Es werde Licht im Daten-Dunkel

07:55, Thursday, 22 2022 September UTC

Mit Blick auf obiges Bild taucht vielleicht die Frage auf: Was sehe ich hier eigentlich? Eine Abbildung von Lichtverschmutzung? Eine Datenvisualisierung der Suchanfragen zu der neuen “Der Herr der Ringe”-Serie? Auf den zweiten Blick kommt vielleicht eine weitere Frage in den Sinn: Was sehe ich hier eigentlich nicht? Nach einiger Spekulation wird  womöglich ein Schluss gezogen. Der Blick auf die Welt: wohl eingeschränkt. Das Bild der Welt: kaum ausgeleuchtet.

Es handelt sich übrigens weder um die Darstellung von Lichtverschmutzung, noch um die Search Queries zu dem neuesten Streaminghit. Das Bild zeigt auf, wie wenige Frauen in Wikipedia und Wikidata vertreten sind. Salopp gesagt, findet sich jeder Eintrag über eine Frau als kleiner grüner Punkt auf dem Bild repräsentiert. Oder aber genauer: jeder Datensatz in Wikidata, der die Eigenschaft “female” (“weiblich”) hat, wird anhand seiner als Koordinaten hinterlegten Eigenschaft “Place of Birth” (“Geburtsort”) auf der Karte verortet. Es ist also viel weniger ein Abbild als ein Zerrbild unserer Welt. Denn wir wissen intuitiv: So sieht unsere Gesellschaft nicht aus. Wie jedoch entsteht diese Diskrepanz? Wie kann dieser entgegengesteuert werden? Welche anderen Personen, Dinge und Geschichten liegen noch im Dunkeln? Wie können diese nicht nur angeleuchtet werden, sondern von sich aus strahlen? Und allen voran: Warum sind diese Fragen so wichtig?

Offene Daten, wie Wikidata sie bereitstellt, stehen nicht für sich allein sondern bilden oftmals Grundlage und Trainingskorpus von Algorithmen und Machine-Learning-Systemen. Diese wiederum formen das gesellschaftliche Zusammenleben auf unterschiedliche Weise. Eine Vielzahl kommerzieller Machine-Learning-Systeme greifen auf Wikidata zu und verwenden die vorhandenen, offenen Daten. Das bedeutet, dass sowohl Fehler als auch schlichtweg fehlendes Wissen dadurch reproduziert werden. Leerstellen wachsen, gebaute (Wissens-)Strukturen verfestigen sich. Die digitale Welt bildet nicht nur die vermeintlich reale Welt ab, sondern wirkt dahin zurück. Finden Teile der Welt keinen Einzug in die digitale Repräsentation, nehmen wir als Menschengemeinschaft uns selbst Potenzial: Potenzial für Wachstum, Innovation, Problemlösung für globale Herausforderungen wie etwa die Klimakrise aber auch für Weiterentwicklung, Interkulturelle Kommunikation und Poesie.

Unsere Arbeit, so digital sie auch sein mag, hat Auswirkungen in der realen Welt, auf reale Menschen.

Franziska Heine, geschäftsführende Vorständin von Wikimedia Deutschland

Das betrifft nicht nur die zuvor angesprochene Problematik der Geschlechterrepräsentation in Wikidata und Wikipedia. Auch nicht-westliches Wissen ist stark unterrepräsentiert. Beispielsweise sind mehr als 95% der Menschen, über die in Wikidata und Wikipedia geschrieben wird, im globalen Norden geboren. Auch hier wird eine wertvolle, vielfältige Wissensressource nicht ausgeschöpft. Dem entgegenzusteuern ist nicht Kür, sondern Pflicht.

Offene Daten für eine offene Welt. Gerechte Daten für eine gerechte Welt.

Technologie, wie Wikimedia sie versteht, ist niemals nur Werkzeug, sondern auch Möglichkeitsraum. Dieser bietet die Chance, die herrschende Definition von Wissen zu reflektieren und neu zu denken.

Das Bewusstsein über Wissens(un)gerechtigkeit bildet den Startpunkt. Die Anerkennung, dass auch von Wikimedia produzierte Software überwiegend auf westlichen Traditionen der Wissensgenerierung und -vermittlung baut, bildet den ersten Schritt. Die Herausforderungen auf dem Weg sind vielfältig. Wie kann Wissen abgebildet werden, das nicht der westlichen Auffassung von Wissensvermittlung entspricht? Wie können Geschichten dargestellt werden, die nicht durch Bücher, sondern beispielsweise durch mündliche Erzählungen überliefert wurden? Wie kann ein zuverlässiges Zitationssystem dazu aussehen?

Die Verlagerung von Gestaltungs- und Entscheidungsmacht zu Gemeinschaften, die derzeit kaum Repräsentation in Wikipedia und Wikidata finden, ist dafür zentral. Das schafft die Möglichkeit der Entwicklung von Softwarearchitektur und Tools, die diesen Anforderungen  gewachsen sind. Um das zu erreichen, unterstützt Wikimedia aktiv Gruppen, die sich diesen Problemstellungen annehmen und deren Ziel es ist, unterrepräsentiertes Wissen in Wikipedia und Wikidata sichtbar zu machen.

Das Unrecht mit Daten visualisieren.

Beispiele, die das Potenzial aufzeigen, gibt es bereits. Das Projekt Enslaved: Peoples of the Historical Slave Trade baut auf Wikibase, der Softwarearchitektur hinter Wikidata. Hier bildet Wikibase die technische Grundlage, verschiedene relevante Datenbanken miteinander zu verbinden. Wissenschaftler*innen können so zusammen Daten über versklavte Menschen sammeln. Die derzeit 5 Millionen Datensätze zeichnen ein detailliertes Bild von dem Leben versklavter Menschen und lassen diejenigen sprechen, die viel zu lange nicht gehört wurden.

Auch über Wikimedia-Projekte hinaus finden sich Projekte, die vermeintlich “herkömmliche” Annahmen über Wissensstruktur und -vermittlung herausfordern. Mapeo beispielsweise lässt indigene Völker ihre angestammten Territorien auf einfache Art und Weise geografisch kartieren. Die App wurde zusammen mit indigenen Gemeinschaften entwickelt, die sich Gefahren wie Landraub, Wilderei, Ölverschmutzung und Ähnlichem ausgesetzt sehen. Wie machtvoll digitale Werkzeuge wie Mapeo sein können, zeigt sich am Beispiel der Waorani in Ecuador. Sie sahen sich aufgrund von geplanten Ölbohrungen mit einem potenziellen Verlust von einer halben Million Hektar ihrer Heimat, dem Amazonas-Regenwald, konfrontiert. Mit Hilfe von Mapeo gelang es den Waorani jedoch, darzustellen, dass es sich bei dem Gebiet um einen kulturellen Schatz reich an Stammeswissen und -geschichte handelte. Die drohende Gefahr konnte abgewendet werden.

Beide Projekte veranschaulichen die Vielfalt in Inhalt und Form von Wissen, das der Weltgemeinschaft potenziell entgeht. Es handelt sich nicht nur um eine reine Repräsentation der Vollständigkeit zuliebe, sondern um Wissen, das unsere Welt formt und unsere Umwelt direkt beeinflusst. Sie legen auch die Herausforderungen dar, die sich die derzeit herrschende Vorstellung von Wissensstruktur und -vermittlung stellen müssen. Diesen Herausforderungen mit Neugier und Lust am Gestalten zu begegnen, ist zentral, um unser Weltwissen von Voreingenommenheit zu befreien.


Dieser Blogbeitrag baut auf die Keynote “How biased is our knowledge of the world and why?” von Franziska Heine, geschäftsführende Vorständin bei Wikimedia Deutschland. Die Keynote fand am 31. August 2022  im Zuge der “Data Natives” Konferenz in Berlin statt.

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Aber was ist eigentlich ein Kleindenkmal? Helfen kann beispielsweise der umfangreiche Wikipedia-Eintrag zum Thema. Dieser offenbart die Vielfältigkeit der Kulturschätze, die sich hinter diesem Begriff verbergen. So gilt ein Hohlweg, also eine unbefestigte Straße, die sich durch die wirtschaftliche Nutzung über Jahrhunderte hinweg regelrecht in das umgebende Gelände hineingeschnitten hat, als Kleindenkmal. Ebenso wie ein hunderte Jahre alter Ruhstein, der Lastenträgern einst zur Rast diente.

“Ich freue mich in diesem Jahr besonders auf die hoffentlich zahlreichen Einreichungen zu Bauten und Skulpturen unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle. Die oft unscheinbaren Kleindenkmäler am Wegesrand. Brücken, die uns den Weg über Flüsse und Täler bereiten. Oder die denkmalgeschützte Industrieruine als Zeugin vergangener Lebens- und Arbeitswelten. Sie alle stehen als Fotografien gleichberechtigt Seite an Seite mit den prunkvollen Schlössern und Kirchen als Teile eines mittlerweile fast 90 Millionen Mediendateien umfassenden digitalen Archivs, auf das jede*r zugreifen kann.”

— Alice Wiegand
Vorsitzende des Präsidiums von Wikimedia Deutschland e.V.
Zu den Grußworten

Unscheinbare Geschichtszeugen

Während uns die großen Kultur- und Baudenkmäler meist Aufschluss über künstlerische Wegbereiter*innen und maßgebliche, gesellschaftspolitische Bewegungen bieten, erzählen ihre kleinen Brüder und Schwestern Erstaunliches aus dem Alltag der Menschen, die sie erbauten und nutzten. Klaubsteinmauern verweisen auf territoriale Besitztümer von einst und deren Bewirtschaftung. Historische Hochwassermarken sind stumme Zeugen von Naturkatastrophen mit teils verheerenden Folgen. Sühnesteine erinnern an Schauplätze Jahrhunderte alter Morde und Gewalttaten. Sogar Wolfsgruben gelten als Kleindenkmal. Selbst dann, wenn kein vermeintlicher Werwolf jemals darin gefangen wurde.

Der Sonderpreis 2022 für Kleindenkmäler

Noch bis zum 30. September freuen sich alle Ehrenamtlichen der Wikimedia Commons und die fachkundige Jury über große Fotokunst zu kleinen Denkmälern. Alle Informationen zur Teilnahme und den ausgelobten Preisen finden sich auf der Projektseite zu Wiki Loves Monuments 2022. Und selbstverständlich dürfen auch weiterhin Bilder von großen Kulturschätzen beim Fotografiewettbewerb eingereicht werden. Allen Teilnehmer*innen wünschen wir viel Glück!

Das sind die schönsten Aufnahmen aus den Vorjahren

Hier eine Übersicht der deutschen und internationalen Gewinnerbilder der Vorjahres-Wettbewerbe. 

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Wie können wir weitere wichtige Perspektiven in das Präsidium von Wikimedia Deutschland einbringen? Diese Frage haben wir uns nach der Wahl auf der 27. Mitgliederversammlung gestellt. Eine Möglichkeit ist die Kooptation, also die Ernennung von bis zu zwei weiteren Präsidiumsmitgliedern. Ich freue mich sehr, dass wir mit Larissa Borck und Raimond Spekking zwei Menschen mit viel Erfahrung und Leidenschaft für Freies Wissen für die Arbeit im ehrenamtlichen Aufsichtsgremium begeistern konnten:

Larissa Borck: Wichtige Perspektiven aus der Arbeit für Kulturinstitutionen mit offenen strukturierten Daten

Mit Larissa Borck haben wir eine starke Stimme für die digitale Erschließung von Museen und anderen Kultureinrichtungen gewinnen können. Im Zentrum ihrer Arbeit als Kulturanthropologin stehen dabei Berührungspunkte von Menschen, Daten und Dateninfrastruktur. Derzeit ist Larissa als Kuratorin für digitale Entwicklung für das Sörmlands museum in Nyköping, Schweden, tätig. In dieser Rolle ist sie u. a. für Digitalisierungsprojekte, die qualitative Verbesserung der digitalen Sammlungen und Museumsprojekte zu Wikipedia und Wikimedia Commons verantwortlich.

Zuvor war sie strategisch am Aufbau des SPK Lab beteiligt, das Fragen der Nutzbarmachung von digitalen Datensätzen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zusammen mit externen Communitys untersucht. Als Mitglied des Members Council des Netzwerkes der Europeana vertritt sie zudem international Fragen und Problemstellungen im Bereich Open Data im europäischen Kulturerbe-Sektor. Larissa verfügt aus der Praxis über viel Erfahrung zu strukturierten offenen Daten und deren Anwendung im Kulturbereich. Im Präsidium wird sie die wichtige Perspektive von Kulturinstitutionen auf die Entwicklung der Wikimedia-Plattformen, insbesondere Wikidata und Wikibase, einbringen.

Raimond Spekking: Jahrelange Erfahrung in den Wikimedia-Projekten

Raimond Spekking ist seit bald 20 Jahren aktiver Wikipedianer. Er ist neben seiner Artikelarbeit unter anderem auch als Mitarbeiter im Support-Team tätig und entwickelt die MediaWiki-Software als Developer weiter. Sein Interesse für Fotografie schlägt sich in den unzähligen Bildern nieder, die er in der Wikipedia und bei Wikimedia Commons beigesteuert hat: Von Matthias Schweighöfer über Netzgiraffen bis hin zu den kleinsten Elementen von Elektrik und Elektronik entgeht nichts seiner Linse.

Neben seiner ehrenamtlichen Tätigkeit in den Wikimedia-Projekten nutzt Raimond seine Expertise, um in einem kommunalen Rechenzentrum und IT-Dienstleister in Frechen den Bereich Open Data/eGovernment zu stärken sowie Organisationen oder Unternehmen im Aufbau ihrer eigenen Wissensdatenbank auf Basis von MediaWiki zu beraten und durch Schulungen zu unterstützen. Darüber hinaus trägt Raimond ehrenamtlich zu Wikidata bei und unterstützt u. a. Kulturinstitutionen dabei, Bestände zu digitalisieren und unter freie Lizenzen zu stellen. Als langjähriges Community-Mitglied wird er die Perspektive aktiver Wikipedianer*innen bei den Diskussionen und Entscheidungen des Gremiums stärken und gleichzeitig seine Expertise an der Schnittstelle zwischen Content-Erstellung und Technologie einbringen.

Wir heißen Larissa und Raimond sehr herzlich im Präsidium willkommen und freuen uns auf die Zusammenarbeit!

Alice Wiegand
Vorsitzende des Präsidiums
Wikimedia Deutschland e. V.

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Bezahltes Wikipedia-Schreiben in der Belletristik

20:02, Monday, 12 2022 September UTC

Bezahltes Schreiben im PR-Auftrag in der Wikipedia, ist ein Thema, das mich und die Wikipedia-Community seit einigen Jahren umtreibt. Das Thema wabert seit etwa 2010 durch die Wikipedia, mal intensiver und mal weniger intensiv diskutiert; mal mit Skandal und mal ohne. Aber wenn man sich, ganz ohne Insiderkenntnisse, einfach mal durch Wikipedia-Artikel lebender Personen clickt (sei es in der deutschen Ausgabe oder der englischen): normalerweise riecht man die gekauften und geschönten Artikel 500 Kilobyte gegen den Wind. Die peinlichen PR-Artikel: weil auch die siebte Teilnahme am Rettet-die-Bergdackel-Benefiz-Gala-Dinner getreulich unter dem Punkt „gesellschaftliches Engagement“ gelistet wird. Die weniger peinlichen PR-Artikel: weil sie so nichtssagend sind.

