U = Ungeregelt – Ungerecht? Wer sichert das Gemeinwohl in der Datenpolitik?

14. April 2020, 19 Uhr, Live-Videokonferenz, Übertragung auf dieser Seite, bei Twitter, Facebook und durch ALEX Offener Kanal Berlin

Gäste:
Ingrid Brodnig, Autorin und Journalistin
Christiane Wendehorst, Datenethikkommission
Jürgen Geuter aka tante, Informatiker und Autor
Kirsten Rulf, Leiterin Referat „Grundsatzfragen der Digitalpolitik“, Bundeskanzleramt (angefragt)
Ulrich Kelber, Bundesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit (angefragt)
Moderation: Vera Linß, freie Medienjournalistin

In der Debatte um gesetzliche Leitplanken für Datenregulierung, Datenzugangs- und -poolingmodelle schwingt das Pendel Richtung Gemeinwohlorientierung. Die Politik kann hierfür entscheidende Rahmenbedingungen setzen, etwa mit einem Datengesetz. Siehe dazu auch Gastbeitrag im Tagesspiegel Background: Datenstrategie: Von Wikipedia & Co lernen?

Doch was heißt das konkret? Wie und durch welche Akteure und Prozesse können Gemeinwohlstandards für die Datenpolitik gestaltet und durchgesetzt werden?

Sind ethische Leitlinien etwa der Datenethikkommission ausreichend bzw. geeignet, um ein gemeinwohlorientiertes Datengesetz zu bauen? Wo stößt der Datenschutz an seine Grenzen, wenn individuelles und öffentliches Interesse gegenüberstehen? Diese Fragen möchten wir in einer besonderen Ausgabe des Wikimedia-Salon diskutieren.

Aufgrund der aktuellen Situation findet die Diskussion als Live-Videokonferenz statt und wird danach als Video verfügbar gemacht. Per Twitter können unter #wmdesalon Fragen gern auch schon im Vorfeld ans Podium gestellt werden.

Der Beitrag Wikimedia Salon live am 14. April zur Datenstrategie der Bundesregierung erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Wie können in Deutschland Daten verantwortungsvoll und innovativ genutzt werden? Antworten auf diese Frage will die Bundesregierung mit der Online-Konsultation zur Datenstrategie finden, an der wir uns alle noch bis zum 3. April beteiligen können. In über 30 Fragen geht es um Themen wie Datenkompetenz, Infrastruktur, Daten-Ökosysteme und Rahmenbedingungen.

„Bitte nennen Sie bis zu drei Maßnahmen, mit welchen der Staat eine am Gemeinwohl orientierte Datennutzung fördern könnte.“

Die Bundesregierung will deine Meinung zur Datenstrategie wissen. Foto: Diego Delso / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

Die letzte Frage der Konsultation hat es in sich: Nicht nur hat die Bundesregierung offenbar erkannt, dass strategische Weichenstellungen zu Daten und Information wichtig fürs Gemeinwohl sein können. Sie erwägt hier sogar aktive Förderung einer Gemeinwohlorientierung. Open-Data-Communities, Wikidata-Freiwillige, Civic Tech: Jetzt ist die Zivilgesellschaft im wahrsten Sinne gefragt.

Die Freiwilligen-Communities etwa der verschiedenen Wikimedia-Projekte zeigen schon heute, wie kollektiv kuratierte Daten- und Wissensbestände durch lebendigen Austausch mit öffentlichen Einrichtungen unser aller Leben bereichern können. Freiwillige heben gemeinsam mit Kultureinrichtungen gemeinfreie Datenschätze für Wikipedia, über Kooperationen wie GND meets Wikibase mit der Deutschen Nationalbibliothek bringen sie immer mehr Linked Open Data zusammen, und das auch als „Game-Changer des freien Wissens“ bezeichnete Community-Projekt Wikidata schafft Grundlagen, auf denen alle Interessierten nachhaltig aufbauen können.

Aus Sicht solcher vollständig gemeinnützigen Initiativen sollte die öffentliche Hand deshalb vor allem die Freiwilligenarbeit erleichtern und das bereits lebendige digitale Ehrenamt politisch stets mitdenken. Was dabei zu beachten ist, kann und sollte dem Bundeskanzleramt möglichst vielgestaltig über die jetzt offene Umfrage mitgeteilt werden.

Tragweite des Begriffs „Daten“ verstehen und die richtigen Anreize setzen

Ein Schwerpunkt der Umfrage ist die Förderung digitaler Kompetenzen. Hier können auch Freiwilligen-Communities ihr Wissen etwa als Datenpatinnen- und -paten weitergeben und tun dies auch bereits wo immer schaffbar. Doch ohne eine Verankerung im öffentlichen Bildungssektor wird es nicht gelingen, daraus eine gesamtgesellschaftliche Selbstermächtigung in Sachen Umgang mit Information im digitalen Zeitalter werden zu lassen. Warum Informationstheorie und Datenkunde nicht nur als Schulfächer, sondern als Grundbausteine auf allen Stufen des Bildungssystems einschließlich Fortbildung, lebenslangem Lernen und Erwachsenenbildung denken?

Digitale Kompetenzen werden genauso in der Politik gebraucht, denn Daten sind nur die transportable Form von etwas viel Grundlegenderem: Information. Darum ist die kommende „Datenstrategie“ in Wirklichkeit eigentlich eine „Informationsstrategie“ und darf keinesfalls falsche Anreize setzen – schließlich geht es immer auch um Informationsfreiheit. Mit diesem Verständnis wird deutlich, welch große Verantwortung die öffentliche Hand bei der Implementierung von Datenzugangs-, Intermediär- oder Treuhandmodellen trägt. Es geht um nicht weniger als darum, den Nutzen für das Gemeinwohl sicherzustellen und keine ungleichen Chancen beim Zugang zu Information entstehen zu lassen.

Offene Verkehrs- und demografische Daten für eine nachhaltige und sichere Stadtplanung etwa nützen allen Bürgerinnen und Bürgern. Anreizmechanismen für die Datenteilung müssen dabei so gebaut werden, dass sie immer auch auf das Gemeinwohl ausgerichtet sind, und das muss unabhängig überprüfbar sein. Dass dann auch die Unternehmensgewinne, die durch digitale informationsgetriebene Geschäftsmodelle entstehen, über angemessene Besteuerung zum Erhalt des Gemeinwesens beitragen müssen, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. 

Daten-Ökosysteme? Nur mit Interoperabilität und miteinander

Der Aufbau von Daten-Ökosystemen, ein erklärtes Ziel der Datenstrategie, muss durch sichere und interoperable Dateninfrastrukturen und den erleichterten Zugang zu Daten der öffentlichen Verwaltung unterstützt werden. Zentrale Fragen sind zu klären, etwa die nach mehr Rechtssicherheit beim Umgang mit Daten, die nach dem Potenzial pseudonymisierter und synthetischer Daten und die nach Chancen und Risiken des Ansatzes unabhängiger Datentreuhänder. Auch das bürgerschaftliche Engagement braucht mehr Förderung von Experimentierräumen, wie sie derzeit etwa die Initiative Jugend hackt oder die bundesweiten Code for Germany-Labs zu bieten versuchen.

Datenkooperationen zwischen Open-Data-Communities und öffentlichen Institutionen können den Weg in eine gemeinwohlorientierte Datenpolitik aufzeigen: Das Linked-Open-Data-Projekt Wikidata ist mit inzwischen über 78 Millionen Datensätzen die weltweit größte offene und frei editierbare Datenstruktur ihrer Art. Das Schwesterprojekt von Wikipedia dient schon heute vielen Anwendungen als wichtige Grundlage. In dieser Form maschinenlesbar vorliegendes, verknüpfbares Wissen kann von Stadtteil-Initiativen genauso genutzt werden wie im Katastrophenschutz, kann zur Erstellung von Bildungsmaterialien dienen oder Pendlergemeinschaften ermöglichen.

Auch Sprachassistenten wie Siri und Alexa bekommen nur deshalb mittlerweile freie Konkurrenz, weil Linked Open Data allen zur Verfügung steht, nicht nur den Großen. Möglich wird das nur, wenn miteinander gearbeitet wird statt gegeneinander, wenn Interoperabilität hergestellt wird statt Daten-Silos, und wenn nicht zuletzt die Politik sich für offene Standards in der Datenökonomie einsetzt. Eine Art Lackmustest wird sein, wie das Bundeskanzleramt mit all den Daten verfährt, die noch bis zum 3. April über die Umfrage hereinkommen werden.

Pressemitteilung zur Online-Konsultation der Bundesregierung: „Online Umfrage zur Datenpolitik – Kanzleramt fühlt den Datenpuls der Republik“

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Wikimania 2016 - random thoughts

20:05, Friday, 06 2020 March UTC

Wikimania! The world Wikipedia conference. Every year in a different place on changing continents. Organised by locals but with basically a lot of the same people always attending. A highlight in the Wikipedia year. So much to see and to comprehend. In case you missed it, here is my live twitter feed (and thanks to Sucomo for the support). But what happened there of course lasts longer than just for the moment,

Just to get some thinking going and pin down some notes from Wikimania as long as I still remember. Some random thoughts about Wikimania 2016 in Esino Lario, close to Lake Como, Lomardy, Italy.

1200 Wikipedians in a small village with about 800 inhabitants. Sleeping in every free bed the village had to offer, attending workshops in discussions in a school, the local museum, the local gym and the theater. The Wikimania was down to earth. Literally, as this was outdoors and the environment played a big part in Wikipedia, but also metaphorically. Much less about "we save the world" and "why we are important" and a lot more about "The How". Stuff for daily activities one can work with.

Wikimania 2016 the How 26.06.2016 11-11-31

So just for some random thought before I did more thorough thinking and analysis:





Stunning scenery. We were allowed to drive every day the way from Lake Como to Esino Lario and it qualifies as most scenic commute I have ever undertaken.

Wikimania 2016 lago como 25.06.2016 09-14-31
View on my daily commute.

Great venue. The most wiki-style conference. It looked like the whole village was involved andcontributing to the event. As fas as I could see, the village got something infrastructure, events aimed at the locals and events aimed at Wikimedians and locals alike.

Wikimania 2016 cake 25.06.2016 15-03-23



Stones, mountains, the nearby lake, more stones. This Wikimania was down to earth, even literally.

Wikimania 2016 scenery 25.06.2016 20-08-45

Talks: same procedure as last year and the years before. Basically the same people talking about the same topics as always.. Discussions rounds were a great idea but always a bit bogged down because there were too many people in the room to really discuss. Training sessions were a good diea and the one i attended did make sense.

Can we maybe just skip the presentations next time altogether (or put them in some place "for press and others who don't know anything) and just design the real program out of training sessions and discussions? 

Walkimania. Up and down and up again. Following the mule path. Great. Got some movement in between sessions and one was not confined to a hotel/campus setting but walked (and climbed) around the real world. Big, big, plus.

THE RAIN

Wikimania 2016 THE RAIN 26.06.2016 19-22-23

THE HAILSTORM

Wikimania 2016 THE RAIN 26.06.2016 19-33-35

Best conference catering ever. Salad. Vegetables. Good quality meat. Vino rosso. Also really liked that a lot of the catering happened at a restaurant/bar setting, but even the tent-catering was way better than these kunds of catering are in other places.

Wikimania 2016 food 24.06.2016 19-23-19


Texas line dancing on an Italian village square.

My thoughs on Mapping Wikipedia made some progress.

Never seen so few talks by the Wikimedia Foundation or other Wiki-professionals. Did not miss them.

Whoever designed the Wikimania-Shirts and their colour must have spent a lot of time at Pizzeria Oasi looking at their tables and chairs.

Wikimania 2016 oasi shirt 26.06.2016 17-48-49


Not much about Foundation politics. I am sure all politics happening at the Foundation and the chapters were of really big interest to some people. But people who don't really care about this inside baseball did not have to listen to all the people involved for days and hours.

Even the two surprise moments (Christophe Henner as new chairman of the board and Katherine Maher as now-non-temporary CEO - congratulations to both!) were delived elegantly, swiftly and just fitting into ethe occasion and the moment.

Paid editing really differs throughout the different language versions. Though the talk was more about the rules than about actual editing happening or not happening.

Jimmy seemed to be way more enthuastic and engaged at a Wikimania than I have seen him for a long time. Cool. My most touching moment: Jimmy offering his personal help to the blocked Uzbek Wikipedia.

Heard about some cool projects done throughout the Wiki world.

Italy has a lot of different police troups and all of them were at the Wikimania. At least they all were friendly and mingled and such. Still a bit strange: Wikimania in the most peaceful place one could imagine and at the same time the Wikimania with the most police ever.

Wikimania 2016 polizia 24.06.2016 20-13-36


Wikimania 2016 carabinieri 26.06.2016 14-20-02

I have seen a 6-meter theremin played by a falcon.


Open Access macht’s möglich: Icons für Alle!

12:04, Thursday, 05 2020 March UTC

Icons sagen mehr als tausend Worte: Ab sofort und zur freien Nachnutzung (unter CC0-Lizenz) stellt die FH Potsdam ein Paket von über 100 Icons zur Bebilderung und Illustration, z.B. für Präsentationen, Grafiken oder Publikationen, zum Download zur Verfügung. Das Material ist ein erstes Ergebnis aus der Umsetzung der Open-Access-Strategie des Landes Brandenburg, dem nun schrittweise viele weitere Inhalte folgen werden.

Das Ziel der Strategie für Open Access ist, öffentlich finanzierte Inhalte aus der Wissenschaft, Forschung und Bildung ebenso öffentlich zugänglich zu machen. So sind sie für die Allgemeinheit als Public Domain nutzbar. Wikimedia Deutschland initiiert in diesem Prozess, so auch in Brandenburg, Kooperationen, gibt Ratschläge und formuliert Forderungen. Auch verschiedene Wikimedia-Projekte werden zu wichtigen Tools für Open Access: Mit dem Neustart von ccsearch, dem freien Medienarchiv Wikimedia Commons, Tools wie Wikiview und dem Lizenzhinweisgenerator  wird es etwa immer leichter, frei lizenzierte Materialien zu finden und nachzunutzen. Wir freuen uns, dass diese Kooperation nun Früchte trägt.

Neue Vernetzungs- und Kompetenzstelle geplant

Als nächstes soll dieser Impuls durch eine zügige Einrichtung einer Vernetzungs- und Kompetenzstelle zu Open Access in Brandenburg fortgeführt werden. Mehr öffentlich finanzierte Inhalte und Werke aus Brandenburg werden so grundsätzlich für die Allgemeinheit frei zur Verfügung stehen und nutzbar gemacht. 

Mehr Informationen zu Open Access in Brandenburg: https://zenodo.org/communities/openaccess_bb

Danke an Julian Kücklich für die Bereitstellung der Illustrationen unter CC-0 und an das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg.

Eine kleine Auswahl der Icons

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Das Thema des Internationalen Frauentags 2020 lautet: „Ich bin die Generationengerechtigkeit: Die Rechte der Frauen verwirklichen.“ Auch die Wikipedia-Schreibwerkstätten haben dazu ein klares Ziel: die weiblichen Perspektiven und Biografien im digitalen Raum sichtbarer machen. 

Während der Edit-a-thons werden zum einen zahlreiche neue Artikel entstehen, die Leistungen von Frauen in Bildung, Wissenschaft und Kultur thematisieren. Zum anderen finden Einführungen für alle Interessierten statt, die Lust auf die Mitarbeit in der Wikipedia haben. Jede und jeder ist herzlich willkommen.  

In diesen Städten finden Edit-a-thons zum Weltfrauentag statt:

Berlin

8. März 2020 von 12 bis 17 Uhr 
Lokaler Community-Raum WikiBärin, Köpenicker Straße 45, 10179 Berlin
Thema: Ostfrauen

Köln 

7. und 8. März 2020 jeweils ab 11 Uhr
Lokaler Community-Raum Lokal K, Hackländerstraße 2, 50825 Köln
Themen: Frauenbiografien, Einführung für Neu-AutorInnen, Edit-a-thon

München 

8. März 2020 von 13 bis 17 Uhr
Lokaler Community-Raum WikiMUC, Angertorstraße 3, 80469 München
Thema: Zum Internationalen Frauentag: Frauen zeigen euch die Wikipedia 

Hannover

8. März 2020 von 11 bis 16 Uhr
Lokaler Community-Raum Wikipedia:Hannover

Außerdem sind in Wien, Konstanz und Graz sowie im niederländischen Utrecht Edit-a-thons rund um den Weltfrauentag geplant. Alle weiteren Informationen dazu sind auf der Projektseite zu finden.

Weitere Aktionen rund um den Weltfrauentag

Am 8. März endet auch die Aktion #100wikidays der Kölner Wikipedia-Community zum Internationalen Frauentag. Innerhalb von 100 Tagen sollten mindestens 100 neue Biographien bedeutender Frauen entstehen. Mittlerweile sind es bereits weit über 500! Das verspricht einen tollen Endspurt. Mehr zur Aktion auch in der Video-Reihe Unboxing Wikipedia

Am 12. März findet ein Edit-a-thon zum Wikiprojekt HassOnlineHarassment – also über Online-Belästigung und geschlechtsspezifische Hassreden in der digitalen Welt – in New York statt. Auch online machen Wikipedia-Aktive auf der ganze Welt mit, darunter Autorinnen von WomenEdit aus Berlin. Im Rahmen des Edit-a-thons, der von der weltweiten Kampagne Art+Feminism unterstützt wird, sollen vor allem Artikel zu den Themen Online Harassment und Antidiskriminierung verfasst werden. 

Auch die Wikimedia Foundation, die alle internationale Wikimedia Projekte betreibt, hat den März unter das Motto der Frauen gestellt. Den gesamten Monat über werden unter dem Hashtag #WikiHerStory die internationalen Projekte zum Empowerment von Frauen in der Wikipedia und den Wikimedia Projekten Wikidata und Wikimedia Commons hervorgehoben.  

Regelmäßig stattfindende Aktionen

Die Autorinnen rund um WomenEdit treffen sich alle zwei Wochen in Berlin, um gemeinsam ehrenamtlich an der Wikipedia zu arbeiten und diese diverser zu machen. Erfahrene Wikipedianerinnen sind genauso eingeladen wie alle interessierten Frauen*, die Lust haben, an der größten Online-Enzyklopädie der Welt mitzuarbeiten. Ein Radiobeitrag greift die Frage auf, wie es um den aktuellen Frauenanteil in der Wikipedia steht, warum es mehr Frauen in der Community braucht und was die Frauen dafür tun. Hören Sie mal rein!

In Stuttgart gibt es unterdessen jeden 4. Donnerstag im Monat das Projekt Frauen in der Politik. Im Mittelpunkt der Treffen steht die Arbeit an entsprechenden Wikipedia-Artikeln zum Thema.

Das Wikiprojekt Frauen in Rot hat zum Ziel, mehr deutschsprachige Biografien über diejenigen Frauen entstehen zu lassen, die bereits Artikel in anderssprachigen Wikipedien haben, oder die zumindest schon im Wikidata-System eingetragen sind. Damit leistet das Projekt einen Beitrag zur Verringerung der Geschlechterkluft in der deutschsprachigen Wikipedia. Die nächste Schreibwerkstatt findet am 1. April 2020 in Mannheim statt.

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Zur englischen Version.

Jens Ohlig: Mit der digitalen Transformation wächst der Bedarf in wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen, Museen und Archiven nach einer verbesserten Auffindbarkeit digitaler Kulturdaten im Netz. Lange nutzten nur Bibliotheken die Gemeinsame Normdatei (GND). In Bibliothekskatalogen werden primär Normdaten verwendet um z. B. Autoren, Publikationsorte oder Sachthemen eindeutig zu kennzeichnen. Das erleichtert die Erfassung neuer Medien, hilft aber auch unterschiedliche Medien miteinander über Normdaten als gemeinsame Knotenpunkte zu verknüpfen. 

Barbara Fischer: Im Zuge des digitalen Wandels steigt der Bedarf nach verlässlichen und interoperablen Normdaten. Die ursprünglich für Bibliotheken konzipierte GND weckt das Interesse der anderen Kulturgut bewahrenden Institutionen. Man möchte nicht nur die GND-Identifikatoren nutzen, sondern bei Bedarf neue GND-Datensätze anlegen und pflegen können, die Bezug nehmen auf museale Objekte, Archivalien und Forschungsdaten. Das DFG-geförderte Projekt GND für Kulturdaten (GND4C) verdeutlicht diesen Bedarf. Zugängliche Software und eine technisch überzeugende Plattform hilft, Regeln und Ausnahmen zur Modellierung festzulegen sowie,  relevante Eigenschaften und Relationen zu reflektieren, diskutieren und dokumentieren. Im Kontext von Linked Open Data wird Verlässlichkeit der Daten immer stärker an die Transparenz und Nachvollziehbarkeit ihrer Referenzierung geknüpft. Und das für jede einzelne Aussage. Zudem macht das Internet vor Sprachgrenzen nicht halt. Deshalb ist die Multilingualität der Benennungen erwünscht. Wikidata erfüllt alle diese Kriterien und ist doch keine Normdatei. Jedoch basiert Wikidata auf der von Wikimedia Deutschland entwickelten Software Wikibase. In einem gemeinsamen Kooperationsprojekt mit Wikimedia Deutschland hat die Deutsche Nationalbibliothek daher die Leistungsfähigkeit von Wikibase für die GND untersucht und nach folgenden Kriterien getestet:

  • Wie könnte eine modulare GND „2.0“ in Wikibase aussehen, die den Anforderungen der verschiedenen Sparten gerecht wird?
  • Wie lassen sich effektiv und überschaubar die Regeln zu den modellierten Eigenschaften der Entitätstypen abbilden?
  • Wie lässt sich eine stabile Synchronisierung zwischen einer GND-Wikibase-Instanz zur CBS-basierten Master-Instanz umsetzen?

Die Ergebnisse sind ermutigend. Wikibase ist eine  Brücke in die Welt der offenen, kooperativ und interdisziplinär erstellten Normdaten. Der proof of concept zeigt, dass diese Brücke tragfähig ist.

Was hat uns überzeugt?

Jens Ohlig: Wikimedia und die Deutsche Nationalbibliothek sind zwei Institutionen, die auf unterschiedliche Weise menschliches Wissen zur Verfügung stellen. Bibliotheken sind nicht nur starke Verbündete in Sachen Freies Wissen, sondern in gewisser Weise die älteren, institutionellen Wahlverwandten von Wikimedia. Die GND-IDs sind mit den Q-Nummern von Wikidata durchaus zu vergleichen. Viel Überzeugungsarbeit war da für das Projekt nicht mehr nötig. Hinzuzu kommt, dass die Deutsche Nationalbibliothek und die GND als Leuchtturm quasi über das gesamte Feld der Bibliotheksmetadaten strahlt – daher weckte die  Evaluation auch international Interesse an Wikibase. Auf einem Treffen von Nationalbibliotheken in Stockholm im Sommer 2019 war das Interesse an Wikibase deutlich zu sehen: denn ohne eine Strategie zu Linked Open Data und Wikibase geht es heutzutage nicht mehr.

Barbara Fischer: Aus der Perspektive der Deutschen Nationalbibliothek hat  die Leichtigkeit überzeugt, mit der wir Instanzen anlegen und modellieren konnten. Wir brauchten in unserem gemischten Team aus Softwareentwickler*innen und Bibliothekar*innen keine langwierigen Schulungen, um mit der Software arbeiten zu können. Die Instanzen liefen einmal eingerichtet stabil und waren auch leicht zu klonen. Für uns als Betreiber einer Normdatei ist es wichtig, die Verlässlichkeit der Daten unter anderem über die Transparenz ihrer Herkunft herzustellen. Daher gefällt uns, dass es sich jederzeit und für jede Aussage zu einer Entität  nachverfolgen lässt, wer etwas verändert hat, und was verändert wurde. Ganz wie man es auch von Wikipedia kennt. 

Was hat uns überrascht?

Jens Ohlig: Wikibase ist als Software für Wikidata entstanden, um Datenbestände zu ordnen und zu verknüpfen. Die damit abbildbaren Datenmodelle sind nicht explizit auf Bibliotheken und ihre speziellen Bedürfnisse ausgerichtet: Wikibase ist keine Bibliothekssoftware. Trotzdem passt das flexible Datenmodell sehr gut zur GND, alle Beziehungen und Eigenschaften lassen sich hier abbilden und ausdrücken. Sowohl die Genauigkeit der Evaluation – zum Beispiel wurde genau gemessen, wie lange der Import von Daten dauerte –  als auch das Ergebnis, nach dem Wikibase den Anforderungen entspricht, waren für Wikimedia eine positive Überraschung. Dass Wikibase als Software-Paket für Linked Open Data “out of the box” für eine Institution wie die Deutsche Nationalbibliothek und das Projekt GND so passgenau ist, war überraschend. 

