befüllung von Wikidata mit Konzepten aus Wikipedia durch die Editoren und Bots und die Nutzung dieser Daten in den anderen Wikimedia-Projekten waren wichtige Schritte.

Danach folgte die Erweiterung zu anderen Arten von Daten mit der Unterstützung von Mediadaten auf Wikimedia Commons und lexikographischen Daten auf Wikidata. Mit diesen Daten konnten wir ein maschinenlesbares Wörterbuch in vielen Sprachen aufbauen.

In den letzten Jahre haben wir dann außerdem einen Fokus auf das Wikibase Ecosystem gelegt, bei dem das Ziel ist, mehr Organisationen in die Lage zu versetzen, eine Wissensdatenbank wie Wikidata aufzusetzen und eng mit Wikidata zu verknüpfen.

Auf dem Weg dahin hat Wikidata mehrere Preise erhalten – der für uns wichtigste ist dabei sicher der Open Data Award, der von Sir Tim Berners-Lee und Sir Nigel Shadbolt übergeben wurde.

Was sind die Herausforderungen? 

Wikidata wächst und mit diesem Wachstum kommen Herausforderungen, sowohl technisch als auch sozial. Technisch muss unsere Infrastruktur mit mehr Daten und mehr Zugriffen auf diese Daten umgehen, da die Daten in Wikidata immer häufiger in immer mehr Applikationen innerhalb und außerhalb von Wikimedia genutzt werden. Das ist aber ein gutes Problem, dem wir uns gerne stellen. 

Sozial ist es wichtig, dass wir die menschliche Komponente des Projekts nicht verlieren – bei einer so großen Community wie bei Wikidata passiert das schnell. Deshalb sind Events wie der Geburtstag und die WikidataCon alle 2 Jahre so wichtig für uns. 

Zuletzt will ich noch die Datenqualität nennen. Umso mehr Daten Wikidata der Welt zur Verfügung stellt, umso mehr Wartung und Aktualisierung dieser Daten bedarf es, gerade weil Wikidatas Daten an immer mehr Stellen genutzt werden, die von großer Bedeutung sind.

Was ist für das nächste Jahr geplant?

Im nächsten Jahr werden wir uns damit beschäftigen, wie wir die Sprach- und Kulturabdeckung in Wikidata erhöhen, die Infrastruktur weiter verbessern und skalieren und die Editoren noch besser bei der Qualitätssicherung unterstützen können. Und ich freue mich auf ein weiteres Jahr mit einer tollen Community und einem tollen Projekt.

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Seit vier Monaten ist das neue Präsidium von Wikimedia Deutschland im Amt. Was hat euch in dieser Zeit vor allem beschäftigt?

Anfang Oktober fand unsere erste mehrtägige Sitzung statt, in der wir besonders die strategische Ausrichtung von Wikimedia Deutschland in den Blick genommen haben. Die aktuelle Corona-Pandemie hat einmal mehr deutlich gemacht, wie wichtig Wikipedia als unabhängige Wissensquelle ist. Gerade eine Online-Community wie die Wikipedia lebt aber auch durch den persönlichen Austausch – also auf Stammtischen, bei gemeinsamen Exkursionen oder in Workshops und Konferenzen mit Partnerinstitutionen vor Ort. Dass diese Formate derzeit nicht oder nur in einem sehr eingeschränkten Rahmen stattfinden können, hat die Tätigkeit des Vereins insbesondere in der Zusammenarbeit mit der Community stark ausgebremst und wir denken viel darüber nach, wie wir dem begegnen können.

Ein großes Anliegen bei der Wahl des neuen Präsidiums war es, mehr Frauen für das Gremium zu gewinnen. Das hat geklappt. Welche weiteren Schritte für mehr Diversität habt ihr geplant? 

Wir wollen unser Unterstützungsangebot für eine bessere Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Ehrenamt ausbauen und die Aufgaben im Präsidium flexibler aufteilen. Auf politischer Ebene wollen wir uns im Rahmen der Initiative #stayonboard dafür einsetzen, dass auch Mitglieder von Vorständen und Aufsichtsräten gemeinnütziger Organisationen in Elternzeit gehen können – das ist nach der aktuellen Gesetzeslage nämlich nicht möglich.

Für dich ist es die zweite Amtszeit als Vorsitzender. Hast du Erfahrungen aus deiner ersten Amtszeit in die zweite mitgenommen und haben sich deine Ziele verändert? 

Als Vorsitzender des Präsidiums muss ich die unterschiedlichen Fäden im Blick haben, die bei mir zusammenlaufen. In dieser Amtszeit möchte ich aber gleichzeitig noch mehr versuchen, dass wir unsere Prioritäten und unseren Aktionsrahmen als gemeinsame Aufgabe wahrnehmen. Solche Fragen der Rolle unseres Gremiums und der Verteilung der Aufgaben zu klären, ist ein permanenter Prozess.

Nächstes Jahr feiert Wikipedia ihren 20. Geburtstag – Was wünschst Du der Enzyklopädie für die nächsten (20) Jahre?

Unsere 2017 beschlossene internationale strategische Ausrichtung besagt, dass Wikimedia bis im Jahr 2030 “das Fundament im Ökosystem des Freien Wissens” sein möchte und und dass sich uns alle anschließen können, die unsere Vision teilen: eine Welt, in der alle Menschen frei an der Summe allen Wissens teilhaben können. Der bisherige Erfolg der Wikipedia ist unser Ausgangspunkt für die Erreichung dieser Strategie und ich wünsche mir, dass es der Community gelingt, die Relevanz der Enzyklopädie zu bewahren: einerseits offen für neue Aktive, die unterschiedliche Sichtweisen auf das Wissen einbringen und andererseits resilient gegen Einflüsse, die unser Wissen als Erkenntnisquelle unterminieren wollen.

Welche Themen stehen in den nächsten Monaten für das Präsidium an?

In diesen Wochen startet die Umsetzung unserer neuen globalen Strategie “Wikimedia 2030”. Wir haben uns vorgenommen, bei Wikimedia Deutschland vier Themen besonders in den Fokus zu rücken: Wie können wir auf internationaler Ebene bessere Entscheidungsstrukturen etablieren? Wo befinden sich ‘weiße Flecken’ auf der ‘Wissens-Landkarte’ von Wikipedia und was müssen wir tun, um sie zu füllen? Wie können wir die Wikipedia-Community dabei unterstützen, neuen Aktiven mit unterschiedlichen Hintergründen ein ansprechendes Umfeld für ihr Engagement zu bieten? Und schließlich: Wie können wir die Bewegung robust und nachhaltig aufstellen? Ich freue mich schon darauf, in den nächsten Monaten im Präsidium und mit den haupt- und ehrenamtlich Wikimedia-Aktiven über diese Themen zu diskutieren.

Mehr Informationen zum Präsidium von Wikimedia Deutschland auf der Website.

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Seit Ausbruch der Corona-Pandemie informieren sich Millionen Menschen in der Wikipedia über das Virus und seine Auswirkungen. Die Weltgesundheitsorganisation will dieses Potential nutzen und den Zugang zu verlässlichen Informationen über Covid-19 erleichtern. In Genf wurde eine entsprechende Kooperation zwischen der WHO und der Wikimedia Foundation vereinbart.

Die WHO wird demnach Infografiken, Videos und weitere Informationen zu Covid-19 unter eine freie Lizenz (CC BY SA 3.0) stellen und im freien Medienarchiv Wikimedia Commons  freigeben. Diese neuen frei lizenzierten Ressourcen können die ehrenamtlich arbeitenden Wikipedia-Autorinnen und -Autoren somit ohne Beschränkungen direkt für die Artikel nutzen und so den Zugang zu Wissen über die Pandemie für Menschen auf der ganzen Welt weiter ausbauen.

„Der gleichberechtigte Zugang zu vertrauenswürdigen Gesundheitsinformationen ist entscheidend, um die Menschen während der COVID-19-Pandemie sicher und informiert zu halten. Unsere neue Zusammenarbeit mit der Wikimedia Foundation wird den Zugang zu verlässlichen Gesundheitsinformationen der WHO über mehrere Länder, Sprachen und Geräte hinweg verbessern.“

Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation

Mit verlässlichen Gesundheitsinformationen gegen eine „Infodemie”

Aktuell gibt es in den verschiedenen Sprachversionen der Wikipedia über 5.000 Artikel zur Pandemie. Weltweit arbeiten freiwillige Wikipedia-Aktive, von denen viele aus dem medizinischen Bereich kommen, täglich mit Hochdruck daran, die Artikel mit Informationen aus zuverlässigen Quellen zu aktualisieren.

Gleichzeitig hat die WHO seit Beginn der Pandemie Schritte unternommen, um eine „Infodemie“ zu verhindern – von der Organisation definiert als „ein Übermaß an Informationen und die rasche Verbreitung irreführender oder fabrizierter Nachrichten, Bilder und Videos“.

Durch die neue Kooperation erhoffen sich beiden Seiten, diese „Infodemie“ einzudämmen und sicherzustellen, dass alle Zugang zu verlässlichen Gesundheitsinformationen haben. Nicht nur die Wikipedia kann die von der WHO bereitgestellten Videos, Grafiken und Materialien ab sofort nutzen, auch andere Organisationen, Einzelpersonen und Websites können sie leichter auf ihren eigenen Plattformen teilen, ohne sich mit strengeren Urheberrechtsbeschränkungen auseinandersetzen zu müssen.

Weitere Informationen zur neuen Kooperation finden Sie in der Pressemitteilung der Wikimedia Foundation

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Laut einer Studie des Verbands der Internetwirtschaft eco halten 54 Prozent der Deutschen den Ausbau digitaler Bildungsangebote angesichts von Corona für besonders wichtig. Das Thema hat in den letzten Monaten einen enormen Schub erfahren. Allerdings dreht sich die Debatte nach wie vor viel zu oft um die Frage der benötigten Geräte. So wichtig dieser Punkt ist – viel entscheidender ist die Verfügbarkeit qualitativ hochwertiger Inhalte. Denn jedes Gerät ist letztlich nur ein Vehikel für gut aufbereitetes Wissen.

Die öffentlich-rechtlichen Sender produzieren jedes Jahr eine Vielzahl von Beiträgen, die bestens für den Schulalltag geeignet wären. Meist verschwinden solche Inhalte aber viel zu schnell wieder aus den Mediatheken, oder ihre Nutzung wird durch restriktive Lizenzbestimmungen gleich ganz verhindert. Auch für die Wikipedia wären die Inhalte der Öffentlich-Rechtlichen eine Bereicherung, aber ohne freie Lizenzen sind sie dort nicht verwendbar.

Bewegung bei ARD und ZDF – dank mehr als 10.000 Unterschriften
Damit der Zugang zu Bildungsinhalten der ARD und des ZDF einfach und dauerhaft möglich ist, haben im Frühjahr und Sommer über 10.000 Menschen unsere Forderung „Öffentliches Geld – Öffentliches Gut!“ mitgezeichnet. Das hat Türen geöffnet. Auch unsere 28 Partnerorganisationen aus Bildung, Netzpolitik und Jugendbeteiligung haben mit ihrem Input und ihrer Perspektive für Bewegung in den Häusern gesorgt.

Übergabe der Unterschriften der Kampagne an ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab; Christian Schneider für WMDE, Runder Tisch ÖRR, CC BY 4.0

Das ZDF hat wertvolle Pionierarbeit geleistet und zahlreiche Beiträge der beliebten Reihe „Terra X“ unter freie Creative-Commons-Lizenz gestellt. Die Videos sind dadurch nicht nur rechtssicher im Schulunterricht verwendbar, sondern vor allem auch in Wikipedia und Wikimedia Commons. Ein echter Mehrwert: Über 950.000 monatliche Aufrufe allein in den Sprachversionen der Wikipedia verzeichnen die Inhalte, die das ZDF und die Terra X – Redaktion in Folge der Kampagne bereitgestellt haben.

Die von ZDF und Terra X verfügbar gemachten Videos finden sich inzwischen auch bei Wikimedia Commons – zum Beispiel zur Demokratie im antiken Athen; ZDF/Terra X/Gruppe 5/ Susanne Utzt, Cristina Trebbi/ Jens Boeck, Dieter Stürmer / Fabian Wienke / Sebastian Martinez/ xkopp, polloq, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons.

Tagesschau und Drosten-Podcast jetzt unter CC-Lizenz
Neben dem ZDF öffnen auch ARD und Deutschlandfunk ihre Schatzkisten und machen viele Inhalte jetzt auch dauerhaft verfügbar. So stellt die ARD zahlreiche Archivinhalte online. Insgesamt ist das Interesse der Verantwortlichen an und die Bereitschaft zu freien Lizenzen deutlich gestiegen:

„CC-Lizenzen sind ein weiterer Baustein, wenn es darum geht, Inhalte möglichst leicht und möglichst dauerhaft für alle zugänglich zu machen.“

Tom Buhrow, ARD-Vorsitzender

Spannende Neuigkeiten gibt es auch von Deutschlands beliebtester Nachrichtensendung: Die Tagesschau veröffentlicht ausgewählte Videos ab sofort unter Creative Commons. Zunächst zwar nur unter der vergleichsweise restriktiven Lizenz CC BY-NC-ND, die für die Verwendung in der Wikipedia nicht frei genug ist – aber ein Anfang ist gemacht. Auch bei den Hörfunk-Inhalten tut sich etwas:

„Der NDR Rundfunkrat unterstützt das Vorhaben, unsere hochwertigen Angebote aus den Bereichen Wissen, Bildung und Kultur möglichst vielen – gerade auch jungen Menschen – zugänglich zu machen. Mit der Freigabe ausgewählter Hörfunk-Inhalte durch die ARD konnten wir u. a. den erfolgreichen NDR-Podcast „Corona – Update“ mit Christian Drosten Schüler*innen und Lehrer*innen zur nicht-kommerziellen Nutzung wie z. B. für werbefreie Podcasts und Websites zur Verfügung stellen.“

Anke Schwitzer, Vorsitzende des NDR Rundfunkrates

Corona: Vorspultaste für die Digitalisierung?
Digitale Bildungsinhalte, die ortsunabhängig eingesetzt werden können, sind angesichts von Quarantänemaßnahmen und Schulschließungen besonders wichtig. Gerade auch solche aus öffentlich-rechtlichen Quellen. Nicht nur der Schulunterricht kann von solchen Inhalten profitieren, auch der Wikipedia kommt frei lizenziertes Video- und Audio-Material zugute.

Wir wünschen uns, dass in den nächsten Monaten noch viele weitere Beiträge der öffentlich-rechtlichen Sender hinzukommen. Wir sind noch nicht am Ziel, aber es tut sich was. Bildungspolitik im Vorspulmodus.

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Ein wichtiges Kernelement des Fellow-Programm Freies Wissen ist das kontinuierliche Mentoring der Teilnehmenden: Neben der Unterstützung bei der Umsetzung der Projekte, sorgt es besonders auch für die Vernetzung mit der Offenen Wissenschaft.

Wir haben die vier neuen Mentor*innen des kommenden Jahrgangs 2020/21 gefragt, warum sie sich für den Nachwuchs im Bereich Open Science einsetzen und was sie mit dem diesjährigen programmatischen Schwerpunkt „Knowledge Equity“ verbindet.

<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Moritz_Schubotz_Fellowship.jpg" title="via Wikimedia Commons">Physikerwelt</a> / <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0">CC BY-SA</a>

Dr. Moritz Schubotz (FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur) erforscht gemeinsam mit Doktoranden der Bergischen Universität Wuppertal Methoden und Werkzeuge, um mathematisches Wissen maschinenlesbar und somit besser zugänglich zu machen. Als theoretischer Physiker und Informatiker überträgt er aktuelle Forschungsergebnisse aus der Informatik auf die besonderen Informationsbedürfnisse von Mathematikern und Wissenschaftlern angrenzender Fachbereiche.

„Offene, nachvollziehbare, verständliche und zugängliche Wissenschaft ist unerlässlich, um gesicherte Erkenntnisse von tendenziösen Behauptungen zu unterscheiden.“

Darüber hinaus ist er Botschafter der Open Science Bewegung und fühlt sich den FAIR-Data-Prinzipien verpflichtet. Dennoch erachtet er es als wichtig, dass Forschende, die ihre Daten und Ideen früh teilen, nicht Gefahr laufen plagiiert zu werden. Zu diesem Zweck untersucht er das Potential der Blockchain-Technologie und kryptographischen Verfahren, um die Open Science Prinzipien wirkungsvoll umzusetzen.

„Ich setze mich mit meinem Engagement als Mentor dafür ein, neben der Weitergabe von Prozesswissen, auch die Sensibilität für die gesellschaftliche Verantwortung als Wissenschaftler zu stärken.“

Foto: Physikerwelt / CC BY-SA

Kerstin Schoch (Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg / Universität Witten/Herdecke) ist Kunsttherapeutin und Psychologin. Als Promovendin an der Universität Witten/Herdecke sowie Wissenschaftlicher Mitarbeiterin an der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg forscht und lehrt sie transdisziplinär zwischen Künsten, Psychologie und Freier Wissenschaft.

„Open Science heißt für mich Wissenschaft transparent zu machen und den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft voranzutreiben. Offene Wissenschaft bedeutet für mich auch Wissenschaftskommunikation“

Sie ist Gleichstellungsbeauftragte an der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg, aktiv beim Feministischen Streik Berlin und selbst Alumna des Fellow-Programms. Ihre Motivation Mentorin des Fellow-Programms zu sein ist der diesjährige Schwerpunkt auf Knowledge Equity.

„Wenn wir Wissenschaft und Gesellschaft revolutionieren wollen, ist es notwendig Open Science mit Feministischer Forschung zusammenzudenken. Beiden geht es um eine Enthierarchisierung. Während Feministische Forschung durch ihre machtkritische, intersektionale Haltung Wissenschaft diversifiziert, eröffnet Open Science praktische Möglichkeiten, um Wissenschaft zu revolutionieren.“

Foto: Kerstin Schoch

Dr. Anita Runge ist ehemalige Geschäftsführerin des Margherita-von-Brentano-Zentrums an der Freien Universität und begleitet aktuell den Transformationsprozess der Publikationsgepflogenheiten in der Geschlechterforschung als Leiterin von zwei drittmittelgeförderten Open-Access-Projekten (Repositorium GenderOpen, Open Gender Platform).

„Mein Anliegen ist es, vor allem jüngere Forschende dabei zu unterstützen, sich in ihrer wissenschaftlichen Praxis an Konzepten von Open Science und Open Access zu orientieren und sich selbstbewusst mit den Widerständen auseinanderzusetzen, die ihnen dabei auf ihren Karrierewegen, insbesondere in eher traditionellen Disziplinen, begegnen.“

Sie beschäftigt sich in Vorträgen, Workshops und Lehrveranstaltungen sowie als Redaktionsmitglied der Zeitschrift Open Gender Journal mit dem Thema „unconscious bias“, mit Ausschlussmechanismen im Kontext von wissenschaftlicher Qualitätssicherung und –bewertung

„Für meine Arbeit als Geschlechterforscherin ist Openness und Transparenz zentral, da nur damit den nach wie vor bestehenden Vorbehalten gegen dieses wissenschaftliche Feld begegnet werden kann.“

Foto: Bernd Wannenmacher

Rima-Maria Rahal (Senior Research Fellow Max-Planck-Institut für die Erforschung von Gemeinschaftsgütern, Bonn. Department of Social Psychology, Tilburg University) ist Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für die Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn. Sie arbeitet an der Entwicklung des Einsatzes physiologischer Maße in sozialen, ethischen und rechtlichen Entscheidungskontexten.

„Da ich selbst Fellow im Programm war, weiß ich, dass die Gemeinschaft der Stipendiat*innen, Mentor*innen und Projektmitarbeiter*innen großartige Impulse für unsere Arbeit zur Förderung der offenen Wissenschaft gibt. Teil dieser Community zu sein ist mir von größtem Wert und das möchte ich weiter geben.“

Sie ist ehemalige Stipendiatin des Fellowship Freies Wissen, wo sie einen offenen Online-Kurs über die methodologischen Grundlagen des wissenschaftlichen Experiments unter Einbeziehung offener wissenschaftlicher Praktiken entwickelt hat. Die Förderung der Nutzung offener Bildungsressourcen und der offenen Wissenschaft in der empirischen Forschung sind ihre Hauptinteressen.

@rimamrahal auf Twitter
Foto: Rima-Maria Rahal

Hier der Live-Stream der Auftaktveranstaltung des Programms am 16.10.2020 mit einer Keynote von Prof. Dr. Judith Simon zu der Frage: „Führt offenes Wissen zu einer gerechteren Gesellschaft?“ und für den Überblick: eine Videoshow aller Fellow-Projekte im Schnelldurchlauf.

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Die Kontaktbeschränkungen der letzten Monate hatten erhebliche Auswirkungen auf die Arbeit von Kulturinstitutionen. Auf der diesjährigen Konferenz wollen wir deshalb darüber sprechen, welche Innovationen durch die Krise angeregt oder verstärkt wurden. Wie konnten und können Kulturinstitutionen trotz der Beschränkungen ihrem Auftrag gerecht werden? Welche rechtlichen Schwierigkeiten haben sich in den letzten Monaten dabei ergeben – und wie lassen sich diese erfolgreich bewältigen?

Zwölf Partnerorganisationen veranstalten die Konferenz

Mitdiskutieren in Fokusrunden
In den vier Themenblöcken Innovation, Urheberrecht, Gemeinfreiheit und Datenschutz diskutieren unsere Gäste Lösungswege aus der Krise. Mit dabei sind unter anderem Prof. Johannes Vogel, Direktor Naturkundemuseum Berlin, Larissa Borck, Swedish National Heritage Board, Dr. Maria Böhmer, Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission und John Weitzmann, Justiziar und Teamleiter Politik und Recht bei Wikimedia Deutschland. Auch für reichlich Gelegenheit zum Mitdiskutieren ist gesorgt: In sechs Fokusrunden sind alle Teilnehmenden eingeladen, mit den Expertinnen und Experten ins Gespräch zu kommen, ihre Fragen direkt zu stellen und die Themen der einzelnen Vorträge und Panels zu vertiefen. Mehr Infos zu den Fokusrunden erhalten die registrierten Teilnehmenden kurz vor der Veranstaltung.

Zu Gast bei Wikimedia Deutschland
Die Konferenz wird von zwölf Partnerorganisationen getragen, zu denen unter anderem die Deutsche Nationalbibliothek, das Bundesarchiv und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und iRights gehören. Wikimedia Deutschland ist seit der ersten Konferenz im Jahr 2011 als Partnerin dabei und fungiert dieses Jahr auch als als Gastgeberin: Moderation und einzelne Programmpunkte werden live aus der Geschäftsstelle in Berlin übertragen.

In diesem Jahr feiert Zugang gestalten! zehnten Geburtstag. Die zweite Ausgabe im Jahr 2013 fand im Jüdischen Museum Berlin statt; David Jakob (david-jacob.de), CC BY-SA 2.0.
Das Altonaer Museum in Hamburg war Schauplatz der dritten Konferenz im Jahr 2015; Hansgeorg Schöner, Konferenz Zugang gestalten 17, CC BY-SA 4.0
Im letzten Jahr war die Konferenzreihe in der Deutschen Nationalbibliothek zu Gast; DNB, Stephan Jockel, CC BY 4.0.

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OPEN!NEXT: Erster DIN-Standard für offene Hardware

09:48, Thursday, 01 2020 October UTC

Das Team um OPEN!NEXT und Open Source Ecology Germany hilft Nutzer*innen und Unternehmen dabei, Hardware kollaborativ und auf der Grundlage offener Standards zu entwickeln. Jérémy Bonvoisin, Assistant Professor an der Universität Bath und Martin Häuer erklären im Interview, warum die DIN SPEC 3105 die Prozesse der Open Source Hardware und auch der Standardisierung verändert. 