Wie lange das Problem existiert und wie sehr es schon vor vielen Jahren auffiel, wurde mir letztens beim lesen gewahr. Es war ein Fantasy-Crime Roman – komplett fiktiv, mit vagen Bezugspunkten zu unserer Welt. Und selbst dort kommt Wikipedia-PR-Schreiben vor. Es geht um „Moon over Soho“ von Ben Aaronovitch. Erstmal erschienen 2012 bringt es der Roman auf den Punkt:

Auf deutsch etwa:

„Die Reichen, vorausgesetzt sie vermeiden Prominenz, können etwas Unternehmen um ihre Anonymität zu bewahren. Lady Tys Wikipedia-Artikel las sich als wäre sie von einem PR-Schreiber verfasst worden, denn zweifellos hatte Lady Ty einen PR-Schreiber beschäftigt, um sicherzustellen, dass die Seite ihren Vorstellungen entsprach. Oder wahrscheinlicher: Einer ihrer „Leute“ hatte eine PR-Agentur beauftragt, die einen Freelancer beschäftigt hatte, der das in einer halben Stunde runtergeschrieben hatte, damit er sich schneller wieder auf den Roman konzentrieren konnte, den er grade schrieb. Der Artikel gab preis, dass Lady Ty verheiratet war, zu nicht weniger als einem Bauingenieur, dass sie zwei schöne Kinder hatten von denen der Junge 18 Jahre alt war. Alt genug um Auto zu fahren aber jung genug um noch zu Hause zu wohnen.“

Diese Beschreibung trifft auch zehn Jahre später auf einen Großteil aller PR-Artikel zu. Schnell und lieblos, aber professionell gemacht. Oft genug mit Versatzstücken aus anderen Werbematerialien; zu unauffällig, um jemand ernstlich zu stören. Aber auch zu nichtssagend, um der Leser*in auch nur den geringsten Mehrwert zu bieten.

Damit hat ein Roman-Autor, der selber kein aktives Mitglied der Wikipedia-Community ist, die PR-Problematik schon im Jahr 2012 richtiger eingeschätzt als ein relevanter Teil der diskutierenden Community im Jahr 2022.

(Und Randbemerkung: die Community rächte sich, indem sie Aaronovitchs Autoren-Artikel mit einem unvorteilhaften Autorenfoto versah – no PR-flack weit und breit war hier unterwegs.)

Von einer anderen Form des beeinflussten Schreibens erfuhr ich heute beim Mittagsessen. In immer mehr autoritären Regimes scheint es vorzukommen, dass einzelne Wikipedia-Autor*innen, die in dem jeweiligen Land leben, einen Anruf oder einen Besuch bekommen. Mit dem freundlichen Tipp, doch den ein oder anderen Artikel zu „verbessern“ sonst.. Das ist natürlich noch raffinierter: Einfach einen etablierten Nutzer und dessen Vertrauensvorschuss nehmen und in dieser Tarnung PR-Edits durchführen.

Rundfunkinhalte im Unterricht – ist das erlaubt?

07:25, Thursday, 01 2022 September UTC

Ob Bilder, Filme, auch kürzere Videoclips, Audioinhalte wie Musik oder Podcasts – urheberrechtlich geschützte Werke dürfen in der Öffentlichkeit nicht einfach so wiedergegeben werden. Jedenfalls nicht ohne die ausdrückliche Genehmigung derjenigen, die das fragliche Werk erstellt haben. Aber ist die Wiedergabe etwa eines Videos im Klassenverband überhaupt öffentlich? Und selbst wenn eine Wiedergabe im Unterricht erlaubt ist: In welchem Maße dürfen eigentlich Veränderungen an einem Werk vorgenommen werden, etwa um es an die Bedürfnisse einer Unterrichtseinheit anzupassen?

Ein Gutachten gibt Aufschluss

Viele Lehrkräfte dürften angesichts solcher Fragestellungen Unsicherheit verspüren. Wer im Internet nach Aufklärung sucht, stößt schnell auf widersprüchliche Aussagen. Deshalb hat Wikimedia Deutschland ein Gutachten erstellen lassen. Dr. Gerald Spindler ist Professor am Institut für Wirtschafts- und Medienrecht der Georg-August-Universität Göttingen. Er hat die relevanten Gesetzestexte und die bisherige Rechtsprechung untersucht und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis:

„Die Wiedergabe von Werken in einem geschlossenen Klassenverband ebenso wie in einem Kursverband in einer Schule stellt keine öffentliche Wiedergabe nach § 15 II, III UrhG bzw. Art. 3 I InfoSoc-Richtlinie dar. Dies gilt ebenso für Seminare an einer Hochschule, unabhängig davon, ob sie in Präsenz abgehalten werden oder über digitale Lehrformate mit Zugangsbeschränkung.“

Prof. Dr. Gerald Spindler, Gutachten im Auftrag von Wikimedia Deutschland, S. 13.

Lehrkräfte dürfen demnach urheberrechtlich geschützte Werke im Schulunterricht zeigen, solange ein geschlossener Klassenverband oder Kurs vorliegt, denn der ist rechtlich gesehen nicht öffentlich. Eine reine Vorführung für die Klasse, etwa durch direktes Abspielen aus Mediatheken ohne Speicherung auf Endgeräten, ist demnach keine „öffentliche Wiedergabe” im urheberrechtlichen Sinne. Deshalb muss hier weder eine individuelle Erlaubnis eingeholt werden noch greifen die Quotenerlaubnisse des Urheberrechtsgesetzes für Nutzung im Unterricht. Auch digitale Lehrveranstaltungen sind nicht öffentlich in diesem Sinne, solange eine digitale Zugangsbeschränkung wie etwa Passwortschutz besteht und die Teilnehmendenzahl mit der geschlossener Präsenzformate vergleichbar ist.

Wiedergabe ja, Speichern und Verändern nein

Gute Nachrichten also für Lehrkräfte. Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn Lehrkräfte ein urheberrechtliches Werk speichern oder verändern wollen. Denn alles, was über das reine Vorführen hinausgeht, ist und bleibt als urheberrechtliche Nutzungshandlung klärungsbedürftig. Der wohl wichtigste Vorgang, den es zu vermeiden gilt, dürfte in der Praxis die Speicherung sein. Wer speichert, vervielfältigt das betreffende Werk, und Vervielfältigung ist stets erlaubnispflichtig.

Wollen Lehrkräfte beispielsweise eine Videodatei herunterladen, weil das WLAN im Klassenzimmer zu langsam für das direkte Abspielen aus der Mediathek ist, braucht es die Erlaubnis der jeweiligen Urheber*innen oder muss von den oben genannten Quotenregelungen gedeckt sein, siehe § 60a UrhG. Die Verwendung von Werken in Arbeitsblättern ist sogar nicht nur eine Vervielfältigung, sondern auch noch eine Bearbeitung und betrifft somit gleich zwei Urheberrechte.

Dabei könnte gerade die Möglichkeit, Inhalte zu verändern, sie an die Bedürfnisse der Schüler*innen anzupassen und sie in Arbeitsmaterialien einzuarbeiten, den Schulunterricht weitaus mehr bereichern als ihre bloße Wiedergabe. Das sieht auch Prof. Dr. Lin-Klitzing, Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, so:

„Um in der Oberstufe als Zeitzeuge die zeitbedingte Wahrnehmung eines bestimmten Themas, z. B. über Atomkraft in den verschiedenen Jahrzehnten, deutlich machen zu können, muss ich für die unterrichtliche Darstellung aus verschiedenen Dokumentationen auswählen und sie zusammenschneiden können. Hierfür brauchen wir die Möglichkeit der Weiterbearbeitung und Veränderung. Dann werden die medialen Inhalte unter zeitlichen und inhaltlichen Gesichtspunkten ‚unterrichtskompatibel‘.“

Öffentliches Geld – Öffentliches Gut!

Eine Lösung liegt auf der Hand: Freie Lizenzen ermöglichen es allen Nutzer*innen, die so gekennzeichneten Inhalte zu speichern, zu teilen und zu bearbeiten. Am bekanntesten und besonders empfehlenswert sind die Creative-Commons-Lizenzen CC BY und CC BY-SA. Natürlich kommen diese Lizenzen für viele Unternehmen nicht in Frage, die mit dem Verkauf oder Verleih von Inhalten ihr Geld verdienen. Wenn Inhalte jedoch maßgeblich mit öffentlichem Geld finanziert werden, muss die Öffentlichkeit auch entsprechend davon profitieren.

Wikimedia Deutschland setzt sich seit Jahren dafür ein, dass Wissens- und Bildungsinhalte der öffentlich-rechtlichen Sender mehr und mehr unter freie Lizenz gestellt werden. ARD, ZDF und Co. dürfen bzw. sollen einen kleinen Teil ihres Programms zwar mit Werbung finanzieren, den weitaus größten Anteil bezahlen aber wir alle mit unserem Rundfunkbeitrag. Wo immer die Finanzierungsstruktur es zulässt, sollten Inhalte deshalb unter freien Creative-Commons-Lizenzen veröffentlicht werden.

So können zum Beispiel Erklärvideos der ZDF-Reihe Terra X in die Wikipedia eingebunden werden. Und auch Lehrkräfte dürfen die zahlreichen Bildungs- und Wissensinhalte der Öffentlich-Rechtlichen dann nicht nur im Unterricht zeigen, sondern auch rechtssicher bearbeiten, auf die Bedürfnisse der Schüler*innen zuschneiden und in ihre Lernmaterialien integrieren.

Das ganze Gutachten zum Gebrauch von urheberrechtsgeschützten Werken im Unterricht und in der Lehre gibt es hier zum Download:

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Die Expertisen der Diskussionsteilnehmer*innen waren vielfältig. Aus queerer, feministischer oder dekolonialer Perspektive, aus der Sicht von Menschen mit Behinderungen oder mit indigenem Hintergrund haben sie aufgezeigt: Daten und Technologien, die eigentlich der staatlichen Fürsorge dienen oder zur Herstellung von Sicherheit und Ordnung beitragen sollen, können ebenso zur Marginalisierung gesellschaftlicher Gruppen beitragen.

Was hat das alles mit Wikimedia zu tun?

Im strategischen Zentrum unserer Arbeit bis zum Jahr 2030 steht das Ziel, zu mehr Wissensgerechtigkeit beizutragen. Die Wiki-Projekte tun das bereits an vielen Stellen. Denn sie ermöglichen immer mehr Menschen den Zugang zu freiem Wissen – und theoretisch auch die Möglichkeit, zu mehr freiem Wissen beizutragen. Und doch gibt es noch einige Baustellen. Denn zu Gerechtigkeit gehört auch, dass möglichst alle gesellschaftlichen Gruppen an der Produktion von Wissen teilhaben können. Es geht also auch darum, die Perspektiven von bisher marginalisierten Gruppen in den Wiki-Projekten sichtbar zu machen, indem Barrieren abgebaut und neue Zugänge geschaffen werden.

Daher fördert Wikimedia Deutschland ab Ende 2022 Menschen, die sich für das Spannungsfeld zwischen freiem und marginaisiertem Wissen interessieren. Wir werden Ideen und Projekte unterstützen, die dazu beitragen, dass bisher unterrepräsentierte Perspektiven Eingang in Wiki-Projekte finden. Wichtig ist, dass die Ergebnisse der Projekte unter einer freien Lizenz veröffentlicht werden und so der Allgemeinheit als Freies Wissen zugänglich sind. Das kann zum Beispiel in Form von Essays, Blogbeiträgen, Interviews, Videoproduktionen oder Podcasts geschehen.

Denn in Archiven und Wissensspeichern gibt es zahlreiche blinde Flecken und Leerstellen – das gilt auch für die Wikipedia. Diese Leerstellen entstehen aufgrund der Logiken, nach denen in Gesellschaften Wissen als relevant und irrelevant eingestuft wird. Sie ergeben sich daraus, dass Archive nur bestimmte Medien und Kulturtechniken für ihre Speicher nutzen. Und sie entstehen – und das gar nicht unbedingt absichtlich oder bewusst – durch die Dominanz bestimmter sozialer Gruppen bei der Wissensproduktion und die Abwesenheit von Minderheitenperspektiven. Das Festival Future of Code Politics trägt dazu bei, für diese Leerstellen zu sensibilisieren – und für die Mechanismen, die ihnen zugrunde liegen.

Die Macht der Daten, Karten und der Schrift

Ein Beispiel für marginalisiertes Wissen und eins für marginalisierende Wissensproduktion haben die Archivarin und Oromo-Aktivistin Ayantu Tibeso und der Wissenschaftler und Künstler Romi Morrisson im Panel “Blackness, African Indigeneity and Computation” skizziert.

Ihre These: Staatliche Akteure definieren, was relevante Daten sind und politische Akteure machen diese zur Grundlage ihrer Entscheidungen. So weit, so einfach. Wie mächtig dieses Monopol in der Wissensgewinnung und -nutzung ist, demonstrierte Romi Morrison am Beispiel des sogenannten Redlinings:

Über Jahrzehnte entschieden amerikanische Banken anhand von roten Linien, die die Federal Housing Administration auf den Karten amerikanischer Großstädte zog, wer eine Hypothek oder einen Kredit für den Hauskauf bekam und wer nicht. Die Grundlage für diese Linien waren Zensusdaten zur Bevölkerungsstruktur, Einkommen, dem Bildungsgrad, der Kriminalitätsrate und so weiter. Das Problem: Die vermeintlich neutralen Zensusdaten gaben keine Auskunft darüber, warum in einigen Stadtteilen die Armuts- oder Kriminalitätsrate hoch und der Bildungsgrad niedrig war. Sie zementierten diesen Zustand aber, weil sie Grundlage für eine Politik waren, die ökonomische und soziale Mobilität erschwerte. Die Folge dieser Wohnungspolitik, die im Rahmen von Franklin D. Roosevelts New Deal in den 1930er Jahren aufgelegt wurde, war: Weiße Amerikaner*innen konnten Immobilienbesitz finanzieren. Für schwarze Amerikaner*innen hingegen wurde es unmöglich, Hypotheken aufzunehmen oder Kredite zu erhalten.

Eine Karte der Home Owners’ Loan Corporation (HOLC) für die Stadt Philadelphia von 1936. Sie klassifiziert verschiedene Stadtbezirke nach den Risiken für Hypothekenkredite. (Public Domain)
Eine Karte der Home Owners’ Loan Corporation (HOLC) für die Stadt Philadelphia von 1936. Sie klassifiziert verschiedene Stadtbezirke nach den Risiken für Hypothekenkredite. (Public Domain)

Ayanto Tebesu beschrieb darüber hinaus am Beispiel der Oromo, einer Bevölkerungsgruppe in Äthiopien, wie groß der Einfluss ist, den schriftliche und materielle archivalische Praktiken darauf haben, was als Wissen wahrgenommen wird. Die Oromo geben Wissen vorwiegend in oraler Tradition weiter. Ihre Lebensrealität und Geschichte findet somit kaum Eingang in Archive, die gemeinhin Schriftgut oder Bilder speichern. Verstärkt wird dieser Effekt dadurch, dass Archive in der Regel staatliche Institutionen sind. Im äthiopischen Staat bilden die Oromo zwar die zahlenmäßige Mehrheit. Die Tigray allerdings besetzen die Schlüsselstellen in Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Ihre Perspektive auf die Oromo als Gefahr oder Problem prägt daher entscheidend die Art, wie Oromo in offiziellen Wissensspeichern repräsentiert sind.

Wer dieses Panel und die weiteren acht Diskussionen nicht live verfolgen konnte, kann die Aufzeichnungen hier anschauen:

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Ein Mehr an Offenheit

13:56, Wednesday, 17 2022 August UTC

Das höchste Gebäude Leipzigs wird im Volksmund „Uniriese“ oder auch „Weisheitszahn“ genannt, wenngleich das 142 Meter hohe City-Hochhaus eigentlich ein aufgeschlagenes Buch darstellen soll. Die Großmarkthalle wiederum – ein imposanter Komplex aus Kuppelhallen, die in den 1920er Jahren erbaut wurden – trägt den Spitznamen „Kohlrabizirkus“, weil dort früher Handel mit Gemüse getrieben wurde. Überhaupt hatte und hat die Stadt eine Reihe von Bauwerken zu bieten, die zu ihrer jeweiligen Entstehungszeit kühne Projekte waren – vom unterirdisch gelegenen, mit kubanischem Marmor ausgestatteten Bowlingcenter, in dem perspektivisch das Naturkundemuseum einziehen soll, bis zum „Blauen Wunder“, dieser 1973 in nur drei Monaten errichteten Fußgängerbrücke, die 2004 schließlich abgerissen wurde. 

