Das war der Demo Day des UNLOCK-Accelerators

09:12, Thursday, 14 2021 October UTC

POW! Als die Konfettikanone losging und unsere Moderatorin Lucia Obst überschüttete, war eines klar: Der UNLOCK Demo Day 2021 war ein voller Erfolg! Der thematische Schwerpunkt des UNLOCK-Accelerators trug dieses Jahr den Titel (Re)building trust in the digital age. Angesichts der Informationsflut, die die Welt online und offline erlebt, werden Zugang zu Wissen sowie Digital Literacy der Nutzer*innen zunehmend in Frage gestellt. Die Präsentationen bilden den Abschluss des UNLOCK Accelerators. 

Gäste aus der ganzen Welt feierten mit

105 Gäste aus aller Welt feierten am 6. Oktober 2021 live mit uns die Errungenschaften der diesjährigen UNLOCK-Projekte: Zuschauer aus Ecuador und den USA, Portugal und dem Vereinigten Königreich, bis hin zu Serbien und Vietnam waren dabei und vertraten Regierungsorganisationen, NGOs, Universitäten und viele andere Bereiche.

Demo Day verpasst? Die Aufzeichnung des Demo Day 2021 ist jetzt verfügbar und kann hier angesehen werden:

Das sind die fünf Teams und ihre Projekte:

FollowTheVote, will Politik einfach, faktisch & unterhaltsam gestalten. Die App kombiniert politisches Engagement mit Gamification:

Government Online Presence Directory ist ein Verzeichnis der Onlinepräsenzen von Regierungen und ein offen-kollaborativ erstelltes, faktengeprüftes Verzeichnis offizieller Onlinedienste von Regierungen auf der ganzen Welt:

OpenSpeaks Accessibility, ein offenes Toolkit für Spracharchivare zur Schaffung nachhaltiger, zugänglicher und integrativer audiovisueller Archive:

Supply-chains.us, eine interaktive und visuelle Sammlung von Ressourcen, Informationen und Stories über Lieferketten:

ThinkTwise, eine Open-Source-Browsererweiterung, die die Qualität von Argumenten in schriftlichen, digitalen Texten erkennt und hervorhebt:

Der UNLOCK Accelerator

Der Wikimedia-Accelerator fördert Projekte, die zu einer offenen und informierten Gesellschaft beitragen. UNLOCK ist ein dreimonatiges Programm, das ausgewählte Teams dabei unterstützt, ihre Ideen für Freies Wissen zu einer ersten minimal funktionierenden Version zu entwickeln – mithilfe von Coachings, Austausch und Kollaboration unter den Teams sowie Vernetzung mit Wikimedia Deutschland und weiteren Free Knowledge Stakeholdern. 

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Das Wikimedia-Movement wird grüner

07:08, Friday, 01 2021 October UTC

In Zusammenarbeit mit Wikimédia France hat Wikimedia Deutschland über die letzten Monate eine Initiative entwickelt, mit der wir gemeinsam unseren Beitrag gegen die Klimakrise leisten wollen. Wir haben eine Reihe von Maßnahmen entwickelt, die uns helfen, unseren CO2-Fußabdruck zu senken um zu einer gesünderen Umwelt und dem Wohlergehen zukünftiger Generationen auf diesem Planeten beizutragen.

Unsere Gedanken und Arbeitsergebnisse hat Lukas Mezger, Präsidiumsvorsitzender von Wikimedia Deutschland, bereits am 14. August auf der Wikimania vorgestellt und nun möchten wir diese auch mit einer breiteren Öffentlichkeit teilen. “Wir müssen die Klimakrise in den Fokus rücken und die Thematik in den Wikimedia-Projekten adäquat abbilden”, sagt Lukas Mezger. “Die Verringerung unseres eigenen CO2-Fußabdrucks muss dabei ein fester Bestandteil unserer Strategie sein.”

Derzeit ruht unsere Nachhaltigkeitsinitiative auf vier Pfeilern: Reduktion des CO2-Fußabdrucks, Unterstützung nachhaltigkeitsorientierter Wikimedia-Projekte, einem regelmäßigen Austausch zum Fortschritt der Nachhaltigskeitsaktivitäten und einem wiederholten Appell an alle Wikimedia-Chapter weltweit, sich der Initiative anzuschließen. Das bedeutet konkret, dass die unterzeichnenden Wikimedia Organisationen energiesparende Server, Strom aus regenerativen Energien, energieeffizientere Abfragen auf den Wiki-Projekten wie Wikipedia, stärkere Einschränkungen der Reisetätigkeiten von Angestellten oder auch energetische Standards für Wikimedia-Geschäftsstellen anstreben.

Aktuell umfasst das Bündnis Wikimedia South Africa, Wikimedia Deutschland, Wikimédia France, Wikimedia Italia sowie die West Bengal Wikimedians und die Wikimedians for Sustainability. Das ist schon ein guter Anfang – aber unser Ziel ist es, dass sich möglichst bald auch alle anderen Wikimedia-Chapter anschließen, damit wir uns gemeinsam den Herausforderungen der Klimakrise stellen. 

Wir freuen uns auf Interesse und Unterstützung! 

Mehr zum Thema:

Nachhaltigkeitsbericht der Wikimedia Foundation für 2020

Nachhaltigkeitsstrategie der Wikimedia Foundation

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Allein mit der Madonna zum Hasen

19:49, Thursday, 30 2021 September UTC

Darmstädter Madonna
Hans Holbein der Jüngere, 1526/1528
Öl auf Nadelholz (?), 146,5 × 102 cm
Sammlung Würth, Johanniterhalle (Schwäbisch Hall)

Wikipedia-KNORKE erwähnte ich ja an dieser Stelle schon einmal. Berliner Wikipedianerinnen und Wikipedianer treffen sich und erkunden zusammen eine ihnen unbekannte Gegend. Soweit so üblich. Diesmal jedoch gab es etwas besonderes: Auf ins Museum!

In Berlin gastiert gerade die Darmstädter Madonna, ein 1526 entstandenes Gemälde von Hans Holbeim dem Jüngeren. Diese Madonna hat eine bewegte Lebens- und Reisegeschichte, ist eines der bedeutendsten deutschen Gemälde des 16. Jahrhunderts und kann Menschen auch über Jahre faszinieren. Wunderbar, wenn man eine kundige Bilderklärung der Autorin des exzellenten Wikipedia-Artikels dazu bekommt.

Wir trafen uns einige Minuten vor der Öffnung in kleiner Gruppe vor dem Bode-Museum und konnten - da alle Anwesenden über eine Jahreskarte verfügten - auch sofort zur Madonna und zur Sonderausstellung "Holbein in Berlin" begeben. Der Raum war noch leer, die Museumswachmannschaft ließ freundlicherweise die leise aber engagiert redende Gruppe gewähren. Ein einziger Saal, in dessen Mittelpunkt die Madonna hängt. Links davon einige Holbein-Teppiche, ansonsten weitere Bilder und Zeichnungen von Holbein, Inspiratoren und andere Madonnen. Nicht überladen, sinnvoll aufbereitet und mit einem klaren Konzept - eine der besseren Kunstausstellungen.



Und dann ging es los: Es begann mit Schilderungen von der bewegten Entstehungszeit zur Zeit des Basler Bildersturms im Auftrag des Basler Ex-Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen. Die Aussage des Bildes traditioneller Marienfrömmigkeit in Zeiten der Reformation war Thema, ebenso natürlich wie der Teppich und seine Falte. Wir staunten über die Eigentümlichkeit, dass sich niemand auf dem Gemälde eigentlich anschaut und wurden über dden Unterschied zwischen Schutzmantelmadonnen und Stifterbildern aufgeklärt. Vermutungen tauchten auf, wo das Bild wohl im Original hing - vermutlich in der Martinskirche als Epitaph - und wir verfolgten gedanklich seine Wanderung aus Basel über den Grünen Salon im Berliner Stadtschloss bis hin zum Hause Hessen und das Frankfurter Städelmuseum bis hin zum spektakulären Verkauf an die Privatsammlung Würth. Die Meinungen über die Sammlung Würth in der Gruppe waren durchaus geteilt, ebenso wie die richtige Benennung des Bildes: ist es nun eher die Darmstädter Madonna oder eher die Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen?

Über die Darmstädter Madonna ging es dann zur Dresdner Madonna und einem der prägenden Momente deutscher Kunstgeschichte: dem Dresdner Holbeinstreit. Im 19. Jahrhundert wurde es den Menschen bewusst, dass es zwei fast identische Holbein-Madonnas gab und nur eine die echte sein konnte. In einer großen Ausstellung, unter lebhafter Anteilnahme der Öffentlichkeit und erregten Debatten der Experten entschieden sich die Kunsthistoriker schließlich für das Darmstädter Gemälde. Eine Sensation,  da die Kunstkennerschaft vorher felsenhaft von der Originalität des Dresdner Gemäldes ausging. Hier zeigte sich erstmals das Bemühen, um eine rein sachlich, objektive Abwägung der verschiedenen Gesichtspunkte - der Dresdner Holbeinstreit ist einer der Ausgangspunkte um die Kunstwissenschaft als Wissenschaft zu etablieren. Und - wie sich später herausstellte - lag die Kunstwissenschaft auch in diesem ihren Anfangsurteil richtig; sämtliche mittlerweile vorhandenen naturwissenschaften Verfahren die Darmstädter Madonna als die originale der beiden bestätigten.

Erkenntnisse am Rande: eine weitere Kopie des Gemäldes (beziehungsweise eine Kopie der Kopie - es stellt aus unerfindlichen Gründen das Dresdner Exemplar dar) hat sich in das Set des James-Bond-Filmes "Man lebt nur zweimal verirrt".

Hans Holbein der Jüngere: Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London, 1532. Eichenholz, 96,3 × 85,7 cm. Gemäldegalerie Dahlem der Staatlichen Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz

Und nachdem wir dann auch noch gerätselt hatten, wer die beiden Knaben unterhalb der Madonna sind, den verschwundenen Haaren der Tochter nachspürten und weiter über den Teppich in der Renaissancemalerei sinniert hatten, kamen wir dann nach knapp einer Stunde noch zu Georg Giesze. Giesze (auch Georg Giese) ist Titelheld in einem anderen Holein-Hauptwerk, das praktischerweise fünf Meter weiter links hing. Wieder mit Teppich und nun auch noch mit Glas, Metall, Bücherregalen und Briefen. Gedanklich begleitete wir Holbein dann weiter von Basel nach Antwerpen und London. Mittlerweile hatte sich der Raum etwas gefüllt. Nachdem wir dann noch den Weg aus dem Museum gefunden hatte (wie immer im Bodemuseum nicht ganz einfach und jedes mal findet man zwischendurch neue Säle) folgte noch ein erschöpfter Abschlusskaffee.

Eine Stunde fast allein mit der Madonna. Und immer noch Neues zu entdecken.

Der freie Zugang zu kulturellem Erbe ist ein zentrales Anliegen für Wikimedia Deutschland (und die ganze Wikimedia-Bewegung). Das kulturelle Erbe ist der Ausgangspunkt für alle Narrative eines kollektiven Gedächtnisses, auf das das Wissen von Gesellschaften fundiert. Der freie Zugang zu Kulturgut ist deshalb ein Kernanliegen von Wikimedia. Deutlich geworden ist jedoch auch, dass durch historisch fundierte Machtverhältnisse, und damit verbundener Selbst- und Fremdkonstruktion/-wahrnehmung, die Narrative, auf denen unser Wissen und unsere Wissensannahmen basieren, fundamentale Biases enthalten. Deshalb ist für Wikimedia nicht nur der Einsatz für den offenen Zugang zum Kulturgut entscheidend, sondern vor allem auch die Frage, wie Zugang gestaltet werden kann. Mit Blick auf kulturelles Erbe betrifft dies insbesondere sensibles Sammlungsgut aus Unrechtskontexten.

Kolonialzeit als Leerstelle im deutschen Geschichtsbewusstsein

Die öffentliche Debatte um unrechtmäßig erworbenes oder gewaltsam angeeignetes Kulturgut in Sammlungen deutscher Kulturinstitutionen ist auch in Deutschland nicht neu. In der Vergangenheit wurde sie meist im Kontext heimischer, autoritärer und diktatorischer Regime geführt, insbesondere in der historischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Jünger ist die öffentliche Diskussion über Kulturgut in deutschen Sammlungen, die aus kolonialen Kontexten stammen. Dieses langjährige Schweigen und auffallende Nicht-Präsenz korrespondiert mit dem Fehlen der deutschen Kolonialgeschichte im Geschichtsunterricht. Grundlage hierfür ist ein historisches Narrativ, das Kolonialismus zur Nebensache deutschen internationalen Handelns im 20. Jahrhundert darstellte. Der Bericht und die Diskussion um den Restitutionsprozess in Frankreich1, der Bau des Humboldt Forums2, Straßennamen in Berlin und anderswo3 haben nun auch in Deutschland die Aufmerksamkeit auf diesen Teil der Geschichte gelenkt und bieten die Chance einer Auseinandersetzung mit dem (Kultur-)Erbe dieser Zeit. 

Transparente Aufarbeitung und ethische Verpflichtungen

Einen ersten Vorstoß dieser Auseinandersetzung stellt die 3-Wege-Strategie4 der Staatsministerin für Kultur und Medien, der Staatsministerin im Auswärtigen Amt für internationale Kulturpolitik, der Kultusministerinnen und Kultusminister der Länder sowie der kommunalen Spitzenverbände dar, die unter dem Titel Zugang-Transparenz-Kooperation: Leitlinien einer „3 Wege-Strategie“ für die Erfassung und digitale Veröffentlichung von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland den nationalen Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten beschreibt. 

Deutschland hat mit ihr einen nationalen Weg im Umgang mit der Aufarbeitung und Restitution gewählt. Das übergeordnete Ziel der Strategie lautet „‚größtmögliche Transparenz’ […] durch Inventarisierung und digitale Erfassung und Veröffentlichung“5 zu schaffen. Die im Titel des Papiers bereits detaillierten Säulen oder drei Wege sind Zugang (bereits digitalisierte Bestände werden zugänglich gemacht), Transparenz (Erschließung und digitale Grunderfassung) und Kooperation (Veröffentlichung des Erfassten in Rücksprache mit Mitgliedern auf Herkunftsgesellschaften und Vertreter*innen der Diasporen). 

Das Anliegen, größtmögliche Transparenz durch Digitalisierung und Veröffentlichung zu schaffen, scheint unmittelbar passend zu den Zielen von Wikimedia Deutschland: Die umfassende Inventarisierung, Erschließung, Digitalisierung und Veröffentlichung der Gegenstände in Sammlungen und Depots unter freien Lizenzen ist schon lange ein Wunsch und eine Forderung, die Wikimedia Deutschland formuliert. Eine Strategie, die die umfassende Digitalisierung aller Objekte zum Gegenstand hat, ist jedoch kritisch6: Diese Öffnung bedeutet auch einer ethischen Verantwortung für die zahlreichen Gegenstände nachzukommen, die ans Tageslicht gebracht und – so der Anspruch – auch für die Herkunftsgesellschaften zugänglich gemacht werden. Die Fragen, die wir uns stellen müssen, sind, ob das derzeitige Vorgehen nicht doch ein Ausdruck einer ungebrochen imperialistischen und hegemonialen Haltung ist. Werden durch unsere Vorannahmen die durch frühere und bestehende Machtverhältnisse erzeugten Narrative perpetuiert? Dabei müssen verschiedene Dimensionen bedacht werden, im Folgenden kurz umrissen.

Ist das Urheberrecht geeignet, um die Rechte der Herkunftsgesellschaften zu beschreiben? 

Die rechtlicher Status des Digitalisats und sein Verhältnis zum Objekt ist nur bedingt geklärt7. Entsprechend ist auch nicht klar, auf welchen rechtlichen Grundlagen hier über die Frage der Erfassung und Veröffentlichung entschieden wird. Im Detail müsste geklärt werden: Wem gehört das Digitalisat des Objektes? Hierzu müssen also nicht nur die Herkunft und Inbesitznahme des jeweiligen Objekts geklärt sein, sondern zuallererst in welchem Verhältnis die digitale Kopie zu ihrem materiellen Original steht. Kann über das Digitalisat unabhängig vom Objekt entschieden werden? Oder müsste die Frage, ob überhaupt digitalisiert wird, unmittelbar an die Frage der Souveränität über das Objekt gebunden sein? Noch grundlegender müsste jedoch überlegt werden: Ist der rechtliche Rahmen und sind die rechtlichen Kategorien, anhand derer wir in Deutschland und anderen europäischen Ländern über diese Fragen entscheiden, überhaupt eine angemessene Grundlage für diese Entscheidungen? Ist beispielsweise das Urheberrecht geeignet, um Eigentumsrechte in oder für die Herkunftsgesellschaften zu beschreiben? Und kann es dann Grundlage für eine freie Veröffentlichung, etwa in Wikimedia-Projekten, bieten?

Wie beschreiben wir Objekte im Einklang mit ihren unterschiedlichen kulturellen Identitäten? 

Mit rechtlicher Status ist daher auch grundsätzlich die Erfassung und Beschreibung der kulturellen Identität eines Objektes verbunden. Eines der Beispiele, das mehr Aufmerksamkeit in den Medien erhielt, sind die Masken der Kogi8. Entscheidend in diesem Fallbeispiel ist der Zweck, dem die Artefakte dienen. Es geht nicht um die Urheberschaft, sondern die Art und Weise der Nutzung der Masken. Hierzu ist Juan Mayr Maldonados Bericht zum Besuch der Kogi im Ethnologischen Museum Berlin bei diesen Masken eindrücklich und ermöglicht Einblicke in die spirituelle und emotionale Dimension der Objekte, zu der jeder außerhalb dieses Zusammenhanges keinen Zugang hat9. Er beschreibt wie die Masken im Depot zwischen tausenden anderen in der angewandten Klassifikation “ähnlichen” Objekte (d. h. weitere Masken) aufbewahrt werden, wie die Besucher – spirituelle und weltliche Führungspersonen der Kogi – ihre Masken dennoch direkt entdecken und in einen Dialog mit den Masken treten konnten: Er berichtet, wie die Masken mit den Vertreter*innen der Kogi sprechen, ihr Gefühl des Verlorenseins und ihre Verwirrung ausdrücken. Diese Wahrnehmung der Objektwelt mag mit westlichen Erkenntniskategorien nicht unmittelbar verständlich sein: Objekte können wie im Beispiel in der Auffassung einer Herkunftsgesellschaft keine unanimierten Objekte, sondern “lebendig” sein.

Dass die Identität von Gegenständen durch ihre Geschichte und die zahlreichen Wechsel der Besitzverhältnisse angereichert wird, bleibt immer weniger ein Einzelfall. Ein weiterer Effekt dessen ist aber auch, dass gewisse Narrative drohen, an den Rand gedrängt und so aus dem kulturellen Gedächtnisses des Objektes gelöscht zu werden. Die dann verbleibenden Narrative sind daher häufig mono-perspektivisch, wenn nicht gar exotisierend, rassistisch, herabsetzend und nostalgisierend oder stellen in anderer Weise “Andersheit”in der Vordergrund. 

Vorrangige, konsequente und systematische Übersetzung und Freisetzung der Narrative scheint eine notwendige Voraussetzung, viel mehr als nur die nachgelagerte Kür der Museumspraxis. Die Frage sollte lauten: Welche kulturellen Identitäten trägt das Objekt und was bedeutet dies für die kulturellen Identitäten des Digitalisates? Sind unsere epistemischen Grundlagen, also unsere Begriffe, Kategorien und Wege die Welt wahrzunehmen, zu beschreiben und in Wissen zu verdichten, angemessen, um die Objekte entsprechend der Wissenskontexte (epistemischen Kontexte), aus denen sie stammen, abzubilden? Und wie können wir Objekte so beschreiben, dass sie die verschiedenen Dimensionen, Kontexte und Perspektiven ihrer Identität nachhaltig abbilden? Erlaubt es die kulturelle Identität, dass ein Gegenstand ausgestellt, überhaupt digital erfasst oder veröffentlicht werden darf?

Diese Fragen sind letztlich nicht ohne die enge Zusammenarbeit mit Vertreter*innen der Herkunftsgesellschaften zu beantworten. Jedoch existieren hierfür noch keine geeigneten Prozesse und auch wenn die 3-Wege-Strategie eine Sensibilität zeigt, so ist der Prozess offenbar doch vielen Entscheidungen von Priorität und in zeitlicher Abfolge nachgeordnet. Der Pilot, der die 3-Wege-Strategie auf die Schienen setzen soll, stellt eine Chance dar, etwa eine Machbarkeitsstudie durchzuführen, um zu testen, wie die strukturierte Zusammenarbeit aussehen könnten. Dabei muss auch grundlegend selbstreflexiv mit Themen wie Prozesshoheit, Befugnisse und Perspektiven umgegangen werden. 

Welche Wege gibt es, transparent zu veröffentlichen, ohne Persönlichkeitsrechte und Würde zu verletzen? 

Eine ehrliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven und Zuweisungen ist zentral für die freie und offene Veröffentlichung auf nationalen und internationalen Plattformen und in Projekten. Wie geklärt oder gekennzeichnet werden kann, ob die Veröffentlichung der digitalen Kopie in den Augen der Herkunftsländer rechtens oder erwünscht ist, ist bisher noch ungeklärt. Diese Klärung muss, wie die obenstehenden Erläuterungen zeigen, schon früh im Prozess stattfinden – eigentlich bereits vor der digitalen Erfassung. Dennoch bleibt die ethische Verantwortung der Überprüfung auch an dieser Stelle erhalten. Dazu gehört ebenfalls immer die Frage, ob die Würde einzelner oder von Gruppen durch das Gezeigte verletzt wird. Welche Wege gibt es also, Transparenz und Zugänglichkeit auch für die Herkunftsgesellschaften herzustellen, ohne etwa durch voreilige Digitalisierung oder Veröffentlichung Persönlichkeitsrechte und Würde zu verletzen?

Damit rückt die Darstellung und Vermittlung weiter in den Mittelpunkt. Das bedeutet zum einen sensiblen Umgang mit der Kontextualisierung zu finden und das Narrativ durch verschiedene Perspektiven anzureichern. Dass z. B. Wikipedia Ungleichheiten in der Darstellung allein dadurch aufweist, dass die Autorschaft in einer überwältigen Anzahl aus dem globalen Norden stammt oder ansässig ist, in einer kleinen Anzahl von Sprachen veröffentlicht, spezifische Gender- und Altersrange aufweist, ist hinlänglich bekannt. Das macht die Herausforderungen noch größer, gemeinsam ein ausgewogenes Narrativ zu erstellen.

Zusätzlich muss die Auffindbarkeit der veröffentlichten Objekte sichergestellt werden. Strukturierte Metadaten sind hierfür zentral. Genauso zentral ist damit auch, dass unsere westlichen Ordnungssystemen und Hierarchien, denen diese Metadaten folgen, an dem jeweiligen Objekt gegebenenfalls völlig vorbeigehen. Auch hier findet eine Form der Dominanz oder Bevormundung statt, die sich nur gemeinsam lösen lässt, indem auch die Ordnungssysteme des Wissens für unterschiedliche Traditionen des Wissens durchlässig werden.

Fazit und Ausblick

Transparenz und Offenheit müssen zentrale Ziele im Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten sein. Die nähere Auseinandersetzung mit dem Kulturerbe der deutschen Kolonialzeit zeigt jedoch auch, dass Transparenz und Offenheit Herausforderungen bergen. Die meisten von ihnen können nicht auf Seiten der Täternationen allein entschieden werden, sondern nur durch Konsultationen und partnerschaftlichen Austausch mit Mitgliedern der Herkunftsgesellschaften, der Diasporen und Institutionen, die das kulturelle Erbe in den Ursprungsregionen bewahren. Die Aufgabe ist sicher eine große: Es ist nicht davon auszugehen, dass Herkunftsgesellschaften mit einer Stimme sprechen oder dass überhaupt Ansprechpartner*innen für nicht mehr existierende Kulturen zu finden sind. Dennoch scheint es ratsam, den Austausch zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu suchen, weil die Fragen grundsätzlicher Natur sind. Dafür braucht es nicht nur ein Bewusstsein und Expertise, sondern auch geeignete (sicher komplexe) Prozesse. Obwohl beispielsweise die 3-Wege-Strategie eine gewisse Sensibilität ihrem eigenen Vorhaben gegenüber erkennen lässt, so bleiben sie im Vorgehen doch einigermaßen unberücksichtigt und es bleibt den beteiligten Akteurinnen und Akteuren der Pilotphase überlassen, diese zu klären. Diese und weitere Fragen müssen in der öffentlichen Debatte noch mehr Raum und in den Entwurf weiterer Strategien Einlass finden. 

Wikimedia möchte in dieser Blogserie sowie mit ihrer Beteiligung bei „Zugang gestalten“ einen Raum schaffen, um offen und gemeinsam über geeignete Wege nachzudenken, um manche Fragen zu beantworten und weitere zu stellen. 

  1. vgl. hierzu den sogennanten “Savoy-Sarr-Bericht” 2018:http://restitutionreport2018.com/ sowie die Antwort der Juristinnen der University of Exeter Mathilde Pavis and Andrea Wallace: Response to the 2018 Sarr-Savoy Report Statement on Intellectual Property Rights and Open Access relevant to the digitization and restitution of African Cultural Heritage and associated materials (March 25, 2019). Journal of Intellectual Property, Information Technology and E-Commerce Law 10(2) 2019, 115-129, Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=3378200 or http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.3378200). Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass der Bericht und die Antwort den Autor*innen viele Impulse gegeben haben – viele der Überlegungen bauen darauf auf.
  2. vgl.beispielsweise folgendes Interview von Jan Böhmermann mit Benedict Savoy: https://www.youtube.com/watch?v=nE89z19uha4 (2021) oder folgende Berichterstattung: https://www.dw.com/en/colonial-legacy-where-do-africas-treasures-belong/av-57318509 (Juli 2021) https://www.dw.com/de/humboldt-forum-er%C3%B6ffnung-koloniales-erbe-raubkunst-kolonialismus/a-59251512 (September 2021)
  3. vgl. hierzu beispielsweise folgende ausgewählte Medienberichte zu Berlin, Freiburg oder Würzburg: https://www.zdf.de/nachrichten/politik/u-bahnhof-mohrenstrasse-berlin-wird-umbenannt-100.html (03.07.2021), https://taz.de/Debatte-um-U-Bahnhof-Mohrenstrasse-in-Berlin/!5694152/ (08.07.2021), https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/mohrenstrasse-kolonialismus-geschichte-kommunen-rassismus-100.html (21.08.2021) Freiburg: https://rieselfeld.biz/rieselfeld-infos/aktuelles/geschichte-und-fakten-%C3%BCber-das-rieselfeld/ludwig-heilmeyer-weg-wird-in-george-de-hevesy-weg-umbenanntWürzburg: https://www.br.de/nachrichten/bayern/kommission-empfiehlt-mehrere-strassenumbenennungen,SInKp0d
  4. vgl. dazu auch die Zusammenfassung der Kontaktstelle für koloniales Sammlungsgut https://www.cp3c.de/3-Wege-Strategie/
  5. vgl. Zugang-Transparenz-Kooperation: Leitlinien einer „3 Wege-Strategie“ für die Erfassung und digitale Veröffentlichung von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland, S.1
  6. vgl. Pavis und Wallace
  7. vgl. Pavis and Wallace, für die rechtliche Unsicherheit vergleiche insbesondere Kapitel 1, S. 117-119  
  8. bspw. https://www.deutschlandfunkkultur.de/ethnologisches-museum-berlin-volk-der-kogis-fordert-zwei.1013.de.html?dram:article_id=349554
  9. https://www.kulturstiftung.de/video-panel-3-cultural-exchange-and-international-cooperation/ , Minute 36:40 – 39:35

Der Beitrag Offen und gerecht! Fragen zum Umgang mit Digitalisaten von Objekten aus Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten (Teil 1) erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Wie wollen die Parteien die Digitalisierung von Kulturgut voranbringen – und welche Institutionen haben sie dabei im Blick? Diese Frage hat Wikimedia Deutschland den Parteien gestellt, die nach der kommenden Bundestagswahl an der Regierungsbildung beteiligt sein könnten.