Elisabeth Giesemann: Warum begeistert ihr euch für offene Hardware?

Jérémy Bonvoisin: Ich interessiere mich für nachhaltige Produktentwicklung, also wie man Produkte ökologisch gestaltet. Da Offenheit viele Türen für nachhaltige Produktentwicklung öffnet, forsche ich seit ein paar Jahren an dem Thema Open Source Hardware.

Martin Häuer: Mir sind vor allem die sozio-ökonomischen Effekte von offener Hardware wichtig. Open Source Hardware stellt die Frage des Eigentums von Technologie auf einer höheren Abstraktionsebene. Wem gehört Technologie? Wer hat das Recht und das Wissen, Maschinen herzustellen? Wem die einzelne Maschine gehört, ist dann in meinen Augen zweitrangig. Wenn das Wissen über die Herstellung von Technologie frei ist, löst das eine Menge Probleme auf recht elegante Weise. 

Elisabeth: Wie genau definiert ihr Open Source Hardware?

Jeremy: Open-Source-Hardware-Produkte sind Produkte, deren Baupläne öffentlich zugänglich gemacht werden, damit jeder diese Produkte wiederherstellen, reparieren, studieren und weiterentwickeln kann. Diese Definition gibt es schon länger, aber sie war ein bisschen unpräzise. In der DIN SPEC 3105 haben wir angeregt, diese Definition präziser zu gestalten und einen Standard dafür festgelegt. 

Könnt ihr bekannte Beispiele von offener Hardware nennen? 

Jérémy: Das bekannteste Beispiel ist der Mikrocontroller Arduino. Auch andere Unternehmen sind aktiv in elektronischer Hardware, wie zum Beispiel Adafruit Industries Lcc. Ein weiteres tolles Beispiel ist der humanoide Open-Source-Roboter Poppy

Martin: Der sich teils selbst replizierende 3D-Drucker RepRap von der University of Bath hat eine ganze Reihe von Derivaten angestoßen und dabei die 3D-Druck-Technologie verfügbar und erschwinglich gemacht. Der darauf basierende 3D-Drucker Prusa i3 ist im Heimgebrauch weit verbreitet. An der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt wird ein Open-Source-MRT entwickelt – was auch interessante Fragen hinsichtlich eines transparenten Gesundheitssystems aufwirft. Der MNT Reform ist der erste Open-Source-Laptop, der in modernen Arbeitsumgebungen eingesetzt werden kann.

Elisabeth: Warum benötigt man für offene Hardware einen Standard?

Martin: Unser Ziel Ist es, nicht jede Maschine selbst zu entwickeln, sondern eine Infrastruktur zu bauen, die es den Menschen ermöglicht, das selbst zu tun. Und dabei am besten auch die etablierten Institutionen an Bord zu bekommen. Einer der ersten Bausteine, denen wir uns da gewidmet haben, war die Standardisierung. Das haben wir von Open Source Ecology Germany auch bei DIN angebracht, und die waren von Anfang an interessiert.

Zusammen mit über 30 Organisationen aus der OSH-Community durften wir dann den ersten DIN-Standard im Open Source Bereich schreiben. Der ist außerdem auch der erste Standard, der frei verwendet werden kann, also selbst Open Source ist. Man kann den Standard frei nutzen, verbreiten, weiterentwickeln, modifizieren. Die Feedback-Schleifen sind so deutlich kürzer als bei klassischen Standards; Prozesse und Entscheidungen sind sehr transparent gehalten.

Jérémy: Das heißt wir konnten nicht nur Fortschritte für die Open Source Hardware erzielen, sondern auch für die Standardisierung allgemein. 

Elisabeth: Was genau habt Ihr denn bei Hardware standardisiert?

Martin: Die technische Dokumentation, also die “Source” von Open-Source-Hardware. Bei Software ist die Sache recht simpel: Es gibt Code, der wird unter einer freien Lizenz veröffentlicht und gut. Bei Hardware ist die Sache komplexer. Ich könnte eine Skizze meiner Maschine veröffentlichen, aber das bringt ja niemandem etwas. Je nach Technologie, braucht es Stücklisten, 3D-Modelle, und Leiterplatten-Layouts. Das alles natürlich in editierbaren Formaten und unter freier Lizenz. Wir haben damit die allgemein anerkannte OSHWA-Definition um eindeutig prüfbare Kriterien erweitert – und OSH damit (hoffentlich) für Industrie und Forschung kompatibler gemacht.

Elisabeth: Wie genau sieht der Standard denn jetzt aus?

Martin: Der Standard hat zwei Teile: Der erste Teil beschreibt die Anforderung an die technische Dokumentation, also was alles wie mitgeliefert werden muss, sodass andere damit frei weiterarbeiten können. 

Der zweite Teil definiert einen community-basierten Prüfprozess dafür, ob ein bestimmtes Produkt open source ist – aus der Perspektive von DIN SPEC 3105-1. Soweit ich weiß, ist es damit auch der erste offiziell standardisierte Prüfprozess nach Open-Source-Prinzipien. Normalerweise läuft sowas über akkreditierte Zertifizierungsstellen, aber diese potenzielle Machtkonzentration bzw. diesen Flaschenhals wollten wir vermeiden. Damit kann nun bspw. in öffentlich geförderten Forschungsprojekten ein Prototyp „nach DIN SPEC 3105-1“ dokumentiert werden und so Forschungsergebnisse für die Allgemeinheit besser verwertbar gemacht werden. Citizen Science ist das Buzzword und bisher war das deutlich komplizierter.

Jérémy: Die Frage, die der Standard beantwortet, ist folgende: Was sind die Dokumente, die du teilen musst, damit jemand anderes dein Produkt nachbauen kann? Wenn du sie teilen kannst, kannst du sagen: ‘Mein Produkt ist Open Source Hardware.’

Elisabeth: Gibt es noch weitere Unterschiede zum normalen Standardisierungsprozess bei DIN?

Jérémy: Der größte Unterschied zu den Industrie-Standards ist sicherlich, dass er vollkommen offen ist. Andere DIN SPECs sind zwar kostenfrei aber nicht Open Source. Die Verwertungsrechte liegen unverändert bei DIN. Die DIN SPEC 3105 hingegen ist Open Source und kann sich jetzt dadurch einwandfrei weiterverbreiten und -entwickeln. Sie ist in Teilen sogar maschinenlesbar. Außerdem wurde für Feedback Loops gesorgt: Wenn jemand Kritik an bestimmten Teilen des Standards hat, soll er diese Kritik nicht verstecken. Die Dokumente sind alle öffentlich einsehbar im Gitlab Repository. Jeder kann dort Vorschläge einreichen und zur nächsten Version des Standards beitragen. 

Martin: Wir wussten schlicht noch nicht, was die Anforderungen für einen Bioreaktor in Bangladesh sind. Deswegen mussten wir es so halten, dass Leute aus der Praxis Feedback geben können und den Standard allmählich komplettieren können. 

Elisabeth: Wo seht ihr sonst Parallelen zu Open Source in der Software und Open Data?

Jérémy: Wir wollen dabei helfen, dass Open Source Hardware das erreicht, was Open Source Software bereits für die Software-Seite ist: Open Source ist die Basis der digital economy. Ohne Open-Source-Software gäbe es kein Internet. Android-Smartphones, alle Supercomputer und die meisten Kleingeräte, wie Router etwa, laufen mit Linux. In normalen, proprietären Programmen wird zwischen 40-60% offene Software verwendet.  

Martin: Vernetzte Kreislaufwirtschaft wird erst dann möglich werden, wenn Open Source den Weg in den Maschinenbau gefunden hat. Ich kann mein Handy nicht reparieren oder recyclen, wenn ich nicht weiß, was drin ist. Ich kann auch kein Superhandy aus zwei Handys entwickeln, weil die Firmen sich mit Copyrights und Patenten gegenseitig blockieren. Wenn wir große, komplexe Probleme global und nachhaltig lösen wollen – also Klimawandel, Corona, künstliche Obsoleszenz und so weiter – dann müssen wir kooperieren und dann brauchen wir Open Source.

Elisabeth: Wie geht es weiter bei OPEN!NEXT?

Martin: Wir arbeiten an der technischen Infrastruktur für Open-Source-Hardware und dabei an einer Art “Internet der Dinge”. Maschinen, Bauteile und deren Abwandlungen werden in der Graphdatenbank global vernetzt. Damit kann man offene Hardware dann auch viel besser finden und eben verbinden. Eine US-Community führt eine Liste von Beatmungsgeräten zur COVID-19 Krisenbewältigung. Da liegen knapp 140 Projekte, die vermutlich voneinander vorher noch nicht wussten. Das kann alles ein gutes Stück effizienter ablaufen.

Dafür arbeiten wir auch schon mit Wikimedia zusammen. Unsere Kern-Technik basiert auf Wikibase, unsere Datenstruktur nutzt Wikidata, Wikimedia ist sogar offizieller Projektparter bei OPEN!NEXT, also kein Wunder. Außerdem ist ein Projekt für Community-basierte Zertifizierung von Open Source Hardware teil von UNLOCK, dem Accelerator-Programm von Wikimedia Deutschland. Damit wollen wir eine Community von Reviewern aufbauen und den DIN SPEC 3105 in die Anwendung bringen.

Martin Häuer von Open Source Ecology Germany e.V. hat Gremium und Vorstand von DIN davon überzeugt, einen offenen Standard für Open Source Hardware zu schaffen. Bild: „port-nou“, Martin Häuer, CC BY 4.0.

Jérémy Bonvoisin forscht an der University of Bath zu sozial und ökologisch nachhaltiger Produktentwicklung und offener Hardware. Bild: Philippe Marin.

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Erstmals seit zehn Jahren: Wikipedia bekommt neues Design

11:43, Wednesday, 30 2020 September UTC

Wikipedia ist die Enzyklopädie, die täglich mehr als 600 Millionen Mal aufgerufen wird. Sie ist auf Platz 13 der meistbesuchten Websites der Welt und dabei eine der wenigen, die bei ihrer Größe keine kommerziellen Interessen verfolgt: Keine Cookies, keine Werbung, minimale Erfassung der Daten sind Standard. Wikipedia unterscheidet sich aber auch optisch vom Rest des Internets: Die Benutzeroberfläche hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. Bis jetzt: Die Wikimedia Foundation wird in den kommenden Monaten Änderungen an der Desktop-Version der Wikipedia umsetzen.

Neue Optik – verschiedene Bedürfnisse

Seit Mai 2019 arbeitet die Wikimedia Foundation zusammen mit der Community daran, die Wikipedia optisch zu verbessern. Neben einem leicht angepassten Logo soll es unter anderem eine zusammenklappbare Seitenleiste sowie ein neu gestaltetes Inhaltsverzeichnis geben. Letzteres erleichtert vor allem das Lesen von sehr umfangreichen Artikeln: Musste man bislang immer durch den gesamten Artikel scrollen, um zu bestimmten Abschnitten zu kommen, kann künftig einfach das entsprechende Fenster mit den Informationen ausgeklappt werden. Außerdem soll es für Leser*innen dank eines neuen Features einfacher möglich sein, innerhalb der Artikel in eine andere Sprachversion zu wechseln.

Zwei Aspekte werden bei den Änderungen besonders beachtet: Einerseits soll sich die Vertrautheit des Designs nicht so drastisch verändern, dass die Wikipedia kaum wiedererkennbar ist – andererseits soll das Design für alle Autor*innen und Leser*innen benutzerfreundlicher und pragmatischer werden. 

Einen Überblick über alle bisher geplanten Änderungen und wie diese aussehen könnten, gibt es auf MediaWiki.

Die ersten Änderungen können angemeldete Nutzer*innen in verschiedenen Testwikis mitverfolgen, diese sind unter anderem die französische, die hebräische und die persische Wikipedia.

Läuft alles nach Plan, sollen die neuen Features bis Ende 2021 in allen Wikis standardmäßig eingebaut sein.

Erstes Redesign seit zehn Jahren

Wikipedia ist seit dem Start im Jahr 2001 enorm gewachsen. Heute gibt es mehr als 54 Millionen Artikel in 300 Sprachen, die von tausenden freiwilligen Autor*innen weltweit geschrieben worden sind. Allein in der deutschsprachigen Wikipedia kommen täglich rund 300 neue Artikel hinzu. Die Benutzeroberfläche hat dabei nicht Schritt gehalten. Insbesondere neue Nutzer*innen würden sich von der Oberfläche der Wikipedia häufig überfordert fühlen, schreibt die Wikimedia Foundation in einer Erklärung. Einige Elemente der Seite würden sich unpassend und überwältigend anfühlen. Damit möglichst viele Nutzer*innen und Freiwillige in der Wikipedia mitarbeiten, lesen, kreieren oder lernen können, sollen die Designänderungen helfen, einen besseren Überblick zu bekommen und sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. 

Die Wikipedia entsteht im Kollektiv und durch die Arbeit der Freiwilligen weltweit – Änderungen werden folglich nicht einfach entschieden, sondern entstehen in einem kollaborativen Prozess mit der Community. Die Features werden immer wieder neu adjustiert, bis es zu einem für alle zufriedenstellenden Ergebnis kommt. Feedback kann beispielsweise hier gegeben werden.

Mehr Wissenswertes über die Wikipedia und Freies Wissen

Viele spannende Infos zur Gestaltung und Mitmach-Möglichkeiten in der Wikipedia gibt es in der Wikipedia-Challenge zu entdecken. Weitere Nachrichten rund um Wikipedia, Wikimedia und Freies Wissen liefert außerdem alle zwei Wochen der Wikimedia Deutschland-Newsletter.

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Es ist wieder soweit, der Jubel ist groß und die Vorfreude steigt. Der Start des Fellow-Programms Freies Wissen steht uns ins virtuelle Haus. Die Auftaktveranstaltung zum Fellow-Programms Freies Wissen findet am 16. und 17. Oktober als digitales Event statt. Zum ersten Mal werden sich hier die Fellows und Mentor*innen des neuen Jahrgangs 2020/21 treffen, sich virtuell kennenlernen und die gemeinsame Zusammenarbeit für die kommenden acht Monate planen.

Das Programm unterstützt Nachwuchswissenschaftler*innen aus allen Disziplinen dabei, Prinzipien offener Wissenschaft in die eigene wissenschaftliche Arbeit zu integrieren und gleichzeitig als Wissensvermittler*innen andere für dieses Thema zu sensibilisieren. Ein besonderer Schwerpunkt wird in diesem Jahr auf verschiedene Perspektiven und Diskussionsansätze rundum Knowledge Equity im Kontext offener Wissenschaft liegen, dies spiegelt sich teilweise in den Projektvorhaben der diesjährigen Fellows wieder..

Wie in den letzten Jahren auch beteiligen sich mehrere wissenschaftliche Partner*innen mit Workshops und Inputs am Programm, unter anderen die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Open Knowledge Maps, die Technische Informationsbibliothek (TIB), die Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin sowie innOsci, das Forum offene Innovationskultur vom Stifterverband.

Öffentlicher Live-Stream von Keynote und Eröffnung

Die digitale Abendveranstaltung am 16. Oktober startet mit einem öffentlichen Live-Stream aus der Wikimedia-Geschäftsstelle: Es folgt die Programmeröffnung mit einer Keynote von Judith Simon und die Vorstellung der Fellow-Projekte in TikTok-Länge in einer kompakten Videoshow. Der 17. Oktober bietet den neuen Fellows die Möglichkeit sich untereinander, ihre Mentor*innen und das Programmteam in einem Online-Workshop kennenzulernen.  
Hier geht es zum Live-Stream am 16. Oktober.

Wir freuen uns auf einen neuen Programmstart und den gemeinsamen Austausch, den wir nicht nur auf einzelne Veranstaltungselemente und die Programmbeteilgten beschränken möchten, sondern auch über die acht Monate Programmlaufzeit verteilt in verschiedenen Qualifizierungs- und Beteiligungsformaten in unterschiedlichen Personenkonstellationen ausweiten möchten. Seid gespannt, lasst euch überraschen und haltet Ausschau, vielleicht ist die eine oder andere Veranstaltung oder ein Workshop auch für dich dabei.

Hier ein Überblick über die Fellows des Jahrgangs 2020/21 und ihre Forschungsprojekte: 

Follow us

Wer mehr über das Fellow-Programm und über die Fellows selbst erfahren möchte, kann sich auf unserer Programm Webseite weiter informieren oder folgt uns via #fellowsfreieswissen oder @OpenSciFellows auf Twitter. Die Webseite des neuen Fellow-Jahrgangs ist derzeit noch in Arbeit, bitte seid geduldig, wir arbeiten kollaborativ daran und ergänzen nach und nach weitere Informationen.

Für Anregungen, Fragen und Interesse an unserem Fellow-Programm schreibt uns an wissenschaft@wikimedia.de.  

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ProWD: Ein Werkzeug zum Erkennen von Datenlücken in Wikidata

09:52, Wednesday, 16 2020 September UTC

Wikidata ist mit derzeit 89 Millionen Datenobjekten die größte offene Datenbank der Welt, doch auch sie hat Lücken und Ungleichgewichte. Die Gründe dafür sind komplex: so wurden historisch für lange Zeit Daten aus den Bereichen Naturwissenschaft und der westlichen Geschichte erhoben, während manche Felder, wie die Lebenswelten und Geschichten von nicht-westlichen Kulturen oder Minderheiten, systematisch unterrepräsentiert sind. Um die Lücken aufzuzeigen, analysiert ProWD die Verteilung von Daten in Wikidata. Durch die Erstellung von Dashboards können die Nutzer*innen Lücken in den Daten entdecken und sie verbessern.

Elisabeth Giesemann: Wer seid ihr und wie habt ihr ProWD entdeckt?

Nadyah Hani: Wir studieren beide Informatik an der Universitas Indonesia. Ich interessiere mich für Datenanalyse und Nutzerforschung und beschäftige mich auch viel mit Frontend-Entwicklung.

Refo Ilmiya: Ich interessiere mich hauptsächlich für Data Science und Softwaretechnik. Wir haben das Projekt in einem Kurs zum Semantic Web entdeckt und uns dem Forschungsteam angeschlossen. Wir haben dann darüber auch unsere Bachelor-Arbeit geschrieben, es war eine tolle Lernmöglichkeit. 

Elisabeth: Wie war es, Wikidata für ein Uniprojekt zu verwenden? 

Nadyah: ProWD ist eine Fortsetzung eines Forschungsprojekts, es wurde ursprünglich von einer anderen Studentin in einem älteren Jahrgang, Avicenna Wisesa, durchgeführt und von uns weiterentwickelt. Wir haben sechs Monate daran gearbeitet, in den ersten beiden Monaten haben wir vor allem Wikidata und das Semantic Web studiert und vier Monate lang haben wir dann die Seite mit Hilfe von Dr. Fariz Darari und Dr. Panca O. Hadi Putra von der Universitas Indonesia entwickelt. Außerdem waren Prof. Werner Nutt von der Freien Universität Bozen und Dr. Simon Rasniewski vom Max-Planck-Institut beteiligt. 

Refo: Wir hatten beide nur wenig Vorerfahrung mit Wikidata und waren bis zum Forschungsprojekt nicht besonders aktiv. Vor zwei Jahren besuchten wir an unserer Universität einen Workshop über Informationen zu Indonesien auf Wikidata. Es war hauptsächlich eine Einführung darüber, wie man darauf zugreifen und Daten beitragen kann. 

Elisabeth: Erklärt doch bitte ProWD und wie es funktioniert!

Nadyah: ProWD zeigt die Verteilung der Einträge in einer Klasse von Wikidata-Items. Dazu verwendet es das Maß des Gini-Koeffizienten. Der Gini-Koeffizient misst die Ungleichheit zwischen den Werten einer Häufigkeitsverteilung und ist vor allem dafür bekannt, das Niveau der Einkommensungleichheit zu beschreiben. Ein Gini-Koeffizient von Null drückt also eine vollkommene Gleichheit der Daten aus, bei der alle Werte gleich sind (z.B. wenn alle das gleiche Einkommen haben). Ein Gini-Koeffizient von eins (oder 100%) drückt die maximale Ungleichheit zwischen den Werten aus. 

Refo: Wenn man also an einem Thema auf Wikidata interessiert ist, kann man ein Profil in einem Dashboard erstellen, indem es gefiltert wird. So kann man unterrepräsentierte Themen identifizieren. ProWD zeigt den Gini-Koeffizienten und die Verteilung der Wikidata-Items einer Klasse an und die Nutzer*innen können so erkennen, wo Daten fehlen und sie entsprechend hinzufügen. 

Nadyah: Die App verfügt auch über Dashboards, mit denen man zunächst herumspielen und ausprobieren kann. 

Refo: Überraschend für uns war, dass die meisten Klassen von Items bereits ziemlich ausgewogen sind. Allerdings weisen die Unterklassen oft hohes Ungleichgewicht auf. 

Mit ProWD können zum Beispiel Personen mit dem Beruf Informatiker*in in Wikidata gefiltert werden. Die Klasse ist unausgewogen, was bedeutet, dass einige Items der Klasse viele Einträge in Wikidata haben, andere hingegen nicht. 

ProWD erlaubt es dem Benutzer, die regionale Verteilung von Informatiker*innen weltweit zu vergleichen. 

Das Tool bietet auch einen Überblick über die Geschlechterverteilung von Informatiker*innen, die einen Eintrag in Wikidata haben. 

Elisabeth: Wie schließt man damit jetzt Datenlücken in Wikidata?

Nadyah: Wenn man also eine Gruppe von Items entdeckt, die stark unausgewogen ist, können die häufigsten Properties (Eigenschaften) auf ProWD nachgeschlagen werden. Diese kann daraufhin hinzugefügt werden. Auf diese Weise können die Lücken Schritt für Schritt geschlossen werden. 

Refo: Die Anwendung kann also vor allem für die Erkennung Anomalien und den Vergleich verwendet werden. Wir sehen ProWD hier hauptsächlich als ein Erkennungssystem. Indem es  die Lücken in den Daten aufzeigt, kann sie weitere Untersuchungen zu bestehenden Ungleichgewichten auslösen. 

Nadyah: Die Daten können einen ersten Eindruck vermitteln und das kann ein Auslöser für weitere Forschung sein, z.B. darüber, warum weniger Daten vorhanden sind. Liegt es an Wikidata, oder hat die Geschlechterverteilung bei Wissenschaftler*innen Gründe, die eigentlich in unserer Gesellschaft liegen?

Elisabeth: Was ist eure Empfehlung für andere Entwickler*innen, die Tools mit Wikidata bauen wollen?

Nadyah: Nehmt so früh wie möglich Kontakt zur Nutzerbasis auf und konzentriert Euch auf deren Bedürfnisse! Anstatt nur darüber nachzudenken, wie etwas technologisch funktionieren kann, ist es meiner Meinung nach wichtig zu verstehen, was Wikidata-Nutzer*innen wirklich brauchen. 

Die Wikimedia-Community in Indonesien war sehr hilfreich. Mit den Mitgliedern haben wir Interviews durchgeführt, um die Benutzerfreundlichkeit zu testen. Aber es wäre sicher sehr gut, wenn wir eines Tages mit der internationalen Community Nutzerforschung betreiben könnten!

Elisabeth: Was ist der nächste Schritt für ProWD?

Refo: Wir haben unser Programm abgeschlossen und planen, unsere Arbeiten einzureichen, in denen wir sowohl die Analytik als auch die Schnittstelle beschreiben.