Nicht nur aus deren Bauphase und Bestandszeit existiert im Leipziger Stadtarchiv eine Reihe von historisch wertvollen Aufnahmen. „Allein zum Neuen Rathaus besitzen wir beispielsweise weit über 1000 Bilder von der Erbauung bis heute“, so Nora Blumberg, Mitarbeiterin Öffentlichkeitsarbeit und Digitales Stadtgedächtnis am Leipziger Stadtarchiv. 

Ein wichtiger Schritt hin zum „offenen Archiv“ ist für die Institution vor allem ihr Online-Rechercheportal, auf dem zahlreiche Digitalisate zur Verfügung stehen – und es werden immer mehr. Die digitalisierten Akten, Karten und Pläne sowie Urkunden und Geschäftsbücher können bereits jetzt von allen Interessierten dauerhaft genutzt werden. Perspektivisch sollen auch Fotografien und Ansichtskarten online abrufbar sein.

Insgesamt 51 ihrer Digitalisate hat die Gedächtnis-Institution anlässlich des Digitaltags 2022 nun den Wikimedia-Projekten zur Verfügung gestellt – zur Verwendung am 24. Juni selbst, und auch darüber hinaus. Der Digitaltag, der vom Bündniszusammenschluss „Digital für alle!“ initiiert wurde und mit deutschlandweiten Aktionen die digitale Teilhabe fördern soll, war in diesem Jahr der Anlass für eine Kooperation zwischen dem Stadtarchiv Leipzig und Wikimedia Deutschland e.V., die beide Seiten als bereichernd erlebt haben – und die gezeigt hat, welchen Gewinn es bedeutet, wenn Archive sich öffnen.

Wenn Herzblut in Projekte fließt

„Für uns war es spannend, die ganze Bandbreite des ehrenamtlichen Engagements zu erleben – und zu sehen, wie viel Herzblut in die einzelnen Wikimedia-Projekte fließt“, sagt Blumberg. 

Über „hervorragend aufbereitetes Material mit klarer Ordnerstruktur“, das seitens des Stadtarchivs angeboten wurde, hat sich wiederum Matti Blume gefreut, der seit 2008 als Ehrenamtlicher bei Wikimedia Commons engagiert ist, der Mediensammlung für gemeinfreie und frei lizenzierte Fotos, Grafiken, Audio- und Videodateien. Blume hat am Digitaltag in einer Live-Demo vorgeführt, wie Bilddateien bei Commons hochgeladen und die dazugehörigen Metadaten im manuellen Upload eingepflegt werden – „Wer hat das Foto gemacht, wie ist es datiert, was ist darauf zu sehen, ist es schwarzweiß, in Farbe aufgenommen oder nachkoloriert – all diese Informationen haben wir vom Stadtarchiv in Excel-Dateien zur Verfügung gestellt bekommen“. Best-practice-Voraussetzungen, um mehr Menschen dafür zu gewinnen, zu Commons beizutragen.

Eine große Auswahl von Bildern unter freier Lizenz ist auch für die Arbeit von Ziko van Dijk von Bedeutung. Der Historiker ist Mitinitiator des Klexikons, auch bekannt als „Wikipedia für Kinder“ – ein Projekt, das seit 2014 besteht und von Wikimedia Deutschland gefördert wird. Rund 3300 für junge Menschen verständlich aufbereitete Artikel sind hier zu finden, das Themenspektrum reicht von der Französischen Revolution bis zu „Star Trek“. Nicht auf Quantität setzt das Klexikon, sondern auf Relevanz. Wichtig ist auch die kindgerechte Bebilderung der Texte – wobei er und seine Mitstreitenden stets auf der Suche nach der größtmöglichen Vielfalt sind. Nach Motiven, die nicht Stereotype bedienen. „Im Grunde sind wir mit ähnlichen Fragen konfrontiert wie Archivare“, findet van Dijk. „Wie können wir Inhalte so aufbereiten, dass sie den Zielgruppen am besten dienen?“

Wissen verbreiten

Einen Weg der Aufbereitung von Wissen hat noch ein weiteres Wikimedia-Projekt gefunden, das anlässlich des Digitaltags präsentiert wurde: Wikisource – eine Sammlung von Quellen unter freier Lizenz. Die teils Jahrhunderte alten, noch in Fraktur geschriebenen Dokumente werden eingescannt und mit speziellen Programmen in Antiqua-Text übertragen, womit sie auffindbar für Suchmaschinen werden. Außerdem lassen sich auf der Plattform Schrift und dazugehörige Bilder auf einer Quellentextseite vereinen. Ein großer Zugewinn gegenüber dem Original.

Der Dresdner Andreas Wagner – seit 2007 bei Wikisource aktiv – hat bereits Schätze wie das komplette Reichsgesetzblatt der Jahrgänge 1867 bis 1945 auf diese Weise erschlossen. Aktuell überträgt er beispielsweise die Malerwerke des 19. Jahrhunderts des Kunsthistorikers Friedrich von Boetticher zu Wikisource. „Wir liefern wissenschaftlich brauchbare Ergebnisse“, so Wagner. „Was wir einmal fertiggestellt haben, das bleibt und muss nicht aktualisiert werden.“ Bei der Erschließung von Quellen erlebt er besonders Bibliotheken wie etwa die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) als kooperativ. „Bibliotheken”, so Wagner, wollten schließlich von Hause aus “ihr Wissen verbreiten”. 

Gemeinsamer Kampf für Offene Archive

„Gerade im Archivbereich gibt es noch immer Vorbehalte, gemeinfreie Digitalisate für die Wikimedia-Projekte zur Verfügung zu stellen“, stellt Joachim Kemper fest, Leiter des Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg. Zusammen mit Antje Diener-Staeckling, stellvertretende Leiterin im LWL-Archivamt für Westfalen, steht Kemper auch dem Arbeitskreis „Offene Archive“ beim VdA vor, dem Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V., der die aktuellen Entwicklungen von digitalen Kommunikations-, Kollaborations- und Präsentationsmöglichkeiten begleitet. Der Arbeitskreis – der zu seinem zehnjährigen Jubiläum unlängst das auch als Open Access verfügbare Buch „Deutsche Archive im digitalen Zeitalter“ herausgegeben hat – organisiert eine regelmäßige Konferenzreihe zum Thema „Offene Archive”. 

Die jüngste Ausgabe fand vom 13. bis 15. Juni 2022 beim Bundesarchiv in Koblenz statt und bot unter anderem ein ArchivCamp als Begegnungs- und Diskussionsplattform, von der wichtige Impulse ausgegangen sind. „In Präsenz lassen sich am besten gemeinsame Projekte anstoßen, etwa in Bezug auf das Erschließen von Quellen“, so Diener-Staeckling. 

Tim Odendahl – Verantwortlicher für Digitale Langzeitarchivierung im Stadtarchiv Esslingen und ebenfalls beim Arbeitskreis „Offene Archive“ aktiv – ist überzeugt, dass Archive sich vor allem dann öffnen, „wenn Projekte Rückhall finden, etwa innerhalb der Verwaltung, aber auch in den interessierten Szenen der Stadt“. Sowohl er als auch Antje Diener-Staeckling und Joachim Kemper sind überzeugt, dass gerade regionale Ansätze und Aktionen die Öffnung von Archiven fördern können: „Auch für kleinere Archive bieten die Wikimedia-Projekte einen Mehrwert.“

Offenheit und Transparenz als Ziel

„Archive sind das Gedächtnis unserer Gesellschaft und leisten einen zentralen Beitrag für unsere Demokratie. Ein Mehr an Offenheit und Transparenz muss unser Ziel sein“, betont Konstantin von Notz, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Deutschen Bundestag und mit einem Impulsvortrag auf der Konferenz „Offene Archive“ in Koblenz vertreten. 

Ein Beispiel für die Verwirklichung von Notz’ Forderung ist das Forschungsprojekt #FemaleHeritage der Monacensia im Hildebrandhaus – eine Kulturerbe-Institution, die sich als literarisches Gedächtnis Münchens immer mehr der Stadt und dem Netz öffnet. #FemaleHeritage zielt darauf ab, Lücken in Bezug auf Diversität zu schließen. „Von Anfang an haben wir dabei mit Wikimedia und mit dem lokalen Raum der in den Wikimedia-Projekten aktiven Ehrenamtlichen vor Ort in München, dem WikiMuc, vor Ort kooperiert“, so die Monacensia-Leiterin Anke Buettner. „Dadurch bekam das Projektvorhaben Verbündete. Wissen wurde entdeckt und gestreut, Artikel wurden geschrieben, verbessert und mit Quellen angereichert“. Für den aktuellen Editathon wurden zeitgleich verschiedenartige Quellen über junge Münchner Schriftstellerinnen gesammelt: analog für die Monacensia und digital für Wikipedia. Ehrenamtliche, Autorinnen und die Monacensia-Bibliothekarin Christine Hannig trafen sich vor Ort und tauschten Wissen und Material aus. 

„Das Bewusstsein für Open Data und freies Wissen hat zudem den Umgang mit unseren eigenen Daten und Quellen verändert“, so Buettner. „Mittelfristig wird sich das deutlich bemerkbar machen.“ Zum Beispiel wird parallel zur aktuellen Ausstellung „Frei leben! Die Frauen der Boheme 1890 – 1920“ der Monacensia-Bestand der Schriftstellerin Franziska zu Reventlow digitalisiert und frei im Netz zur Verfügung gestellt.

Zum Einstieg Hemmschwellen abbauen

Auch Kerstin Wolff, Forschungsleiterin am Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel, hat es als Bereicherung erlebt, ihre Institution Anfang 2022 im Kontext des Formats GLAM digital vorzustellen: „Die Wikipedia-Ehrenamtlichen waren an den Forschungsthemen und Archivbeständen interessiert und sind in den Kontakt gegangen. Die Öffnung der Archivkartons und Wissensschätze zur Frauenbewegung bot nicht nur uns als Einrichtung einen unmittelbaren Gewinn durch die Nachfragen. Auch, dass die Ehrenamtlichen ihr Wissen in Artikel übertrugen und ihr schon vorhandenes Wissen teilten und weitergaben, war eine tolle Erfahrung.“ Wolff spricht eine klare Empfehlung an andere Kultur- und GLAM-Einrichtungen aus: „Sucht den Austausch mit Wikipedianer*innen – es lohnt sich!“

„Überhaupt ins gemeinsame Arbeiten zu kommen ist das Wichtigste und schafft die Voraussetzung dafür, zu sehen, welche Angebote man als Institution unterbreiten kann, welche Bedürfnisse uns aus der Community heraus gespiegelt werden“, so Nora Blumberg. Zum diesjährigen Digitaltag, zieht die Mitarbeiterin des Leipziger Stadtarchivs eine positive Bilanz: „Insgesamt war der Digitaltag ein guter Einstieg, um miteinander ins Gespräch zu kommen und Hemmschwellen abzubauen.“

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Mit Wiki Loves Earth die Schönheit der Natur entdecken

10:54, Thursday, 11 2022 August UTC

Das kennen sicher Viele: Im Spätsommer wollen wir gemütlich beim Essen draußen die Abendsonne genießen. Und dann kommen sie: Die Wespen, die an uns und unserem Essen manchmal etwas zu sehr interessiert sind. Dass die Gemeine Goldwespe aber auch eine ganz bunte schillernde Seite hat, zeigt das Gewinnerbild in der Kategorie Detailaufnahmen des Fotowettbewerbs Wiki Loves Earth (WLE). Das Foto ist eines der Bilder, welches uns die Schönheit unserer Umgebung wieder ein bisschen mehr erkennen lassen soll; die Schönheit dessen, was wir bewusst schützen sollten.

Das Gewinnerbild der Kategorie Landschaftsaufnahmen von Wiki Loves Earth Deutschland 2022 zeigt die wilde Küste der Ostsee. | Lizenz: Jörg Braukmann, Hohes Ufer zwischen Ahrenshoop und Wustrow, CC BY-SA 4.0
Das Gewinnerbild der Kategorie Landschaftsaufnahmen von Wiki Loves Earth Deutschland 2022 zeigt die wilde Küste der Ostsee. | Lizenz: Jörg Braukmann, Hohes Ufer zwischen Ahrenshoop und Wustrow, CC BY-SA 4.0

Wiki Loves Earth wird jährlich von Freiwilligen der Wikipedia und des freien Medienarchivs Wikimedia Commons organisiert. Alle können bei dem internationalen Fotowettbewerb rund um Nationalparks, Naturschutzgebiete, Geotope und Naturdenkmäler mitmachen und Fotos in den Kategorien „Detailaufnahmen“ und „Landschaftsaufnahmen“ einreichen.

Das Ziel des Wettbewerbs ist es, möglichst viele Bilder von Naturdenkmälern und aus Schutzgebieten unter einer freien Lizenz abzubilden. Die Fotos sind damit für alle nutzbar und leisten natürlich auch einen Beitrag zum Naturschutz.

Dieses Foto einer Libellen-Art gewinnt den 2. Platz in der Kategorie Detailaufnahmen von Wiki Loves Earth Deutschland 2022. Herwig Winter – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=118023033
Dieses Foto einer Libellen-Art gewinnt den 2. Platz in der Kategorie Detailaufnahmen von Wiki Loves Earth Deutschland 2022.
Herwig Winter – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=118023033

In der deutschen Ausgabe des Wettbewerbs haben im Mai 2022 insgesamt 440 Teilnehmende 11.327 frei lizenzierte Fotos von Naturdenkmälern eingereicht.

Die Teilnehmenden haben ihre Fotos unter eine freie Lizenz gestellt und in die Mediendatenbank Wikimedia Commons geladen. Diese stehen damit auch der Verwendung in der Wikipedia zur Verfügung. Jedes Bild macht also Wikipedia ein kleines Stück besser und leistet durch den Upload einen wertvollen und direkten Beitrag zur Enzyklopädie.

Diese romantische Abendstimmung belegt den 2. Platz in der Kategorie Landschaftsaufnahmen von Wiki Loves Earth Deutschland 2022. Jan Czeczotka – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=117760701
Diese romantische Abendstimmung belegt den 2. Platz in der Kategorie Landschaftsaufnahmen von Wiki Loves Earth Deutschland 2022. Jan Czeczotka – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=117760701

Top 15 nehmen am internationalen Wettbewerb teil

Die 15 bestbewerteten Motive aus dem deutschsprachigen Raum werden nun für den internationalen Wettbewerb eingereicht. Die Top 100 von WLE Deutschland 2022 sind hier zu sehen.

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New York-air, du engagierst dich seit vergangenem Jahr bei Wiki Loves Broadcast. Was hat dich bewogen, bei dem Projekt mitzumachen?

NEW YORK-AIR: Auf der WikiCon 2021 in Erfurt habe ich an der Verleihung der WikiEule teilgenommen. Die ProjektEule ging an das Team von Wiki Loves Broadcast, hier wurde ich erstmals darauf aufmerksam. Als ich mich im Anschluss mit meinem Wikipedia-Kollegen Wikiolo, der das Projekt mit initiiert hat, weiter darüber austauschte, wurde mein Interesse geweckt und ich habe mich entschlossen, dem Projektteam beizutreten. Was sicherlich das Interesse befördert hatte, war, dass ich so gut wie nie Zugang zu einem Fernseher habe, daher hielt ich es gleich für eine sinnvolle Idee, die Rundfunkinhalte im Netz frei zugänglich zu machen.