Außerdem werden die Themen freie Bildungsmaterialien (Open Educational Ressources, kurz OER) und offene Bildungspraktiken (Open Educational Practices, kurz OEP) in den Blick genommen – wie wichtig Lern- und Lehrmaterialien unter offener und freier Lizenz sind, hat gerade erst die Pandemie gezeigt.

Digitalisierung von Kulturgut auch in kleineren Institutionen

Unsere Frage an die Parteien lautete:

Digitalisierung von Kulturgut durch öffentlich finanzierte Kulturinstitutionen ist zentral für freien Zugang zu unserem Kulturerbe. Welche Strategien verfolgen Sie, um die Digitalisierung auch in kleineren Institutionen und von marginalisierten Sammlungen zu unterstützen?

Die CDU/CSU formuliert hier eher allgemein: „Die Möglichkeit, Kunst und Kultur – egal ob Breitenkultur oder Spitzenkultur – zu erleben, ist eine entscheidende Voraussetzung für gleichwertige Lebensverhältnisse in Deutschland“. Sie wolle deshalb ihre erfolgreiche Kulturpolitik fortsetzen.

Dies beantwortet keinen Teil unserer Frage, weder zur besonderen Lage kleinerer Institutionen noch zu marginalisierten Sammlungen.

Die SPD verweist darauf, dass die Kompetenzen in Bezug auf Kulturgüter bei den Ländern liegen, wollen aber prüfen, inwiefern „die rund zwei Milliarden Finanzhilfen des Bundes für die Länder (…) stärker für die Digitalisierung unseres Kulturerbes genutzt werden können“.

Auf unsere Frage nach kleineren Institutionen und marginalisierten Sammlungen geht die SPD damit nicht ein. Eine stärkere Nutzung von Bundesmitteln wäre immerhin eine Finanzierungsquelle auch für die Digitalisierung der von uns in den Blick genommenen Kulturinhalte.

Die GRÜNEN wollen grundsätzlich die freie Szene und kleinere Kultureinrichtungen hinsichtlich Finanzierung und Rahmenbedingungen genau so wertschätzen wie die „großen, repräsentativen ‚Tanker’“. Das gelte selbstverständlich auch bei der Förderung digitaler Angebote.

Zumindest unterscheidet die Partei damit klar zwischen den großen und den kleineren Institutionen – auch wenn die Frage nach konkreten Strategien damit nicht beantwortet ist.

Die FDP fordert ein „Ministerium für digitale Transformation“, das eng mit anderen Regierungsressorts verknüpft sein soll. Dies werde voraussichtlich auch die Digitalisierung im Kulturbereich voranbringen. Zudem setzen sich die Freien Demokraten für eine Erhöhung des Bundeshaushalts für die nationale und internationale Kulturförderung ein.

Auch hier wird eine Erhöhung finanzieller Mittel genannt – leider auch hier kein Wort zur Frage nach kleineren Institutionen und Sammlungen.

DIE LINKE entgegnet: „Um auch Objekte aus kleineren Institutionen und unerforschten Sammlungen zu erschließen, fordern wir eine finanziell ausreichend untersetzte gesamtstaatliche Digitalisierungsstrategie“. Die Partei setze sich für eine Open-Access-Strategie auch im Kulturbereich ein.

Hier werden die von uns gemeinten Institutionen und Sammlungen in der Antwort zwar genannt, dann jedoch erneut vor allem mehr Mittel in Aussicht gestellt. Als einzige nennt die Partei allerdings ausdrücklich eine gesamtstaatliche Strategie, worunter wohl eine gemeinsame Digitalisierungsstrategie von Bund und Ländern zu verstehen ist.

FAZIT: Alle Parteien bleiben recht unkonkret bei diesem Thema. Am klarsten positioniert sich noch DIE LINKE, gefolgt von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

Open Educational Ressources (OER) und Open Educational Practices (OEP)

An vier Parteien – SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und DIE LINKE – haben wir außerdem die Frage geschickt:

Welche konkreten Maßnahmen wird eine Bundesregierung unter Ihrer Beteiligung durchführen, um die Erstellung und Verbreitung von Open Educational Ressources (OER) und Open Educational Practices (OEP) im Bildungsbereich zu fördern?

Die SPD plant, auf einer Open-Source-Plattform künftig länderübergreifend Lehr- und Lernmaterialien und Unterrichtskonzepte für alle zugänglich zu machen. „Der Aufbau einer solchen Plattform ist durch den Digitalpakt bereits beauftragt und finanziert“. Die Partei will zudem darauf hinarbeiten, dass „auch im Rahmen der Auftragsvergabe der Länder eingekaufte Lerninhalte grundsätzlich offen verfügbar sind“.

Mit dem Verweis auf das System der öffentlichen Auftragsvergabe bekommen wir hier durchaus konkrete Aussagen von der SPD. Auch der Ansatz, eine bundesweite Plattform als zentrales Repositorium zu etablieren, hat einiges Potenzial, ist aber – wie die Partei auch selbst sagt – kein neuer.

Die GRÜNEN wollen eine „Bundeszentrale für digitale und Medienbildung“ einrichten. Sie soll als „niedrigschwellige Anlaufstelle für pädagogische Fachkräfte und Interessierte geeignetes Material zur Verfügung stellen“.

Auch hier wird eine zentrale Struktur ins Spiel gebracht, und zwar eine, die sich von den Maßnahmen des bereits existierenden Digitalpakts Schule unterscheidet. Inwiefern der Ansatz einer Bundeszentrale der dezentralen Open-Content-Idee gerecht würde, bleibt unklar – ebenso wie die Frage, ob es sich bei den Inhalten der neuen Bundeszentrale um Open Educational Ressources handeln soll.

Die FDP will „den Einsatz von Lern-Managementsystemen und freien Lern- sowie Lehrmaterialien mit einer offenen Lizenz fördern“. Insgesamt müsse es Lehrkräften möglich sein, „ohne juristische Hilfe einschätzen zu können, ob Lern- und Lehrmaterialien im Unterricht frei eingesetzt werden können oder urheberrechtlichen Restriktionen unterliegen, die zu beachten sind“.

Handhabbarkeit in Sachen Urheberrecht ist ein wichtiger Punkt – die Antwort ist jedoch vage hinsichtlich Umsetzbarkeit und konkreten Maßnahmen.

Auch DIE LINKE bekennt sich allgemein zur Förderung von OER und OEP und will „den Fokus auf eine nachhaltige und anbieterunabhängige Beschaffungspraxis legen, die OER und OEP in den Bildungseinrichtungen fördert“. Auch sollen Lehrkräfte „Ausgleichsstunden erhalten, um OER zu erstellen oder zu bearbeiten“.

DIE LINKE legt den Fokus auf die Beschaffung und damit die Finanzierung von OER. Dies ist ein guter Punkt – wie das umgesetzt werden soll, bleibt aber sehr vage. Sehr konkret ist dagegen die Maßnahme der Ausgleichsstunden.

FAZIT: Alle Parteien geben an, OER und OEP fördern zu wollen. Dabei betrachten sie das Thema aus unterschiedlichen Richtungen. Es ist daher eher schwierig zu sagen, welche Partei die aus unserer Sicht beste Antwort gegeben hat. Sinnvoll wäre eine Kombination der verschiedenen Ansätze.

Wahlprüfsteine Teil 1

Steffen Prößdorf, 2020-02-13 Deutscher Bundestag IMG 3438 by Stepro, Bildbearbeitung, Text und Logoeinbindung von Wikimedia Deutschland e. V., CC BY-SA 4.0

Wie stehen die Parteien zum Grundprinzip „Öffentliches Geld – Öffentliches Gut“? Mehr dazu im ersten Teil der Analyse unserer Wahlprüfsteine zur Bundestagswahl 2021.

Wahlprüfsteine Teil 2

Steffen Prößdorf, 2020-02-13 Deutscher Bundestag IMG 3438 by Stepro, Bildbearbeitung, Text und Logoeinbindung von Wikimedia Deutschland e. V., CC BY-SA 4.0

Im zweiten Teil rückt das Thema Gemeinwohl in der Digitalpolitik in den Fokus. Wir haben CDU/CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP und Die Linke befragt. Hier gibt es die Antworten.

Bundestagswahl 2021

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Wikimedia Deutschland engagiert sich für eine gemeinwohlorientierte Digitalpolitik. Mehr Infos rund um die Bundestagswahl 2021 und aktuelle Wikimedia-Projekte gibt es hier.

Der Beitrag Zugang zu Freiem Wissen? Wahlprüfsteine zur Bundestagswahl (Teil 3) erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Wir wollten vor allem wissen, wie es die Parteien mit der Netzregulierung halten. Wikimedia Deutschland setzt sich dafür ein, dass für das sogenannte Public-Interest-Internet, also gemeinnützig getragene Plattformen und Projekte, andere Regeln gesetzt werden als etwa für kommerzielle Plattformen. Auch zum Thema „digitales Ehrenamt“ haben wir die Parteien befragt.

Gesonderte Regulierung für das Public-Interest-Internet

Konkret lautete unsere Frage hierzu:

Gemeinwohlorientierte Plattformen funktionieren anders und oft besser als das übrige Plattform-Internet, u.a. weil es bei ihnen echte Selbstverwaltung der Nutzendencommunitys gibt, durch die soziale Normen entstehen und greifen können. Wie werden Sie dies bei der Netzregulierung berücksichtigen?

Die Union will „den Rechtsrahmen für digitale Dienste mit besonderem Blick für die Plattformökonomie weiterentwickeln“. Dazu brauche es klare Verantwortlichkeiten, inklusive „Melde- und Abhilfeverfahren für illegale Inhalte“. Plattformen, die dafür noch keine Mechanismen hätten, müssten „nachbessern“.

Über Sonderreglungen für das gemeinwohlorientierte Netz, nach denen Wikimedia Deutschland gefragt hatte, sagt das nichts aus.

Die SPD will rein gewinnorientierten Plattformen mit dem NetzDG sowie dem künftigen Digital Services Act der EU klare Vorgaben machen, insbesondere in Bezug auf „content moderation“.

Ein durchaus tauglicher Ansatz: Da es Wikimedia darum geht, dass gemeinwohlorientierte Plattformen anderen Regularien unterworfen sein müssen als Unternehmen, kann die Unterscheidung zwischen kommerziell und nicht-kommerziell zielführend sein. Eine klare gesetzliche Formulierung würde helfen, gemeinnützige Angebote vor untragbaren Haftungsrisiken zu schützen.

Die GRÜNEN versprechen, alternative Plattformangebote zu fördern und neben gemeinwohlorientierten Plattformen auch die Datengenossenschaften im Blick zu behalten. „Bei Entscheidungen darüber, welche Inhalte auf digitalen Plattformen keinen Platz haben dürfen, könnte der gezielte Einsatz von repräsentativen zivilgesellschaftlichen Plattformräten eine Möglichkeit sein“.

Die Idee der Plattformräte ist sicher ein interessanter Impuls – trifft aber nicht den Kern, da sie sich nicht ausschließlich auf gemeinwohlorientierte Plattformen bezieht. Auch eine Förderung von Plattformen, die nicht auf herkömmlichen Geschäftsmodellen aufbauen, ist gut, aber als Antwort zu unspezifisch.

Die FDP verweist darauf, dass Netzregulierung mittlerweile zu großen Teilen EU-Sache sei – korrekt. „Das Gesetzespaket zu digitalen Diensten (Digital Services Act) auf europäischer Ebene, welches derzeit verhandelt wird und auch Regelungen zur Verantwortlichkeit von Plattformen enthält, wird unter anderem die Möglichkeiten effektiver Selbstregulierung betreffen“.

Wenn sich die FDP (bzw. die EU-Fraktion der Liberalen) daran messen lässt, ist das zweifellos gut. Das wäre immerhin ein Bekenntnis dazu, dass Selbstregulierung geschützt werden muss. Aber als Antwort auf unsere Frage nach gemeinwohlorientierten Plattformen ist es dennoch recht unspezifisch.

DIE LINKE fordert: „Marktbeherrschende Monopole müssen zerschlagen werden. Wir setzen auf commonsbasierte öffentliche Alternativen“. In Aussicht gestellt wird ein „Plattformstrukturgesetz“, das die Selbstbegünstigung der IT-Unternehmen verbieten, Datenschutz sicherstellen und die Interoperabilität und Portabilität der Nutzerdaten sanktionsbewehrt garantieren soll.

Auch diese Antwort zielt etwas an unserer Frage vorbei und verhandelt eher Aspekte von Marktmacht, und nicht mögliche Sonderregeln für gemeinwohlorientierte Plattformen.

FAZIT: Am meisten überzeugt hier der Ansatz der SPD. Auch die FDP und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN schlagen zumindest die richtige Richtung ein, allerdings wenig konkret.

Unter die Lupe genommen

Zusätzlich haben wir den Parteien Fragen gestellt, die sich auf konkrete Punkte in ihren Programmen beziehen:

CDU/CSU

Digitales Ehrenamt

Die Union will das Ehrenamt fördern, etwa in Form von Anlaufstellen in Kreisen und Gemeinden. Wir haben gefragt:

Gilt dies ohne Abstriche auch für das digitale Ehrenamt und wie sieht ggf. dessen Förderung dann konkret aus?

„Vorhaben, die das Ehrenamt unterstützen und auch in strukturschwachen und ländlichen Regionen von besonderer Bedeutung sind, werden wir fördern. Das gilt auch für das digitale Ehrenamt“, so die CDU/CSU. Man sehe schon heute viele Aktivitäten, bei denen Menschen sich etwa ehrenamtlich an Hackathons beteiligten, die von staatlichen Stellen unterstützt würden. „Diesen Weg werden wir weitergehen“.

FAZIT: Die Union will offenbar keinen Unterschied zwischen digitalem und nicht-digitalem Ehrenamt machen, was wir begrüßen. Was die konkrete Förderung des digitalen Ehrenamts angeht, sind Hackathons nur eine unter vielen denkbaren Wegen der Unterstützung. Hier hätten wir mehr konkrete Ideen erwartet.

Netzregulierung

Hinsicht der Netzregulierung strebt die Union eine Gesetzgebung an, die „nutzerzentriert“ ist und „einen Beitrag zur Online-Sicherheit und zum Schutz der Grundrechte leistet“. Wir wollten wissen:

Umfasst dies ein Recht der User ggü. Plattformen auf sichere Verschlüsselung und ggü. dem Staat auf Nichtausnutzung von Sicherheitslücken?

„CDU und CSU wollen, dass User sichere Methoden zur Verschlüsselung ihrer Kommunikation zur Verfügung haben und es möglichst starke Sicherheitsarchitekturen der Systeme gibt“. Deutschland solle „Weltmarktführer für sichere IT-Lösungen“ werden, auch will die Union das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie besser ausstatten.

FAZIT: Die Antwort, welche Rechte Nutzer*innen haben sollen, bleibt aus. Da die Union hier nicht ausdrücklich von einem „Recht auf Verschlüsselung“ spricht, kann die Antwort nicht als Bekenntnis gegen Hintertüren für Strafverfolgungsbehörden gelesen werden. Das ist aus unserer Sicht misslich, bestätigt aber die bisherige Linie der Union.

Auf EU-Ebene wird derzeit ein neuer Rechtsrahmen für große Plattformen erarbeitet. Bislang haben sich die Parteien in Deutschland nicht oder nur am Rande damit beschäftigt, welche besonderen Bedürfnisse Community-basierte Plattformen dabei haben. Digitales Ehrenamt muss stärker gefördert werden.

Mehr Infos zu den Wahlprüfsteinen und zur Bundestagswahl:

Wahlprüfsteine Teil 1

Wie stehen die Parteien zum Grundprinzip „Öffentliches Geld – Öffentliches Gut“? Mehr dazu im ersten Teil unserer Wahlprüfsteine.

Bundestagswahl 2021

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Wikimedia Deutschland engagiert sich für eine gemeinwohlorientierte Digitalpolitik. Mehr Infos rund um die Bundestagswahl 2021 gibt es hier.

Der Beitrag Gemeinwohl quo vadis? Wahlprüfsteine zur Bundestagswahl (Teil 2) erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Die Parteien haben für die Wahlprüfsteine in diesem Jahr zum ersten Mal ein standardisiertes Einreichungsverfahren gestartet. Pro Partei konnten über ein Formular 8 Fragen à 300 Zeichen gestellt werden. Die AfD hat sich daran nicht beteiligt.

Wir haben unsere Fragen aus den Bereichen Freies Wissen, offene Daten, Zugang zum digitalen Raum oder digitale Bildung entsprechend an folgende Parteien gerichtet: CDU/CSU, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, FDP und DIE LINKE.

Wir stellen die Antworten in drei Teilen vor. In diesem ersten legen wir den Fokus auf das Thema:

Öffentliches Geld – Öffentliches Gut!

Zunächst haben wir die Parteien mit zwei Fragen gebeten, sich in der Debatte „Öffentliches Geld – Öffentliches Gut!“ zu positionieren.

Dass im Auftrag der öffentlichen Hand erstellte immaterielle Güter wie Werke, Datensammlungen und Register für die Allgemeinheit frei nutzbar sein sollten, weil / wo sie maßgeblich mit Steuergeld finanziert wurden, liegt nahe. Welche Wege sehen Sie, diesen Grundsatz gesetzlich zu verankern?

Überwiegend fallen die Antworten hier ausweichend aus oder fokussieren sich auf Aspekte, auf die unsere Frage nicht abgezielt hat.

Die CDU/CSU fassen ihre Antwort mit der Entgegnung auf zwei weitere unserer Fragen zusammen, darunter diese speziell auf das Programm der Union abgestimmte Frage: „Sie wollen einen ‚App-Store für die Verwaltung’, aus dem Software für alle öffentlichen Stellen beziehbar ist. Es werde ‚die gesamtstaatliche Nutzung in allen Verträgen gewährleistet’. Sind Sie also dafür, dass sämtliche im Auftrag der öffentlichen Hand erstellte Software Open-Source-Software wird?“

Die Antwort: Es soll „ein Open-X-Gesetz“ eingebracht werden, „um offene Schnittstellen, offene Standards, offenen Quellcode und offene Dokumentationen bei Softwareentwicklung des Staates verbindlich zu machen“.

Das ist zwar ein konkretes Gesetzesvorhaben. Aber kein Bekenntnis zum Grundsatz „Öffentliches Geld – Öffentliches Gut“. Es geht uns ja um einen allgemeinen Grundsatz, also nicht lediglich Regeln für Software.

Die SPD schränkt zunächst ein, dass öffentliche Aufträge nicht immer exklusive Nutzungsrechte umfassen würden. Die öffentliche Hand müsse jedoch darauf bestehen können, dass Daten, die im Rahmen des Auftrags erhoben werden, an sie zurückfließen. „Wir werden uns dafür einsetzen, diesen Grundsatz im Vergaberecht zu verankern“.

Auch diese Antwort richtet den Blick nur auf Daten und zielt damit ein wenig an unserer Frage vorbei, die alle Arten von Inhalten meint. Das Vergaberecht ist zweifellos ein geeigneter Ort für Regelungen in unserem Sinne.

Die GRÜNEN versprechen, die staatlichen Datenbestände der Allgemeinheit nach den Prinzipien von Open Data zur Verfügung zu stellen. „Das Datenportal GovData bauen wir zu einem zentralen und nutzerfreundlichen Open- und E-Government-Portal aus. Wir führen eine aktive Veröffentlichungspflicht der Behörden und einen individuellen Rechtsanspruch ein“.

Zugänge zu schaffen ist zwar begrüßenswert – aber auch hier fehlt die klare Haltung zu einem gesetzlichen Grundprinzip „Öffentliches Geld – Öffentliches Gut“. Die vorgeschlagene Veröffentlichungspflicht schließt nicht automatisch ein, dass Inhalte auch umfassend unter passenden Lizenzen freigegeben werden.

Die FDP will sich dafür einsetzen, das Informationsfreiheitsgesetz zu einem „echten Bundestransparenzgesetz weiterzuentwickeln.“ Angepasst werden soll auch das Vergaberecht für Ausschreibungen der öffentlichen Hand – Datensammlungen und daraus abgeleitete Daten, die bei der Durchführung der Aufträge entstehen, seien nach eben diesem Bundestransparenzgesetz auch zu veröffentlichen.

Ein guter Ansatz – aber hier geht es eben nur um Transparenz, nicht um die Nachnutzbarkeit, auf die wir mit unserer Frage gezielt haben. Immerhin wird hier eine gesetzliche Änderung im Vergaberecht in Aussicht gestellt.

DIE LINKE schließlich will „die Definition amtlicher Werke in § 5 UrhG erweitern, so dass sie tatsächlich alle Werke erfasst, an denen die öffentliche Hand andernfalls Rechte halten würde“. Wo das nicht möglich sei, weil die Rechte bei Dritten lägen, müsse die öffentliche Hand sich schon bei der Vergabe von Aufträgen um eine möglichst freie Lizenzpolitik bemühen.

Ein Ansatz, der zwar nicht leicht umsetzbar sein dürfte, im Vergleich aber am meisten überzeugt. Der genannte Paragraf nimmt „amtliche Werke“ weitgehend vom Urheberrechtsschutz aus, sodass seine Erweiterung umfassende Nachnutzung auch ohne Freigabe per Lizenzen ermöglichen würde. Und auch hier wird das Vergaberecht erwähnt, was für viele der von uns gemeinten Inhalte der richtige Ort für eine neue Grundsatzregel ist.

FAZIT: In dieser Frage kommt DIE LINKE den Forderungen von Wikimedia am weitesten entgegen.

Behördenpublikationen als „andere amtliche Werke“

Ob Behördenpublikationen nach § 5 II UrhG „andere amtliche Werke“ und damit weitgehend gemeinfrei sind, hängt meist von den Intentionen der Behörde ab, die wiederum für Außenstehende oft nicht erkennbar sind. Werden Sie sich dafür einsetzen, dieses Erkenntnisdefizit zu beheben?

Die CDU/CSU verweist auch hier auf das von ihr geplante „Open-X-Gesetz“.

Die Frage beantwortet sie damit nicht.

Die Sozialdemokraten schicken voraus, der Begriff „amtliches Interesse“ werde basierend auf einer 140 Jahre alten höchstrichterlichen Rechtsprechung restriktiv ausgelegt. Man werde prüfen, ob die Regelung „im Lichte des angestrebten und im Gange befindlichen Wandels hin zu Transparenz / Open Data“ noch zeitgemäß sei.

Immerhin – einer der zentralen Rechtsbegriffe wird genannt und eine Überprüfung in Aussicht gestellt. Allerdings wird hier nichts direkt zum Problem gesagt, dass dieses „amtliche Interesse“ so schlecht erkennbar ist.

BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN verspricht, über die EU-Reform hinaus weitere Anpassungen im Urheberrecht vorzunehmen. „Regelungen für amtliche Werke im öffentlichen Interesse passen wir so an, dass sie nicht gegen das öffentliche Interesse genutzt werden können und für freie Zugänglichkeit sorgen“. Auch soll das „Änderungsverbot“ angepasst werden, damit mehr Material öffentlicher Stellen open-data-fähig gemacht werden könne.

Obwohl nicht genau gesagt wird, wie so eine Anpassung aussehen würde, entspricht diese Antwort – gerade auch bezüglich des Änderungsverbots – den Forderungen von Wikimedia.

Die FDP will das Portal „gov.data“ zu einem „Datenatlas“ ausweiten, der eine Übersicht über alle verfügbaren staatlichen Daten bieten und die veröffentlichungspflichtigen Daten zugänglich machen soll. Wir haben allerdings nicht nur nach Daten, sondern nach allen Behördenpublikationen gefragt: auch Broschüren, Ratgeber etc. Inwiefern solche Inhalte hier mitgemeint sind, bleibt offen, denn grundsätzlich kann GovData.de auch allgemeine Publikationen bereitstellen.

Die Freien Demokraten setzen sich zudem dafür ein, dass staatliche Informationen nicht länger mit Verweis auf das Urheberrecht, „quasi als Geheimschutz durch die Hintertür“, der Öffentlichkeit vorenthalten werden können.

Dies ist nur indirekt eine Antwort auf die Frage nach Auslegungsproblematik des §5 UrhG in Bezug auf amtliche Werke. Mit etwas gutem Willen kann aber auch hier ein positives Signal im Sinne unserer Frage gesehen werden, allerdings eines ohne jegliche Details.

Die LINKE schließlich verweist einmal mehr auf die von ihr geplante Änderung des § 5 II UrhG – wodurch es „auf die Intention der Behörde nicht mehr ankommt“. Unabhängig davon sollten alle durch Behörden publizierten Dokumente im Sinne des Open-Data-Prinzips maschinenlesbar veröffentlicht werden, wozu auch die Anreicherung mit relevanten Metadaten wie Urheberrechts- und Lizenzierungsstatus gehöre.

Eine solche Änderung würde das Problem vollständig lösen, denn worauf es nicht mehr ankommt, braucht auch nicht mehr erkennbar zu sein. Die Ideen zu Maschinenlesbarkeit und Metadaten sind begrüßenswert – aber eher Nebenaspekte.

FAZIT: Beim Thema „Behördenpublikationen als ‚andere amtliche Werke’ setzen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und DIE LINKE den Maßstab.

„Öffentliches Geld – Öffentliches Gut!“ Die Parteien scheinen sich diesem Grundprinzip langsam anzunähern. Ein echtes Bekenntnis zu einer gesetzlichen Grundregel fehlt jedoch bislang, klare Maßnahmen zur Umsetzung sind fokussiert auf „Daten“ und stellen noch zu oft bloße Veröffentlichung(spflichten) in Aussicht, wo echte Nachnutzbarkeit gebraucht wird. Wie die Parteien zu den Themen Gemeinwohl in der Digitalpolitik und Digitalisierung in Bildung und Kultur stehen, erfahren Sie in den nächsten Tagen.

Wahlprüfsteine Teil 2

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Im zweiten Teil der Analyse unserer Wahlprüfsteine rückt das Thema Gemeinwohl in der Digitalpolitik in den Fokus. Wir haben CDU/CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP und Die Linke befragt.

Bundestagswahl 2021

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Wikimedia Deutschland engagiert sich für eine gemeinwohlorientierte Digitalpolitik. Mehr Infos rund um die Bundestagswahl 2021 und aktuelle Wikimedia-Projekte gibt es hier.

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Wikimedia-Mitglieder beschließen Forderungen zur Bundestagswahl

Mit deutlicher Mehrheit beschlossen die Vereinsmitglieder im Rahmen der Mitgliederversammlung die politischen Forderungen von Wikimedia Deutschland. Diese sind: 

  • Alle maßgeblich mit öffentlichem Geld finanzierten Inhalte grundsätzlich öffentlich zugänglich zu machen und zur Nachnutzung freizugeben
  • Die Weiterentwicklung des Informationsfreiheitsgesetzes in ein Transparenzgesetz – inkl. Rechtsanspruch auf Open Data
  • Ausnahmeregeln für den Betrieb von Plattformen durch selbstverwaltete Communitys
  • Die Aussetzung restriktiver Handelsregeln zum geistigen Eigentum in besonderen Krisenzeiten und -regionen
  • Die Zulassung der Wikimedia Foundation als Beobachterin bei der WIPO

Wikimedia 2030 – Auf dem Weg zur Veränderung

Die auf der Mitgliederversammlung vorgestellte Strategie basiert auf den Grundsätzen Gerechtigkeit, Partizipation, Subsidiarität, Empowerment und Inklusivität. In den kommenden Jahren wird sich die internationale Wikimedia Bewegung mit der Frage auseinandersetzen, wer welche Entscheidungen trifft, welche Strukturen und Rechte Communitys und Organisationen wie Wikimedia brauchen, und wer an welchen Stellen Einfluss üben kann. Einen anschaulichen Einblick in die strategische Arbeit gibt dieses Video.