Nadyah: Es gibt noch viel Potenzial in Open Data, das wir mit den richtigen Werkzeugen erschließen können. Für ProWD werden jetzt andere Student*innen daran arbeiten, es weiter zu verbessern. 

Nadyah und Refo zeigten mir die interessantesten Items (Hier: Songs von Queen) auf Wikidata und sprachen mit mir über ihr Universitätsprojekt ProWD.

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Wikipedia von A bis Z. Ein Versuch

19:16, Monday, 20 2020 July UTC

Brockhaus


Die Brockhaus Enzyklopädie ist ein mehrbändiges Nachschlagewerk in deutscher Sprache, das zuletzt von dem zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Wissen Media Verlag herausgegeben wurde. Ist es ein Nachschlagewerk? War es ein Nachschlagewerk? Seit einigen Jahren befindet sich der Brockhaus in einer Art Limbo des Untotseins. Irgendwie existiert er noch. So richtig aber auch nicht mehr. Ohne jetzt die Irrungen und Wirrungen des ehemaligen Goldstandards der deutschen Nachschlagewerke nachzuerzählen, reicht es mir zu erwähnen, dass noch vor 10 Jahren der Brockhaus quasi das unerreichbare Ziel, die große Messlatte und die ferne Vision dessen war, was Wikipedia werden sollte. Genau wie Wikipedia den Brockhaus anscheinend maßlos überschätzte, so war und ist der Brockhaus selbst ratlos wie er mit der Wikipedia umgehen sollte. Man weiß nicht, ob man von vertanen Chancen reden soll. Denn hatte der Brockhaus je Chancen?

Chiara Ohoven



Chiara Ohoven ist ein deutsches It-Girl. Viel mehr wissen wir nicht, da Wikipedia den zu Chiara gehörigen Artikel permanent löscht. Vor einigen Jahren erlangte sie kurzzeitig deutschlandweite Berühmtheit durch eine Do-it-Yourself Schönheits-OPs mit Schlauchbootlippen als Ergebnis, fand aber vor den Do-it-Yourself-Enzyklopädisten damit keine Gnade. Ansonsten folgt Chiara ihrer Mutter und ihrem Vater auf das Parkett der High Society und des Glamours. Und da kein Wikipedianer je zur High Society gehörte oder gehören wird, gilt sie in Wikipedia weiterhin als nicht-relevant.

Donauturm




Der Donauturm ist ein Aussichtsturm[4] inmitten des Donauparks im 22. Wiener Gemeindebezirk Donaustadt. Darüberhinaus sieht der Donauturm aus wie ein Fernsehturm, was zu einem der erbittertsten Editwars in der Wikipedia-Geschichte führte. Dort der Fachmensch für Fernsehtürme, der sich sehr sicher war, dass Fernsehturm die Bezeichnung eines bestimmten architektonischen Typs ist, dort eine Gruppe Wiener und Österreicher, die darauf verwiesen, dass von diesem Turm kein Fernsehsignal übertragen wird, noch nie ein Fernsehsignal übertragen wurde und niemand je plante von diesem Turm aus ein Fernsehsignal zu übertragen. Beide Seiten standen fester zu ihrem Standpunkt als der Donauturm im Wiener Boden. Schlußendlich führte der Editwar zu einem mehrseitigem Artikel im Spiegel, gebrochenen Herzen, frustrierten Wikipedianern und der Tatsache, dass jeder Wikipedianer weiß wie der Donauturm aussieht.


Elian


Elian ist ein in den 1980er Jahren aus dem Französischen entlehnter männlicher Vorname. Er geht auf den Beinamen Aelianus, eine Ableitung des römischen Geschlechternamens Aelius, zurück. elian (klein geschrieben und gesprochen eher wie Alien) kann auch als weiblicher Internetnickname genutzt werden. Ohne elian keine Wikipedia so wie wir sie kennen.

Gdansk



Danzig (polnisch Gdańsk Zum Anhören bitte klicken! [ɡdaɲsk],[3] kaschubisch Gduńsk), die Hauptstadt der Woiwodschaft Pommern im Norden von Polen, liegt an der Ostsee rund 350 km nordwestlich von Warschau und steht mit über 460.000 Einwohnern auf der Liste der bevölkerungsreichsten Städte Polens auf Platz sechs. Außerdem ist Gdansk Anlass des ersten Edit Wars, den ich persönlich mitbekommen habe. Es war 2003. Es war in der englischen Wikipedia. Deutsche und polnische Nationalisten ähnlicher Angestrengtheit konnten sich nicht einigen, ob die Stadt nun Danzig oder Gdansk heißt. Hilflos naive und offensichtlich überforderte Amerikaner versuchten zu vermitteln. Der interessante Moment kam, als der Edit-War zur Frage überging, ob die Band Danzig nun "benannt ist nach der Stadt Gdansk, ehemals Danzig" oder "benannt ist nach der Stadt Danzig, heute Gdansk".


Hubertus


Hubertus ist ein männlicher Vorname. Er wird NICHT Atze abgekürzt.

Kreuz


Curious Myths p 81
Bild: Page of symbols referenced in s:Curious Myths of the Middle Ages. 1868 von Sabine Baring-Gould. Public Domain.

Das Kreuz ist ein weltweit verbreitetes Symbol, das insbesondere religiöse und kulturelle Bedeutung hat. In diesen Bedeutungen hat sich Wikipedia unentrinnbar verheddert. Einerseits ist das Kreuz-Symbol ein wunderbares Beispiel dafür, welche Probleme das Internetprojekt mit Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten jeder Art hat. Andererseits ist der Streit darum ein tragischer Fall epischen Ausmaßes, der die Wikipedia-Community über Jahre in Aufregung hielt, die Nerven dutzender Wikipedianer verschliss und für Verzweiflung und Frustration allüberall sorgte. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: das Kreuz ist natürlich DAS Symbol des Christentums und symbolisiert Jesu Tod. Daraus folgend wurde † zum Symbol für den Tod. Das † kommt in der Wikipedia in Lebensdaten vor. (Beispiel: * 1600 †1666). Nun waren und sind sich die Wikipedianer nicht einig, ob †ein Symbol ohne jede Bedeutung ist, die einfach Standard ist, oder ob es immer noch christlich konnotiert ist. Bei Artikeln zu Menschen nicht-christlichen Glaubens kam und kommt es zum Streit. Ist das Kreuz nun eine christliche Usurpation von Nicht-Christen oder ist der Versuch deren Tod anders darzustellen - beispielsweise durch "gestorben 1666" ein Verbrechen an enzyklopädischer Neutralität und verstößt gegen die Einheitlichkeit der Form, die anzustreben ist? 

Lutz Heilmann


Siehe → Streisand-Effekt

Narrenschiff 


Das Narrenschiff (alternativ: Daß Narrenschyff ad Narragoniam) des Sebastian Brant (1457–1521), 1494 gedruckt von Johann Bergmann von Olpe in Basel, wurde das erfolgreichste deutschsprachige Buch vor der Reformation. Es handelt sich um eine spätmittelalterliche Moralsatire, die eine Typologie von über 100 Narren bei einer Schifffahrt mit Kurs auf das fiktive Land Narragonien entwirft und so der Welt durch eine unterhaltsame Schilderung ihrer Laster und Eigenheiten kritisch und satirisch den Spiegel vorhält. Im Wikipedianischen Zusammenhang war das Narrenschiff eine Art Mitteilungsblatt des Hans Bug, in dem er die Wikipedianer und ihre Laster und Untaten kritisierte. Bugs Narrenschiff war inhaltlich und qualitativ von Sebastian Brants Narrenschiff entfernt, wie es heutige Nachwuchswikipediakritiker von Bugs Narrenschiff sind. Wenn etwas in den letzten Jahren extrem gelitten hat, dann das Niveau der internen Wikipedia-Kritik.

Manipulation

Zur Manipuation in der Wikipedia und vor allem zu den Maßnahmen dagegen siehe Wikipedias Kontrollmechanismen gegen Manipulation

München


Bild: Wikipediastammtisch München 2005. Von: Hella Breitkopf Linzenz: CC-Attribution-Share Alike 3.0 Unported

München?/i [ˈmʏnçn̩] ( bairisch  Minga?/i) ist die Landeshauptstadt des Freistaates Bayern. Sie ist mit ca. 1,45 Millionen Einwohnern die einwohnerstärkste und flächengrößte Stadt Bayerns und, nach Berlin und Hamburg, die nach Einwohnern drittgrößte Kommune Deutschlands und die zwölftgrößte der Europäischen Union. Wikipedia-historisch ist München wichtig, da hier am 28. Oktober 2003, organisiert von → elian, das allerallererste Wikipedia-Treffen überhaupt stattfand. Und nachdem sich die Münchner einmal getroffen hatten und feststellen, dass es gar nicht so schlimm ist, folgten Treffen in Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Boston, Taipeh, Alexandria bis es dann 2014 zum bisher größten Treffen in London mit knapp 2.000 Teilnehmern kam. Siehe auch → Wikimania, Stammtisch.


Nordsee


Die Nordsee ist ein Mehr, ein teil der Atlant, zwischen Grossbritannien, Skandinavien, und Friesland. Siehe auch Kattegatt, die Niederlanden, Deutschland.


Polymerase-Kettenreaktion

Der Artikel zur Polymerase-Kettenreaktion war im Mai 2001 der erste Artikel der deutschsprachigen Wikipedia. Vielleicht war es aber auch der Artikel zu Vergil. Oder der zur -> Nordsee. Die frühen Anfänge der Wikipedia liegen im Nebel. Mehr dazu: Wikipedia Manske Polymerase-Kettenreaktion.

Relevanz 


Relevanz (lat./ital.: re-levare „[den Waagebalken, eine Sache] wieder bzw. erneut in die Höhe heben“) ist eine Bezeichnung für die Bedeutsamkeit und damit sekundär auch eine situationsbezogene Wichtigkeit, die jemand etwas in einem bestimmten Zusammenhang beimisst. Das Wort ist der Bildungssprache zugeordnet[1] und bezieht sich auf Einschätzungen und Vergleiche innerhalb eines Sach- oder Fachgebietes. Das Antonym Irrelevanz (Adjektiv: irrelevant) ist entsprechend eine Bezeichnung für Bedeutungslosigkeit im gegebenen Zusammenhang, umgangssprachlich vereinfacht auch für allgemeine Sinnlosigkeit oder Unwichtigkeit. Das Fremdwort für eine allgemeine, qualitativ messbare Wichtigkeit ist Importanz. Siehe auch → Löschkandidaten, Relevanzkriterien, Inklusionismus, Exklusionismus, Tschunk.

Seitenleiste

Die Seitenleiste lässt sich vielleicht ab 2020 oder 2021 wegklappen. Siehe Seitenleiste Wikipedia nötig?

Strecke


Eisenbahnstrecke wird die Verbindung von Orten mit einem Schienenweg genannt. Im Gegensatz dazu bezeichnet der Begriff (Eisen-)Bahnlinie den auf diesen Strecken regelmäßig stattfindenden Verkehr. So können auf einer Strecke mehrere Bahnlinien oder eine Bahnlinie auf mehreren Strecken verkehren. Nach herrschender Meinung in der Wikipedia sind Strecken relevant und Linien irrelevant. Oder umgekehrt. Ich kann es mir nicht wirklich merken. Wobei die Regel zwar grundsätzlich gilt, bei Wiener Straßenbahnlinien gelten allerdings Sonderregeln und es ist andersrum. Und da wundert man sich, warum sich niemand mehr an Artikel zu Eisenbahnen herantraut.

Volker Grassmuck


Volker Grassmuck (* 1961 in Hannover) ist ein deutscher Publizist und Soziologe. Er ist assoziierter Professor für Mediensoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Wikipediahistorisch ist Grassmuck gleich zweimal wichtig. Zum einen war er auf der Gründungsversammlung von → Wikimedia Deutschland anwesend, was uns ein wunderbares Video bescherte.

Zum anderen veröffentlichte er 2002 ein Buch über Freie Software. Dieses Buch enthielt eine Fußnote, in der Wikipedia erwähnt wurde. Diese Fußnote brachte nicht nur den Verfasser dieser Zeilen zur Wikipedia, sondern auch → elian zur Wikipedia brachte.

Weiterlesen


Längerer Text zu Pokémon in der Wikipedia.

Weitere Texte zu online: Kultur in Iberty!




Seitenleiste Wikipedia nötig?

16:25, Thursday, 02 2020 July UTC

Wikipedia soll schöner werden.

Ich sitze am Teltowkanal. An mir ziehen die Mittagspausenspaziergänger aus Finanzamt, Arbeitsamt, Ufa-Fabrik und Ullstein Castle vorbei. Ich schaue sie nur aus den Augenwinkeln heraus an. Ich lerne italienisch. Dazu wähle ich Kacheln in der Sprachlern-App „Duolingo“ aus. Duolingo gibt Sätze vor, ich klicke auf dem Handy die entsprechenden Wörter aus einer kleinen Auswahl an.

„Ich trinke den Tee“ – Ich wähle die Kacheln „Io“ und „bevo“, „il“ und „té“. „Io bevo il té.“

„Das schwarze Pferd kauft rosa Hosen“ – Il cavallo nero compra i pantaloni rosa.

„Die Vögel spielen Flöte“ – Gli uccelli sounano il flauto.

„Mario und Luigi sind Klempner“ – Mario e Luigi sono idraulici.

Ich erreiche den fortgeschrittenen Teil oder Übung. Ich darf keine Kästchen mehr anklicken. Die Wörter sind nicht vorgegeben. Ich muss selber den Text schreiben, die entsprechende grammatikalische Form kennen. In die nächste Runde komme ich erst, wenn ich den ganzen Satz fehlerfrei auf der Handytastatur tippe. Duolingo gibt vor:

„Du hast mir gesagt, dass er jeden Montag im Sommer zu ihr kommen würde, damit sie nachmittags die Kaninchen auf dem Hügel in der Stadt mit dem rohen Gemüse füttern können.“ – WHAT?

Zum Glück erlösen mich Schritte. Ich höre DJ Hüpfburg den Kiesweg am Kanal entlang laufen. Hüpfburg war kurz beim Asia-Streetfood-Wagen und hat sich die Nummer 9 gekauft (Reis mit Huhn). Sie läuft den Weg hinunter, grinsend. „Ich hoffe wir werden die PiS endlich los.“ Sie freut sich über die polnischen Präsidentschaftswahlen.

„Ist Dir aufgefallen, dass ich tiefer deutsch rede als polnisch. Hat meine Freundin letztens bemerkt. Mit der Freundin rede ich in beiden Sprachen. Habe ich nie gemerkt. Aber sie hat recht. Wenn ich deutsch rede, rutsche ich nach unten. Oder nach oben wenn ich polnisch rede.“

Ich: „Nein“.

Sie: „Du hast doch letztens von den Wildbienen und dem Befruchten erzählt. Ich hab‘ jetzt von Z gehört, dass in Japan Befruchtung per Seifenblasen getestet wird. Nicht so effektiv wie Bienen aber besser als Befruchtung von Hand. Die Seifenblasen werden mit Pollen bestäubt und dann über die Pflanzen geblasen. Stand wohl in der New York Times. Fiel mir wieder ein, als ich letztens vor dem Rathaus Schöneberg eine Hochzeit mit vielen Seifenblasen gesehen hab. Vielleicht steht ja in Deiner Wikipedia was dazu.“

„Es ist nicht meine Wikipedia!“

„Seifenblasenpflanzenbefruchtung finde ich ich nicht. Aber sag: Warum ist Deine Wikipedia so hässlich. Und sie sieht so aus als wäre sie 2004 stehen geblieben.“ Ich ringe um Worte.

„Es ist nicht meine Wikipedia. Und sie ist nicht..“ Oder doch? Ob Wikipedia schön ist? Ich wohne seit 2004 gedanklich in der Wikipedia und im Wikipedia-Layout. Jegliche Fähigkeit, die „Schönheit“ des Layouts von Außen zu erkennen, ist mir vor Jahren abhandengekommen.

Aber die Wikipedia sieht altbacken aus. Dem stimme ich zu. Sie erscheint, wie das Internet 2005 aussah, nicht wie das Internet von 2020 wirkt. Gerade will ich zu längeren Erklärungen und Entschuldigungen ansetzen.

Wieder rettet mich ein Geräusch. Hufgetrappel. Auf einem Schimmel reitet Lukas von Gnom den Kiesweg hinab. Das Hemd geöffnet, das wallende blonde Haar wehend im Wind. Er spielt die Klarinette der Erkenntnis.

Reading/Web/Desktop Improvements

Die Töne dringen in mein Hirn hinein. Aus dem Nebel heraus formt sich in meinem Kopf die Erkenntnis: Reading/Web/Desktop Improvements (Lesen / Web / Computer) Es gibt ein Projekt Wikipedia schöner zu gestalten. Und es hat Chancen auf Umsetzung!

Ich versuche, den Vorwurf der Wikipedia-Altbackenheit zu kontern. „Aber es gibt das Projekt Reading/Web/Desktop Improvements zum Zusammenklappen der Seitenleiste in der Wikipedia.“

Hüpfburg wirkt nicht beeindruckt.

Ich versuche das Projekt zu erklären. Leider hat es keinen Namen, was das Sprechen und Schreiben über das Projekt verkompliziert. Deshalb werde ich es Projekt Desktop Improvements oder kurz Projekt DImp nennen.

DImp möchte Wikipedia leserfreundlicher machen. Dies soll geschehen, indem die linke Seitenleiste versteckt wird. Diese wird ausklappbar. Im Normalfall sieht man dort nur einen kleinen Pfeil. Erst man auf den Pfeil klickt, kommen alle Menüs zum Vorschein.

Dem fragenden Blick von Hüpfburg sehe ich an, dass sie denkt „Welche Seitenleiste?“ Sie bestätigt damit, dass man gedanklich verdrängt, was man nicht braucht.

Welche Seitenleiste?

In der Seitenleiste stehen links auf verschiedene Wikipedia-Funktionen. Sie sind inhaltlich wild gemischt. Warum sie dort in dieser Anordnung auftauchen: „Das ist in 15 Jahren historisch gewachsen und logisch kaum erklärbar.“

Screenshot des Wikipedia-Artikels Benutzerschnittstelle mit Heraushebung der linken Seitenleiste.
Seitenleiste in einem Wikipedia-Artikel

Links finden sich dort für die Leser. Die Links in der Leiste lenken zu Hinweisen für Neulinge oder Gelegenheitsautoren. Langjährige Hardcore-Autoren können in der Leiste Spezial-Werkzeuge finden. Alle sind bunt gemischt. Die Links haben sich über die Jahre angesammelt. Sie wurden umgetauft und inhaltlich umgewandelt. In seltenen Ausnahmefällen ist sogar ein Link verschwunden.

Die ganze Leiste zu erklären wäre müßig. Zu verschieden sind die Zielgruppen, so dass es niemand gibt, der alle Funktionen benötigt.

Für Leser am spannendsten sind die Links unten: die Sprachversionen. Dort können sich die Leser Wikipedia-Artikel zum selben Thema in anderen Sprachen finden. Es handelt sich bei den Artikeln in anderen Sprachen um eigenständige Artikel. Es sind keine Übersetzungen. Sie unterscheiden sich oft inhaltlich. Auf jeden Fall bieten sie eine andere Sichtweise auf dasselbe Thema.

Screenshot der Wikipedia-Seite "Benutzerschnittstelle" mit Fokus auf die Sprachlinks von Arabisch bis Russisch.
Ein Teil der Sprachlinks zur „Benutzerschnittstelle“

Ein Hinweis auf die Sprachlinks soll in den Kopfbereich der Seite wandern, sichtbarer werden. Alles andere soll unsichtbarer werden. So will es das DImp-Team.

Das, dessen Namen nicht genannt werden kann

Der Prozess ist schwierig zu finden. Denn er hat keinen Namen. Selbst der Behelfsbezeichnung Reading/Web/Desktop Improvements ist kaum zu entnehmen: Ist es die Bezeichnung für den Prozess? Ist es die Bezeichnung für das Team in der Wikimedia Foundation?

Kann man über etwas reden, dass keinen Namen hat? Ist jemand das Problem aufgefallen? Ist es Absicht? In den Tiefen der Wikimedia-Diskussion lassen sich Vorschläge finden, dem Kind einen Namen zu geben. Da bleibt es bei der ausufernden Umständlichkeit. Oder halt bei Projekt DImp.

Das Team

Das Team hinter DImp ist das „Readers Web Team“ aus Angestellten der Wikimedia Foundation. Das wiederum gehört zur „Abteilung“(?) Readers oder Reading. Die Wikimedia Foundation ist sich nicht sicher, wie die Abteilung heißt. Diese Reading-Abteilung wiederum gehört zur Gruppe „Product“. Product ist eine der zwei technischen Gruppen in der Wikimedia Foundation. Die wiederum..

DJ Hüpfburg ignoriert mich und schaut dem Mann mit der Bierflasche in der rechten Hand zu, der vollkommen in sich gekehrt mit links sein T-Shirt bis zur Schulter hochzieht. Ich bin so in Wikipedia-Inside-Detailtum verfallen, dass ich mir selbst nicht mehr zuhöre.

..Auf jeden Fall: Es geht nicht um die App oder die Mobilansicht, sondern die Ansicht am PC. Das Desktop-Ansichts-Team will am PC die linke Seitenleiste einklappbar machen.

Ausgangslage

Es begann im Mai 2019 ausgehend von der Prämisse: Wikipedia ist unübersichtlich.

Das DImp-Team brach die Prämisse herunter in drei Leitsätze: Kein Leser versteht, wie das Wiki funktioniert. Die Bedienung ist unnötig umständlich. Es sieht nicht einladend aus.

Daraus folgten die Ziele des Teams: 1) Die Oberfläche der Wikipedia soll übersichtlicher werden. 2) Die Oberfläche soll die Blicke auf den Inhalt der Artikel lenken. 3) Die wichtigen Bedienelemente sollen schneller zu finden sein.

Um die Verwerfungen mit der Community klein zu halten, gab es von Beginn an Bedingungen. Die Verbesserung sollte nicht in Chaos und Streit enden. Deshalb gab es Einschränkungen an der Reichweite von Projekt DImp: 1) Keine drastischen Änderungen am Layout. 2) Der eigentliche Inhalt aller Bedienelemente bleibt bestehen.

Anders gesagt: Alles sollte besser werden, aber nichts sollte sich ändern.

Der Prozess

Es begann mit Mai 2019 mit ersten Gedanken. Es dauerte bis September des Jahres mit Vorüberlegungen. Bereits im Juli 2019 entstanden programmierte Gedankenspiele. Auf der Wikimania im August 2019 gab es längere Diskussionen und Tests mit anwesenden Teilnehmern.

Nach weiteren Tests wurde es im Mai 2020 ernst: Die ersten beiden Prototypen für echte Features entstanden: zum Beispiel die zusammenklappbare Seitenleiste. Die wurden zuerst in internen, semiöffentlichen Wikis eingesetzt.

Es gibt das Feature im Officewiki, das die Wikimedia intern nutzt. Und es gibt das Feature im Testwiki. Ursprünglich sollte das Feature bis jetzt schon in „echten“ Wikipedias wie der hebräischen oder französischen getestet werden. Aber Corona.

Normalnutzer können dennoch etwas sehen: Das Feature lässt sich in jeder Wikipedia anzeigen. Einfach ?useskinversion=2 an den URL hängen. Also wenn der Link zum Artikel UI (User Interface) in Wikipedia lautet:

https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzerschnittstelle

müsst ihr nur

https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzerschnittstelle?useskinversion=2

in die Adresszeile schreiben und ihr könnt das Feature selber sehen.