Welches Ziel verfolgt ihr denn mit Wiki Loves Broadcast? Und welche Rolle spielt der Runde Tisch mit öffentlich-rechtlichem Rundfunk, Politik, Gewerkschaften und Kreativverbänden dabei?

NEW YORK-AIR: Unser Ziel ist, dass die Rundfunkinhalte der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten für die Allgemeinheit dauerhaft im Netz unter einer freien Lizenz zur Verfügung stehen. So können sie auch on demand statt nur linear konsumiert und in der Wikipedia genutzt werden. Teilweise wird dies ja bereits jetzt von den Mediatheken umgesetzt, jedoch sind viele Inhalte dort auch nur zeitlich begrenzt abrufbar und nicht permanent, vor allem jedoch nicht unter einer freien Lizenz. Der Runde Tisch ist dabei notwendig, damit alle Beteiligten sich untereinander verständigen, da bei unserem Projekt sehr viele Akteur*innen aus den unterschiedlichen Rundfunkanstalten miteinander und untereinander kommunizieren und sensibilisiert werden müssen. Dafür brauchen wir die Möglichkeit, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen anstatt nur „bilateral“ zu kommunizieren.

Stefan Kühn, warum sind frei lizenzierte Rundfunkinhalte so wertvoll für die Wikipedia?

STEFAN KÜHN: Frei lizenzierte Rundfunkinhalte helfen uns fantastisch bei der multimedialen Ausgestaltung unserer Artikeltexte. Vieles können wir selber durch eigenes Bildmaterial gut bebildern. Aber in einer aufwändigen Video-Animation zu sehen, wie z. B. die Berliner Mauer entstand oder der Humboldtstrom funktioniert, ist für alle Interessierten sehr anschaulich und lehrreich. Die verbesserte Wissensvermittlung macht das Material so wertvoll für Wikipedia und alle Nachnutzer.

Was ist eure Aufgabe innerhalb des Projekts Wiki Loves Broadcast? Beschreibt bitte einmal, wie eure Arbeit aussieht!

NEW YORK-AIR: Eine der Aufgaben ist es, das Projekt sichtbarer zu machen. Zum einen intern, aber auch extern. Intern, damit die Wikipedia-Community das Projekt unterstützt, da ohne die Unterstützung der Community eine Projektumsetzung keinen Sinn macht. Schließlich sollen die Inhalte ja in der Wikipedia eingebunden werden. Hierzu gehören beispielsweise Umfragen innerhalb der Community oder auch Diskussionsformate wie auf der WikiCon 2021. Externe Sichtbarkeit ist auch notwendig, damit das Thema in der Gesellschaft ankommt und mehr Zuspruch erhält. Genauso wichtig wie die Sichtbarkeit ist auch die Kommunikation mit den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, wo wir mehr eine beratende Funktion innehaben, schließlich können wir am ehesten nachvollziehen, welche Inhalte in der Wikipedia gebraucht werden und in Artikel eingebunden werden können.

STEFAN KÜHN: Aktuell stellt die Terra-X-Redaktion des ZDF jede Woche zwei Videos in Wikimedia Commons online. Ich versuche, diese Videos zeitnah in die passenden Wikipedia-Artikel einzupflegen. Das heißt, ich sichte die Videos und überlege, welche Artikel in der Wikipedia davon profitieren könnten. Außerdem sortiere ich die Videos in Commons passend in den riesigen Kategorienbaum ein, damit auch andere sie gut finden können.

Was für Rundfunkinhalte sind denn überhaupt geeignet für die Einbindung in Wikipedia? Nach welchen Kriterien sucht ihr die Videos aus?

STEFAN KÜHN: Da wir keinen direkten Zugang zum Medienarchiv des ZDF haben, ist es jede Woche ein Überraschungspaket, was da für uns hochgeladen wurde. Grundsätzlich könnten wir zu jedem Geschehen der Weltgeschichte bewegte Bilder und Tondokumente gebrauchen. Auch Interviews mit Sportlern, Politikern, Forschern und eben Erklärvideos zu allen Wissensgebieten sind hilfreich. Ein schönes Beispiel findet sich im Artikel über Karthago. Die Animation lässt die berühmte, untergegangene Metropole virtuell auferstehen und wurde allein 2022 schon über 500.000 Mal angesehen.

ARD und Bayerischer Rundfunk haben angekündigt, ab 2023 Neuproduktionen für das Bildungsformat kolleg24 unter freier Lizenz veröffentlichen zu wollen. Seht ihr da Potenzial, Inhalte für Wikipedia oder Wikimedia Commons zu verwenden?

STEFAN KÜHN: Auf jeden Fall hat solches Material Potenzial und sollte in Commons hochgeladen werden. Dort bedienen sich ja dann ja auch andere Schwesterprojekt der Wikipedia, wie Wikiversity oder Wikibooks an dem Material. Für die Artikel in der Wikipedia sind meist kürzere Videos (< 10 Minuten) interessant. Diese werden oft von den weltweiten Freiwilligen übersetzt und mit Untertiteln in der jeweilige Landessprache versehen. Dadurch erreichen solche Videos auch viele Menschen außerhalb des deutschen Sprachraums.

Beim jährlich stattfindenden Runden Tisch und auch darüber hinaus bleiben Wikimedia und Wikipedia-Ehrenamtliche wie ihr im ständigen Austausch mit den öffentlich-rechtlichen Sendern. Wie zuversichtlich seid ihr, dass freie Creative-Commons-Lizenzen endgültig in den Anstalten angekommen sind?

NEW YORK-AIR: Wir beobachten, dass sich zunehmend mehr Anstalten mit dem Thema auseinandersetzen und sich dazu positionieren. Damit haben wir schon einmal erreicht, dass ihnen das Thema bekannt ist. Einige Anstalten haben ja auch bereits begonnen, Inhalte auf Wikimedia Commons zur Verfügung zu stellen. Erst kürzlich ist wie oben ja beschrieben der Bayerische Rundfunk dazugekommen. Bis wir unser Ziel erreicht haben, dass alle in der Wikipedia und der Bildung nutzbaren Inhalte unter einer freien Lizenz zur Verfügung gestellt werden können, ist es noch ein weiter Weg mit Hürden wie beispielsweise dem Urheberrecht. Auch wenn wir schon einige Erfolge erreicht haben. Letztendlich wollen wir dabei auch niemandem etwas aufzwängen, sondern die Urheber*innen sollen selber entscheiden, ob und unter welcher freien Lizenz sie ihre Inhalte zur Verfügung stellen.

Was für Inhalte aus dem Programm der Öffentlich-Rechtlichen würden die Wikipedia denn noch bereichern, wenn sie unter freier Lizenz verfügbar wären? Habt ihr vielleicht sogar eine Wunsch-Sendung, die ihr gern verwenden würdet?

STEFAN KÜHN: Eigentlich alle Beiträge aus den Nachrichten könnten für die passenden Artikel interessant sein. Meine Wunsch-Sendung ist die Informationssendung „Mit offenen Karten“ von ARTE. Einige Wikipedianer haben genau zu der Frage auch schon eine Ideen-Liste zusammengetragen.

NEW YORK-AIR: Generell hilfreich sind Animationen zu verschiedenen Themen, mit denen komplexe Sachverhalte einfach dargestellt werden. Da einen Spagat zu finden ist nicht einfach, schließlich haben die Artikel einen Anspruch auf fachliche Korrektheit. Für einfachere Erklärungen für diejenigen, die nur den Sachverhalt verstehen wollen ohne gleich ein Studium in dem Bereich abschließen zu müssen, könnte so etwas jedoch sehr hilfreich sein.

Stefan Kühn und New York-air sind ehrenamtliche Wikipedia-Autoren und engagieren sich im Projekt „Wiki Loves Broadcast“. Gemeinsam mit der Redaktion der ZDF-Sendung Terra X wurde Wiki Loves Broadcast 2021 mit der WikiEule ausgezeichnet. Beim einmal jährlich stattfindenden Runden Tisch mit Vertreter*innen aus öffentlich-rechtlichem Rundfunk, Politik, Bildungsbereich und Kreativbranche vertritt Wiki Loves Broadcast die Interessen der ehrenamtlichen Wikipedia-Community.

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Als Einleitung möchten wir die einzelnen Personen, die die Fragen beantworten, kurz vorstellen. Sagen Sie uns bitte, wie Sie zum Projekt „Digitalisierung der Ethnographica-Sammlung von Karl Schmidt-Rottluff“ gekommen sind und welche Aufgaben Sie in Bezug auf dieses Projekt bzw. die Ausstellung „Whose Expression“ übernommen haben.

Lisa Marei Schmidt: Ich bin seit Oktober 2017 Direktorin des Brücke-Museums und in dieser Funktion letztlich auch verantwortlich für den Nachlass des Künstlers Karl Schmidt-Rottluff, der das Museum initiiert hat. Mir war die Aufarbeitung des Bestandes von Werken aus kolonialen Kontexten von Anfang an ein besonderes Anliegen. Und mir war sehr bewusst, dass wir bei der Digitalisierung komplett anders vorgehen müssen als bei der Digitalisierung von Kunstwerken der klassischen Moderne, unserem Kerngeschäft. Dies betrifft vor allem die Dezentralisierung und Infragestellung einer Wissenshierarchie.

Isabel Fischer: Ich habe die Koordination für das Projekt übernommen. Zu meinen Aufgaben gehörten die Koordination von und Kommunikation mit allen Projektbeteiligten, die Entwicklung und Anpassung des Work-Flows sowie die Überwachung des Zeit- und Finanzplans und die Öffentlichkeitsarbeit. Ich habe bereits vorher sammlungsbezogene Digitalisierungsprojekte des Brücke-Museums betreut, doch dieses war mit Abstand das herausforderndste und spannendste, nicht zuletzt, weil es einen dazu brachte, sich beständig selbst zu hinterfragen.

Anna Brus: Ich habe schon vorab zu kolonialen Sammlungen gearbeitet und fand als Kunsthistorikerin die Verbindung dieser Sammlung zu der Künstlergruppe Brücke spannend. Hier kommen ja zwei sonst meist getrennt gehaltene Museumsgeschichten, aber auch Kunstformen zusammen – und es hat mich interessiert, was wir über Kolonialität, Kunst und Gesellschaft lernen können, wenn wir diese beiden Bereiche zusammenbringen.

In dem Projekt war ich vor allem für die Netzwerk-Arbeit zuständig. Meine Aufgabe war es, die Objekt-Subjekte in der Sammlung in Rücksprache mit verschiedenen Expert*innen zu kontextualisieren, ihnen eine Herkunftsregion, einen Herstellungszeitraum und mögliche Funktionen zuzuordnen.

Michael Höppe: Meine Aufgabe im Projekt war die Datenkuration und damit das Mapping der Daten sowie ihre Integration in Wikimedia Commons.

Erzählen Sie uns etwas über die Digitalisierung der Ethnographica-Sammlung von Karl Schmidt-Rottluff. Wie kam es dazu? Mit welchem Ziel wurde ein Großteil der Digitalisate auf Wikimedia Commons veröffentlicht? Welche Hoffnungen und Bedenken waren im Vorfeld damit verknüpft?    

Lisa Marei Schmidt: Für mich stand die Transparentmachung dieses Bestandes im Vordergrund, zu zeigen, was wir in unserem Depot aufbewahren. Die Sichtbarmachung dieser Werke beinhaltet nicht zuletzt auch das Potential für eine mögliche Restitution.

Isabel Fischer: Das Ziel des Projektes war einem größtmöglichen (internationalen) Rezipient*innenkreis größtmögliche Teilhabe an der Sammlung zu ermöglichen. Partizipation sollte im Optimalfall auf zwei Ebenen erfolgen: Einmal im Prozess der Grunderschließung, die in enger Zusammenarbeit mit Expert*innen aus den Herkunftsgesellschaften und dekolonialen Akteur*innen erfolgte und dann durch die Wahl der Veröffentlichungsplattform Wikimedia Commons, in der die Daten nicht festgeschrieben sind, sondern von anderen erweitert werden können. Die Hoffnung war, die Daten damit für alle Interessierten barrierearm verfügbar, nutzbar und editierbar zu machen. Ein Bedenken war, dass die Projektlaufzeit von nur einem Jahr nicht ausreichen würde. Ein anderes Bedenken war, nicht genug Menschen, insbesondere Expert*innen aus den Herkunftsgesellschaften zur Mitarbeit an dem Projekt gewinnen zu können.

Welche weiteren Herausforderungen stellten sich während der Digitalisierung und Veröffentlichung, etwa in Bezug auf Feststellung der Provenienz/Herkunft, der Digitalisierung oder auch der Beschreibung der Objekte (Stichwort Metadaten)?

Anna Brus: Es ging ja darum, die Objekte zu kategorisieren, aber das vorhandene Wissen zur Herkunft von kolonialzeitlichen Objekten trägt meist nicht weit. Es ist häufig ein Wissen, das daraus resultiert, dass Forscher*innen auf eine gemeinsame Quelle zurückgreifen, oder immer wieder neu aufeinander Bezug nehmen oder schlicht und einfach voneinander abschreiben. Diese dünne Quellenlage betrifft leider auch meine eigene Arbeit für das Projekt. Angesichts so vager Wissensbestände steht man vor der Entscheidung, so gut wie gar nichts zu schreiben oder ungesichertes Wissen festzuhalten. Denn auch ungesichertes Wissen kann helfen, eine Spur zu legen, so dass vage Angaben das Finden von Objekten erleichtern kann, wenn sie Teil von Suchkriterien werden.

Eine andere Herausforderung betrifft die Wahl unserer Wissensformen und der Plattformen, auf denen wir Wissen zugänglich machen. Wir müssen uns fragen, ob Plattformen wie Wikimedia Commons für alle Menschen, überall, so einfach zugänglich sind. Außerdem liegt das Wissen dadurch weiter im globalen Norden. Die Frage bleibt, wie können die Daten auch bei den sogenannten Herkunftsgesellschaften verwaltet werden?

Noch grundsätzlicher entsteht das Problem eines Clashs von Wissensformen. Die Klassifikationen der europäischen Wissensgeschichte sind eben nicht notwendig deckungsgleich mit Klassifikationen der Gruppen, die sich für diese Objekte bis heute verantwortlich fühlen, und wo es häufig auch um emotionales Wissen und lokal spezifische Erinnerungsformen geht. Nicht zuletzt ist in europäischen „ethnologischen“ Repräsentationen auch die problematische „tribale“ Klassifikation und die koloniale Gewalt der Sammeltätigkeit  eingeschrieben, ohne explizit darauf hinzuweisen.

Michael Höppe: Eine Herausforderung in meinem Arbeitsbereich war die Verwendung von kontrollierten Vokabularen, d. h. die Verwendung von Begrifflichkeiten aus einem gängigen Wortschatz. So mussten spezielle (Fach-)Bezeichnungen verallgemeinert (bspw. bei dem Material eines Objekts) oder Begriffe aus anderen Kontexten herangezogen werden. Nicht immer ließen sich Herkunftskontexte der Werke adäquat abbilden. Schwierig gestaltete es sich z. B., wenn sich diese nicht auf einen festen Ort, sondern auf eine Bevölkerungsgruppe, die sich über verschiedene Regionen verteilt, bezogen (Lösung war hier z. B. die Verknüpfung mit einem Sprachraum).