Ausschluss von Mitgliedern

Die Mitgliederversammlung hat einen Dringlichkeitsantrag zugestimmt, der sich mit bezahlten Beiträgen zur Wikipedia befasst. Demnach bestätigt die Mitgliederversammlung die Auffassung, dass bezahlte Beiträge zur Wikipedia, die nicht gemäß den Nutzungsbedingungen der Wikimedia Foundation offengelegt werden, oder die im Gegenteil verschleiert vorgenommen werden – etwa mit Sockenpuppen, unzutreffenden Zusammenfassungszeilen und dergleichen – den Satzungszweck und die Interessen des Vereins in grober Weise verletzen. Das bedeutet, dass natürliche und juristische Personen, die sich so verhalten oder verhalten haben, aus dem Verein ausgeschlossen werden.

Sprachliche Anpassung der Satzung und der Ordnungen des Vereins

Die vom Verein seit Jahren gelebte Praxis, gendersensibel zu kommunizieren, soll nach einem Beschluss der heutigen Sitzung auf die Satzung und in den Ordnungen des Vereins angepasst werden. Die Sprachregelungen der Wikipedia bleiben davon unberührt.

Wahl der Kassenprüfer*innen 

Auf der Mitgliederversammlung  wurden zwei der vier Kassenprüfer*innen des Vereins neu gewählt. 

Protokoll  

Das Protokoll der 26. Mitgliederversammlung können Vereinsmitglieder ab sofort im Mitgliederbereich einsehen. Mehr zur Mitgliedschaft bei Wikimedia Deutschland finden Sie unter wikimedia.de/mitglieder/

Die nächste hybride Mitgliederversammlung findet am Samstag, den 14. Mai 2022 statt, mit einer Vor-Ort-Versammlung in Berlin und der Möglichkeit, online teilzunehmen.

Der Beitrag 26. Mitgliederversammlung beschließt politische Forderungen an die neue Bundesregierung erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Im IGF-D kommen Vertreter*innen aus Regierung, Parlament, Forschung, technischen Communitys, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und der Jugend zusammen, um im digitalen Zeitalter auf Augenhöhe über digitalpolitische Trends zu diskutieren. Ihr gemeinsames Ziel ist es, auf Konflikte hinzuweisen und Lösungsansätze für staatliche Regulierungen sowie Selbstregulierungen zu entwickeln. Dieses Jahr fand das XIII. IGF-D am 14. September 2021 als Online-Konferenz statt.

Refresh Digitalpolitik! – Bündnis F5 stellt sich vor

Ein Perspektivwechsel in der Digitalpolitik – dafür will sich das neue Bündnis F5 aus Wikimedia Deutschland, AlgorithmWatch, Gesellschaft für Freiheitsrechte, Open Knowledge Foundation Deutschland und Reporter ohne Grenzen einsetzen. In einem Gastbeitrag im Tagesspiegel Background berschrieb das Bündnis, welche Themen im digitalpolitischen Diskurs zu wenig gewichtet werden. Deutschlandfunk (hier Radiointerview), Handelsblatt und andere haben berichtet, Abgeordnete wie Konstantin von Notz begrüßen das neue Bündnis. Hier die Präsentation im Stream des IGF-D: https://www.igf-d.de/igf-d-2021/ [ab 1:58:28]

Save the date: „Digital nach der Wahl“ Abgeordnete im Gespräch mit F5 am 29. September

Eine erste Gelegenheit für den Dialog mit Politiker*innen ergibt sich direkt nach der Wahl: Am 29. September lädt das Bündnis F5 zur ersten digitalpolitischen Debatte der neuen Legislaturperiode ein. Hier können Sie sich schon jetzt dazu anmelden:

Bewegte Bilder, bewegte Gesellschaft

Wie hilft Creative Commons Lehrer*innen bei der Unterrichtsvorbereitungund welche Materialien stellen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten eigentlich unter CC zur Verfügung? Darüber sprachen im Talk auf dem IGF-D aus Mainz zugeschaltet Dr. Kirsten Bode für das ZDF und Thomas Laufersweiler für die ARD mit Bernd Fiedler aus dem Politik-Team von Wikimedia Deutschland.

„Herzlichen Dank an die vielen Ehrenamtlichen der Wikipedia!“ sagte Dr. Kirsten Bode, Projektleitung Terra X/ZDF, beim Internet Governance Forum. Ihr ist besonders wichtig, dass Ausschnitte aus Sendungen durch freie Lizenzen auch in den Wikimedia-Projekten verwendet werden können. Im Gespräch berichtete sie über positive Erfahrungen mit der Verwendung von Creative-Commons-Lizenzen in den letzten Jahren.

Bernd Fiedler beim Internet Governance Forum Deutschland

Das Gespräch zum Nachschauen gibt es hier: https://www.igf-d.de/igf-d-2021/ [ab 6:26:20]

Wie können freie Lizenzen in den Öffentlich-Rechtlichen Unterricht und Bildung stärken? Mehr dazu auch hier.

Das Internet Governance Forum Deutschland ist ein Forum für Denkanstoß und Vernetzung. Die Themen, die uns als Verein wichtig sind, werden wir auch weiter präsentieren und direkt bei politischen Entscheidungsträger*innen anbringen.

Der Beitrag Für gemeinwohlorientierte Digitalisierung: Wikimedia Deutschland beim deutschen Internet Governance Forum erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

(Dis)Kurswechsel in der Digitalpolitik

11:02, Thursday, 16 2021 September UTC

Faxgeräte in Gesundheitsämtern, Schulen ohne E-Mail-Adressen, Millionen für verkorkste Apps – die Pandemie hat schonungslos offengelegt, dass ein „Weiter so“ in der Digitalpolitik unsere Zukunft gefährdet. Nicht Sicherheitsinteressen und die Einnahmen der Tech-Konzerne müssen im Mittelpunkt stehen, sondern das Gemeinwohl.

Ein Blick auf die Debatten der vergangenen Jahre zeigt, wie entscheidend zivilgesellschaftliche Stimmen sind, wenn es darum geht zu verhindern, dass Weichen falsch gestellt werden: Zum Beispiel, wenn die Corona-Warn-App, das BND-Gesetz oder die Vorratsdatenspeicherung vollständig überarbeitet werden müssen. Oder, wenn Entscheidungsträger zunehmend erkennen, dass Plattformen wie Facebook und Youtube transparenter sein müssen, ohne zu zensieren, oder es eine schlechte Idee ist, eine Cloud-Infrastruktur vollständig privaten Unternehmen zu überlassen. Immer waren es auch Organisationen wie unsere, die dafür gesorgt haben, dass ein Kurswechsel stattfindet.

Perspektivwechsel in der Digitalpolitik 

Wir – F5, ein neues Bündnis aus Algorithm Watch, der Gesellschaft für Freiheitsrechte, der Open Knowledge Foundation Deutschland, Reporter ohne Grenzen und Wikimedia Deutschland, fordern einen Perspektivwechsel: Das Gemeinwohl muss in der Digitalpolitik im Fokus sein. Es ist eine katastrophale Verschwendung knapper Ressourcen auf allen Seiten, wenn Regierung und öffentliche Hand in intransparenten Verfahren Tatsachen schaffen, oft genug getrieben von Lobbyisten, Unternehmensberatern und den Vertriebsabteilungen der Digitalkonzerne – und anschließend müssen Watchdog-Organisationen so viel Druck aufbauen, dass diese Fehlentscheidungen korrigiert werden.

Maßgabe einer demokratischen, offenen, inklusiven und transparenten Digitalpolitik muss vielmehr sein, Gemeinwohl und Daseinsvorsorge ins Zentrum zu stellen. Das kann aber nur gelingen, wenn mehr Stimmen gehört und beteiligt werden. Unsere Organisationen verstehen und verknüpfen die Vielseitigkeit der technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Diese diversen Stimmen zu stärken und zu institutionalisieren, ist ein Ziel unseres Bündnisses. Wir setzen uns dafür ein, dass sichere und vertrauliche Kommunikation auch mit digitalen Mitteln möglich bleibt. Dieses Grundrecht, im analogen Leben selbstverständlich, wird im Digitalen immer weiter aufgeweicht.

Wirksame Kontrolle für Plattformen und Algorithmen

Wir treten ein für eine europäische Regulierung von Online-Plattformen, die die Meinungs- und Informationsfreiheit und Nutzerrechte stärkt. Das kann nur gelingen, wenn Youtube, Facebook, Twitter und Co. gesetzlich zu mehr Transparenz gezwungen werden. Nur dann können sich Nutzer:innen selbstbestimmt im digitalen Raum bewegen. Zugleich darf sich der Staat nicht aus der Verantwortung stehlen: Wir brauchen neue Wege, Hasskommentare strafrechtlich zu verfolgen, ohne die Verantwortung vollständig an private Unternehmen zu delegieren.

Zunehmend werden Systeme zum automatisierten Entscheiden, oft als Künstliche Intelligenz bezeichnet, bei der Auswahl von Bewerber:innen, bei medizinischen Diagnosen, in der öffentlichen Verwaltung, bei der Kreditvergabe und anderswo eingesetzt. Es wird entscheidend für Freiheit und Gerechtigkeit sein, dass bei ihrem Einsatz das Gemeinwohl im Vordergrund steht und sie einer wirksamen Kontrolle unterliegen.

Gemeinwohlorientierte Digitalisierung und Transparenz

Damit unserer Gesellschaft die Ideen, die Kompetenzen und die Vielfalt zivilgesellschaftlichen Engagements so gut wie möglich zu Gute kommen, müssen aber auch gemeinwohlorientierte digitale Projekte stärker gefördert werden. Haftungsrisiken für ehrenamtlich betriebene Angebote müssen gesenkt, die Selbstverwaltung gefördert werden. Die Informationsfreiheit sollte durch Transparenzgesetze gestärkt, der freie Zugang zu Wissen durch politische Reformen begünstigt werden. Öffentliche Gelder sollten viel stärker in öffentlich zugängliche und für alle nutzbare Software, Strukturen und Bildungsmaterialien investiert werden.

Unsere freiheitliche und offene digitale Gesellschaft lebt von Voraussetzungen, die weder Staat noch Unternehmen allein garantieren können. F5 ist das zivilgesellschaftliche Gegengewicht zu dominierenden Wirtschaftsinteressen und einer Politik, die das Gemeinwohl bei der Digitalisierung aus dem Auge zu verlieren droht. Die Zukunftsfähigkeit einer demokratischen digitalen Gesellschaft ist unser Ziel. Daran werden wir Politik und Unternehmen messen – und selbstverständlich auch uns selbst.

Dieser Beitrag erschien zunächst im Tagesspiegel Background Digitalisierung & KI und wurde in Ko-Autorschaft verfasst von:

Matthias Spielkamp, Geschäftsführer Algorithm Watch

Malte Spitz, Generalsekretär der Gesellschaft für Freiheitsrechte e. V.

Henriette Litta, Geschäftsführerin der Open Knowledge Foundation Deutschland e. V.

Christian Mihr, Geschäftsführer Reporter ohne Grenzen

Christian Humborg, Geschäftsführender Vorstand Wikimedia Deutschland e. V.

Gesprächsrunde nach der Bundestagswahl

Welche Rolle spielt die Vision einer gemeinwohlorientierten Digitalisierung bei den Koalitionsverhandlungen? Was ist von der kommenden Legislaturperiode zu erwarten? Wenige Tage nach der Bundestagswahl hat das neue Bündnis F5 Politiker*innen zum Gespräch über digitalpolitische Themen geladen.

Der Beitrag (Dis)Kurswechsel in der Digitalpolitik erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Am 26. September ist Bundestagswahl. Wir erleben einen intensiven Wahlkampf, in dem viele Informationen und auch Unwahrheiten über die politischen Vorhaben der jeweiligen Gegenseite kursieren. Wir stellen drei Werkzeuge vor, mithilfe derer Nutzer*innen einen  besseren Überblick über die Informationsflut erhalten. 

Follow the Vote: Informationen zur Bundestagswahl

FollowTheVote will Politik einfach, faktisch & unterhaltsam gestalten. Die App kombiniert politisches Engagement mit Gamification und richtet sich vor allem an junge Menschen. 

Interessierte erhalten in der App ein Statement von Politiker*innen und können in nur fünf Minuten am Tag die eigene politische Überzeugung mit den Positionen und Forderungen der Parteien vergleichen. Das Projekt, das durch Wikimedia Deutschlands Accelerator UNLOCK gefördert wird, übersetzt komplexe Themen in eine einfache Sprache und fördert so die Fähigkeiten zur kritischen Auseinandersetzung mit Politik. Ziel ist es, das politische Wissen, Engagement und auch die Wahlbeteiligung zu fördern. Alle Ergebnisse von FollowTheVote stehen unter freier Lizenz. 

Face the Facts: Wähl nicht irgendwen

Face the Facts ist eine App, die mit Hilfe der Handykamera alle wichtigen Informationen über Politikerinnen und Politiker direkt am Wahlplakat sichtbar macht. Dazu gehören politische Positionen, Nebentätigkeiten, vergangenes Abstimmungsverhalten, oder Kontroversen. So können sich Wähler*innen einfach ein umfassendes Bild von Kandidat*innen machen und schnell erkennen, wer den eigenen politischen Überzeugungen am Nächsten kommt. 

Die Anwendung ermöglicht es, durch das Scannen eines Wahlplakates Informationen auf das Handy zu erhalten, anstatt sich die Informationen über Kandidat*innen und Kandidaten mühsam aus verschiedenen Quellen zusammenzusuchen. Face the Facts entstand als open-source Tool im UNLOCK Accelerator

Auf den Projektseiten von Face the Facts und Follow the Vote erfahren sie mehr über die Unterstützung des Wikimedia-Accelerators UNLOCK

Digital-o-mat: Wie digital sind die Parteien?

Open Source in der Verwaltung, Vorratsdatenspeicherung und digitale Lernmittel – die Bundestagswahl wird richtungsweisend für die Digitalpolitik der kommenden Jahre sein. Mit dem Digital-O-Maten finden Wähler*innen heraus, welche Partei am ehesten mit ihren eigenen netzpolitischen Überzeugungen übereinstimmt.

Interessierte können zunächst mit wenigen Klicks ihre eigene Haltung zu diesen Aussagen angeben. Anschließend stellt der Digital-O-Mat übersichtlich dar, wie stark die Übereinstimmung mit den Positionen der Parteien ausfällt. Entwickelt wurde der Digital-O-Mat von Wikimedia Deutschland, AlgorithmWatch, Bündnis Freie Bildung, Chaos Computer Club, Digitalcourage, Freifunk und der Gesellschaft für Informatik.

Weitere Positionen von Wikimedia Deutschland findest du auf unserer Überblicksseite zur Bundestagswahl

Der Beitrag Überblick in der Informationsflut: Wir präsentieren Tools für die Bundestagswahl erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Am Freitag, den 3. September 2021 haben die TV-Sendung „ZDF Magazin Royale“ und netzpolitik.org über Aktivitäten von Politiker*innen in der Online-Enzyklopädie Wikipedia berichtet. Demnach haben Bundestagsabgeordnete die Wikipedia-Einträge über ihre Person im Vorfeld der Bundestagswahl zu ihrem Vorteil beeinflusst. Die Medienbeiträge gehen am Rande auf die Selbstkontrollmechanismen der ehrenamtlichen Community ein, zu der mehr als 6.000 aktive und viele weitere Tausend gelegentliche Autor*innen gehören.

Ein Verhalten, wie es die Medienbeiträge schildern, ist ein massiver Verstoß gegen die Prinzipien der Wikipedia. Insbesondere das Grundprinzip des „Neutralen Standpunkts“ und die Richtlinien für Autor*innen werden so missachtet.

Alle können mitmachen

Die Wikipedia lebt vom Engagement ihrer ehrenamtlichen Communitys. Sie lebt von Menschen, die sich in ihrer Freizeit für faktenbasiertes, verlässliches Wissen einsetzen. Die große Stärke der Wikipedia: Alle können mitmachen.

Deshalb möchten wir Sie alle ermutigen: Überprüfen Sie die Wikipedia-Artikel über Politiker*innen! Wurde das Grundprinzip des Neutralen Standpunkts beachtet? Wurden die Richtlinien zum Umgang mit lebenden Personen eingehalten? Sind alle Aussagen mit ausreichend Belegen gestützt? Wie zuverlässig und glaubwürdig sind die Quellen?

Wenn Ihnen Unregelmäßigkeiten auffallen, nutzen Sie die Diskussionsseiten der jeweiligen Wikipedia-Artikel, um andere Autor*innen darauf hinzuweisen. Oder, wenn Sie sich das zutrauen, schlagen Sie selbst Änderungen vor. Wie das geht, erfahren Sie hier.

Helfen Sie mit, engagieren Sie sich für das Freie Wissen im Netz! 

Mehr zum Thema Mitmachen in Wikipedia, Wikimedia Commons und Wikidata unter www.wikimedia.de/mitmachen/

Der Beitrag ZDF Magazin Royale berichtet vor dem Hintergrund der Bundestagswahl über Wikipedia-Aktivitäten von Politiker*innen erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Wiki Loves Monuments: Jedes Foto ein Beitrag zum Denkmalschutz

10:11, Wednesday, 01 2021 September UTC

Ob Eifelturm, Branenburger Tor, das Taj Mahal oder Notre Dame: Weltweit gibt es unzählige – bekannte und weniger bekannte – Bau- und Kulturdenkmäler. Sie alle rücken jetzt im September im Rahmen des internationalen Fotowettbewerbs Wiki Loves Monuments wieder in den Fokus. Die Ehrenamtlichen der Wikipedia und des freien Medienarchivs Wikimedia Commons rufen Fotobegeisterte dazu auf, Aufnahmen von Denkmälern zu machen und beim Wettbewerb einzureichen. 

Jedes Foto ist ein bedeutender Beitrag zum Denkmalschutz

Alle, die bei Wiki Loves Monuments mitmachen, leisten einen entscheidenden Beitrag zum Denkmalschutz, indem sie vor allem der Wikipedia bei der Dokumentation von Kulturdenkmalen und Gebäuden helfen. Die Fotos werden im Medienarchiv Wikimedia Commons hochgeladen und stehen unter einer freien Lizenz. Dadurch können nicht nur wir alle sie frei nutzen –  vor allem Wikipedia-Aktive weltweit können sie verwenden, um Artikel in der Online-Enzyklopädie zu bebildern. 

Wiki Loves Monuments: eine Erfolgsgeschichte!

Gestartet ist Wiki Loves Monuments im Jahr 2010 in den Niederlanden. Damals wurden rund 13.000 Fotos von niederländischen Denkmälern eingereicht, die dann für Wikipedia-Artikel genutzt wurden. Damit begann eine rasante Erfolgsgeschichte: Schon zwei Jahre später machten Fotobegeisterte aus 35 Ländern mit und reichten 360.000 Fotos ein. Auch heute noch gilt Wiki Loves Monuments als der größte Fotowettbewerb rund um Bau- und Kulturdenkmäler weltweit. 


„Wikipedia ermöglicht vielen Menschen den Zugang zu Denkmalen – wie wichtig dieser ist, wissen wir seit der Corona-Pandemie mehr denn je zu schätzen. Fotografische Dokumentation und die weite Verbreitung des Wissens über Wiki Loves Monuments sind wichtige Schutzfaktoren für Denkmale“

Ulrike Wendland
Geschäftsführerin des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz
Zu den Grußworten

Mitmachen bei Wiki Loves Monuments: So einfach geht’s

Wie auch bei allen anderen Wikipedia-Wettbewerben ist das Schöne an Wiki Loves Monuments: Alle können mitmachen – vom Hobbyfotografen bis hin zur Foto-Expertin. In drei Schritten gehts zum Ziel: Denkmal auswählen, fotografieren, Foto auf Commons hochladen. Eine Liste der Baudenkmäler in Deutschland und viele weitere Infos zu den Teilnahmebedingungen und Preisen gibt es auf der Projektseite zu Wiki Loves Monuments 2021. Die besten Fotos aus Deutschland gehen übrigens weiter in den internationalen Wettbewerb. 

Wir begleiten den Wettbewerb auch auf unserem Instagram-Kanal.

Mitmachen in der Vorjury

Allein aus Deutschland wurden für den Wettbewerb bislang rund 40.000 Fotos eingereicht (Stand 29. September). Nach Ende des Wettbewerbs werden rund 13.000 Fotos einer Vorjury vorgelegt. Diese hat die wichtige Aufgabe, die Bilder zu sichten und eine finale Auswahl an die Jury weiterzugeben. Alle, die ein Benutzerkonto in der Wikipedia haben, können bei der Vorjury mitmachen. Die Jury wird dann Ende November die Gewinnerfotos offiziell bekannt geben.

Das sind die schönsten Aufnahmen aus den Vorjahren

Hier eine Übersicht der deutschen und internationalen Gewinnerbilder der Vorjahres-Wettbewerbe. 

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Mit Oliver haben wir einen Experten mit langjähriger Erfahrung in zivilgesellschaftlichen Organisationen und umfassenden Kenntnissen in den Bereichen Finanzen, Organisation und Gemeinnützigkeit für uns gewinnen können.

Seit 2019 ist er Geschäftsführer des Rechercheverbunds Investigate Europe. Zuvor war er von 2015 bis 2018 Geschäftsführer der europäischen Online-Kampagnenorganisation WeMove.EU, die er auch gegründet und konzeptioniert hat.

Neben seiner Tätigkeit bei Wikimedia wird Oliver weiterhin sein Ehrenamt als Mitglied des Vorstandes von Ärzte ohne Grenzen e. V. ausüben. Insofern erhoffen wir uns auch, von seinen Erfahrungen innerhalb einer internationalen zivilgesellschaftlichen Bewegung profitieren zu können. Für eine Übergangszeit bis November wird er noch die Geschäftsführung von Investigate Europe beibehalten.

Sein jahrzehntelanges Engagement für Freies Wissen, gemeinwohlorientierten Journalismus und eine offene Gesellschaft sind eine tolle Basis für die künftige Zusammenarbeit.

Ein ganz herzliches Willkommen bei Wikimedia Deutschland, lieber Oliver!

Christian Humborg
Geschäftsführender Vorstand
Wikimedia Deutschland e. V.

Mehr zu Oliver Moldenhauer bei Wikipedia

Der Beitrag Oliver Moldenhauer übernimmt Bereichsleitung Finanzen und Zentrale Dienste erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Wissen ist ein Gemeinschaftsgut, das allen zugänglich sein sollte – so sehen es auch die Zehntausenden Freiwilligen, die weltweit ihr Wissen in Wikipedia teilen.

Historisch gesehen hat sich Wissen jedoch in den Händen einiger weniger konzentriert. Die Geschichten und Perspektiven marginalisierter Gruppen wurden durch Macht- und Privilegienstrukturen lange Zeit ausgeschlossen. Wikipedia hat dies als die weltweit größte, freie, gemeinschaftlich erstellte Enzyklopädie revolutioniert: Alle haben den gleichen Zugang zu Wissen – theoretisch. Doch wir wissen, dass die Möglichkeit, ehrenamtlich Wissen zu teilen, nicht allen Menschen gleichermaßen offen steht.

Wie kann für die Zukunft gewährleistet werden, dass das Versprechen von Wikipedia – jede und jeder kann das Wissen der Welt teilen und mehren – auch wirklich eingelöst wird?

Keine Wissensgerechtigkeit ohne Offene Wissenschaft, digitale Freiheitsrechte, freien Zugang zu Kultur und Bildung

Zugang zu Wissen ist eine Frage der Gerechtigkeit. Auf verschiedenen Ebenen muss für faire Zugangschancen für alle Menschen zu Wissen, Bildung und damit Macht gekämpft werden. Dafür setzt sich Wikimedia Deutschland ein:

Marginalisiertes Wissen sichtbar machen

Um Wissen zugänglich für alle zu machen, arbeiten wir mit vielen Akteur*innen zusammen, die Wissen haben, welches noch nicht allen Menschen offen steht: Bildungs-, Forschungs-, und Kulturinstitutionen, Museen, Bibliotheken, Archive.

Dabei stellt sich die Frage, wie Wissen, das auch marginalisierte und verdrängte Wissensformen enthält, in den Wikimedia-Projekte mehr Sichtbarkeit bekommen kann.

Unter marginalisiertem Wissensbeständen verstehen wir sowohl Sammlungbestände in Kultur- und Gedächtnisinstitutionen, die aus institutionellen oder strukturellen Gründen wenig bis gar keine Repräsentation finden, als auch Darstellungs- und Erzählweisen, die die Vielschichtigkeit von Geschichten und Perspektiven eines Objekts vernachlässigen.

Mit unseren Projekten möchten wir zukünftig verstärkt dafür sorgen, dass marginalisiertes und verdrängtes Wissen in den Wikimedia-Projekten mehr Sichtbarkeit erhält. Gleichzeitig wollen wir auch die Mechanismen von Aneignung, Unterdrückung und Marginalisierung von Wissen offenlegen.

Aktuell gestalten wir etwa das Programm der Konferenz „Zugang gestalten! Mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe“ zum Thema „Schwieriges Erbe“ mit. Mehr dazu im Blogbeitrag.

Wie Offene Wissenschaft zu Wissensgerechtigkeit beitragen kann

Von 2016 bis 2021 hat Wikimedia Deutschland mit dem Fellow-Programm Freies Wissen Wissenschaftler*innen aus allen Disziplinen dabei unterstützt, Prinzipien Offener Wissenschaft in die eigene Forschungspraxis zu integrieren. Gleichzeitig wurden der Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gefördert, um die schrittweise Öffnung von Wissenschaft und Forschung voranzubringen.

Aufbauend auf den bisherigen Programmerfahrungen besteht das Ziel, Offene Wissenschaft noch stärker mit Fragen der Zugänglichkeit und Anschluss auf gesellschaftlicher Ebene zu verknüpfen. Wir wollen diskutieren, wie Offene Wissenschaft zu Wissensgerechtigkeit beitragen kann, und den Dialog dahingehend auch international ausweiten.

Ein Versuch, die Prinzipien und Barrieren von Wissensgerechtigkeit in der Wissenschaft aus unterschiedlichen Perspektiven zu diskutieren, ist im Rahmen der fünften Fellow-Programm-Runde in Zusammenarbeit von Wikimedia Deutschland, Mentor*innen und Fellows als digitale Lerneinheit im Lernraum Freies Wissen entstanden. Die Lerneinheit bestehen aus kurzen Videoinputs zur Wikimedia Movement Strategy 2030, zu Privilegien und Diskriminierung in der Wissenschaft, inklusiver Bildung, sozialer Ungleichheit im Hochschulsystem und Sprachenvielfalt in der Wissenschaft.

Eine der vielen Lerneinheiten zum Thema Wissensgerechtigkeit im Lernraum Freies Wissen

Kommunikationskultur, die alle Menschen willkommen heißt

Eine wertschätzende Kommunikationskultur und konstruktive Konfliktlösung sind wichtig, damit sich mehr Menschen in den Wikimedia-Projekten willkommen und sicher fühlen. Wikimedia Deutschland unterstützt die Communitys darin, eine freundliche und lösungsorientierte Art des Umgangs zu fördern. Mehr dazu siehe Projekt Online-Kommunikationskultur.