Gif, das Auseinander- und Zusammenklappen der Seitenleiste demonstriert.
Die Einklappbare Seitenleiste in der Praxis.

Desktop ist wichtig

Auch wenn man denken sollte, dass die Desktop-Version inzwischen nur noch Autoren angeht, die Leser nutzen den Desktop. Etwa die Hälfte der Zugriffe verteilt sich auf Desktop und Mobilansicht. Die App spielt nur eine unbedeutende Rolle.

Screenshot der Zugriffsstatistik auf die Wikipedia aufgeteilt nach Desktop / App und Mobilansicht. Im Monat erfolgen je etwa 10 Milliarden Zugriffe per Desktop oder Mobile und knapp 300 Millionen via App.
Zugriffstatistik auf alle Wikimedia-Projekte nach Zugriffsmethode.

Hüpfburg staunt: „Ich dachte, Wikipedia ändert sich nie. Aber es ist ja noch schlimmer! 30 Angestellte, ein Jahr mit Gerede und Fragen und wieder Gerede und wieder machen und am Ende kommt ein elender Balken zum Zusammenklappen raus?“ Da war ja der Kommunismus effizienter.

Jein, wende ich ein. Es mag ein kleiner Schritt für den Sidebar sein. Aber es geht um Millionen Menschen. Bei 12 Milliarden Schritten im Monat führen auch kleine Schritte sehr weit. Bei den Autoren, die jeden Tag mit dem Anblick umgehen müssen, für die die Wikipedia-Oberfläche oft ein wichtiger Teil ihres Lebens ist, geht es um zehntausende Menschen. Angesichts der Auswirkungen, die selbst eine kleine Änderung der Wikipedia-Oberfläche in der Welt hat, ist der Aufwand klein.

„Wenn du meinst? Ich bleib lieber bei meinen Hochzeitswebsites. Dort muss ich nur den Geschmack der Braut treffen. Das geht einfacher.“

Weiterlesen

Die Website zum Projekt DImp. Reading/Web/Desktop Improvements.

Wer Insider-Baseball zur Wikipedia-Gestaltung nachlesen möchte: ein Wikipedia-Mobil-Ansichts-Entwickler schreibt warum es eine Desktop-Version gibt.

Wikipedia im Jahr 2001. Noch ohne Seitenleiste.

10 Regeln für den eigenen Wikipedia-Artikel

17:51, Thursday, 11 2020 June UTC

Wikipedia ist nicht nur eine Enzyklopädie mit dem Anspruch auf Ewigkeit, sondern auch ein Nachschlagewerk für Ephemeres und zeitgemäß Aktuelles. In der Wikipedia stehen nicht nur Artikel über Themen von Bach und Barock bis zu Bismarck oder zur Binomialverteilung. Im Bastelbrockhaus stehen auch Einträge über lebende Künstler, Sänger, Sportler, Unternehmen, Vereine und Stiftungen.

Nun können diese Künstler, Sänger und andere diese Einträge auch lesen und sind – mal zu Recht mal zu Unrecht – nicht glücklich mit diesen Artikeln. Mal sind die Artikel eigenwillig gewichtet, mal lassen sie das Wesentliche aus, mal sind Daten veraltet und ab und an enthalten die Artikel auch echte inhaltliche Fehler.

Artikel über sich selbst oder seine Organisation zu ändern, ist nicht einfach. Manchmal ist es aber für Wikipedia und die Betroffenen hilfreich. Deshalb hier einige Regeln zum Umgang mit dem eigenen Wikipedia-Artikel.

Maze 01
Auf den ersten Blick wirkt Wikipedia unübersichtlich. Bild: Maze01. Von Nevit Dilmen Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

(0) Vorweg: Wikipedia-Artikel sind böse

Die Grundregeln für den Umgang mit der eigenen Person oder Organisation in Wikipedia ist einfach: existiert noch kein Artikel, so ist das gut. Wikipedianer schätzen es gar nicht, wenn Betroffene über sich selbst Artikel anlegen. Die geschriebenen Regeln verbieten die Artikelanlage in eigener Sache nicht explizit. Die - wichtigeren - ungeschriebenen Regeln sprechen sich stark dagegen aus. Umso kritischer werden Wikipedianer die neuen Artikel begutachten, nach Schwächen und Fehlern suchen. Umso schlimmer wird das Spießrutenlaufen für denjenigen, der diesen Artikel anlegt.

Selbst wenn der Artikel durchrutscht, zumindest am Anfang keine Kritik erfährt: Viele der Ersteller und Objekte von Artikeln rechnen nicht damit, was für eine eindrückliche Erfahrung es sein kann, die Kontrolle aus der Hand zu geben, einer anonymen Gruppe von Menschen eine große Bühne zu geben, das eigene Leben oder die eigene Organisation darzustellen. Eine eigene Website oder ein Facebookauftritt kann dasselbe wie ein Wikipedia-Artikel. Aber man behält die Kontrolle.

Wenn eine Person oder Organisation keinen Wikipedia-Artikel hat, dann sollte sie eine Flasche Sekt öffnen, dankbar sein und sich auf andere Formen der Öffentlichkeitsarbeit verlegen. In vielen Fällen allerdings existiert der Artikel schon, oftmals nicht zur Zufriedenheit der betroffenen Person. Manchmal muss die Person oder Organisation halt damit leben, dass die eigene Existenz nicht nur Feiernswertes enthält. Manchmal hat sie aber auch legitime Gründe zur Kritik: Veraltetes, Unvollständiges, Fehlerhaftes oder eigentümlich Gewichtetes findet sich in vielen Wikipedia-Artikel. Es gibt die Möglichkeit, etwas daran zu ändern.


(1) Transparenz 


Wikipedia ist überaus kritisch gegenüber Bearbeitungen in eigener Sache. Jeder, der Artikel über sich selbst bearbeitet, muss Grundmisstrauen überwinden und Vertrauen gewinnen. Vertrauen gewinnt man durch Offenheit.

(2) Verifizierung 


Speziell für Bearbeiter in eigener Sache und ganz speziell für Menschen, die professionell unterwegs sind, existiert in der deutschen Wikipedia das Mittel der Verifizierung. Bearbeiter melden sich unter dem Namen ihrer Organisation/ ihrer Person an und stellen damit eine Grundtransparenz her. Danach schicken Sie eine Mail an  info-de-v@wikimedia.org und werden dann von Freiwilligen verifiziert. Weitere Details finden sich unter: Wikipedia:Benutzerverifizierung

(3) Diskussionsseiten 

Zu jedem Eintrag in der Wikipedia gehört eine Diskussionsseite, auf der dieser Eintrag diskutiert wird. Um Konflikte und Konfrontationen zu vermeiden, empfiehlt es sich, jede größere Änderung erst auf der Diskussionsseite mit einigen Tagen Vorlaufzeit anzusprechen. Erst wenn dort kein Widerspruch, oder gar Zustimmung, gekommen ist, sollte der Artikel selbst geändert werden. Taucht auf der Diskussionsseite Widerstand auf, so ist die Diskussionsseite zur Diskussion zu nutzen.


(4) Belegen 


Wikipedia ist eine Enzyklopädie, die verlässlich sein will, die aber jeder anonym bearbeiten kann. Zum Ausgleich legt die Community starken Wert darauf, dass jeder inhaltliche Beitrag belegt wird. Als Belege gelten nur Fakten, die anderswo veröffentlicht sind. Sei es in Büchern, Zeitschriften oder Websites. Diese Pflicht geht so weit, dass selbst Aussagen der Person selbst oder amtliche Dokumente nicht akzeptiert werden – sofern diese nicht an einer externen Stelle veröffentlicht wurden.

Belege im Artikel zur Wikipedia (kleiner Ausschnitt)
Dies klingt auf den ersten Blick aufwendiger als es ist. Zumindest in heutiger Zeit. So gut wie jede Wikipedia-relevante Person oder Organisation wird Zugriff auf eine Website haben, auf der sie etwas veröffentlichen kann. Im Zweifel besitzt zwar eine externe Veröffentlichung eine höhere Reputation.

Aber gültig sind auch Inhalte auf eigenen Websites. Wenn also Wikipedia ihren zweiten Vornamen falsch schreibt: beginnen Sie keine Diskussion mit der Community, sondern schreiben Sie ihn richtig auf der eigenen Website. Wenn die Community nicht glaubt, dass die Rolling Stones ihr größter literarischer Einfluss sind - schreiben Sie es auf der eigenen Website.

(5) Klare, harte Fakten. Keine Adjektive 


Artikel über sich selbst zu ändern, ist selbst unter den besten Umständen ein Drahtseilakt. Die Gefahr besteht, auf andere Autoren zu treffen, die dies aus Prinzip ablehnen und versuchen gegen die Edits zu arbeiten. Aber auch diese Autoren sind an Regeln gebunden. Je besser eine Bearbeitung nachgeprüft werden kann und je eindeutiger diese ist, desto höher sind die Chancen, dass sie bestehen bleibt.

Am besten hierfür eigenen sich unstreitige Zahlen und Fakten. Während Fakten einfach und erwünscht sind, ist dies mit Interpretationen schwierig. Diese sind generell in der Wikipedia verpönt. Je niedriger das Vertrauen ist, das ein Autor genießt, desto schwieriger wird es, Text einzubauen, der auch nur entfernt nach Interpretation aussieht. Adjektive sehen immer nach Interpretation und Wertung aus. Sie haben in einem Artikel über einen selbst nichts verloren.

(6) Verständlich bleiben 


Nun gibt es nicht nur die Community, für die ein Text geschrieben wird, sondern auch die Leser. Leser lieben Wikipedia, weil er hier klare, verständliche Informationen gibt, die sich beim ersten Lesen erschließen. Buzzwords, unverständliches, aber auch Fachsprache und Insiderlingo sind verpönt. Die Community achtet darauf dies durchzusetzen. „Geschwurbel“ ist einer der liebsten Begründungen innerhalb der Community um Text zu streichen.

Gerade professionelle PR-Personen stellt dies oft vor besondere Herausforderungen. So ist nicht ratsam zu schreiben, dass ein Unternehmen "Verbindungen herstellt zwischen den Grundbestandteilen der Industrieproduktion", sondern es stellt Schrauben her. Jemand "entführt nicht in Welten der zwei Sonnen", sondern schreibt Fantasy-Romane. Am besten haben Leserin oder Leser bereits beim ersten Lesen eine klare Vorstellung davon, um was es geht. 

(7) Mit der Community zusammen 


Wikipedia ist ein grundsätzlich offenes System, das von zahlreichen Vandalen, Trollen und Manipulatoren heimgesucht wird. Dementsprechend ausgebildet und etabliert sind mittlerweile die Mechanismen, unerwünschte Bearbeitungen fernzuhalten. Die etablierte Community hat die informellen, formalen und technischen Mittel Text zu verhindern, kann aber auch unglaublich Großartiges vollbringen. Jede Mitarbeit in Wikipedia, die von Erfolg gekrönt sein soll, funktioniert nur im gegenseitigen Vertrauen mit der Community.

Leider hat die Community die Eigenschaft die unkooperativsten und unfreundlichsten Mitarbeiter vorzuschicken, wenn es um das Sichten neuer Artikel geht. Oder anders gesagt: Die unfreundlichsten Mitarbeiter sind besonders motiviert darin, sich auf Neulinge zu werfen. Warum das so ist, darüber kann ich spekulieren, möchte es aber nicht. Aber nicht aufgeben: es gibt nette und freundliche Wikipedianerinnen und Wikipedianer. Mit etwas Ausdauer lassen sie sich finden. 

(8) Zu vermeiden: Freunde holen 


Manche Autoren fühlen sich von der Wikipedia-Community übermannt oder ungerecht behandelt und versuchen, Freunde zu motivieren, ihnen beizustehen. Kaum etwas ist schlimmer. Die reine Anzahl von Teilnehmenden in der Diskussion hat kaum ein Gewicht. Wesentlich bedeutender ist das Vertrauen, dass den einzelnen Beteiligten in der Community beigebracht wird.

Die Community hat ein eingebautes internes Vertrauenssystem, das maßgeblich auf bisherigen Beiträgen beruht. Wenn aus heiterem Himmel plötzlich eine größere Anzahl neuer Nutzer bei einem Thema auftaucht, lässt das bei vielen erfahrenen Wikipedianern Alarmglocken schrillen. Sie reagieren skeptischer und aggressiver. Dabei gilt: gegen eine skeptisch und aggressive Community zu agieren, hat nie Erfolg. Der Versuch, Freunde zu mobilisieren ist bisher immer nach hinten losgegangen.

(9) Das Sichtungsproblem 


Speziell die deutsche Wikipedia hat das Instrument der Sichtungen eingeführt. Das bedeutet: Änderungen an Artikeln werden sofort gespeichert. Wenn diese Änderungen von einem neuen Autor stammen, sind sie aber nicht sofort für die Öffentlichkeit sichtbar. Dafür muss erst ein erfahrener Wikipedianer sein OK geben. Je einfacher die Edits sind und je einfacher sich ihr Inhalt extern überprüfen lässt, desto schneller wird die Freigabe erfolgen.

Übersicht über die Seiten, die am längsten nicht gesichtet wurden.

(10) Fotos unter freier Lizenz 


Ein einfacher Weg, das Vertrauen der Community zu gewinnen, Inhalte beizutragen und es Wikipedia zu ermöglichen eigene Inhalte zu nutzen, ist das Bereitstellen von Fotos unter freier Lizenz. Das bedeutet, dass diese Fotos im Nachhinein genutzt, verändert und eingebaut werden können. Allerdings muss dabei der Autor genannt werden ebenso wie der Titel des Fotos. So in Wikipedia und von dort aus dann viral durch das halbe Netz.

Rose Stanwell Perpetual バラ スタンウェル パーペチュアル (7887553466)
Ist ein Foto unter freier Lizenz hochgeladen, kann es unter Autoren-Nennung quer durch das Internet gesehen werden. Bild: Rose Stanwell Perpetual バラ スタンウェル パーペチュアル von: T.Kiya Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

Weiterlesen


Der Wikipedia mangelt es nicht an Seiten mit Regeln, Vorschriften und Anleitungen. Auch zu diesem Themenkomplex gibt es eher zuviel als zu wenig zu lesen. Als Einstieg empfiehlt sich: Wikipedia:Interessenkonflikt  und die dortigen Links.

Bei Rückfragen zu bestimmten Einzelfällen, gerne auch eine Mail an mich, dirkingofranke@gmail.com

Alle Iberty-Posts zu Netz- und Kulturthemen finden sich unter. Kultur in Iberty! Eine Übersicht.

Wikipedia Manske Polymerase-Kettenreaktion

10:31, Wednesday, 03 2020 June UTC

Der Tunnel Beyschlagsiedlung auf der Berliner Stadtautobahn dröhnt. Der Widerhall der Hupe im Tunnel scheucht kleine Tiere auf. Der Harleyfahrer mit der Kutte „Odins Olle Outlaws MC“ verreißt fast die Maschine. Sein böses Starren kann ich durch das verspiegelte Tuning-Visier am Wehrmachtshelm spüren. Madame schaut überrascht von der Wettervorhersage am Handy auf. Müsste ich nicht lenken, würde ich entschuldigend mit den Schultern zucken. Die Begeisterung übermannte mich, führte meine Hand auf die Hupe.

Der Drosten hat im Radio minutenlang Wahrscheinlichkeiten über mehrere Generationen durchgerechnet. „Wenn jeweils einer zehn ansteckt und die anderen neun nur einen und einer von zehn bleibt die Woche zufälig zu Hause, dann sind wir in der dritten Generation..“ Überschlagsrechnungen! Mathe! Im Radio! Glückswolken ziehen auf. Madame freut sich an meiner Begeisterungsfähigkeit. Sie weist darauf hin: „Im Podcast“. Drostens praktische Wahrscheinlichkeitsrechnung läuft nicht im Radio.

Der Drosten-Podcast fühlt sich an wie frühe Wikipedia. Geschichten aus dem Leben. Wissenschaft. In der Hoffnung, dass die Hörer mitdenken. Anschaulich erklärt, unterhaltsam, relevant. Vielleicht fühle ich mich auch so sehr an die frühe Wikipedia erinnert, weil Drosten in hoher Intensität „PCR“ sagt.

PCR, die Polymerase Chain Reaction, deutsche Polymerase Kettenreaktion, ist ein Verfahren der Biochemie, um bestimmtes Erbgut (DNA oder indirekt RNA) nachzuweisen. Vor allem ist das Verfahren derzeit von weltweiter Relevanz, da der Test via PCR der Goldstandard zum Nachweis des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 (SARS2) ist.

Jeder frühe Wikipedista kennt das Wort Polymerase-Kettenreaktion. Denn der Wikipedia-Artikel zum Thema gilt als erster Wikipedia-Artikel überhaupt. Wie nerdig Wikipedia war, beweist, dass das Thema PCR das Thema des ersten deutschen Wikipedia-Artikels aller Zeiten war. Es beweist, wie Wikipedia damals auf die Zukunft gerichtet war.

PCR

Allerdings. Nur weil Wikipedistas das Wort kennen, wissen sie noch lange nicht, was es bedeutet. Es ist „was biologisches“, wäre meine Auskunft bis vor SARS2 gewesen. Aber ich kann nachschlagen.

CR

Was ist PCR? Der Teil, den ich als Banause zuerst verstehe: die Kettenreaktion oder Chain reaction. Es geht um einen chemischen Prozess, bei dem etwas hergestellt wird. Aus den Ausgangsprodukten wird wieder etwas hergestellt. Aus diesen wird im nächsten Schritt wieder etwas hergestellt. In jedem Schritt verdoppelt sich die Zahl. Das Verfahren läuft exponentiell ab. Wie bei jedem exponentiellen Wachstum können innerhalb kurzer Zeit enorme Mengen erzeugt werden.

Bei der der PCR wird DNA vervielfältigt. Die DNA wird in jedem Schritt verdoppelt. Bereits bei Schritt 5 hat man die 32-fache Menge des Ausgangsmaterials bei Schritt 10 de 1024-fache Menge und bei Schritt 15 entsteht etwa die 32.000-fache Menge des Ausgangsmaterials. Bei Schritt 16 die 64.000-fache Menge, bei Schritt 17 die 128.000-fache Menge.

Dies ist nötig bei Viren, die so klein sind, dass sie erst mit dem Elektronenmikroskop überhaupt gesehen sichtbar gemacht werden können.

Die Größe von Viren wird in Nanometer angegeben. Das ist dieselbe Einheit, die zur Messung der Wellenlänge von Licht benutzt wird. Dabei erreichen nur große Viren das Format einer kurzen Lichtwelle. SARS2 beispielsweise hat einen Durchmesser von 60 bis 140 Nanometer. Gerade noch sichtbares kurzwelliges ultraviolettes Licht hat eine Wellenlänge von etwa 400 Nanometer. Wir begeben uns in Gegenden der Physik in denen „Sichtbarkeit“ aus physikalischen Grünen schwierig wird.

Um die Existenz eines Virus nachzuweisen braucht es erhebliche Mengen des Virus. Er muss vielfach repliziert werden. Auf der Suche nach dem Coronavirus durchläuft der Virus etwa 35 Durchgänge der PCR-Verdoppelung. Was bedeutet: Aus einer Virus-RNA werden 35 Milliarden Kopien. Diese lassen sich mit diagnostischen Verfahren nachweisen. Ergänzend lässt sich Zählen wie viele Zyklen es bis zum Nachweis des Virus benötigt. Und daraus läßt sich rückschließen, wie viele Viren anfangs in der Probe waren.

P

Wie kommt die Polymerase zur Kettenreaktion?

DNA kommt in Doppelhelixstrukturen vor. Zwei identische DNA-Bänder kleben aneinander. Vor einer Zellteilung teilt sich dieses DNA, um jeder neuen Zelle einen identischen Satz DNA mitzugeben. Das zweite DNA-wird mit Hilfe der DNA-Polymerase aus den Informationen der ersten hergestellt, um wieder die Doppelstruktur zu haben.

Bei der PCR wird die im Original doppelsträngige DNA durch Erhitzen in zwei einzelne Stränge geteilt. Die künstliche hinzugefügte DNA-Polymerase erzeugt aus dem ersten DNA-Strang einen zweiten identischen Strang. Der neue Doppelstrang wird wieder durch Hitze geteilt. Und so weiter. Bis ausreichende Mengen an DNA zur Verfügung stehen.

Grafik zur Erläuterung der PCR. Die DNA wird aufgesplittet, mit Hilfe der Polymerase (und der Primer) verdoppelt und dann wieder aufgesplittet. Das ganze durch mehrere Durchgänge.
Schaubild der PCR aus der Wikipedia. Entstanden 2017. Von:
WiWiki Lizenz: Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international“

In der Realität ist der Prozess komplizierter. Was bereits damit beginnt, dass SARS2-Viren aus RNA bestehen, die PCR aber nur DNA kann. Die Viren müssen vor der PCR erst in Pseudo-DNA verwandelt werden. Aber das führt zu weit. Ehrlich gesagt verstehe ich es auch nicht mehr ansatzweise.

Der erste Artikel

Der Legende nach, die überall nachzulesen ist, war der Artikel zur PCR der allererste Artikel der deutschsprachigen Wikipedia. Wie immer, wenn es um etwas „erstes“ geht, wird der Anspruch bei genauerer Betrachtung schwierig.

Die Wikipedia stieg nicht wie Venus aus dem Wasser, sondern sie hatte Vorläufer. Die deutsche Wikipedia entstand aus der englischen Wikipedia. Die englische Wikipedia war als Skizzen- und Notizbuch für ein anderes Enzyklopädieprojekt, die Nupedia gedacht. Gerade in der Anfangszeit wechselten die Medien und die Software. Es begann mehrfach.

Die älteste Version

Wikipedia speichert alle Versionen aller Artikel. Der Kundige kann nachvollziehen, was im Jahr 2001 im Artikel zur PCR stand, was im Jahr 2010 und was im Jahr 2020. Alle diese Versionen sind datiert.

Einige Jahre nach ihrer Gründung fragten sich die Wikipedianer: Was war der allererste Artikel? Die Antwort schien einfach: der Artikel mit der ältesten auffindbaren Version. Es war der Artikel zur Polymerasekettenreaktion, geschrieben von Magnus Manske.

Anzeige der ersten auffindbaren Versionen des Wikipedia-PCR-Artikels. Man beachte, dass die ersten „Autoren“ (Angabe in der Spalte rechts vom Datum) alles technische Benutzer waren. Diese bearbeiteten offensichtlich einen bereits vorhandenen von einem Mensch geschriebenen Text.

Nun allerdings gab es ein Problem. Am Anfang war die Welt Chaos und so auch die Wikipedia. Aufgrund verschiedener Gründe waren die allerallerersten Versionen gelöscht worden. Die erste auffindbare Version in der Wikipedia 2010 – die erste Version zur Polymerase-Kettenreaktion – war nicht die erste geschriebene Version der Wikipedia 2001.

Wikipedia-Archäologie der Urgesteine Kurt Jansson und Jakob Voss brachten 2011 die erste geschriebene Version von 2001 zum Vorschein: Vergil. Geschrieben von James Allan Evans und auf deutsch übersetzt von Rainer Zenz.

Die deutsche Wikipedia kam nicht aus dem Nichts. Ihre ersten Artikel waren Übersetzungen englischer Wikipedia-Artikel, die als Entwürfe für englische Nupedia-Artikel entstanden waren. Wie Vergil so die PCR. Ist die Übersetzung eines Entwurfs für ein anderes Projekt ein „erster“ Artikel.