Barbara Fischer: Wir von der Deutschen Nationalbibliothek hatten uns vieles leichter vorgestellt. Gerade weil Wikidata selbst ja eine sehr mächtige Datenbank ist, hätten wir gedacht, dass der Import von größeren Datenmengen bereits zu den Standardumsetzungen gehört. Vielleicht war es unsere Perspektive als Kulturinstitution und unsere mangelnde Erfahrung mit einer  offenen Anwendung wie Wikibase mit ihrer engen Verflechtung mit der Mediawiki-Software zunächst ungewöhnlich erschien. Eine so enge, auch im Code eingeschriebene Verbindung ist für die Wikipedia und viele anderen Wikis normal, doch unerwartet wenn man mit einer Datenbanksoftware rechnet. Die Entwicklung ist sehr unmittelbar von einer freiwilligen Community getrieben, was  auch erklärt, warum nach wie vor viele der attraktiven Ergänzungen Wikidata-affin sind und für eine generische Nachnutzung durch alle Wikibase-Anwenderinnen und Anwender erst adaptiert werden müssten. Aber im Großen und Ganzen bietet Wikibase ein für uns nutzbares Arbeitsambiente. 

Wirklich positiv überrascht hat uns das Potenzial einer offenen GND, einer GND 2.0. in Bezug auf die Möglichkeit, das ganze Beziehungsgeflecht der Eigenschaften und Beziehungen, sowie wie diese definiert sind, abbilden zu können. Die Regelwerke, die notwendig sind, um tatsächlich verbindliche und verlässliche Normdaten kreieren zu können, lassen sich in eine Wikibase Instanz übertragen. Nach unseren bisherigen Tests glauben wir, dass wir damit die in Wikibase modellierten Regelwerke nutzen könnten, um intelligente und sich dynamisch anpassende Eingabemasken steuern zu können. Das verspricht, die Zusammenarbeit mit Nicht-Bibliothekar*innen erheblich zu vereinfachen. Die Zukunft wird zeigen, ob sich dieses Versprechen einlösen lässt.

Und was bringt die Zukunft?

Barbara Fischer: Da die GND eingebunden ist in ein ganzes System von Diensten für den nationalen Bibliothekssektor, werden wir die Normdatenbank auch in dem bisherigen System fortführen. Aber wir möchten mit einer vollständigen GND-Wikibase-Instanz den Normdaten ein zweites Zuhause geben und Außenposten für Erweiterungen einrichten, die in der bisherigen Umgebung nur schwer umzusetzen sind. Wir wollen mit Wikibase einen erweiterten Zugang zur GND schaffen für Interessengruppen, für die die bibliothekarischen Redaktionsoberflächen nicht geeignet sind. 

Die nächsten Schritte sind daher der vollständige Import der circa acht Millionen GND-Einträge, die Modellierung der Eigenschaften gemäß des GND-Datenmodells, die Dokumentation der Regeln, nach denen die Entitäten erfasst werden und schließlich eine belastbare Synchronisierung der Wikibase-Instanz mit dem “Master” im traditionellen CBS-System.

Jens Ohlig: Da liegt noch ein ganzes Stück Arbeit vor uns. Wikibase ist ein Speicher für strukturierte Daten. Vieles, was Bibliothekar*innen bei der täglichen Arbeit benötigen, fehlt noch: von der Konvertierung von Standardformaten wie die bibliographischen Datenformate MARC21 oder PICA+ hin zu spezialisierten Interfaces zur Dateneingabe in intelligenten Formularen.  All dies muss jetzt entwickelt und an die Software angepasst werden. 

Im Verlauf des Jahres 2020 liegt jetzt die konkrete Planung für den Einsatz von Wikibase bei der GND vor uns. Die Partnerschaft von Wikimedia und der Deutschen Nationalbibliothek hat sich bewährt. Zusammen wollen wir eine Wikibase-basierte GND weiterentwickeln und zum Einsatz bringen. Mit der GND auf der Grundlage von Wikibase wächst im Ökosystem der freien verlinkten Daten eine starke Grundlage heran, die das Interesse von vielen anderen Institutionen weckt: z. B. die französische Nationalbibliothek Bibliothèque Nationale de France (BNF) und der Hochschulbibliotheksverbund ABES in Frankreich arbeiten bereits an ihrem eigenen Prototypen mit Wikibase. Grund genug für die Deutsche Nationalbibliothek und Wikimedia mit der BNF und ABES in den kommenden Wochen den Austausch bei einem gemeinsamen Treffen in Paris zu suchen. Wir sind zuversichtlich, dass Wikibase nicht nur eine Heimstatt für Normdaten werden kann, sondern dass diese sich mit der Zeit im Sinne eines Linked-Open-Data-Ökosystems wikifizieren.

Einen ersten Blogpost zu Wikibase und GND gibt es hier.

Der Beitrag Lassen sich Normdaten wikifizieren? Wikibase wurde für die Gemeinsame Normdatei (GND) evaluiert erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Unter dem Motto „Öffentliches Geld – Öffentliches Gut!“ sind Lehrerinnen und Lehrer, Bildungsinstitutionen und das Publikum der Öffentlich-Rechtlichen nun aufgerufen, ein klares Signal für mehr Nutzungsfreiheit an die Leitungen von ARD und ZDF zu senden.

Dokumentationen, Grafiken, Interviews und O-Töne aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk können den Unterricht bereichern. Oft ist es nutzungs- oder urheberrechtlich aber gar nicht möglich, die Inhalte herunterzuladen, anzupassen oder in den eigenen Unterricht aufzunehmen.

Das fängt schon mit der Mediathek selbst an: Eigentlich dürfen Inhalte daraus nur „zu Privatzwecken“ gestreamt werden. Herunterladen? Nur in Einzelfällen wie bei „Terra X“ und “Planet Schule” gestattet. Im Unterricht zeigen? In den meisten Bundesländern gilt Unterricht spätestens ab der Mittelstufe oder sobald er auch in klassenübergreifenden Kursen stattfindet als „öffentlich“. Auch zu Bildungszwecken darf hier eigentlich nichts ohne ausdrückliche Genehmigung gezeigt werden, Ausnahmen sind im „Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz“ (UrhWissG) geregelt. Geschützte Sendungen vollständig zu zeigen ist danach aber nicht zulässig, bearbeiten oder kürzen darf man die Inhalte gemäß den Nutzungsbedingungen entsprechend auch nicht.

Bereits im Dezember hatte ein Bündnis aus GEW, Bibliotheksverband und Wikimedia Deutschland den ZDF-Fernsehrat in einem offenen Brief zu einer den Bedingungen modernen Lernens entsprechenden Digitalstrategie aufgerufen. Erste Pilotprojekte mit frei-lizenzierten Clips der Sendung „Terra X“ unterstrichen zuletzt das öffentliche Interesse an plattformübergreifenden Zugriffsmöglichkeiten. So wurden Ausschnitte zum Thema Klimawandel seit Einbindung in Wikipedia im Durchschnitt täglich mehr als 7.000 Mal angesehen.

Die Kampagne soll nun eine breitere Debatte über Auftrag und Praxis des öffentlich-rechtlichen Rundfunks anstoßen. Die beteiligten Organisationen werben insbesondere für den Mehrwert freier Lizenzen: Diese ermöglichten Lehrerinnen und Lehrern auf Basis gut recherchierter Inhalte Unterrichtsmaterial frei zu erstellen, zu tauschen und zu erweitern. Das reduziert Rechtsunsicherheit und Kosten in deutschen Klassenzimmern. Lehrerinnen und Lehrer sollen mit einem Bein im Digitalen stehen, nicht mit einem Bein im Gefängnis.

Jetzt unterzeichnen!

Der Beitrag Öffentliches Geld – Öffentliches Gut!: Mitzeichnen für freie Bildungsmaterialien aus ARD und ZDF! erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Das Fellow-Programm Freies Wissen wird bundesweit immer präsenter mit seinem Portfolio an Veranstaltungen. Bereits im Februar 2018 waren wir mit einem Qualifizierungsworkshop zu Gast an der Technischen Informationsbibliothek Hannover (TIB) und haben uns sehr gefreut, nun mit einem Workshop im Februar 2020 am ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft in Kiel vertreten zu sein.

Kiel ist nicht nur die nördlichste Großstadt Deutschlands sondern auch ein bedeutender Wissenschaftsstandort und “Open Science – Hotspot”. Neben der Christian-Albrechts-Universität sind hier verschiedene wichtige Forschungseinrichtungen ansässig, darunter auch das ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, die weltweit größte Spezialbibliothek für wirtschaftswissenschaftliche Literatur. Open Science spielt seit jeher eine wichtige Rolle am ZBW. So ist hier unter anderem der Leibniz-Forschungsverbund Open Science beheimatet, in welchem Wikimedia Deutschland seit einigen Jahren Mitglied ist und in diesem Rahmen unter anderem das jährliche Barcamp Open Science ausrichtet.

Bild: Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften, Aussenansicht-ZBW-KielCC BY-SA 3.0 DE

Am 14. und 15. Februar kamen Fellows, Mentorinnen und Mentoren sowie auch einige Fellows aus den vergangenen Programmjahren in den Räumlichkeiten des ZBW zusammen, um sich auszutauschen, zu vernetzen und ihre Kenntnisse über verschiedene Aspekte Offener Wissenschaft weiter zu vertiefen. Im ersten Teil der Veranstaltung standen die Projekte und Erfahrungen der Fellows im Vordergrund. Die Fellows präsentierten sich gegenseitig ihre Projektstände und sprachen über Erfolge und Rückschläge bei der Förderungen von Offener Wissenschaft an den eigenen Institutionen. 

Bild: Christopher Schwarzkopf (WMDE), CC BY-SA 4.0

Anschließend standen verschiedene thematische Inputs der verschiedenen wissenschaftlichen Partner des Programms auf dem Programm. So gab Agnieszka Wenninger von der Freien Universität Berlin einen Überblick über das Thema Open Access und die Frage danach, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse offen publizieren können. Im Anschluss präsentierte Lucia Sohmen von der TIB Hannover das DFG-geförderte Projekt NOA (Nachnutzung von Open Access Abbildungen), über welches wir hier im Blog bereits an anderer Stelle berichtet haben. Kern des Projektes ist die Entwicklung eines Tool, mit dem Medien aus Open-Access-Artikeln direkt bei Wikimedia-Commons hochgeladen wurden. Im Rahmen ihres Vortrages wurde das Tool vorgestellt und die Teilnehmenden hatten die Gelegenheit, dieses gleich selbst auszuprobieren und Feedback abzugeben. Nach einem langen ersten Workshoptag nutzten die Teilnehmenden das gemeinsame Abendessen, um sich weiter auszutauschen und zu vernetzen.

Am zweiten Tag ging es dann zunächst um das Thema Citizen Science: Vanessa van den Bogaert vom Museum für Naturkunde sprach mit den Teilnehmenden darüber, wie eine stärkere Einbeziehung von Bürgerinnen und Bürgern die Wissenslandschaft bereichern und mehr Partizipation am wissenschaftlichen Erkenntnisprozess ermöglichen kann. Ein weiterer thematischer Input kam schließlich von Helene Brinken von der SUB Göttingen zum Thema “Responsible Research and Innovation”.

Wie gehts weiter?

In den kommenden Wochen und Monaten werden die Fellows weiterhin an der Umsetzung ihrer Projekte arbeiten und darüber unter anderem auch hier im Blog berichten. Anfang Juni schließlich kommen alle Teilnehmenden erneut in Berlin zusammen, um den Abschluss des vierten Programmjahres zu feiern und ihre Projektergebnisse zu präsentieren. Der Veranstaltungshinweis wird rechtzeitig an dieser Stelle zu finden sein. 

Dokumentation

Viele Bilder der Veranstaltung sind auf Wikimedia Commons zu finden. Zu den Etherpads der einzelnen Sessions geht es hier entlang. 

Der Beitrag Open Science im hohen Norden – Das Fellow-Programm Freies Wissen zu Gast am ZBW in Kiel erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Wir befinden uns auf der Zielgeraden der 19. Legislaturperiode des Deutschen Bundestages und noch immer warten wir auf die von der Bundesregierung versprochene “umfassende Open Educational Resources-Strategie”. Bereits im Vorfeld des Forums Open Education diskutierten die Expertinnen und Experten aus den Bereichen der schulischen und außerschulischen Bildung darüber, wie Bildung in einer offenen digitalen Gesellschaft gelingen kann. Als Grundlage dafür diente unser Positionspapier.

Unsere Forderungen an die Bundesregierung: 

Nach dem Prinzip “Öffentliches Geld, öffentliches Gut” sprechen sich die Verfasserinnen und Verfasser gemeinschaftlich dafür aus, dass Bildungsmaterialien, die aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, standardmäßig als Open Educational Resources (OER) freigegeben werden. Außerdem bedarf es kontinuierlicher Qualifizierungsangebote für Lehrpersonen. Die Weiterentwicklung von Software und technischer Infrastruktur muss stets mit pädagogischen Konzepten und Didaktik zusammengedacht werden. Des Weiteren erwarten wir die Stärkung einer Kultur des Teilens und behandeln Möglichkeiten der Qualitätssicherung.

Wir erwarten einen offenen, partizipativen Prozess im Rahmen der Erarbeitung der umfassenden OER-Strategie. Die Bundesregierung muss verstehen, dass Bildung in einer digitalisierten Gesellschaft bedeutet, starre Muster aufzubrechen und gesellschaftliche Partizipation zu fördern. Unsere Forderungen sind hierbei wegweisend.

Gesellschaftliche Bedeutung von offener Bildung 

Die “Open Education Week” (dt.: Woche der offenen Bildung) wurde im Jahr 2013 von der Organisation “Open Education Global” ins Leben gerufen, um das Bewusstsein für offene Bildung zu schärfen und die Vorteile für das Lernen und Lehren aufzuzeigen. Innerhalb des einwöchigen globalen Events werden besondere Projekte vorgestellt und die Wichtigkeit von offener, partizipativer, demokratischer Bildung in der Gesellschaft betont.

Der freie und offene Zugang zu Bildung und Wissen unterstützt das Lernen und Lehren:  Lernende erhalten zusätzliche Informationen, Standpunkte und Materialien, die ihnen zum Erfolg verhelfen. Lehrende greifen auf Ressourcen aus der ganzen Welt zurück und finden neue didaktische Wege. Forschende können Daten austauschen und neue Netzwerke entwickeln. Menschen können sich mit anderen verbinden, um Ideen und Informationen auszutauschen.

Das Bündnis Freie Bildung ist der festen Überzeugung, dass offene Bildung dazu beiträgt, soziale Bildungsungleichheit abzubauen und die gesellschaftliche Partizipation zu stärken. Wir vertreten die Ansicht, dass das Recht auf den freien Zugang zu Bildung für eine funktionierende und demokratische Gesellschaft unerlässlich ist. Zudem sollten alle Bürgerinnen und Bürger die gleichen Möglichkeiten haben, sich an Bildung zu beteiligen. Viel Potenzial liegt hierbei in den Open Educational Resources (OER), Lern- und Lehrmaterialien, die unter einer freien Lizenz erstellt wurden und daher vervielfältigt, verwendet, verarbeitet, vermischt und verbreitet werden können. Wie zeitgemäße Bildung gelingen kann, skizzieren wir in unserem Positionspapier.

Der aktuelle internationale und nationale Stand

Auch die UNESCO fordert eine Intensivierung der Aktivitäten zu OER und verabschiedete im Oktober eine von 195 Mitgliedstaaten unterschriebene Empfehlung über offene Bildungsressourcen. Hierbei zielt die Empfehlung u.a. auf den Aufbau von Kapazitäten der Interessengruppen und die Entwicklung einer unterstützenden Politik. Die Empfehlung betont noch einmal die Wichtigkeit von frei zugänglicher Bildung und regt dazu an, die Umsetzung gemeinschaftlich und konstruktiv anzugehen.

Trotz einiger sinnvollen Schritte hin zu einer zugänglichen, partizipativen und demokratischen Bildung in den letzten Jahren und des Versprechens der Koalition (Z. 1723-1727) schien die Bundesregierung in letzter Zeit einen anderen Kurs einzuschlagen und alleine auf technische Ausstattung des Bildungsbereiches zu setzen. Nachdem die BMBF-Förderung von Offenen Bildungsmaterialien im Jahr 2018 auslief, verkündete das Bildungsministerium schließlich Ende des letzten Jahres auf Twitter seinen Zuspruch und kündigte die Umsetzung des Versprechens in diesem Jahr an.

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Auch im Jahr 2020 ist die Filmbranche weit von einem diversen und ausgeglichenen Geschlechterverhältnis entfernt. Weniger Frauen als Männer führen Regie, und weitaus weniger sind für die prestigeträchtigen Filmpreise nominiert. Das spiegelt sich auch in der Wikipedia wieder. Zu zahlreichen Regisseurinnen, Schauspielerinnen, weiblichen Kollektiven und Filmemacherinnen gibt es zum Beispiel in der deutschsprachigen Wikipedia keine Artikel.

Um das zu ändern, fand am Wochenende in Berlin ein großer Edit-a-thon statt. „Eine tolle Stimmung und eine gelungene Mischung aus erfahrenen und neuen Wikipedianer*innen“, so lautet das Fazit von Elke Koepping, Mitorganisatorin des Edit-a-thons. 35 Teilnehmende waren vor Ort, deutschlandweit haben sich zahlreiche Wikipedianerinnen und Wikipedianer online beteiligt, um die Frauen der Berlinale in die Wikipedia zu bringen. Dabei sind 65 neue Artikel über Filmfrauen und 29 Einträge zu Filmen von weiblichen und transgender Filmschaffenden in der Wikipedia entstanden. „Nächstes Jahr wollen wir wieder einen Art+Feminism Edit-a-thon veranstalten“, so Koepping weiter.

Viele weitere Eindrücke vom Edit-a-thon und Geschichten rund um die Berlinale haben die beiden Bloggerinnen Bao-My Nguyen und Charlie des Alpes  im Berlinale-Extrablatt festgehalten.

Weitere Edit-a-thons im März

Das Engagement der Wikipedia-Autorinnen geht weiter: Der März steht ganz im Zeichen des Internationalen Frauentags. Rund um den 8. März finden in mehreren deutschen Städten weitere Edit-a-thons statt, unter anderem in Berlin, Köln und München.

Über WomenEdit: Seit mittlerweile acht Jahren treffen sich in Berlin regelmäßig erfahrene Wikipedianer:innen und engagierte Neugierige, um gemeinsam an der Wikipedia zu arbeiten und Artikel zu redigieren. Hier gehts zur Projektseite.

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Diesen Beitrag gibt es auch auf englisch.

Die Wikipedia gibt es aktuell in 309 verschiedenen Sprachversionen. Und es gibt die freie Wissensdatenbank Wikidata. Mit derzeit über 77 Millionen Datensätzen ist Wikidata die weltweit größte Sammlung frei editierbarer Daten. Sie beliefert nicht nur die Wikipedia und zahlreiche andere Plattformen, Programme und Apps mit Daten – Wikidata hilft vor allem auch, kleinere Sprachen zu stärken. Dazu gehören z.B. die romanische Sprache Okzitanisch oder das verwandte Katalanisch.

Wikidata als Datenquelle für Sprachanwendungen

Gerade für seltene Sprachen werden oft keine Sprachtools- und -programme entwickelt, da dies für Unternehmen nicht rentabel ist. Hier hilft Wikidata, denn die Datenbank ist offen und kostenlos. Das ermöglicht kleineren Communitys, ihre eigenen Apps und Programme in ihrer Sprache zu erstellen und die Daten in bestehende Anwendungen zu integrieren.

Lingua Libre zum Beispiel ist eine Bibliothek mit Audio-Aufzeichnungen von Wörtern, Sprichwörtern oder Sätzen, die von allen aufgenommen werden können. Die Website nutzt Wikibase sowie Daten aus Wikidata. Bisher konnten dank der 128 aktiven Sprecherinnen und Sprecher über 100.000 Audiodateien in 46 Sprachen gesammelt werden.

Ein weiteres schönes Beispiel: Egunean Behin (Einmal am Tag) ist eine Smartphone-App auf Baskisch, die Quizzes und Quizfragen anbietet. Die App verwendet Daten von Wikidata, Wikipedia und Wikimedia Commons. Sie hilft dabei, regionale und sprachliche Kenntnisse hervorzuheben und wird von jedem zehnten baskischen Sprecher verwendet.

Mehrsprachigkeit durch Daten

Wikidata hat das klare Ziel, mehr Menschen mehr Zugang zu mehr Wissen zu verschaffen. Sprache ist dabei ein entscheidendes Werkzeug, um interkulturelles Verständnis zu fördern. Lydia Pintscher ist Produktmanagerin von Wikidata und erklärt, warum sprachliche Diversität auch in der Entwicklung von digitaler Technologie zentral ist: „Sprache ist ein wichtiger Teil zur Schaffung einer vielfältigen Community. Mehrsprachigkeit ist besonders wichtig, da immer mehr Bereiche unseres Lebens von Technologie und Interaktion durch Sprache abhängen. Wir bei Wikidata wollen niemanden zurücklassen, weil er eine andere Sprache spricht.“

Sprache innerhalb der Wikipedia 

Der wohl bekannteste Ort, an dem Daten aus Wikidata verwendet werden, ist Wikipedia. So kommt zum Beispiel der Inhalt der Infoboxen aus der freien Wissensdatenbank. Wenn an einer Stelle die Informationen geändert werden, wird dies direkt in alle anderen Sprachen übertragen. Das erleichtert die Bearbeitung der Seiten, da die Redakteure die Artikel in den verschiedenen Sprachen nicht manuell aktualisieren müssen. Außerdem können die Daten auch direkt im Artikel durch Vorlagen verwendet werden, wie in diesem baskischen Beispiel und durch Platzhalter für Artikel, die z.B. in der walisischen Wikipedia verwendet werden.

Lexeme: eine neue Form der Daten- und Sprachbeziehung

Seit 2018 speichert Wikidata auch einen neuen Datentyp: Wörter, die in vielen Sprachen beschrieben werden können. Bei diesen Informationen handelt es sich um lexikographische Daten. Lexeme sind die konkreten Datenpunkte in diesen lexikographischen Daten. Mit all den Sprachkombinationen, die es in Wikimedia-Projekten gibt, eröffnen sich so neue Möglichkeiten: Übersetzungen von einer Sprache in eine andere werden möglich, obwohl es für diese Sprachen kein gedrucktes Wörterbuch gibt. Mehr über das Datenmodell gibt es auf der Dokumentationsseite und weitere Infos zu lexikographische Daten gibt es in diesem Blogbeitrag

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18 Wettbewerbsfilme gehen in diesem Jahr bei den Berliner Filmfestspielen ins Rennen um den goldenen Bären – bei sechs davon führte eine Frau Regie. Das ist zwar eine bessere Quote als bei anderen Filmfestspielen, ganz zu schweigen von den letzten Oscars. Aber trotzdem: Die Filmbranche ist noch immer weit von einem diversen und ausgeglichenen Geschlechterverhältnis  entfernt. Das spiegelt sich auch in der Wikipedia wieder. Zu zahlreichen weiblichen Filmschaffenden gibt es zum Beispiel in der deutschsprachigen Wikipedia keine Artikel. 

Deshalb kommen am Eröffnungswochenende der Berlinale engagierte Frauen und Wikipedia-Autorinnen in Berlin zum Berlinale-Art+Feminism-Edit-a-thon zusammen, um gemeinsam zu editieren. In den Räumen von Wikimedia Deutschland werden sie Regisseurinnen, Schauspielerinnen, weiblichen Kollektiven und Filmemacherinnen auf Wikipedia eine Bühne geben.

Zwei große Frauen – ein kleiner Unterschied: Sigourney Weaver und Joanna Rakoff

Sigourney Weaver
Stargast der Berlinale: Sigourney Weaver (Bild: Gage Skidmore, Sigourney Weaver by Gage Skidmore, CC BY-SA 3.0)

Die Liste der fehlenden Artikel ist lang. Während zum Beispiel Sigourney Weaver der große und viel beschriebene Star des Berlinale-Eröffnungsfilms „My Salinger Year“ ist, gibt es zu Joanna Rakoff, der Autorin des Buches, auf dem der Film basiert, in der deutschsprachigen Wikipedia bislang nichts zu lesen. 