Auf internationaler Ebene wird zudem an einem Universal Code of Conduct gearbeitet, einer schriftlichen Vereinbarung darüber, wie die Freiwilligen der Wikimedia-Projekte miteinander umgehen möchten.

Gemeinwohlorientierte Digitalpoltik stärken

Auch auf der politischen Ebene werben wir dafür, dass die Digitalisierung zuvorderst dem Wohl aller Menschen dienen soll. Dazu gehört die Forderung, dass mit öffentlichen Mitteln gefördertes Wissen der Öffentlichkeit dauerhaft frei zur Verfügung stehen soll. (Siehe dazu auch die Kampagne Öffentliches Geld – Öffentliches Gut).

Wir bringen uns mit konkreten Vorschlägen in tagesaktuelle politische Weichenstellungen ein, etwa für eine konsequente Gemeinwohlorientierung in der Datenstrategie der Bundesregierung. Auch international knüpfen wir Netzwerke, um für den Zugang zu Freiem Wissen für alle Menschen heute und in Zukunft zu kämpfen.

Strategische Bedeutung von Wissensgerechtigkeit

Wir möchten, dass jeder einzelne Mensch Zugang zum Wissen der Welt haben und vor allem auch aktiv das eigene Wissen dazu beitragen kann. Um das zu schaffen, müssen wir jedoch zunächst all diese Menschen erreichen und an gleichen Voraussetzungen für alle arbeiten. Die Frage ist also, wie wir das Wissen in den Gemeinschaften der Welt für alle Menschen zugänglich machen können, auch außerhalb von Europa und Nordamerika.

Auch um diese Fragen nach notwendigen Veränderungen zu beantworten, hat Wikimedia als Bewegung 2017 angefangen, einen weltweiten Strategieprozess anzustoßen. Daraus ist ein ehrgeiziges Ziel entstanden: Bis 2030 soll sich Wikimedia zur zentralen Infrastruktur des Freien Wissens entwickeln. Alle, die unsere Vision teilen, sollen daran mitwirken können.

Über einen Zeitraum von zwei Jahren sind Menschen aus der Wikimedia-Bewegung in einem offenen und partizipatorischen Prozess zusammengekommen, um zu diskutieren, wie wir darauf hinarbeiten können. Herausgekommen sind dabei Empfehlungen und Grundprinzipien. Sie leiten strukturelle und systemische Veränderungen ein, mit deren Hilfe wir die Zukunft unserer Bewegung gemeinsam gestalten werden.

Die Empfehlungen skizzieren auch, wie wir nachhaltig und integrativ wachsen können. Sie zeigen Wege auf, wie wir das Beste aus den neuen Möglichkeiten machen und uns den Herausforderungen von heute und morgen stellen können. Sie zeigen auf, wie wir nach Wissensgerechtigkeit und Wissen als Dienst (Knowledge as a service) streben können. Damit alle – diejenigen, die bereits in unserer Bewegung sind, und alle, die sich ihr anschließen möchten – eine Rolle dabei spielen können, Freies Wissen zu erfassen, zu teilen und den Zugang zu diesem Wissen zu ermöglichen.

Zwei entscheidende Konzepte sollen den Weg dorthin prägen:

„Wissen als Dienst“: Um den Nutzer*innen bestmöglich zu helfen, werden wir zu einer Plattform, die über Schnittstellen und Communitys der ganzen Welt Freies Wissen anbietet. Wir werden Werkzeuge für Verbündete und Partner*innen schaffen, um über Wikimedia hinaus Freies Wissen zu organisieren und zu teilen. Unsere Infrastruktur wird es uns und anderen ermöglichen, verschiedene Arten von verlässlichem und freiem Wissen zu sammeln und zu nutzen.

„Wissensgerechtigkeit“: Als eine soziale Bewegung setzen wir uns besonders für Wissen und Gemeinschaften ein, welche durch Machtstrukturen und Privilegien bisher ausgeschlossen wurden. Wir heißen Menschen jeder Herkunft willkommen und bauen so starke und vielfältige Gemeinschaften für Freies Wissens auf. Wir werden soziale, politische und technische Hürden abbauen, damit alle Menschen Freies Wissen nutzen und schaffen können.

Mehr erfahren?

Weitere Informationen und aktuelle Projekte rund um das Thema Wissensgerechtigkeit gibt es auch auf unserer Themenseite. Mit dabei: die neue Gesprächsreihe „Wissen. Macht. Gerechtigkeit.“ von Wikimedia Deutschland und Deutschlandfunk Kultur.

Der Beitrag Wissensgerechtigkeit – wie Wikimedia diverser, partizipativer und gleichberechtigter werden soll erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Wen wählen in das Board der Wikimedia Foundation?

21:03, Friday, 20 2021 August UTC

Vorweg, für die Eiligen

Meine Wahlvorschläge

  • Top 4: Douglas Ian Scott, Iván Martínez, Adam Wight, Dariusz Jemielniak
  • Top 8: Rosie Stephenson-Goodknight, Lorenzo Losa, Farah Jack Mustaklem, Gerard Meijssen
  • Wählbar: Reda Kerbouche, Pavan Santhosh Surampudi, Ravishankar Ayyakkannu

Wichtige Links

Vote now für das Wikimedia-Board

Für die nicht so Eiligen

Über den Dächern, Türmen und Gasometern Westberlins senkte sich die Abendsonne. Ich stand auf den Zinnen des Ullstein Castles und sinnierte. Direkt unter mir Straßentreiben, Sirenen, betrunkene Jugendliche, ein Ausflugsboot auf dem Teltowkanal, radelnde Ausflügler überquerten die Stubenrauchbrücke.

In der Ferne betrachtete ich die Türme des Spitzenlastheizkraftwerks Lichterfelde, der Sendeturm auf der Marienhöhe, den BfA-Büroturm und den ehemaligen Wasserturm im Naturpark Schöneberger Südgelände. Heute Nacht auf dem Heinweg: Welchen Weg sollte ich wählen? Unten, im Süden, über den Prellerweg vorbei am Sommerbad am Insulaner? Die Nordvariante über den Tempelhofer Damm und durch die Kopfsteinpflaster Tempelhofs? Oder die Mittelweg, mit Erklimmen der Höhe am Attilaplatz und später über den Ikea-Parkplatz? So viel zu wählen.

Wahlen spukten in meinem Kopf herum. Da war die Mitgliedsversammlung unseres Dauergartenvereins. Die Vorstandswahlen dort sollten wahrscheinlich, hoffentlich, unspektakulär verloren. Aber die Anträge. Wenn ein einzelnes Mitglied auf einem A4-Blatt 40 verschiedene Anträge stellt, richtig ernsthaft, dann verspricht das Unterhaltung.

Die Bundestagswahl: Auf dem Weg zum Ullstein Castle passierte ich zahlreiche Bundestagstagswahlplakate: den unlesbaren Blob der Grünen in Tarnfarbenoliv, die bildhaft dargestellte Biederkeit der Berliner SPD, zahlreiche Kleinparteien von Team Tödenhöfer über Volt bis zur Tierschutzpartei. Und so sehr es mich schmerzte das zu sagen: Das Plakatgame gewannen bisher die CDU und ihr Wahlkreiskandidat Jan-Marco Luczak. Sowohl optisch – als auch damit, überhaupt inhaltliche Aussagen fern von Plattitüden zu machen.

Vor allem aber war ich innerlich bei einer ganz anderen Wahl. Die Wikimedia Foundation wählte und wählt ihr Board, auf Deutsch das ehrenamtliche Präsidium der Wikimedia Stiftung. Die Wikipedia steht meinem Herzen näher als der Bundestag und selbst als der Dauergartenverein. Aber die Board-Wahlen erfordern merh Gedanken. Diese Gedanken bedurften des Kontextes.

Was ist die Wikimedia Foundation?

Die Wikimedia Foundation (WMF) ist die Betreiberin der Wikimedia-Projekte wie zum Beispiel der Wikipedia aber auch Wikimedia Commons und Wikidata. Die Foundation hostet die Server, stellt die Technik, ist am Ende rechtlich dafür verantwortlich was in den Wikipedien passiert. Dafür hat die Foundation derzeit etwa 450 Angestellte, ein Endowment von 90 Millionen Dollar und hatte 2020 Jahreseinnahmen von 127 Millionen US-Dollar.

Wo genau die Grenzen zwischen dem Einfluss der Wikimedia Foundation und den Communities liegen, ist umstritten. Letztlich kann die Foundation alles ändern und machen in den Projekten. Sie ist meistens weise genug, es nicht zu tun. Insbesondere schreiben keine Foundation-Mitarbeiter*innen in ihrer Arbeitszeit Artikel oder legen Inhalte in den Projekten an.

Die Foundation ist eine Organisation eigener selbstgenügsamer Vollkommenheit. Sie hat keine Mitglieder und ist – rechtlich – niemand rechenschaftspflichtig. Das Board besetzt sich prinzipiell aus sich selbst heraus. Es hat entschieden die Hälfte der Sitze Wahlen der weltweiten Wikip/media-Communities besetzen zu lassen zu lassen.

Was ist das Board of Trustees?

Das Board of Trustees ist das ehrenamtliche Aufsichtsgremium der Foundation. Es hat derzeit 16 Sitze. Davon steht einer Jimmy Wales als Gründer zu, sieben Sitze besetzt das Board selber, acht Sitze werden durch eine weltweite Communitywahl bestimmt.

Nun ist allein aus den Worten „ehrenamtlich“ und „weltweit / 450 Mitarbeiter / 127 Millionen Dollar Einnahmen“ klar, dass das Board eine abstrakte Leitungsposition einnimmt. Alleine, einen Überblick über so eine Organisation zu behalten, ist eine Mammutaufgabe. Dieser Organisation noch Vorgaben zu machen und sie in eine bestimmte Richtung zu lenken, eine Herausforderung.

Die Gefahr, in Detailinformationen zu ertrinken oder sich hoffnungslos im Alltagsgeschäft zu verfangen, ist groß. Seiner Aufgabe nach, beaufsichtigt das Board, was die Vollzeitkräfte machen und besetzt die Geschäftsführung.

Was zur Zeit ein besonderer Job ist: Die Geschäftsführerin der Foundation Catherine Maher verschwand im April 2021 überraschend. Der Posten ist seitdem unbesetzt. Ebenso wie sich die Chief Operations Officer im Jahr 2021 verabschiedete, die Abteilungen Communication und Technology auch niemand im Vorstand haben. Auf dem Schiff besetzt nur eine Notbesatzung an Offizier*innen die Brücke. Dem Board obliegt es derzeit, dieses Führungsvakuum schnell und kompetent zu beenden.

Welche Kriterien habe ich?

Grundsätzlich sollte jede*r Kandidat*in zwei Kriterien erfüllen. Sie sollte meine inhaltlichen Ziele teilen. Und sie sollte in der Lage sein, sich in einem ehrenamtlichen Job gegen eine komplette Organisation aus Vollzeitangestellten zu behaupten. Oft genug stehen bei solch ehrenamtlichen Gremien Kandidat*nnen zur Wahl, bei denen ich denke „Will Schlechtes, aber wird das erreichen“ und „Will Gutes, ist aber planlos. Am Ende werden die Hauptberuflichen machen was sie wollen. Oder es gibt Chaos.“

Angesichts der bewegten Zeiten, in denen wir leben; angesichts der latenten Führungslosigkeit der Foundation derzeit, möchte ich Kandidat*innen, die sich durchsetzen können. Kandidat*innen, die nach Möglichkeit die US-Zentrik der Foundation aufbrechen können. Ich möchte Kandidat*innen, die verstehen, dass Wikip/media keine allgemeine Weltbeglückungsorganisation ist, sondern sehr spezifische Sachen sehr gut durchführt – und andere überhaupt nicht kann. Es bringt nichts, sich auf allgemeine Weltbeglückungsziele zu stürzen, die weder die Foundation noch die Communities umsetzen können.

Wählenswert: Adam Wight. Bild: Recent selfie. Von: Adamw Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Welche Kandidaten?

Insgesamt stehen 19 Kandidat*innen zur Auswahl, die um vier Plätze streiten. Dabei sind Wikimedia-Urgesteine ebenso wie Newbies, viele Männer, mir auffallend viele Inder, viele Kandidat*innen mit NGO-Hintergrund, kaum eine*r, der/die fortgeschrittene IT-Kenntnisse hat.

Die Urgesteine

Dariusz Jemielniak – Professor of Management, daueraktiv auf allen Ebenen und vielleicht der einzige Mensch, der intellektuell versteht wie Wikipedia funktioniert.

Rosie Stephenson-Goodknight – WikiWomensGroup, Women in red, you name it. Bei überraschend vielen der Wikipmedia-Genderaktivitäten, die funktionieren, ist Rosie Stephenson-Goodknight beteiligt.

Gerard Meijssen – gefühlt war Gerard schon Wikipedianer bevor es Wikipedia gab. Vielleicht der spannendste Autor des Meta-Wikiversums und ein Chaot.

Mike Peel – langjähriges Mitglied des Funds Dissemantion Committees. (FDC) Hat bei mir in der Rolle durchgehend einen schlechten Eindruck hinterlassen.

Ravishankar Ayyakkannu – Mr. Tamil Wikipedia, der seinem Resumee zufolge seit 2005 in der Community und mit externen Partnern (wie Wikipedia Zero, Google) zusammenarbeitete. Gewinnt bei mir Diversitätspunkte, weil er nicht nur aus dem Global South stammt, sondern auch Ausbildung und Berufstätigkeit dort durchführte.

Wählenswert: Dariusz Jemielniak Bild: Dr. Dariusz Jemielniak – Wikimedia Foundation Board von: VGrigas (WMF) Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Im Wikiversum aktiv


Reda Kerbouche – Aktiv bei Wikimedia Algeria, Founding member der Wikimedia of Tamazight User Group. Lebt in Europa.


Lorenzo Losa – Ex-Vorsitzender von Wikimedia Italia.


Farah Jack Mustaklem
– Software Engineer, einer der wenigen Kandidaten mit Ahnung von Software. Aktiv bei den Wikimedians of the Levant und der Arabic language User Group. Mir persönlich zu sehr USA-sozialisiert für eine Board-Mitgliedschaft, andererseits sicher in jeder Hinsicht kompetent.

Douglas Ian Scott – Präsident von Wikimedia South Africa, Organisator der Wikimania 2018 und einziger Kandidat, den ich dank eines langen Wartepause am Kofferband irgendeines Wikimania-Flughafens persönlich besser kennenlernte – und begeistert war.

Iván Martínez – langjährig engagiert bei Wikimedia Mexiko, LGBTQ+-Aktivist und soweit ich hörte, das Wikiversum Lateinamerika ist begeistert von ihm.

Pavan Santhosh Surampudi – Community Manager at Quora. Versteht also vermutlich professionell etwas von Communities.

Adam Wight – Programmierer, Ex-Angestellter und WMF und WMDE und neben Gerard der Vertreter des Ur-basisdemokratischen, selbstorganisierten und Gegen-Informationsmonopole-Geistes des frühen Movements.

Vinicius Siqueira – in Wiki Movimento Brasil

Newbies

Es kann sich hierbei um langjährige und erfahrene Wikipedianer*innen handeln, die im kleinen Rahmen auch Projekte oder Gruppen organisiert haben. Erfahrungen in oder mit größeren Organisationen im Wikiversum fehlt vollkommen.

Lionel Scheepmans
Pascale Camus-Walter
Raavi Mohanty
Victoria Doronina
Eliane Dominique Yao
Ashwin Baindur

Wen werde ich wählen?

Leute, die sich durchsetzen können, und die auch die Grenzen des Wikiversums sinnvoll einschätzen können. Perspektiven auf das Leben, anders aussehen als „in US-NGOs sozialisiert“ werden bevorzugt.

Die Top 4

  • Douglas Ian Scott
  • Iván Martínez
  • Adam Wight
  • Dariusz Jemielniak

Top 8

  • Rosie Stephenson-Goodknight
  • Lorenzo Losa
  • Farah Jack Mustaklem
  • Gerard Meijssen

Wählbar

  • Reda Kerbouche
  • Pavan Santhosh Surampudi
  • Ravishankar Ayyakkannu

Wer wird wählen

Es wählen alle Menschen, die vage aktive Accounts in einem Wikimedia-Projekt haben. Die Bedingungen dafür sind niedrig angesetzt. Für Autor*innen ist es nötig 300 Bearbeitungen zu haben, kein Bot zu sein und höchstens in einem Projekt gesperrt zu sein. Die Bedingungen für die Board-Wahlen sind somit einfacher zu erfüllen als die Bedingungen zum Sichten in der deutschen Wikipedia. Die Kriterien mussten am 5. Juli 2021 erfüllt sein. Es hilft nicht, jetzt noch schnell zu editieren.

Das Wahlsystem

Es gilt das Präferenzwahlsystem. Dieses wird weltweit von einschlägigen Fachleuten als besonders fair bezeichnet. Es verzerrt den Wählerwillen weniger als viele andere Wahlsysteme. Praktisch wird es allerdings nur selten eingesetzt. Die bekannteste Wahl mit Präferenzwahl in letzter Zeit war die Bürgermeister*in-Wahl in New York, New York.

Bei Wahlsystem nummeriert man „seine“ Kandidat*nnen nach Präferenzen. Die beste Kandidatin bekommt eine Eins, der Kandidat danach eine zwei und so weiter. Hält man keine Kandidatin mehr für geeignet, hört man auf zu nummerieren.

Bei der Wahl werden in der ersten Runde alle Präferenzen mit „1“ gezählt. Ein Kandidat hat am wenigsten davon. Dieser scheidet aus. Von allen „1“-Wählerinnen des Kandidaten werden nun die „2“-Präferenzen seiner Wählerinnen auf die entsprechenden weiteren Kandidaten verteilt. Und so weiter, bis nur noch so viele Kandidatinnen übrig sind, wie es Plätze zu besetzen gilt.

Zur Wahl

Geht es hier.

Beitragsbild: Die Apostel wählen einen zwölften Zeugen als Ersatz für Judas. Aus dem Rabbula-Evangeliar.

Das war die Wikimania 2021!

08:50, Thursday, 19 2021 August UTC

Wikimania erstmals rein digital

Nachdem die Wikimania im letzten Jahr aufgrund der Pandemie leider ausfallen musste, fand die größte Konferenz im Wikimedia-Universum nun endlich wieder statt – und zwar erstmals in ihrer Geschichte vollständig virtuell. Vom 13. bis zum 17. August versammelten sich Ehrenamtliche und Wikimedia-Mitarbeitende gleichermaßen, um gemeinsam zu diskutieren und sich an den zahlreichen Programmpunkten zu beteiligen. Die Umstellung hatte dabei auch ihr Gutes: Ohne die sonst notwendige Anreise konnten viel mehr Interessierte am Programm teilnehmen als in den Vorjahren. Über 4.000 Anmeldungen sprechen Bände!

Zahlreiche Beiträge von Wikimedia Deutschland

Auch die Zahl der Vortragenden war besonders hoch. Insgesamt weit über 150 Beiträge kamen in diesem Jahr von Ehrenamtlichen und Mitarbeitenden der Wikimedia-Chapter. Auch Wikimedia Deutschland steuerte viele Vorträge und Workshops bei. Eine Auswahl:

Unter anderem sprachen Lilli Iliev, Anna Mazgal und Nicola Zeuner über das Thema Knowledge Equity – zu Deutsch Wissensgerechtigkeit. Kannika Thaimai, die Unlock Accelerator von Wikimedia Deutschland leitet, referierte über Innovationen für freien Zugang zu Wissen. Einen Überblick über den aktuellen Entwicklungsstand von Wikidata gab Produktmanagerin Lydia Pintscher.

Gemeinsam mit Emilia Haas vom ZDF sprach Bernd Fiedler über den Nutzen freier Lizenzen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Lea Volz, die sich bei Wikimedia Deutschland mit Online-Kommunikationskultur beschäftigt, gab Einblicke in den Umgang mit Konflikten innerhalb der Wikipedia-Community. Und Christina Rupprecht und Lukas Walenciak stellten das Projekt „Curated Commons“ vor, in dem es um die Schaffung einer kuratierten Plattform für frei lizenzierte Bilder geht.

Viele Beiträge – und doch nur ein kleiner Auszug aus dem vollen Programm der diesjährigen Wikimania. Nachschauen lassen sich die Vorträge und Panels auf den Youtube-Kanälen der Wikimedia Foundation und von Wikipedia Weekly.

So war die Wikimania 2021 – ein Erfahrungsbericht

Nicole Ebber leitet das Team Movement Strategy & Global Relations bei Wikimedia Deutschland. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich täglich mit Fragen der globalen Zusammenarbeit. Wir haben mit ihr über ihre Erfahrungen bei der Wikimania 2021 gesprochen.

Foto: Jason Krüger, ekvidi, CC BY-SA 4.0

Die Wikimania hat dieses Jahr erstmals rein digital stattgefunden. Wie hat sich das für Dich angefühlt?

NICOLE EBBER: Überraschend gut! Natürlich war es schade, die vielen Menschen, mit denen ich schon so lange zusammenarbeite und die ich schätze, nicht persönlich treffen zu können. Die Wikimania war immer schon eine Energiequelle für mich. Mit so vielen Menschen zusammenzukommen, die alle gemeinsam an der gleichen Sache arbeiten – das hat mir in den letzten Jahren immer viel Kraft und Inspiration für meine eigene Arbeit gegeben.

So ganz lässt sich das im digitalen Raum natürlich nicht erleben. Und doch: Die Wikimania hat es dieses Jahr geschafft, immer wieder solche persönlichen Momente zu kreieren, zum Beispiel im Community Village oder an den virtuellen Gesprächstischen.

Gab es auch positive Veränderungen?

NICOLE: Noch nie habe ich so viele Sessions besucht wie in diesem Jahr. Es war deutlich einfacher, zwischen den einzelnen Beiträgen hin- und herzuwechseln, ganz ohne lange Wege oder Platzmangel in überfüllten Räumen. Kein Jetlag, weniger Erschöpfung – die Wikimania war dieses Jahr deutlich entspannter für mich als sonst, aber trotzdem nicht weniger reichhaltig.

Die mit Abstand wichtigste Neuerung ist aber sicherlich: Bei der Wikimania konnten diesmal viel mehr Menschen aus der ganzen Welt teilnehmen. Die Einschränkungen durch Visa, Reisekosten und den hohen Zeitaufwand fallen weg, wenn eine solche Konferenz digital ausgerichtet wird. Und es wurden Stipendien für mobile Daten oder Kinderbetreuung angeboten.

Welcher Beitrag ist Dir am meisten im Gedächtnis geblieben?

NICOLE: Auf jeden Fall die Ehrung der „Wikimedians of the Year“. Gut gefallen hat mir, dass erstmals nicht nur eine Person ausgezeichnet wurde, sondern gleich sieben. Im Grunde sind wir doch alle Wikimedians of the Year – schön, dass jetzt mehr geehrt werden. Denn natürlich geht es hier um die Menschen und ihre grandiosen Leistungen – da sieht man, wie vielfältig die Themen unseres Movements sind. Zu sehen, wie viel Freude und Applaus es bei den Geehrten und im Chat gab, war wirklich rührend.

Eine ganz kurzer, aber sehr wichtiger Beitrag kam dieses Jahr außerdem von Jan Ainali. Er hat sich mit dem Thema beschäftigt, wie sich Wikimedia noch besser aufstellen kann im Kampf gegen Desinformation und für nachhaltige Entwicklung. Seine Ideen fand ich sehr einleuchtend – das sind zehn Minuten, die ich allen nur empfehlen kann.

Was wünschst Du Dir für die nächste Wikimania?

NICOLE: Sollte die Wikimania auch im nächsten Jahr wieder virtuell stattfinden, könnte man über mehr regionale oder nationale „Satellite-Events“ nachdenken – also kleinere Vor-Ort-Veranstaltungen als Ergänzung zum virtuellen Teil. Das würde bestimmt helfen, die persönliche Interaktion zu fördern und den Austausch zu stärken.

Noch mehr erfahren?! Weitere Informationen rund um die Wikimania 2021 gibt es hier:

Wikimedians of the Year

Bei der Wikimania 2021 wurden auch die „Wikimedians of the Year“ geehrt – erstmals ging die Auszeichnung an insgesamt sieben Wikimedia-Aktive.

Wikimania 2021

Alle Programmpunkte der Wikimania 2021 zum Nachlesen und viele weitere Informationen rund um die Konferenz gibt es auf der Seite der Wikimania.

Der Beitrag Das war die Wikimania 2021! erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Wiki Loves Jules Verne. Mit Wikipedia in Braunschweig.

08:28, Tuesday, 17 2021 August UTC


Mensch-Maschine Braunschweig


Im ICE ist Deutschland. Der Zug fährt ein und hält. Das Schild am Gleis behauptet tapfer „Zugdurchfahrt“. Die Türen lassen sich öffnen. Am Zug steht nichts geschrieben, außer Wagennummern, die nicht zu den Reservierungen passen. Das Publikum bleibt irritiert. Etwa die Hälfte der Anwesenden geht in den Zug und bleibt im Wageninnern ratlos stehen. Die andere Hälfte steht ratlos am Bahnsteig. 

Schließlich: Lichter gehen an. Der Zug verkündet mittels seiner Anzeigen nun auch, nach Kassel zu fahren.  Eine Frau entschuldigt sich über die Lautsprecheranlage über die falschen Wagennummern, man solle ich immer zehn wegdenken „Also 22 statt der angezeigten 32.“

Ein Mensch mit re:publica-Bändchen am Arm verscheucht die ältere Dame ohne Reservierung von seinem Platz und liest den gedruckten Spiegel. Ich höre ein angeregtes Gespräch zwischen einem Musicaldarsteller und einer Abteilungsleiterin im Innenministerium, die sich gerade kennenlernen über, den relativen Wert von Musikgymnasien in Berlin. Geht es noch deutscher?

Illustration aus dem Buch ""Le tour du monde en quatre-vingts jours" Alphonse de Neuville & Léon Benett


Passenderweise habe ich ein entsprechendes Buch mitgenommen. Nils Minkmars „Mit dem Kopf durch die Welt.“ Das hat schon auf dem Cover ein ICE-Fenster und geht der Frage nach, was Deutschland bewegt. Minkmar lässt sich über deutsche Normalität aus. Der deutsche Ingenieur, lange Jahrzehnte Sinnbild der Normalität, sei nicht mehr normal. Minkmar erzählt aus seiner französisch-deutschen Kindheit:


„Meine Mutter nannte dann immer eine Berufsgruppe, die uns besonders fern war, nämlich les ingenieurs. Wir waren in Deutschland […] und das ganze frisch aufgebaute Land ruhte auf Säulen, die les ingenieurs berechnet, gegossen und zum Schluss noch festgedübelt hatten. […] Viele Jahre später sollte ich die Gelegenheit haben, diese seltene Spezies besser studieren zu können. Sie saßen direkt hinter mir, zwei ausgewachsene Exemplare: Ingenieure, Familienväter, auf der Rückfahrt von einer Dienstreise. Sie plauderten über die sich verändernden Zeiten. […] Fernsehen, Marken, Politiker, auf keinem Gebiet fanden sich diese beiden braven Männer wieder, alles zu grell und bunt, zu aufgeregt. Ihre spezifischen Werte und Tugenden, Sorgfalt und diese stille Freude an der eigenen Biederkeit, das alles war an den Rand gerückt. Ingenieure waren nun Exzentriker. […] Diese Männer fanden sich kulturell kaum zurecht.“

Wenn „der deutsche Ingenieur“ nicht mehr normal in Deutschland ist, sind es jetzt Ministerialbeamtinnen und Musicaldarsteller?