Sollte dieser Ruhm nicht dem Artikel zukommen, der auf Deutsch exklusiv für die deutsche Wikipedia entstand? Dann wäre es Dänemark, gefolgt von Kattegat und Nordsee – alle in kurzer Abfolge geschrieben vom Dänen Schweden Lars Aronsson.

Magnus Manske

Wer über PCR und Wikipedia redet, muss über Magnus Manske reden. Der einzige Wikipedianer, der seinen eigenen Gedenktag hat. Der 25. Januar ist der in Wikipedia gefeierte Magnus Manske Tag. „Tonight at dinner, every Wikipedian should say a toast to Magnus and his many inventions.

Manske ist derjenige, ohne den es Wikipedia in der heutigen Form nicht gäbe. Auch wenn seine Autorschaft des „ersten Artikels“ Zufall ist – der Zufall hat gut gewürfelt. Neben PCR stammten die ersten Artikel zu Charles Darwin von Manske oder zum Plasmid – ein Teil der Bakterien-DNA, der im Labor genutzt wird, um Gene zu vervielfältigen. 2008 meinte Manske im Interview, dass PCR vielleicht nicht einmal sein eigener erster Artikel in der Wikipedia war, sondern der Artikel „Zelle.“ Vielleicht aber auch die Mitochondrien.

Den Magnus-Manske-Day verdankt die Welt nicht dem Biochemiker Magnus Manske, sondern dem Programmierer Magnus Manske. Manske schrieb die erste Version der MediaWiki-Software, diejenige Software auf der Wikipedia bis heute läuft.

Manske führte neue Funktionen ein, die bis heute Standard der MediaWiki-Software sind. Manske führte Beobachtungslisten, Beitragslisten und die Existenz verschiedene Namensräume ein. Seine kontroverseste Erfindung war vielleicht die Erfindung der „Administratoren“ als Gruppe mit besonderen Rechten.

In den folgenden Jahrzehnten stammten aus Manskes Händen weitere Tools um Wikipedia, die Wikipedia-Galerie und die Wikipedia-Datenbank zu bearbeiten. Manskes Motivation, Mediawiki zu programmieren, wird vielen Wikipedistas bekannt vorkommen: Er wollte etwas lernen. In diesem Fall die Programmiersprache PHP, die er vorher noch nie genutzt hatte, und in der Mediawiki programmiert ist.

Manske stammt aus Köln, ist 45 Jahre alt und arbeitet seit 13 Jahren am Wellcome-Trust-Sanger-Institut in Cambridge. 2012 war ein Co-Autor eines Nature-Aufsatzes zur Sequenzierung der DNA von Malaria-Parasiten. 2013 war er „Head of Informatics in the Malaria Programme at the Sanger Institute“ Unter anderem war er beteiligt, die Lookseq-Software zu Programmieren, die es Forschern erlaubt DNA-Sequenzen zu visualisieren. Was inhaltlich meinem bescheidenen Verständnis nach nahe an der PCR ist.

Pantha rhei

Dieses Unfertige. Diese Mischung aus großen, komplexen Gedanken wie dem zur PCR und dem Unordentlichen des Neuanfangs wie die Löschung der Versionen, diese reizte mich und viele andere an der Wikipedia. Es begeisterte und begeistert mich. Und auch wenn Christian Drosten kein Student ist, diese Lernbegeisterung verströmt er mit jedem Satz. Diese Begeisterung, wie er kurz Wahrscheinlichkeiten durchrechnet – und in seinem Inneren davon auszugehen scheint, dass ihm alle begeistert Folgen können. Das ist der Geist der Wikipedia in ihren besten Momenten.

Titelbild

Gegenüberstellung eines RNA-Strangs und eines DNA-Doppelstrangs mit Darstellung der jeweiligen Nukleobasen (Link) von: Benutzer:Sponk, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Weiterlesen und -hören

Langes Podcast-Gespräch mit Magnus Manske im Wikistammtisch

Manskes Blog

Rückblick von Jakob Voss auf die ersten 10 Jahre Wikipedia von dort aus gefunden die ersten 10.000 Edits der englischen Wikipedia – verloren geglaubt und 2010 wiedergefunden

Auch aus dem Jahr 2011 Kurt Jansson „Der kurze Sommer der Anarchie“ – ein Rückblick, der aus heutiger Perspektive selber schon sehr historisch und nostalgisch wirkt.

Auch bei der Recherche gefunden. Ein 300-Seiten-Epos in Form einer linguistischen Doktorarbeit zum Schreiben in der Wikipedia. Beim ersten Überfliegen aus Sicht eines Wikipedianers: Die Autorin hat Ahnung. Und niemand las ich bisher, der so toll und anspruchsvoll ausformulieren könnte, wie wir in der Wikipedia so herumlavieren. Nach der Lektüre des Textes hat man beim piefigsten Editwar die Überzeugung an bedeutsamen Prozessen teilzunehmen.

Die deutsche Wikipedia, Stand August 2001

Wikipedia im MEK forscht zum Dudelsack der DDR

10:41, Sunday, 12 2020 January UTC

Schafe grasen auf dem Dach. Schafe. Mitten in Berlin. Metropolenschafe. Berghain-Schafe. Berlin-Schafe. Dort, wo die Stadt zwar auszufransen beginnt, ist noch Stadt. Der Blick aus den Hinterzimmern des Museums Europäischer Kulturen bietet Einblicke und Ausblicke.

Zum Beispiel auf das Dach der nahe gelegenen Veterinärmedizin der FU Berlin. Dort grasen Schafe auf dem Dach. Schafe, deren Daseinsgrund bereits gerichtlich überprüft wurde. Sie grasen dort auf dem Dach seit 1960.


Wiki goes MEK

Wir sehen sie aus dem Museum Europäischer Kulturen – dem letzten Museum des einstigen Museumsviertels in Dahlem. Während die Außereuropäischen Kulturen unter Getöse in das Berliner Stadtschloss ziehen wollen, bleiben wir im Grünen.

Dank des Wikipedianers Julius1990, den Mitarbeiterinnen des Museums wie Jana Winterzellner und dank Wikimedia Deutschland ziehen wir bereits zur Dritten Veranstaltung „Wikipedia goes MEK“ ein. 2017 fand diese zum Thema „Spielzeug“ statt, 2018 zum Thema „Hochzeit“, 2019 zur „Alltagskultur in der DDR.“ Aber das ist nur Anlass. Gibt es doch mehr. Wir genießen Aus- und Einblicke.


Wir sind dort, wo das Museum spannend wird. Wir haben das museale Ziffernblatt verlassen und sind im Uhrwerk angekommen.

DDR-Eierbecher aus der Sammlung des Museums Europäischer Kulturen. Aus Kunststoff, in der Form von Hühnern. Einer in rosa, einerin hellblau.
DDR-Eierbecher aus der Sammlung des MEKs. Von Medea7. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Ich wäre der letzte, der den Wert einer Kuratorinnenführung durch die Ausstellung comiXconnection zur Comic-Kultur auf dem Balkan schmälern würde. Selbst dort war einer der Höhepunkte der Comic, den Comiczeichner*innen des Balkans über die Ausstellung gezeichnet hatten. Alle nutzten ein gemeinsames Storyboard. Die einzelnen Episoden zeichneten je einzelne Zeichner*innen. Leserin und Leser sehen der Kunst beim Entstehen zu. Dort wird es spannend. Aber die Ausstellung, trotz aller Einblicke ist noch die gepflegte Schauseite.


Wenn es Nacht wird im Museum

Mein Herz glüht für die Arbeitsseite. Die Hintereingänge. Deshalb bin ich gern im Museum für Alltagskultur.

Dort, wo das Museum lebt. Es ist nicht nur Nachts spannend, sondern tagsüber, sobald es in die Hinterzimmer geht. Vorbei an Lagern, Werkstätten, den Büros, die Mitarbeiter*innen persönlich schmückten. Für mich als gelegentlichen Museumsbesucher immer wieder aufregend. Auch wenn ich inzwischen das Glück besitze, mich bei der dritten Wikipedia-Veranstaltung im Museum Europäischer Kulturen beinahe zu Hause zu fühlen.

Langsam kenne ich den Gang durch den zweiten Stock im Oberbau. Ich weiß, was mich beim Hineinlinsen in die Werkstätten erwartet. Der Geruch wirkt bekannt. Die Mischung als jahrhundertealten Textilien, die dort gelagert werden und einem jahrzehntealten öffentlichen Gebäude, erzeugt bei mir sofort Gedanken an Unis und Bibliotheken.

In mir wächst der Wunsch, mich häuslich einzurichten. Ich freue mich, dieselben Mitarbeiterinnen zu sehen und die Direktorin Elisabeth Tietmeyer. Auch wenn ich im Gang stehen könnte. Mich an der Luft freuen. Am Ende des Ganges wird es noch besser. Denn am Ende des Ganges wartet nicht nur die Rückseite eines Museums, sondern ein kleines Paradies für Wikipedistas: Zeit und Bücher und Internet.

Der Dudelsack in der DDR

Habt Ihr Euch Gedanken zum Dudelsack-Selbstbau in der DDR gemacht? Ich nicht. Bis mir der Handapparat zur Veranstaltung in die Hände fiel. In diesem stand das Buch „Volkes Lied und Vater Staat. Die DDR-Folkszene 1976-1990.“ Nun hatte ich die eine oder andere Berührung mit der Musik der späten DDR und der Wendezeit. Die Folkszene bildete bisher eine Bildungslücke. Nicht mehr.

Einige Bücher aus dem Literaturapparat auf dem Tisch. Unter anderem "Volkies Lied und Vater Staat", "Tanzmusik in der DDR" und "Kulturgeschichte der DDR"
Kleine Teile des Literaturapparats zur Wikipedia-goes-MEK-Veranstaltung. Bild: Holger Plickert (WMDE) . Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

Mit Ralf Gehler schrieb ein Bastler und Freak in „Volkes Lied und Vater Staat“ über das Dudelsackspiel. Unter den Bedingungen der DDR schloss Dudelsackspielen zwingend den Selbstbau von Dudelsäcken ein. Der Dudelsack passte nicht in das verordnete Kulturprogramm. Dudelsäcke aus Schottland oder Frankreich, waren selten. Sie zu erhalten erforderte Aufwand. Anscheinend war jeder einzelne Dudelsack aus Schottland in der DDR der gesamten Folkszene des Landes persönlich bekannt.

Die Haupteinflüsse auf die Szene bildeten Bulgarien, das lange die Hauptquelle für Instrumente bildete und die CSSR. Das Festival von Strakonice (bei Budweis) bildete das zentrale Festival, auf dem sich die ostdeutschen Dudelsackspieler trafen und die beste Chance, die Szene aus dem östlichen und westlichen Ausland zu treffen.

Dabei erfährt der Leser nebenbei, wie groß die Welt der Dudelsäcke ist, in wie vielen verschiedenen Varianten sie gebaut, gestimmt und gespielt werden können. Der allseits bekannte schottische Sack bildet einen Spezialfall ab. Dabei nutzten die DDR-Spieler in den Anfangsjahren vor allem bulgarische und tschechische Dudelsäcke. Seit den späten 1970ern kamen immer mehr selbst gebaute Instrumente, hinzu. In Repertoire und Spielweise orientierten sie sich an Westeuropa, Frankreich, Belgien und Schottland.

Wie eigen das Leben in der abgeschotteten DDR war, lässt das Buch an zwei Stellen aufscheinen: Eine wichtige Quelle für die gesamte Dudelsackszene der DDR war ein einzelner Kellner im Restraurant des bulgarischen Kulturinstituts und:

„Bernd Eichler berichtet, dass eine Dudelsackformation alljährlich auf DDR-Territorium musizierte, an den Gräbern im Ersten Weltkrieg gefallener britischer Soldaten auf dem Waldfriedhof Stahnsdorf. Einige Dudelsack-Interessierte nutzten alljährlich den Termin, um das Spiel zu erleben.

Aber auch: wenn man von der Welt abgeschnitten ist und jeder Kontakt Aufwand bedeutet, entwickelt sich eigene Kreativität. Vielleicht war die DDR-Folkszene eine der ersten Entwicklungen der DDR, die nach der Wende Gesamtdeutschland prägten. Historische und Folkloremärkte entwickelten sich seit den 1970ern in der DDR. Hier fanden die Dudelsackspieler Auftrittsmöglichkeiten.

DDR-Dudelsackszene als gesamtdeutsche Avantgarde

Roman Streisand entwickelte ein von Punk und Theater geprägtes Bühnenformat. Das Format bestimmte nach der Wende Mittelaltermärkte- und Musik in Deutschland. Kostüme mit Fellen, Hörnern und rustikal wirkenden Utensilien gehörten zum Auftritt. Ebenso waren wilde Bewegungen und dramatischen Gesichtsausdrücke stilprägend. In der betulich wirkenden Folk-Welt der DDR bedeutete dies einen Stilbruch.

Die „Marktsackpfeife“, heute vorherrschender Dudelsack auf den Bühnen der Mittelalterfestivals, war eine DDR-Entwicklung. Gebraucht wurde ein lauter Dudelsack zur Begleitung von Tanzmusik. Im Ausland wird die Marktsackpfeife inzwischen als „deutscher Dudelsack“ bezeichnet.

Die erste bekannte Mittelalterband, „ Corvus Corax “, ging aus der 1982 gegründeten Potsdamer Gruppe „Tippelklimper“ hervor.

Wikipedia goes MEK 3

Wikipedia goes MEK fand im Herbst 2019 zum Dritten Mal statt. Dank der Initiative von Julius 1990 aus der Wikipedia, den MEK-Mtarbeiterinnen und Holger Plickert von Wikimedia. Das Format ist etabliert. Es gehört zur größeren Wikipedia-Bewegung namens GLAM.

GLAM

GLAM steht für „Galleries Museums Archives und Libraries“, auf Deutsch „Galerien, Museen, Archive und Bibliotheken.“ Eine Programm / eine Idee / eine Bewegung, Wikipedia und Kulturinstitutionen zusammen zu bringen. Der Gedanke ist, dass Institutionen die Inhalte haben, Wikipedia die digitale Präsenz und beide haben Kompetenzen darin, das Ganze an die Menschen zu bringen. Wikipedia und viele der GLAMs verfolgen den Traum, die Welt durch Bildung und Kultur besser zu machen.

Blick in die Ausstellung CommixConnection im MEK. Am Ende des Raums ein Fadenbild, dass die verschiedenen Orte zeigt mit denen sich die Ausstellung beschäftigt. Rechts an der Wand ein Comic über die Azstellung, links weitere Comics.
Blick in die Austellung comiXconnection. Rechts an der Wand der Comic über Entstehung und Ablauf der Ausstellung. Von: Medea7 Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

Die GLAM-Idee kommt aus dem englischen Sprachraum. Dort sind „GLAMs“ ein fester Begriff auch ohne Wikipedia. Diese Institutionen sind oft finanziell und organisatorisch schlechter gestellt als im hochkulturbegeisterten Deutschland. Sie brauchen die allgemeine Öffentlichkeit.

GLAMs begannen früh sich zusammenzuschließen, gemeinsam an die Öffentlichkeit zu treten und Community-Outreach zu betreiben, zum Beispiel via Wikipedia. Wikipedia-GLAM im englischen Sprachraum kommt mir aus der Ferne oft vor, wie eine heterogene, bewegte, überraschende Masse. Vieles ist offen. Viele können sich andocken.

In Deutschland läuft es strukturierter. Hier ist das Programm fest mit Wikimedia Deutschland verbunden. Die Zugänge zu den Institutionen sind oftmals schwieriger. Umso besser ist es, so eine Dauerpartnerschaft wie mit dem MEK zu haben. Leider neigt auch das GLAM-Programm in Deutschland zu organisatorischen Verengung.

Theater und Ballett zum Beispiel sind Hochkulturinstitutionen, sprengen aber den engen Rahmen der GLAMs. Max-Planck-Institute oder Unis besitzen viel, das für Wikipedia spannend wäre. Ganz zu schweigen von Orchestern, Offkultur oder anderen Bildungseinrichtungen. Spannend wird es bei solchen Playern wie der Seemannsmission. Gerade das MEK zeigt wunderbar, wie Museum und Welt da draußen zusammenwirken können. Das MEK kann inspirieren, GLAM weiter und offener zu denken.

GLAM*


Deshalb brauchen wir GLAM*. Das * als Zeichen dafür, dass GLAM noch viel mehr umfasst als nur diese drei Bereiche der Hochkultur. GLAM ist der Beginn aber nicht die Grenze. Bildung und Kultur sind weiter. Das hat gerade der englische Sprachraum begriffen. Gerade Wikipedia lebt von dieser Erweiterung. Museen sind ein Anfang. Und das MEK als Museum für Alltagskultur ist natürlich der beste aller Anfänge

Wikipedia goes MEK 4


Deshalb wünsche ich mir, dass Wikipedia goes MEK 2020 weiter geht. Es möge sich weiter als Basiscamp etablieren. Um von dort Museum und Welt, Alltagskultur und kulturellen Anspruch, das hier und jetzt und die Ewigkeit der Sammlung zu vereinen. Vielleicht wäre dies die Chance für ein Meta-GLAM? Vielleicht eines zu Museumstechniken? Zur Konservierung? Zur Frage was ist Alltag? Oder wäre das zuviel?

Weiterlesen

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Die Projektseite

Wikipedia goes MEK 2.0

Ausgehen an sich.

Sportler-Biographien in Wikipedia sinnvoll?

13:48, Tuesday, 29 2019 October UTC

Sport quietscht. Das ewig gleiche Quietschen der Hallenschuhe in der Turnhalle der Robert-Koch-Realschule Langenhagen. Abstoppen „qwiiiiiiichr“. Beschleunigen. Drehen „qwiiiiichr“. Jeden Montag und jeden Donnerstagabend.

Über Jahre derselbe blaue Bodenbelag, dieselben farbigen Markierungen. Die Backsteinwände an den Längsseiten. Die leere Tribüne mit 400 Plätzen und die Holzverkleidung vor dieser. Hin- und Herlaufen. Abstoppen. Wenden. Quietschen. Über Jahre. Dieselben Gespräche in der immer gleichen Umkleide. Und dieses Geräusch des stoppenden Turnschuhs auf Hallenboden. Die Szenen unterscheiden sich kaum, ob ich 11, 14 oder 17 Jahre alt war.

Wenn mich mein Ausflug in die Welt des Sports etwas lehrte: Sport ist Wiederholung. Wieder und wieder. Sei es das Kachelzählen im Schwimmbad oder Passkombinationen und Sprungtraining im Handball. Wieder. Und wieder. Und nochmal. Bis der Körper das Ganze nachts um drei betrunken abrufen kann. Und wieder.

Sportler, die höhere Ziele haben, die nicht nur Kreismeister Hannover im Jugendhandball werden wollen, betreiben das öfter als zweimal die Woche.

Man in pelvis cloth jumping horizontal bar (rbm-QP301M8-1887-157a~2)

Ihr ganzes Leben besteht im Wesentlichen aus Wiederholungen. Ergänzt durch Vorbereitungen auf diese Wiederholungen. Es bleibt kein Raum für Anderes. Oder anders gesagt: Die Schilderung eines Sportlerlebens gibt langweiliges Storytelling.

Das wikipedistische Quintett

Sportlerbiographien erzählen sich öde. So stellten wir fest, als wir beim wikipedistischen Quintett die Meriten verschiedener Wikipedia-Artikel diskutierten. Es war der Oktober 2019. Wir saßen im Wuppertaler Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium. Die Wikicon, das jährliche Großtreffen der Wikipedia-Community, hatte uns zusammengeführt.

Wir diskutierten den Artikel einer Sportlerin. In seiner Gestalt typisch für Wikipedia: „Die Sportlerin A. war aktiv. Sie gewann dort und wurde dort 2 oder 4 oder 3 und trat dann bei fünf anderen Meisterschaften an. Dann gewann sie. Dann gewann sie fast. Sie wurde 3. oder wieder 1. oder 2.“ Für sie war es bedeutsam. Für mich als Leser stellte sich die Frage „Meine Güte. Der Rest der Menschheit stellt sowas als Ergebnisliste da. Warum muss ich hier schlechten Text lesen? Es ist eine Zumutung.“

Sportlerbiographie als Nicht-Text

Nichts eignet sich für Nicht-Text so gut wie Sportereignisse. Nicht ohne Grund sind Börsennachrichten und Sport die einzigen Themen in denen Journalismus-Bots heute verbreitet sind. Die Sätze bleiben dieselben. Austauschbar die Namen und die Zahlen. Von der Person nichts zu spüren. Schon kam bei uns die Frage auf: „Sind Sportler Menschen?“

Dann kam der Aufwacher. Zur Person, zum Privatleben fand sich ein Satz im Artikel:

Im April 2012 veröffentlichte [sie] auf ihrer Facebookseite den vollen Namen und den Wohnort des Mannes, der ihr eine anzügliche E-Mail mit angehängtem Foto seines Geschlechtsteils geschickt hatte. Nach ihren Angaben habe sie sich das Bild aber nicht angesehen. Die Veröffentlichung sowie die daraufhin vorgenommene Hausdurchsuchung beim E-Mail-Versender lösten ein großes Medienecho aus.[17][18][19] Besonders die behauptete Tatsache, dass sie als Polizistin eine Form der Selbstjustiz ausübe, wurde kritisiert.[20] Im Juli 2012 gestand der Mann die sexuelle Belästigung. Er musste eine Strafe von 1050 Euro zahlen.[21]

35 Jahre Leben. Und das, genau das, ist alles was die Wikipedia als erwähnenswert erachtet. Ein Creepy Guy sandte ihr eine Penis-Email. Neben ersten, zweiten und dritten Plätzen natürlich. Das, was sie zum Menschen macht, ist diese eine Geschichte.

Leider ist dieser Artikel folgerichtig in der Logik der Wikipedia. Sie treibt damit nur den Sportjournalismus auf die Spitze. Der leidet unter ähnlichen Problemen.

Das echte Privatleben der meisten Sportler fällt unter den Schutz des Privatlebens. Seine Veröffentlichung ist nur bei wenigen Sport-Stars angemessen. Ein öffentliches Leben außerhalb der Trainingsräume und Ergebnislisten haben die wenigsten Sportler.

So bleiben schlecht ausformulierte Ergebnislisten. Hat der Leser Glück oder Pech ergänzt durch Seltsamkeiten wie öffentliche diskutierte Penisbilder.

Wikidata und Wikimedia Commons

So schrecklich der Artikel ist so folgerichtig ist ein Entstehen angesichts der Umstände. Sport eignet sich nicht für Text. Der Sportartikel ist wie der Sport: die ewige Wiederholung. Nur quietscht beim Artikel nicht der Hallenboden sondern das Hirn des Lesers.

Nun hat der Mensch für den Prozess der ewigen Wiederholung schon vor langem die Maschine erfunden. Sport ist eine Paradeanwendung für Datenbanken.

Wikipedia betreibt eine Datensammlung, Wikidata und ein Fotoprojekt. Es wäre Zeit, sich das Scheitern des Sport-Textes. Einzugestehen. Die Textversuche für die meisten Sportlerartikel sollte Wikipedia löschen und durch botgenerierte Artikel aus Wikidata-Daten und Commons-Bildern ersetzen. Wikipedia würde besser.

Viele Sportartikelautoren sind bereits auf das Fotografieren umgestogene. Andere könnten ihre Energie besser in die Datenpflege stecken, als in den hilflosen Versuch Ergebnislisten in Text umzuformulieren.