Das und viele ähnliche Beispiele sollen sich Dank des Edit-a-thons ändern. Organisiert wird das Event von den Wikipedia Communitys Who writes his_story? und WomenEdit in Zusammenarbeit mit der weltweiten Kampagne Art+Feminism und Wikimedia Deutschland.

Bloggerinnen begleiten Edit-a-thon

Die beiden Bloggerinnen Bao-My Nguyen und Charlie des Alpes berichten regelmäßig von ihren Erlebnissen rund um die Berlinale und den Edit-a-thon. Ihre Geschichten sind im Extrablatt zur Berlinale 2020 zu lesen. Charlie des Alpes war vor Kurzem gemeinsam mit Wikipedianerin Sandra Becker bei RBB Kultur zu Gast. Das Interview mit den beiden kann im Podcast nachgehört werden. 

Weitere Mitstreiterinnen gesucht

Der Edit-a-thon zur Berlinale ist auch eine tolle Möglichkeit, die Wikipedia-Ehrenamtlichen aus dem deutschen Sprachraum besser miteinander zu vernetzen. Außerdem sollen neue Mitstreiterinnen gewonnen werden. Damit die Wikipedia in Zukunft diverser wird, braucht es engagierte Ehrenamtliche, die sich für einen respektvollen und sensiblen Umgang mit feministischen und diversen Themen einsetzen.

Abgesehen vom aktuellen Edit-a-thon gibt es zahlreiche weitere Veranstaltungen, zu denen Interessierte herzlich eingeladen sind. Zum Beispiel die WomenEdit-Treffen, die Events von Who writes his_tory? oder auch Veranstaltungen in den lokalen Community-Räumen in ganz Deutschland. 

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Die Coding da Vinci-Stipendien sind vergeben

09:57, Friday, 14 2020 February UTC

In den Depots der Kulturinstitutionen und Bildungseinrichtungen schlummern zahlreiche Schätze, die geborgen werden möchten. Coding da Vinci und die landesweit stattfindenden Hackathons bieten Museen, Bibliotheken, Archiven etc. eine Möglichkeit, ihre umfangreichen Datensammlungen miteinander und der Öffentlichkeit zu teilen, sie auf unterschiedliche Art nutzbar zu machen, aufzubereiten, und digital und kreativ verknüpfen zu lassen.

Im Dezember 2019 haben wir bereits berichtet: Die Coding da Vinci-Stipendien sind da! Anfang Februar 2020 nun wurden von einer Jury acht Stipendiatinnen und Stipendiaten ausgewählt, ihre insgesamt fünf im Rahmen von CdV-Hackathons entstandenen Prototypen und Ideen weiterzuentwickeln.

Von diesen sehr unterschiedlichen Projekten war die Jury begeistert und entschied sich,

  • Spiele-Safari (mithilfe animierter Videos und Social Media, und historischer Kulturdaten, auf ökopolitische Zusammenhänge aufmerksam machen)
  • 162 Ways to Die (durch Do it yourself-Starterkits für RFDI-Stationen das Leben und Sterben der Jesuiten nacherzählen)
  • Demokratie erLeben (Unterstützung der Vermittlungsarbeit des Archivs der Arbeiterjugendbewegung mit Storytelling und Gamification)
  • [Blomberg] VARsetzen (Erweiterung des Projektes um den Innenraum des Bloomberg-Hauses und eines 360°-Videos für Social Media)
  • Mein Stadtarchiv (Weiterentwicklung der technischen Grundlagen, Archiven eine moderne, nutzerfreundliche Ansicht zu geben, damit die Bewohnerinnen und Bewohner eines Ortes diesen anhand von Originalquellen besser kennenlernen können)

durch das speziell entwickelte Programm Kultur Digital der Kulturstiftung des Bundes zu fördern. Neben einer finanziellen monatlichen Unterstützung nehmen die Stipendiatinnen und Stipendiaten an Workshops und Coachings teil. Sie, sowie die Fortschritte der Projekte, werden auf der CdV-Website und auf dem Twitter-Kanal @codingdavinci begleitet.

Wir sind gespannt, wie sich Spiele-Safari, 162 Ways to Die, Demokratie erLeben, [Blomberg] VARsetzen und Mein Stadtarchiv weiterentwickeln werden!

Coding da Vinci – Der Kultur-Hackathon. Bild-Lizenz CC-BY 4.0

Die Jury bestand aus Helene Hahn, Mitglied des Präsidiums bei WMDE und Mitbegründerin von Coding da Vinci; Lisa Ihde, Projektentwicklerin und mehrfache Teilnehmerin bei Coding da Vinci; Georg Hohmann, Leiter Digital beim Deutschen Museum München; Prof. Thomas Neuhaus, Folkwang Universität der Künste und Dr. Antje Schmidt; Leiterin Digitale Strategie des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg.

Der Kultur-Hackathon Coding da Vinci wird von der Kulturstiftung des Bundes als gemeinsames Projekt der Deutschen Digitalen Bibliothek, des Forschungs- und Kompetenzzentrums Digitalisierung Berlin (digiS), der Open Knowledge Foundation Deutschland und Wikimedia Deutschland gefördert. Das Projekt unterstützt Kulturinstitutionen auf ihren ersten Schritten in Richtung Open Data.

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Zentralafrikanische Republik, Honduras, Burundi – das sind nur einige Regionen der Welt, die bislang ungenau kartographiert sind. Sollte hier eine Naturkatastrophe, ein Konflikt oder eine Epidemie ausbrechen, stellen fehlenden oder ungenaue Karten die Einsatzkräfte vor große Probleme.  

Beim Missing Maps Mapathon in Berlin haben jetzt über 40 Freiwillige gemeinsam mit Ärzte ohne Grenzen, dem Deutschen Roten Kreuz und Wikimedia Deutschland Kartenmaterial für eine Region in Zentralasien ausgebaut. Im Fokus standen dabei Gebiete in Kirgistan und Tadschikistan, die durch den Klimawandel besonders von Naturkatastrophen wie Hitze- und Kältewellen, Erdrutschen oder Überschwemmungen betroffen sind. Sollte dort ein Notfall eintreten, können die Einsatzkräfte die neuen Karten sofort nutzen und so schneller zu den Menschen vordringen. 

Erstellen der Karten vom Laptop aus möglich

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ist in vielen Gebieten der Welt mit so genannten „Outreach-Teams“ im Einsatz, die in entlegene Dörfer fahren, um sich dort um die Gesundheitsversorgung zu kümmern. Je besser die Karten sind, die die Hilfskräfte bei der Hand haben, umso leichter gestaltet sich ihr Einsatz. Auch können Impfkampagnen in entlegenen Gebieten besser geplant werden. 

Um die neuen Karten zu erstellen, braucht es keine aufwendigen Reisen in die Gebiete. Alles was die Freiwilligen beim Mapathon mitbrachten, waren ein Computer, eine Maus und aufmerksame Augen. Nach einer kurzen Einweisung in das Projekt und die verwendete Software, wurden bisher noch nicht erfasste Gebäude von einem Satellitenbild abgezeichnet und in die Datenbank von OpenStreetMap eingetragen. Dort stehen sie ab sofort allen Menschen für jegliche Zwecke frei zur Verfügung und können im Krisenfall von Hilfsorganisationen genutzt werden.  

Missing Maps Project: Alle können mitmachen

Der Großteil der Freiwilligen, die beim Mapathon in Berlin mit dabei waren, hat vorher noch nie eine Karte erstellt oder Geodaten für eine Karte beigetragen. Genau das ist das Besondere an diesem Projekt: Es bedarf keiner Spezialfähigkeit oder -wissen, alle können mitmachen, egal ob bei einem Mapathon oder jederzeit von zuhause aus. 

Möchten auch Sie die medizinische Nothilfe der humanitären Hilfsorganisationen unterstützen? Mehr zum Missing Maps Project hier.

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Nach fast drei Jahren: Wikipedia in der Türkei entsperrt

09:12, Thursday, 16 2020 January UTC

Zum 19. Geburtstag von Wikipedia hat die Wikimedia Foundation Berichte erhalten, dass der Zugang zu Wikipedia in der Türkei wiederhergestellt wird. Diese jüngste Entwicklung folgt auf ein Urteil des türkischen Verfassungsgerichts vom 26. Dezember 2019, das die mehr als zweieinhalbjährige Sperre der türkischen Regierung für verfassungswidrig erklärt hat. Heute hat das türkische Verfassungsgericht den vollständigen Text dieses Urteils der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, und kurz danach erhielten wir Berichte, dass der Zugang zu Wikipedia wiederhergestellt wurde.

Wir freuen uns, dass die Menschen in der Türkei wieder am größten globalen Austausch über die Kultur und Geschichte der Türkei online teilnehmen können und Wikipedia weiterhin zu einer lebendigen Informationsquelle über die Türkei und die Welt machen werden.

„Wir sind glücklich, wieder mit den Menschen in der Türkei vereint zu sein“, sagte Katherine Maher, Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation. „Bei Wikimedia setzen wir uns dafür ein, das Grundrecht eines jeden Menschen auf Zugang zu Informationen zu schützen. Wir freuen uns, diesen wichtigen Moment im Namen der Wissenssuchenden überall mit unserer türkischen Freiwilligen-Community zu teilen“.

Wir überprüfen nun den vollständigen Wortlaut des Urteils des türkischen Verfassungsgerichts. In der Zwischenzeit wird unser Fall vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte noch vom Gerichtshof geprüft. Wir haben im Frühjahr letzten Jahres eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht, und im Juli hat der Gerichtshof unserem Fall Priorität eingeräumt. Wir werden uns weiterhin für einen starken Schutz der freien Meinungsäußerung im Internet in der Türkei und weltweit einsetzen.

Wikipedia ist eine globale freie Wissensressource, die von Menschen auf der ganzen Welt geschrieben und bearbeitet wird. Aufgrund dieses offenen Entstehungsmodells ist Wikipedia auch eine Ressource, die alle Menschen aktiv mitgestalten können – indem sie Wissen über die eigene Kultur, Land, Interessen, Studium und vieles mehr zu Wikipedia beitragen. Freiwillige arbeiten zusammen, um Artikel über viele verschiedene Themen aus den Bereichen Geschichte, Popkultur, Wissenschaft, Sport und mehr zu schreiben und dabei zuverlässige Quellen zur Überprüfung der Fakten zu nutzen. Durch diesen kollektiven Prozess des Schreibens, Diskutierens und Debattierens wird Wikipedia neutraler, umfassender und repräsentativer für das Wissen der Welt.

Mehr als 85 Prozent der Artikel auf Wikipedia sind in anderen Sprachen als Englisch verfasst, darunter die mehr als 335.000 Artikel der türkischsprachigen Wikipedia, die von türkischsprachigen Freiwilligen für türkischsprachige Menschen weltweit geschrieben wurden.

In der Zeit, als die Sperre in Kraft war, hörten wir von Studierenden, Lehrerinnen und Lehrern und Fachleuten in der Türkei, wie die Blockade ihr tägliches Leben beeinflusst hat. Für viele Schülerinnen und Schüler war sie nur wenige Tage vor ihren Abschlussprüfungen aufgetreten. In den sozialen Medien tauschten sich Mitglieder der internationalen Freiwilligen-Community und unzählige Interessierte unter dem Hashtag #WeMissTurkey aus und äußerten ihren Wunsch, wieder mit den Menschen in der Türkei bei Wikipedia zusammenzuarbeiten.

Mit der heutigen Entscheidung werden unsere Aktiven in der Türkei wieder in der Lage sein, sich voll und ganz am Austausch und an der Verbreitung von Freiem Wissen online zu beteiligen.

Hier geht es zur englischen Originalversion des Textes der Wikimedia Foundation. 

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10 Regeln für den eigenen Wikipedia-Artikel

11:25, Saturday, 11 2020 January UTC

Wikipedia ist nicht nur eine Enzyklopädie mit dem Anspruch auf Ewigkeit, sondern auch ein Nachschlagewerk für Ephemeres und zeitgemäß Aktuelles. In der Wikipedia stehen nicht nur Artikel über Themen von Bach und Barock bis zu Bismarck oder zur Binomialverteilung. Im Bastelbrockhaus stehen auch Einträge über lebende Künstler, Sänger, Sportler, Unternehmen, Vereine und Stiftungen.

Nun können diese Künstler, Sänger und andere diese Einträge auch lesen und sind – mal zu Recht mal zu Unrecht – nicht glücklich mit diesen Artikeln. Mal sind die Artikel eigenwillig gewichtet, mal lassen sie das Wesentliche aus, mal sind Daten veraltet und ab und an enthalten die Artikel auch echte inhaltliche Fehler.

Artikel über sich selbst oder seine Organisation zu ändern, ist nicht einfach. Manchmal ist es aber für Wikipedia und die Betroffenen hilfreich. Deshalb hier einige Regeln zum Umgang mit dem eigenen Wikipedia-Artikel.

Maze 01
Auf den ersten Blick wirkt Wikipedia unübersichtlich. Bild: Maze01. Von Nevit Dilmen Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

(0) Vorweg: Wikipedia-Artikel sind böse

Die Grundregeln für den Umgang mit der eigenen Person oder Organisation in Wikipedia ist einfach: existiert noch kein Artikel, so ist das gut. Wikipedianer schätzen es gar nicht, wenn Betroffene über sich selbst Artikel anlegen. Die geschriebenen Regeln verbieten die Artikelanlage in eigener Sache nicht explizit. Die - wichtigeren - ungeschriebenen Regeln sprechen sich stark dagegen aus. Umso kritischer werden Wikipedianer die neuen Artikel begutachten, nach Schwächen und Fehlern suchen. Umso schlimmer wird das Spießrutenlaufen für denjenigen, der diesen Artikel anlegt.

Selbst wenn der Artikel durchrutscht, zumindest am Anfang keine Kritik erfährt: Viele der Ersteller und Objekte von Artikeln rechnen nicht damit, was für eine eindrückliche Erfahrung es sein kann, die Kontrolle aus der Hand zu geben, einer anonymen Gruppe von Menschen eine große Bühne zu geben, das eigene Leben oder die eigene Organisation darzustellen. Eine eigene Website oder ein Facebookauftritt kann dasselbe wie ein Wikipedia-Artikel. Aber man behält die Kontrolle.

Wenn eine Person oder Organisation keinen Wikipedia-Artikel hat, dann sollte sie eine Flasche Sekt öffnen, dankbar sein und sich auf andere Formen der Öffentlichkeitsarbeit verlegen. In vielen Fällen allerdings existiert der Artikel schon, oftmals nicht zur Zufriedenheit der betroffenen Person. Manchmal muss die Person oder Organisation halt damit leben, dass die eigene Existenz nicht nur Feiernswertes enthält. Manchmal hat sie aber auch legitime Gründe zur Kritik: Veraltetes, Unvollständiges, Fehlerhaftes oder eigentümlich Gewichtetes findet sich in vielen Wikipedia-Artikel. Es gibt die Möglichkeit, etwas daran zu ändern.


(1) Transparenz 


Wikipedia ist überaus kritisch gegenüber Bearbeitungen in eigener Sache. Jeder, der Artikel über sich selbst bearbeitet, muss Grundmisstrauen überwinden und Vertrauen gewinnen.Vertrauen gewinnt man durch Offenheit.

(2) Verifizierung 


Speziell für Bearbeiter in eigener Sache und ganz speziell für Menschen, die professionell unterwegs sind, existiert in der deutschen Wikipedia das Mittel der Verifizierung. Bearbeiter melden sich unter dem Namen ihrer Organisation/ ihrer Person an und stellen damit eine Grundtransparenz her. Danach schicken Sie eine Mail an  info-de-v@wikimedia.org und werden dann von Freiwilligen verifiziert. Weitere Details finden sich unter: Wikipedia:Benutzerverifizierung

(3) Diskussionsseiten 

Zu jedem Eintrag in der Wikipedia gehört eine Diskussionsseite, auf der dieser Eintrag diskutiert wird. Um Konflikte und Konfrontationen zu vermeiden, empfiehlt es sich, jede größere Änderung erst auf der Diskussionsseite mit einigen Tagen Vorlaufzeit anzusprechen. Erst wenn dort kein Widerspruch, oder gar Zustimmung, gekommen ist, sollte der Artikel selbst geändert werden. Taucht auf der Diskussionsseite Widerstand auf, so ist die Diskussionsseite zur Diskussion zu nutzen.


(4) Belegen 


Wikipedia ist eine Enzyklopädie, die verlässlich sein will, die aber jeder anonym bearbeiten kann. Zum Ausgleich legt die Community starken Wert darauf, dass jeder inhaltliche Beitrag belegt wird. Als Belege gelten nur Fakten, die anderswo veröffentlicht sind. Sei es in Büchern, Zeitschriften oder Websites. Diese Pflicht geht soweit, dass selbst Aussagen der Person selbst oder amtliche Dokumente nicht akzeptiert werden – sofern diese nicht an einer externen Stelle veröffentlicht wurden.

Belege im Artikel zur Wikipedia (kleiner Ausschnitt)
Dies klingt auf den ersten Blick aufwendiger als es ist. Zumindest in heutiger Zeit. So gut wie jede Wikipedia-relevante Person oder Organisation wird Zugriff auf eine Website haben, auf der sie etwas veröffentlichen kann. Im Zweifel besitzt zwar eine externe Veröffentlichung eine höhere Reputation. Aber gültig sind auch Inhalte auf eigenen Websiten. Wenn also Wikipedia ihren zweiten Vornamen falsch schreibt: beginnen Sie keine Diskussion mit der Community, sondern schreiben Sie ihn richtig auf der eigenen Website. Wenn die Community nicht glaubt, dass die Rolling Stones ihr größter literarischer Einfluss sind - schreiben Sie es auf der eigenen Website.

(5) Klare, harte Fakten. Keine Adjektive 


Artikel über sich selbst zu ändern, ist selbst unter den besten Umständen ein Drahtseilakt. Die Gefahr besteht, auf andere Autoren zu treffen, die dies aus Prinzip ablehnen und versuchen gegen die Edits zu arbeiten. Aber auch diese Autoren sind an Regeln gebunden. Je besser eine Bearbeitung nachgeprüft werden kann und je eindeutiger diese ist, desto höher sind die Chancen, dass sie bestehen bleibt.

Am besten hierfür eigenen sich unstreitige Zahlen und Fakten. Während Fakten einfach und erwünscht sind, ist dies mit Interpretationen schwierig. Diese sind generell in der Wikipedia verpönt. Je niedriger das Vertrauen ist, das ein Autor genießt, desto schwieriger wird es, Text einzubauen, der auch nur entfernt nach Interpretation aussieht. Adjektive sehen immer nach Interpretation und Wertung aus. Sie haben in einem Artikel über einen selbst nichts verloren.

(6) Verständlich bleiben 


Nun gibt es nicht nur die Community, für die ein Text geschrieben wird, sondern auch die Leser. Leser lieben Wikipedia, weil er hier klare, verständliche Informationen gibt, die sich beim ersten Lesen erschließen. Buzzwords, unverständliches, aber auch Fachsprache und Insiderlingo sind verpönt. Die Community achtet darauf dies durchzusetzen. „Geschwurbel“ ist einer der liebsten Begründungen innerhalb der Community um Text zu streichen.

Gerade professonelle PR-Personen stellt dies oft vor besondere Herausforderungen. So ist nicht ratsam zu schreiben, dass ein Unternehmen "Verbindungen herstellt zwischen den Grundbesteilen der Industrieproduktion", sondern es stellt Schrauben her. Jemand "entführt nicht in Welten der zwei Sonnen" sondern schreibt Fantasy-Romane. Am besten haben Leserin oder Leser bereits beim ersten Lesen eine klare Vorstellung davon, um was es geht. 

(7) Mit der Community zusammen 


Wikipedia ist ein grundsätzlich offenes System, das von zahlreichen Vandalen, Trollen und Manipulatoren heimgesucht wird. Dementsprechend ausgebildet und etabliert sind mittlerweile die Mechanismen, unerwünschte Bearbeitungen fernzuhalten. Die etablierte Community hat die informellen, formalen und technischen Mittel Text zu verhindern, kann aber auch unglaublich Großartiges vollbringen. Jede Mitarbeit in Wikipedia, die von Erfolg gekrönt sein soll, funktioniert nur im gegenseitigen Vertrauen mit der Community.

Leider hat die Community die Eigenschaft die unkooperativsten und unfreundlichsten Mitarbeiter vorzuschicken, wenn es um das Sichten neuer Artikel geht. Oder anders gesagt: die unfreundlichsten Mitarbeiter sind besonders motiviert darin, sich auf Neulinge zu stoßen. Warum das so ist, darüber kann ich spekulieren, möchte es aber nicht. Aber nicht aufgeben: es gibt nette und freundliche Wikipedianerinnen und Wikipedianer. Mit etwas Ausdauer lassen sie sich finden. 

(8) Zu vermeiden: Freunde holen 


Manche Autoren fühlen sich von der Wikipedia-Community übermannt oder ungerecht behandelt und versuchen, Freunde zu motivieren, ihnen beizustehen. Kaum etwas ist schlimmer. Die reine Anzahl von Teilnehmenden in der Diskussion hat kaum ein Gewicht. Wesentlich bedeutender ist das Vertrauen, dass den einzelnen Beteiligten in der Community beigebracht wird. Die Community hat ein eingebautes internes Vertrauenssystem, das maßgeblich auf bisherigen Beiträgen beruht. Wenn aus heiterem Himmel plötzlich eine größere Anzahl neuer Nutzer bei einem Thema auftaucht, lässt das bei vielen erfahrenen Wikipedianern Alarmglocken schrillen. Sie reagieren skeptischer und aggressiver. Dabei gilt: gegen eine skeptisch und aggressive Community zu agieren, hat nie Erfolg. Der Versuch, Freunde zu mobilisieren ist bisher immer nach hinten losgegangen.

(9) Das Sichtungsproblem 


Speziell die deutsche Wikipedia hat das Instrument der Sichtungen eingeführt. Das bedeutet: Änderungen an Artikeln werden sofort gespeichert. Wenn diese Änderungen von einem neuen Autor stammen, sind sie aber nicht sofort für die Öffentlichkeit sichtbar. Dafür muss erst ein erfahrener Wikipedianer sein Ok geben. Je einfacher die Edits sind und je einfacher sich ihr Inhalt extern überprüfen lässt, desto schneller wird die Freigabe erfolgen.

Übersicht über die Seiten, die am längsten nicht gesichtet wurden.

(10) Fotos unter freier Lizenz 


Ein einfacher Weg, das Vertrauen der Community zu gewinnen, Inhalte beizutragen und es Wikipedia zu ermöglichen eigene Inhalte zu nutzen, ist das Bereitstellen von Fotos unter freier Lizenz. Das bedeutet, dass diese Fotos im Nachhinein genutzt, verändert und eingebaut werden können. Allerdings muss dabei der Autor genannt werden ebenso wie der Titel des Fotos. So in Wikipedia und von dort aus dann viral durch das halbe Netz.

Rose Stanwell Perpetual バラ スタンウェル パーペチュアル (7887553466)
Ist ein Foto unter freier Lizenz hochgeladen, kann es unter Autoren-Nennung quer durch das Internet gesehen werden. Bild: Rose Stanwell Perpetual バラ スタンウェル パーペチュアル von: T.Kiya Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

Weiterlesen


Der Wikipedia mangelt es nicht an Seiten mit Regeln, Vorschriften und Anleitungen. Auch zu diesem Themenkomplex gibt es eher zuviel als zu wenig zu lesen. Als Einstieg empfiehlt sich: Wikipedia:Interessenkonflikt  und die dortigen Links.

Bei Rückfragen zu bestimmten Einzelfällen, gerne auch eine Mail an mich, dirkingofranke@gmail.com

Alle Iberty-Posts zu Netz- und Kulturthemen finden sich unter. Kultur in Iberty! Eine Übersicht.

Das Projekt: Autorinnen und Autoren hinter der Publikation sichtbar machen

Wissenschaft ist ein soziales Feld. Doch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler spielen in bibliometrischen Auswertungen immer noch eine zu geringe Rolle. Was in den Sozial- und Geisteswissenschaften längst Mainstream ist, steht in der Bibliometrie noch aus: der Perspektivwechsel von Publikationen auf die Autorinnen und Autoren. 