Forschung Maschinenbau Braunschweig


Minkmar war noch nicht in Braunschweig. Oder Braunschweig ist nicht normal. Da steige ich harmlos aus dem Zug und die Stadt schlägt mir „Deutscher Ingenieur“ rechts und links um die Ohren. Braunschweig hebt das Thema "autogerechte Stadt" in Höhen, die selbst mir als gebürtigem Hannoveraner unerreichbar schienen.

Braunschweig. Bahnhofsvorplatz.


VW ist daran beteiligt, ist klar in der Gegend. Aber nicht nur. Ich wandelte also Freitagabend gegen 21 Uhr auf der Suche nach einem Wegbier durch das verlassene Braunschweig, passierte die Stadthalle und wurde prompt begrüßt mit „Tag des Maschinenbaus. Herzlich Willkommen.“



Vor allem aber  fiel mir bei diesem Wandeln auf, wie unglaublich gepflegt diese Stadt aussieht. Ich erblickte  keine einzige Kippe auf dem Weg. Selbst die Großbaustelle, über die irrte, wirkte irgendwie aufgeräumt. Viel verwunderlicher war, dass selbst die in Braunschweig reichlich vorhandenen 1970er-Großbauten gepflegt und sorgsam hergerichtet wirkten. Die Stadthalle selber, offensichtlicher spät 1960er/früh 1970er-Stil wirkte besser gepflegt als Berliner Gebäude nach zwei Jahren. Die Wege und Lampen darum herum: offensichtlich keine zehn Jahre alt. Sie wirkten wie frisch aus der Packung genommen.

Wegbier. In Braunschweig nur schwerlich aufzutreiben, dann aber stilgerecht,


Selbst die Schwimmbäder sind alle gepflegt(*), alle haben gleichzeitig geöffnet und keines ist aus obskuren Gründen gesperrt. Da spielt nicht nur bürgerschaftliches Engagement eine Rolle, sondern offensichtlich ist auch Geld vorhanden.

Auf dem Hotelzimmer, noch so ein sehr gut gepflegter und hergerichteter Bau, der einem „1970er!“ ästhetisch schon ins Gesicht schreit, mit dem Hotel-Wlan (7 Tage, 7 Geräte) nachlesend, wie das nun ist mit Braunschweig. Bekanntes taucht beim Nachlesen auf: Die physikalische-technische Bundesanstalt mit der Atomuhr; geahntes lese ich (Volkswagen – hey, das ist Niedersachsen und die Technische Universität existiert ja auch) und nicht bekanntes:

„Im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) verfügt die Region Braunschweig über die höchste Wissenschaftlerdichte,[103] im bundesweiten Vergleich über eine hohe Ingenieurquote[104] sowie über die höchste Intensität auf dem Gebiet der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In der Region Braunschweig arbeiten und forschen mehr als 16.000 Menschen aus über 80 Ländern[105] in 27 Forschungseinrichtungen sowie 20.000 Beschäftigte in 250 Unternehmen der Hochtechnologie[106]“

Dazu noch „Braunschweig ist die Stadt mit der niedrigsten Verschuldung Deutschlands.“ Und nach einer obskuren EU-Rangliste ist Braunschweig  die innovationsfreudigste Region der EU vor Westschweden und Stuttgart. Hier lebt der deutsche Ingenieur. Hier lebt die deutsche Technik. Was für ein passender Ort für Jules Verne.


Jules Verne


Jules Verne; französischer Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts und vor allem bekannt als "Vater der Science Fiction." Von seinem vielfältigen Werk sind vor allem die Abenteuer-Techno-Knaller wie Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, die Reise Von der Erde zum Mond oder die Reise zum Mittelpunkt der Erde bekannt. Wikipedia und die Deutsche Jules-Verne-Gesellschaft hatten ein gemeinsames Wochenende organisiert mit einer Tagung zu Jules Verne und Gesprächen zu Wikipedia.

Volker Dehs bestreitet das halbe Programm


Jules Verne, mir vor allem bekannt durch vage Erinnerungen an den 1954er Nemo-Film, Weiß-orange Taschenbücher und einen blau eingebunden Robur-Roman, der mich verstörte, weil er so anders war als die großen mir bekannten Abenteuerromane von Jules Verne. Warum ich überhaupt fuhr: Intuition. Ich hätte nur schwerlich begründen können, was genau mich reizte, aber die Mischung aus Vertrauen in die Veranstalter, Science Fiction und Neugier auf diese andere niedersächsische Stadt nach Hannover, trieben mich dorthin.

Verne selber gilt als Begründer Science Fiction. Und so bringt er als Autor frankophile Literaten und Groschenromanfans, Ingenieure und Naturwissenschaftler zusammen. Besessene Bibliographen waren Thema und Anwesend, ebenso wie die phantastische Bibliothek in Wetzlar – die Mischung der Jules-Verne-Aktiven unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Mischung der Wikipedia-Aktiven. Die Perspektiven, aus denen Verne hier unter die Lupe genommen wurden, waren vielgestaltiger als sie es in der Literatur sonst sind. Faszinierend hier war die Neigung unterschiedlicher und leicht besessener Menschen sich zu einem Thema auseinanderzusetzen.

Haus der Braunschweigischen Stiftungen - Veranstaltungsort.



Dementsprechend hatte der Veranstalter, der Wikipedia-Autor Brunswyk das Programm gestaltet: ist Verne eher katholisch oder eher laizistisch? Kam der Wille zur Aufklärung in seinen Büchern durch seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel hinein, während auf Verne eher zurückgeht, dass alles menschliche Streben gegenüber der göttlichen Macht sinnlos bleibt? Wen inspirierte er? Ist es eine sinnvolle Frage, dem nachzugehen, welche seiner Voraussagen, sich bewahrheiten? Dazu kamen dann noch Exkursionen zu Friedrich Gerstäcker, Fenimore Cooper, die Ingenieure, die ihre U-Boote dann nach Jules Verne „Nautilus“ nannten – und stark von diesem beeinflusst waren

Für mich brachte das Treffen interessante Erkenntnisse, wie die Tatsache, dass Verne immer Theaterautor oder – produzent werden wollte und wie sehr der Katholizismus sein Denken beeinflusste. Romancier war er eher gezwungenermaßen – und verdiente mit seinen zwei erfolgreichen Theaterstücken in seinem Leben ein Viertel so viel Geld wie mit etwa 80 bis 100 Romanen.

Interessant das Rätseln aller Anwesenden, warum Vernes Roman "der Grüne Strahl" so ein kommerzieller Erfolg war, was niemand der Anwesenden nachvollziehen konnte. Und dann eine Dreiviertelstunde später kam die Bemerkung in einem anderen Zusammenhang, dass "der Grüne Strahl" quasi Vernes einziges Buch mit einer weiblichen Hauptfigur war. Ich ahne einen Zusammenhang, Update: Es kam wie es kommen musst. Da denke ich mal, ich habe etwas entdeckt, dabei habe ich nur etwas falsch verstanden. Tatsächlich ist Der Grüne Strahl nicht das einzige Werk mit einer Protagonistin. Das prägnanteste Buch ist dabei Mistress Branican*, da hier die Titelfigur die komplette Handlung quasi im Alleingang bestreitet. Aber auch in anderen Büchern spielen Frauen eine wichtige Rolle (und dieser Umstand war Jules Verne sogar so wichtig, dass er in Interviews darauf hinwies): Die Kinder des Kapitän Grant*, Nord gegen Süd*, Reise um die Erde in 80 Tagen*, Ein Lotterielos* ... und einige mehr. (*Affiliate Links)

Für mich neu war die Erkenntnis, dass ein Großteil von Vernes Werk gar nicht in den Bereich Science Fiction gehört, sondern es (fiktive) Reisebeschreibungen sind. Und selbst dort wo Verne Maschinen und phantastische Gerätschaften erfindet, dienen diese vor allem dem Zweck zu reisen.

Und jetzt recherchiere ich, natürlich, zum Grünen Strahl.

Die Phantastische Bibliothek


Meine beiden Programmhighlights beschäftigten sich nur mittelbar mit Jules Verne. Sie kamen von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar: zum einen der Rückblick von Thomas Le Blanc auf Wolfgang Thadewald. Den großen Phantastik- und Jules-Verne-Sammler. Thadewald verstarb 2014. Er lebte in Langenhagen. Mehrere der Anwesenden hatten ihn noch persönlich gekannt. Und die Schilderung seiner Sammlertätigkeit, seiner Liebe zu Büchern und zu Menschen, aber auch die Besessenheit mit der Thadewald an ein Thema heranging und auch von Krankheit schon schwer gekennzeichnet das Arbeiten an Bibliographien nicht lassen konnte – es ließ sich nicht anders beschreiben als bewegend. Sicher war dieser Vortrag mein emotionaler Vortrag des Programms.

Wer auch immer aber auf die Idee kam, den Vortrag von Klaudia Seibel zu Future Life: Wie (nicht nur) Jules Verne dabei hilft, die Zukunft zu gestalten an Ende der Konferenz zu legen: Chapeau! Das Projekt ist, kurz gesagt, ein Projekt der Phantastischen Bibliothek. Die stellt zu bestimmten Themen Dossiers zusammen, wie Science-Fiction-Autoren sie sich vorstellen. Die Berichte  werden manchmal von öffentlichen Stellen, öfter von Großunternehmen bestellt, die damit selber zukunftsfähig werden wollen und in die Zukunft denken.

So als Beispiel: Nanotechnische Ideen in der Science Fiction



Wobei Auftraggeber von Staats wegen selten sind. Die meisten Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. Die allerdings meist gleich umfangreiche Verschwiegenheitsklauseln verlangt, weshalb die Phantastische Bibliothek da wenig zu sagen kann.

Da haben also Autoren und Mitarbeiter der Bibliothek ein profundes Wissen über die Science-Fiction-Literatur und die größte Bibliothek ihrer Art im Hintergrund und seit mittlerweile einigen Jahren eine große Datenbank aufgebaut, was Autoren zu verschiedenen Themen schreiben.

Als jemand, der ich selbst weiß, wie viele Situationen ich durch gelesene Bücher interpretiere – Bilder aus diesen Büchern im Hinterkopf habe und mir immer wieder mal sagen muss, dass ein Roman nur bedingt real ist, glaube ich sofort, dass es nichts gibt, was so sehr Denkprozesse auslösen und Kreativität triggern kann, wie Romane. Der befreit das Hirn gerade vom strikt logisch-folgerichtigen Denken, verrückt die Perspektive etwas nach links oder oben, und schon öffnen sich vollkommen neue Gedankenwege. Die Idee ist so brillant, dass es überraschend ist, dass sie wirklich angenommen wird. Anscheinend wird sie das.


Mensch Maschine Normal


Und nachdem ich dann wieder im Zug saß und das erste Handy-Ticket meines Lebens gekauft hatte, fragte ich mich wieder. Ist diese Stadt – die mir in vieler Hinsicht – so unfassbar „normal“ vorkommt, vielleicht die große Ausnahme? Sind die Musicaldarsteller, die mit „dem Alex“ [Alexander Klaws] telefonieren, normal? Die Menschen im Ministerium? Die größten Jules-Verne-Experten des Landes, die alle noch einen anderen Brotjob haben? Oder eher die Normalität vieler Menschen, die darin besteht, am Ende des Monats zu überlegen, wie denn die letzten 10 Tage mit dem leeren Konto noch überbrückt werden können?





Brauschweig ist die verstädterte Mensch-Maschine-Kopplung. In seiner Normalität sicher schon wieder ein Ausnahmefall in Deutschland. Aber ich sah die Zukunft: sie sitzt in einer Bibliothek in Wetzlar und liest Science-Fiction-Romane.

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Mit Wikipedianern kann man nicht nur Verne lesen, sondern auch Cocktails mischen: Ramos Gin Fizz für die Enzyklopädie.

Oder man läuft mit Wikipedianern durch den Wedding:Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Mehr zu Future Life bei der phantastischen Bibliothek: Future Life. 

Zum Jules-Verne-Club

Die Wikipedia-Seiten zur Veranstaltung: Wikipedia:Wiki Loves Jules Verne

Beiträge zur Veranstaltung im Wikipedia-Kurier und im Blog von Wikimedia Deutschland.

Der grüne Strahl im Gesamttext bei zeno.org: Der grüne Strahl

Alle Iberty-Posts zur Kultur stehen unter: Kultur in Iberty!

Anmerkungen


Auch zu Schwimmbädern ein schönes Minkmar-Zitat aus dem Mit-dem-Kopf-durch-die-Welt.Buch:

„Nichts gegen das große Geld und die wenigen, die es genießen können, aber die Stärke mitteleuropäischer Gesellschaften liegt gerade in der Mischung. Für Reiche ist es in Singapur, Russland und Malaysia ideal. […]Glaspaläste und Shopping Malls gibt es auf der ganzen Welt, bald vermutlich auch unter Wasser und auf dem Mond. Öffentliche Freibäder, Stadtteilfeste oder Fußgängerzonen, in denen sich Reiche und Arme, Helle und Dunkle, Christen und Muslime mit ihren Kindern vergnügen und drängeln, gibt es nur hier. Ich fand es immer erstaunlich, dass es in Algerien beispielsweise keine öffentlichen Schwimmbäder gibt oder dass man in den USA oder in Brasilien Mitglied in einem Club werden muss. Das ist eine teure und in vieler Hinsicht sozial sehr voraussetzungsreiche Angelegenheit, nur um mit den Kindern mal schwimmen zu gehen, es sei denn natürlich, jeder hat seinen eigenen Pool im Garten, was, für mich zumindest, wie eine Definition von struktureller Langeweile klingt.“ (s. 104)


 

*Dieser Post enthält Affiliate Links zu geniallokal. Es handelt sich dabei um Werbung. Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr dort bestellt, und ihr habt bei den Guten bestellt.


Berlin celebrates old school #wikipedia15

08:13, Tuesday, 17 2021 August UTC

I still remember the time when real life meetings for Wikipedians were new and adventurous and a bit scary. Did one really want to meet these strange other people from the Internet? How would they be? Could they even talk in real life or would they just sit behind a laptop screen staring on it for hours?

My first meeting in Hamburg – THE first Wikipedia meeting in Hamburg - would consist of three people (Hi Anneke, Hi Baldhur!) sitting in a pub, and just waiting and seeing what would happen. These meetings were kind of improvised, in a pub, quite private and personal in nature and no talk about projects, collaborations, “the movement” whatever. Just Wikipedia and Wikipedians having a nice evening.

WP15 Germany Berlin 01
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

So what a fitting setting to celebrate this day in Berlin just the old school way. Half improvised, organized by our dearest local troll user:Schlesinger on a talk page, we met in a pub, it was not clear who would come and what would happen except some people having a good time.

And so It was. In the “Matzbach” in the heart of Berlin-Kreuzberg seven people promised to come, in the end we were almost twenty. Long time Wikipedians, long-time-no-see-Wikipedians, a Wikipedian active mostly in Polish and Afrikaans, some newbies and two and a half people from Wikimedia Deutschland. Veronica from Wikimedia Deutschland brought a tiny but wonderful home-baked cake, and we just talked and laughed, talked about history and future.  Actually, mostly we talked about future.

WP15 Germany Berlin 03
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

About the Wikipedian above 30, who has just started a new a university degree in archaeology, the question whether the Berlin community should have its own independent space, industrial beer, craft beer and the differences, the district of Berlin-Wedding, the temporary David-Bowie-memorial in Berlin-Schöneberg, the vending machine for fishing bait in Wedding, new pub meet-ups in the future, who should come to the open editing events, how to work better with libraries, colorful Wikipedians who weren’t there, looking for a new flat, whether perfectionism is helpful or rather not when planning something for Wikipedians, explaining Wikipedia to the newbie, the difficulties of cake-cutting and whatsoever.

No frustration, almost no talk about meta and politics, just Wikipedians interested in the world, Wikipedia and eager to be active in and for Wikipedia and with big plans for the future. Old school. So good.

WP15 Berlin Torte angeschnitten

Die Verschwundenen

08:13, Tuesday, 17 2021 August UTC

Crossposting eines Posts von mir aus dem Wikipedia Kurier. Erfahrungsgemäß lesen das dort und hier ja doch andere Menschen.

Wikipedistas kommen und gehen. Manchmal gehen mehr, manchmal weniger. Einzelne davon fallen durch ihr Wirken in der gesamten Wikipedia auf oder versuchen sich wenigstens durch einen spektakulären Abgang in Szene zu setzen. Die meisten Autoren und Autorinnen aber gehen genauso still und leise wie sie gekommen sind und gearbeitet haben.

Die unseligen Autorenschwund-Debatten der unseligen Wikimedias kümmern sich ja um Zahlen und nicht um Autorinnen und Autoren. Wie armselig! Den Meta-aktiven Communitymitgliedern - aka Wikifanten - fallen vor allem die anderen Wikifanten auf, die entschwanden. Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es um lauter einzelne Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Arbeitsstilen und Interessen geht, die in Wikipedia tätig waren und sind. Es gibt vor allem diejenigen, die kommen, einen Beitrag leisten und dann wieder verschwinden. Der größte Teil der tatsächlichen Wikipedia wird von Menschen und Accounts gestaltet, deren Edits fast nur im Artikelnamensraum aufzufinden sind. Manchmal arbeiten sie unermütlich über viele Jahre, manchmal auch nur einige Wochen an einen oder zwei Artikeln. Viele davon sind als IP aktiv, so dass sich fast nichts über sie sagen lässt. Vielleicht sind die Beitragenden per IP auch gar nicht viele, sondern eine einzige sehr fleißige Autorin? Wer weiß?


 Viele Wikipedianerinnen und Wikipedianer sind derzeit inaktiv.

Anlässlich des Projektes WikiWedding und in meinem Bestreben möglichst viele Wedding-Aktive daran zu beteiligen, lese ich ja derzeit viele Artikel zu einem Themengebiet, das mir in den letzten Jahren eher fremd war und an dessen Entstehung ich nicht beteiligt war. Wer sich in den letzten Monaten am Thema beteiligt hat, ist mir bewusst, wer sich von 2001 bis 2014 des Weddings angenommen hat, musste ich nachlesen. Eine spannende Lektüre voller mir unbekannter Namen und Accounts. Neben einigen mir bekannten Wikipedistas waren dort vor allem mir unbekannte Accounts. Accounts, die oft aufgehört haben zu editieren. Meist sind sie still und leise gegangen. Ihre Edits und Kommentare geben keinen Hinweis warum. Aber anscheinend war es anderswo schöner. Oder sie hatten den Einruck, alles in Wikipedia geschrieben zu haben, was sie beitragen wollten. Um diesen Autorinnen und Autoren zumindest nachträglich etwas Aufmerksamkeit zu geben, um ihre Namen kurz aus den Tiefen der Versionsgeschichten zu retten, sollen hier einfach einige Autorinnen(?) und Autoren gewürdigt werden, die sich um den Wedding in Wikpedia bemühten bevor sie verschwanden.



Da ist zum Beispiel der Artikel zur Chausseestraße. Ein Mammutwerk von Gtelloke, dessen Wikipedia-Edits sich von Juni bis Dezember 2012 fast ausschließlich auf diesen Artikel beschränkten.


Bild: Die Chausseestraße 114-118 in Richtung Invalidenstraße von Gtelloke
Lizenz: CC-BY-SA 3.0



Da ist der Artikel zum Wedding selber. Angelegt 2002 von Otto, dessen letzter Edit aus dem Dezember 2004 stammt. Im November 2004 dann maßgeblich ausgebaut von Nauck, der sich auch sonst dem Ortsteil und seinen Themen widmete. Artikel zu Moabit, den Meyerschen Höfen, Mietskasernen und Schlafgängern waren Teil seines kurzen Werks, das im Wesentlichen nur zwei Wochen im November 2004 dauerte, aber die Grundlagen wichtiger Artikel zur Berliner Sozialgeschichte legte. Ein Blick auf seine Benutzerseite zeigt auch den Geist der Wikipedia-Frühzeit: ''GNU rockt! Der König ist tod, lang lebe das Volk! Lang lebe die Anarchie des Netzes! Licht und Liebe''

Weiterer Ausbau erfolgte durch 87.123.84.64, auch zu wikipedianischen Urzeiten. Dann passierte 500 Edits und acht Jahre im Wesentlichen nichts – mal ein Halbsatz hier, mal die Hinzufügung von drei Bahnstrecken dort, Hinzufügen und Löschen von berühmten Persönlichkeiten bis im Dezember 2014 der erste heute noch aktive Wikipedianer hinzukommt: Fridolin freudenfett verpasst dem Artikel mit „Katastrophalen Artikel etwas verbessert)“ eine Generalüberholung.

Der Leopoldplatz; angelegt von Frerix, der in den immerhin fünf Jahren seiner Wikipedia-Aktivität nie auch nur eine Benutzerseite für nötig hielt und anscheinend auch in keine Diskussion verwickelt wurde.  Zu seinen wenigen Beiträgen gehören neben der Anlage des Leopoldplatzes auch noch die Anlage der englischen Stadt Sandhurst, die Anlage des Kreuzviertels in Münster und des Three Horses Biers. Dann war er/sie wieder weg. Mutter des Artikels ist hier aber 44Pinguine, die den heutigen Inhalt maßgeblich prägt und auch heute noch aktiv ist.

Da wäre das Wahrzeichen des Weddings. Die Alte Nazarethkirche. Der Artikel stammt vor allem von 62.246.210.30.


Bild: Leopoldplatz, Ev. Alte Nazarethkirche, 1832–35 von Karl Friedrich Schinkel von Schliwiju

Nichts war für die Entwicklung des Weddings wohl so entscheidend wie die Geschichte der AEG. Dieser Artikel stammte in seiner Frühzeit von WHell, engagiertem Wikifanten, mit ausführlicher Artikelliste und Diskussionsseite, der uns 2007 verließ. Der letzte Eintrag auf seiner Diskussionsseite war „Hallo WHell, ich möchte Dich als den Hauptautor darüber informieren, dass ich den Artikel John Bull (Lokomotive) in die Wiederwahl zum Exzellenten Artikel gestellt habe,“ Größere Beiträge zur WEG folgten in den späteren Jahren durch Peterobst – aktiv von Februar bis April 2006 vor allem mit Beiträgen zur Berliner Industriegeschichte, nach seiner Benutzerseite AEG-Kenner und in Arbeit an einem Buch über den Konzern. Es folgten 80.226.238.197, von Georg Slickers 2006 (auch heute noch aktiv, wenn auch recht unregelmäßig), Flibbertigibbet 2006 , 79.201.110.89 im Jahr 2008 und der unermüdlichen 44Pinguine. Weiter ausgebaut von Onkel Dittmeyer, aktiv von 2009 bis Juli 2015 in Technikthemen und vielleicht immer noch unter neuem Account? Begann seine Karrier mit der Nutzerseite „Hier ist Nichts und das soll so bleiben !“ und hielt sich im Wesentlichen daran.

Da ist der Volkspark Rehberge. Angelegt von Ramiro 2005, aktiv 2005/2006, vor allem zum Thema Fußball. Maßgeblich ausgebaut, umfassend überarbeitet 2007 von 84.190.89.208 und noch einmal 2010 stark erweitert von Katonka. Landschaftsplaner mit unregelmäßigen Edits zwischen 2009 und 2014, die Edits waren wenige, aber die Qualität war hoch.


Bild: LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin Mitte - Panoramabild auf die Wiesen des Volkspark Rehberge in Berlin, Wedding (Mitte). Von: Patrick Franke Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Neben diesen Verschwundenen tauchen glücklicherweise aber auch heute noch aktive Wikifanten auf. Immer wieder 44Pinguine und Fridolin freudenfett. Darüber hinaus Definitiv, Magadan, Flibbertigibbet und Jo.Fruechtnicht.

Die Artikel entstanden durch Wikifanten und IPs. Accounts mit nur einem Thema oder anderen, die über Jahre thematisch sprangen. Während in der Frühzeit aber viele verschiedene Accounts und IPs an den Artikel beteiligt waren, waren in den letzten Jahren deutlich weniger Menschen aktiv. Fast alle inhaltlichen Edits in den von mir angesehenen Artikeln verteilen sich auf 44Pinguine,  Fridolin freudenfett und Definitiv. Wikipedia wird kleiner und noch lebt sie. Aber wir können all‘ den Verschwundenen danken, die vor uns kamen.

Seit nun schon ein paar Jahren hört man immer wieder über Probleme in der kroatischen (und zu einem gewissen Grad auch der serbischen) Wikipedia. Rechte Gruppen sollen das Projekt übernommen haben und alle Wikipedianer, die nicht ihrer Meinung sind, rausgeekelt oder einfach gesperrt haben.

Lange war nichts passiert, aber seit Ende letzten Jahres sah sich die WMF dann doch mal die Situation an und es wurde schon zumindest ein Admin gebannt.

Nun hat die WMF ein Abschlußdokument veröffentlicht; oder genauer schon Mitte Juni und ich habe es erst heute bei reddit gesehen. In dem Dokument finden sich solche Perlen, als das in hrwp behauptet wurde, Nazi-Deutschland habe Polen überfallen weil Polen einen Genozid an Deutschen verübt hätten.

Der ganze Bericht kann hier gefunden werden. Mich macht die ganze Geschichte sowohl traurig als auch wütend. Wikipedia soll die Leute so gut es geht aufklären und nicht Propaganda verbreiten!

IeS: Blog ist zurück

21:38, Friday, 16 2021 April UTC

Ich habe heute dieses Blog auf einen neuen Server umgezogen, sein DNS aktualisiert und sein SSL repariert. Werde versuchen, es nun wieder öfters zu befüllen. Wünscht mir Glück 🙂.

Wahl: Oversighter-Wahlen

21:11, Friday, 16 2021 April UTC

Bereits seit gestern und noch bis zum 28. April laufen die Oversighter-Wahlen. Doc Taxon, User:He3nry und Nolispanmo treten zur Wiederwahl an. Ich wünsche: Viel Erfolg!

Gab es in der DDR Spaghetti?

09:39, Friday, 26 2021 March UTC

Eine der schöneren unbekannten Ecken der Wikipedia ist die Seite zur Auskunft. Dort können Menschen mögliche und unmögliche Fragen stellen, die dann mal launisch, mal larmoyant, mal ernsthaft oder auch gar nicht beantwortet werden. Wie im wahren Leben und eine ewige Fundgrube obskuren Wissens, seltsamer Fragestellungen und logischen Extremsports.

Nicht die DDR. Bild: Giorgio Conrad (1827-1889) - Mangiatori di maccheroni. Numero di catalogo: 102.



Dort nun fragte vor ein paar Tagen ein unangemeldeter Nutzer:

 "Warum gab es in der DDR eigentlich nur Makkaroni (die in Wirklichkeit Maccheroncini waren), aber keine Spaghetti? Das erscheint mir nach Lektüre einiger Bücher aus der DDR so gewesen zu sein und ist mir auch so von meiner aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden Verwandtschaft bestätigt worden. Warum?"

Es folgte eine längere und mäandernde ausgiebige Diskussion, die immerhin folgendes ergab:

* Anscheinend gab es in der DDR Spaghetti, zumindest erinnerten sich einige der Diskutanten an derartige Kindheitserlebnisse.
* Ob Spaghetti so verbreitet waren wie Makkaroni oder Spirelli, darüber bestand Uneinigkeit.
* Die Nudelsaucensituation war in Berlin besser als im Rest der DDR.
* Die DDR allgemein pflegte in vielerlei Hinsicht traditionellere Essgewohnheiten als Westdeutschland, die Küche der DDR ähnelte in vielem mehr der deutschen Vorkriegsküche als dies für die westdeutsche Küche gilt.
* In Vorkriegszeiten waren Makkaroni verbreiteter als Spaghetti.
* Schon bei Erich Kästner wurden Makkaroni gegessen
* Der Makkaroni-Spaghetti turn im (west-)deutschen Sprachraum war Mitte der 1960er
* Schuld könnten wahlweise das mangelnde Basilikum, die mangelnde Tomatensauce, überhaupt mangelnde Kräuter, Italienreisen, Gastarbeiter, Miracoli oder auch was ganz anderes sein.
* Klarer Konsens im Rahme: Sahne gehört keineswegs in Sauce Carbonara!