Isabel Fischer: Bei der Digitalisierung selbst war die Herausforderung Digitalisate zu erhalten, die das Werk in seiner vollständigen Charakteristik wiedergeben. Dies bedeutete zum einen, dass pro Werk mehrere Aufnahmen aus unterschiedlichen Perspektiven erfolgen mussten. Auf der anderen Seite musste eine Technik gefunden werden, die das jeweilige Werk auf allen Bild-Ebenen gleichmäßig scharf darstellt. Eine weitere Herausforderung war es, flexibel im Zeitplan und Workflow zu bleiben und diese immer wieder neu anzupassen, etwa wenn bestimmte Gesprächspartner*innen nicht erreichbar waren oder sich bei der Grundauswertung weitere Fragen ergaben.

In Offen und gerecht! Fragen zum Umgang mit Digitalisaten von Objekten aus Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten (Teil 2) haben wir Juma Ondeng, den Projektpartner des IIP u. a. gefragt, ob es Objekte (folglich auch Digitalisate) gibt, die nicht öffentlich geteilt werden sollten. Haben Sie alle Digitalisate der Ethnographica-Sammlung online veröffentlicht? Welche vielleicht nicht und wie haben Sie diese Entscheidungen getroffen?

Anna Brus: Wir haben nur einen kleinen Teil nicht veröffentlicht, dabei handelt es sich um mesoamerikanische Grabbeigaben, die ansonsten in vielen musealen und privaten Sammlungen sichtbar sind. Die Gespräche mit Expert*innen aus der Oaxaca-Community, die als Nachfahren dieser Kulturen verstanden werden können, haben nahegelegt, diese Sammlungsbestände mit besonderer Pietät zu behandeln. Es handelt sich um sehr persönliche Dinge, die Verstorbenen auf ihrem letzten Weg mitgegeben wurden. Was „sensible Objekte“ sind, liegt nicht unbedingt in unserem Ermessen und lässt sich nicht pauschal festlegen.

Diese Community würde übrigens generell lieber die Weitergabe von Bildern mit Objekten- oder Subjekt-Objekten indigener Herkunft aus Abya Yala kontrollieren. Hier sieht man auch die Probleme, die die absolute Transparenz und Freigabe der Bildrechte über Wikimedia Commons mit sich bringt.

Welche Verantwortung könnten/sollten Ihrer Meinung nach Museen gegenüber den ursprünglichen Eigentümer*innen der Objekte in ihren Sammlungen haben?

Anna Brus: Diese Form der Zusammenarbeit mit Communities ist meist nur vorübergehend und, auch wenn sie bezahlt wird, eine Form, Wissen und auch emotionale Arbeit zu extrahieren. Meines Erachtens sollten Museen, wenn sie schon Kontakte aufbauen, diese langfristig gestalten und über dauerhafte Kooperationen und Restitutionen nachdenken.

Im Grunde genommen müsste eine Digitalisierung auch den Aufbau einer Infrastruktur an den Orten der betroffenen Herkunftsgesellschaften mit sich bringen. Es gibt zum Beispiel in Papua-Neuguinea, woher ein großer Teil der Sammlung von Karl Schmidt-Rottluff stammt, nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, einen öffentlichen Rechner zu nutzen. Das Herunterladen von hohen Datensätzen auf das Handy kostet viel zu viel Datenvolumen. De facto geht hier also die Transparenz manchmal ins Leere …

Können Sie etwas mehr über die Auswirkungen des Digitalisierungsprojektes im Brücke-Museum sagen? Wie wurden sie intern wahrgenommen? Wie wurden die Ausstellungen vom Publikum aufgenommen?

Lisa Marei Schmidt: Das Brücke-Museum setzte sich 2021 in mehreren Projekten mit seinem kolonialen Erbe auseinander. Neben dem Digitalisierungsprojekt beschäftigten sich auch die beiden Ausstellungen „Whose Expression?“ und „Transition Exhibition“ sowie ein internes Sensibilisierungs- und Fortbildungsprogramm mit diesem Themenkomplex. „Whose Expression“ befragte die Werke der Brücke-Künstler vor dem Hintergrund des Kolonialismus. Und in der Ausstellung „Transition Exhibition“ wurde der digitalisierte Bestand an Werken aus kolonialem Kontext aus dem Nachlass des Künstlers Karl Schmidt-Rottluff zum ersten Mal komplett ausgestellt und von zeitgenössischen künstlerischen Positionen kritisch befragt.  Besonders schön war es für alle Mitarbeitenden zu sehen, wie sich Synergieeffekte zwischen den unterschiedlichen Projekten ergaben. Dabei flossen ebenso Ergebnisse aus dem Digitalisierungsprojekt in die Ausstellung ein wie umgekehrt. Und ich hatte auch das Gefühl, dass ein Großteil des Publikums von den Ausstellungen und den kritischen Ansätzen sehr angetan war. Die Projekte bekamen ein großes Medienecho und wurden intensiv diskutiert. Darunter waren auch kritische Stimmen, die uns eine übertriebene „political correctness“ vorwarfen und die Brücke-Künstler diffamiert sahen. Letztlich hoffen wir aber mit den Projekten bei vielen das Bewusstsein für die kolonialen Kontexte, die uns bis heute begleiten, geweckt zu haben.

Isabel Fischer: Das Digitalisierungsprojekt wurde sowohl intern als auch extern weitgehend sehr positiv aufgenommen. Es wurde auf mehreren Fachtagungen vorgestellt und stieß dort auf großes Interesse. Vor allem die Entscheidungen, mit Expert*innen aus den Herkunftsgesellschaften zusammenzuarbeiten und die Daten über Wikimedia Commons zu veröffentlichen, und damit die institutionelle Deutungshoheit abzugeben, erhielten positives Feedback.

Wie geht es nach dem Ende des Digitalisierungsprojektes und der Sonderausstellung “Whose Expression? Die Künstler der Brücke im kolonialen Kontext” weiter? Besteht der Austausch mit Expert*innen aus den Herkunftsgesellschaften weiterhin?

Lisa Marei Schmidt: Mir war sehr bewusst, dass die Ausstellungen am 20. März 2022 enden, aber dass uns das Digitalisierungsprojekt noch die nächsten Jahre beschäftigen wird, gerade was die Erforschung der Provenienzen der Werke angeht. Glücklicherweise hat unsere wissenschaftliche Projektmitarbeiterin Anna Brus vom Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste einen Drittmittelantrag zur Erforschung der Provenienzen dieser und anderer Sammlungen der Brücke-Künstler und deren Umkreis zugesagt bekommen. Dadurch kann der von ihr mühsam aufgebaute und auf Vertrauen basierende Austausch mit den Expert*innen der Herkunftsgesellschaften weitergehen.

Isabel Fischer: Das Brücke-Museum wird die Wikimedia-Commons-Projekt-Seite weiter monitoren. Außerdem ist geplant, die Werkdaten in Wikidata zu überführen und diese mit den Wikimedia-Commons-Mediendateien zu verknüpfen.

Was sind Ihre persönlichen Lehren und Erfahrungen aus dem Projekt?

Lisa Marei Schmidt: Vielleicht den Mut zu haben, das Fragenstellen öffentlich zu machen und nicht seine fehlende Expertise als Vorwand zu verwenden, dass man nicht beginnen kann, sondern dass man das Fragenstellen und das Öffnen für andere Antworten und Perspektiven als Bestandteil des Prozesses begreift. Und dass die Zusammenarbeit mit Expert*innen als langfristige und vor allem für beide Seiten wertschätzende Kooperationen verstanden werden müssen, die nachhaltig sind und auch honoriert werden.

Isabel Fischer: Meine größte persönliche Lehre ist die Bereitschaft für größtmögliche Flexibilität. Anders als andere Digitalisierungsprojekte erforderte dieses ein beständiges Hinterfragen der eigenen Arbeitsprozesse und Planungen. Der Zeitplan und einzelne Arbeitspakete mussten immer wieder neu gedacht und angepasst werden. Das bedeutete auch Abstand von der Vorstellung zu entwickeln, dass so schnell wie möglich Wissen um die Werke generiert und veröffentlicht wird.

Anna Brus: Wir können nicht mehr „über die Anderen“ forschen, sondern nur noch im Austausch. In der Zusammenarbeit mit verschiedenen Gruppen gab es für mich immer wieder überraschende Ergebnisse, die ich nicht hätte vorhersehen können. Deswegen ist es wichtig, immer wieder die Mühe der Kooperation auf sich zu nehmen – und dabei offen für alle möglichen Entwicklungen zu bleiben.

Gibt es Pläne, die in Bezug auf das Projekt gesammelten Erfahrungen/Learnings in einem größeren nationalen und internationalen Netzwerk von Museen und anderen Institutionen zu teilen, um so vielleicht gemeinsam nachhaltige Lösungen zu erarbeiten?

Isabel Fischer: Das Brücke-Museum plant in Zusammenarbeit mit digiS einen Erfahrungsbericht zu veröffentlichen, um die Voraussetzungen und Learnings eines solchen Projektes mit anderen Institutionen zu teilen.

Welche Rolle könnten Ihrer Meinung nach Wikimedia-Projekte bei der Digitalisierung des kulturellen Erbes, insbesondere bei Sammlungen aus kolonialen Kontexten, wie zum Beispiel der Ethnographica-Sammlung von Karl Schmidt-Rottluff, spielen?

Isabel Fischer: Wir waren sehr froh, dass uns digiS den Kontakt zu Wikimedia Deutschland vermittelt hat und wir noch vor der ersten Datenveröffentlichung einen engen Austausch hatten. Besonders gefreut hat uns auch die praktische Unterstützung (etwa in Form einer Beratung bezüglich der Verwendung von Templates durch das Wikimedia-Community-Mitglied Raimond Spekking). Viele Kulturinstitutionen denken vermutlich überhaupt nicht daran, dass sie ihre Daten auch über Wikimedia Commons oder Wikidata veröffentlichen könnten. Von daher wäre eine noch stärkere Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit von Wikimedia sinnvoll, vielleicht auch eine direkte Kontaktaufnahme mit Kulturinstitutionen. Hilfreich wäre außerdem eine stärkere Mobilisierung der Wiki-Community, sie auf solche Projekte und Veröffentlichungen aufmerksam zu machen.

Wie müssten sich Politik/Gesetze/Voraussetzungen ändern, um mehr Museen bei dieser Arbeit und ähnlichen Projekten wie Ihrem zu unterstützen?

Lisa Marei Schmidt: Die intensive Aufarbeitung eines solchen Konvoluts, gerade was die Provenienzen angeht, ist nur durch längerfristige Drittmittelprojekte möglich.

Anna Brus: Erstmal geht es darum, Museen finanziell zu unterstützen, bzw. überhaupt erst ein Bewusstsein dafür zu wecken, dass Sammlungen aus kolonialem Kontext eine besondere gesellschaftliche Verantwortung mit sich bringen. Diese Frage ist aber viel fundamentaler, denn wir können uns nicht allein „dekolonisieren“. Es ist ein langer Prozess, die Kolonialität unserer Episteme, unserer Objektkategorien und Hierarchisierungen zu erkennen und die Sammlungen daraus zu lösen. Um in diesem Bereich sinnvoll arbeiten zu können, sind wir auch von Kooperationen mit Kolleg*innen aus dem sogenannten „Globalen Süden“ abhängig. Es gibt trotz zahlreicher transnationaler Förderprogramme noch immer nationale Grenzziehungen, mangelnde Anerkennung von akademischen Qualifikationen oder Visaregelungen, die eine solche Zusammenarbeit erschweren.


Interview & Redaktion: Sabine Müller, Lucy Patterson, Claudia Bergmann

Weitere Teile dieser Blogserie:

Offen und gerecht! Fragen zum Umgang mit Digitalisaten von Objekten aus Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten (Teil 1)

Offen und gerecht! Fragen zum Umgang mit Digitalisaten von Objekten aus Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten (Teil 2)

Offen und gerecht! Fragen zum Umgang mit Digitalisaten von Objekten aus Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten (Teil 3)

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Wer hat sich beworben?

Das Programm richtet sich dieses Jahr an Teams aus der DACH-Region und aus den Ländern des Westbalkans (Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien). Insgesamt erreichten uns 34 Bewerbungen aus 12 Ländern von insgesamt 104 Bewerbenden. Von diesen 104 Bewerbenden kommen 53% aus dem Westbalkan und 24% aus der DACH-Region. Die weiteren 22% kommen aus anderen Regionen, inkl. anderen europäischen Ländern und Ländern außerhalb Europas.

Gesucht wurden Projekte, die sich zum Ziel gesetzt haben, technische und soziale Hürden abzubauen, damit mehr Menschen an Wissen teilhaben, es nutzen und mehren können. Alle Projekte zeigen neue Perspektiven für Freies Wissen in unterschiedlichen regionalen aber auch thematischen Kontexten auf und setzen sich für mehr Wissensgerechtigkeit ein.
Gemeinsam mit unseren Umsetzungspartnern Wikimedia Serbien und Impact Hub Belgrade haben wir sieben Projekte für diese Förderrunde des Wikimedia Accelerators UNLOCK ausgewählt.

Wer ist mit dabei?

Mit unserer Jury haben wir alle Bewerbungen gesichtet und diskutiert. Das sind die sieben Projekte, die einen Platz im Wikimedia Accelerator UNLOCK ergattern konnten. Und die wir mithilfe von Coachings darin unterstützen werden, aus ihren kreativen Ideen funktionierende Prototypen zu bauen:

  • activist.org – eine Open-Source-Plattform, die Menschen und Organisationen aus verschiedenen sozialen und aktivistischen Bewegungen miteinander verbindet. Hierdurch sollen Barrieren der politischen Teilhabe abgebaut werden.
  • f[ai]r – Einführung einer Ethik-Zertifizierung für digitale Anwendungen durch eine ganzheitliche Betrachtung des KI-Systems im sozialen Kontext, bei der Aspekte wie Voreingenommenheit, Diskriminierung, Vielfalt und Integration berücksichtigt werden sollen
  • Inclusio – Bereitstellung nutzer*innengenerierter Beschreibungen visueller Inhalte für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung. Idealerweise könnte die Lösung mit den strukturierten Daten in Wikimedia Commons verbunden und getestet werden
  • macht.sprache. – Förderung politisch sensibler Übersetzungen durch eine Open-Source-Plattform, die das Crowdsourcing und die Diskussion politisch sensibler Begriffe und ihrer Übersetzungen ermöglicht, sowie durch ein Tool, das bei der sensiblen Übersetzung hilft
  • MOCI SPACE – Entwicklung eines digitalen Raums zur Vernetzung von Aktivist*innen, Grassroot-Initiativen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen in der Westbalkan-Region, um Ko-Kreation, Veröffentlichung und Teilen von Wissen durch sichere und dezentralisierte Kommunikation basierend auf dem Matrix-Protokoll zu ermöglichen

Wie geht es weiter?

Von Juli bis Oktober 2022 werden wir die Teams mit Coachings, einer Vielzahl von Workshops mit Expert*innen, regelmäßigem Austausch und einem Stipendium unterstützen. 

Wir freuen uns, gemeinsam mit diesen Teams ihre Ansätze zu schärfen, die Konzepte auf- bzw. auszubauen und ihnen bei der Entwicklung von konkreten Prototypen zu helfen! 

Am Ende des Programms werden sie ihre Ergebnisse vorstellen und wir werfen einen Blick darauf, wie es für die Teams weitergehen kann.

Wir freuen uns drauf!

Folgt unseren Kanälen (UNLOCK Twitter / UNLOCK LinkedIn) und bleibt so immer auf dem Laufenden!

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Wikimedia & Wikipedia in der Ukraine #1: Ein Interview

14:40, Monday, 01 2022 August UTC

Oksana, wie bist Du zur Wikimedia-Bewegung gekommen?