In meinem Projekt „Nachnutzung von strukturierten Daten aus Wikidata für bibliometrische Analysen“, unterstützt durch das Fellow-Programm Freies Wissen, beschäftige ich mich daher mit der Anreicherung von bibliographischen Metadaten um Informationen zu den Autorinnen und Autoren der Publikationen (Wikiversity 2019). Auf diesem Weg wird es möglich, in scientometrischen Projekten besser zu verstehen, warum wer mit wem zusammenarbeitet, wer wessen Forschung rezipiert und darauf referiert. Ebenso werden mögliche Zusammenhänge zwischen Metadaten und Forschungsthemen sichtbar.

Daten von Individuen

Doch dieses Vorhaben bedeutet die Auswertung von Daten von Individuen. Und diese ermöglicht gegebenenfalls auch missbräuchliche Fragestellungen, z. B. nach sozialen Zugehörigkeiten. Das Anliegen des Projekts, soziale Mechanismen in der Wissenschaft aufzudecken, auch um Argumente zu liefern, marginalisierten Gruppen mehr Relevanz zu verschaffen, kann somit ungewollt ihrer Kontinuität Vorschub leisten.

Zumindest auf juristischer Ebene ist der Zugriff auf Daten immerhin für dieses Projekt unproblematisch, da keine Daten erhoben oder gespeichert werden, sondern lediglich eigene oder frei verfügbare Datenbestände etwa von Wikidata, der Gemeinsamen Normdatei (GND) der Nationalbibliothek, oder ORCID  nachgenutzt werden. Doch moralisch geht es immerhin um Individuen, die eigentlich nur mit ihrer Forschung in die Öffentlichkeit getreten waren und nun selbst Objekt der Forschung werden. 

Forschungsdesign und Datengrundlage ausschlaggebend. Beispiel Gender

Dabei ist der Erkenntnisgewinn, den quantitative Analysen beanspruchen können, ohnehin extrem abhängig von den eingehenden Daten. Dies wird zum Beispiel relevant beim Thema Gender. In Zeiten, in denen das Dritte Geschlecht gleichberechtigt neben „weiblich“ und „männlich“ steht, greift die heteronormative Matrix auch in der Bibliometrie zu kurz. Analysen, die sich schon in ihrer Datengrundlage auf eine heteronormative Perspektive von Akteurinnen und Akteuren in der Wissenschaft festgelegt haben, können nur schwerlich Ergebnisse produzieren, die über diese Voraussetzung hinausgehen oder quer zu ihr liegen. Wikidata lässt neben “männlich” und “weiblich” auch andere Beschreibungen oder keine zu. Um zusätzlich dem Problem einer Zuschreibung durch Dritte zu entgehen, nutzt das Projekt Datenbanken wie Wikidata und ORCID als zentrale Grundlagen, die von den Betroffenen selbst kuratiert und korrigiert werden können. 

Am Beispiel von Gender zeigt sich, dass Daten und Analysen immer auch durch das Forschungsdesign und damit durch ihre Zwecke geprägt sind. Darüber hinaus wirkt sich  auch die Größe des Datensatzes aus, die einzelne Abweichungen herausstellt oder einhegt. Quantitative Datenanalyse – auch wenn sie auf offenen Ressourcen aufbaut und den Code offenlegt, ist damit immer eine Dual-Use-Technik

Datenanalyse: Dual-Use-Technik

Dass Datenanalysen eingesetzt werden, um personalisierte, nicht gekennzeichnete politische Werbung zu platzieren (Kreysler et al. 2019), dürfte niemanden mehr wundern. Doch dass nicht nur totalitäre Staaten wie China Datenauswertungen nutzen, um ihre Bevölkerung zu lenken, sondern auch Demokratien, die wie die USA anhand solcher Informationen etwa über staatliche Zuwendungen entscheiden (Eubanks 2017), stimmt mindestens nachdenklich. Läuft auch das hier erarbeitete Tool zur Anreicherung bibliometrischer Daten Gefahr, von einem Überwachungsstaat gegen die Interessen der eigenen Bürger genutzt zu werden? 

Wir agieren in dieser „brave new data world“ jedoch nicht nur als Produzierende von Daten, die ihre Datenspur hinterlassen. Wir können uns auch selbst an der Auswertung von Daten beteiligen und in unseren Fragestellungen von den neuen Verfahren profitieren. Und dies ist genau, warum ich die Erstellung eines Tools zur „Nachnutzung von strukturierten Daten aus Wikidata für bibliometrische Analysen“ trotz aller Schwierigkeiten für progressiv halte. Auch wenn Datenschutz und Datengrundlage reflektiert werden müssen und zudem die gleichen Datengrundlage abhängig von ihrem Zweck zu einem konstruktiven oder destruktiven Werkzeug werden kann, ist die Erarbeitung von Tools und das Erlernen von Techniken unterm Strich ein Beitrag zur Ermächtigung der Gegenöffentlichkeit. Diese wird immer notwendig bleiben, um bestehende Strukturen zu überprüfen und zum Korrektiv werden zu können. 

Denn wenn die quantitativen Daten soziale Realitäten statistisch abzubilden versuchen, um politische Entscheidungen zu beeinflussen und zur Stabilisierung sozialer Realitäten beizutragen (Angermuller/van Leeuwen 2019), dann können sie auch mit anderen Fragestellungen quantitative Argumente liefern für die Rechtfertigung einer Entwicklung zu einer gerechteren Gesellschaft. Das Spiel mitzuspielen und zu verstehen, wie quantitative Methoden arbeiten, kann damit einer Selbstermächtigung gleichkommen, weil es ermöglicht, Argumente zu kritisieren und ihnen etwas entgegenzusetzen. 

Einwände und Hinweise zu dieser Position dürfen gerne auch auf dem Blog (Seidlmayer 2019) gepostet werden, zu dem ich in Diskussionen mit Mentorinnen des Fellow-Programms Freies Wissen ermuntert worden bin und auf dem ich solche Fragen zu reflektieren versuche.

Zur Autorin: Eva Seidlmayer hat in der Philosophie promoviert und anschließend Informationswissenschaft studiert. Derzeit arbeitet sie im Projekt Q-Aktiv und beschäftigt sich dabei mit Konvergenzprozessen unterschiedlicher Wissensbereiche innerhalb von Wissenschaftsdynamiken. Gegenstand der Untersuchung sind wissenschaftliche Artikel und Patentschriften aus Publikationsdatenbanken der Lebenswissenschaften und Wirtschaftswissenschaften, die mehr als 50 Mio. Metadaten und 10 Mio. Volltexte umfassen. Grundlegend für das Verstehen wissenschaftlicher Dynamiken ist die Anreicherung der Publikationsdaten um soziale Informationen zu den Autor*innen. Diese kann Eva Seidlmayer in einer Python Library auf Basis von Wikidata nun mit Unterstützung des Fellowship Freies-Wissen über die Anwendung von Q-Aktiv hinaus generisch realisieren.

Bild: Ralf Rebmann, Eva SeidlmayerCC BY-SA 4.0

Bibliografie

Angermuller, Johannes/Thed van Leeuwen. 2019. “On the Social Uses of Scientometrics: The Quantification of Academic Evaluation and the Rise of Numerocracy in Higher Education.” In Quantifying Approaches to Discourse for Social Scientists, ed. Ronny Scholz. Cham: Springer International Publishing, 89–119. http://link.springer.com/10.1007/978-3-319-97370-8_4 (September 27, 2019).

Eubanks, Virginia 2017. Automating inequality: how high-tech tools profile, police, and punish the poor, New York.

Kreysler, Peter, Kapohl, Matthias, and Schiller, Wolfgang. 2019. “Digitale Brandbeschleuniger Der unregulierte Wahlkampf im Netz.” Deutschlandfunk. https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-unregulierte-wahlkampf-im-netz-digitale.3720.de.html?dram:article_id=456530.

Seidlmayer, Eva 2019. On the edge of the data knife, https://dualusedata.hypotheses.org/author/dualusedata

Wikiversity. 2019: Fellow-Programm Freies Wissen/Einreichungen/Nachnutzung von strukturierten Daten aus Wikidata für bibliometrische Analysen, https://de.wikiversity.org/wiki/Wikiversity:Fellow-Programm_Freies_Wissen/Fellows2019

Der Beitrag Datenanalyse – Wegbereiter für den Überwachungsstaat oder Ermächtigung der Gegenöffentlichkeit? erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Klippan ist ein klassisches Sofamodell des sich schwedisch gebenden Möbelhauses IKEA. Das Sofa wird dieses Jahr 40 Jahre alt und ist neben Billy vielleicht der Klassiker IKEAs. Klippan steht in den Räumen des MEKs, des Museums Europäischer Kulturen, in Berlin. Dort steht es nicht etwa als Ausstellungsstück, sondern als Möbel.

Aber: wenn man ein Museum für Volkskunde und Alltagskultur mit einer Gruppe Wikipedistas zusammenbringt - dann wird auch das Foyersofa zum Ausstellungsstück - und darüber entstehen Wikipedia-Artikel. 

Berlin, Museum Europäischer Kulturen, GLAM on Tour im Museum Europäischer Kulturen (2018) NIK 6039
Klippan im Museum. Bild: Berlin, Museum Europäischer Kulturen, GLAM on Tour im Museum Europäischer Kulturen (2018) NIK 6039 Von: Nightflyer. Lizenz: Creative Commons Attribution 4.0 International license.

Willkommen bei Wiki goes MEK! 2.0. Willkommen bei der zweiten Veranstaltung zwischen Wikipedia, dem MEK und dem Glam-Team von Wikimedia Deutschland.



MEK MEK MEK


Zwei Tage, am 17. und 18. November 2018, lud uns das Museum Europäischer Kulturen (MEK) nach Dahlem ein. Das MEK ist das einzige der Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), das in Dahlem bleiben darf und nicht in die Bierbike- Reisebushölle von Berlin Mitte muss.

Unsere Gruppe zieht vom Ausstellungs- in den Arbeitsteil des Museums Europäischer Kulturen.


Der Bestand des MEKs stammt noch zu größeren Teilen aus den Zeiten, in denen es das Museum für Deutsche Volkskunde war, und dann mit den europäischen Teilen der anderen Volkskunde-Museen vereinigt wurde. Es beschäftigt sich mit dem Leben normaler Menschen.

Das Museum hat einen Fokus auf Alltagskultur aber natürlich auch - dem Fokus der Ethnologie folgend - einen Blickwinkel auf Festtage normaler Menschen. Am konkreten Beispiel heißt das: derzeit laufen Ausstellungen über Wolle als Textil, Hochzeiten und die damit verbundenen Träume sowie Sterne (im Allgemeinen und als Weihnachtsstern im Besonderen).

Weihnachtssterne und Hochzeitskronen


Das MEK hatte eingeladen und etwa 20 Wikipedistas kamen. Es begann mit Kuraturenführungen durch die Stern- und Hochzeitsausstellungen. Wir schimpften, dass der 2. Stock nicht barrierefrei zu erreichen ist - man sollte meinen, eine Welt die den preußischen Museen ein komplettes neues Humboldtforum bauen kann, sollten dem MEK auch einen Fahrstuhl verschaffen können - bewunderten dann aber die atmosphärische Stern-Ausstellung.

Wir würdigten Hochzeitskronen aus dem 19. Jahrhundert ebenso wie Hochzeitskleider aus derselben Zeit. Wir staunten über den Traum in Rosa einer deutsch-türkischen Henna-Nacht und diskutierten die Ausstattung in Millenial Pink eines anderen aktuellen Hochzeitspaares.

2018Eroeffnung003
Ein Traum in Rosa. Bild: 2018Eroeffnung003 von: Holger Plickert (WMDE) Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

Wir verfolgten nach, wie aktuelle Besucherpaare des MEKs sich kennengelernt hatten.

Tinder - echt jetzt!


Ruhiger wurden wir bei der Hochzeits-Chuppa einer Berliner Synagoge, die vermutlich das erste Mal seit den Nazis wieder öffentlich zu sehen war. Wenig ist über diese bekannt, außer dass sie heute dem Centrum Judaicum gehört und der Gestaltung nach wohl zu Zeiten der Weimarer Republik gefertigt wurde.

Chuppa
Chuppa / jüdischer Hochzeitsbaldachin in der Ausstellung. Bild: Chuppa. Von: Medea7 Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Alles wurde in einen Kontext gesetzt und mit hinter-den-Kulissen-Informationen versehen von der Kuratorin der Ausstellung.

Derart inspiriert ging es ins Verwaltungsgebäude des MEKs wo schon alles von Kaffee über Büchern bis hin zu fotografierende-Objekte vorbereitet war. Und wir setzten die Inspiration in Artikel um.

Madame ergründete Klippan. Ich, aufmerksam geworden, dass Flachmãnner in angesagten Kreisen zur Hochzeitsausstattung gehörten lernte dann noch, dass sowohl die Wörter Hipster wie auch Bootlegging auf diese Flachmänner zurückgehen. Hipster waren Menschen, die zu Zeiten des amerikanischen Alkoholverbots Flachmänner an der Hüfte trugen; Bootlegger diejenigen, die ihn im Stiefel (englisch Boot) hatten.

Es entstand während des Workshops das Portal Baskenland. Die Artikel zu Ehe und Textilie wurden erweitert. Die Kochbuchautorin des 18. Jahrhunderts - Maria Luisa Schellhammer - bekam einen neuen Artikel. Ebenso bekamen die Artikel zu Hochzeitskronen, Pommerschen Fischerteppichen oder zur Moritat neue Bilder. Und wo wir dann schon dabei waren, wurde der Artikel "Papierkorb" mit einem Bild aus dem Hotel des Fotografen Nightflyer erweitert.

MEK II-277
Pelotaspiel (Ballkorb und Ball) aus der baskischen Sammlung. Bild:

Allerdings zeigt sich, dass ein Wochenende nur begrenzte Zeit bereitstellt, um zu schreiben. Einer meiner Highlight-Artikel würdigt den mechanischen Weihnachtsberg aus der Dauerausstellung des Museums - eine Art mechanische Modelleisenbahn ohne Eisenbahn mit Weihnachten aus dem 19. Jahrhundert - mit einem umfassenden Artikel. Dieser Artikel entstand größtenteils am Freitag vor dem eigentlichen Treffen - offensichtlich in Vorbereitung auf dieses. Und hoffentlich wird mein eigener Text zu den Herrnhuter Sternen auch noch dieses Jahr fertig.

Danke

 

Kaffee am richtigen Ort und viele Kekse. Trotz erschwerter Bedingungen ein funktionierendes Internet. Menschen, die sich auf für die Kultur vermeintlich kleiner Menschen interessieren - ein Traum in Rosa, Moritaten, obskure Bücher, ein Blick hinter die Kulissen eines Museums - und überall eine freundliche, fokussierte Stimmung. Wenig will ich mehr.

Blick in einen der Arbeitsräume.

Zum Abschluss ein großes Danke an alle Beteiligten. Selten erlebte ich eine Veranstaltung, die so stimmte. Nicht nur, dass wir offensichtlich willkommem waren: das Timing war nahezu perfekt, die Mischung aus genug Inspiration und viel Gelegenheit diese gleich umzusetzen war großartig und offensichtlich hatten sich alle Beteiligten viele Gedanken gemacht, was die kommenden Wikipedianer am besten brauchen.

Das wir zum Beispiel auch noch obskurste Bücher im Vorhinein bestellen könnten und dann vor Ort in die Hand bekamen, rundet die Sache ab.

MEK 3.0? Am besten nächste Woche.

Weiterlesen


Die Projektseiten in der Wikipedia: WIKI goes MEK! 2.0

Die Darmstädter Madonna, deren Artikel im Rahmen dieser Veranstaltung verbessert wurde, haben wir in Berlin auch schon einmal besucht: Allein mit der Madonna zum Hasen.

Auch GLAM - ähnlich cool, wenn auch ganz anders, war die Veranstaltung mit der Jules-Verne Gesellschaft in Braunschweig.

Alltagskultur in Dahlem. Da fallen mir als erstes die historischen Tänze der Ü300-Parties ein. Oder natürlich die Schwimmhalle Hüttenweg.

 Alle Kultur-Posts in Iberty. Kultur in Iberty!

Vegan Straight Edge in der Wikipedia

14:25, Saturday, 19 2019 January UTC

Eine gelöschte Schlachteplatte führte mich in die Vergangenheit zu zwei rundlichen Herren mit Schnauzbart auf dem Straight-Edge-Konzert. Der Wikipedia-Schreibwettbewerb sorgte dafür, dass ich nachträglich noch beeindruckt von Nirvana war. Ich verstehe Widersprüche, die ich mit 19 einfach so hingenommen hatte:

„Vegan Straight Edge, Eigenbezeichnung auch xVx, oder VSxE war eine Szene innerhalb der Punk/Hardcoreszene. Leitsätze der Szene waren "kein Alkohol, keine Drogen, keine tierischen Produkte". Sie entwickelte sich Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre aus der Straight-Edge-Szene, als diese zunehmend auch vegane Ernährung propagierte und sich politisch für Tierrechte engagierte.“

Dieser Satz steht seit einigen Wochen in der Wikipedia. Er steht dort als Einleitung zum Artikel [[Vegan Straight Edge]], den ich Anfang März 2018 zu schreiben begann. Der Artikel befindet sich schon länger im Stadium des Unfertigen, denn ich habe Probleme. Gab es Vegan Straight Edge wirklich als abgrenzbare Szene? Oder war es eine Szene oder doch zwei verschiedene in den USA und Europa? Kann man sie klar genug vom restlichen Straight Edge trennen? Um die Frage, auf die Rechtschreibung einzudampfen: war es vegan Straight Edge oder Vegan Straight Edge?


Wurstbruehe
Wurstbrühe beim Kochen (Hausschlachtung) von: Jens Jäpel Lizenz: Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“

Fragen über Fragen, die eigentlich nur entstanden, weil sich in der Wikipedia ein linksbewegter Autor und ein landwirtschaftsnaher Autor in einen epischen Streit über Schlachteplatten und Massentierhaltung hineinbewegten. Schließlich kamen beide zum Schreibwettbewerb. Beim Wikipedia-Schreibwettbewerb schreiben Autoren in einem Zeitraum von einem Monat zu einem bestimmten Thema. Eine Jury aus Wikipedianern bewertet den besten Artikel. Die meisten Preise stammen von anderen Wikipedianern und bewegen sich im Rahmen zwischen selbstgemachter Marmelade und Buch-Gutscheinen.

Youth of Today at SO36 (2010)
Youth of Today (2010). von: Libertinus Yomango Lizenz: r Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 generisch“ (US-amerikanisch)

In diesen Wettbewerb nun gerieten die beiden Autoren und eskalierten beim Schreibwettbewerb weiter. Schließlich führte es dazu, dass der eine Autor eine Schlachteplatte als Preis für den besten Artikel mit Veganismus-Bezug aussetzte. Der andere lief kreischend und hyperventilierend um den virtuellen Block lief. Ich dachte „Hausgemachte Schlachteplatten sind super, Veganismus ist spannend. Gerade den veganen Punk-Tierrechtler bin ich schon oft genug in der Realität über den Weg gelaufen. Es wird Zeit, einen Wikipedia-Artikel zu schreiben!“ Die ersten Recherchen sprachen für das Thema: es gibt Autoren, die Vegan Straight Edge als eigene Szene sehen.



Der Schlachteplatten-Preis für den Schreibwettbewerb verschwand kurz darauf nach Intervention der Wikipedia-Administratoren, und mit dem Thema tue ich mich schwerer als gedachte. Aber nun hänge ich drin.   

Straight Edge? Vegan? Hardcore?


Erst war Punk. Dessen Geschichte wurde viele Male erzählt und soll hier vorausgesetzt werden. Aus Punk entwickelte sich Anfang der 1980er in Washington, D.C. die Musikrichtung Hardcore – oder harDCore: musikalisch schneller als Punk und stilistisch alle Überbleibsel des Glamrocks hinter sich lassend. Junge Männer mit sehr kurzen Haaren, in Kapuzenpullis und Chucks spielen präzise sehr schnelle und sehr kurze Gitarrensongs.


Out of Step - der eine definierende Song auf den sich alle Hardcore-Anhänger einigen können. Man beachte auch das schwarze Schaf ganz am Ende.


Fast gleichzeitig mit Hardcore entwickelte sich die Straight-Edge-Bewegung. Straight Edge heißt mindestens „kein Alkohol und keine Drogen“, konnte aber noch um beliebige "No"s erweitert werden: Kein Sex, kein Kaffee, kein Fleisch, keine Milch, kein Leder, kein was auch immer. Eine Jugendbewegung, deren Hauptmotiv der Verzicht war. Wenig überraschend eigentlich, dass ein signifikanter Teil der Bewegung dann vegan wurde.


Rundliche Männer


Ich persönlich denke bei Straight Edge immer an alte, rundliche Männer, eigentümlich wie es ist. Als Randbewohner des Punk-Hardocre-Universums war mir Straight Edge ein Begriff. Aber mir wirkte es zu elitär. Und auch wenn wir alle in der Gymnasium-Langenhagen-Gang nicht viel tranken und vielleicht alle paar Monate mal kifften – Drogen ablehnen aus Prinzip war nie mein Ding. Straight Edge kannte ich aus den üblichen Szeneheften wie dem ZAP oder all‘ den Punk-Fanzines. Aber wirklich in der Szene war ich nie.

Dann war da dieses Straight-Edge-Konzert im Jugendzentrum Langenhagen. Bands, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere, spielten mittelmäßigen Hardcore. Im Publikum tobten sich hunderte schmächtiger, pickliger Jungen in Hoodies und Turnschuhen aus, die alle ein großes X auf der Hand hatten und so böse schauten wie man mit 17 Jahren und 50 Kilo Lebendgewicht halt schauen kann.

Dann waren noch ein paar Dauer- und Stammgäste des Jugendzentrums anwesend, um die 20.  Und im Gang standen diese beiden Männer, die offensichtlich niemanden kannten. Sie waren um die 40, Schnauzbart, klein, rundlich, Hemd und Jacke. Die Schnauzbartträger hatten sich ein großes X auf die Hand gemalt – als wären Sie direkt einer Comedyserie über schlecht getarnte Zivilpolizisten entstiegen. Seitdem denke ich bei Straight Edge immer an rundliche kleine Männer mit Schnauzbart.


Straight Edge und die Polizei


Nun war es nicht überraschend, dass die Polizei auf diesem Konzert auftauchte. Ausgerechnet diese verhärmten Jünglinge standen mindestens im Verdacht, staatsgefährdende Straftaten zu planen. Drogen wurden auf Straight-Edge-Konzerten natürlich weder gehandelt noch konsumiert. Dafür war die Szene weltweit latent gewaltaffin, in Europa auch eng mit Autonomen, Linksradikalen und radikalen Tierbefreiern vernetzt.

Jugendzentrum Glocksee seitlich
Unabhängiges Jugendzentrum Glocksee (2010). Autor: AxelHH Lizenz: Public Domain

Die Auftrittsorte waren hier, wie im Jugendzentrum Langenhagen, fast immer ehemals besetzte Jugendzentren oder autonome Jugendzentren wie das UJZ Kornstraße in Hannover oder das Glocksee in Hannover oder gleich ganz besetzte Häuser. Politik, Hardcore und Straight Edge hingen für mich immer zusammen. (wie dem auch heute noch ist: wie man jedes Jahr auf dem Resist to Exist in Kremmen sehen kann.)

Für mich waren Punk – Autonome – Hardcore – Besetzte Jugendzentren – sXe – Emocore immer eins – mit verschiedenen Abstufungen und verschiedenen Ausprägungen: aber letztlich dieselbe Szene, deren Mitglieder den Anspruch hatten, die Welt so abzulehnen wie sie ist und eine bessere Welt zu schaffen.

Umso mehr verwirrten mich Bands wie Youth of Today, Cro-Mags oder auch Earth Crisis, die zwar auch echte in der Szene anerkannte Hardcore-Bands waren, aber so unpolitisch bis christlich konservativ – deren Message ich nie verstand. Das war musikalisch nicht viel anders als europäischer Straight Edge, auch mit diesem Weltverbesserungsmessianismus, aber auf eine eigenwillige Art unpolitisch. „Wir wollen die Welt verbessern, können aber nicht sagen, was das Problem ist.“ Manchmal erinnert mich das heute an das Silicon Valley. Wahrscheinlich liegt es gar nicht soweit auseinander.