Man in pelvis cloth jumping horizontal bar (rbm-QP301M8-1887-157b~11)

Dabei eignet sich Sport für Literatur. Die Körperlichkeit, die Aufmerksamkeit auf jeden Muskel. Die ewige Wiederholung des Immergleichen mit seinen langsamen Fortschritten. Die ewigen Zeiten des Trainings unterbrochen durch den spektakulären Wettkampf. Ein Fest für die Literatur. Aber anspruchsvollen Text kann Wikipedia nicht. Lieber Datenbanken, Bilddatenbanken und Bots. Sportartikel automatisieren bis es quietscht.

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Mehr zur Wikicon 2019: Wikicon in Wuppertal 2019. Das Kurzfazit.

Madame Poupous Wikicon-Rückblick: was machst du eigentlich den ganzen tag? 5. oktober 2019

Für die Betroffenen von Wikipedia-Biographieartikeln: 10 Regeln für den eigenen Wikipedia-Artikel

Alle Bilder: Aus der Serie Man in pelvis cloth jumping horizontal pole. „Eadweard Muybridge. Animal locomotion: an electro-photographic investigation of consecutive phases of animal movements. 1872-1885. USC Digital Library, 2010.“ Public Domain, da Fotograf vor ausreichend langer Zeit verstorben.

Wikicon in Wuppertal 2019. Das Kurzfazit.

19:40, Thursday, 10 2019 October UTC

Das p macht Probleme. Thiemo und fünf weitere Wikipedistas betrachten den an die Wand geworfenen Lua-Code und suchen, worauf sich „function p“ bezieht. Alle Funktionen sind sauber benannt. Nur p nicht. Was macht p?

Zu Thiemos Verwunderung bin im Talk zum Thema „Tipps zum Einstieg in die Softwareentwicklung in den Wikimedia-Projekten“ aufgeschlagen. Angeregt von der Bemerkung, dass Lua die schönere Alternative zum Vorlagencode der Wikipedia wäre, stellte ich zur größeren Verwunderung des Referenten die Frage nach der Programmiersprache.

Inhaltlich beitragen kann ich nicht. Wählte ich den Talk doch getreu dem Motto „Gehe dorthin, wo dein eigenes Wissensloch am tiefsten ist.“

Das Tauchen im Abgrund des eigenen Unwissens lohnte. Ich weiß jetzt, dass es theoretisch mit Lua eine schönere Alternative zur gewissenlosen Hässlichkeit der Vorlagen-Programmierung in der Wikipedia gibt. Der Talk half mir, viele Brocken Halbwissen, die sich über die Jahre angesammelt hatten, in ein kohärentes Gesamtbild zu fügen. Er weckte meine Neugier. Ich schaue, was daraus wird.

Fantasie-Karussel Oberbarmen (leer)

Fantasia Wuppertal-Oberbarmen

Dieser unscheinbare Programmpunkt sonntags um 10 Uhr morgens in einem kahlen Klassenraum vor fünf Zuhörern entpuppte sich als persönliches Highlight der Wikicon 2019 in Wuppertal. Eingeholt nur vom Wiener Walzer Samstag Nacht mit Madame und der musikalischen Begleitung von Lucas und Kathrin.

Es war eine gute Wikicon. Die Autorinnen und Autoren, Fotografinnen, Korrektorinnen, Programmiererinnen und anderen Beteiligte der Wikipedia trafen sich am Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Wuppertal. Etwa 300 an der Zahl.

Es war gelöst, entspannt, freudig. Manchmal geriet die Stimmung zu entspannt und zu wenig nach vorne strebend. Aber es blieb konstruktiv. Gegenüber den überambitionierten Untergangsphantasien, die die Wikipedia-Community vor einige Jahren heraufbeschwören konnte, hat sich die Stimmung in die richtige Richtung entwickelt.

Wikipedia-Achim über den Dächern von Wuppertak

Referent Achim wartet. Im Hintergrund das Wupper-Tal.

Allein meine persönlichen Lieblingsmomente hätten ausgereicht, um mehrere Wochen Programm ausreichend zu füllen. Dabei war es nur ein Wochenende von Freitag 14:38 Uhr bis Sonntag 15:12 Uhr.

Die erwähnenswerten Aktionen reichten vom Besuch der Schwimmoper Wuppertal bis zur Gastfreundschaft der großartigen Gymnasialdirektorin Claudia Schweizer-Motte. Ich erfreute mich am Anblick der abwechslungsreichen Stadt Wuppertal. Erstaunt streifte mein Blick aus der Schwebebahn eine feste Größe meiner späten Jugend: Der Indie-Plattenvertrieb Cargo Records hat seinen Deutschlandsitz in Wuppertal.

Die Grußworte der Bürgermeisterin, der Schuldirektorin Schweizer-Motte und von Abraham von Wikimedia Deutschland bewegten mich.

Die Gastfreundschaft des Wiki-Eulen-Orchesters, das mich als Eulenist / Okarinist aufnahm, war mir eine große Ehre. Und dann habe ich noch gar nicht damit angefangen, wie erhebend es war, viele Bekannte Wikipedistas wieder zu treffen, ebenso wie bisher persönlich unbekannte wie die Autoren „Bubo Bubo“ oder „Mussklprozz“.

Schwimmoper in Wuppertal. Direkt vom Bahnhof hineingehechtet.

Selbst die Veranstaltungen zu Themen wie Neulingsgewinnung für die Wikipedia waren weniger schlimm als von mir erwartet.

Vielleicht lag es daran, dass „die Themen zwar dieselben sind wie 2014, aber seitdem neue Leute darüber reden.“ Vielleicht bewegt sich doch etwas im Wikiversum. Oder die Altersmilde ergriff mich, der mitgebrachte Ardbeg beruhigte mich zusätzlich. Selbst über die unrühmlich gelaufenen Absage des Projekts „Wiki loves Cocktails“ vermochte ich mich nicht mit voller Kraft aufzuregen.

Und so stört es mich nicht, dass wir das „p“ im Lua-Code nicht zuordnen können. Bevor wir dessen Rätsel aufklären, stellen weitere Anwesende andere Fragen. Sie wollen wissen, wie der Toolserver funktioniert. Thiemo erläutert den Unterschied zwischen Cloud VPS und Toolforge. Er erzählt, welche Möglichkeiten die beiden Plattformen bieten. Ich war gedanklich schon bei den Datenbankabfragen über SQL und was man damit anstellen konnten.

Und so fuhren wir, voller Gedanken, Ideen, mit zwei neuen Anmeldungen zu Veranstaltungen und Abbas „Mamma Mia“ als Ohrwurm mit dem ICE 651 aus Wuppertal über Hagen und Hamm zurück nach Berlin. Wikicon. Wiki kann.

Ergänzend:

Madame poupou war auch dort: was machst du eigentlich den ganzen tag? 5. oktober 2019 

Die erste Wikicon unter diesem Namen. Die Kuschelcon in Nürnberg 2011.

Letztes Jahr ging es in die Schweiz. Die Wikicon St. Gallen.

Blick entlang der Wuppertaler Schwebebahnstrecke über Land.
Am Ende der Schwebebahn

Klippan ist ein klassisches Sofamodell des sich schwedisch gebenden Möbelhauses IKEA. Das Sofa wird dieses Jahr 40 Jahre alt und ist neben Billy vielleicht der Klassiker IKEAs. Klippan steht in den Räumen des MEKs, des Museums Europäischer Kulturen, in Berlin. Dort steht es nicht etwa als Ausstellungsstück, sondern als Möbel.

Aber: wenn man ein Museum für Volkskunde und Alltagskultur mit einer Gruppe Wikipedistas zusammenbringt - dann wird auch das Foyersofa zum Ausstellungsstück - und darüber entstehen Wikipedia-Artikel. 

Berlin, Museum Europäischer Kulturen, GLAM on Tour im Museum Europäischer Kulturen (2018) NIK 6039
Klippan im Museum. Bild: Berlin, Museum Europäischer Kulturen, GLAM on Tour im Museum Europäischer Kulturen (2018) NIK 6039 Von: Nightflyer. Lizenz: Creative Commons Attribution 4.0 International license.

Willkommen bei Wiki goes MEK! 2.0. Willkommen bei der zweiten Veranstaltung zwischen Wikipedia, dem MEK und dem Glam-Team von Wikimedia Deutschland.



MEK MEK MEK


Zwei Tage, am 17. und 18. November 2018, lud uns das Museum Europäischer Kulturen (MEK) nach Dahlem ein. Das MEK ist das einzige der Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), das in Dahlem bleiben darf und nicht in die Bierbike- Reisebushölle von Berlin Mitte muss.

Unsere Gruppe zieht vom Ausstellungs- in den Arbeitsteil des Museums Europäischer Kulturen.


Der Bestand des MEKs stammt noch zu größeren Teilen aus den Zeiten, in denen es das Museum für Deutsche Volkskunde war, und dann mit den europäischen Teilen der anderen Volkskunde-Museen vereinigt wurde. Es beschäftigt sich mit dem Leben normaler Menschen.

Das Museum hat einen Fokus auf Alltagskultur aber natürlich auch - dem Fokus der Ethnologie folgend - einen Blickwinkel auf Festtage normaler Menschen. Am konkreten Beispiel heißt das: derzeit laufen Ausstellungen über Wolle als Textil, Hochzeiten und die damit verbundenen Träume sowie Sterne (im Allgemeinen und als Weihnachtsstern im Besonderen).

Weihnachtssterne und Hochzeitskronen


Das MEK hatte eingeladen und etwa 20 Wikipedistas kamen. Es begann mit Kuraturenführungen durch die Stern- und Hochzeitsausstellungen. Wir schimpften, dass der 2. Stock nicht barrierefrei zu erreichen ist - man sollte meinen, eine Welt die den preußischen Museen ein komplettes neues Humboldtforum bauen kann, sollten dem MEK auch einen Fahrstuhl verschaffen können - bewunderten dann aber die atmosphärische Stern-Ausstellung.

Wir würdigten Hochzeitskronen aus dem 19. Jahrhundert ebenso wie Hochzeitskleider aus derselben Zeit. Wir staunten über den Traum in Rosa einer deutsch-türkischen Henna-Nacht und diskutierten die Ausstattung in Millenial Pink eines anderen aktuellen Hochzeitspaares.

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Ein Traum in Rosa. Bild: 2018Eroeffnung003 von: Holger Plickert (WMDE) Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

Wir verfolgten nach, wie aktuelle Besucherpaare des MEKs sich kennengelernt hatten.

Tinder - echt jetzt!


Ruhiger wurden wir bei der Hochzeits-Chuppa einer Berliner Synagoge, die vermutlich das erste Mal seit den Nazis wieder öffentlich zu sehen war. Wenig ist über diese bekannt, außer dass sie heute dem Centrum Judaicum gehört und der Gestaltung nach wohl zu Zeiten der Weimarer Republik gefertigt wurde.

Chuppa
Chuppa / jüdischer Hochzeitsbaldachin in der Ausstellung. Bild: Chuppa. Von: Medea7 Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Alles wurde in einen Kontext gesetzt und mit hinter-den-Kulissen-Informationen versehen von der Kuratorin der Ausstellung.

Derart inspiriert ging es ins Verwaltungsgebäude des MEKs wo schon alles von Kaffee über Büchern bis hin zu fotografierende-Objekte vorbereitet war. Und wir setzten die Inspiration in Artikel um.

Madame ergründete Klippan. Ich, aufmerksam geworden, dass Flachmãnner in angesagten Kreisen zur Hochzeitsausstattung gehörten lernte dann noch, dass sowohl die Wörter Hipster wie auch Bootlegging auf diese Flachmänner zurückgehen. Hipster waren Menschen, die zu Zeiten des amerikanischen Alkoholverbots Flachmänner an der Hüfte trugen; Bootlegger diejenigen, die ihn im Stiefel (englisch Boot) hatten.

Es entstand während des Workshops das Portal Baskenland. Die Artikel zu Ehe und Textilie wurden erweitert. Die Kochbuchautorin des 18. Jahrhunderts - Maria Luisa Schellhammer - bekam einen neuen Artikel. Ebenso bekamen die Artikel zu Hochzeitskronen, Pommerschen Fischerteppichen oder zur Moritat neue Bilder. Und wo wir dann schon dabei waren, wurde der Artikel "Papierkorb" mit einem Bild aus dem Hotel des Fotografen Nightflyer erweitert.

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Pelotaspiel (Ballkorb und Ball) aus der baskischen Sammlung. Bild:

Allerdings zeigt sich, dass ein Wochenende nur begrenzte Zeit bereitstellt, um zu schreiben. Einer meiner Highlight-Artikel würdigt den mechanischen Weihnachtsberg aus der Dauerausstellung des Museums - eine Art mechanische Modelleisenbahn ohne Eisenbahn mit Weihnachten aus dem 19. Jahrhundert - mit einem umfassenden Artikel. Dieser Artikel entstand größtenteils am Freitag vor dem eigentlichen Treffen - offensichtlich in Vorbereitung auf dieses. Und hoffentlich wird mein eigener Text zu den Herrnhuter Sternen auch noch dieses Jahr fertig.

Danke

 

Kaffee am richtigen Ort und viele Kekse. Trotz erschwerter Bedingungen ein funktionierendes Internet. Menschen, die sich auf für die Kultur vermeintlich kleiner Menschen interessieren - ein Traum in Rosa, Moritaten, obskure Bücher, ein Blick hinter die Kulissen eines Museums - und überall eine freundliche, fokussierte Stimmung. Wenig will ich mehr.

Blick in einen der Arbeitsräume.

Zum Abschluss ein großes Danke an alle Beteiligten. Selten erlebte ich eine Veranstaltung, die so stimmte. Nicht nur, dass wir offensichtlich willkommem waren: das Timing war nahezu perfekt, die Mischung aus genug Inspiration und viel Gelegenheit diese gleich umzusetzen war großartig und offensichtlich hatten sich alle Beteiligten viele Gedanken gemacht, was die kommenden Wikipedianer am besten brauchen.

Das wir zum Beispiel auch noch obskurste Bücher im Vorhinein bestellen könnten und dann vor Ort in die Hand bekamen, rundet die Sache ab.

MEK 3.0? Am besten nächste Woche.

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Die Projektseiten in der Wikipedia: WIKI goes MEK! 2.0

Die Darmstädter Madonna, deren Artikel im Rahmen dieser Veranstaltung verbessert wurde, haben wir in Berlin auch schon einmal besucht: Allein mit der Madonna zum Hasen.

Auch GLAM - ähnlich cool, wenn auch ganz anders, war die Veranstaltung mit der Jules-Verne Gesellschaft in Braunschweig.

Alltagskultur in Dahlem. Da fallen mir als erstes die historischen Tänze der Ü300-Parties ein. Oder natürlich die Schwimmhalle Hüttenweg.

 Alle Kultur-Posts in Iberty. Kultur in Iberty!

Vegan Straight Edge in der Wikipedia

14:25, Saturday, 19 2019 January UTC

Eine gelöschte Schlachteplatte führte mich in die Vergangenheit zu zwei rundlichen Herren mit Schnauzbart auf dem Straight-Edge-Konzert. Der Wikipedia-Schreibwettbewerb sorgte dafür, dass ich nachträglich noch beeindruckt von Nirvana war. Ich verstehe Widersprüche, die ich mit 19 einfach so hingenommen hatte:

„Vegan Straight Edge, Eigenbezeichnung auch xVx, oder VSxE war eine Szene innerhalb der Punk/Hardcoreszene. Leitsätze der Szene waren "kein Alkohol, keine Drogen, keine tierischen Produkte". Sie entwickelte sich Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre aus der Straight-Edge-Szene, als diese zunehmend auch vegane Ernährung propagierte und sich politisch für Tierrechte engagierte.“

Dieser Satz steht seit einigen Wochen in der Wikipedia. Er steht dort als Einleitung zum Artikel [[Vegan Straight Edge]], den ich Anfang März 2018 zu schreiben begann. Der Artikel befindet sich schon länger im Stadium des Unfertigen, denn ich habe Probleme. Gab es Vegan Straight Edge wirklich als abgrenzbare Szene? Oder war es eine Szene oder doch zwei verschiedene in den USA und Europa? Kann man sie klar genug vom restlichen Straight Edge trennen? Um die Frage, auf die Rechtschreibung einzudampfen: war es vegan Straight Edge oder Vegan Straight Edge?


Wurstbruehe
Wurstbrühe beim Kochen (Hausschlachtung) von: Jens Jäpel Lizenz: Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“

Fragen über Fragen, die eigentlich nur entstanden, weil sich in der Wikipedia ein linksbewegter Autor und ein landwirtschaftsnaher Autor in einen epischen Streit über Schlachteplatten und Massentierhaltung hineinbewegten. Schließlich kamen beide zum Schreibwettbewerb. Beim Wikipedia-Schreibwettbewerb schreiben Autoren in einem Zeitraum von einem Monat zu einem bestimmten Thema. Eine Jury aus Wikipedianern bewertet den besten Artikel. Die meisten Preise stammen von anderen Wikipedianern und bewegen sich im Rahmen zwischen selbstgemachter Marmelade und Buch-Gutscheinen.

Youth of Today at SO36 (2010)
Youth of Today (2010). von: Libertinus Yomango Lizenz: r Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 generisch“ (US-amerikanisch)

In diesen Wettbewerb nun gerieten die beiden Autoren und eskalierten beim Schreibwettbewerb weiter. Schließlich führte es dazu, dass der eine Autor eine Schlachteplatte als Preis für den besten Artikel mit Veganismus-Bezug aussetzte. Der andere lief kreischend und hyperventilierend um den virtuellen Block lief. Ich dachte „Hausgemachte Schlachteplatten sind super, Veganismus ist spannend. Gerade den veganen Punk-Tierrechtler bin ich schon oft genug in der Realität über den Weg gelaufen. Es wird Zeit, einen Wikipedia-Artikel zu schreiben!“ Die ersten Recherchen sprachen für das Thema: es gibt Autoren, die Vegan Straight Edge als eigene Szene sehen.



Der Schlachteplatten-Preis für den Schreibwettbewerb verschwand kurz darauf nach Intervention der Wikipedia-Administratoren, und mit dem Thema tue ich mich schwerer als gedachte. Aber nun hänge ich drin.   

Straight Edge? Vegan? Hardcore?


Erst war Punk. Dessen Geschichte wurde viele Male erzählt und soll hier vorausgesetzt werden. Aus Punk entwickelte sich Anfang der 1980er in Washington, D.C. die Musikrichtung Hardcore – oder harDCore: musikalisch schneller als Punk und stilistisch alle Überbleibsel des Glamrocks hinter sich lassend. Junge Männer mit sehr kurzen Haaren, in Kapuzenpullis und Chucks spielen präzise sehr schnelle und sehr kurze Gitarrensongs.


Out of Step - der eine definierende Song auf den sich alle Hardcore-Anhänger einigen können. Man beachte auch das schwarze Schaf ganz am Ende.


Fast gleichzeitig mit Hardcore entwickelte sich die Straight-Edge-Bewegung. Straight Edge heißt mindestens „kein Alkohol und keine Drogen“, konnte aber noch um beliebige "No"s erweitert werden: Kein Sex, kein Kaffee, kein Fleisch, keine Milch, kein Leder, kein was auch immer. Eine Jugendbewegung, deren Hauptmotiv der Verzicht war. Wenig überraschend eigentlich, dass ein signifikanter Teil der Bewegung dann vegan wurde.


Rundliche Männer


Ich persönlich denke bei Straight Edge immer an alte, rundliche Männer, eigentümlich wie es ist. Als Randbewohner des Punk-Hardocre-Universums war mir Straight Edge ein Begriff. Aber mir wirkte es zu elitär. Und auch wenn wir alle in der Gymnasium-Langenhagen-Gang nicht viel tranken und vielleicht alle paar Monate mal kifften – Drogen ablehnen aus Prinzip war nie mein Ding. Straight Edge kannte ich aus den üblichen Szeneheften wie dem ZAP oder all‘ den Punk-Fanzines. Aber wirklich in der Szene war ich nie.

Dann war da dieses Straight-Edge-Konzert im Jugendzentrum Langenhagen. Bands, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere, spielten mittelmäßigen Hardcore. Im Publikum tobten sich hunderte schmächtiger, pickliger Jungen in Hoodies und Turnschuhen aus, die alle ein großes X auf der Hand hatten und so böse schauten wie man mit 17 Jahren und 50 Kilo Lebendgewicht halt schauen kann.

Dann waren noch ein paar Dauer- und Stammgäste des Jugendzentrums anwesend, um die 20.  Und im Gang standen diese beiden Männer, die offensichtlich niemanden kannten. Sie waren um die 40, Schnauzbart, klein, rundlich, Hemd und Jacke. Die Schnauzbartträger hatten sich ein großes X auf die Hand gemalt – als wären Sie direkt einer Comedyserie über schlecht getarnte Zivilpolizisten entstiegen. Seitdem denke ich bei Straight Edge immer an rundliche kleine Männer mit Schnauzbart.


Straight Edge und die Polizei


Nun war es nicht überraschend, dass die Polizei auf diesem Konzert auftauchte. Ausgerechnet diese verhärmten Jünglinge standen mindestens im Verdacht, staatsgefährdende Straftaten zu planen. Drogen wurden auf Straight-Edge-Konzerten natürlich weder gehandelt noch konsumiert. Dafür war die Szene weltweit latent gewaltaffin, in Europa auch eng mit Autonomen, Linksradikalen und radikalen Tierbefreiern vernetzt.

Jugendzentrum Glocksee seitlich
Unabhängiges Jugendzentrum Glocksee (2010). Autor: AxelHH Lizenz: Public Domain

Die Auftrittsorte waren hier, wie im Jugendzentrum Langenhagen, fast immer ehemals besetzte Jugendzentren oder autonome Jugendzentren wie das UJZ Kornstraße in Hannover oder das Glocksee in Hannover oder gleich ganz besetzte Häuser. Politik, Hardcore und Straight Edge hingen für mich immer zusammen. (wie dem auch heute noch ist: wie man jedes Jahr auf dem Resist to Exist in Kremmen sehen kann.)

Für mich waren Punk – Autonome – Hardcore – Besetzte Jugendzentren – sXe – Emocore immer eins – mit verschiedenen Abstufungen und verschiedenen Ausprägungen: aber letztlich dieselbe Szene, deren Mitglieder den Anspruch hatten, die Welt so abzulehnen wie sie ist und eine bessere Welt zu schaffen.

Umso mehr verwirrten mich Bands wie Youth of Today, Cro-Mags oder auch Earth Crisis, die zwar auch echte in der Szene anerkannte Hardcore-Bands waren, aber so unpolitisch bis christlich konservativ – deren Message ich nie verstand. Das war musikalisch nicht viel anders als europäischer Straight Edge, auch mit diesem Weltverbesserungsmessianismus, aber auf eine eigenwillige Art unpolitisch. „Wir wollen die Welt verbessern, können aber nicht sagen, was das Problem ist.“ Manchmal erinnert mich das heute an das Silicon Valley. Wahrscheinlich liegt es gar nicht soweit auseinander.


USA und Europa


Für die Wikipedia-Recherche bin ich das erste Mal gründlich in die Geschichte der Hardcore-Szene vorgedrungen. Bisher hatten da neben den eigenen Erfahrungen und den unzähligen gelesenen Fanzines als Buch Martin Büssers „If the Kids are United“ ausreichen müssen. Nun kamen aber diverse Bücher aus der Berliner Stadtbibliothek hinzu, halbveröffentlichte Bücher in Google Books, digitalisierte Fanzines, Doktorarbeiten und sonst noch alles was da Internet zu bieten hatte.