OKSANA RODIKOVA: Meine Geschichte mit Wikimedia hat tatsächlich erst im Herbst 2021 begonnen, während meines Studiums. Im ersten Jahr an der Universität in Kiew hatte ich ein Seminar bei einer Dozentin, die sich in der ukrainischen Wikipedia engagiert hat – und uns ebenfalls ermuntert hat, Artikel beizutragen. Das galt anstelle von Hausarbeiten oder Referaten. Das Thema war „antike römische Geschichte“, vom 5. Jahrhundert vor bis zum 5. Jahrhundert nach Christus. Wir Studierenden hatten die Wahl, entweder bestehende Artikel in die ukrainische Sprachversion zu übertragen, oder neue Artikel zu erstellen. Ich selbst habe einen sehr langen Artikel über eine Periode im Leben von Gaius Julius Caesar beigetragen.

Was genau studierst Du?

OKSANA: Ich bin an der historischen Fakultät eingeschrieben, am Lehrstuhl für antike und mittelalterliche Geschichte. Mein Schwerpunktthema, über das ich auch meine Diplomarbeit schreibe, ist Medizingeschichte. Konkret schreibe ich über „Wein in der Medizin des Mittelalters“. Momentan setze ich mein Studium neben der Arbeit bei Wikimedia fort, zu einem Teil online an der Kiewer Universität, zum anderen als Austauschstudentin an der Berliner Humboldt Universität am Institut für Geschichtswissenschaften. Allerdings setze ich meine Fähigkeiten dort ein bisschen anders ein und beschäftige mich mit Restaurierung und Rekonstruktion. Kürzlich habe ich zum Beispiel eine Virtual-Reality-Präsentation über einen alten Wappensaal in Österreich erstellt.

Wie ging es nach Deinen ersten Beiträgen in der Wikipedia weiter? Hast Du regelmäßig als Freiwillige gearbeitet?

OKSANA: Für ehrenamtliche Arbeit fehlte mir leider erst mal die Zeit, obwohl ich mich mit der Idee des Freien Wissens immer schon identifizieren konnte. Ich finde, Wissen sollte ebenso grenzenlos sein wie die Welt. Im Herbst 2021 habe ich mich dann entschieden, eine neue Arbeit zu suchen, die in Verbindung mit meinem Fach und meinen Interessen stehen sollte – und mich bei Wikimedia Ukraine beworben. Anton Protsiuk, der Programmkoordinator dort, hat ebenfalls an der historischen Fakultät studiert. Er hat mich als Office-Managerin eingestellt. Wobei die Position nicht vergleichbar ist mit der Struktur bei Wikimedia Deutschland, wir sind ein vergleichsweise kleines Chapter. In unserem Büro haben wir zu sechst gearbeitet, neben Anton als Chef unter anderem mit Managenden für die Bereiche Kommunikation, „Wiki Loves Monuments“, „Wiki Loves Earth“, für Bildung und Kultur sowie Buchhaltung.

Worin bestand Deine Arbeit bei Wikimedia Ukraine?

OKSANA: Ich war für die organisatorischen Abläufe zuständig, außerdem habe ich zum Beispiel Merchandise-Artikel für Vereinsmitglieder entworfen und verschickt. Ich mache auch Designarbeiten. Zuletzt haben wir Magneten mit den Gewinner-Fotos aus dem Wettbewerb „Wiki Loves Monuments“ herstellen lassen. Ein Teil meiner Arbeit war auch, Treffen mit ukrainischen Studierenden in verschiedenen Städten des Landes zu organisieren, denen wir erklärt haben, wie das Wikiversum funktioniert, die Wikimedia Foundation, die einzelnen Projekte. Zuletzt war ich zusammen mit Anton mit der Organisation einer Wikimedia-Konferenz beschäftigt, auf der wir über neue Governance-Strukturen für Wikimedia debattieren wollten. Sie hätte am 27. Februar 2022 stattfinden sollen, dazu kam es leider nicht mehr.

Wie sind die politischen Rahmenbedingungen für Freies Wissen in der Ukraine?

OKSANA: Die Regierung von Präsident Selenskyj hat ab 2019 einige Projekte von uns unterstützt. Es gab zum Beispiel das Programm „Kulturdiplomaten“, für das wir unter anderem mit dem Außenministerium zusammengearbeitet haben. Zuletzt stand der „Monat der Ukrainischen Kulturdiplomatie 2022“ auf dem Programm – ein Schreibwettbewerb, bei dem es darum ging, Artikel über die Kultur und die Menschen in der Ukraine in so vielen Sprachausgaben der Wikipedia wie möglich zu erstellen und zu verbessern. Wir hatten im Vorfeld eine Liste mit möglichen Themen aus den Bereichen Film, Musik, Theater, Literatur und Bildende Kunst erarbeitet, zum Beispiel „Die unabhängige ukrainische Filmszene“, „Ukrainische Oper“ oder „Zeitgenössische ukrainische Literatur“. Gerade nach den russischen Angriffen ist das Interesse an der Ukraine in den verschiedenen Sprachversionen stark gestiegen.

Wie sonst habt ihr versucht, neue Freiwillige für die Wikimedia-Projekte in der Ukraine zu gewinnen?

OKSANA: Wir sind, wie gesagt, eine relativ kleine Organisation mit circa 70 Mitgliedern, die meisten von ihnen und auch viele Freiwillige kennen wir persönlich und halten zu ihnen auch Kontakt, seit der Krieg begonnen wurde. Aber solche Themenmonate oder auch Themenwochen in der Wikipedia, die von Bannerkampagnen begleitet wurden, waren immer ein guter Weg, neue Ehrenamtliche zu gewinnen – oft gekoppelt an bestimmte historische Daten oder Persönlichkeiten. Zusammen mit dem Institut Polski haben wir eine Themenwoche zu Joseph Conrad veranstaltet, den die meisten als Autor von „Herz der Finsternis“ kennen. Er hat aber auch als polnischer Diplomat in der Ukraine gearbeitet. Mit dieser Themenwoche haben wir sowohl in der Ukraine, als auch in Polen neue Freiwillige gewonnen.

Für welche politischen Ziele habt ihr euch in der Zeit vor dem Krieg eingesetzt?

OKSANA: Wir haben unter anderem versucht, die Idee der Panoramafreiheit in die Gesetzgebung einzubringen – also die Forderung nach einer Einschränkung des Urheberrechts, die es Menschen ermöglichen soll, zum Beispiel bestimmte öffentliche Gebäude zu fotografieren. In vielen Fällen ist das schwierig, zum Beispiel, wenn es um Botschaften oder Konsulate anderer Länder auf dem Gebiet der Ukraine geht. Das Thema wird kontrovers diskutiert.

Wann hast Du Kiew verlassen?

OKSANA: Anfang März Kiew, Ende März die Ukraine. Ich habe in Kiew in der Nähe des Flughafens Schuljany gewohnt, der gleich am ersten Tag dieses Kriegs zerstört wurde. Das Leben in der Stadt wurde immer schwerer, es gab eine Sperrstunde, russische Soldaten sind bis in den Stadtteil Obolon vorgerückt, nicht weit von meinem Wohnort. Es waren permanent Detonationen und Sirenen zu hören. Zusammen mit einer Freundin habe ich entschieden, Kiew zu verlassen. In meine Heimatstadt zu fahren, kam nicht in Frage, weil sie in der Saporischschja-Region liegt, in der Nähe des Donbass. Wir wollten auch nicht in die Westukraine, weil bereits so viele Menschen dorthin geflüchtet waren. Also haben wir uns nach Süden orientiert, in eine Stadt nahe der Grenze zur Republik Moldau, wo die Eltern meiner Freundin leben. Aber sie haben nur eine kleine Wohnung, das war für mich keine Perspektive auf Dauer.

Konntet ihr nach Kriegsbeginn zunächst noch eure Arbeit bei Wikimedia aufrecht erhalten?

OKSANA: Nein, erst einmal nicht, zumal unser Büro sich in einem Gebäude der nationalen Rundfunkanstalt befindet, zu dem der Zugang beschränkt wurde. Selbst wenn wir gewollt hätten, wäre die Arbeit dort erstmal nicht mehr möglich gewesen. Und natürlich hatten wir alle auch zunächst andere Sorgen. Erst als der Krieg bereits eine Weile andauerte, haben Anton und einige Kollegen, die als Männer das Land nicht verlassen dürfen, die Arbeit wieder aufgenommen.

Wie hat Dich der Weg nach Berlin geführt?

OKSANA: Ich habe eine Mail an Wikimedia Deutschland geschrieben, ob ich dort arbeiten könne. Es kam auch sofort eine Antwort, dass ich willkommen sei und eine Mitarbeiterin mich in Berlin abholen könnte. Mein Plan war, mit dem Bus zur polnischen Grenze und von dort weiter nach Warschau und schließlich mit dem Zug nach Berlin zu fahren. Allerdings habe ich an der polnischen Grenze zwei Deutsche kennengelernt, die angeboten haben, mich im Auto nach Berlin mitzunehmen. Ich bin um drei Uhr morgens angekommen und wurde von Åsa Månsson abgeholt, unserer Leiterin im Team Strategie und Gremien.

An welchen Projekten arbeitest Du aktuell bei WMDE?

OKSANA: Ich bin jetzt Mitarbeitende im Bereich Kommunikation und Events, allerdings ist es wegen der Sprachbarriere schwer, selbst Projekte anzuschieben oder Ideen zu verwirklichen. Ich sehe mich als technische Mitarbeiterin, fotografiere zum Beispiel bei Events von WMDE.

Welche Wissenslücken über die Ukraine begegnen Dir in Deutschland?

OKSANA: Über unseren Unabhängigkeitstag am 24. August scheinen wenige Bescheid zu wissen – überhaupt darüber, seit wann die Ukraine nach dem Zerfall der Sowjetunion als eigenständiges Land besteht. Ein Problem ist auch, dass seit den 1990er Jahren die meisten Informationen über unser Land in russischer Sprache nach Europa gelangt sind – also mit entsprechender Einflussnahme.

Was ist in Deinen Augen gegenwärtig die wichtigste Aufgabe für Wikimedia Ukraine?

OKSANA: Das Wichtigste ist, überhaupt eine kontinuierliche Arbeit zu gewährleisten und die Projekte wieder aufzunehmen, mit denen wir vorher befasst waren. Und natürlich ist ein Ziel, die ukrainische Wikipedia zu verbessern und Artikel, die dort falsche Informationen verbreiten, zu entfernen oder zu berichtigen.

Über Oksana Rodikova

„Wissen sollte ebenso grenzenlos sein wie die Welt“, sagt Oksana Rodikova. Die 23-Jährige hat bis zum Ausbruch des Krieges für Wikimedia Ukraine gearbeitet und ist jetzt für Wikimedia Deutschland im Einsatz. In mehreren Interviews, die wir hier im Blog nach und nach veröffentlichen, erzählt Oksana mehr über ihren Weg von Kiew nach Berlin, ihre Arbeit bei Wikimedia Ukraine und wie es um das Freie Wissen in ihrer Heimat steht.

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Gemeinsam mit den anderen Partnerorganisationen im Bündnis F5 wollen wir einen Perspektivwechsel in der Digitalpolitik erreichen – für ein Mehr an Gemeinwohl, Offenheit und Transparenz. Im Dialog mit politischen Akteur*innen setzen wir uns daher für rechtliche Rahmenbedingungen ein, die den freien Zugang zu Informationen und Wissen ermöglichen. Ein Format für diesen Austausch ist das Parlamentarische Frühstück mit Politiker*innen u. a. aus dem Ausschuss für Digitales.

Open Data und Transparenzgesetz – die Themen beim Parlamentarischen Frühstück am 8. Juli

„Wir möchten Expertise aus den Organisationen des Bündnisses der Politik direkt zur Verfügung stellen und frühzeitig gemeinsam an digitalpolitischen Vorhaben arbeiten“, erkärt Lilli Iliev, Leiterin des Teams Politik und öffentlicher Sektor bei Wikimedia Deutschland. Im Fokus des Parlamentarischen Frühstücks am 8. Juli standen der im Koalitionsvertrag angekündigte Rechtsanspruch auf Open Data und das Transparenzgesetz. Den Aufschlag machte Stefan Kaufmann, Open-Data-Experte und Referent bei Wikimedia Deutschland, der die Forderungen von Wikimedia zum Rechtsanspruch auf Open Data erläuterte. Arne Semsrott von der Open Knowledge Foundation steckte mit seinem Input den Rahmen für ein gutes Transparenzgesetz ab. Und Felix Reda, Projektleiter bei der Gesellschaft für Freiheitsrechte, sprach zu rechtlichen Rahmenbedingungen für Transparenz und Open Data.

Warum es einen Rechtsanspruch auf Open Data braucht

Wir sind uns einig: Offene Daten befördern Wissensgerechtigkeit und ermöglichen ein größeres Maß an Teilhabe. Sie erhöhen die Transparenz staatlichen Handelns – und stärken damit auch das Vertrauen in demokratische Prozesse. Daher ist es höchste Zeit, dass ein umfassender Rechtsanspruch auf Open Data endlich gesetzlich geregelt wird. Wikimedia Deutschland fordert:

1. Der Rechtsanspruch auf Open Data muss auf allen föderalen Ebenen gelten

Ein individueller Rechtsanspruch darauf, dass die bei staatlichen Einrichtungen vorhandenen Daten so umfassend wie möglich verfügbar und nutzbar gemacht werden, ist überfällig und muss gegen Unterlaufen und Aufweichung geschützt formuliert sein.

2. „Open by Default“ und allgemeine Schutzregeln statt detaillierter Ausnahmetatbestände

Zugang und Nutzbarkeit müssen klar erkennbar die Regel sein, auch in der Praxis. Einschränkende Nutzungsvereinbarungen und Ausnahmen sollten eng an der Open-Data-Richtlinie der EU bleiben.

3. Maschinenlesbare Formate in auffindbarer Struktur

Um das volle Potenzial offener Daten für Zivilgesellschaft und wirtschaftliche Entwicklung auszuschöpfen, müssen die Datenpunkte gemäß des 5-Sterne-Prinzips für verlinkbare offene Daten sowohl für Menschen als auch automatisiert lesbar, auswertbar und auffindbar sein.

4. Verbandsklagerecht ermöglichen, Individuen entlasten

Analog zum Verbraucherschutz braucht es neben Klagerechten von Individuen auf Bereitstellung offener Daten auch die Möglichkeit, dass Interessenverbände der Zivilgesellschaft den Rechtsanspruch über Verbandsklagen durchsetzen.

5. Kulturwandel und Weiterbildung

Eine Kultur der Offenheit muss die Rechtssetzung flankieren. Die Bedeutung von Vorbildern und Weiterbildung muss daher institutionell berücksichtigt werden.

Ausführlicher stellen wir unsere Forderungen zum geplanten Rechtsanspruch auf Open Data in unserem Positionspapier vor:

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Die Lyrik der Wikipedia-Auskunft

17:15, Monday, 18 2022 July UTC

Menschen können auf der Wikipedia:Auskunft Fragen an die Wikipedia richten. Die Fragen sind mal banal, mal lehrreich, und manchmal hohe Poesie. Daran solltet ihr teilhaben.

Ich stelle mich auf, Brust nach vorne, Kinn nach oben, räuspere mich noch einmal und deklamiere:

Honda Motorrad,
6-Zylinder,
6 Vergaser,
Blockmotor quer,
luftgekühlt.

Alle Daten fehlen!
Keine Daten vorhanden.
Warum?

Die Frage stammte von einer nicht angemeldeten Person, die am 17. Juli um 16:19h mit der IP 2003:D4:2713:1F50:F120:9BAE:47CF:6C2A unterwegs war.

Beitragsbild: 2016-08-05 Tokaido Seki Juku Kameyama City Mie,東海道五十三次 関宿 DSCF6949☆ von: 松岡明芳 Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Internationaler Museumstag 2022

08:15, Friday, 01 2022 July UTC

„Die Vielfalt, die wir als Wikimedia-Bewegung anstreben, hat sich in diesem Jahr wie noch nie in der Beteiligung am Internationalen Museumstag widergespiegelt – in jeder Hinsicht“. Diese Bilanz zieht Raimund Liebert, der die Leitung Programme bei Wikimedia Österreich innehat. 