USA und Europa


Für die Wikipedia-Recherche bin ich das erste Mal gründlich in die Geschichte der Hardcore-Szene vorgedrungen. Bisher hatten da neben den eigenen Erfahrungen und den unzähligen gelesenen Fanzines als Buch Martin Büssers „If the Kids are United“ ausreichen müssen. Nun kamen aber diverse Bücher aus der Berliner Stadtbibliothek hinzu, halbveröffentlichte Bücher in Google Books, digitalisierte Fanzines, Doktorarbeiten und sonst noch alles was da Internet zu bieten hatte.

Da ging mir etwas auf: Hardcore ist größer. Während in Europa und Lateinamerika immer der Zusammenhang Politik-Hausbesetzer-Punks-Hardcore existierte, war das in den USA anders. Gerade die prägende Bands Minor Threat und Fugazi waren nun sehr politisch im europäischen Sinn. Aber viele andere Größen des US-Hardcores übten sich in Jock Culture wie es heißt. Männer, die sich selber ausleben wollen und wenig sonst. Mit ungerichteter Aggressivität, sich manchmal gegen industrielle Tierproduktion richtete, oft genug gegen die eigene Szene.

Die Szene in den USA entwickelte sich unter anderen Voraussetzungen. So gab es dort nie wirklich besetzte Häuser. Die Bands spielten in kommerziellen Clubs, oft zusammen mit anderen Rockbands oder in Washington, D.C. mit Go-Go-Bands. Die linke Szene in den USA war kleiner und abgeschotteter. Konnte man in meiner deutschen Schulzeit gar nicht anders, als sich politisch zu positionieren, wäre der Gedanke sich als Jugendlicher ernsthaft mit Politik zu beschäftigen in großen Teilen der USA geradezu bizarr gewesen. US-Punk und dann US-Hardcore entwickelten sich in einem luftleeren Raum, in mehr oder weniger kommerziellen Clubs. Vegetarismus und Veganismus stießen in großen Teilen der Szene auf ein inhaltliches Vakuum, um so mehr und einfacher konnten sie sich als herrschende Ideologien verbreiten.


Veganismus


Vegetarisch und Vegan wurden Straight Edger und Hardcorler Ende der 1980er. Während einzelne Szeneangehörige schon früher vegetarisch waren, thematisierten Youth of Today im Song No More und die Gorilla Biscuits mit dem Song Cats and Dogs das Thema. Danach entwickelte sich die Sache ziemlich schnell. Es gab Bands wie die Cro Mags oder Earth Crisis, die sich als vegan Straight Edge verstanden.

Sie und ihre Anhänger entwickelten sich schnell hin zum Hardline: militante Tierschützer, die auch aggressiv gegen andere Punks und Hardcore’ler vorgingen, solange sie nicht den strikten Lebensvorstellungen der Hardliner folgten. Da war die einst offene, kreative Szene zu einer Art Sekte geworden. Menschen, die sich als Vegan Straight Edge verstanden, gab es. Aber gab es sie lange genug, um von einer eigenen Szene zu sprechen?

In Europa hingegen, war Veganismus in der Szene immer nur ein Teilaspekt, eingebettet in allgemeine Weltrettung und Kapitalismuskritik. Tatsächlich veganes und vegetarisches Essen war wahrscheinlich verbreiteter, da es oft zum Standard wurde. Die Übergänge allerdings waren dadurch auch fließender.

Und nun geht es mir, wie oft, wenn man mehr zu einem Thema weiß: ich bin ahnungsloser als je zuvor. Es gab vegane Straight Edger. Und zumindest zeitweise haben die sich auch bewusst von den Nicht-veganen abgesetzt. Für Wikpedia reicht es: es ausreichend gibt Literatur, die Vegan Straight Edge (mit "V") beschreibt und selbst unangemeldete Wikipedia-Autoren behaupten, dass es es diese Bewegung noch gibt. Aber waren diese wirklich geschlossen genug für eine eigene Szenedefinition und einen guten Wikipedia-Artikel über sie?

Ausblick: Washington, D.C.


Während ich beim Thema Vegan Straigt Edge ratloser bin, als vor dem Beginn der Recherche, hat sie mir auch neue Welten geöffnet. Washington, DC – die Szene, die vermutlich der europäische Szene am ähnlichsten war. Mit Ian MacKaye als Überfigur, der früh begriff, dass man eigene Labels und Strukturen aufbauen muss, mit der Crew um Dischord Records und mit der sozialen Organisation Positive Force, die der Szene nahestand. Washington wies lange Zeit ein lebendige Szene auf, die im engen Austausch mit dem Vor-Grunge-Hype-Seattle stand.

Eine Szene in Washington, die sich früh politisch verstand – sehr ungewöhnlich für US-Punk – früh Frauen in wichtigen Rollen zuließ; eine Szene in der beispielsweise der 15jährige Dave Grohl (von späterem Nirvana und Foo Fighters Fame) seine ersten Auftritte absolvierte, die Bad Brains – als Reggae-beeinflusste Band – prägend war, und in der auch Bikini Kill und die frühen Nirvana zu ständigen Gästen gehörten. Dann auch die Szene in Washington State um Seattle: uns ja eher bekannt als diejenigen, die Grunge kommerziell und populär machten - hier bestand eine echte, kreative, politische Punk-Szene bevor MTV sie entdeckte. Und in beiden Washingtons: eine Szene mit Dutzenden Fanzines, vermutlich hunderten Bands, die in Bewegung war, sich neu formierte, Sachen ausprobierte und sie wieder verwarf.  

Bands, die ich dabei entdeckte, waren:

Scream mit dem damals 15-jährigen Dave Grohl und der faszinierenden Erkenntnis, was für Langhaarmatten man in den 1980ern auch im Hardcore trug:



Oder Bratmobile, die zur ersten Runde gehörten als die Szene endlich auch Frauen zuließ und diese eigene Bands gründeten:



Vor allem aber entdeckte ich die Go-Go-Szene. Man stelle sich eine Art frühen Hip Hop in funky mit Congas und Bläsersätzen vor. Aber dazu später mehr.

Beim Schreibwettbewerg gewann ich zu recht nichts, da der Wikipedia-Artikel in einem Limbo hängt. Aber ich entdeckte mindestens drei spannende Szenen. Und sehe Helden oder Nicht-Helden meiner Jugend mit anderen Augen. Und das alles nur wegen eines Schlachteplattenstreits.

Weiterlesen


Der unfertige Wikipedia-Artikel zum Thema Vegan Straight Edge.

Zwei Bücher, die mir vieles erklärten:



Marc Andresen / Mark Jenkins: Punk, D.C. Ventil Verlag 2006 (im Original: Dance of Days, Akashic Books 19929. Bericht aus der Szene nach Lektüre zahlreicher Poster und Fanzines. Einerseits mit mehr Detailinfos zu Bands und Orten als ich je haben wollte, aber von den selbst-beteiligten Autoren auch stets auf der Suche nach dem Spirit, der alles zusammenhielt.

Roger Gastman "Pump Me Up. DC subCulture of the 1980s". Ausstellungskatalog zu einer Ausstellung über den Graffiti-Sprayer Cool "Disco" Dan - mit einem breiten Rundumschlag zu allem was in den 1980ern subkuturell in Washington los war. R. Rock Enterprises 2013.

Wie es damals war im Jugendzentrum Langenhagen schrieb ich in Kleinstadt Antifa, 1994

Was der Hardcore-Punk heute so macht, lässt sich auf dem Resist to Exist besichtigen.

Alle Posts zu Politik und Kultur in Iberty liegen unter: Kultur in Iberty!

Allein mit der Madonna zum Hasen

11:28, Tuesday, 27 2018 November UTC
Darmstadtmadonna

Darmstädter Madonna
Hans Holbein der Jüngere, 1526/1528
Öl auf Nadelholz (?), 146,5 × 102 cm
Sammlung Würth, Johanniterhalle (Schwäbisch Hall)

Wikipedia-KNORKE erwähnte ich ja an dieser Stelle schon einmal. Berliner Wikipedianerinnen und Wikipedianer treffen sich und erkunden zusammen eine ihnen unbekannte Gegend. Soweit so üblich. Diesmal jedoch gab es etwas besonderes: Auf ins Museum!

In Berlin gastiert gerade die Darmstädter Madonna, ein 1526 entstandenes Gemälde von Hans Holbeim dem Jüngeren. Diese Madonna hat eine bewegte Lebens- und Reisegeschichte, ist eines der bedeutendsten deutschen Gemälde des 16. Jahrhunderts und kann Menschen auch über Jahre faszinieren. Wunderbar, wenn man eine kundige Bilderklärung der Autorin des exzellenten Wikipedia-Artikels dazu bekommt.

Wir trafen uns einige Minuten vor der Öffnung in kleiner Gruppe vor dem Bode-Museum und konnten - da alle Anwesenden über eine Jahreskarte verfügten - auch sofort zur Madonna und zur Sonderausstellung "Holbein in Berlin" begeben. Der Raum war noch leer, die Museumswachmannschaft ließ freundlicherweise die leise aber engagiert redende Gruppe gewähren. Ein einziger Saal, in dessen Mittelpunkt die Madonna hängt. Links davon einige Holbein-Teppiche, ansonsten weitere Bilder und Zeichnungen von Holbein, Inspiratoren und andere Madonnen. Nicht überladen, sinnvoll aufbereitet und mit einem klaren Konzept - eine der besseren Kunstausstellungen.



Und dann ging es los: Es begann mit Schilderungen von der bewegten Entstehungszeit zur Zeit des Basler Bildersturms im Auftrag des Basler Ex-Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen. Die Aussage des Bildes traditioneller Marienfrömmigkeit in Zeiten der Reformation war Thema, ebenso natürlich wie der Teppich und seine Falte. Wir staunten über die Eigentümlichkeit, dass sich niemand auf dem Gemälde eigentlich anschaut und wurden über dden Unterschied zwischen Schutzmantelmadonnen und Stifterbildern aufgeklärt. Vermutungen tauchten auf, wo das Bild wohl im Original hing - vermutlich in der Martinskirche als Epitaph - und wir verfolgten gedanklich seine Wanderung aus Basel über den Grünen Salon im Berliner Stadtschloss bis hin zum Hause Hessen und das Frankfurter Städelmuseum bis hin zum spektakulären Verkauf an die Privatsammlung Würth. Die Meinungen über die Sammlung Würth in der Gruppe waren durchaus geteilt, ebenso wie die richtige Benennung des Bildes: ist es nun eher die Darmstädter Madonna oder eher die Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen?

Über die Darmstädter Madonna ging es dann zur Dresdner Madonna und einem der prägenden Momente deutscher Kunstgeschichte: dem Dresdner Holbeinstreit. Im 19. Jahrhundert wurde es den Menschen bewusst, dass es zwei fast identische Holbein-Madonnas gab und nur eine die echte sein konnte. In einer großen Ausstellung, unter lebhafter Anteilnahme der Öffentlichkeit und erregten Debatten der Experten entschieden sich die Kunsthistoriker schließlich für das Darmstädter Gemälde. Eine Sensation,  da die Kunstkennerschaft vorher felsenhaft von der Originalität des Dresdner Gemäldes ausging. Hier zeigte sich erstmals das Bemühen, um eine rein sachlich, objektive Abwägung der verschiedenen Gesichtspunkte - der Dresdner Holbeinstreit ist einer der Ausgangspunkte um die Kunstwissenschaft als Wissenschaft zu etablieren. Und - wie sich später herausstellte - lag die Kunstwissenschaft auch in diesem ihren Anfangsurteil richtig; sämtliche mittlerweile vorhandenen naturwissenschaften Verfahren die Darmstädter Madonna als die originale der beiden bestätigten.

Erkenntnisse am Rande: eine weitere Kopie des Gemäldes (beziehungsweise eine Kopie der Kopie - es stellt aus unerfindlichen Gründen das Dresdner Exemplar dar) hat sich in das Set des James-Bond-Filmes "Man lebt nur zweimal verirrt".

Holbein, Hans - Georg Gisze, a German merchant in London
Hans Holbein der Jüngere: Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London, 1532. Eichenholz, 96,3 × 85,7 cm. Gemäldegalerie Dahlem der Staatlichen Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz

Und nachdem wir dann auch noch gerätselt hatten, wer die beiden Knaben unterhalb der Madonna sind, den verschwundenen Haaren der Tochter nachspürten und weiter über den Teppich in der Renaissancemalerei sinniert hatten, kamen wir dann nach knapp einer Stunde noch zu Georg Giesze. Giesze (auch Georg Giese) ist Titelheld in einem anderen Holein-Hauptwerk, das praktischerweise fünf Meter weiter links hing. Wieder mit Teppich und nun auch noch mit Glas, Metall, Bücherregalen und Briefen. Gedanklich begleitete wir Holbein dann weiter von Basel nach Antwerpen und London. Mittlerweile hatte sich der Raum etwas gefüllt. Nachdem wir dann noch den Weg aus dem Museum gefunden hatte (wie immer im Bodemuseum nicht ganz einfach und jedes mal findet man zwischendurch neue Säle) folgte noch ein erschöpfter Abschlusskaffee.

Eine Stunde fast allein mit der Madonna. Und immer noch Neues zu entdecken.

Gab es in der DDR Spaghetti?

09:10, Tuesday, 28 2018 August UTC

Eine der schöneren unbekannten Ecken der Wikipedia ist die Seite zur Auskunft. Dort können Menschen mögliche und unmögliche Fragen stellen, die dann mal launisch, mal larmoyant, mal ernsthaft oder auch gar nicht beantwortet werden. Wie im wahren Leben und eine ewige Fundgrube obskuren Wissens, seltsamer Fragestellungen und logischen Extremsports.

Conrad, Giorgio (1827-1889) - n. 102 - Scena di genere
Nicht die DDR. Bild: Giorgio Conrad (1827-1889) - Mangiatori di maccheroni. Numero di catalogo: 102.



Dort nun fragte vor ein paar Tagen ein unangemeldeter Nutzer:

 "Warum gab es in der DDR eigentlich nur Makkaroni (die in Wirklichkeit Maccheroncini waren), aber keine Spaghetti? Das erscheint mir nach Lektüre einiger Bücher aus der DDR so gewesen zu sein und ist mir auch so von meiner aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden Verwandtschaft bestätigt worden. Warum?"

Es folgte eine längere und mäandernde ausgiebige Diskussion, die immerhin folgendes ergab:

* Anscheinend gab es in der DDR Spaghetti, zumindest erinnerten sich einige der Diskutanten an derartige Kindheitserlebnisse.
* Ob Spaghetti so verbreitet waren wie Makkaroni oder Spirelli, darüber bestand Uneinigkeit.
* Die Nudelsaucensituation war in Berlin besser als im Rest der DDR.
* Die DDR allgemein pflegte in vielerlei Hinsicht traditionellere Essgewohnheiten als Westdeutschland, die Küche der DDR ähnelte in vielem mehr der deutschen Vorkriegsküche als dies für die westdeutsche Küche gilt.
* In Vorkriegszeiten waren Makkaroni verbreiteter als Spaghetti.
* Schon bei Erich Kästner wurden Makkaroni gegessen
* Der Makkaroni-Spaghetti turn im (west-)deutschen Sprachraum war Mitte der 1960er
* Schuld könnten wahlweise das mangelnde Basilikum, die mangelnde Tomatensauce, überhaupt mangelnde Kräuter, Italienreisen, Gastarbeiter, Miracoli oder auch was ganz anderes sein.
* Klarer Konsens im Rahme: Sahne gehört keineswegs in Sauce Carbonara!


Mirácoli noodles with sauce
Gab es in der DDR nicht: Miracoli. Bild: Miracoli-Nudeln mit Mirácoli-Soße von Kraft. Von: Brian Ammon, Lizenz: CC-BY-SA 3.0
 
Daneben tauchten eine ganze Menge Kindheitserinnerungen auf an exotische Spaghettimahlzeiten mit kleingeschnittenen Spaghetti, Ketchup-basierter Tomatensauce und anderen kulinarischen Exotika des geteilten Deutschlands.

Einige Antworten, viel mehr Fragen:
* seit wann wird in Deutschland überhaupt Pasta gegessen?
* wie lange schon ist Tomatensauce verbreitet?
* seit wann essen westdeutsche Spaghetti?
* Und wer ist Schuld? Die Gastarbeiter? Die Italienurlauber? Miracoli?
* Und wie kommen eigentlich die Löcher in die Makkaroni?

Also verließen wir dann erst einmal die Auskunft und die dortige Diskussion und betrieben etwas weitere Recherche. Das heimische "Kochbuch der Haushaltungs- und Kochschule des Badischen Frauenvereins", veröffentlicht 1913 in Karlsruhe, kennt sowohl Makkaroni wie auch Spaghetti. Ungewohnt für heute: die Makkaroni werden in "halbfingerlange Stückchen gebrochen" und dann 25 bis 30 Minuten gekocht.

Neben den diversen Makkaroni-Gerichten gibt es auch einmal Spaghetti. Die Priorität ist klar. Spaghetti werden erklärt als "Spaghetti ist eine Art feine Makkaronisorte. Beim Einkauf achte man darauf, daß sie nicht hohl sind"

Die "Basler Kochschule. Eine leichtfaßliche Anleitung zur bürgerlichen und feineren Kochkunst" von 1908 kennt keine Spaghetti aber diverse Gericht mit "Maccaronis". Darunter sogar schon die Variante "a la napolitaine" mit Tomatensauce.

Weitere Recherche. Weitere Erkenntnisse bringt das Buch "Meine Suche nach der besten Pasta der Welt: Eine Abenteuerreise durch Italien", das die Ankunft der Makkaroni in Deutschland auf das frühe 18. Jahrhundert verlegt. Die 1701 nachweisbaren "Macronen" waren wohl eher Lasagne, aber Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden in Prag und Wien echte Makkaroni-Fabriken.

Die Pasta folgte anscheinend den jungen Männern der Grand Tour aus Italien in das restliche Europa. Bestimmt waren die Grand Tours für junge Männer, die mal etwas von der Welt sehen und klassische europäische Bildung mitbekommen sollten, die auf der Tour aber anscheinend nicht nur Statuen und Kirchen kennenlernten, sondern auch Pasta.

Philip Dawe, The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade (1773) - 02
Der Macaroni. Der Hipster seiner Zeit. Bild: Philip Dawe: The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade, 1773.

In England gab es sogar einen eigenen Modestil Macaroni für exaltierte junge Männer - "a fashionable fellow who dressed and even spoke in an outlandishly affected and epicene manner". Die englische Wikipedia schreibt dazu lakonisch: "Siehe auch: Hipster. Metrosexuell." Komplett falsch wäre wohl auch die Assoziation zur Toskana-Fraktion nicht.

Nach diesen extravagant und auffallend auftretenden jungen Männern ist nun wiederum im Englischen der Macaroni penguin - auf deutsch der Goldschopfpinguin - benannt.


Macaroni Penguin at Cooper Bay, South Georgia (5892387033)
Makkaroni-Penguin. Benannt nach dem Stil, nicht nach den Nudeln. Bild: Macaroni Penguin at Cooper Bay, South Georgia von Liam Quinn, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Wie aber kommen nun die Löcher in die Makkaroni? Und seit wann? Licht in dieses Dunkel bringt die "Encyclopedia of Pasta." Diese lokalisiert die Entstehung der maschinellen Pastafertigung - die für Makkaroni in zumutbarer Menge unvermeidlich ist - in die Bucht von Neapel in das 16. Jahrhundert. Dort existerte eine Heimindustrie mit Mühlen, an die sich relativ problemlos eine im 16. Jahrhundert aufkommende ’ngegno da maccarun anschließen lies, die es den Neapolitanern ersparte stundenlang im Teig herumzulaufen, um ihn zu kneten: im Wesentlichen Holzpressen mit einem Einsatz aus Kupfer, je nach Form des Einsatzes entstehen verschiedene Nudelsorten und damit unter anderem Makkaroni. Die Makkaroni wurden dann in langen Fäden zum trocknen in die süditalienische Sonne gehängt.


Sommer, Giorgio (1834-1914) - n. 6204 - Napoli - Fabbrica di maccheroni
Neapel, 19. Jahrhundert. Bild: Giorgio Sommer (1834-1914), "Torre Annunziata-Napoli - Fabbrica di maccheroni". Fotografia colorita a mano. Numero di catalogo: 6204. 

Das hat alles nicht mehr wirklich etwas mit Spaghetti und der DDR zu tun, beantwortet nicht, warum die Deutschen in den 1960ern plötzlich lieber Spaghetti als Makkaroni mochten, oder warum die Makkaroni bei ihrem ersten Zug über die Alpen die Tomatensauce in der Schweiz ließen? Warum gibt es in Deutschland kein Äquivalent zu "Macaroni and cheese" (mehr)? Gab es ein Miracoli-Äquivalent in der DDR, bei dem es Pasta, Sauce und Käse schon in einer Packung gab? Warum sind Makkaroni in Deutschland tendenziell lang und dünn in vielen anderen Ländern aber dicker und hörnchenförmig-gebogen? Es ist hochspannend. Und ein Grund, noch viel mehr zu recherchieren.

Wikipedia von A bis Z. Ein Versuch

07:42, Wednesday, 08 2018 August UTC

Brockhaus


Die Brockhaus Enzyklopädie ist ein mehrbändiges Nachschlagewerk in deutscher Sprache, das zuletzt von dem zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Wissen Media Verlag herausgegeben wurde. Ist es ein Nachschlagewerk? War es ein Nachschlagewerk? Seit einigen Jahren befindet sich der Brockhaus in einer Art Limbo des Untotseins. Irgendwie existiert er noch. So richtig aber auch nicht mehr. Ohne jetzt die Irrungen und Wirrungen des ehemaligen Goldstandards der deutschen Nachschlagewerke nachzuerzählen, reicht es mir zu erwähnen, dass noch vor 10 Jahren der Brockhaus quasi das unerreichbare Ziel, die große Messlatte und die ferne Vision dessen war, was Wikipedia werden sollte. Genau wie Wikipedia den Brockhaus anscheinend maßlos überschätzte, so war und ist der Brockhaus selbst ratlos wie er mit der Wikipedia umgehen sollte. Man weiß nicht, ob man von vertanen Chancen reden soll. Denn hatte der Brockhaus je Chancen?

Chiara Ohoven


Chiara Ohoven

Chiara Ohoven ist ein deutsches It-Girl. Viel mehr wissen wir nicht, da Wikipedia den zu Chiara gehörigen Artikel permanent löscht. Vor einigen Jahren erlangte sie kurzzeitig deutschlandweite Berühmtheit durch eine Do-it-Yourself Schönheits-OPs mit Schlauchbootlippen als Ergebnis, fand aber vor den Do-it-Yourself-Enzyklopädisten damit keine Gnade. Ansonsten folgt Chiara ihrer Mutter und ihrem Vater auf das Parkett der High Society und des Glamours. Und da kein Wikipedianer je zur High Society gehörte oder gehören wird, gilt sie in Wikipedia weiterhin als nicht-relevant.

Donauturm




Der Donauturm ist ein Aussichtsturm[4] inmitten des Donauparks im 22. Wiener Gemeindebezirk Donaustadt. Darüberhinaus sieht der Donauturm aus wie ein Fernsehturm, was zu einem der erbittertsten Editwars in der Wikipedia-Geschichte führte. Dort der Fachmensch für Fernsehtürme, der sich sehr sicher war, dass Fernsehturm die Bezeichnung eines bestimmten architektonischen Typs ist, dort eine Gruppe Wiener und Österreicher, die darauf verwiesen, dass von diesem Turm kein Fernsehsignal übertragen wird, noch nie ein Fernsehsignal übertragen wurde und niemand je plante von diesem Turm aus ein Fernsehsignal zu übertragen. Beide Seiten standen fester zu ihrem Standpunkt als der Donauturm im Wiener Boden. Schlußendlich führte der Editwar zu einem mehrseitigem Artikel im Spiegel, gebrochenen Herzen, frustrierten Wikipedianern und der Tatsache, dass jeder Wikipedianer weiß wie der Donauturm aussieht.


Elian


Elian ist ein in den 1980er Jahren aus dem Französischen entlehnter männlicher Vorname. Er geht auf den Beinamen Aelianus, eine Ableitung des römischen Geschlechternamens Aelius, zurück. elian (klein geschrieben und gesprochen eher wie Alien) kann auch als weiblicher Internetnickname genutzt werden. Ohne elian keine Wikipedia so wie wir sie kennen.