Da ging mir etwas auf: Hardcore ist größer. Während in Europa und Lateinamerika immer der Zusammenhang Politik-Hausbesetzer-Punks-Hardcore existierte, war das in den USA anders. Gerade die prägende Bands Minor Threat und Fugazi waren nun sehr politisch im europäischen Sinn. Aber viele andere Größen des US-Hardcores übten sich in Jock Culture wie es heißt. Männer, die sich selber ausleben wollen und wenig sonst. Mit ungerichteter Aggressivität, sich manchmal gegen industrielle Tierproduktion richtete, oft genug gegen die eigene Szene.

Die Szene in den USA entwickelte sich unter anderen Voraussetzungen. So gab es dort nie wirklich besetzte Häuser. Die Bands spielten in kommerziellen Clubs, oft zusammen mit anderen Rockbands oder in Washington, D.C. mit Go-Go-Bands. Die linke Szene in den USA war kleiner und abgeschotteter. Konnte man in meiner deutschen Schulzeit gar nicht anders, als sich politisch zu positionieren, wäre der Gedanke sich als Jugendlicher ernsthaft mit Politik zu beschäftigen in großen Teilen der USA geradezu bizarr gewesen. US-Punk und dann US-Hardcore entwickelten sich in einem luftleeren Raum, in mehr oder weniger kommerziellen Clubs. Vegetarismus und Veganismus stießen in großen Teilen der Szene auf ein inhaltliches Vakuum, um so mehr und einfacher konnten sie sich als herrschende Ideologien verbreiten.


Veganismus


Vegetarisch und Vegan wurden Straight Edger und Hardcorler Ende der 1980er. Während einzelne Szeneangehörige schon früher vegetarisch waren, thematisierten Youth of Today im Song No More und die Gorilla Biscuits mit dem Song Cats and Dogs das Thema. Danach entwickelte sich die Sache ziemlich schnell. Es gab Bands wie die Cro Mags oder Earth Crisis, die sich als vegan Straight Edge verstanden.

Sie und ihre Anhänger entwickelten sich schnell hin zum Hardline: militante Tierschützer, die auch aggressiv gegen andere Punks und Hardcore’ler vorgingen, solange sie nicht den strikten Lebensvorstellungen der Hardliner folgten. Da war die einst offene, kreative Szene zu einer Art Sekte geworden. Menschen, die sich als Vegan Straight Edge verstanden, gab es. Aber gab es sie lange genug, um von einer eigenen Szene zu sprechen?

In Europa hingegen, war Veganismus in der Szene immer nur ein Teilaspekt, eingebettet in allgemeine Weltrettung und Kapitalismuskritik. Tatsächlich veganes und vegetarisches Essen war wahrscheinlich verbreiteter, da es oft zum Standard wurde. Die Übergänge allerdings waren dadurch auch fließender.

Und nun geht es mir, wie oft, wenn man mehr zu einem Thema weiß: ich bin ahnungsloser als je zuvor. Es gab vegane Straight Edger. Und zumindest zeitweise haben die sich auch bewusst von den Nicht-veganen abgesetzt. Für Wikpedia reicht es: es ausreichend gibt Literatur, die Vegan Straight Edge (mit "V") beschreibt und selbst unangemeldete Wikipedia-Autoren behaupten, dass es es diese Bewegung noch gibt. Aber waren diese wirklich geschlossen genug für eine eigene Szenedefinition und einen guten Wikipedia-Artikel über sie?

Ausblick: Washington, D.C.


Während ich beim Thema Vegan Straigt Edge ratloser bin, als vor dem Beginn der Recherche, hat sie mir auch neue Welten geöffnet. Washington, DC – die Szene, die vermutlich der europäische Szene am ähnlichsten war. Mit Ian MacKaye als Überfigur, der früh begriff, dass man eigene Labels und Strukturen aufbauen muss, mit der Crew um Dischord Records und mit der sozialen Organisation Positive Force, die der Szene nahestand. Washington wies lange Zeit ein lebendige Szene auf, die im engen Austausch mit dem Vor-Grunge-Hype-Seattle stand.

Eine Szene in Washington, die sich früh politisch verstand – sehr ungewöhnlich für US-Punk – früh Frauen in wichtigen Rollen zuließ; eine Szene in der beispielsweise der 15jährige Dave Grohl (von späterem Nirvana und Foo Fighters Fame) seine ersten Auftritte absolvierte, die Bad Brains – als Reggae-beeinflusste Band – prägend war, und in der auch Bikini Kill und die frühen Nirvana zu ständigen Gästen gehörten. Dann auch die Szene in Washington State um Seattle: uns ja eher bekannt als diejenigen, die Grunge kommerziell und populär machten - hier bestand eine echte, kreative, politische Punk-Szene bevor MTV sie entdeckte. Und in beiden Washingtons: eine Szene mit Dutzenden Fanzines, vermutlich hunderten Bands, die in Bewegung war, sich neu formierte, Sachen ausprobierte und sie wieder verwarf.  

Bands, die ich dabei entdeckte, waren:

Scream mit dem damals 15-jährigen Dave Grohl und der faszinierenden Erkenntnis, was für Langhaarmatten man in den 1980ern auch im Hardcore trug:



Oder Bratmobile, die zur ersten Runde gehörten als die Szene endlich auch Frauen zuließ und diese eigene Bands gründeten:



Vor allem aber entdeckte ich die Go-Go-Szene. Man stelle sich eine Art frühen Hip Hop in funky mit Congas und Bläsersätzen vor. Aber dazu später mehr.

Beim Schreibwettbewerg gewann ich zu recht nichts, da der Wikipedia-Artikel in einem Limbo hängt. Aber ich entdeckte mindestens drei spannende Szenen. Und sehe Helden oder Nicht-Helden meiner Jugend mit anderen Augen. Und das alles nur wegen eines Schlachteplattenstreits.

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Der unfertige Wikipedia-Artikel zum Thema Vegan Straight Edge.

Zwei Bücher, die mir vieles erklärten:



Marc Andresen / Mark Jenkins: Punk, D.C. Ventil Verlag 2006 (im Original: Dance of Days, Akashic Books 19929. Bericht aus der Szene nach Lektüre zahlreicher Poster und Fanzines. Einerseits mit mehr Detailinfos zu Bands und Orten als ich je haben wollte, aber von den selbst-beteiligten Autoren auch stets auf der Suche nach dem Spirit, der alles zusammenhielt.

Roger Gastman "Pump Me Up. DC subCulture of the 1980s". Ausstellungskatalog zu einer Ausstellung über den Graffiti-Sprayer Cool "Disco" Dan - mit einem breiten Rundumschlag zu allem was in den 1980ern subkuturell in Washington los war. R. Rock Enterprises 2013.

Wie es damals war im Jugendzentrum Langenhagen schrieb ich in Kleinstadt Antifa, 1994

Was der Hardcore-Punk heute so macht, lässt sich auf dem Resist to Exist besichtigen.

Alle Posts zu Politik und Kultur in Iberty liegen unter: Kultur in Iberty!

Allein mit der Madonna zum Hasen

11:28, Tuesday, 27 2018 November UTC

Darmstädter Madonna
Hans Holbein der Jüngere, 1526/1528
Öl auf Nadelholz (?), 146,5 × 102 cm
Sammlung Würth, Johanniterhalle (Schwäbisch Hall)

Wikipedia-KNORKE erwähnte ich ja an dieser Stelle schon einmal. Berliner Wikipedianerinnen und Wikipedianer treffen sich und erkunden zusammen eine ihnen unbekannte Gegend. Soweit so üblich. Diesmal jedoch gab es etwas besonderes: Auf ins Museum!

In Berlin gastiert gerade die Darmstädter Madonna, ein 1526 entstandenes Gemälde von Hans Holbeim dem Jüngeren. Diese Madonna hat eine bewegte Lebens- und Reisegeschichte, ist eines der bedeutendsten deutschen Gemälde des 16. Jahrhunderts und kann Menschen auch über Jahre faszinieren. Wunderbar, wenn man eine kundige Bilderklärung der Autorin des exzellenten Wikipedia-Artikels dazu bekommt.

Wir trafen uns einige Minuten vor der Öffnung in kleiner Gruppe vor dem Bode-Museum und konnten - da alle Anwesenden über eine Jahreskarte verfügten - auch sofort zur Madonna und zur Sonderausstellung "Holbein in Berlin" begeben. Der Raum war noch leer, die Museumswachmannschaft ließ freundlicherweise die leise aber engagiert redende Gruppe gewähren. Ein einziger Saal, in dessen Mittelpunkt die Madonna hängt. Links davon einige Holbein-Teppiche, ansonsten weitere Bilder und Zeichnungen von Holbein, Inspiratoren und andere Madonnen. Nicht überladen, sinnvoll aufbereitet und mit einem klaren Konzept - eine der besseren Kunstausstellungen.



Und dann ging es los: Es begann mit Schilderungen von der bewegten Entstehungszeit zur Zeit des Basler Bildersturms im Auftrag des Basler Ex-Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen. Die Aussage des Bildes traditioneller Marienfrömmigkeit in Zeiten der Reformation war Thema, ebenso natürlich wie der Teppich und seine Falte. Wir staunten über die Eigentümlichkeit, dass sich niemand auf dem Gemälde eigentlich anschaut und wurden über dden Unterschied zwischen Schutzmantelmadonnen und Stifterbildern aufgeklärt. Vermutungen tauchten auf, wo das Bild wohl im Original hing - vermutlich in der Martinskirche als Epitaph - und wir verfolgten gedanklich seine Wanderung aus Basel über den Grünen Salon im Berliner Stadtschloss bis hin zum Hause Hessen und das Frankfurter Städelmuseum bis hin zum spektakulären Verkauf an die Privatsammlung Würth. Die Meinungen über die Sammlung Würth in der Gruppe waren durchaus geteilt, ebenso wie die richtige Benennung des Bildes: ist es nun eher die Darmstädter Madonna oder eher die Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen?

Über die Darmstädter Madonna ging es dann zur Dresdner Madonna und einem der prägenden Momente deutscher Kunstgeschichte: dem Dresdner Holbeinstreit. Im 19. Jahrhundert wurde es den Menschen bewusst, dass es zwei fast identische Holbein-Madonnas gab und nur eine die echte sein konnte. In einer großen Ausstellung, unter lebhafter Anteilnahme der Öffentlichkeit und erregten Debatten der Experten entschieden sich die Kunsthistoriker schließlich für das Darmstädter Gemälde. Eine Sensation,  da die Kunstkennerschaft vorher felsenhaft von der Originalität des Dresdner Gemäldes ausging. Hier zeigte sich erstmals das Bemühen, um eine rein sachlich, objektive Abwägung der verschiedenen Gesichtspunkte - der Dresdner Holbeinstreit ist einer der Ausgangspunkte um die Kunstwissenschaft als Wissenschaft zu etablieren. Und - wie sich später herausstellte - lag die Kunstwissenschaft auch in diesem ihren Anfangsurteil richtig; sämtliche mittlerweile vorhandenen naturwissenschaften Verfahren die Darmstädter Madonna als die originale der beiden bestätigten.

Erkenntnisse am Rande: eine weitere Kopie des Gemäldes (beziehungsweise eine Kopie der Kopie - es stellt aus unerfindlichen Gründen das Dresdner Exemplar dar) hat sich in das Set des James-Bond-Filmes "Man lebt nur zweimal verirrt".

Hans Holbein der Jüngere: Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London, 1532. Eichenholz, 96,3 × 85,7 cm. Gemäldegalerie Dahlem der Staatlichen Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz

Und nachdem wir dann auch noch gerätselt hatten, wer die beiden Knaben unterhalb der Madonna sind, den verschwundenen Haaren der Tochter nachspürten und weiter über den Teppich in der Renaissancemalerei sinniert hatten, kamen wir dann nach knapp einer Stunde noch zu Georg Giesze. Giesze (auch Georg Giese) ist Titelheld in einem anderen Holein-Hauptwerk, das praktischerweise fünf Meter weiter links hing. Wieder mit Teppich und nun auch noch mit Glas, Metall, Bücherregalen und Briefen. Gedanklich begleitete wir Holbein dann weiter von Basel nach Antwerpen und London. Mittlerweile hatte sich der Raum etwas gefüllt. Nachdem wir dann noch den Weg aus dem Museum gefunden hatte (wie immer im Bodemuseum nicht ganz einfach und jedes mal findet man zwischendurch neue Säle) folgte noch ein erschöpfter Abschlusskaffee.

Eine Stunde fast allein mit der Madonna. Und immer noch Neues zu entdecken.

Gab es in der DDR Spaghetti?

09:10, Tuesday, 28 2018 August UTC

Eine der schöneren unbekannten Ecken der Wikipedia ist die Seite zur Auskunft. Dort können Menschen mögliche und unmögliche Fragen stellen, die dann mal launisch, mal larmoyant, mal ernsthaft oder auch gar nicht beantwortet werden. Wie im wahren Leben und eine ewige Fundgrube obskuren Wissens, seltsamer Fragestellungen und logischen Extremsports.

Nicht die DDR. Bild: Giorgio Conrad (1827-1889) - Mangiatori di maccheroni. Numero di catalogo: 102.



Dort nun fragte vor ein paar Tagen ein unangemeldeter Nutzer:

 "Warum gab es in der DDR eigentlich nur Makkaroni (die in Wirklichkeit Maccheroncini waren), aber keine Spaghetti? Das erscheint mir nach Lektüre einiger Bücher aus der DDR so gewesen zu sein und ist mir auch so von meiner aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden Verwandtschaft bestätigt worden. Warum?"

Es folgte eine längere und mäandernde ausgiebige Diskussion, die immerhin folgendes ergab:

* Anscheinend gab es in der DDR Spaghetti, zumindest erinnerten sich einige der Diskutanten an derartige Kindheitserlebnisse.
* Ob Spaghetti so verbreitet waren wie Makkaroni oder Spirelli, darüber bestand Uneinigkeit.
* Die Nudelsaucensituation war in Berlin besser als im Rest der DDR.
* Die DDR allgemein pflegte in vielerlei Hinsicht traditionellere Essgewohnheiten als Westdeutschland, die Küche der DDR ähnelte in vielem mehr der deutschen Vorkriegsküche als dies für die westdeutsche Küche gilt.
* In Vorkriegszeiten waren Makkaroni verbreiteter als Spaghetti.
* Schon bei Erich Kästner wurden Makkaroni gegessen
* Der Makkaroni-Spaghetti turn im (west-)deutschen Sprachraum war Mitte der 1960er
* Schuld könnten wahlweise das mangelnde Basilikum, die mangelnde Tomatensauce, überhaupt mangelnde Kräuter, Italienreisen, Gastarbeiter, Miracoli oder auch was ganz anderes sein.
* Klarer Konsens im Rahme: Sahne gehört keineswegs in Sauce Carbonara!


Gab es in der DDR nicht: Miracoli. Bild: Miracoli-Nudeln mit Mirácoli-Soße von Kraft. Von: Brian Ammon, Lizenz: CC-BY-SA 3.0
 
Daneben tauchten eine ganze Menge Kindheitserinnerungen auf an exotische Spaghettimahlzeiten mit kleingeschnittenen Spaghetti, Ketchup-basierter Tomatensauce und anderen kulinarischen Exotika des geteilten Deutschlands.

Einige Antworten, viel mehr Fragen:
* seit wann wird in Deutschland überhaupt Pasta gegessen?
* wie lange schon ist Tomatensauce verbreitet?
* seit wann essen westdeutsche Spaghetti?
* Und wer ist Schuld? Die Gastarbeiter? Die Italienurlauber? Miracoli?
* Und wie kommen eigentlich die Löcher in die Makkaroni?

Also verließen wir dann erst einmal die Auskunft und die dortige Diskussion und betrieben etwas weitere Recherche. Das heimische "Kochbuch der Haushaltungs- und Kochschule des Badischen Frauenvereins", veröffentlicht 1913 in Karlsruhe, kennt sowohl Makkaroni wie auch Spaghetti. Ungewohnt für heute: die Makkaroni werden in "halbfingerlange Stückchen gebrochen" und dann 25 bis 30 Minuten gekocht.

Neben den diversen Makkaroni-Gerichten gibt es auch einmal Spaghetti. Die Priorität ist klar. Spaghetti werden erklärt als "Spaghetti ist eine Art feine Makkaronisorte. Beim Einkauf achte man darauf, daß sie nicht hohl sind"

Die "Basler Kochschule. Eine leichtfaßliche Anleitung zur bürgerlichen und feineren Kochkunst" von 1908 kennt keine Spaghetti aber diverse Gericht mit "Maccaronis". Darunter sogar schon die Variante "a la napolitaine" mit Tomatensauce.

Weitere Recherche. Weitere Erkenntnisse bringt das Buch "Meine Suche nach der besten Pasta der Welt: Eine Abenteuerreise durch Italien", das die Ankunft der Makkaroni in Deutschland auf das frühe 18. Jahrhundert verlegt. Die 1701 nachweisbaren "Macronen" waren wohl eher Lasagne, aber Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden in Prag und Wien echte Makkaroni-Fabriken.

Die Pasta folgte anscheinend den jungen Männern der Grand Tour aus Italien in das restliche Europa. Bestimmt waren die Grand Tours für junge Männer, die mal etwas von der Welt sehen und klassische europäische Bildung mitbekommen sollten, die auf der Tour aber anscheinend nicht nur Statuen und Kirchen kennenlernten, sondern auch Pasta.

Philip Dawe, The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade (1773) - 02
Der Macaroni. Der Hipster seiner Zeit. Bild: Philip Dawe: The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade, 1773.

In England gab es sogar einen eigenen Modestil Macaroni für exaltierte junge Männer - "a fashionable fellow who dressed and even spoke in an outlandishly affected and epicene manner". Die englische Wikipedia schreibt dazu lakonisch: "Siehe auch: Hipster. Metrosexuell." Komplett falsch wäre wohl auch die Assoziation zur Toskana-Fraktion nicht.

Nach diesen extravagant und auffallend auftretenden jungen Männern ist nun wiederum im Englischen der Macaroni penguin - auf deutsch der Goldschopfpinguin - benannt.


Makkaroni-Penguin. Benannt nach dem Stil, nicht nach den Nudeln. Bild: Macaroni Penguin at Cooper Bay, South Georgia von Liam Quinn, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Wie aber kommen nun die Löcher in die Makkaroni? Und seit wann? Licht in dieses Dunkel bringt die "Encyclopedia of Pasta." Diese lokalisiert die Entstehung der maschinellen Pastafertigung - die für Makkaroni in zumutbarer Menge unvermeidlich ist - in die Bucht von Neapel in das 16. Jahrhundert. Dort existerte eine Heimindustrie mit Mühlen, an die sich relativ problemlos eine im 16. Jahrhundert aufkommende ’ngegno da maccarun anschließen lies, die es den Neapolitanern ersparte stundenlang im Teig herumzulaufen, um ihn zu kneten: im Wesentlichen Holzpressen mit einem Einsatz aus Kupfer, je nach Form des Einsatzes entstehen verschiedene Nudelsorten und damit unter anderem Makkaroni. Die Makkaroni wurden dann in langen Fäden zum trocknen in die süditalienische Sonne gehängt.


Sommer, Giorgio (1834-1914) - n. 6204 - Napoli - Fabbrica di maccheroni
Neapel, 19. Jahrhundert. Bild: Giorgio Sommer (1834-1914), "Torre Annunziata-Napoli - Fabbrica di maccheroni". Fotografia colorita a mano. Numero di catalogo: 6204. 

Das hat alles nicht mehr wirklich etwas mit Spaghetti und der DDR zu tun, beantwortet nicht, warum die Deutschen in den 1960ern plötzlich lieber Spaghetti als Makkaroni mochten, oder warum die Makkaroni bei ihrem ersten Zug über die Alpen die Tomatensauce in der Schweiz ließen? Warum gibt es in Deutschland kein Äquivalent zu "Macaroni and cheese" (mehr)? Gab es ein Miracoli-Äquivalent in der DDR, bei dem es Pasta, Sauce und Käse schon in einer Packung gab? Warum sind Makkaroni in Deutschland tendenziell lang und dünn in vielen anderen Ländern aber dicker und hörnchenförmig-gebogen? Es ist hochspannend. Und ein Grund, noch viel mehr zu recherchieren.

Die Verschwundenen

18:28, Monday, 06 2018 August UTC

Crossposting eines Posts von mir aus dem Wikipedia Kurier. Erfahrungsgemäß lesen das dort und hier ja doch andere Menschen.

Wikipedistas kommen und gehen. Manchmal gehen mehr, manchmal weniger. Einzelne davon fallen durch ihr Wirken in der gesamten Wikipedia auf oder versuchen sich wenigstens durch einen spektakulären Abgang in Szene zu setzen. Die meisten Autoren und Autorinnen aber gehen genauso still und leise wie sie gekommen sind und gearbeitet haben.

Die unseligen Autorenschwund-Debatten der unseligen Wikimedias kümmern sich ja um Zahlen und nicht um Autorinnen und Autoren. Wie armselig! Den Meta-aktiven Communitymitgliedern - aka Wikifanten - fallen vor allem die anderen Wikifanten auf, die entschwanden. Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es um lauter einzelne Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Arbeitsstilen und Interessen geht, die in Wikipedia tätig waren und sind. Es gibt vor allem diejenigen, die kommen, einen Beitrag leisten und dann wieder verschwinden. Der größte Teil der tatsächlichen Wikipedia wird von Menschen und Accounts gestaltet, deren Edits fast nur im Artikelnamensraum aufzufinden sind. Manchmal arbeiten sie unermütlich über viele Jahre, manchmal auch nur einige Wochen an einen oder zwei Artikeln. Viele davon sind als IP aktiv, so dass sich fast nichts über sie sagen lässt. Vielleicht sind die Beitragenden per IP auch gar nicht viele, sondern eine einzige sehr fleißige Autorin? Wer weiß?


 Viele Wikipedianerinnen und Wikipedianer sind derzeit inaktiv.

Anlässlich des Projektes WikiWedding und in meinem Bestreben möglichst viele Wedding-Aktive daran zu beteiligen, lese ich ja derzeit viele Artikel zu einem Themengebiet, das mir in den letzten Jahren eher fremd war und an dessen Entstehung ich nicht beteiligt war. Wer sich in den letzten Monaten am Thema beteiligt hat, ist mir bewusst, wer sich von 2001 bis 2014 des Weddings angenommen hat, musste ich nachlesen. Eine spannende Lektüre voller mir unbekannter Namen und Accounts. Neben einigen mir bekannten Wikipedistas waren dort vor allem mir unbekannte Accounts. Accounts, die oft aufgehört haben zu editieren. Meist sind sie still und leise gegangen. Ihre Edits und Kommentare geben keinen Hinweis warum. Aber anscheinend war es anderswo schöner. Oder sie hatten den Einruck, alles in Wikipedia geschrieben zu haben, was sie beitragen wollten. Um diesen Autorinnen und Autoren zumindest nachträglich etwas Aufmerksamkeit zu geben, um ihre Namen kurz aus den Tiefen der Versionsgeschichten zu retten, sollen hier einfach einige Autorinnen(?) und Autoren gewürdigt werden, die sich um den Wedding in Wikpedia bemühten bevor sie verschwanden.



Da ist zum Beispiel der Artikel zur Chausseestraße. Ein Mammutwerk von Gtelloke, dessen Wikipedia-Edits sich von Juni bis Dezember 2012 fast ausschließlich auf diesen Artikel beschränkten.