Der Internationale Museumstag (IMD), der bereits seit 1977 vom International Council of Museums (ICOM) ausgerichtet wird, hat schon 2020 und 2021 einem Zusammenschluss von Wikimedia-Vereinen Anlass gegeben, Freiwillige weltweit dazu aufzurufen, die Sichtbarkeit von Museen in den Wikimedia-Projekten zu erhöhen. In diesem Jahr aber ist der Kreis der beteiligten Chapter über Deutschland, Österreich, CH, Frankreich und Italien deutlich hinausgewachsen: Wikimedia-Vereine und Usergroups aus 27 Ländern haben sich erstmals an den Aktionen rund um den IMD beteiligt. Darunter Indonesien, Chile, Westbengalen, Benin, Botswana oder Ruanda. „Wir sind eine weltweite Bewegung, insofern ist es nur konsequent, die Zusammenarbeit nicht nur auf die etablierten europäischen Vereine zu beschränken“, so Liebert. 

Bereitschaft zum Support

Bedingung der erfolgreichen Zusammenarbeit war freilich auch die Bereitschaft zum gegenseitigen Support. Wie in den vergangenen Jahren war ein Herzstück des Aufrufs zur Inhaltserstellung wieder ein Wikidata-Wettbewerb – mit dem Ziel, die Daten über Museen in Wikimedias Datenbank zu vermehren und zu verbessern, seien es Geo-Koordinaten, Adressen, Informationen zu Personen, Objekten oder Ereignissen. Als Preise für die Beitragenden waren Buchpakete – einlösbar in den Onlineshops von teilnehmenden Museen – in Höhe von 150 Euro ausgelobt. Wikimedia-Vereine, denen die Mittel dafür fehlten, bekamen Unterstützung von anderen Chaptern, oder dem Volunteer Supporters Network – ein Verband von Menschen, die in Wikimedia-Organisationen weltweit arbeiten und in der Freiwilligen-Unterstützung tätig sind. Entsprechend konnten alle teilnehmenden Vereine lokale Wettbewerbe für Museen in ihrem Land oder ihrer Region ausrichten.

Die Resonanz war beachtlich. Allein 305 Wikidatians haben beispielsweise zu Museen in Westbengalen beigetragen. Das heißt nicht, dass sie alle von dort stammen. Jede*r Freiwillige kann zu Museen weltweit Inhalte erstellen. Ein interaktiver Museumskartendienst – zur Verfügung gestellt von Wikimedia CH – bietet dabei Orientierung, wo besonderer Bedarf besteht. Auf diesen Karten aller teilnehmenden Länder wird per Klick ersichtlich, wie viele Informationen über eine Kulturerbe-Institution (auch Archive oder Burgen sind verzeichnet) bereits in den Wikimedia-Projekten Wikipedia, Wikidata und Wikimedia Commons vorhanden sind. Insgesamt aber sieht Raimund Liebert bestätigt, „dass gerade im sogenannten globalen Süden eine große Bereitschaft bestand, sich zu beteiligen und zu engagieren“. 

Mehrwert für die Museen

Ein Erfolg, der sich auch in Zahlen messen lässt: Knapp tausend Menschen haben an Wikidata-Wettbewerb teilgenommen, über die Hälfte von ihnen hat sich eigens für diesen Zweck ein neues Benutzerkonto in den Wikimedia-Projekten angelegt. Die Banner-Kampagne wurde weltweit über 2,3 Millionen Mal geklickt, 86.108.434 Bytes sind den Wikidata-Items über Museen hinzugefügt worden. 

Einer, der dazu beigetragen hat, ist Benutzer Wuselig, langjähriger Wikipedianer aus Deutschland, der inzwischen auch zu schätzen weiß, „was Wikidata uns als Handwerkszeug mitgibt“. Wuselig hat sich als passionierter Fotograf von Museumsobjekten auf eine Institution konzentriert – das Diözesanmuseum Rottenburg – und über 100 Objekte aus deren Sammlung mit Wikidata-Items verknüpft. Was ihm einen dritten Platz beim Wettbewerb in Deutschland eingebracht hat. Der Wikipedianer ist begeistert davon, wie Wikidata hilft, die Beschreibung eines hochgeladenen Bildes zu verbessern – durch Verknüpfungen mit bestehenden Einträgen, die Einordnung der Objektart und des Genres, nicht zuletzt die Mehrsprachigkeit. Schließlich werden in der Datenbank Begriffe automatisch in allen Sprachen eingespielt, die von den Wikidata-Freiwilligen weltweit gepflegt werden. Ein Nebenprodukt dieser akribischen Sammlungsbeschreibung ist, dass auch Provenienzen und ältere Sammlungen – Wuselig nennt etwa Hirscher, Dursch, Abel, Boisserée oder Solly – wieder dargestellt und in Zusammenhang gebracht werden können.

„Wir schaffen auf diese Weise auch für die Museen einen Mehrwert“, ist er überzeugt, „indem wir ihre Bildbeschreibungen mit viel mehr verknüpfbarer Hintergrundinformation versehen“.

Das sieht auch Frank von Hagel so, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Museumsforschung in Berlin. „Wikidata ist eine Stelle, die immer spannender wird, gerade wenn Museen online gehen und sich vernetzen wollen, sei es untereinander, oder mit anderen Kultureinrichtungen“. Als Knotenpunkt beschreibt er Wikidata, wo die Verknüpfung mit anderen Datenbanken ebenso möglich werde „wie der gezielte Lookup mit dem eigenen Datensatz, die Suche beispielsweise nach allen in Wikidata verfügbaren Informationen zu einer bestimmten Person“, beschreibt von Hagel. „Das führt dazu, dass gerade kleine Museen zu sehr komplexen Datenlieferungen befähigt werden“. 

Gemeinsam stärker

„The Power of Museums“ – mit diesem Motto hat ICOM den Internationalen Museumstag 2022 überschrieben. In Deutschland, wo der Deutsche Museumsbund (DMB) den Aktionstag bundesweit zusammen mit den einzelnen Museumsverbänden und -ämtern der Länder durchführt, lautete es: „Museen mit Freude entdecken“. In den Augen von Ksenia Weber, die als Projektverantwortliche für den DMB den Internationalen Museumstag koordiniert, war der Titel Programm: „Über 1750 Museen in Deutschland haben teilgenommen, es gab rund 4500 analoge und digitale Aktionen“. Auch die Zusammenarbeit mit WMDE im Rahmen des Museumstages bewertet sie durchweg positiv: „Gemeinsam ist man stärker, wir können auf verschiedenen Ebenen Synergien erzeugen“.

Bereichernd war für Weber in diesem Zusammenhang auch eine GLAM-digital-Veranstaltung, die Holger Plickert für WMDE mit Vertreter*innen von Museumsfachverbänden und Freiwilligen initiiert hat: „Die Ehrenamtlichen hatten sehr praktische Vorschläge, wie sich gemeinsam die Sichtbarkeit von Museen in den Wikimedia-Projekten erhöhen ließe“. Insgesamt brauche es mehr Bereitschaft der Institutionen, aktiv ihr Wissen zu teilen.

Blicke über den Tellerrand

„Es gibt immer noch Bedarfe von Museen, sich überhaupt auf Wikipedia und anderen Wikimedia-Projekten zu präsentieren“, gibt Felicia Sternfeld zu bedenken, Vorstand von ICOM Deutschland. Dass sie von der Sichtbarkeit profitieren könnten, ist für Klaus Staubermann – Geschäftsführer und Generalsekretär von ICOM Deutschland – keine Frage: „Die Reichweite von Wikimedia übertrifft diejenige der Museen bei weitem“. ICOM etwa habe 50.000 Mitglieder weltweit, 6000 davon in Deutschland, was annähernd der Zahl der Museen hierzulande entspreche – im Vergleich zu der Community der Wikimedia-Nutzenden eine geringe Größe. Schon insofern ergebe es für die Gedächtnisinstitutionen Sinn, mit Wikimedia „sowohl über gemeinsame digitale, als auch über Präsenzformate nachzudenken“.  

Die Zusammenarbeit zwischen ICOM und Wikimedia funktioniere dabei hervorragend, findet Kerstin Sonnekalb, Outreach & Communication Managerin von Wikimedia CH – und das nicht nur im Rahmen des Internationalen Museumstages. Gemeinsam wurde beispielsweise auch ein Aufruf an die internationalen Wikimedia-Communities gestartet, bedrohte Kulturgüter aus Afghanistan zu schützen. „Generell sollten wir über unseren Tellerrand schauen und dazu beitragen, dass in allen Teilen der Welt Kulturgüter in den Wikimedia-Projekten zur Verfügung gestellt werden können“, so Sonnekalb. Anlässlich des Internationalen Museumstages hat Wikimedia CH die Wikipedia-Usergroup aus Benin mit einem Microgrant – einem Sponsoringbeitrag – unterstützt. Genutzt wurde der für eine „Benin Museum Tour“ mit Workshop und Editathon.

Über Grenzen hinweg

„Der Internationale Museumstag hat gezeigt, dass die Zusammenarbeit über Grenzen hinweg funktioniert“, schließt Raimund Liebert von Wikimedia Österreich.

Dem stimmt auch Candy Tricia Khohliwe zu, langjährige Wikimedianerin aus Botswana. Sie hat mehrfach Events wie den Fotowettbewerb „Wiki Loves Africa“ geleitet, einen „Art and Feminism“-Editathon, engagiert sich für „Wiki Loves Women“. In Botswana, sagt sie, gebe es weniger als 10 Museen – mit bis dato wenig Sichtbarkeit in den Wikimedia-Projekten. Sie selbst hat den Internationalen Museumstag 2022 genutzt, um an einem Wikidata-Training teilzunehmen, zuvor war sie hauptsächlich in Wikipedia und WikiQuote (ein freies Kompendium von Zitaten in allen Sprachen der Welt) aktiv. „Wikidata ist als Plattform sehr andockfähig für Menschen, die beitragen möchten“, findet Khohliwe, sie will sich dort in Zukunft mehr engagieren. Ein konkretes Projekt hat sie auch schon im Sinn: „Ich möchte eine Session über Frauen auf Wikidata starten und ihre Sichtbarkeit erhöhen“.

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Wir waren dieses Jahr mit WikiAhoi wieder bei der SMWCon dabei. Die Konferenz zu Semantic MediaWiki findet zweimal pro Jahr statt, im Frühling in Nordamerika und im Herbst in Europa. Letztes Jahr waren wir schon in Wien dabei und dieses Jahr gings ins herbstlich-sonnige Barcelona. In freundlicher, persönlicher Atmosphäre wurden technische Neuigkeiten, innovative Projekte und besondere Anwendungsfälle besprochen. Wir möchten Sie an den wichtigsten Neuerungen teilhaben lassen.

Neuigkeiten aus der Semantic MediaWiki-Welt

Semantic Forms (Version 3.4 September 2015) hat sich mittlerweile als eigenständige Erweiterung etabliert und ist nun technisch nicht mehr von der Grunderweiterung Semantic MediaWiki abhängig. Weitere wichtige Änderungen:

  • Statt den Spezialattributen werden nun ParserFunctions eingesetzt.
  • Kartenbasierte Eingabeformate (Google Maps, Open Layers) sind nun möglich – diese werden nur eingesetzt, wenn Semantic Maps nicht vorhanden ist.
  • Weiters wird nun Cargo unterstützt, es lassen sich in Formularen auch Eingabeformate und die Autovervollständigungsfunktion aus Cargo nutzen.
  • Dazu kann man nun auch „mapping“-Werte hinterlegen, das sind andere Werte, als auf der Seite angezeigt werden.
  • Ein neuer Parameter erlaubt es, nur einzigartige Werte speichern zu lassen.
  • Alle roten Links können nun mit einer einzelnen Einstellung auf eine Formularauswahlliste weitergeleitet werden.

Die MediaWiki Stakeholder’s Group nahm die Konferenz zum Anlass, um weitere Schritte zu besprechen: Ziel der Gruppe ist die Koordination und die Kommunikation mit Wiki-Nutzern in Unternehmen, die Unterstützung von Entwicklern und Administratoren und die offizielle Kommunikation mit der Wikimedia Foundation. Wikipedia hat etwas andere Ziele als einzelne Drittnutzer der Software MediaWiki. Es geht also stark darum, die Interessen der Nutzer von Wiki in Unternehmen zu vertreten und in der Weiterentwicklung der Software voranzutreiben.

Interessante neue semantische Erweiterungen gibt es zu Breadcrumbs, Zitaten, Sprachenlinks und Metatags:

Und warum „eine Konferenz mit Folgen“? Diese Konferenz hat Folgen auf mehreren Ebenen: Wir haben persönliche Kontakte für Zusammenarbeit und Austausch geknüpft, es wurden Ideen beflügelt und Inspirationen für neue Projekte ausgetauscht, die Motivation wieder gestärkt, das Projekt MediaWiki als Ganzes voranzubringen und nicht zuletzt viele Features und Software-Änderungen besprochen, die in der Regel meist recht schnell umgesetzt werden. Die Konferenz war somit ein voller Erfolg.

Die Konferenz fand von 28.–30.10.2015 in Barcelona statt, in der schönen Fabra i Coats Kunstfabrik im Stadtteil Sant Andreu. Knappe 40 Teilnehmer nahmen an einem Tutorial- und zwei Konferenztagen teil.

Ein wichtiges Ergebnis der im Februar stattgefundenen Konferenz “Building Europe’s Digital Sovereignty” war die Erklärung zur Gründung einer Arbeitsgruppe zur Unterstützung der Entwicklung digitaler Gemeingüter innerhalb der Europäischen Union. Inzwischen haben neunzehn Mitgliedstaaten diese Erklärung unterzeichnet.

Wikimedia Frankreich und weitere Akteur*innen der digitalen Zivilgesellschaft haben an Treffen der Arbeitsgruppe teilgenommen und stimmen überein: Der digitale Raum darf nicht von profitorientierten Plattformen dominiert werden. Dafür braucht es eine starke digitale Allmende als Gegengewicht. Die EU muss deshalb Maßnahmen zur Förderung einer starken und vielfältigen digitalen Zivilgesellschaft innerhalb Europas ergreifen, die auf digitale Gemeingüter zurückgreifen kann und nicht von den kommerziellen Angeboten der großen Tech-Firmen abhängig ist. 

Mehrere Vertreter*innen der digitalen Zivilgesellschaft haben sich zusammengeschlossen und eine gemeinsame Erklärung verfasst, wie die digitale Allmende in Europa gestärkt und strategisch gefördert werden kann. Im Kern beinhaltet die Erklärung folgende Forderungen:

1. Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen

Digitale Gemeingüter müssen von Anfang an bei Gesetzesvorhaben mitgedacht und angemessen berücksichtigt werden.

2. Zusammenarbeit und Koordinierung der zivilgesellschaftlichen Akteur*innen innerhalb des Ökosystems der digitalen Allmende

Die Arbeitsgruppe muss die Zusammenarbeit und Koordinierung mit den Akteur*innen der digitalen Zivilgesellschaft aktiv unterstützen. Wachstum und Resilienz der digitalen Allmende müssen auf der Basis von Innovationen und Interoperabilität unterstützt und Lücken geschlossen werden.

3. Einrichtung einer europäischen Finanzierung

Es bedarf einer europäischen Finanzierung, um öffentliche digitale Infrastrukturen, die auf den Prinzipien der digitalen Allmende basieren, aufzubauen. Dazu gehört auch die Unterstützung von Open-Source-Lösungen, kooperativen Plattformen und anderen Projekten. Die Finanzierung muss nachhaltig sein und von den Akteur*innen der digitalen Zivilgesellschaft mitgestaltet werden.