Gdansk


Glenn Danzig at Wacken Open Air 2013 02

Danzig (polnisch Gdańsk Zum Anhören bitte klicken! [ɡdaɲsk],[3] kaschubisch Gduńsk), die Hauptstadt der Woiwodschaft Pommern im Norden von Polen, liegt an der Ostsee rund 350 km nordwestlich von Warschau und steht mit über 460.000 Einwohnern auf der Liste der bevölkerungsreichsten Städte Polens auf Platz sechs. Außerdem ist Gdansk Anlass des ersten Edit Wars, den ich persönlich mitbekommen habe. Es war 2003. Es war in der englischen Wikipedia. Deutsche und polnische Nationalisten ähnlicher Angestrengtheit konnten sich nicht einigen, ob die Stadt nun Danzig oder Gdansk heißt. Hilflos naive und offensichtlich überforderte Amerikaner versuchten zu vermitteln. Der interessante Moment kam, als der Edit-War zur Frage überging, ob die Band Danzig nun "benannt ist nach der Stadt Gdansk, ehemals Danzig" oder "benannt ist nach der Stadt Danzig, heute Gdansk".


Hubertus


Hubertus ist ein männlicher Vorname. Er wird NICHT Atze abgekürzt.

Kreuz


Curious Myths p 81
Bild: Page of symbols referenced in s:Curious Myths of the Middle Ages. 1868 von Sabine Baring-Gould. Public Domain.

Das Kreuz ist ein weltweit verbreitetes Symbol, das insbesondere religiöse und kulturelle Bedeutung hat. In diesen Bedeutungen hat sich Wikipedia unentrinnbar verheddert. Einerseits ist das Kreuz-Symbol ein wunderbares Beispiel dafür, welche Probleme das Internetprojekt mit Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten jeder Art hat. Andererseits ist der Streit darum ein tragischer Fall epischen Ausmaßes, der die Wikipedia-Community über Jahre in Aufregung hielt, die Nerven dutzender Wikipedianer verschliss und für Verzweiflung und Frustration allüberall sorgte. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: das Kreuz ist natürlich DAS Symbol des Christentums und symbolisiert Jesu Tod. Daraus folgend wurde † zum Symbol für den Tod. Das † kommt in der Wikipedia in Lebensdaten vor. (Beispiel: * 1600 †1666). Nun waren und sind sich die Wikipedianer nicht einig, ob †ein Symbol ohne jede Bedeutung ist, die einfach Standard ist, oder ob es immer noch christlich konnotiert ist. Bei Artikeln zu Menschen nicht-christlichen Glaubens kam und kommt es zum Streit. Ist das Kreuz nun eine christliche Usurpation von Nicht-Christen oder ist der Versuch deren Tod anders darzustellen - beispielsweise durch "gestorben 1666" ein Verbrechen an enzyklopädischer Neutralität und verstößt gegen die Einheitlichkeit der Form, die anzustreben ist? 

Lutz Heilmann


Siehe → Streisand-Effekt

Narrenschiff 


Das Narrenschiff (alternativ: Daß Narrenschyff ad Narragoniam) des Sebastian Brant (1457–1521), 1494 gedruckt von Johann Bergmann von Olpe in Basel, wurde das erfolgreichste deutschsprachige Buch vor der Reformation. Es handelt sich um eine spätmittelalterliche Moralsatire, die eine Typologie von über 100 Narren bei einer Schifffahrt mit Kurs auf das fiktive Land Narragonien entwirft und so der Welt durch eine unterhaltsame Schilderung ihrer Laster und Eigenheiten kritisch und satirisch den Spiegel vorhält. Im Wikipedianischen Zusammenhang war das Narrenschiff eine Art Mitteilungsblatt des Hans Bug, in dem er die Wikipedianer und ihre Laster und Untaten kritisierte. Bugs Narrenschiff war inhaltlich und qualitativ von Sebastian Brants Narrenschiff entfernt, wie es heutige Nachwuchswikipediakritiker von Bugs Narrenschiff sind. Wenn etwas in den letzten Jahren extrem gelitten hat, dann das Niveau der internen Wikipedia-Kritik.

München


Wp-stammtisch-muc-2005-10-27 18
Bild: Wikipediastammtisch München 2005. Von: Hella Breitkopf Linzenz: CC-Attribution-Share Alike 3.0 Unported

München?/i [ˈmʏnçn̩] ( bairisch  Minga?/i) ist die Landeshauptstadt des Freistaates Bayern. Sie ist mit ca. 1,45 Millionen Einwohnern die einwohnerstärkste und flächengrößte Stadt Bayerns und, nach Berlin und Hamburg, die nach Einwohnern drittgrößte Kommune Deutschlands und die zwölftgrößte der Europäischen Union. Wikipedia-historisch ist München wichtig, da hier am 28. Oktober 2003, organisiert von → elian, das allerallererste Wikipedia-Treffen überhaupt stattfand. Und nachdem sich die Münchner einmal getroffen hatten und feststellen, dass es gar nicht so schlimm ist, folgten Treffen in Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Boston, Taipeh, Alexandria bis es dann 2014 zum bisher größten Treffen in London mit knapp 2.000 Teilnehmern kam. Siehe auch → Wikimania, Stammtisch.


Nordsee


Die Nordsee ist ein Mehr, ein teil der Atlant, zwischen Grossbritannien, Skandinavien, und Friesland. Siehe auch Kattegatt, die Niederlanden, Deutschland.


Relevanz 


Relevanz (lat./ital.: re-levare „[den Waagebalken, eine Sache] wieder bzw. erneut in die Höhe heben“) ist eine Bezeichnung für die Bedeutsamkeit und damit sekundär auch eine situationsbezogene Wichtigkeit, die jemand etwas in einem bestimmten Zusammenhang beimisst. Das Wort ist der Bildungssprache zugeordnet[1] und bezieht sich auf Einschätzungen und Vergleiche innerhalb eines Sach- oder Fachgebietes. Das Antonym Irrelevanz (Adjektiv: irrelevant) ist entsprechend eine Bezeichnung für Bedeutungslosigkeit im gegebenen Zusammenhang, umgangssprachlich vereinfacht auch für allgemeine Sinnlosigkeit oder Unwichtigkeit. Das Fremdwort für eine allgemeine, qualitativ messbare Wichtigkeit ist Importanz. Siehe auch → Löschkandidaten, Relevanzkriterien, Inklusionismus, Exklusionismus, Tschunk.

Strecke


Eisenbahnstrecke wird die Verbindung von Orten mit einem Schienenweg genannt. Im Gegensatz dazu bezeichnet der Begriff (Eisen-)Bahnlinie den auf diesen Strecken regelmäßig stattfindenden Verkehr. So können auf einer Strecke mehrere Bahnlinien oder eine Bahnlinie auf mehreren Strecken verkehren. Nach herrschender Meinung in der Wikipedia sind Strecken relevant und Linien irrelevant. Oder umgekehrt. Ich kann es mir nicht wirklich merken. Wobei die Regel zwar grundsätzlich gilt, bei Wiener Straßenbahnlinien gelten allerdings Sonderregeln und es ist andersrum. Und da wundert man sich, warum sich niemand mehr an Artikel zu Eisenbahnen herantraut.

Volker Grassmuck


Volker Grassmuck (* 1961 in Hannover) ist ein deutscher Publizist und Soziologe. Er ist assoziierter Professor für Mediensoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Wikipediahistorisch ist Grassmuck gleich zweimal wichtig. Zum einen war er auf der Gründungsversammlung von → Wikimedia Deutschland anwesend, was uns ein wunderbares Video bescherte.

Zum anderen veröffentlichte er 2002 ein Buch über Freie Software. Dieses Buch enthielt eine Fußnote, in der Wikipedia erwähnt wurde. Diese Fußnote brachte nicht nur den Verfasser dieser Zeilen zur Wikipedia, sondern auch → elian zur Wikipedia brachte.

Weiterlesen


Längerer Text zu Pokémon in der Wikipedia.

Weitere Texte zu online: Kultur in Iberty!




Die Verschwundenen

18:28, Monday, 06 2018 August UTC

Crossposting eines Posts von mir aus dem Wikipedia Kurier. Erfahrungsgemäß lesen das dort und hier ja doch andere Menschen.

Wikipedistas kommen und gehen. Manchmal gehen mehr, manchmal weniger. Einzelne davon fallen durch ihr Wirken in der gesamten Wikipedia auf oder versuchen sich wenigstens durch einen spektakulären Abgang in Szene zu setzen. Die meisten Autoren und Autorinnen aber gehen genauso still und leise wie sie gekommen sind und gearbeitet haben.

Die unseligen Autorenschwund-Debatten der unseligen Wikimedias kümmern sich ja um Zahlen und nicht um Autorinnen und Autoren. Wie armselig! Den Meta-aktiven Communitymitgliedern - aka Wikifanten - fallen vor allem die anderen Wikifanten auf, die entschwanden. Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es um lauter einzelne Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Arbeitsstilen und Interessen geht, die in Wikipedia tätig waren und sind. Es gibt vor allem diejenigen, die kommen, einen Beitrag leisten und dann wieder verschwinden. Der größte Teil der tatsächlichen Wikipedia wird von Menschen und Accounts gestaltet, deren Edits fast nur im Artikelnamensraum aufzufinden sind. Manchmal arbeiten sie unermütlich über viele Jahre, manchmal auch nur einige Wochen an einen oder zwei Artikeln. Viele davon sind als IP aktiv, so dass sich fast nichts über sie sagen lässt. Vielleicht sind die Beitragenden per IP auch gar nicht viele, sondern eine einzige sehr fleißige Autorin? Wer weiß?


 Viele Wikipedianerinnen und Wikipedianer sind derzeit inaktiv.

Anlässlich des Projektes WikiWedding und in meinem Bestreben möglichst viele Wedding-Aktive daran zu beteiligen, lese ich ja derzeit viele Artikel zu einem Themengebiet, das mir in den letzten Jahren eher fremd war und an dessen Entstehung ich nicht beteiligt war. Wer sich in den letzten Monaten am Thema beteiligt hat, ist mir bewusst, wer sich von 2001 bis 2014 des Weddings angenommen hat, musste ich nachlesen. Eine spannende Lektüre voller mir unbekannter Namen und Accounts. Neben einigen mir bekannten Wikipedistas waren dort vor allem mir unbekannte Accounts. Accounts, die oft aufgehört haben zu editieren. Meist sind sie still und leise gegangen. Ihre Edits und Kommentare geben keinen Hinweis warum. Aber anscheinend war es anderswo schöner. Oder sie hatten den Einruck, alles in Wikipedia geschrieben zu haben, was sie beitragen wollten. Um diesen Autorinnen und Autoren zumindest nachträglich etwas Aufmerksamkeit zu geben, um ihre Namen kurz aus den Tiefen der Versionsgeschichten zu retten, sollen hier einfach einige Autorinnen(?) und Autoren gewürdigt werden, die sich um den Wedding in Wikpedia bemühten bevor sie verschwanden.



Da ist zum Beispiel der Artikel zur Chausseestraße. Ein Mammutwerk von Gtelloke, dessen Wikipedia-Edits sich von Juni bis Dezember 2012 fast ausschließlich auf diesen Artikel beschränkten.

GWT 45, Chausseestraße 114-118, Juni 2005

Bild: Die Chausseestraße 114-118 in Richtung Invalidenstraße von Gtelloke
Lizenz: CC-BY-SA 3.0



Da ist der Artikel zum Wedding selber. Angelegt 2002 von Otto, dessen letzter Edit aus dem Dezember 2004 stammt. Im November 2004 dann maßgeblich ausgebaut von Nauck, der sich auch sonst dem Ortsteil und seinen Themen widmete. Artikel zu Moabit, den Meyerschen Höfen, Mietskasernen und Schlafgängern waren Teil seines kurzen Werks, das im Wesentlichen nur zwei Wochen im November 2004 dauerte, aber die Grundlagen wichtiger Artikel zur Berliner Sozialgeschichte legte. Ein Blick auf seine Benutzerseite zeigt auch den Geist der Wikipedia-Frühzeit: ''GNU rockt! Der König ist tod, lang lebe das Volk! Lang lebe die Anarchie des Netzes! Licht und Liebe''

Weiterer Ausbau erfolgte durch 87.123.84.64, auch zu wikipedianischen Urzeiten. Dann passierte 500 Edits und acht Jahre im Wesentlichen nichts – mal ein Halbsatz hier, mal die Hinzufügung von drei Bahnstrecken dort, Hinzufügen und Löschen von berühmten Persönlichkeiten bis im Dezember 2014 der erste heute noch aktive Wikipedianer hinzukommt: Fridolin freudenfett verpasst dem Artikel mit „Katastrophalen Artikel etwas verbessert)“ eine Generalüberholung.

Der Leopoldplatz; angelegt von Frerix, der in den immerhin fünf Jahren seiner Wikipedia-Aktivität nie auch nur eine Benutzerseite für nötig hielt und anscheinend auch in keine Diskussion verwickelt wurde.  Zu seinen wenigen Beiträgen gehören neben der Anlage des Leopoldplatzes auch noch die Anlage der englischen Stadt Sandhurst, die Anlage des Kreuzviertels in Münster und des Three Horses Biers. Dann war er/sie wieder weg. Mutter des Artikels ist hier aber 44Pinguine, die den heutigen Inhalt maßgeblich prägt und auch heute noch aktiv ist.

Da wäre das Wahrzeichen des Weddings. Die Alte Nazarethkirche. Der Artikel stammt vor allem von 62.246.210.30.

Alte Nazarethkirche 2

Bild: Leopoldplatz, Ev. Alte Nazarethkirche, 1832–35 von Karl Friedrich Schinkel von Schliwiju
Lizenz CC-BY-SA 4.0

Nichts war für die Entwicklung des Weddings wohl so entscheidend wie die Geschichte der AEG. Dieser Artikel stammte in seiner Frühzeit von WHell, engagiertem Wikifanten, mit ausführlicher Artikelliste und Diskussionsseite, der uns 2007 verließ. Der letzte Eintrag auf seiner Diskussionsseite war „Hallo WHell, ich möchte Dich als den Hauptautor darüber informieren, dass ich den Artikel John Bull (Lokomotive) in die Wiederwahl zum Exzellenten Artikel gestellt habe,“ Größere Beiträge zur WEG folgten in den späteren Jahren durch Peterobst – aktiv von Februar bis April 2006 vor allem mit Beiträgen zur Berliner Industriegeschichte, nach seiner Benutzerseite AEG-Kenner und in Arbeit an einem Buch über den Konzern. Es folgten 80.226.238.197, von Georg Slickers 2006 (auch heute noch aktiv, wenn auch recht unregelmäßig), Flibbertigibbet 2006 , 79.201.110.89 im Jahr 2008 und der unermüdlichen 44Pinguine. Weiter ausgebaut von Onkel Dittmeyer, aktiv von 2009 bis Juli 2015 in Technikthemen und vielleicht immer noch unter neuem Account? Begann seine Karrier mit der Nutzerseite „Hier ist Nichts und das soll so bleiben !“ und hielt sich im Wesentlichen daran.

Da ist der Volkspark Rehberge. Angelegt von Ramiro 2005, aktiv 2005/2006, vor allem zum Thema Fußball. Maßgeblich ausgebaut, umfassend überarbeitet 2007 von 84.190.89.208 und noch einmal 2010 stark erweitert von Katonka. Landschaftsplaner mit unregelmäßigen Edits zwischen 2009 und 2014, die Edits waren wenige, aber die Qualität war hoch.

LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin Mitte

Bild: LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin Mitte - Panoramabild auf die Wiesen des Volkspark Rehberge in Berlin, Wedding (Mitte). Von: Patrick Franke Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Neben diesen Verschwundenen tauchen glücklicherweise aber auch heute noch aktive Wikifanten auf. Immer wieder 44Pinguine und Fridolin freudenfett. Darüber hinaus Definitiv, Magadan, Flibbertigibbet und Jo.Fruechtnicht.

Die Artikel entstanden durch Wikifanten und IPs. Accounts mit nur einem Thema oder anderen, die über Jahre thematisch sprangen. Während in der Frühzeit aber viele verschiedene Accounts und IPs an den Artikel beteiligt waren, waren in den letzten Jahren deutlich weniger Menschen aktiv. Fast alle inhaltlichen Edits in den von mir angesehenen Artikeln verteilen sich auf 44Pinguine,  Fridolin freudenfett und Definitiv. Wikipedia wird kleiner und noch lebt sie. Aber wir können all‘ den Verschwundenen danken, die vor uns kamen.

Berlin celebrates old school #wikipedia15

14:36, Wednesday, 06 2018 June UTC

I still remember the time when real life meetings for Wikipedians were new and adventurous and a bit scary. Did one really want to meet these strange other people from the Internet? How would they be? Could they even talk in real life or would they just sit behind a laptop screen staring on it for hours?

My first meeting in Hamburg – THE first Wikipedia meeting in Hamburg - would consist of three people (Hi Anneke, Hi Baldhur!) sitting in a pub, and just waiting and seeing what would happen. These meetings were kind of improvised, in a pub, quite private and personal in nature and no talk about projects, collaborations, “the movement” whatever. Just Wikipedia and Wikipedians having a nice evening.

WP15 Germany Berlin 01
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

So what a fitting setting to celebrate this day in Berlin just the old school way. Half improvised, organized by our dearest local troll user:Schlesinger on a talk page, we met in a pub, it was not clear who would come and what would happen except some people having a good time.

And so It was. In the “Matzbach” in the heart of Berlin-Kreuzberg seven people promised to come, in the end we were almost twenty. Long time Wikipedians, long-time-no-see-Wikipedians, a Wikipedian active mostly in Polish and Afrikaans, some newbies and two and a half people from Wikimedia Deutschland. Veronica from Wikimedia Deutschland brought a tiny but wonderful home-baked cake, and we just talked and laughed, talked about history and future.  Actually, mostly we talked about future.

WP15 Germany Berlin 03
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

About the Wikipedian above 30, who has just started a new a university degree in archaeology, the question whether the Berlin community should have its own independent space, industrial beer, craft beer and the differences, the district of Berlin-Wedding, the temporary David-Bowie-memorial in Berlin-Schöneberg, the vending machine for fishing bait in Wedding, new pub meet-ups in the future, who should come to the open editing events, how to work better with libraries, colorful Wikipedians who weren’t there, looking for a new flat, whether perfectionism is helpful or rather not when planning something for Wikipedians, explaining Wikipedia to the newbie, the difficulties of cake-cutting and whatsoever.

No frustration, almost no talk about meta and politics, just Wikipedians interested in the world, Wikipedia and eager to be active in and for Wikipedia and with big plans for the future. Old school. So good.

WP15 Berlin Torte angeschnitten


Mensch-Maschine Braunschweig


Im ICE ist Deutschland. Der Zug fährt ein und hält. Das Schild am Gleis behauptet tapfer „Zugdurchfahrt“. Die Türen lassen sich öffnen. Am Zug steht nichts geschrieben, außer Wagennummern, die nicht zu den Reservierungen passen. Das Publikum bleibt irritiert. Etwa die Hälfte der Anwesenden geht in den Zug und bleibt im Wageninnern ratlos stehen. Die andere Hälfte steht ratlos am Bahnsteig. 

Schließlich: Lichter gehen an. Der Zug verkündet mittels seiner Anzeigen nun auch, nach Kassel zu fahren.  Eine Frau entschuldigt sich über die Lautsprecheranlage über die falschen Wagennummern, man solle ich immer zehn wegdenken „Also 22 statt der angezeigten 32.“

Ein Mensch mit re:publica-Bändchen am Arm verscheucht die ältere Dame ohne Reservierung von seinem Platz und liest den gedruckten Spiegel. Ich höre ein angeregtes Gespräch zwischen einem Musicaldarsteller und einer Abteilungsleiterin im Innenministerium, die sich gerade kennenlernen über, den relativen Wert von Musikgymnasien in Berlin. Geht es noch deutscher?

Illustration aus dem Buch ""Le tour du monde en quatre-vingts jours" Alphonse de Neuville & Léon Benett


Passenderweise habe ich ein entsprechendes Buch mitgenommen. Nils Minkmars „Mit dem Kopf durch die Welt.“ Das hat schon auf dem Cover ein ICE-Fenster und geht der Frage nach, was Deutschland bewegt. Minkmar lässt sich über deutsche Normalität aus. Der deutsche Ingenieur, lange Jahrzehnte Sinnbild der Normalität, sei nicht mehr normal. Minkmar erzählt aus seiner französisch-deutschen Kindheit:


„Meine Mutter nannte dann immer eine Berufsgruppe, die uns besonders fern war, nämlich les ingenieurs. Wir waren in Deutschland […] und das ganze frisch aufgebaute Land ruhte auf Säulen, die les ingenieurs berechnet, gegossen und zum Schluss noch festgedübelt hatten. […] Viele Jahre später sollte ich die Gelegenheit haben, diese seltene Spezies besser studieren zu können. Sie saßen direkt hinter mir, zwei ausgewachsene Exemplare: Ingenieure, Familienväter, auf der Rückfahrt von einer Dienstreise. Sie plauderten über die sich verändernden Zeiten. […] Fernsehen, Marken, Politiker, auf keinem Gebiet fanden sich diese beiden braven Männer wieder, alles zu grell und bunt, zu aufgeregt. Ihre spezifischen Werte und Tugenden, Sorgfalt und diese stille Freude an der eigenen Biederkeit, das alles war an den Rand gerückt. Ingenieure waren nun Exzentriker. […] Diese Männer fanden sich kulturell kaum zurecht.“

Wenn „der deutsche Ingenieur“ nicht mehr normal in Deutschland ist, sind es jetzt Ministerialbeamtinnen und Musicaldarsteller?




Forschung Maschinenbau Braunschweig


Minkmar war noch nicht in Braunschweig. Oder Braunschweig ist nicht normal. Da steige ich harmlos aus dem Zug und die Stadt schlägt mir „Deutscher Ingenieur“ rechts und links um die Ohren. Braunschweig hebt das Thema "autogerechte Stadt" in Höhen, die selbst mir als gebürtigem Hannoveraner unerreichbar schienen.

Braunschweig. Bahnhofsvorplatz.


VW ist daran beteiligt, ist klar in der Gegend. Aber nicht nur. Ich wandelte also Freitagabend gegen 21 Uhr auf der Suche nach einem Wegbier durch das verlassene Braunschweig, passierte die Stadthalle und wurde prompt begrüßt mit „Tag des Maschinenbaus. Herzlich Willkommen.“



Vor allem aber  fiel mir bei diesem Wandeln auf, wie unglaublich gepflegt diese Stadt aussieht. Ich erblickte  keine einzige Kippe auf dem Weg. Selbst die Großbaustelle, über die irrte, wirkte irgendwie aufgeräumt. Viel verwunderlicher war, dass selbst die in Braunschweig reichlich vorhandenen 1970er-Großbauten gepflegt und sorgsam hergerichtet wirkten. Die Stadthalle selber, offensichtlicher spät 1960er/früh 1970er-Stil wirkte besser gepflegt als Berliner Gebäude nach zwei Jahren. Die Wege und Lampen darum herum: offensichtlich keine zehn Jahre alt. Sie wirkten wie frisch aus der Packung genommen.

Wegbier. In Braunschweig nur schwerlich aufzutreiben, dann aber stilgerecht,


Selbst die Schwimmbäder sind alle gepflegt(*), alle haben gleichzeitig geöffnet und keines ist aus obskuren Gründen gesperrt. Da spielt nicht nur bürgerschaftliches Engagement eine Rolle, sondern offensichtlich ist auch Geld vorhanden.

Auf dem Hotelzimmer, noch so ein sehr gut gepflegter und hergerichteter Bau, der einem „1970er!“ ästhetisch schon ins Gesicht schreit, mit dem Hotel-Wlan (7 Tage, 7 Geräte) nachlesend, wie das nun ist mit Braunschweig. Bekanntes taucht beim Nachlesen auf: Die physikalische-technische Bundesanstalt mit der Atomuhr; geahntes lese ich (Volkswagen – hey, das ist Niedersachsen und die Technische Universität existiert ja auch) und nicht bekanntes:

„Im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) verfügt die Region Braunschweig über die höchste Wissenschaftlerdichte,[103] im bundesweiten Vergleich über eine hohe Ingenieurquote[104] sowie über die höchste Intensität auf dem Gebiet der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In der Region Braunschweig arbeiten und forschen mehr als 16.000 Menschen aus über 80 Ländern[105] in 27 Forschungseinrichtungen sowie 20.000 Beschäftigte in 250 Unternehmen der Hochtechnologie[106]“

Dazu noch „Braunschweig ist die Stadt mit der niedrigsten Verschuldung Deutschlands.“ Und nach einer obskuren EU-Rangliste ist Braunschweig  die innovationsfreudigste Region der EU vor Westschweden und Stuttgart. Hier lebt der deutsche Ingenieur. Hier lebt die deutsche Technik. Was für ein passender Ort für Jules Verne.