Bild: Die Chausseestraße 114-118 in Richtung Invalidenstraße von Gtelloke
Lizenz: CC-BY-SA 3.0



Da ist der Artikel zum Wedding selber. Angelegt 2002 von Otto, dessen letzter Edit aus dem Dezember 2004 stammt. Im November 2004 dann maßgeblich ausgebaut von Nauck, der sich auch sonst dem Ortsteil und seinen Themen widmete. Artikel zu Moabit, den Meyerschen Höfen, Mietskasernen und Schlafgängern waren Teil seines kurzen Werks, das im Wesentlichen nur zwei Wochen im November 2004 dauerte, aber die Grundlagen wichtiger Artikel zur Berliner Sozialgeschichte legte. Ein Blick auf seine Benutzerseite zeigt auch den Geist der Wikipedia-Frühzeit: ''GNU rockt! Der König ist tod, lang lebe das Volk! Lang lebe die Anarchie des Netzes! Licht und Liebe''

Weiterer Ausbau erfolgte durch 87.123.84.64, auch zu wikipedianischen Urzeiten. Dann passierte 500 Edits und acht Jahre im Wesentlichen nichts – mal ein Halbsatz hier, mal die Hinzufügung von drei Bahnstrecken dort, Hinzufügen und Löschen von berühmten Persönlichkeiten bis im Dezember 2014 der erste heute noch aktive Wikipedianer hinzukommt: Fridolin freudenfett verpasst dem Artikel mit „Katastrophalen Artikel etwas verbessert)“ eine Generalüberholung.

Der Leopoldplatz; angelegt von Frerix, der in den immerhin fünf Jahren seiner Wikipedia-Aktivität nie auch nur eine Benutzerseite für nötig hielt und anscheinend auch in keine Diskussion verwickelt wurde.  Zu seinen wenigen Beiträgen gehören neben der Anlage des Leopoldplatzes auch noch die Anlage der englischen Stadt Sandhurst, die Anlage des Kreuzviertels in Münster und des Three Horses Biers. Dann war er/sie wieder weg. Mutter des Artikels ist hier aber 44Pinguine, die den heutigen Inhalt maßgeblich prägt und auch heute noch aktiv ist.

Da wäre das Wahrzeichen des Weddings. Die Alte Nazarethkirche. Der Artikel stammt vor allem von 62.246.210.30.


Bild: Leopoldplatz, Ev. Alte Nazarethkirche, 1832–35 von Karl Friedrich Schinkel von Schliwiju

Nichts war für die Entwicklung des Weddings wohl so entscheidend wie die Geschichte der AEG. Dieser Artikel stammte in seiner Frühzeit von WHell, engagiertem Wikifanten, mit ausführlicher Artikelliste und Diskussionsseite, der uns 2007 verließ. Der letzte Eintrag auf seiner Diskussionsseite war „Hallo WHell, ich möchte Dich als den Hauptautor darüber informieren, dass ich den Artikel John Bull (Lokomotive) in die Wiederwahl zum Exzellenten Artikel gestellt habe,“ Größere Beiträge zur WEG folgten in den späteren Jahren durch Peterobst – aktiv von Februar bis April 2006 vor allem mit Beiträgen zur Berliner Industriegeschichte, nach seiner Benutzerseite AEG-Kenner und in Arbeit an einem Buch über den Konzern. Es folgten 80.226.238.197, von Georg Slickers 2006 (auch heute noch aktiv, wenn auch recht unregelmäßig), Flibbertigibbet 2006 , 79.201.110.89 im Jahr 2008 und der unermüdlichen 44Pinguine. Weiter ausgebaut von Onkel Dittmeyer, aktiv von 2009 bis Juli 2015 in Technikthemen und vielleicht immer noch unter neuem Account? Begann seine Karrier mit der Nutzerseite „Hier ist Nichts und das soll so bleiben !“ und hielt sich im Wesentlichen daran.

Da ist der Volkspark Rehberge. Angelegt von Ramiro 2005, aktiv 2005/2006, vor allem zum Thema Fußball. Maßgeblich ausgebaut, umfassend überarbeitet 2007 von 84.190.89.208 und noch einmal 2010 stark erweitert von Katonka. Landschaftsplaner mit unregelmäßigen Edits zwischen 2009 und 2014, die Edits waren wenige, aber die Qualität war hoch.


Bild: LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin Mitte - Panoramabild auf die Wiesen des Volkspark Rehberge in Berlin, Wedding (Mitte). Von: Patrick Franke Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Neben diesen Verschwundenen tauchen glücklicherweise aber auch heute noch aktive Wikifanten auf. Immer wieder 44Pinguine und Fridolin freudenfett. Darüber hinaus Definitiv, Magadan, Flibbertigibbet und Jo.Fruechtnicht.

Die Artikel entstanden durch Wikifanten und IPs. Accounts mit nur einem Thema oder anderen, die über Jahre thematisch sprangen. Während in der Frühzeit aber viele verschiedene Accounts und IPs an den Artikel beteiligt waren, waren in den letzten Jahren deutlich weniger Menschen aktiv. Fast alle inhaltlichen Edits in den von mir angesehenen Artikeln verteilen sich auf 44Pinguine,  Fridolin freudenfett und Definitiv. Wikipedia wird kleiner und noch lebt sie. Aber wir können all‘ den Verschwundenen danken, die vor uns kamen.

Berlin celebrates old school #wikipedia15

14:36, Wednesday, 06 2018 June UTC

I still remember the time when real life meetings for Wikipedians were new and adventurous and a bit scary. Did one really want to meet these strange other people from the Internet? How would they be? Could they even talk in real life or would they just sit behind a laptop screen staring on it for hours?

My first meeting in Hamburg – THE first Wikipedia meeting in Hamburg - would consist of three people (Hi Anneke, Hi Baldhur!) sitting in a pub, and just waiting and seeing what would happen. These meetings were kind of improvised, in a pub, quite private and personal in nature and no talk about projects, collaborations, “the movement” whatever. Just Wikipedia and Wikipedians having a nice evening.

WP15 Germany Berlin 01
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

So what a fitting setting to celebrate this day in Berlin just the old school way. Half improvised, organized by our dearest local troll user:Schlesinger on a talk page, we met in a pub, it was not clear who would come and what would happen except some people having a good time.

And so It was. In the “Matzbach” in the heart of Berlin-Kreuzberg seven people promised to come, in the end we were almost twenty. Long time Wikipedians, long-time-no-see-Wikipedians, a Wikipedian active mostly in Polish and Afrikaans, some newbies and two and a half people from Wikimedia Deutschland. Veronica from Wikimedia Deutschland brought a tiny but wonderful home-baked cake, and we just talked and laughed, talked about history and future.  Actually, mostly we talked about future.

WP15 Germany Berlin 03
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

About the Wikipedian above 30, who has just started a new a university degree in archaeology, the question whether the Berlin community should have its own independent space, industrial beer, craft beer and the differences, the district of Berlin-Wedding, the temporary David-Bowie-memorial in Berlin-Schöneberg, the vending machine for fishing bait in Wedding, new pub meet-ups in the future, who should come to the open editing events, how to work better with libraries, colorful Wikipedians who weren’t there, looking for a new flat, whether perfectionism is helpful or rather not when planning something for Wikipedians, explaining Wikipedia to the newbie, the difficulties of cake-cutting and whatsoever.

No frustration, almost no talk about meta and politics, just Wikipedians interested in the world, Wikipedia and eager to be active in and for Wikipedia and with big plans for the future. Old school. So good.

WP15 Berlin Torte angeschnitten


Mensch-Maschine Braunschweig


Im ICE ist Deutschland. Der Zug fährt ein und hält. Das Schild am Gleis behauptet tapfer „Zugdurchfahrt“. Die Türen lassen sich öffnen. Am Zug steht nichts geschrieben, außer Wagennummern, die nicht zu den Reservierungen passen. Das Publikum bleibt irritiert. Etwa die Hälfte der Anwesenden geht in den Zug und bleibt im Wageninnern ratlos stehen. Die andere Hälfte steht ratlos am Bahnsteig. 

Schließlich: Lichter gehen an. Der Zug verkündet mittels seiner Anzeigen nun auch, nach Kassel zu fahren.  Eine Frau entschuldigt sich über die Lautsprecheranlage über die falschen Wagennummern, man solle ich immer zehn wegdenken „Also 22 statt der angezeigten 32.“

Ein Mensch mit re:publica-Bändchen am Arm verscheucht die ältere Dame ohne Reservierung von seinem Platz und liest den gedruckten Spiegel. Ich höre ein angeregtes Gespräch zwischen einem Musicaldarsteller und einer Abteilungsleiterin im Innenministerium, die sich gerade kennenlernen über, den relativen Wert von Musikgymnasien in Berlin. Geht es noch deutscher?

Illustration aus dem Buch ""Le tour du monde en quatre-vingts jours" Alphonse de Neuville & Léon Benett


Passenderweise habe ich ein entsprechendes Buch mitgenommen. Nils Minkmars „Mit dem Kopf durch die Welt.“ Das hat schon auf dem Cover ein ICE-Fenster und geht der Frage nach, was Deutschland bewegt. Minkmar lässt sich über deutsche Normalität aus. Der deutsche Ingenieur, lange Jahrzehnte Sinnbild der Normalität, sei nicht mehr normal. Minkmar erzählt aus seiner französisch-deutschen Kindheit:


„Meine Mutter nannte dann immer eine Berufsgruppe, die uns besonders fern war, nämlich les ingenieurs. Wir waren in Deutschland […] und das ganze frisch aufgebaute Land ruhte auf Säulen, die les ingenieurs berechnet, gegossen und zum Schluss noch festgedübelt hatten. […] Viele Jahre später sollte ich die Gelegenheit haben, diese seltene Spezies besser studieren zu können. Sie saßen direkt hinter mir, zwei ausgewachsene Exemplare: Ingenieure, Familienväter, auf der Rückfahrt von einer Dienstreise. Sie plauderten über die sich verändernden Zeiten. […] Fernsehen, Marken, Politiker, auf keinem Gebiet fanden sich diese beiden braven Männer wieder, alles zu grell und bunt, zu aufgeregt. Ihre spezifischen Werte und Tugenden, Sorgfalt und diese stille Freude an der eigenen Biederkeit, das alles war an den Rand gerückt. Ingenieure waren nun Exzentriker. […] Diese Männer fanden sich kulturell kaum zurecht.“

Wenn „der deutsche Ingenieur“ nicht mehr normal in Deutschland ist, sind es jetzt Ministerialbeamtinnen und Musicaldarsteller?




Forschung Maschinenbau Braunschweig


Minkmar war noch nicht in Braunschweig. Oder Braunschweig ist nicht normal. Da steige ich harmlos aus dem Zug und die Stadt schlägt mir „Deutscher Ingenieur“ rechts und links um die Ohren. Braunschweig hebt das Thema "autogerechte Stadt" in Höhen, die selbst mir als gebürtigem Hannoveraner unerreichbar schienen.

Braunschweig. Bahnhofsvorplatz.


VW ist daran beteiligt, ist klar in der Gegend. Aber nicht nur. Ich wandelte also Freitagabend gegen 21 Uhr auf der Suche nach einem Wegbier durch das verlassene Braunschweig, passierte die Stadthalle und wurde prompt begrüßt mit „Tag des Maschinenbaus. Herzlich Willkommen.“



Vor allem aber  fiel mir bei diesem Wandeln auf, wie unglaublich gepflegt diese Stadt aussieht. Ich erblickte  keine einzige Kippe auf dem Weg. Selbst die Großbaustelle, über die irrte, wirkte irgendwie aufgeräumt. Viel verwunderlicher war, dass selbst die in Braunschweig reichlich vorhandenen 1970er-Großbauten gepflegt und sorgsam hergerichtet wirkten. Die Stadthalle selber, offensichtlicher spät 1960er/früh 1970er-Stil wirkte besser gepflegt als Berliner Gebäude nach zwei Jahren. Die Wege und Lampen darum herum: offensichtlich keine zehn Jahre alt. Sie wirkten wie frisch aus der Packung genommen.

Wegbier. In Braunschweig nur schwerlich aufzutreiben, dann aber stilgerecht,


Selbst die Schwimmbäder sind alle gepflegt(*), alle haben gleichzeitig geöffnet und keines ist aus obskuren Gründen gesperrt. Da spielt nicht nur bürgerschaftliches Engagement eine Rolle, sondern offensichtlich ist auch Geld vorhanden.

Auf dem Hotelzimmer, noch so ein sehr gut gepflegter und hergerichteter Bau, der einem „1970er!“ ästhetisch schon ins Gesicht schreit, mit dem Hotel-Wlan (7 Tage, 7 Geräte) nachlesend, wie das nun ist mit Braunschweig. Bekanntes taucht beim Nachlesen auf: Die physikalische-technische Bundesanstalt mit der Atomuhr; geahntes lese ich (Volkswagen – hey, das ist Niedersachsen und die Technische Universität existiert ja auch) und nicht bekanntes:

„Im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) verfügt die Region Braunschweig über die höchste Wissenschaftlerdichte,[103] im bundesweiten Vergleich über eine hohe Ingenieurquote[104] sowie über die höchste Intensität auf dem Gebiet der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In der Region Braunschweig arbeiten und forschen mehr als 16.000 Menschen aus über 80 Ländern[105] in 27 Forschungseinrichtungen sowie 20.000 Beschäftigte in 250 Unternehmen der Hochtechnologie[106]“

Dazu noch „Braunschweig ist die Stadt mit der niedrigsten Verschuldung Deutschlands.“ Und nach einer obskuren EU-Rangliste ist Braunschweig  die innovationsfreudigste Region der EU vor Westschweden und Stuttgart. Hier lebt der deutsche Ingenieur. Hier lebt die deutsche Technik. Was für ein passender Ort für Jules Verne.


Jules Verne


Jules Verne; französischer Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts und vor allem bekannt als "Vater der Science Fiction." Von seinem vielfältigen Werk sind vor allem die Abenteuer-Techno-Knaller wie Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, die Reise Von der Erde zum Mond oder die Reise zum Mittelpunkt der Erde bekannt. Wikipedia und die Deutsche Jules-Verne-Gesellschaft hatten ein gemeinsames Wochenende organisiert mit einer Tagung zu Jules Verne und Gesprächen zu Wikipedia.

Volker Dehs bestreitet das halbe Programm


Jules Verne, mir vor allem bekannt durch vage Erinnerungen an den 1954er Nemo-Film, Weiß-orange Taschenbücher und einen blau eingebunden Robur-Roman, der mich verstörte, weil er so anders war als die großen mir bekannten Abenteuerromane von Jules Verne. Warum ich überhaupt fuhr: Intuition. Ich hätte nur schwerlich begründen können, was genau mich reizte, aber die Mischung aus Vertrauen in die Veranstalter, Science Fiction und Neugier auf diese andere niedersächsische Stadt nach Hannover, trieben mich dorthin.

Verne selber gilt als Begründer Science Fiction. Und so bringt er als Autor frankophile Literaten und Groschenromanfans, Ingenieure und Naturwissenschaftler zusammen. Besessene Bibliographen waren Thema und Anwesend, ebenso wie die phantastische Bibliothek in Wetzlar – die Mischung der Jules-Verne-Aktiven unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Mischung der Wikipedia-Aktiven. Die Perspektiven, aus denen Verne hier unter die Lupe genommen wurden, waren vielgestaltiger als sie es in der Literatur sonst sind. Faszinierend hier war die Neigung unterschiedlicher und leicht besessener Menschen sich zu einem Thema auseinanderzusetzen.

Haus der Braunschweigischen Stiftungen - Veranstaltungsort.



Dementsprechend hatte der Veranstalter, der Wikipedia-Autor Brunswyk das Programm gestaltet: ist Verne eher katholisch oder eher laizistisch? Kam der Wille zur Aufklärung in seinen Büchern durch seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel hinein, während auf Verne eher zurückgeht, dass alles menschliche Streben gegenüber der göttlichen Macht sinnlos bleibt? Wen inspirierte er? Ist es eine sinnvolle Frage, dem nachzugehen, welche seiner Voraussagen, sich bewahrheiten? Dazu kamen dann noch Exkursionen zu Friedrich Gerstäcker, Fenimore Cooper, die Ingenieure, die ihre U-Boote dann nach Jules Verne „Nautilus“ nannten – und stark von diesem beeinflusst waren

Für mich brachte das Treffen interessante Erkenntnisse, wie die Tatsache, dass Verne immer Theaterautor oder – produzent werden wollte und wie sehr der Katholizismus sein Denken beeinflusste. Romancier war er eher gezwungenermaßen – und verdiente mit seinen zwei erfolgreichen Theaterstücken in seinem Leben ein Viertel so viel Geld wie mit etwa 80 bis 100 Romanen.

Interessant das Rätseln aller Anwesenden, warum Vernes Roman "der Grüne Strahl" so ein kommerzieller Erfolg war, was niemand der Anwesenden nachvollziehen konnte. Und dann eine Dreiviertelstunde später kam die Bemerkung in einem anderen Zusammenhang, dass "der Grüne Strahl" quasi Vernes einziges Buch mit einer weiblichen Hauptfigur war. Ich ahne einen Zusammenhang, Update: Es kam wie es kommen musst. Da denke ich mal, ich habe etwas entdeckt, dabei habe ich nur etwas falsch verstanden. Tatsächlich ist Der Grüne Strahl nicht das einzige Werk mit einer Protagonistin. Das prägnanteste Buch ist dabei Mistress Branican, da hier die Titelfigur die komplette Handlung quasi im Alleingang bestreitet. Aber auch in anderen Büchern spielen Frauen eine wichtige Rolle (und dieser Umstand war Jules Verne sogar so wichtig, dass er in Interviews darauf hinwies): Die Kinder des Kapitän Grant, Nord gegen Süd, Reise um die Erde in 80 Tagen, Das Lotterielos ... und einige mehr.

Für mich neu war die Erkenntnis, dass ein Großteil von Vernes Werk gar nicht in den Bereich Science Fiction gehört, sondern es (fiktive) Reisebeschreibungen sind. Und selbst dort wo Verne Maschinen und phantastische Gerätschaften erfindet, dienen diese vor allem dem Zweck zu reisen.

Und jetzt recherchiere ich, natürlich, zum Grünen Strahl.

Die Phantastische Bibliothek


Meine beiden Programmhighlights beschäftigten sich nur mittelbar mit Jules Verne. Sie kamen von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar: zum einen der Rückblick von Thomas Le Blanc auf Wolfgang Thadewald. Den großen Phantastik- und Jules-Verne-Sammler. Thadewald verstarb 2014. Er lebte in Langenhagen. Mehrere der Anwesenden hatten ihn noch persönlich gekannt. Und die Schilderung seiner Sammlertätigkeit, seiner Liebe zu Büchern und zu Menschen, aber auch die Besessenheit mit der Thadewald an ein Thema heranging und auch von Krankheit schon schwer gekennzeichnet das Arbeiten an Bibliographien nicht lassen konnte – es ließ sich nicht anders beschreiben als bewegend. Sicher war dieser Vortrag mein emotionaler Vortrag des Programms.

Wer auch immer aber auf die Idee kam, den Vortrag von Klaudia Seibel zu Future Life: Wie (nicht nur) Jules Verne dabei hilft, die Zukunft zu gestalten an Ende der Konferenz zu legen: Chapeau! Das Projekt ist, kurz gesagt, ein Projekt der Phantastischen Bibliothek. Die stellt zu bestimmten Themen Dossiers zusammen, wie Science-Fiction-Autoren sie sich vorstellen. Die Berichte  werden manchmal von öffentlichen Stellen, öfter von Großunternehmen bestellt, die damit selber zukunftsfähig werden wollen und in die Zukunft denken.

So als Beispiel: Nanotechnische Ideen in der Science Fiction



Wobei Auftraggeber von Staats wegen selten sind. Die meisten Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. Die allerdings meist gleich umfangreiche Verschwiegenheitsklauseln verlangt, weshalb die Phantastische Bibliothek da wenig zu sagen kann.

Da haben also Autoren und Mitarbeiter der Bibliothek ein profundes Wissen über die Science-Fiction-Literatur und die größte Bibliothek ihrer Art im Hintergrund und seit mittlerweile einigen Jahren eine große Datenbank aufgebaut, was Autoren zu verschiedenen Themen schreiben.

Als jemand, der ich selbst weiß, wie viele Situationen ich durch gelesene Bücher interpretiere – Bilder aus diesen Büchern im Hinterkopf habe und mir immer wieder mal sagen muss, dass ein Roman nur bedingt real ist, glaube ich sofort, dass es nichts gibt, was so sehr Denkprozesse auslösen und Kreativität triggern kann, wie Romane. Der befreit das Hirn gerade vom strikt logisch-folgerichtigen Denken, verrückt die Perspektive etwas nach links oder oben, und schon öffnen sich vollkommen neue Gedankenwege. Die Idee ist so brillant, dass es überraschend ist, dass sie wirklich angenommen wird. Anscheinend wird sie das.


Mensch Maschine Normal


Und nachdem ich dann wieder im Zug saß und das erste Handy-Ticket meines Lebens gekauft hatte, fragte ich mich wieder. Ist diese Stadt – die mir in vieler Hinsicht – so unfassbar „normal“ vorkommt, vielleicht die große Ausnahme? Sind die Musicaldarsteller, die mit „dem Alex“ [Alexander Klaws] telefonieren, normal? Die Menschen im Ministerium? Die größten Jules-Verne-Experten des Landes, die alle noch einen anderen Brotjob haben? Oder eher die Normalität vieler Menschen, die darin besteht, am Ende des Monats zu überlegen, wie denn die letzten 10 Tage mit dem leeren Konto noch überbrückt werden können?





Brauschweig ist die verstädterte Mensch-Maschine-Kopplung. In seiner Normalität sicher schon wieder ein Ausnahmefall in Deutschland. Aber ich sah die Zukunft: sie sitzt in einer Bibliothek in Wetzlar und liest Science-Fiction-Romane.

Weiterlesen


Mit Wikipedianern kann man nicht nur Verne lesen, sondern auch Cocktails mischen: Ramos Gin Fizz für die Enzyklopädie.

Oder man läuft mit Wikipedianern durch den Wedding:Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Mehr zu Future Life bei der phantastischen Bibliothek: Future Life. 

Zum Jules-Verne-Club

Die Wikipedia-Seiten zur Veranstaltung: Wikipedia:Wiki Loves Jules Verne

Beiträge zur Veranstaltung im Wikipedia-Kurier und im Blog von Wikimedia Deutschland.

Der grüne Strahl im Gesamttext bei zeno.org: Der grüne Strahl

Alle Iberty-Posts zur Kultur stehen unter: Kultur in Iberty!

Anmerkungen


Auch zu Schwimmbädern ein schönes Minkmar-Zitat aus dem Mit-dem-Kopf-durch-die-Welt.Buch:

„Nichts gegen das große Geld und die wenigen, die es genießen können, aber die Stärke mitteleuropäischer Gesellschaften liegt gerade in der Mischung. Für Reiche ist es in Singapur, Russland und Malaysia ideal. […]Glaspaläste und Shopping Malls gibt es auf der ganzen Welt, bald vermutlich auch unter Wasser und auf dem Mond. Öffentliche Freibäder, Stadtteilfeste oder Fußgängerzonen, in denen sich Reiche und Arme, Helle und Dunkle, Christen und Muslime mit ihren Kindern vergnügen und drängeln, gibt es nur hier. Ich fand es immer erstaunlich, dass es in Algerien beispielsweise keine öffentlichen Schwimmbäder gibt oder dass man in den USA oder in Brasilien Mitglied in einem Club werden muss. Das ist eine teure und in vieler Hinsicht sozial sehr voraussetzungsreiche Angelegenheit, nur um mit den Kindern mal schwimmen zu gehen, es sei denn natürlich, jeder hat seinen eigenen Pool im Garten, was, für mich zumindest, wie eine Definition von struktureller Langeweile klingt.“ (s. 104)