Gab es in der DDR nicht: Miracoli. Bild: Miracoli-Nudeln mit Mirácoli-Soße von Kraft. Von: Brian Ammon, Lizenz: CC-BY-SA 3.0
 
Daneben tauchten eine ganze Menge Kindheitserinnerungen auf an exotische Spaghettimahlzeiten mit kleingeschnittenen Spaghetti, Ketchup-basierter Tomatensauce und anderen kulinarischen Exotika des geteilten Deutschlands.

Einige Antworten, viel mehr Fragen:
* seit wann wird in Deutschland überhaupt Pasta gegessen?
* wie lange schon ist Tomatensauce verbreitet?
* seit wann essen westdeutsche Spaghetti?
* Und wer ist Schuld? Die Gastarbeiter? Die Italienurlauber? Miracoli?
* Und wie kommen eigentlich die Löcher in die Makkaroni?

Also verließen wir dann erst einmal die Auskunft und die dortige Diskussion und betrieben etwas weitere Recherche. Das heimische "Kochbuch der Haushaltungs- und Kochschule des Badischen Frauenvereins", veröffentlicht 1913 in Karlsruhe, kennt sowohl Makkaroni wie auch Spaghetti. Ungewohnt für heute: die Makkaroni werden in "halbfingerlange Stückchen gebrochen" und dann 25 bis 30 Minuten gekocht.

Neben den diversen Makkaroni-Gerichten gibt es auch einmal Spaghetti. Die Priorität ist klar. Spaghetti werden erklärt als "Spaghetti ist eine Art feine Makkaronisorte. Beim Einkauf achte man darauf, daß sie nicht hohl sind"

Die "Basler Kochschule. Eine leichtfaßliche Anleitung zur bürgerlichen und feineren Kochkunst" von 1908 kennt keine Spaghetti aber diverse Gericht mit "Maccaronis". Darunter sogar schon die Variante "a la napolitaine" mit Tomatensauce.

Weitere Recherche. Weitere Erkenntnisse bringt das Buch "Meine Suche nach der besten Pasta der Welt: Eine Abenteuerreise durch Italien", das die Ankunft der Makkaroni in Deutschland auf das frühe 18. Jahrhundert verlegt. Die 1701 nachweisbaren "Macronen" waren wohl eher Lasagne, aber Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden in Prag und Wien echte Makkaroni-Fabriken.

Die Pasta folgte anscheinend den jungen Männern der Grand Tour aus Italien in das restliche Europa. Bestimmt waren die Grand Tours für junge Männer, die mal etwas von der Welt sehen und klassische europäische Bildung mitbekommen sollten, die auf der Tour aber anscheinend nicht nur Statuen und Kirchen kennenlernten, sondern auch Pasta.

Philip Dawe, The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade (1773) - 02
Der Macaroni. Der Hipster seiner Zeit. Bild: Philip Dawe: The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade, 1773.

In England gab es sogar einen eigenen Modestil Macaroni für exaltierte junge Männer - "a fashionable fellow who dressed and even spoke in an outlandishly affected and epicene manner". Die englische Wikipedia schreibt dazu lakonisch: "Siehe auch: Hipster. Metrosexuell." Komplett falsch wäre wohl auch die Assoziation zur Toskana-Fraktion nicht.

Nach diesen extravagant und auffallend auftretenden jungen Männern ist nun wiederum im Englischen der Macaroni penguin - auf deutsch der Goldschopfpinguin - benannt.


Makkaroni-Penguin. Benannt nach dem Stil, nicht nach den Nudeln. Bild: Macaroni Penguin at Cooper Bay, South Georgia von Liam Quinn, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Wie aber kommen nun die Löcher in die Makkaroni? Und seit wann? Licht in dieses Dunkel bringt die "Encyclopedia of Pasta." Diese lokalisiert die Entstehung der maschinellen Pastafertigung - die für Makkaroni in zumutbarer Menge unvermeidlich ist - in die Bucht von Neapel in das 16. Jahrhundert. Dort existerte eine Heimindustrie mit Mühlen, an die sich relativ problemlos eine im 16. Jahrhundert aufkommende ’ngegno da maccarun anschließen lies, die es den Neapolitanern ersparte stundenlang im Teig herumzulaufen, um ihn zu kneten: im Wesentlichen Holzpressen mit einem Einsatz aus Kupfer, je nach Form des Einsatzes entstehen verschiedene Nudelsorten und damit unter anderem Makkaroni. Die Makkaroni wurden dann in langen Fäden zum trocknen in die süditalienische Sonne gehängt.


Sommer, Giorgio (1834-1914) - n. 6204 - Napoli - Fabbrica di maccheroni
Neapel, 19. Jahrhundert. Bild: Giorgio Sommer (1834-1914), "Torre Annunziata-Napoli - Fabbrica di maccheroni". Fotografia colorita a mano. Numero di catalogo: 6204. 


Das hat alles nicht mehr wirklich etwas mit Spaghetti und der DDR zu tun, beantwortet nicht, warum die Deutschen in den 1960ern plötzlich lieber Spaghetti als Makkaroni mochten, oder warum die Makkaroni bei ihrem ersten Zug über die Alpen die Tomatensauce in der Schweiz ließen? Warum gibt es in Deutschland kein Äquivalent zu "Macaroni and cheese" (mehr)? Gab es ein Miracoli-Äquivalent in der DDR, bei dem es Pasta, Sauce und Käse schon in einer Packung gab? Warum sind Makkaroni in Deutschland tendenziell lang und dünn in vielen anderen Ländern aber dicker und hörnchenförmig-gebogen? Es ist hochspannend. Und ein Grund, noch viel mehr zu recherchieren.

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Eine Investigation: Es gibt kein Mirácoli Carbonara mehr.

Coolest Wikipedia Tool 2020: Pywikibot

17:31, Thursday, 07 2021 January UTC

Seit 2019 wählt das Wikiversum die coolsten Tools, die besten Hilfsmittel, um in Wikipedia und anderen Wikis zu werken. Eines davon ist der Pywikibot, der Bot aller Bots.

Schneeregen fegte waagerecht über Vorplatz des Tempelhofer Hafens. Mein Pullover war gar nicht so kuschlig und dicht wie ich ihn in Erinnerung hatte. Die Handschuhe waren im Laufe der Jahre so fadenscheinig geworden, dass eine einzelne kurze Radtour die Finger vereisen ließ.

Ein einsamer, von Weihnachten übrig gebliebener, Quarkkeulchen-Stand vor dem Tempelhofer Hafen. Seine Lichter verhießen Wärme. Der Weg dorthin: Von Entbehrungen gezeichnet. Der Wind, der einem aus allen Richtungen ins Gesicht blies, trieb die Leute davon. Sie wussten nicht wohin, denn alles war geschlossen und zu Hause wollten sie ihre Mitbewohner nicht mehr sehen. Über der Szene kreiste ein hungriger Taubenschwarm.

„Ist es nicht herrlich“, fragte ich DJ Hüpfburg. „So viel Platz! Fast das ganze Hafengelände gehört uns. Und wir können uns problemlos aus drei Meter Sicherheitsabstand anschreien.“ – Sie antwortete „Du spinnst. Es ist scheißkalt. Ich bibbere. Das letzte Mal, als ich so gefroren habe, bin ich im Rozbrat mit meiner ehemaligen Band aufgetreten: „Pierdzące Zakonnice“.

Wir spielten Prog-Punk. Kein Wasser, keine Heizung und ein sibirischer Windhauch kam aus Richtung Minsk. Wer auf Toilette wollte, hat einen Eispickel in die Hand bekommen, falls das Plumpsklo wieder zugefroren war. Und am Ende des Abends haben wir Wahlplakate im Konzertsaal verbrannt, um nicht ganz zu erfrieren.

Aber wir haben gerockt: Kasia an der Geige, die andere Kasia am Theremin, ich an der KitchenAid und Anna am Gong und an der Rezitation. So viel Kunst war nie wieder davor oder danach im Rozbrat. Leider war es den Pferden zu kalt, so dass die weiße Kutsche ausgefallen ist. Hier am Hafen ist keine Kunst. Hier ist es nur scheißkalt. Ich gehe.“

Später, im Chat. Hüpfburgs Schilderung hatte mich an ein Video erinnert, das ich kurz vorher gesehen hatte: „Wikimedia Coolest Tool Award 2020.“ in meinen Versuchen, DJ Hüpfburg für die Wikipedia und ihr Umfeld zu begeistern, postete ich ihr den Link.

Southgeist: https://www.youtube.com/watch?v=zYM4k_LD_9w – Tools sind doch was für Dich

Hüpfburg: click

Hüpfburg: Das ist Wikipedia. Was soll ich damit?

Southgeist: Aber Tools. Nur mit ausgewählten Menschen. Fast nur Technik und kreative Sachen.


Hüpfburg: Wikipedia spießerfrei? Du meinst, das soll gehen?

Southgeist: Schau doch mal.

Hüpfburg: Ich sehe jetzt schon drei Minuten lang Berliner Straßen ohne Ton. Ich dachte schon, meine Lautsprecher wären kaputt.

Hüpfburg: I like the music.

Southgeist: Eben. Warte erst auf die Tools.

Hüpfburg: 52 Minuten! So lange soll ich Wikipedia schauen? In der Zeit zerstöre ich zwei Ehen, bringe einen Priester vom Glauben ab und bringe drei Paare neu zueinander. Sage mir lieber, was für Tools vorkommen.

Die coolest Tools

Ich erzählte.

Im Video werden vorgestellt: Der AutoWikiBrowser (Hüpfburg: „Da klingt der Name schon langweilig“), SDZeroBot generiert Benutzerseitenreports („Mich interessieren weder Benutzer noch ihre Seiten“), Proofread Page Extension („Korrekturlesen, geht es noch spießiger?“), Listen to Wikipedia („Schön, aber reichlich Kitsch. Wenn eines Tages zwei Wikipedianer kommen und einander heiraten wollen, werde ich das Tool in den Event integrieren“), AbuseFilter („Zu sehr Polizei“), LinguaLibre („I like“), und Pywikibot – ein Tool zum Erstellen weiterer Tools. („Das klingt spannend – erzähle mir mehr.“)

Pywikibot

Pywikibot ist ein Framework zum Erstellen von Bots. Oder anders gesagt: wer sich den Pywikibot installiert, kann mit überschaubarem Aufwand eigene Bots schaffen. Oder sich an einem der bereits auf dieser Basis geschaffenen Skripte bedienen. Die Bots können prinzipiell alles, was menschliche Nutzer von MediaWiki-Wikis auch können – nur schneller.

Wobei können in diesem Zusammenhang natürlich bedeutet: jemensch muss dem Bot vorher sagen, was er tun soll. Das dauert länger als ein Edit. Der Bot kommt sinnvoll ins Spiel, wo es eine hohe Zahl gleichartiger Edits gibt. Zum Artikelschreiben ist das wenig – zum Anpassen von Formalien ist es super. Und dazwischen liegt ein Graubereich. Nicht alles ist sinnvoll, nicht alles ist erlaubt – und um die Kontrolle zu wahren, hat der Pywikibot einen automatischen Slow-Down-Mechanismus, der den Bot absichtlich ausbremst.

Pywikibot geht zurück auf verschiedene Bots und Skripte aus dem Jahr 2003, existiert in dieser Form seit etwa 2008. Die aktuelle Variante ist in und für Python 3 geschrieben. Die Community, die sich um das Framework kümmert, hat eine dreistellige Zahl von Mitgliedern und ist so international, wie es die frühe Wikipedia war. Rein aus dem Bauchgefühl heraus würde ich auch sagen, was Charaktertypen und Soziodemographie angeht, ist die Pywikibot-Gruppe sehr viel näher an der Ur-Wikipedia als die heutigen Wikipedistas.

DJ Hüpfburg: „Du sagst es. Alt-Wikipedia. Diese Tool-Awards sind solche Lebenswerkauszeichungen? Das Bot-Framework gibt es seit fast 20 Jahren, das Proofread-Tool existiert seit fast 15 Jahren. Ist der Award so langsam oder gibt es so wenig Neues?“

Ich glaube, der Award ist langsam. Beziehungsweise er existiert erst seit letztem Jahr. Jetzt muss er die ganzen Tools der letzten Jahrzehnte durchprämieren, damit die nicht vergessen werden. Wie bei der Wikipedia auch: Die Grundlagen wurden vor langer Zeit gelegt. Alles, was jetzt kommt, baut darauf an, verbessert, schafft aber nur selten fundamental Neues.

Change Musiker to Musiker*innen

„Außer dem Tool-Award. Der ist neu? Und dem Video nach zu urteilen reichlich großartig.“
Yup. Und er hat mir und dir den Pywikibot gelehrt und damit eine wichtige Aufgabe erfüllt.

DJ Hüpfburg: „Ich kann also auf Basis von Pywikibot alle ‚Musiker‘ in Wikipedia durch ‚Musiker*innen‘ ersetzen?“
Ich: „Theoretisch ja. Praktisch gibt es verschiedene Hindernisse. Und du wirst auf ewig gesperrt werden.“

DJ Hüpfburg: „Dachte ich. Noch so jung und schon so strukturkonservativ diese Website. Wäre sie ein Mensch, würde sie einen beigen Pullunder über weißem Hemd tragen und Leserbriefe an die Fernsehzeitschrift schreiben. Aber ich kann mein eigenes Wiki aufsetzen und da noch Herzenslust alles bot-mäßig umbauen?“

Ich: „Yup. Wikidata freut sich auch. Da gibt es noch viel zu tun und die sind superfreundlich dort.“

DJ Hüpfburg: „Ich auf meinem Pybot einreitend in Wikidata! Das wäre fast so gut wie im Rozbrat. Mit der Kutsche, die dann doch nicht kam. Irgendwann im Laufe des Abends spielten wir Mozart. Da haben die Squatter angefangen mit Äpfeln zu werfen. Wir uns hinter dem Gong geduckt und ich ein Kitchen-Aid-Solo. Ich erinnere mich noch an den einen Tänzer, der allein Stand und Luft-Küchenmaschine gespielt hat. Ein Arm angwickelt am Körper als würde er die Maschine an sich drücken, mit dem anderen weit ausholende Bewegungen, um dann auf dem Einschaltknopf zu laden.“

„Leider hatten wir dem Publikum einen Mozart-Schock versetzt und die wollten uns nicht mehr gehen. Dadurch hatten wir alle Auftrittsorte in Posen durch. Kasia ging nach Prag und Paris, Jazz-Theremin studieren. „Ein Juwel unter unserer Studentinnen“ sagte mal eine Professorin. Kasia wäre fast dieses Jahr in der Philharmonie aufgetreten. Aber Deine komische Wikipedia hat immer noch keinen Artikel von ihr.“

Ich: „Es ist nicht meine Wikipedia.“

Ruhe. Hüpfburg dachte.

„Dieser Bot. Der kann doch sicher in Wikidata alle Personen auslesen, die Theremin spielen. Und dann eine Liste in Wikipedia anlegen. Die regelmäßig erneuert wird. Das müsste doch gehen. Vielleicht ist es einen Versuch wert.“

(Beitragsbild: Brødmaskin med striper i mange farger von: Øyvind Holmstad Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

SPARQL für Anfänger. Ein Versuch.

13:49, Wednesday, 18 2020 November UTC

SPARQL ist wie SQL, nur mit mehr Kontext. SPARQL ist eine Datenbanksprache, die es erlaubt, das Semantic Web zu befragen. Eine Sprache, die nicht nur Daten liefert. Sie ergründet auch das logische Verhältnis zwischen diesen Daten. Zumindest in der Theorie. In der Praxis ist es schwieriger. Ein Selbstversuch mit SPARQL, Wikidata und Schwimmbädern.

Es nieselregnet. Auf dem „Street Food Market“ am Tempelhofer Hafen versucht Schlagermusik die Trostlosigkeit zu vertreiben. Hinter DJ Hüpfburg und mir steht der „Irish Pub“-Wagen, ein Fleischer-Wagen und Curry Paule. Streetfood is coming home.

Street Food kam zurück von den Hipstern, die nach dem Thailandurlaub ihre Liebe zu Street Food entdeckt haben, zu den Leuten, die schon seit Jahrzehnten Essen an Deutschlands Straßen zubereiten. Die einzigen Gäste bei Curry Paule sind die Mitarbeiter vom Irish Pub. Am Irish Pub Wagen steht niemand. Ein eisiger Herbstwind verleidet den Aufenthalt draußen. Curry Paule bietet als große Attraktion vegane Wurst. Das hätte es 1985 nicht gegeben.

DJ Hüpfburg heuchelt Interesse gegenüber meinen Rede. Wir sitzen auf den Stufen am Hafen, betrachten die wöchentlich kleiner werdende Gruppe der Freizeitboote dort. Ich erzähle die letzten Züge einer Anekdote. Es geht um Mund-Nasen-Masken und Kommunikation:

„Ich stehe also mit Madame im IKEA. Wir hoffen auf die letzten Karlhugo-Stühle. Die sind quasi immer ausverkauft. Schaust du auf die Website bei unserem Laden, siehst Du einen oder zwei. Dann wieder null. Dann einen halben Tag lang acht Stühle, dann wieder null. Wir fürchten, bald gibt es sie gar nicht mehr. Wir fürchten, IKEA nimmt sie aus dem Programm. Also online geschaut, ob sie im IKEA Schöneberg vorhanden sind. Schnell die Gelegenheit ergriffen. Wir fuhren zum Bestellschalter, natürlich brav mit Maske, wie die Dame hinter der Plexiglasscheibe auch. Die Sprache wird durch die Masken vernuschelt.

Madame: Wir würden gerne einen Karlhugo abholen.

Verkäuferin schaut skeptisch: Karlhugo? Nie gehört. Sicher, dass es Karlhugo ist?

Madame: Doch, sicher: Karlhugo.

Verkäuferin tippt zweifelnd in ihren Rechner: „Ne, nichts.“

Madame: „Sicher, im Internet stand hier sind noch wir.“

Verkäuferin tippt weiter, kopfschüttelnd: „Kein. Karlhugo. Gar nicht.“

Madame hat mittlerweile die Website aufgerufen, zeigt sie der Dame in Blau-Gelb: „Hier. Acht Exemplare Karlhugo im IKEA Schöneberg.“

Verkäuferin: „Ach, Karlhugo! Gar nicht Karlhugo!“ Sie tippt energisch.

„Hätten sie doch gleich Karlhugo gesagt!“

Sie druckt den Zettel für die Kasse aus. Madame fragt mich: Hast du verstanden, was sie gesagt hat? Ich: „Karlhugo“.

DJ Hüpfburg ist beeindruckt. Ich bilde mir ein, einen Mundwinkel zucken zu sehen. „Du solltest Stand-Up-Comedy machen. Am besten mit Maske. Dann verstehen die Leute Dich schlechter.“

Ihre Gedanken werden düsterer: Weißt Du, wo man schnell einen Corona-Test herbekommt? Eine Freundin, Schneiderin, hatte einen Kunden, der jetzt positiv getestet ist. Das war ein schöner Auftrag: Dark Academia meets Southern Gothic, dunkle Mäntel, Cardigans, Wollpullover und künstliche Spinnenweben. Sie hatten vier Treffen in der letzten Woche zur Absprache. Mich hat sie gefragt, ob ich eine Quelle für schicke Brillen dazu habe. Hat Spaß gemacht. Also schön, bis der Kunde anrief mit dem Testergebnis. Nun ist alles Grütze.

Sie will gar nicht den Laden zumachen und schnell einen negativen Test. Aber dafür muss sie überhaupt an einen Test kommen. Und jeder geschlossene Tag schmerzt. Ich überlege: „Ich glaube, ich kenne eine Ärztin mit Corona-Sprechstunde. Müsste ich zu Hause suchen.“

Wir schweigen. Nieselregen und Herbststurm werden durch Gedanken an überfüllte Intensivstationen ergänzt. Eine Lachmöwe mit einem Pommes im Schnabel fliegt vorbei. Dj Hüpfburg steht wortlos auf, vegane Currywurst kaufen.

Sie kommt mit einer Wurst und einem Prospekt zurück. Große gelbe Buchstaben fordern mich auf: „Curryspargel! Freu Dich auf den Sommer!“

„Dirk, du hast mir Unsinn erzählt. Sparkel spricht sich gar nicht Spargel aus.“ Ich: „???“ Diese Datenbanksprache: SPARQL. Die wird „Sparkel“ ausgesprochen, wie im Englischen to sparcle leuchtend/blinkend. Sterne sparclen. Nicht wie im deutschen „Spargel.“

„Okay. Aber wie kommst du darauf?“

Ich spielte im Internet herum. Mir war langweilig. Hochzeiten im Oktober bei Corona ist kein Business. Also dachte ich, ich nutze die Zeit und beschreite innovative Recherchewege nach Eventlocations. Schlösser, Burgen, Industrieruinen. Als du mir wieder mit Wikipedia auf die Nerven gegangen bist, hast du von Wikidata erzählt. Ich dachte, Zahlen kann ich. Ich schaue wie das geht. Jetzt schaue ich Videos und ich teste.

Wikidata

Wikidata ist eine offene Datenbank. Das heißt: eine große Datenbank, in der Daten über alles stehen. Von der vagen Grundidee her so wie Wikipedia, aber mit weniger Gelaber. Wobei die Inhalte nicht einfach in der Datenbank stehen. Sie sind logisch verknüpft.

Es stehen nicht nur A, B und C in der Datenbank, sondern ihre Beziehung. Wenn dort steht „A ist Kind von B“. Und dort steht: „B ist Kind von C“. Dann kann man Abfragen, dass A das Enkelkind von C ist, ohne dass dies so explizit vorher eingegeben werden muss. Steht dort auch noch „D ist Kind von B“, kann man Abfragen, dass A und D Geschwister sind, ohne dass dies explizit in der Datenbank steht.

Bei Wikidata kann jede auf die Daten zugreifen, und etwas mit ihnen machen. So als einfache Idee: in Wikidata stehen immer die aktuellen Einwohnerzahlen jeder Stadt. Dann muss Wikipedia diese nicht mehr in jeder Sprachversion nachtragen, sondern kann diese aus Wikidata ziehen. Aber auch externe Anbieter.

Es ist möglich, Wikidata, direkt als Mensch aus quasi ocioell per Auge zu lesen. Hier zum Beispiel der Eintrag für das Stadtbad Mitte in Berlin:  Aber das ist ehrlich gesagt, hässlich, unübersichtlich und keinerlei Gewinn gegenüber Wikipedia. Da gefällt mir die Quartettkarte besser:

Quartettkarte "Stadtbad Mitte" im Quartett Schwimmbäder in Berlin / Zitronenpresse

Quartettkarte Stadtbad Mitte / Schwimmbäder in Berlin / Zitronenpresse

Besser für Wikidata ist eine Abfrage, die die gesuchten Daten hübsch arrangiert. Man befrage die Datenbank. Da man mit einem Computer Computersprech reden muss, gibt es SPARQL.

SPARQL

SPARQL ist eine Sprache zum Abfragen solcher semantischer Datenbanken. Sie existiert als offizielle Empfehlung des W3C-Konsortiums seit 2008. Inspiriert wurde sie durch SQL, hat aber Features, die ihr das logische Denken ermöglichen.

Wikidata hat eine Schnittstelle, in der man SPARQL-Abfragen einstellen kann: https://query.wikidata.org/

Alle Schwimmbäder

Schau mal, Du kannst Dir alle Schwimmbäder anzeigen lassen.

Das ist die Abfrage:

SELECT ?item ?itemLabel
WHERE
{
?item wdt:P31 wd:Q357380.

SERVICE wikibase:label { bd:serviceParam wikibase:language „[AUTO_LANGUAGE],de“. }
}

Ich: Aha?

Hüpfburg: Also von Anfang an.
SELECT – sagt, zeige mir Folgendes an: ?item und ?itemlabel

?item – ist jeder Gegenstand mit seiner Nummer in der Datenbank. SELECT ?item sagt „Zeige mir Gegenstände an, wie sie in der Datenbank stehen.“ Also zum Beispiel Q1292740.

SELECT ?itemlabel sagt „Zeige mir Gegenstände an, mit dem Namen, mit dem Menschen sie benennen.“ Also zum Beispiel „Stadtbad Mitte“.

Okay. Aber noch zeigt SELECT ?item ?itemLabel ja ALLE Gegenstände an. Nicht nur die Schwimmbäder.

Genau. Deshalb kommt ein Filter. Der wird gesetzt mit WHERE { }. Also zeige mir alle Gegenstände und ihre Bezeichnung, die folgende Bedingung erfüllen:

?item wdt:P31 wd:Q357380.

Total klar.

Okay: ?item – heißt für jeden Gegenstand muss eine Bedingung gelten.
wdt:P31 – jeder der Gegenstand muss zu einer bestimmten Klasse gehören, die im nächsten Wert steht.
wd:Q357380 – Das ist die Klasse, zu der der Gegenstand gehören muss. Hier: Hallenbad.

In Worten steht dort: Zeige mir alle Gegenstände, wenn diese Gegenstände zur Klasse Hallenbad gehören.

Die letzte Zeile – SERVICE wikibase:label… – sagt nur, dass wir nur die deutsche Bezeichnung haben wollen, nicht auch die englische, finnische und japanische

Hier we go!

Ich „109 Bäder. Weltweit. Ich bin nicht beeindruckt. Das sind weniger Bäder als Berlin und Brandenburg haben.“

Alle Schwimmbäder mit Bild

Hüpfburg: Aber es geht noch mehr. Die kannst dir jedes Bad mit einem Bild anzeigen lassen.

Hier die Abfrage:

SELECT ?item ?itemLabel ?pic
WHERE
{
?item wdt:P31 wd:Q357380.
?item wdt:P18 ?pic

SERVICE wikibase:label { bd:serviceParam wikibase:language „[AUTO_LANGUAGE],de“. }
}

SELECT kennst du ja schon. Diesmal soll ein Bild angezeigt werden. Also „?pic“ – zeige neben dem Gegenstand und dessen Namen auch das Bild.

Im Filter, also WHERE steht auch, dass ein Bild vorhanden sein muss.

Ich: „Okay, nur 79 Bäder. Und immer noch keine Bilder zu sehen. Nur ein Link“

Dann setzt Du #defaultview:imagegrid davor, dann hast du eine schöne Ansicht.

Okay, nun 79 mehr oder weniger schöne Bilder von 79, Bädern, die random sind. Die Idee überzeugt mich mehr als das Ergebnis.

Alle Schwimmbäder auf Karte

Die Abfrage mit Karte.

#defaultView:Map
SELECT *
WHERE {
?item wdt:P31/wdt:P279* wd:Q357380;
wdt:P625 ?geo .
}

SELECT: Wie vorher auch, nur dass du dieses Mal nichts angeben musst oder kannst, was gezeigt wird. Das macht #defaultView:Map

Der Filter, also WHERE hat nun noch wdt:P625 ?geo – es zeigt die nur Gegenstände an, die auch einen Platz auf der Karte haben.

Screenshot Schwimmbäder in Wikidata

Karte als Ergebnis der Abfrage „Schwimmbäder mit Karte“

Okay. Und wenn ich darauf gehe, sehe ich, dass es in den USA wd:Q15263936 gibt. Erstaunlich! Ich weise Hüpfburg darauf hin: Aber du kennst schon den Bäderatlas? Da gibt es alle deutschen Bäder – mehrere tausend, nicht einige Dutzend. Auf einer Karte. Mit allen wichtigen Infos. Und ich muss vorher nicht rumspargeln, um an die Infos zu kommen. Da reicht es, auf die Seite zu gehen.