Jules Verne


Jules Verne; französischer Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts und vor allem bekannt als "Vater der Science Fiction." Von seinem vielfältigen Werk sind vor allem die Abenteuer-Techno-Knaller wie Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, die Reise Von der Erde zum Mond oder die Reise zum Mittelpunkt der Erde bekannt. Wikipedia und die Deutsche Jules-Verne-Gesellschaft hatten ein gemeinsames Wochenende organisiert mit einer Tagung zu Jules Verne und Gesprächen zu Wikipedia.

Volker Dehs bestreitet das halbe Programm


Jules Verne, mir vor allem bekannt durch vage Erinnerungen an den 1954er Nemo-Film, Weiß-orange Taschenbücher und einen blau eingebunden Robur-Roman, der mich verstörte, weil er so anders war als die großen mir bekannten Abenteuerromane von Jules Verne. Warum ich überhaupt fuhr: Intuition. Ich hätte nur schwerlich begründen können, was genau mich reizte, aber die Mischung aus Vertrauen in die Veranstalter, Science Fiction und Neugier auf diese andere niedersächsische Stadt nach Hannover, trieben mich dorthin.

Verne selber gilt als Begründer Science Fiction. Und so bringt er als Autor frankophile Literaten und Groschenromanfans, Ingenieure und Naturwissenschaftler zusammen. Besessene Bibliographen waren Thema und Anwesend, ebenso wie die phantastische Bibliothek in Wetzlar – die Mischung der Jules-Verne-Aktiven unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Mischung der Wikipedia-Aktiven. Die Perspektiven, aus denen Verne hier unter die Lupe genommen wurden, waren vielgestaltiger als sie es in der Literatur sonst sind. Faszinierend hier war die Neigung unterschiedlicher und leicht besessener Menschen sich zu einem Thema auseinanderzusetzen.

Haus der Braunschweigischen Stiftungen - Veranstaltungsort.



Dementsprechend hatte der Veranstalter, der Wikipedia-Autor Brunswyk das Programm gestaltet: ist Verne eher katholisch oder eher laizistisch? Kam der Wille zur Aufklärung in seinen Büchern durch seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel hinein, während auf Verne eher zurückgeht, dass alles menschliche Streben gegenüber der göttlichen Macht sinnlos bleibt? Wen inspirierte er? Ist es eine sinnvolle Frage, dem nachzugehen, welche seiner Voraussagen, sich bewahrheiten? Dazu kamen dann noch Exkursionen zu Friedrich Gerstäcker, Fenimore Cooper, die Ingenieure, die ihre U-Boote dann nach Jules Verne „Nautilus“ nannten – und stark von diesem beeinflusst waren

Für mich brachte das Treffen interessante Erkenntnisse, wie die Tatsache, dass Verne immer Theaterautor oder – produzent werden wollte und wie sehr der Katholizismus sein Denken beeinflusste. Romancier war er eher gezwungenermaßen – und verdiente mit seinen zwei erfolgreichen Theaterstücken in seinem Leben ein Viertel so viel Geld wie mit etwa 80 bis 100 Romanen.

Interessant das Rätseln aller Anwesenden, warum Vernes Roman "der Grüne Strahl" so ein kommerzieller Erfolg war, was niemand der Anwesenden nachvollziehen konnte. Und dann eine Dreiviertelstunde später kam die Bemerkung in einem anderen Zusammenhang, dass "der Grüne Strahl" quasi Vernes einziges Buch mit einer weiblichen Hauptfigur war. Ich ahne einen Zusammenhang, Update: Es kam wie es kommen musst. Da denke ich mal, ich habe etwas entdeckt, dabei habe ich nur etwas falsch verstanden. Tatsächlich ist Der Grüne Strahl nicht das einzige Werk mit einer Protagonistin. Das prägnanteste Buch ist dabei Mistress Branican, da hier die Titelfigur die komplette Handlung quasi im Alleingang bestreitet. Aber auch in anderen Büchern spielen Frauen eine wichtige Rolle (und dieser Umstand war Jules Verne sogar so wichtig, dass er in Interviews darauf hinwies): Die Kinder des Kapitän Grant, Nord gegen Süd, Reise um die Erde in 80 Tagen, Das Lotterielos ... und einige mehr.

Für mich neu war die Erkenntnis, dass ein Großteil von Vernes Werk gar nicht in den Bereich Science Fiction gehört, sondern es (fiktive) Reisebeschreibungen sind. Und selbst dort wo Verne Maschinen und phantastische Gerätschaften erfindet, dienen diese vor allem dem Zweck zu reisen.

Und jetzt recherchiere ich, natürlich, zum Grünen Strahl.

Die Phantastische Bibliothek


Meine beiden Programmhighlights beschäftigten sich nur mittelbar mit Jules Verne. Sie kamen von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar: zum einen der Rückblick von Thomas Le Blanc auf Wolfgang Thadewald. Den großen Phantastik- und Jules-Verne-Sammler. Thadewald verstarb 2014. Er lebte in Langenhagen. Mehrere der Anwesenden hatten ihn noch persönlich gekannt. Und die Schilderung seiner Sammlertätigkeit, seiner Liebe zu Büchern und zu Menschen, aber auch die Besessenheit mit der Thadewald an ein Thema heranging und auch von Krankheit schon schwer gekennzeichnet das Arbeiten an Bibliographien nicht lassen konnte – es ließ sich nicht anders beschreiben als bewegend. Sicher war dieser Vortrag mein emotionaler Vortrag des Programms.

Wer auch immer aber auf die Idee kam, den Vortrag von Klaudia Seibel zu Future Life: Wie (nicht nur) Jules Verne dabei hilft, die Zukunft zu gestalten an Ende der Konferenz zu legen: Chapeau! Das Projekt ist, kurz gesagt, ein Projekt der Phantastischen Bibliothek. Die stellt zu bestimmten Themen Dossiers zusammen, wie Science-Fiction-Autoren sie sich vorstellen. Die Berichte  werden manchmal von öffentlichen Stellen, öfter von Großunternehmen bestellt, die damit selber zukunftsfähig werden wollen und in die Zukunft denken.

So als Beispiel: Nanotechnische Ideen in der Science Fiction



Wobei Auftraggeber von Staats wegen selten sind. Die meisten Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. Die allerdings meist gleich umfangreiche Verschwiegenheitsklauseln verlangt, weshalb die Phantastische Bibliothek da wenig zu sagen kann.

Da haben also Autoren und Mitarbeiter der Bibliothek ein profundes Wissen über die Science-Fiction-Literatur und die größte Bibliothek ihrer Art im Hintergrund und seit mittlerweile einigen Jahren eine große Datenbank aufgebaut, was Autoren zu verschiedenen Themen schreiben.

Als jemand, der ich selbst weiß, wie viele Situationen ich durch gelesene Bücher interpretiere – Bilder aus diesen Büchern im Hinterkopf habe und mir immer wieder mal sagen muss, dass ein Roman nur bedingt real ist, glaube ich sofort, dass es nichts gibt, was so sehr Denkprozesse auslösen und Kreativität triggern kann, wie Romane. Der befreit das Hirn gerade vom strikt logisch-folgerichtigen Denken, verrückt die Perspektive etwas nach links oder oben, und schon öffnen sich vollkommen neue Gedankenwege. Die Idee ist so brillant, dass es überraschend ist, dass sie wirklich angenommen wird. Anscheinend wird sie das.


Mensch Maschine Normal


Und nachdem ich dann wieder im Zug saß und das erste Handy-Ticket meines Lebens gekauft hatte, fragte ich mich wieder. Ist diese Stadt – die mir in vieler Hinsicht – so unfassbar „normal“ vorkommt, vielleicht die große Ausnahme? Sind die Musicaldarsteller, die mit „dem Alex“ [Alexander Klaws] telefonieren, normal? Die Menschen im Ministerium? Die größten Jules-Verne-Experten des Landes, die alle noch einen anderen Brotjob haben? Oder eher die Normalität vieler Menschen, die darin besteht, am Ende des Monats zu überlegen, wie denn die letzten 10 Tage mit dem leeren Konto noch überbrückt werden können?





Brauschweig ist die verstädterte Mensch-Maschine-Kopplung. In seiner Normalität sicher schon wieder ein Ausnahmefall in Deutschland. Aber ich sah die Zukunft: sie sitzt in einer Bibliothek in Wetzlar und liest Science-Fiction-Romane.

Weiterlesen


Mit Wikipedianern kann man nicht nur Verne lesen, sondern auch Cocktails mischen: Ramos Gin Fizz für die Enzyklopädie.

Oder man läuft mit Wikipedianern durch den Wedding:Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Mehr zu Future Life bei der phantastischen Bibliothek: Future Life. 

Zum Jules-Verne-Club

Die Wikipedia-Seiten zur Veranstaltung: Wikipedia:Wiki Loves Jules Verne

Beiträge zur Veranstaltung im Wikipedia-Kurier und im Blog von Wikimedia Deutschland.

Der grüne Strahl im Gesamttext bei zeno.org: Der grüne Strahl

Alle Iberty-Posts zur Kultur stehen unter: Kultur in Iberty!

Anmerkungen


Auch zu Schwimmbädern ein schönes Minkmar-Zitat aus dem Mit-dem-Kopf-durch-die-Welt.Buch:

„Nichts gegen das große Geld und die wenigen, die es genießen können, aber die Stärke mitteleuropäischer Gesellschaften liegt gerade in der Mischung. Für Reiche ist es in Singapur, Russland und Malaysia ideal. […]Glaspaläste und Shopping Malls gibt es auf der ganzen Welt, bald vermutlich auch unter Wasser und auf dem Mond. Öffentliche Freibäder, Stadtteilfeste oder Fußgängerzonen, in denen sich Reiche und Arme, Helle und Dunkle, Christen und Muslime mit ihren Kindern vergnügen und drängeln, gibt es nur hier. Ich fand es immer erstaunlich, dass es in Algerien beispielsweise keine öffentlichen Schwimmbäder gibt oder dass man in den USA oder in Brasilien Mitglied in einem Club werden muss. Das ist eine teure und in vieler Hinsicht sozial sehr voraussetzungsreiche Angelegenheit, nur um mit den Kindern mal schwimmen zu gehen, es sei denn natürlich, jeder hat seinen eigenen Pool im Garten, was, für mich zumindest, wie eine Definition von struktureller Langeweile klingt.“ (s. 104)

Reisen mit WP: Schloßhotel Karlsruhe

10:27, Sunday, 27 2018 May UTC

Für Wikipedia/Wikimedia reise ich mehrmals pro Jahr durch die Gegend. Dabei muss ich muss ich natürlich auch irgendwo übernachten. Daraus entstand diese Serie.

Die Frühlings-Mitgliederversammlung des Vereins fand diese Jahr in Karlsruhe statt. Die Geschäftsstelle quartierte uns dafür im Schloßhotel Karlsruhe ein. Das Schloßhotel liegt direkt am Bahnhof bzw. am Zoo. Warum die Deutsche Bahn glaubte mich für die max. 200m zwischen Bahnhof und Hotel mit dem Bus fahren zu müssen (beim Rückweg sogar mit 1x Umsteigen) wird für ewig ihr Geheimnis bleiben.

Die Aufmachung des Hotels ist so edel wie der Name klingt. Ein repräsentativer Bau aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Das merkt man auch gleich, wenn man den Aufzug betritt: Er ist ein Denkmal und stammt von 1914. Hohe Räume und Teppichboden fanden sich überall. Die Preise des Hotelrestaurants ließen schlucken, auch wenn die Beschreibung der Gerichte sehr gut klang.

Am Empfang war nichts los und so kam ich direkt dran. Der Zutritt zu den Zimmern wird über Nearfunk Chipkarten gelöst: Hat den Vorteil das man keinen Schlüssel mit sich herumschleppen muss. Das Zimmer war schön eingerichtet: Bett, Schranknische, Schreibtisch, Stuhl, Hocker und Sessel. Das Zimmer war vollklimatisiert, verfügte aber trotzdem über einen großen Heizkörper und man konnte das Fenster – vom Typ französischer Balkon – öffnen. Leider war die Straße vor meinem Zimmer so laut das mit offenem Fenster zu schlafen kein Option war – zum Lüftern aber durchaus geeignet.

Das Bett kam mir etwas schmäler als normal vor, war aber durchaus ok. Ein großes und ein kleines Kissen warteten bereits auf mich. Laut Zimmermappe können diverse andere Kissen dazubestellt werden; auf Wunsch kann auch die Bettwäsche täglich gewechselt werden.

Das Bad scheint ein Teilnehmer um den Preis für die kleinste Bad-Grundfläche zu sein. In den ca. 1,5x1,5m großen Raum wurden eine Dusche, ein WC und ein kleines Waschbecken gequetscht – die Tür ließ sich dabei nur halb öffnen und blieb dann an der Klöschüssel hängen. Bei der letzten Modernisierung wurde die die Duscharmatur wohl falsch herum angeschlossen: Ein Schild weißt auf die Vertauschung hin.

Das Zimmermädchen kommt früh – für meine Verhältnisse zu früh. Am Samstag wollte man schon gegen 9:30 saubermachen: Da lag ich noch im Bett. Als ich am Abend ins Hotel zurück kam, war mein Zimmer aber gereinigt worden. Am Sonntag hatte ich vorsichtshalber das Bitte-nicht-stören-Schild an die Türklinke gehängt – als ich gegen 10:45 das Zimmer zum Auschecken verließ war der Herr von der Zimmerreinigung schon da.

Das Frühstück war auch am Wochenende nur bis 10 Uhr. Für mich war die Auswahl mehr als ausreichend: Verschiedene Arten von Brötchen (auch Sesambrötchen), der übliche Wurstaufschnitt, Käse, Cornflakes und die üblichen Frühstück-Getränke eben.

Das Personal, mit dem ich gesprochen habe, war freundlichen und hilfsbereit.

Alles in Allem kann ich mit dem Aufenthalt nur zufrieden sein. Kann WMDE wieder buchen.

Berlin ist groß; deutlich größer als alle anderen deutschen Städte. Berlin bietet seinen Bewohnerinnen und Bewohnern immer wieder neue Straßen, Stadtviertel und ganze Bezirke von denen sie noch nie gehört haben. So fand sich dann vor 10 Jahren eine Gruppe Wikipedistas zusammen, die im Rahmen der KNORKE-Touren Berlin erkundete. (Für mehr Hintergrund, hier der Iberty-Artikel) Einige oder viele Wikipedianer treffen sich, neugierig auf die Stadt um sie herum und erkunden sie. Die Treffen finden dabei unregelmäßig statt. Mal sind sie monatlich, mal alle anderthalb Jahre.

Im Januar 2016 traf sich die erste KNORKE-Runde nach über einem Jahr Pause seit zur Tour entlang der Müllerstraße, dem „Ku’damm des Weddings“. Vom Startpunkt aus, dem Angelgeschäft Koss, beziehungsweise dessen Madenautomaten, ging es weiter zu Gänsen, Enten und Schweinen in der Kinderfarm Wedding. Leider überlebten die Maden im Sägemehl nicht den Gang bis zu den Enten und konnten so nicht mehr als Futterspende dienen. Zwischendurch warfen wir einen Blick auf den Abenteuerspielplatz Telux, laut einem der Knorkisten der erste Abenteuerspielplatz Deutschlands.[citation needed]

Wedding Automatenmaden
Berlin-Weddinger Automatenmaden.

Nach dem Besuch der Schweineställe in der Kinderfarm folgte die Innenbesichtigung des Ernst-Reuter-Hauses mit kurzem Blick auf den Biergarten Eschenbräu, bevor es nach Süden Richtung Bayer Health Care (ehemals : Schering) ging. Am Beispiel des Schering-Parkhauses erörterten wir die Existenz der "brutalism appreciation society" und diskutierten die Frage ob Bauwerken des Brutalismus die Fassadengestaltung mit knalligen Farben eher nutzt oder schadet. An der Dankeskirche am Weddingplatz lebten die wilden Zeiten des Roten Weddings wieder auf, Erich Kästner verewigte den Platz mit seinen wilden Straßenschlachten in seinem Roman Fabian.

Berlin Wedding bayer parkhaus 14.11.2015 13-40-01
Ein Fall fur die brutalism appreciation society.

Danach ging es an der Panke entlang zu einem der ungeplanten Höhepunkte der Tour: dem Tanz auf dem Guglhupf. Das Kunstwerk mit dem offiziellen Namen „Tanz auf dem Vulkan“, das offensichtlich von einer engagierten Kunststudentin im ersten Semester geschaffen wurde, regte auf jeden Fall zur intensiven Diskussion an.

Nachdem einem Blick auf das Stadtbad/Stattbad Wedding - das wegen des Brandschutzes geschlossen werden musste - überlegten wir wann es dem Krematorium Wedding wohl genauso geht. Beide Sightseeingpunkte wurden noch mit Geschichten der jetzigen und ehemaligen Bewohner des Weddings abgerundet. Schnee und Kälte zwangen uns dann zu einem Kaffeestop in einem der zahlreichen inhabergeführten migrantischen Geschäfte der Müllerstraße.

Tanz auf dem guglhupf
Kunst im öffentlichen Raum. Der Tanz auf dem Guglhupf.

Dann noch schnell ein Schinkel-Bau, am interkulturellen Garten Himmelbeet die Überlegung ob es ein nicht nur eines Lokals B in Berlin bedarf, sondern auch eines Lokalen Beets B, noch schnell eine weitere Kirche abgehakt, das Rathaus Wedding auf dem ehemaligen Gelände von Onkel Pelles Rummelplatz - auch dieser mit einer Würdigung durch Kästner. Ob die neu eraute Schiller-Bibliothek schick war oder eher nicht, daran schieden sich die Geister. Am Platz des unscheinbaren AOK-Gebäudes erbargen sich die Pharus-Säle, einst das "Wohnzimmer der KPD" im Wedding und die Schiller-Bibliothek. Abschluss für die frierende Gruppe dann schließlich beim exzellenten "Rebel Burger" mit Coleslaw, Pommes-Twister im stilechten denkmalgeschützten 50er-Jahre-Kiosk. KNORKE kommt wieder. Im Jahr 2016 bestimmt.

Krematorium wedding
This is friend is not the end (anymore): Das ehemalige Krematorium Wedding

Resist to Exist - The Kids are alright

15:15, Wednesday, 16 2018 May UTC


Nach Wacken geht’s zum Kacken.
Der Antifaschist fährt zum Resist.
Auch wenn es pisst. (Henne, Sänger von Rawside)

Junge Männer klettern auf den Bühnenzaun, schwenken die Fahne der Antifaschistischen Aktion. Die Ordnerin mit Union-Berlin-Käppi rennt herbei, versucht sie wieder herunter zu bewegen. Die dünne junge Frau mit der Rockabilly-Frisur, den Docs und dem „No Pasaran“-Tattoo bindet sich derweil die Haare, während zwei andere junge Frauen mit blonden bzw. blauen Haaren dem Typ mit dem halbnackten Oberkörper Schlamm ins Gesicht schmieren. Auf der Bühne rührt ein Russe mit Eishockeytorwartmaske, weißen Markenturnschuhen (wie hat er die in diesem Schlamm so weiß gehalten) irgendwas über Widerstand.

Nebenan, im Kuhstall, die Punks in den Polizeiuniformen, lassen es sich im Backstagebereich gutgehen.  Verkaufsstände verkaufen „NZS BXN!“-T-Shirts, der Drugstore von der Potse in Berlin Schöneberg verkauft Solischnapps und die tschechische Antifa hat einen eigenen Merchandise-Stand.
Willkommen im Dorfe in Brandenburg.




Resist to Exist, existiert seit 2003. 2.500 Punks und Freunde aus Deutschland und Europa hören Punk, Hardcore, Streetcore, HC-Rap und Ska. Ursprünglich aus Berlin-Marzahn,  findet das Festival mittlerweile in Kremmen statt: 3000 Einwohner, zwischen Berlin und Neuruppin, umgeben von Rhinluch mit Kremmener See, Schloss Schwante, Schloss Grossziethen, viel Lehm, viel Sand ein wenig Wald, ein Spargelhof und ein Selbstpflücker-Gemüsefeld.


Leicht touristisch erschlossen, aber dann auch ein Brandenburger Kleinstädtchen mit einer Kirche, einer Stadtbibliothek die Dienstags und Donnerstags einige Stunden geöffnet hat. Das größte Ereignis im Kremmener Jahr ist das Erntefest mit Traktorparade. Und hier: Punks. Mehrere tausend, so viele wie ich sie zuletzt bei den Chaostagen 1994 sah. Antifas in Mengen, die mich an Großdemos in der sächsischen Provinz um die Jahrtausendwende erinnern. Und in der Nähe liegt unser Kleinsttierzoo/Garten.




2016 im August


Es war letztes Jahr im August. Friedlich im Garten Buttermilch-Margaritas trinkend hörten wir trommeln und röhren. So vage von gegenüber? War die Tochter der Nachbarin mal wieder da und hörte jetzt bei voller Lautstärke im Zimmer Tote Hosen? Nachdem es nach drei Stunden nicht besser geworden war, begannen wir uns Sorgen zu machen – nicht dass die Tochter mittlerweile taub geworden war. Wir wandelten die Straße entlang, auf der Suche nach der Geräuschquelle. Am Ende der Straße. Alles unverändert. Okay, die Geräuschquelle ist von wesentlich weiter weg,  dann aber wohl sehr laut.
.


Deutschpunk? Nazirock? Die Musikrichtung ist, wenn man nur die Drums hört und ein unspezifisches Gebrüll des Sängers, nicht immer leicht zu unterscheiden. Und in Brandenburg auf dem Dorfe? Die Musik kommt vage aus Richtung Kremmen. Ein Ort, der sich musikalisch bisher dadurch hervortat, dass in der "Musikantenscheune" der Brandenburger Landesparteitag der AfD stattfand. Lässt sich was zum Konzert googeln?



Madame fand etwas in Kremmen: Resist to Exist, die Bands kannte sie alle nicht, uneindeutig. Ich schaute. Okay, Sham69, Total Chaos. Das ist kein Nazirock. Aber Oi? So in der Brandenburger Provinz geht vieles. Zweiter Blick: Rasta Knast, Fuckin‘ Faces, Distemper,  ganz sicher kein Nazirock. Eher im Gegenteil. Klingt spannend. Aber ein paar der Bands waren ja schon alt als ich noch jung war. Eine Traditionsveranstaltung? Egal, es gilt Lehmberge zu versetzen, keine Zeit für.Festivals, die eh schon halb vorbei sind. .

2017 


Es ließ mich nicht das ganze Jahr über nicht los. Die Bands klangen spannend. Der Lehmberg ist mittlerweile versetzt. Das Lineup 2017 ist meins. Ach, Rawside, war auch meine Jugend und ist mittlerweile ein Kandidat für Nostalgietreffen; aber die waren hammergeil. Und viele Bands kenne ich nicht. Vielleicht sind die U40. Klingt so. Das sieht groß aus, das sieht cool aus. Ich will da hin. Aber nur als Besucher? Langweilig. Wenn, dann richtig. Eintritte für Konzerte habe ich schon 1998 nicht mehr bezahlt. Gut, dass es diese Internetenzyklopädie gibt.


Der Wikipedia-Festivalsommer


Der Festivalsommer der Wikipedia existiert seit 2013: Wikipedianerinnen und Wikipedianer gehen auf Festivals, die Wikipedia-Spendengelder sorgen dafür, dass es auch professionelles Fotoequipment gibt. Danach laden die Beteiligten Fotos von Festivals und Bands unter Freier Lizenz auf Wikipedia. Mittlerweile entstand eine hohe fünfstellige Zahl an Fotos von über 1.200 Bandauftritten und knapp 100 Artikel über Festivals und Bands. Alles ehrenamtlich, alles DIY, in der Form sehr anders als das Resist im Spirit aber noch so weit voneinander entfernt. Da nehme ich Teil, schieße Fotos, schreibe einige Artikel (das Festival hat noch keinen, diverse relevante Bands auch noch nicht) und laufe durch den Matsch.