So viele Möglichkeiten

Und wo sind die logischen Verknüpfungen in diesen Wikidata-Abfragen? – Die müssen erst in der Datenbank stehen. Wenn bei den Bädern der Architekt stünde, könntest du eine Abfrage bauen: „Zeige mir alle Gebäude von Schwimmbadarchitekten, die vor 1900 geboren wurden.“

Oder zeige mir alle verschollenen Filme, die als Handlungsort ein Schwimmbad haben. Oder zeige mir Schwimmbäder in Deutschland, die nach 1970 eröffneten und schon wieder außer Funktion genommen wurden. Nur fehlen dafür die Daten in der Datenbank. Daten, die nicht vorhanden sind, kannst Du nicht abfragen.

Ich stelle fest: „Als Schwimmbadsuchmaschine bin ich enttäuscht.“

„Ja“, wendet DJ Hüpfburg ein. „Aber ich suche keine Bäder. Ich suche Schlösser, Burgen und Industrieruinen. Für die gibt es keinen Atlas. Und Dirk, wie immer. Du denkst zu kurzfristig. Irgendwann stehen in Wikidata die Bahnlängen und die Gastro und die Beckentiefe und der Architekt und alles in der Nähe. Dann kannst du alle Bäder in der Nähe eines Bahnhofs suchen. Oder Hallenbäder mit 50-Meter-Bahnen. Oder alle historischen Bäder Italiens.“

„Okay, und wann? Bei dem Tempo dauert das bis 2050 oder so.“

Kann es sein, dass eine Datenbank da wirklich anders funktioniert als ein Lexikon? Wikidate andere Bedingungen erfüllen muss, um zu funktionieren als Wikipedia? Wenn das Lexikon große Lücken hat, freut man sich halt, über die Teile, die da sind. Da hat jeder Eintrag für den Leser einen Wert an sich. Wenn eine Datenbank große Lücken hat, ist sie nicht nutzbar, weil die Ergebnisse zufällig wirken. Dort bekommen die Einträge ihren Wert erst durch ihre Menge.

Sie gibt sie nicht geschlagen: „Denke an die Möglichkeiten. Du kannst es in deine Website integrieren. Stell dir vor du hast exklusive Schwimmbadvideos. Oder machst eine Seite über den Architekten Ludwig Hoffmann. Oder über Bahnhöfe in der Nähe von Sportstätten. Dann musst du dafür keine eigene Datenbank pflegen, sondern kannst ganz einfach die Daten aus Wikidata importieren.“

„Ganz einfach“, klar, lästere ich.„Einfacher als selber pflegen. Wenn ihr drei Leute findet, die das für ihre eigene Website machen, ist das Ergebnis besser, als wenn jeder seine eigene Datenbank hat.“

Da sage ich „das kenne ich“. Am Ende greifen Google und Facebook die ganzen Daten ab, bauen die in ihre Oberfläche ein – und das war es dann mit meinem Schwimmbadblog. Aber ich bin versucht. Mag die Hoffnung nicht fahren lassen.

„Okay. Ich trage jetzt ein, dass das Stadtbad Mitte eine 50-Meter-Bahn hat!“ Aber wie mache ich das? „Bahnlänge“ finde ich nicht als Kategorie. Muss ich die jetzt erfinden. Sinnvollerweise ja beim Oberbegriff „Hallenbad“? Aber wie lege ich das da an? Und was passiert mit Bädern, die mehrere Becken mit verschiedenen Bahnlängen haben? Es gibt auf jeden Fall noch viel zu tun.

Oder ich stelle Wohnzimmerstühle ein. Vielleicht sind die weniger komplex. Aber gibt es Kriterien für Relevanz in Wikidata? Fragen über Fragen.

Weiterlesen

Wo Wikidata sinnvoll wäre: Biographien von Sportlern

Die schönen Schwimmbadvideos gibt es bereits. Zum Beispiel vom Stadtbad Charlottenburg.

Wikipedia von A bis Z. Ein Versuch

19:16, Monday, 20 2020 July UTC

Brockhaus


Die Brockhaus Enzyklopädie ist ein mehrbändiges Nachschlagewerk in deutscher Sprache, das zuletzt von dem zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Wissen Media Verlag herausgegeben wurde. Ist es ein Nachschlagewerk? War es ein Nachschlagewerk? Seit einigen Jahren befindet sich der Brockhaus in einer Art Limbo des Untotseins. Irgendwie existiert er noch. So richtig aber auch nicht mehr. Ohne jetzt die Irrungen und Wirrungen des ehemaligen Goldstandards der deutschen Nachschlagewerke nachzuerzählen, reicht es mir zu erwähnen, dass noch vor 10 Jahren der Brockhaus quasi das unerreichbare Ziel, die große Messlatte und die ferne Vision dessen war, was Wikipedia werden sollte. Genau wie Wikipedia den Brockhaus anscheinend maßlos überschätzte, so war und ist der Brockhaus selbst ratlos wie er mit der Wikipedia umgehen sollte. Man weiß nicht, ob man von vertanen Chancen reden soll. Denn hatte der Brockhaus je Chancen?

Chiara Ohoven



Chiara Ohoven ist ein deutsches It-Girl. Viel mehr wissen wir nicht, da Wikipedia den zu Chiara gehörigen Artikel permanent löscht. Vor einigen Jahren erlangte sie kurzzeitig deutschlandweite Berühmtheit durch eine Do-it-Yourself Schönheits-OPs mit Schlauchbootlippen als Ergebnis, fand aber vor den Do-it-Yourself-Enzyklopädisten damit keine Gnade. Ansonsten folgt Chiara ihrer Mutter und ihrem Vater auf das Parkett der High Society und des Glamours. Und da kein Wikipedianer je zur High Society gehörte oder gehören wird, gilt sie in Wikipedia weiterhin als nicht-relevant.

Donauturm




Der Donauturm ist ein Aussichtsturm[4] inmitten des Donauparks im 22. Wiener Gemeindebezirk Donaustadt. Darüberhinaus sieht der Donauturm aus wie ein Fernsehturm, was zu einem der erbittertsten Editwars in der Wikipedia-Geschichte führte. Dort der Fachmensch für Fernsehtürme, der sich sehr sicher war, dass Fernsehturm die Bezeichnung eines bestimmten architektonischen Typs ist, dort eine Gruppe Wiener und Österreicher, die darauf verwiesen, dass von diesem Turm kein Fernsehsignal übertragen wird, noch nie ein Fernsehsignal übertragen wurde und niemand je plante von diesem Turm aus ein Fernsehsignal zu übertragen. Beide Seiten standen fester zu ihrem Standpunkt als der Donauturm im Wiener Boden. Schlußendlich führte der Editwar zu einem mehrseitigem Artikel im Spiegel, gebrochenen Herzen, frustrierten Wikipedianern und der Tatsache, dass jeder Wikipedianer weiß wie der Donauturm aussieht.


Elian


Elian ist ein in den 1980er Jahren aus dem Französischen entlehnter männlicher Vorname. Er geht auf den Beinamen Aelianus, eine Ableitung des römischen Geschlechternamens Aelius, zurück. elian (klein geschrieben und gesprochen eher wie Alien) kann auch als weiblicher Internetnickname genutzt werden. Ohne elian keine Wikipedia so wie wir sie kennen.

Gdansk



Danzig (polnisch Gdańsk Zum Anhören bitte klicken! [ɡdaɲsk],[3] kaschubisch Gduńsk), die Hauptstadt der Woiwodschaft Pommern im Norden von Polen, liegt an der Ostsee rund 350 km nordwestlich von Warschau und steht mit über 460.000 Einwohnern auf der Liste der bevölkerungsreichsten Städte Polens auf Platz sechs. Außerdem ist Gdansk Anlass des ersten Edit Wars, den ich persönlich mitbekommen habe. Es war 2003. Es war in der englischen Wikipedia. Deutsche und polnische Nationalisten ähnlicher Angestrengtheit konnten sich nicht einigen, ob die Stadt nun Danzig oder Gdansk heißt. Hilflos naive und offensichtlich überforderte Amerikaner versuchten zu vermitteln. Der interessante Moment kam, als der Edit-War zur Frage überging, ob die Band Danzig nun "benannt ist nach der Stadt Gdansk, ehemals Danzig" oder "benannt ist nach der Stadt Danzig, heute Gdansk".


Hubertus


Hubertus ist ein männlicher Vorname. Er wird NICHT Atze abgekürzt.

Kreuz


Curious Myths p 81
Bild: Page of symbols referenced in s:Curious Myths of the Middle Ages. 1868 von Sabine Baring-Gould. Public Domain.

Das Kreuz ist ein weltweit verbreitetes Symbol, das insbesondere religiöse und kulturelle Bedeutung hat. In diesen Bedeutungen hat sich Wikipedia unentrinnbar verheddert. Einerseits ist das Kreuz-Symbol ein wunderbares Beispiel dafür, welche Probleme das Internetprojekt mit Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten jeder Art hat. Andererseits ist der Streit darum ein tragischer Fall epischen Ausmaßes, der die Wikipedia-Community über Jahre in Aufregung hielt, die Nerven dutzender Wikipedianer verschliss und für Verzweiflung und Frustration allüberall sorgte. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: das Kreuz ist natürlich DAS Symbol des Christentums und symbolisiert Jesu Tod. Daraus folgend wurde † zum Symbol für den Tod. Das † kommt in der Wikipedia in Lebensdaten vor. (Beispiel: * 1600 †1666). Nun waren und sind sich die Wikipedianer nicht einig, ob †ein Symbol ohne jede Bedeutung ist, die einfach Standard ist, oder ob es immer noch christlich konnotiert ist. Bei Artikeln zu Menschen nicht-christlichen Glaubens kam und kommt es zum Streit. Ist das Kreuz nun eine christliche Usurpation von Nicht-Christen oder ist der Versuch deren Tod anders darzustellen - beispielsweise durch "gestorben 1666" ein Verbrechen an enzyklopädischer Neutralität und verstößt gegen die Einheitlichkeit der Form, die anzustreben ist? 

Lutz Heilmann


Siehe → Streisand-Effekt

Narrenschiff 


Das Narrenschiff (alternativ: Daß Narrenschyff ad Narragoniam) des Sebastian Brant (1457–1521), 1494 gedruckt von Johann Bergmann von Olpe in Basel, wurde das erfolgreichste deutschsprachige Buch vor der Reformation. Es handelt sich um eine spätmittelalterliche Moralsatire, die eine Typologie von über 100 Narren bei einer Schifffahrt mit Kurs auf das fiktive Land Narragonien entwirft und so der Welt durch eine unterhaltsame Schilderung ihrer Laster und Eigenheiten kritisch und satirisch den Spiegel vorhält. Im Wikipedianischen Zusammenhang war das Narrenschiff eine Art Mitteilungsblatt des Hans Bug, in dem er die Wikipedianer und ihre Laster und Untaten kritisierte. Bugs Narrenschiff war inhaltlich und qualitativ von Sebastian Brants Narrenschiff entfernt, wie es heutige Nachwuchswikipediakritiker von Bugs Narrenschiff sind. Wenn etwas in den letzten Jahren extrem gelitten hat, dann das Niveau der internen Wikipedia-Kritik.

Manipulation

Zur Manipuation in der Wikipedia und vor allem zu den Maßnahmen dagegen siehe Wikipedias Kontrollmechanismen gegen Manipulation

München


Bild: Wikipediastammtisch München 2005. Von: Hella Breitkopf Linzenz: CC-Attribution-Share Alike 3.0 Unported

München?/i [ˈmʏnçn̩] ( bairisch  Minga?/i) ist die Landeshauptstadt des Freistaates Bayern. Sie ist mit ca. 1,45 Millionen Einwohnern die einwohnerstärkste und flächengrößte Stadt Bayerns und, nach Berlin und Hamburg, die nach Einwohnern drittgrößte Kommune Deutschlands und die zwölftgrößte der Europäischen Union. Wikipedia-historisch ist München wichtig, da hier am 28. Oktober 2003, organisiert von → elian, das allerallererste Wikipedia-Treffen überhaupt stattfand. Und nachdem sich die Münchner einmal getroffen hatten und feststellen, dass es gar nicht so schlimm ist, folgten Treffen in Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Boston, Taipeh, Alexandria bis es dann 2014 zum bisher größten Treffen in London mit knapp 2.000 Teilnehmern kam. Siehe auch → Wikimania, Stammtisch.


Nordsee


Die Nordsee ist ein Mehr, ein teil der Atlant, zwischen Grossbritannien, Skandinavien, und Friesland. Siehe auch Kattegatt, die Niederlanden, Deutschland.


Polymerase-Kettenreaktion

Der Artikel zur Polymerase-Kettenreaktion war im Mai 2001 der erste Artikel der deutschsprachigen Wikipedia. Vielleicht war es aber auch der Artikel zu Vergil. Oder der zur -> Nordsee. Die frühen Anfänge der Wikipedia liegen im Nebel. Mehr dazu: Wikipedia Manske Polymerase-Kettenreaktion.

Relevanz 


Relevanz (lat./ital.: re-levare „[den Waagebalken, eine Sache] wieder bzw. erneut in die Höhe heben“) ist eine Bezeichnung für die Bedeutsamkeit und damit sekundär auch eine situationsbezogene Wichtigkeit, die jemand etwas in einem bestimmten Zusammenhang beimisst. Das Wort ist der Bildungssprache zugeordnet[1] und bezieht sich auf Einschätzungen und Vergleiche innerhalb eines Sach- oder Fachgebietes. Das Antonym Irrelevanz (Adjektiv: irrelevant) ist entsprechend eine Bezeichnung für Bedeutungslosigkeit im gegebenen Zusammenhang, umgangssprachlich vereinfacht auch für allgemeine Sinnlosigkeit oder Unwichtigkeit. Das Fremdwort für eine allgemeine, qualitativ messbare Wichtigkeit ist Importanz. Siehe auch → Löschkandidaten, Relevanzkriterien, Inklusionismus, Exklusionismus, Tschunk.

Seitenleiste

Die Seitenleiste lässt sich vielleicht ab 2020 oder 2021 wegklappen. Siehe Seitenleiste Wikipedia nötig?

Strecke


Eisenbahnstrecke wird die Verbindung von Orten mit einem Schienenweg genannt. Im Gegensatz dazu bezeichnet der Begriff (Eisen-)Bahnlinie den auf diesen Strecken regelmäßig stattfindenden Verkehr. So können auf einer Strecke mehrere Bahnlinien oder eine Bahnlinie auf mehreren Strecken verkehren. Nach herrschender Meinung in der Wikipedia sind Strecken relevant und Linien irrelevant. Oder umgekehrt. Ich kann es mir nicht wirklich merken. Wobei die Regel zwar grundsätzlich gilt, bei Wiener Straßenbahnlinien gelten allerdings Sonderregeln und es ist andersrum. Und da wundert man sich, warum sich niemand mehr an Artikel zu Eisenbahnen herantraut.

Volker Grassmuck


Volker Grassmuck (* 1961 in Hannover) ist ein deutscher Publizist und Soziologe. Er ist assoziierter Professor für Mediensoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Wikipediahistorisch ist Grassmuck gleich zweimal wichtig. Zum einen war er auf der Gründungsversammlung von → Wikimedia Deutschland anwesend, was uns ein wunderbares Video bescherte.

Zum anderen veröffentlichte er 2002 ein Buch über Freie Software. Dieses Buch enthielt eine Fußnote, in der Wikipedia erwähnt wurde. Diese Fußnote brachte nicht nur den Verfasser dieser Zeilen zur Wikipedia, sondern auch → elian zur Wikipedia brachte.

Weiterlesen


Längerer Text zu Pokémon in der Wikipedia.

Weitere Texte zu online: Kultur in Iberty!




Seitenleiste Wikipedia nötig?

16:25, Thursday, 02 2020 July UTC

Wikipedia soll schöner werden.

Ich sitze am Teltowkanal. An mir ziehen die Mittagspausenspaziergänger aus Finanzamt, Arbeitsamt, Ufa-Fabrik und Ullstein Castle vorbei. Ich schaue sie nur aus den Augenwinkeln heraus an. Ich lerne italienisch. Dazu wähle ich Kacheln in der Sprachlern-App „Duolingo“ aus. Duolingo gibt Sätze vor, ich klicke auf dem Handy die entsprechenden Wörter aus einer kleinen Auswahl an.

„Ich trinke den Tee“ – Ich wähle die Kacheln „Io“ und „bevo“, „il“ und „té“. „Io bevo il té.“

„Das schwarze Pferd kauft rosa Hosen“ – Il cavallo nero compra i pantaloni rosa.

„Die Vögel spielen Flöte“ – Gli uccelli sounano il flauto.

„Mario und Luigi sind Klempner“ – Mario e Luigi sono idraulici.

Ich erreiche den fortgeschrittenen Teil oder Übung. Ich darf keine Kästchen mehr anklicken. Die Wörter sind nicht vorgegeben. Ich muss selber den Text schreiben, die entsprechende grammatikalische Form kennen. In die nächste Runde komme ich erst, wenn ich den ganzen Satz fehlerfrei auf der Handytastatur tippe. Duolingo gibt vor:

„Du hast mir gesagt, dass er jeden Montag im Sommer zu ihr kommen würde, damit sie nachmittags die Kaninchen auf dem Hügel in der Stadt mit dem rohen Gemüse füttern können.“ – WHAT?

Zum Glück erlösen mich Schritte. Ich höre DJ Hüpfburg den Kiesweg am Kanal entlang laufen. Hüpfburg war kurz beim Asia-Streetfood-Wagen und hat sich die Nummer 9 gekauft (Reis mit Huhn). Sie läuft den Weg hinunter, grinsend. „Ich hoffe wir werden die PiS endlich los.“ Sie freut sich über die polnischen Präsidentschaftswahlen.

„Ist Dir aufgefallen, dass ich tiefer deutsch rede als polnisch. Hat meine Freundin letztens bemerkt. Mit der Freundin rede ich in beiden Sprachen. Habe ich nie gemerkt. Aber sie hat recht. Wenn ich deutsch rede, rutsche ich nach unten. Oder nach oben wenn ich polnisch rede.“

Ich: „Nein“.

Sie: „Du hast doch letztens von den Wildbienen und dem Befruchten erzählt. Ich hab‘ jetzt von Z gehört, dass in Japan Befruchtung per Seifenblasen getestet wird. Nicht so effektiv wie Bienen aber besser als Befruchtung von Hand. Die Seifenblasen werden mit Pollen bestäubt und dann über die Pflanzen geblasen. Stand wohl in der New York Times. Fiel mir wieder ein, als ich letztens vor dem Rathaus Schöneberg eine Hochzeit mit vielen Seifenblasen gesehen hab. Vielleicht steht ja in Deiner Wikipedia was dazu.“

„Es ist nicht meine Wikipedia!“

„Seifenblasenpflanzenbefruchtung finde ich ich nicht. Aber sag: Warum ist Deine Wikipedia so hässlich. Und sie sieht so aus als wäre sie 2004 stehen geblieben.“ Ich ringe um Worte.

„Es ist nicht meine Wikipedia. Und sie ist nicht..“ Oder doch? Ob Wikipedia schön ist? Ich wohne seit 2004 gedanklich in der Wikipedia und im Wikipedia-Layout. Jegliche Fähigkeit, die „Schönheit“ des Layouts von Außen zu erkennen, ist mir vor Jahren abhandengekommen.

Aber die Wikipedia sieht altbacken aus. Dem stimme ich zu. Sie erscheint, wie das Internet 2005 aussah, nicht wie das Internet von 2020 wirkt. Gerade will ich zu längeren Erklärungen und Entschuldigungen ansetzen.

Wieder rettet mich ein Geräusch. Hufgetrappel. Auf einem Schimmel reitet Lukas von Gnom den Kiesweg hinab. Das Hemd geöffnet, das wallende blonde Haar wehend im Wind. Er spielt die Klarinette der Erkenntnis.

Reading/Web/Desktop Improvements

Die Töne dringen in mein Hirn hinein. Aus dem Nebel heraus formt sich in meinem Kopf die Erkenntnis: Reading/Web/Desktop Improvements (Lesen / Web / Computer) Es gibt ein Projekt Wikipedia schöner zu gestalten. Und es hat Chancen auf Umsetzung!

Ich versuche, den Vorwurf der Wikipedia-Altbackenheit zu kontern. „Aber es gibt das Projekt Reading/Web/Desktop Improvements zum Zusammenklappen der Seitenleiste in der Wikipedia.“

Hüpfburg wirkt nicht beeindruckt.

Ich versuche das Projekt zu erklären. Leider hat es keinen Namen, was das Sprechen und Schreiben über das Projekt verkompliziert. Deshalb werde ich es Projekt Desktop Improvements oder kurz Projekt DImp nennen.

DImp möchte Wikipedia leserfreundlicher machen. Dies soll geschehen, indem die linke Seitenleiste versteckt wird. Diese wird ausklappbar. Im Normalfall sieht man dort nur einen kleinen Pfeil. Erst man auf den Pfeil klickt, kommen alle Menüs zum Vorschein.

Dem fragenden Blick von Hüpfburg sehe ich an, dass sie denkt „Welche Seitenleiste?“ Sie bestätigt damit, dass man gedanklich verdrängt, was man nicht braucht.

Welche Seitenleiste?

In der Seitenleiste stehen links auf verschiedene Wikipedia-Funktionen. Sie sind inhaltlich wild gemischt. Warum sie dort in dieser Anordnung auftauchen: „Das ist in 15 Jahren historisch gewachsen und logisch kaum erklärbar.“

Screenshot des Wikipedia-Artikels Benutzerschnittstelle mit Heraushebung der linken Seitenleiste.
Seitenleiste in einem Wikipedia-Artikel

Links finden sich dort für die Leser. Die Links in der Leiste lenken zu Hinweisen für Neulinge oder Gelegenheitsautoren. Langjährige Hardcore-Autoren können in der Leiste Spezial-Werkzeuge finden. Alle sind bunt gemischt. Die Links haben sich über die Jahre angesammelt. Sie wurden umgetauft und inhaltlich umgewandelt. In seltenen Ausnahmefällen ist sogar ein Link verschwunden.

Die ganze Leiste zu erklären wäre müßig. Zu verschieden sind die Zielgruppen, so dass es niemand gibt, der alle Funktionen benötigt.

Für Leser am spannendsten sind die Links unten: die Sprachversionen. Dort können sich die Leser Wikipedia-Artikel zum selben Thema in anderen Sprachen finden. Es handelt sich bei den Artikeln in anderen Sprachen um eigenständige Artikel. Es sind keine Übersetzungen. Sie unterscheiden sich oft inhaltlich. Auf jeden Fall bieten sie eine andere Sichtweise auf dasselbe Thema.

Screenshot der Wikipedia-Seite "Benutzerschnittstelle" mit Fokus auf die Sprachlinks von Arabisch bis Russisch.
Ein Teil der Sprachlinks zur „Benutzerschnittstelle“

Ein Hinweis auf die Sprachlinks soll in den Kopfbereich der Seite wandern, sichtbarer werden. Alles andere soll unsichtbarer werden. So will es das DImp-Team.

Das, dessen Namen nicht genannt werden kann

Der Prozess ist schwierig zu finden. Denn er hat keinen Namen. Selbst der Behelfsbezeichnung Reading/Web/Desktop Improvements ist kaum zu entnehmen: Ist es die Bezeichnung für den Prozess? Ist es die Bezeichnung für das Team in der Wikimedia Foundation?

Kann man über etwas reden, dass keinen Namen hat? Ist jemand das Problem aufgefallen? Ist es Absicht? In den Tiefen der Wikimedia-Diskussion lassen sich Vorschläge finden, dem Kind einen Namen zu geben. Da bleibt es bei der ausufernden Umständlichkeit. Oder halt bei Projekt DImp.

Das Team

Das Team hinter DImp ist das „Readers Web Team“ aus Angestellten der Wikimedia Foundation. Das wiederum gehört zur „Abteilung“(?) Readers oder Reading. Die Wikimedia Foundation ist sich nicht sicher, wie die Abteilung heißt. Diese Reading-Abteilung wiederum gehört zur Gruppe „Product“. Product ist eine der zwei technischen Gruppen in der Wikimedia Foundation. Die wiederum..

DJ Hüpfburg ignoriert mich und schaut dem Mann mit der Bierflasche in der rechten Hand zu, der vollkommen in sich gekehrt mit links sein T-Shirt bis zur Schulter hochzieht. Ich bin so in Wikipedia-Inside-Detailtum verfallen, dass ich mir selbst nicht mehr zuhöre.

..Auf jeden Fall: Es geht nicht um die App oder die Mobilansicht, sondern die Ansicht am PC. Das Desktop-Ansichts-Team will am PC die linke Seitenleiste einklappbar machen.

Ausgangslage

Es begann im Mai 2019 ausgehend von der Prämisse: Wikipedia ist unübersichtlich.

Das DImp-Team brach die Prämisse herunter in drei Leitsätze: Kein Leser versteht, wie das Wiki funktioniert. Die Bedienung ist unnötig umständlich. Es sieht nicht einladend aus.

Daraus folgten die Ziele des Teams: 1) Die Oberfläche der Wikipedia soll übersichtlicher werden. 2) Die Oberfläche soll die Blicke auf den Inhalt der Artikel lenken. 3) Die wichtigen Bedienelemente sollen schneller zu finden sein.

Um die Verwerfungen mit der Community klein zu halten, gab es von Beginn an Bedingungen. Die Verbesserung sollte nicht in Chaos und Streit enden. Deshalb gab es Einschränkungen an der Reichweite von Projekt DImp: 1) Keine drastischen Änderungen am Layout. 2) Der eigentliche Inhalt aller Bedienelemente bleibt bestehen.

Anders gesagt: Alles sollte besser werden, aber nichts sollte sich ändern.

Der Prozess

Es begann mit Mai 2019 mit ersten Gedanken. Es dauerte bis September des Jahres mit Vorüberlegungen. Bereits im Juli 2019 entstanden programmierte Gedankenspiele. Auf der Wikimania im August 2019 gab es längere Diskussionen und Tests mit anwesenden Teilnehmern.

Nach weiteren Tests wurde es im Mai 2020 ernst: Die ersten beiden Prototypen für echte Features entstanden: zum Beispiel die zusammenklappbare Seitenleiste. Die wurden zuerst in internen, semiöffentlichen Wikis eingesetzt.

Es gibt das Feature im Officewiki, das die Wikimedia intern nutzt. Und es gibt das Feature im Testwiki. Ursprünglich sollte das Feature bis jetzt schon in „echten“ Wikipedias wie der hebräischen oder französischen getestet werden. Aber Corona.

Normalnutzer können dennoch etwas sehen: Das Feature lässt sich in jeder Wikipedia anzeigen. Einfach ?useskinversion=2 an den URL hängen. Also wenn der Link zum Artikel UI (User Interface) in Wikipedia lautet:

https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzerschnittstelle

müsst ihr nur

https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzerschnittstelle?useskinversion=2

in die Adresszeile schreiben und ihr könnt das Feature selber sehen.

Gif, das Auseinander- und Zusammenklappen der Seitenleiste demonstriert.
Die Einklappbare Seitenleiste in der Praxis.

Desktop ist wichtig

Auch wenn man denken sollte, dass die Desktop-Version inzwischen nur noch Autoren angeht, die Leser nutzen den Desktop. Etwa die Hälfte der Zugriffe verteilt sich auf Desktop und Mobilansicht. Die App spielt nur eine unbedeutende Rolle.

Screenshot der Zugriffsstatistik auf die Wikipedia aufgeteilt nach Desktop / App und Mobilansicht. Im Monat erfolgen je etwa 10 Milliarden Zugriffe per Desktop oder Mobile und knapp 300 Millionen via App.
Zugriffstatistik auf alle Wikimedia-Projekte nach Zugriffsmethode.

Hüpfburg staunt: „Ich dachte, Wikipedia ändert sich nie. Aber es ist ja noch schlimmer! 30 Angestellte, ein Jahr mit Gerede und Fragen und wieder Gerede und wieder machen und am Ende kommt ein elender Balken zum Zusammenklappen raus?“ Da war ja der Kommunismus effizienter.

Jein, wende ich ein. Es mag ein kleiner Schritt für den Sidebar sein. Aber es geht um Millionen Menschen. Bei 12 Milliarden Schritten im Monat führen auch kleine Schritte sehr weit. Bei den Autoren, die jeden Tag mit dem Anblick umgehen müssen, für die die Wikipedia-Oberfläche oft ein wichtiger Teil ihres Lebens ist, geht es um zehntausende Menschen. Angesichts der Auswirkungen, die selbst eine kleine Änderung der Wikipedia-Oberfläche in der Welt hat, ist der Aufwand klein.

„Wenn du meinst? Ich bleib lieber bei meinen Hochzeitswebsites. Dort muss ich nur den Geschmack der Braut treffen. Das geht einfacher.“

Weiterlesen

Die Website zum Projekt DImp. Reading/Web/Desktop Improvements.

Wer Insider-Baseball zur Wikipedia-Gestaltung nachlesen möchte: ein Wikipedia-Mobil-Ansichts-Entwickler schreibt warum es eine Desktop-Version gibt.

Wikipedia im Jahr 2001. Noch ohne Seitenleiste.

10 Regeln für den eigenen Wikipedia-Artikel

17:51, Thursday, 11 2020 June UTC

Wikipedia ist nicht nur eine Enzyklopädie mit dem Anspruch auf Ewigkeit, sondern auch ein Nachschlagewerk für Ephemeres und zeitgemäß Aktuelles. In der Wikipedia stehen nicht nur Artikel über Themen von Bach und Barock bis zu Bismarck oder zur Binomialverteilung. Im Bastelbrockhaus stehen auch Einträge über lebende Künstler, Sänger, Sportler, Unternehmen, Vereine und Stiftungen.

Nun können diese Künstler, Sänger und andere diese Einträge auch lesen und sind – mal zu Recht mal zu Unrecht – nicht glücklich mit diesen Artikeln. Mal sind die Artikel eigenwillig gewichtet, mal lassen sie das Wesentliche aus, mal sind Daten veraltet und ab und an enthalten die Artikel auch echte inhaltliche Fehler.

Artikel über sich selbst oder seine Organisation zu ändern, ist nicht einfach. Manchmal ist es aber für Wikipedia und die Betroffenen hilfreich. Deshalb hier einige Regeln zum Umgang mit dem eigenen Wikipedia-Artikel.

Maze 01
Auf den ersten Blick wirkt Wikipedia unübersichtlich. Bild: Maze01. Von Nevit Dilmen Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

(0) Vorweg: Wikipedia-Artikel sind böse

Die Grundregeln für den Umgang mit der eigenen Person oder Organisation in Wikipedia ist einfach: existiert noch kein Artikel, so ist das gut. Wikipedianer schätzen es gar nicht, wenn Betroffene über sich selbst Artikel anlegen. Die geschriebenen Regeln verbieten die Artikelanlage in eigener Sache nicht explizit. Die - wichtigeren - ungeschriebenen Regeln sprechen sich stark dagegen aus. Umso kritischer werden Wikipedianer die neuen Artikel begutachten, nach Schwächen und Fehlern suchen. Umso schlimmer wird das Spießrutenlaufen für denjenigen, der diesen Artikel anlegt.

Selbst wenn der Artikel durchrutscht, zumindest am Anfang keine Kritik erfährt: Viele der Ersteller und Objekte von Artikeln rechnen nicht damit, was für eine eindrückliche Erfahrung es sein kann, die Kontrolle aus der Hand zu geben, einer anonymen Gruppe von Menschen eine große Bühne zu geben, das eigene Leben oder die eigene Organisation darzustellen. Eine eigene Website oder ein Facebookauftritt kann dasselbe wie ein Wikipedia-Artikel. Aber man behält die Kontrolle.

Wenn eine Person oder Organisation keinen Wikipedia-Artikel hat, dann sollte sie eine Flasche Sekt öffnen, dankbar sein und sich auf andere Formen der Öffentlichkeitsarbeit verlegen. In vielen Fällen allerdings existiert der Artikel schon, oftmals nicht zur Zufriedenheit der betroffenen Person. Manchmal muss die Person oder Organisation halt damit leben, dass die eigene Existenz nicht nur Feiernswertes enthält. Manchmal hat sie aber auch legitime Gründe zur Kritik: Veraltetes, Unvollständiges, Fehlerhaftes oder eigentümlich Gewichtetes findet sich in vielen Wikipedia-Artikel. Es gibt die Möglichkeit, etwas daran zu ändern.


(1) Transparenz 


Wikipedia ist überaus kritisch gegenüber Bearbeitungen in eigener Sache. Jeder, der Artikel über sich selbst bearbeitet, muss Grundmisstrauen überwinden und Vertrauen gewinnen. Vertrauen gewinnt man durch Offenheit.

(2) Verifizierung 


Speziell für Bearbeiter in eigener Sache und ganz speziell für Menschen, die professionell unterwegs sind, existiert in der deutschen Wikipedia das Mittel der Verifizierung. Bearbeiter melden sich unter dem Namen ihrer Organisation/ ihrer Person an und stellen damit eine Grundtransparenz her. Danach schicken Sie eine Mail an  info-de-v@wikimedia.org und werden dann von Freiwilligen verifiziert. Weitere Details finden sich unter: Wikipedia:Benutzerverifizierung

(3) Diskussionsseiten 

Zu jedem Eintrag in der Wikipedia gehört eine Diskussionsseite, auf der dieser Eintrag diskutiert wird. Um Konflikte und Konfrontationen zu vermeiden, empfiehlt es sich, jede größere Änderung erst auf der Diskussionsseite mit einigen Tagen Vorlaufzeit anzusprechen. Erst wenn dort kein Widerspruch, oder gar Zustimmung, gekommen ist, sollte der Artikel selbst geändert werden. Taucht auf der Diskussionsseite Widerstand auf, so ist die Diskussionsseite zur Diskussion zu nutzen.


(4) Belegen 


Wikipedia ist eine Enzyklopädie, die verlässlich sein will, die aber jeder anonym bearbeiten kann. Zum Ausgleich legt die Community starken Wert darauf, dass jeder inhaltliche Beitrag belegt wird. Als Belege gelten nur Fakten, die anderswo veröffentlicht sind. Sei es in Büchern, Zeitschriften oder Websites. Diese Pflicht geht so weit, dass selbst Aussagen der Person selbst oder amtliche Dokumente nicht akzeptiert werden – sofern diese nicht an einer externen Stelle veröffentlicht wurden.

Belege im Artikel zur Wikipedia (kleiner Ausschnitt)
Dies klingt auf den ersten Blick aufwendiger als es ist. Zumindest in heutiger Zeit. So gut wie jede Wikipedia-relevante Person oder Organisation wird Zugriff auf eine Website haben, auf der sie etwas veröffentlichen kann. Im Zweifel besitzt zwar eine externe Veröffentlichung eine höhere Reputation.

Aber gültig sind auch Inhalte auf eigenen Websites. Wenn also Wikipedia ihren zweiten Vornamen falsch schreibt: beginnen Sie keine Diskussion mit der Community, sondern schreiben Sie ihn richtig auf der eigenen Website. Wenn die Community nicht glaubt, dass die Rolling Stones ihr größter literarischer Einfluss sind - schreiben Sie es auf der eigenen Website.

(5) Klare, harte Fakten. Keine Adjektive 


Artikel über sich selbst zu ändern, ist selbst unter den besten Umständen ein Drahtseilakt. Die Gefahr besteht, auf andere Autoren zu treffen, die dies aus Prinzip ablehnen und versuchen gegen die Edits zu arbeiten. Aber auch diese Autoren sind an Regeln gebunden. Je besser eine Bearbeitung nachgeprüft werden kann und je eindeutiger diese ist, desto höher sind die Chancen, dass sie bestehen bleibt.

Am besten hierfür eigenen sich unstreitige Zahlen und Fakten. Während Fakten einfach und erwünscht sind, ist dies mit Interpretationen schwierig. Diese sind generell in der Wikipedia verpönt. Je niedriger das Vertrauen ist, das ein Autor genießt, desto schwieriger wird es, Text einzubauen, der auch nur entfernt nach Interpretation aussieht. Adjektive sehen immer nach Interpretation und Wertung aus. Sie haben in einem Artikel über einen selbst nichts verloren.

(6) Verständlich bleiben 


Nun gibt es nicht nur die Community, für die ein Text geschrieben wird, sondern auch die Leser. Leser lieben Wikipedia, weil er hier klare, verständliche Informationen gibt, die sich beim ersten Lesen erschließen. Buzzwords, unverständliches, aber auch Fachsprache und Insiderlingo sind verpönt. Die Community achtet darauf dies durchzusetzen. „Geschwurbel“ ist einer der liebsten Begründungen innerhalb der Community um Text zu streichen.

Gerade professionelle PR-Personen stellt dies oft vor besondere Herausforderungen. So ist nicht ratsam zu schreiben, dass ein Unternehmen "Verbindungen herstellt zwischen den Grundbestandteilen der Industrieproduktion", sondern es stellt Schrauben her. Jemand "entführt nicht in Welten der zwei Sonnen", sondern schreibt Fantasy-Romane. Am besten haben Leserin oder Leser bereits beim ersten Lesen eine klare Vorstellung davon, um was es geht. 

(7) Mit der Community zusammen 


Wikipedia ist ein grundsätzlich offenes System, das von zahlreichen Vandalen, Trollen und Manipulatoren heimgesucht wird. Dementsprechend ausgebildet und etabliert sind mittlerweile die Mechanismen, unerwünschte Bearbeitungen fernzuhalten. Die etablierte Community hat die informellen, formalen und technischen Mittel Text zu verhindern, kann aber auch unglaublich Großartiges vollbringen. Jede Mitarbeit in Wikipedia, die von Erfolg gekrönt sein soll, funktioniert nur im gegenseitigen Vertrauen mit der Community.

Leider hat die Community die Eigenschaft die unkooperativsten und unfreundlichsten Mitarbeiter vorzuschicken, wenn es um das Sichten neuer Artikel geht. Oder anders gesagt: Die unfreundlichsten Mitarbeiter sind besonders motiviert darin, sich auf Neulinge zu werfen. Warum das so ist, darüber kann ich spekulieren, möchte es aber nicht. Aber nicht aufgeben: es gibt nette und freundliche Wikipedianerinnen und Wikipedianer. Mit etwas Ausdauer lassen sie sich finden. 

(8) Zu vermeiden: Freunde holen 


Manche Autoren fühlen sich von der Wikipedia-Community übermannt oder ungerecht behandelt und versuchen, Freunde zu motivieren, ihnen beizustehen. Kaum etwas ist schlimmer. Die reine Anzahl von Teilnehmenden in der Diskussion hat kaum ein Gewicht. Wesentlich bedeutender ist das Vertrauen, dass den einzelnen Beteiligten in der Community beigebracht wird.

Die Community hat ein eingebautes internes Vertrauenssystem, das maßgeblich auf bisherigen Beiträgen beruht. Wenn aus heiterem Himmel plötzlich eine größere Anzahl neuer Nutzer bei einem Thema auftaucht, lässt das bei vielen erfahrenen Wikipedianern Alarmglocken schrillen. Sie reagieren skeptischer und aggressiver. Dabei gilt: gegen eine skeptisch und aggressive Community zu agieren, hat nie Erfolg. Der Versuch, Freunde zu mobilisieren ist bisher immer nach hinten losgegangen.

(9) Das Sichtungsproblem 


Speziell die deutsche Wikipedia hat das Instrument der Sichtungen eingeführt. Das bedeutet: Änderungen an Artikeln werden sofort gespeichert. Wenn diese Änderungen von einem neuen Autor stammen, sind sie aber nicht sofort für die Öffentlichkeit sichtbar. Dafür muss erst ein erfahrener Wikipedianer sein OK geben. Je einfacher die Edits sind und je einfacher sich ihr Inhalt extern überprüfen lässt, desto schneller wird die Freigabe erfolgen.

Übersicht über die Seiten, die am längsten nicht gesichtet wurden.

(10) Fotos unter freier Lizenz 


Ein einfacher Weg, das Vertrauen der Community zu gewinnen, Inhalte beizutragen und es Wikipedia zu ermöglichen eigene Inhalte zu nutzen, ist das Bereitstellen von Fotos unter freier Lizenz. Das bedeutet, dass diese Fotos im Nachhinein genutzt, verändert und eingebaut werden können. Allerdings muss dabei der Autor genannt werden ebenso wie der Titel des Fotos. So in Wikipedia und von dort aus dann viral durch das halbe Netz.

Rose Stanwell Perpetual バラ スタンウェル パーペチュアル (7887553466)
Ist ein Foto unter freier Lizenz hochgeladen, kann es unter Autoren-Nennung quer durch das Internet gesehen werden. Bild: Rose Stanwell Perpetual バラ スタンウェル パーペチュアル von: T.Kiya Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

Weiterlesen


Der Wikipedia mangelt es nicht an Seiten mit Regeln, Vorschriften und Anleitungen. Auch zu diesem Themenkomplex gibt es eher zuviel als zu wenig zu lesen. Als Einstieg empfiehlt sich: Wikipedia:Interessenkonflikt  und die dortigen Links.

Bei Rückfragen zu bestimmten Einzelfällen, gerne auch eine Mail an mich, dirkingofranke@gmail.com

Alle Iberty-Posts zu Netz- und Kulturthemen finden sich unter. Kultur in Iberty! Eine Übersicht.

Wikipedia Manske Polymerase-Kettenreaktion

10:31, Wednesday, 03 2020 June UTC

Der Tunnel Beyschlagsiedlung auf der Berliner Stadtautobahn dröhnt. Der Widerhall der Hupe im Tunnel scheucht kleine Tiere auf. Der Harleyfahrer mit der Kutte „Odins Olle Outlaws MC“ verreißt fast die Maschine. Sein böses Starren kann ich durch das verspiegelte Tuning-Visier am Wehrmachtshelm spüren. Madame schaut überrascht von der Wettervorhersage am Handy auf. Müsste ich nicht lenken, würde ich entschuldigend mit den Schultern zucken. Die Begeisterung übermannte mich, führte meine Hand auf die Hupe.

Der Drosten hat im Radio minutenlang Wahrscheinlichkeiten über mehrere Generationen durchgerechnet. „Wenn jeweils einer zehn ansteckt und die anderen neun nur einen und einer von zehn bleibt die Woche zufälig zu Hause, dann sind wir in der dritten Generation..“ Überschlagsrechnungen! Mathe! Im Radio! Glückswolken ziehen auf. Madame freut sich an meiner Begeisterungsfähigkeit. Sie weist darauf hin: „Im Podcast“. Drostens praktische Wahrscheinlichkeitsrechnung läuft nicht im Radio.

Der Drosten-Podcast fühlt sich an wie frühe Wikipedia. Geschichten aus dem Leben. Wissenschaft. In der Hoffnung, dass die Hörer mitdenken. Anschaulich erklärt, unterhaltsam, relevant. Vielleicht fühle ich mich auch so sehr an die frühe Wikipedia erinnert, weil Drosten in hoher Intensität „PCR“ sagt.

PCR, die Polymerase Chain Reaction, deutsche Polymerase Kettenreaktion, ist ein Verfahren der Biochemie, um bestimmtes Erbgut (DNA oder indirekt RNA) nachzuweisen. Vor allem ist das Verfahren derzeit von weltweiter Relevanz, da der Test via PCR der Goldstandard zum Nachweis des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 (SARS2) ist.

Jeder frühe Wikipedista kennt das Wort Polymerase-Kettenreaktion. Denn der Wikipedia-Artikel zum Thema gilt als erster Wikipedia-Artikel überhaupt. Wie nerdig Wikipedia war, beweist, dass das Thema PCR das Thema des ersten deutschen Wikipedia-Artikels aller Zeiten war. Es beweist, wie Wikipedia damals auf die Zukunft gerichtet war.

PCR

Allerdings. Nur weil Wikipedistas das Wort kennen, wissen sie noch lange nicht, was es bedeutet. Es ist „was biologisches“, wäre meine Auskunft bis vor SARS2 gewesen. Aber ich kann nachschlagen.

CR

Was ist PCR? Der Teil, den ich als Banause zuerst verstehe: die Kettenreaktion oder Chain reaction. Es geht um einen chemischen Prozess, bei dem etwas hergestellt wird. Aus den Ausgangsprodukten wird wieder etwas hergestellt. Aus diesen wird im nächsten Schritt wieder etwas hergestellt. In jedem Schritt verdoppelt sich die Zahl. Das Verfahren läuft exponentiell ab. Wie bei jedem exponentiellen Wachstum können innerhalb kurzer Zeit enorme Mengen erzeugt werden.

Bei der der PCR wird DNA vervielfältigt. Die DNA wird in jedem Schritt verdoppelt. Bereits bei Schritt 5 hat man die 32-fache Menge des Ausgangsmaterials bei Schritt 10 de 1024-fache Menge und bei Schritt 15 entsteht etwa die 32.000-fache Menge des Ausgangsmaterials. Bei Schritt 16 die 64.000-fache Menge, bei Schritt 17 die 128.000-fache Menge.

Dies ist nötig bei Viren, die so klein sind, dass sie erst mit dem Elektronenmikroskop überhaupt gesehen sichtbar gemacht werden können.

Die Größe von Viren wird in Nanometer angegeben. Das ist dieselbe Einheit, die zur Messung der Wellenlänge von Licht benutzt wird. Dabei erreichen nur große Viren das Format einer kurzen Lichtwelle. SARS2 beispielsweise hat einen Durchmesser von 60 bis 140 Nanometer. Gerade noch sichtbares kurzwelliges ultraviolettes Licht hat eine Wellenlänge von etwa 400 Nanometer. Wir begeben uns in Gegenden der Physik in denen „Sichtbarkeit“ aus physikalischen Grünen schwierig wird.

Um die Existenz eines Virus nachzuweisen braucht es erhebliche Mengen des Virus. Er muss vielfach repliziert werden. Auf der Suche nach dem Coronavirus durchläuft der Virus etwa 35 Durchgänge der PCR-Verdoppelung. Was bedeutet: Aus einer Virus-RNA werden 35 Milliarden Kopien. Diese lassen sich mit diagnostischen Verfahren nachweisen. Ergänzend lässt sich Zählen wie viele Zyklen es bis zum Nachweis des Virus benötigt. Und daraus läßt sich rückschließen, wie viele Viren anfangs in der Probe waren.

P

Wie kommt die Polymerase zur Kettenreaktion?

DNA kommt in Doppelhelixstrukturen vor. Zwei identische DNA-Bänder kleben aneinander. Vor einer Zellteilung teilt sich dieses DNA, um jeder neuen Zelle einen identischen Satz DNA mitzugeben. Das zweite DNA-wird mit Hilfe der DNA-Polymerase aus den Informationen der ersten hergestellt, um wieder die Doppelstruktur zu haben.

Bei der PCR wird die im Original doppelsträngige DNA durch Erhitzen in zwei einzelne Stränge geteilt. Die künstliche hinzugefügte DNA-Polymerase erzeugt aus dem ersten DNA-Strang einen zweiten identischen Strang. Der neue Doppelstrang wird wieder durch Hitze geteilt. Und so weiter. Bis ausreichende Mengen an DNA zur Verfügung stehen.

Grafik zur Erläuterung der PCR. Die DNA wird aufgesplittet, mit Hilfe der Polymerase (und der Primer) verdoppelt und dann wieder aufgesplittet. Das ganze durch mehrere Durchgänge.
Schaubild der PCR aus der Wikipedia. Entstanden 2017. Von:
WiWiki Lizenz: Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international“

In der Realität ist der Prozess komplizierter. Was bereits damit beginnt, dass SARS2-Viren aus RNA bestehen, die PCR aber nur DNA kann. Die Viren müssen vor der PCR erst in Pseudo-DNA verwandelt werden. Aber das führt zu weit. Ehrlich gesagt verstehe ich es auch nicht mehr ansatzweise.

Der erste Artikel

Der Legende nach, die überall nachzulesen ist, war der Artikel zur PCR der allererste Artikel der deutschsprachigen Wikipedia. Wie immer, wenn es um etwas „erstes“ geht, wird der Anspruch bei genauerer Betrachtung schwierig.

Die Wikipedia stieg nicht wie Venus aus dem Wasser, sondern sie hatte Vorläufer. Die deutsche Wikipedia entstand aus der englischen Wikipedia. Die englische Wikipedia war als Skizzen- und Notizbuch für ein anderes Enzyklopädieprojekt, die Nupedia gedacht. Gerade in der Anfangszeit wechselten die Medien und die Software. Es begann mehrfach.

Die älteste Version

Wikipedia speichert alle Versionen aller Artikel. Der Kundige kann nachvollziehen, was im Jahr 2001 im Artikel zur PCR stand, was im Jahr 2010 und was im Jahr 2020. Alle diese Versionen sind datiert.

Einige Jahre nach ihrer Gründung fragten sich die Wikipedianer: Was war der allererste Artikel? Die Antwort schien einfach: der Artikel mit der ältesten auffindbaren Version. Es war der Artikel zur Polymerasekettenreaktion, geschrieben von Magnus Manske.

Anzeige der ersten auffindbaren Versionen des Wikipedia-PCR-Artikels. Man beachte, dass die ersten „Autoren“ (Angabe in der Spalte rechts vom Datum) alles technische Benutzer waren. Diese bearbeiteten offensichtlich einen bereits vorhandenen von einem Mensch geschriebenen Text.

Nun allerdings gab es ein Problem. Am Anfang war die Welt Chaos und so auch die Wikipedia. Aufgrund verschiedener Gründe waren die allerallerersten Versionen gelöscht worden. Die erste auffindbare Version in der Wikipedia 2010 – die erste Version zur Polymerase-Kettenreaktion – war nicht die erste geschriebene Version der Wikipedia 2001.

Wikipedia-Archäologie der Urgesteine Kurt Jansson und Jakob Voss brachten 2011 die erste geschriebene Version von 2001 zum Vorschein: Vergil. Geschrieben von James Allan Evans und auf deutsch übersetzt von Rainer Zenz.

Die deutsche Wikipedia kam nicht aus dem Nichts. Ihre ersten Artikel waren Übersetzungen englischer Wikipedia-Artikel, die als Entwürfe für englische Nupedia-Artikel entstanden waren. Wie Vergil so die PCR. Ist die Übersetzung eines Entwurfs für ein anderes Projekt ein „erster“ Artikel.

Sollte dieser Ruhm nicht dem Artikel zukommen, der auf Deutsch exklusiv für die deutsche Wikipedia entstand? Dann wäre es Dänemark, gefolgt von Kattegat und Nordsee – alle in kurzer Abfolge geschrieben vom Dänen Schweden Lars Aronsson.

Magnus Manske

Wer über PCR und Wikipedia redet, muss über Magnus Manske reden. Der einzige Wikipedianer, der seinen eigenen Gedenktag hat. Der 25. Januar ist der in Wikipedia gefeierte Magnus Manske Tag. „Tonight at dinner, every Wikipedian should say a toast to Magnus and his many inventions.

Manske ist derjenige, ohne den es Wikipedia in der heutigen Form nicht gäbe. Auch wenn seine Autorschaft des „ersten Artikels“ Zufall ist – der Zufall hat gut gewürfelt. Neben PCR stammten die ersten Artikel zu Charles Darwin von Manske oder zum Plasmid – ein Teil der Bakterien-DNA, der im Labor genutzt wird, um Gene zu vervielfältigen. 2008 meinte Manske im Interview, dass PCR vielleicht nicht einmal sein eigener erster Artikel in der Wikipedia war, sondern der Artikel „Zelle.“ Vielleicht aber auch die Mitochondrien.

Den Magnus-Manske-Day verdankt die Welt nicht dem Biochemiker Magnus Manske, sondern dem Programmierer Magnus Manske. Manske schrieb die erste Version der MediaWiki-Software, diejenige Software auf der Wikipedia bis heute läuft.

Manske führte neue Funktionen ein, die bis heute Standard der MediaWiki-Software sind. Manske führte Beobachtungslisten, Beitragslisten und die Existenz verschiedene Namensräume ein. Seine kontroverseste Erfindung war vielleicht die Erfindung der „Administratoren“ als Gruppe mit besonderen Rechten.

In den folgenden Jahrzehnten stammten aus Manskes Händen weitere Tools um Wikipedia, die Wikipedia-Galerie und die Wikipedia-Datenbank zu bearbeiten. Manskes Motivation, Mediawiki zu programmieren, wird vielen Wikipedistas bekannt vorkommen: Er wollte etwas lernen. In diesem Fall die Programmiersprache PHP, die er vorher noch nie genutzt hatte, und in der Mediawiki programmiert ist.

Manske stammt aus Köln, ist 45 Jahre alt und arbeitet seit 13 Jahren am Wellcome-Trust-Sanger-Institut in Cambridge. 2012 war ein Co-Autor eines Nature-Aufsatzes zur Sequenzierung der DNA von Malaria-Parasiten. 2013 war er „Head of Informatics in the Malaria Programme at the Sanger Institute“ Unter anderem war er beteiligt, die Lookseq-Software zu Programmieren, die es Forschern erlaubt DNA-Sequenzen zu visualisieren. Was inhaltlich meinem bescheidenen Verständnis nach nahe an der PCR ist.

Pantha rhei

Dieses Unfertige. Diese Mischung aus großen, komplexen Gedanken wie dem zur PCR und dem Unordentlichen des Neuanfangs wie die Löschung der Versionen, diese reizte mich und viele andere an der Wikipedia. Es begeisterte und begeistert mich. Und auch wenn Christian Drosten kein Student ist, diese Lernbegeisterung verströmt er mit jedem Satz. Diese Begeisterung, wie er kurz Wahrscheinlichkeiten durchrechnet – und in seinem Inneren davon auszugehen scheint, dass ihm alle begeistert Folgen können. Das ist der Geist der Wikipedia in ihren besten Momenten.

Titelbild

Gegenüberstellung eines RNA-Strangs und eines DNA-Doppelstrangs mit Darstellung der jeweiligen Nukleobasen (Link) von: Benutzer:Sponk, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Weiterlesen und -hören

Langes Podcast-Gespräch mit Magnus Manske im Wikistammtisch

Manskes Blog

Rückblick von Jakob Voss auf die ersten 10 Jahre Wikipedia von dort aus gefunden die ersten 10.000 Edits der englischen Wikipedia – verloren geglaubt und 2010 wiedergefunden

Auch aus dem Jahr 2011 Kurt Jansson „Der kurze Sommer der Anarchie“ – ein Rückblick, der aus heutiger Perspektive selber schon sehr historisch und nostalgisch wirkt.

Auch bei der Recherche gefunden. Ein 300-Seiten-Epos in Form einer linguistischen Doktorarbeit zum Schreiben in der Wikipedia. Beim ersten Überfliegen aus Sicht eines Wikipedianers: Die Autorin hat Ahnung. Und niemand las ich bisher, der so toll und anspruchsvoll ausformulieren könnte, wie wir in der Wikipedia so herumlavieren. Nach der Lektüre des Textes hat man beim piefigsten Editwar die Überzeugung an bedeutsamen Prozessen teilzunehmen.

Die deutsche Wikipedia, Stand August 2001