Das Resist


Das Resist entstand in Marzahn. Marzahn in den 1990ern war kein angenehmer Ort, wenn man links war. Nazis rannten dort einige herum und die waren wenig zimperlich in ihren Methoden. Punks und Linke - die es in Marzahn immer gab und gibt - trafen sich im geschützten Biesdorfer Park. Bis das Ordnungsamt das nicht mehr wollte und mit massiven Polizeieinsätzen begann zu räumen. Es gründete sich "Resist to Exist" und ein Soli-Festival. In Marzahn ist das Festival nicht mehr, dafür ist es schöner und größer als zuvor.



Die Resistenten mussten mehrfach den Veranstaltungsort wechseln und sind seit 2016 in Kremmen gelandet. Was spontan und ungeplant begann, ist mittlerweile ein eigener Verein, eine Vorbereitung, die fast das ganze Jahre über läuft und trotzdem die Verrückten immer noch alles ehrenamtlich machen, mittlerweile reichlich professionell.



Mehrere tausend Besucher im Jahr, das „größte Festival für DIY-Punk und artverwandtes.“ Autokennzeichen sah ich aus ganz, der Schweiz (u.a. am stylischen schwarzen Anarcho-Wohnmobil), Österreich, Italien, Polen, Tschechien, Berlin, Hamburg, Sachsen und natürlich ganz Deutschland. Das Festival ist bis heute ehrenamtlich organisiert, von einem Verein getragen, und wird größer und größer und professioneller. Anscheinend, für mich – hoffentlich! – bleibt es in Kremmen.


Das Resist 2017


2017. Das Jahr des großen Regens. Dauerregen, Starkregen, Dauerstarkregen. Ich genoss den Luxus des nahegelegenen Bungalows, kam erst nach dem Regen aber zum großen Schlamm. Hinter dem Kremmener Bahnhof gleich rechts, die Feldstraße entlang. Die ersten Punks sind auf dem Weg, meist schlammverspritzt, oft Barfuss. Drei freundliche Jungs im Campingstuhl winken mich irgendwo auf die Wiese zum Parken, neben mir ein Bully mit kleinem Vorzelt. Ein längerer Fußweg. Vorbei an vielen Zelten und Strohballen. Durch die „Winterfütterungsanlage für Mutterkühe“ hindurch, die auch als Backstage dient.



Dann das Festival. Menschen! In Massen! Unbeeindruckt vom Schlamm, sich damit bewerfend, auf Hügel ausweichend. Haarfarben in allen Farbtönen. Die AFD und NZS sind hier nicht beliebt! Bier natürlich. Antifa-Merchandise. Auf der Bühne eine Band in Polizeiuniformen, die über Punks lästert. Das Publikum hat Spaß. Das Publikum: Mein Gott, sind die alle jung. Sehr weiblich auch noch. Nichts mit Traditionsveranstaltung. Nichts mit Alte-Männer-fahren-zum-Camping wie in Wacken. Die Szene lebt. Ist politisch. Die Bands sind politisch. Fast fühle ich mich als ältester Anwesender.  Zum Glück gibt es noch eine handvoll Festivalbesucher, die ihre Originalkuttern von 1977 spazierenführen. Aber nicht viele. Jugend. Mit Energie. Sehr wenig Handies, fast niemand, der auf sein Handy schaut, sehr wenige Leute am Fotografieren, sehr viele Leute am Spaß haben.



Auch der Pressegraben bleibt leer. Wir sind eine handvoll Leute, die versuchen die schlimmsten Pfützen zum umgehen und nicht all zu sehr mit Schlamm beworfen zu werden. Auf der Bühne Siberian Meat Grinder. Sieht geil aus. Aber ich verstehe kein Wort – habe später zu Hause noch mal Videos geschaut, verstehe immer noch kein Wort –aber sie geben coole Interviews. Und ich mag die Musik.

The Kids are alright

Nix mit Traditionsveranstaltung. Junge, politische Menschen mit DIY-Ethos, Hammerbands, viel Spaß, wenig Handies, friedlich und doch entschlossen. Ihr seid super.

Weiteres

Für mehr Hintergrundinformationen gibt es hier und hier Interviews mit den Machern des RTEs. Hier bei Uglypunk.  Der Wikipedia-Artikel ist noch in Arbeit.

Das Festival selbst hat ein umfängliches Archiv über all’die letzten Jahre

Schöne kommentierte Fotostrecke bei Bierschinken.net: Resist to Exist Tag 2

Geradezu niedlich war es wie die Lokalzeitungen über das Treffen der Punker berichteten. Durchaus sympathisch und sympathisierend, aber der kulturele Abgrund den es zu überbrücken galt, war groß. Kein Wunder, dass sich die Zeitungen ganz besonders über das Festivalbaby Silas freuten, das auf dem Festival geboren wurde. "Festival-Baby Silas ist wohlauf."


No Way Back

Und zum Schluss:




Pokémon in der Wikipedia

12:09, Saturday, 03 2018 March UTC

Pikachu ist ein Pokémon. Nein, Pikachu ist DAS Pokémon. Oder, um es im Wikipedia-deutsch zu sagen:

Das Pikachu (jap. ピカチュウ, Pikachū) ist ein fiktives Wesen und das bekannteste Pokémon aus den gleichnamigen Videospielen der japanischen Spielesoftwarefirma Game Freak, sowie eine Kernfigur im zugehörigen Anime. [...] Japanische Forscher des Osaka Bioscience Institute benannten nach dem Pokémon ein neu entdecktes Protein, Pikachurin, welchem eine Rolle beim Bewegungssehen zugeschrieben wird.

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Bild: Ana.b747.pokemon.arp.750pix Von: Adrian Pingstone Lizenz: Public Domain. Warning: One or more elements in this image are protected by copyrightSome parts of this file are not fully free but believed to be de minimis for this work. Derivatives of this file which focus more on the non-free element(s) may not qualify as de minimis and may be copyright violations. As a direct consequence it might be needed to review the copyright status if you crop the picture.

Außerdem ist Pikachu sehr gelb, sehr niedlich und vermutlich das einzige Pokémon, das auch viele Nicht-Spieler kennen. Pikachu wird seit mittlerweile 11 Jahren in seinem eigenen Wikipedia-Artikel vorgestellt. Pikachu begann sein deutsches Wikipedialeben am 25. Februar 2005.



Pikachu im Jahr 2005


Die damalige Beschreibung in der Wikipedia lautete:

Pikachu (ピカチュウ Pikachu) ist ein sogenanntes Pokémon aus den gleichnamigen Computerspielen der japanischen Spielesoftwarefirma GAME FREAK inc., sowie dem dazugehörigen Anime. Pikachu stellt eine Art Maus dar und besitzt überwiegend elektrische Fähigkeiten.  (Blitze schleudern, etc.) – es gehört deswegen zum Pokémon-Typ Elektro. Seine interne Pokémon-Nummer ist 156 (25 nach alter Zählung).
Damit dauerte es immerhin drei Jahre bis auf den Pokémon-Artikel von 2002 der Pikachu-Artikel folgte. Die Entwicklung des Artikelinhalts von 2005 bis 2016 gestaltete sich typisch für einen Wikipedia-Artikel. Weg von spielinternen Informationen "Blitze schleudern", hin zu Informationen, mit denen auch Außenstehenden etwas anfangen können, wie beispielsweise, die Information über das nach Pikachu benannte ein Protein. Es wird deutlicher, warum Pikachu eine Bedeutung über die enge Pokémon-Welt hinaus hat. 

Es kann nur eines geben


Pikachu bleibt bis heute das einzige Pokémon, der in einem deutschen Wikipedia-Artikel beschrieben wird, weil nach Meinung der deutschen Wikipedianer kein anderes Pokémon die enge Welt des Spielekosmos verlassen hat. Ansonsten blieben Detailinformationen zu den verschiedenen Pokémon-Varianten dort, wo sie die deutsche Wikipedia am liebsten hat. Im - viel zu langen und komplett unlesbaren - Hauptartikel zu Pokémon an sich.

Selbst die "Liste der Pokémon" brauchte acht Jahre vom Entstehen des Pokémon-Artikels bevor sie seit 2010 in der deutschen Wikipedia bestehen blieb. Nicht, dass es nicht Leute versucht hätten und sich die Liste nicht zwischenzeitlich in den Jahren von 2002 bis 2010 immer mal wieder einige Monate halten konnte. Aber sie fiel dann stets einem Löschantrag zum Opfer.

Die erste Löschdiskussion der Liste im Mai 2006 war dramatisch.:

* "Fangeschwurbel", 
* "Wikipedia ist keine Sammlung fiktiver Nerv-Monster", 
* "Gibt es irgendeinen Mehrwert gegenüber der Pokémon-Wiki außer den Pseudoerklärungen des Namens?", 
*"löschen und nirgends einarbeiten, es wird doch wohl genügend Pokemon-Fanseiten im www geben, die solche Listen führen können."

gegen

* "die Informationen machen den Pokémon-Artikel zu lang", 
* "wichtiges Medium um junge Leser an die Enzyklopädie heranzuführen" 
* "hat Zusatzinformationen wie einzelne Namen".

2006 wurde die Liste gelöscht. Vier Jahre nach dieser Löschdiskussion hat sich die Wikipedia anders entschieden. Heute stehen alle Pokémon von Nummer 1 Bisasam bis zum nicht-mehr-nummerieren Lunala (gezählt der 740. Pokémon) nebeneinander in der Liste einschließlich der Bezeichnung auf englisch, französisch, japanisch und koreanisch, der Typ (Bisasam: Pflanze/Gift Lunala: Psycho/Geist) und der Kategorie (Bisasam: Samen Lunala: Mondscheibe). Für Nicht-Pokémonista ist dort nicht erklärt, was Typ und Kategorie bedeuten.

Braucht Bisasam einen Artikel?


Dabei wäre beispielsweise ein Artikel über Bisasam diskutabel. Nach Pikachu ist Bisasam das Pokémon, das auch außerhalb der Szene am bekanntesten ist. In der Szene selbst ist es sogar beliebter als Pikachu selbst. Immerhin heißt das englische Pokémon-Spezial-Wiki Bulbapedia nach Bisasams englischer Bezeichnung Bulbasaur. Im deutschen Pokéwiki wiederum ist Bisasam der einzige Artikel über ein Pokémon, der als lesenswert ausgezeichnet wurde.

Bisasam brachte es in der deutschen Wikipedia hingegen auf 13 Löschungen, bevor die Seite komplett gegen Neuanlagen gesperrt wurde. Hier eine Übersicht über die Löschbegründungen:


Die Begründungen laufen im Wesentlichen auf "Fancruft" hinaus. Oder, länger formuliert, es gibt nichts über Bisasam zu sagen, was außerhalb der Spiele von Relevanz wäre oder für das es andere Quellen als die Spielanleitungen gibt.

Deshalb ist die Frage nicht unspannend, wie Wikipedia-Artikel über Bisasam aussähe. Im Pokéwiki bestehen normale Artikel über einzelne Pokémon vor allem aus langen Listen von Fähigkeiten, Entwicklungen und Stufen, die tatsächlich nur für Spieler relevant sind - und größtenteils auch für diese überhaupt nur verständlich. Bei Bisasam ist der Text länger: Dort erfahre ich zum Beispiel:

Bisasams Knolle ist der Ausgangspunkt für zahlreiche Fähigkeiten. [...] Da Bisasam seine Knolle kurzzeitig an der Spitze öffnen kann, kann es die in der Knolle enthaltenen Samen auch offensiv nutzen, indem es den Gegner mit Samen bombardiert oder auf den Gegner einen Egelsamen schießt, der ihn bepflanzt und ihm Energie absaugt...

In den Spielen ist Bisasam vor allem bekannt für seine Rolle als Starter-Pokémon, die es in den Spielen Pokémon Rot, Blau, Feuerrot und Blattgrün innehat. Zu Beginn dieser Spiele kann sich der Protagonist bei Professor Eich in Alabastia eines von drei Starter-Pokémon aussuchen, zu denen neben Bisasam auch Glumanda und Schiggy gehören. Wählt der Protagonist Schiggy, wird der Rivale Blau Bisasam als Starter-Pokémon wählen. In diesem Fall kämpft Blau dreimal mit Bisasam gegen den Protagonisten: In Professor Eichs Labor, auf Route 22 und in Azuria City.
Das gibt mir tatsächlich einen ganz guten Eindruck wie Pokémon funktioniert und wie es sich von innen heraus anfühlt. Geschrieben wurde der Text aber deutlich von Spielern für Spieler. Mehr externe Perspektive als in im Pokéwiki sollte es in der Wikipedia geben.

Bisasam in der englischen Wikipedia


Glücklicherweise sieht die englische Wikipedia das anders mit den Pokémon als die deutsche Wikipedia. Ein Blick auf den Text im Englischen lässt den Vergleich zu. Dort hat zwar bei weitem nicht jedes Pokémon seinen eigenen Artikel - die englische Wikipedia kennt 43 Artikel zu Pokémon von denen es über 700 gibt. Aber Bulbasaur schon.

Der Artikel über Bulbasaur existiert in der englischen Wikipedia seit 13 Jahren und hat mittlerweile 25.000 Zeichen. Er ist ein schönes Beispiel, wie es hätte anders laufen können. Dort erfährt der Leser, dass Bulbsaur/Bisasam von Ken Sugimori gestaltet wurde, der Name sich aus "Bulb" (Blumenzwiebel) und "[Dino]saurier" zusammensetzt. Es werden viele Vorkommen in vielen Videospielen nacherzählt, noch mehr Vorkommen als diversestes Werbemittel von Flugzeugbemalungen über McDonalds-Happy Meals aufgezählt und erwähnt, dass es die Insel Niue eine Münze mit Bulbasaur auf der Rückseite ausgegeben hat. Außerdem hat die Games-Fachplattform IGN Bulbasaur zum 52. besten Pokémon aller Zeiten gekürt.

Und ich frage mich: handelt es sich beim englischen Wikipedia-Artikel nicht einfach um eine Nacherzählung von Pressemitteilungen? Steht in der englischen Wikipedia nicht der Pokéwiki-Artikel in schlechter? Menschen drucken/prägen/gießen/virtualisieren ein fiktives Monster um Geld zu verdienen. Das sollen sie machen.. Aber ist es wirklich ein Enzyklopädieartikel nachzuerzählen wann/wo/wer dieses tat? Ist es mehr als eine Rohdatensammlung?

Ist es sinnvoll, eine Spielanleitung nachzuerzählen, die einerseits niemand nutzt, der nicht spielt, andererseits dann doch nicht detailliert genug ist, um als Anleitung zu taugen?

Vermutlich hat die Existenz des Bulbasaur-Artikels in der englischen Wikipedia Leute an Wikipedia gebunden/nicht verschreckt, die sonst gegangen wären. Vermutlich hat es viel internen Streit vermieden, eher offen an das Thema heranzugehen. Die praktische Erfahrung zeigt, dass Artikelschreiben viel einfacher ist, wenn man sich nicht dauernd gedanken machen muss, ob ein Thema relevant ist. Aber ist es das wert, dass Wikipedia sich gleichzeitig als ausgelagerte Pressestelle von Nintendo präsentiert?

Was lässt sich daraus lernen - nicht über Pikachu und Bisasam - sondern über die deutsche Wikipedia?

(1) Der Umgangston in Teilen der deutschen Wikipedia war schon 2006 unterirdisch.

(2) Die deutsche Wikipedia hat ein hohes Grundmisstrauen gegenüber reinen Datensammlungen. Ein Wiki funktioniert mit Text gut, zumindest technisch ist es mit Datensammlungen schwierig.

(3) Die deutsche Wikipedia hat ein hohes Grundmisstrauen gegenüber kontrollierter Information. Bisasam hat das Pokémon-Universum nie verlassen. Alles was je an Information über Bisasam öffentlich wurde und öffentlich werden kann, geht letztlich auf Game Freak und Nintendo zurück. Letztlich läuft jeder Artikel auf eine Umformulierung von Inhalten der Anbieter zurück. Die deutsche Wikipedia versteht sich nicht als Reformulierer von Pressemitteilungen.

(4) Auch in der deutschen Wikipedia ist die Lage seit 2006 deutlich entspannter geworden. Die Liste der Pokémon immerhin steht seit sechs Jahren in der Wikipedia.

Bonus: Pokémon Go


Als Bonus die Aufrufzahlen für den Wikpedia-Artikel zu Pokémon Go. Der Hype ist schon vorbei.



Weiterlesen

Die Iberty-Artikel zur Kultur im engeren und weiteren Sinne stehen unter Kultur in Iberty! 

Mehr zu einzelnen Aspekten der deutschen Wikipedia findet sich beispielsweise unter Wikipedia von A bis Z. Ein Versuch.

Ein kurzer Einwurf dazu, wo Wikipedia politisch steht: Wo steht Wikipedia so politisch.

10 Jahre KNORKE 2005-2015 Stadtrundgang mit Wikipedia

21:14, Monday, 26 2018 February UTC

Was waren das für Zeiten im Jahre 2005. Die Wikipedia war klein. Die Welt war groß und aufregend. Dabei ging es in der Wikipedia nicht nur um abstrakte Konzepte, tote alte Männer und den Stoff der Schullehrbücher. Zum Wissen der Welt gehörte auch Wissen über das persönliche Umfeld, das pralle Leben direkt vor der eigenen Haustür oder in U-Bahn-Nähe entfernt.

Hermannstraße (Rixdorf) Apollo-Theater-Garten anno 1900 AK gemeinfrei  
Ort des erstes KNORKES: die Hermannstraße.

Neben den Artikeln über Philosophie und Physik oder Barock und Bariton entstanden in jenen Anfangsjahren auch Wikipedia-Artikel über das eigene Umfeld. Gerade in Berlin präsentiert sich dieses Umfeld nicht immer hübsch und geleckt, sondern auch mal rau und nicht für jeden Stadtführer geeignet.

So um 2005 beschlossen verschiedene Berliner unter den Wikipedianern (unter anderem die Autoren Cornelius, Achim., Lienhard, Rainer) einen Artikel über eine Straße zu schreiben. Die Hermannstraße ist eine Hauptstraße in Neukölln. Sie macht alles aus, was eben auch Neukölln ausmacht: historische Friedhöfe, sozialer Brennpunkt, Fahrradfahren im Slalomverkehr, lebendiges Leben des Kleingewerbes und jede Menge Casinos und Cafés.

Wenn man über eine Straße schreibt, die vor der eigenen Haustür liegt, liegt es nahe, sich diese persönlich anzuschauen. Wenn man zusammen am Thema schreibt, liegt es nahe, sich die Straße zusammen anzuschauen. Der erste wikipedianische Stadtbegehung war geboren. Am 4. Dezember 2005 fand die erste "KNORKE"-Tour der Wikipedia statt. Der Benutzer Marbot war noch nicht als der Meister des perfekten Protokolls dabei, der er später werden sollte, so dass die schriftlichen Überlieferungen spärlich blieben. Was uns im Archiv erhalten blieb, kulminierte in dem Satz:

Im Handwerkerstübchen rund 1 Meter hoher Cappuccino mit zwei Meter Sahne drauf und gefühlten 68 Keksen rundrum für schlappe 1,50 oder so und so weiter ..

Was auch immer bei jener legendären Tour noch geschah: der Artikel über die Hermannstraße wurde zu einem Artikel ausgebaut, der innerhalb der Wikipedia als Qualitätsartikel gilt(*). Die Stadtbegehung fand wieder statt, diesmal an anderen Orten.

Wannsee29
KNORKE on Tour: Hier auf dem Weg zum Wannsee. Bild: Jcornelius CC BY-SA 2.0 de, via Wikimedia Commons

Bereits am 26. Februar 2006 folgte die zweite Tour  am und um den Hackescher Markt und einen Monat später der dritte Anlauf durch die Prenzlauer Allee.


Betreut, gepflegt und koordiniert von den Autoren Cornelius und Lecartia fanden innerhalb des ersten Jahres 10 KNORKE-Wanderungen von Wannsee/Kladow über die "Rote Insel" in Schöneberg, den Beusselkiez in Moabit bis hin zum Osktkreuz statt. In den folgenden Jahren sank und stieg die Begeisterung.

KNORKE-Touren gab es unter anderem im Bayerischen Viertel, im Zillekiez, Links und Rechts vom Ku'damm, zu den AEG-Fabriken auf dem Wedding/Humboldthain, nach Friedrichshagen und durch das Botschaftsviertel. WIr gingen rund um das Autobahnkreuz Schöneberg, wir folgten den 1920ern in Schöneberg-Nord und erkundeten zuletzt Mariendorf. Zusätzlich fanden Sonder-KNORKES mit Adventsessen oder Spieleabend statt.

Der KNORKE-Enthusiasmus folgte dabei dem Rhythmus der Wikipedia. Nach enthusiastischen Aufbruchsjahren und schneller Expansion, spielte es sich danach etwas ein und verlor etwas an Energie. Insgesamt gab es 48 KNORKES in stark wechselnder Frequenz:

2005: 1 Tour
2006: 9 Touren
2007: 8
2008: 12
2009: 6
2010: 2
2011: 2
2012: 4
2013: 2
2014: 2
2015: 0
2016: 1 (bisher geplant)

Karte Berlin Landnutzung
Berlin, Berlin, wir laufen durch Berlin. Bild: By Maximilian Dörrbecker (Chumwa) CC BY-SA 2.0 or ODbL, via Wikimedia Commons

Die Touren verliefen recht unterschiedlich. Allen gemein ist: jemand lädt auf der KNORKE-Hauptseite ein, dann kommen Menschen und man läuft zusammen offenen Auges und wachen Geistes durch die Stadt. Mal sind es lange Waldwanderungen mit seltenen Kurzpausen wie bei Lienhards Tour durch die Morellenberge im Berliner Westend. Mal gibt es historisch erschlossenes in dichter Folge wie beispielsweise die Tour durch das Schloss Charlottenburg mit Achim, Cornelius und Ralf.

Mal sind es Touren ins wahre Leben selbst, "Berlin in your face" geradezu wie die KNORKE-Pioniertat in der Hermannstraße, Ralfs Führung durch die Potsdamer Straße oder Denis' Tour durch den szenigen Schöneberger Norden. Auf jeden Fall wird viel geschaut, viel geredet und für eine Gruppe von 5 bis 15 Leuten auch überraschend viel gelaufen.

Ab und an werden in Folge oder Vorbereitung der Tour Wikipedia-Artikel geschrieben und verbessert. Anfangs dokumentierten die Knorkisten, welche Artikel und Bilder entstanden, im Laufe der Gewöhnung an den Event ließ der Enthusiasmus bei der Dokumentation allerdings nach.

Mal sind die Touren minutiös vorbereitet und geplant, mal gehen alle aus davon aus, dass sie nichts wissen, aber neugierig sind (wie zum Beispiel in Reinickendorf) und mal wissen die Mitlaufenden auch deutlich mehr als derjenige der die Tour plante. Manchmal glauben die Mitlaufenden nur mehr zu wissen als die Person, die vorbereitete. Das wird anstrengend.

Berlin Wedding bayer parkhaus 14.11.2015 13-40-01
Für das 49. KNORKE folgt die Müllerstraße im Wedding.

10 Jahre - KNORKE ist nicht tot. Im Januar geht es weiter mit einer Tour entlang der Müllerstraße im Wedding. Vielleicht klappt im Februar ja zum 50. mal die Jubiläumsausgabe wieder durch die Hermannstraße.

Berlin ist groß, jeder Berliner entdeckt wohl immer noch regelmäßig komplett neue Stadtteile. Und die Stadt verändert sich: Neukölln 2015 ist nicht mehr Neukölln 2005. Es bleibt spannend.

Weiterlesen


Der Bericht der angesprochenen Tour durch den Wedding findet sich unter Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Daraus entwickelte sich das WikiWedding-Projekt, um den Wedding mehr in die Wikipedia zu bringen: Randlage.

Zum KNORKE-Jubiläum veranstaltete ich eine Wiederholungswanderung durch die Hermannstraße - die unter anderem zur Erkenntnis führte, dass die Straße kaum besichtigt wurde: Wikipedistas ignorieren wiederholt die Hermannstraße

Alle Posts zu KNORKE und sonstigen kulturellen Aktivitäten liegen unter: Kultur in Iberty. 



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