4. Abhängigkeiten von außereuropäischen Akteur*innen vermeiden

Gewährleistung einer europäischen oder multiregionalen Governance-Struktur der digitalen Gemeinschaftsgüter, um Abhängigkeiten von außereuropäischen Akteur*innen zu vermeiden.

5. Partnerschaften zwischen öffentlicher Hand und Institutionen der digitalen Allmende

Die öffentliche Verwaltung muss in ihrer Funktion als wichtige Nutzerin und Mitwirkende an den digitalen Gemeingütern unterstützt werden.

Unterzeichnende Organisationen der Erklärung:

Association Vikidia

Clever Cloud

Collectif pour une société des communs

COMMUNIA

Europeana Foundation

Framasoft

Free Knowledge Advocacy Group

Mobicoop

OpenFisca

Open Food Facts

Open Future

OpenStreetMap

Open Terms Archive

Tela Botanica

Wikimedia Deutschland

Wikimédia France

Wikimédia Suisse

XWiki SAS

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WikiPRedia

17:31, Tuesday, 23 2021 November UTC

Die deutschsprachige Wikipedia-Community versucht wieder einmal, die Regeln zum bezahlten Schreiben zu verschärfen. Das Thema wabert ungelöst seit Jahren durch das Wikiversum. Und auch dieses Meinungsbild ist ein notwendiger Schritt voran. Aber der Weg ist noch weit. Der beste Kommentar meinerseits wäre die Komposition eines Quartetts für Singende Säge, Bassdrum, Cembalo und Spottdrossel.

Aber ich kann nicht komponieren. Deshalb kommt das Nächstbeste: ein Gedicht.

Wikipredia

Die Regeln
existieren und doch nicht
nach Mondstand

Die Ethik
absolut seit Anbeginn
nein denn ja

Die Praxis
gesperrt verworfen gelöscht
freigeschaltet

Wikipredia
Darwinismus der Agenturen
Überleben des Dreistesten

Allein mit der Madonna zum Hasen

19:49, Thursday, 30 2021 September UTC

Darmstädter Madonna
Hans Holbein der Jüngere, 1526/1528
Öl auf Nadelholz (?), 146,5 × 102 cm
Sammlung Würth, Johanniterhalle (Schwäbisch Hall)

Wikipedia-KNORKE erwähnte ich ja an dieser Stelle schon einmal. Berliner Wikipedianerinnen und Wikipedianer treffen sich und erkunden zusammen eine ihnen unbekannte Gegend. Soweit so üblich. Diesmal jedoch gab es etwas besonderes: Auf ins Museum!

In Berlin gastiert gerade die Darmstädter Madonna, ein 1526 entstandenes Gemälde von Hans Holbeim dem Jüngeren. Diese Madonna hat eine bewegte Lebens- und Reisegeschichte, ist eines der bedeutendsten deutschen Gemälde des 16. Jahrhunderts und kann Menschen auch über Jahre faszinieren. Wunderbar, wenn man eine kundige Bilderklärung der Autorin des exzellenten Wikipedia-Artikels dazu bekommt.

Wir trafen uns einige Minuten vor der Öffnung in kleiner Gruppe vor dem Bode-Museum und konnten - da alle Anwesenden über eine Jahreskarte verfügten - auch sofort zur Madonna und zur Sonderausstellung "Holbein in Berlin" begeben. Der Raum war noch leer, die Museumswachmannschaft ließ freundlicherweise die leise aber engagiert redende Gruppe gewähren. Ein einziger Saal, in dessen Mittelpunkt die Madonna hängt. Links davon einige Holbein-Teppiche, ansonsten weitere Bilder und Zeichnungen von Holbein, Inspiratoren und andere Madonnen. Nicht überladen, sinnvoll aufbereitet und mit einem klaren Konzept - eine der besseren Kunstausstellungen.



Und dann ging es los: Es begann mit Schilderungen von der bewegten Entstehungszeit zur Zeit des Basler Bildersturms im Auftrag des Basler Ex-Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen. Die Aussage des Bildes traditioneller Marienfrömmigkeit in Zeiten der Reformation war Thema, ebenso natürlich wie der Teppich und seine Falte. Wir staunten über die Eigentümlichkeit, dass sich niemand auf dem Gemälde eigentlich anschaut und wurden über dden Unterschied zwischen Schutzmantelmadonnen und Stifterbildern aufgeklärt. Vermutungen tauchten auf, wo das Bild wohl im Original hing - vermutlich in der Martinskirche als Epitaph - und wir verfolgten gedanklich seine Wanderung aus Basel über den Grünen Salon im Berliner Stadtschloss bis hin zum Hause Hessen und das Frankfurter Städelmuseum bis hin zum spektakulären Verkauf an die Privatsammlung Würth. Die Meinungen über die Sammlung Würth in der Gruppe waren durchaus geteilt, ebenso wie die richtige Benennung des Bildes: ist es nun eher die Darmstädter Madonna oder eher die Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen?

Über die Darmstädter Madonna ging es dann zur Dresdner Madonna und einem der prägenden Momente deutscher Kunstgeschichte: dem Dresdner Holbeinstreit. Im 19. Jahrhundert wurde es den Menschen bewusst, dass es zwei fast identische Holbein-Madonnas gab und nur eine die echte sein konnte. In einer großen Ausstellung, unter lebhafter Anteilnahme der Öffentlichkeit und erregten Debatten der Experten entschieden sich die Kunsthistoriker schließlich für das Darmstädter Gemälde. Eine Sensation,  da die Kunstkennerschaft vorher felsenhaft von der Originalität des Dresdner Gemäldes ausging. Hier zeigte sich erstmals das Bemühen, um eine rein sachlich, objektive Abwägung der verschiedenen Gesichtspunkte - der Dresdner Holbeinstreit ist einer der Ausgangspunkte um die Kunstwissenschaft als Wissenschaft zu etablieren. Und - wie sich später herausstellte - lag die Kunstwissenschaft auch in diesem ihren Anfangsurteil richtig; sämtliche mittlerweile vorhandenen naturwissenschaften Verfahren die Darmstädter Madonna als die originale der beiden bestätigten.

Erkenntnisse am Rande: eine weitere Kopie des Gemäldes (beziehungsweise eine Kopie der Kopie - es stellt aus unerfindlichen Gründen das Dresdner Exemplar dar) hat sich in das Set des James-Bond-Filmes "Man lebt nur zweimal verirrt".

Hans Holbein der Jüngere: Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London, 1532. Eichenholz, 96,3 × 85,7 cm. Gemäldegalerie Dahlem der Staatlichen Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz

Und nachdem wir dann auch noch gerätselt hatten, wer die beiden Knaben unterhalb der Madonna sind, den verschwundenen Haaren der Tochter nachspürten und weiter über den Teppich in der Renaissancemalerei sinniert hatten, kamen wir dann nach knapp einer Stunde noch zu Georg Giesze. Giesze (auch Georg Giese) ist Titelheld in einem anderen Holein-Hauptwerk, das praktischerweise fünf Meter weiter links hing. Wieder mit Teppich und nun auch noch mit Glas, Metall, Bücherregalen und Briefen. Gedanklich begleitete wir Holbein dann weiter von Basel nach Antwerpen und London. Mittlerweile hatte sich der Raum etwas gefüllt. Nachdem wir dann noch den Weg aus dem Museum gefunden hatte (wie immer im Bodemuseum nicht ganz einfach und jedes mal findet man zwischendurch neue Säle) folgte noch ein erschöpfter Abschlusskaffee.

Eine Stunde fast allein mit der Madonna. Und immer noch Neues zu entdecken.

Wen wählen in das Board der Wikimedia Foundation?

21:03, Friday, 20 2021 August UTC

Vorweg, für die Eiligen

Meine Wahlvorschläge

  • Top 4: Douglas Ian Scott, Iván Martínez, Adam Wight, Dariusz Jemielniak
  • Top 8: Rosie Stephenson-Goodknight, Lorenzo Losa, Farah Jack Mustaklem, Gerard Meijssen
  • Wählbar: Reda Kerbouche, Pavan Santhosh Surampudi, Ravishankar Ayyakkannu

Wichtige Links

Vote now für das Wikimedia-Board

Für die nicht so Eiligen

Über den Dächern, Türmen und Gasometern Westberlins senkte sich die Abendsonne. Ich stand auf den Zinnen des Ullstein Castles und sinnierte. Direkt unter mir Straßentreiben, Sirenen, betrunkene Jugendliche, ein Ausflugsboot auf dem Teltowkanal, radelnde Ausflügler überquerten die Stubenrauchbrücke.

In der Ferne betrachtete ich die Türme des Spitzenlastheizkraftwerks Lichterfelde, der Sendeturm auf der Marienhöhe, den BfA-Büroturm und den ehemaligen Wasserturm im Naturpark Schöneberger Südgelände. Heute Nacht auf dem Heinweg: Welchen Weg sollte ich wählen? Unten, im Süden, über den Prellerweg vorbei am Sommerbad am Insulaner? Die Nordvariante über den Tempelhofer Damm und durch die Kopfsteinpflaster Tempelhofs? Oder die Mittelweg, mit Erklimmen der Höhe am Attilaplatz und später über den Ikea-Parkplatz? So viel zu wählen.

Wahlen spukten in meinem Kopf herum. Da war die Mitgliedsversammlung unseres Dauergartenvereins. Die Vorstandswahlen dort sollten wahrscheinlich, hoffentlich, unspektakulär verloren. Aber die Anträge. Wenn ein einzelnes Mitglied auf einem A4-Blatt 40 verschiedene Anträge stellt, richtig ernsthaft, dann verspricht das Unterhaltung.

Die Bundestagswahl: Auf dem Weg zum Ullstein Castle passierte ich zahlreiche Bundestagstagswahlplakate: den unlesbaren Blob der Grünen in Tarnfarbenoliv, die bildhaft dargestellte Biederkeit der Berliner SPD, zahlreiche Kleinparteien von Team Tödenhöfer über Volt bis zur Tierschutzpartei. Und so sehr es mich schmerzte das zu sagen: Das Plakatgame gewannen bisher die CDU und ihr Wahlkreiskandidat Jan-Marco Luczak. Sowohl optisch – als auch damit, überhaupt inhaltliche Aussagen fern von Plattitüden zu machen.

Vor allem aber war ich innerlich bei einer ganz anderen Wahl. Die Wikimedia Foundation wählte und wählt ihr Board, auf Deutsch das ehrenamtliche Präsidium der Wikimedia Stiftung. Die Wikipedia steht meinem Herzen näher als der Bundestag und selbst als der Dauergartenverein. Aber die Board-Wahlen erfordern merh Gedanken. Diese Gedanken bedurften des Kontextes.

Was ist die Wikimedia Foundation?

Die Wikimedia Foundation (WMF) ist die Betreiberin der Wikimedia-Projekte wie zum Beispiel der Wikipedia aber auch Wikimedia Commons und Wikidata. Die Foundation hostet die Server, stellt die Technik, ist am Ende rechtlich dafür verantwortlich was in den Wikipedien passiert. Dafür hat die Foundation derzeit etwa 450 Angestellte, ein Endowment von 90 Millionen Dollar und hatte 2020 Jahreseinnahmen von 127 Millionen US-Dollar.

Wo genau die Grenzen zwischen dem Einfluss der Wikimedia Foundation und den Communities liegen, ist umstritten. Letztlich kann die Foundation alles ändern und machen in den Projekten. Sie ist meistens weise genug, es nicht zu tun. Insbesondere schreiben keine Foundation-Mitarbeiter*innen in ihrer Arbeitszeit Artikel oder legen Inhalte in den Projekten an.

Die Foundation ist eine Organisation eigener selbstgenügsamer Vollkommenheit. Sie hat keine Mitglieder und ist – rechtlich – niemand rechenschaftspflichtig. Das Board besetzt sich prinzipiell aus sich selbst heraus. Es hat entschieden die Hälfte der Sitze Wahlen der weltweiten Wikip/media-Communities besetzen zu lassen zu lassen.

Was ist das Board of Trustees?

Das Board of Trustees ist das ehrenamtliche Aufsichtsgremium der Foundation. Es hat derzeit 16 Sitze. Davon steht einer Jimmy Wales als Gründer zu, sieben Sitze besetzt das Board selber, acht Sitze werden durch eine weltweite Communitywahl bestimmt.

Nun ist allein aus den Worten „ehrenamtlich“ und „weltweit / 450 Mitarbeiter / 127 Millionen Dollar Einnahmen“ klar, dass das Board eine abstrakte Leitungsposition einnimmt. Alleine, einen Überblick über so eine Organisation zu behalten, ist eine Mammutaufgabe. Dieser Organisation noch Vorgaben zu machen und sie in eine bestimmte Richtung zu lenken, eine Herausforderung.

Die Gefahr, in Detailinformationen zu ertrinken oder sich hoffnungslos im Alltagsgeschäft zu verfangen, ist groß. Seiner Aufgabe nach, beaufsichtigt das Board, was die Vollzeitkräfte machen und besetzt die Geschäftsführung.

Was zur Zeit ein besonderer Job ist: Die Geschäftsführerin der Foundation Catherine Maher verschwand im April 2021 überraschend. Der Posten ist seitdem unbesetzt. Ebenso wie sich die Chief Operations Officer im Jahr 2021 verabschiedete, die Abteilungen Communication und Technology auch niemand im Vorstand haben. Auf dem Schiff besetzt nur eine Notbesatzung an Offizier*innen die Brücke. Dem Board obliegt es derzeit, dieses Führungsvakuum schnell und kompetent zu beenden.

Welche Kriterien habe ich?

Grundsätzlich sollte jede*r Kandidat*in zwei Kriterien erfüllen. Sie sollte meine inhaltlichen Ziele teilen. Und sie sollte in der Lage sein, sich in einem ehrenamtlichen Job gegen eine komplette Organisation aus Vollzeitangestellten zu behaupten. Oft genug stehen bei solch ehrenamtlichen Gremien Kandidat*nnen zur Wahl, bei denen ich denke „Will Schlechtes, aber wird das erreichen“ und „Will Gutes, ist aber planlos. Am Ende werden die Hauptberuflichen machen was sie wollen. Oder es gibt Chaos.“

Angesichts der bewegten Zeiten, in denen wir leben; angesichts der latenten Führungslosigkeit der Foundation derzeit, möchte ich Kandidat*innen, die sich durchsetzen können. Kandidat*innen, die nach Möglichkeit die US-Zentrik der Foundation aufbrechen können. Ich möchte Kandidat*innen, die verstehen, dass Wikip/media keine allgemeine Weltbeglückungsorganisation ist, sondern sehr spezifische Sachen sehr gut durchführt – und andere überhaupt nicht kann. Es bringt nichts, sich auf allgemeine Weltbeglückungsziele zu stürzen, die weder die Foundation noch die Communities umsetzen können.

Wählenswert: Adam Wight. Bild: Recent selfie. Von: Adamw Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Welche Kandidaten?

Insgesamt stehen 19 Kandidat*innen zur Auswahl, die um vier Plätze streiten. Dabei sind Wikimedia-Urgesteine ebenso wie Newbies, viele Männer, mir auffallend viele Inder, viele Kandidat*innen mit NGO-Hintergrund, kaum eine*r, der/die fortgeschrittene IT-Kenntnisse hat.

Die Urgesteine

Dariusz Jemielniak – Professor of Management, daueraktiv auf allen Ebenen und vielleicht der einzige Mensch, der intellektuell versteht wie Wikipedia funktioniert.

Rosie Stephenson-Goodknight – WikiWomensGroup, Women in red, you name it. Bei überraschend vielen der Wikipmedia-Genderaktivitäten, die funktionieren, ist Rosie Stephenson-Goodknight beteiligt.

Gerard Meijssen – gefühlt war Gerard schon Wikipedianer bevor es Wikipedia gab. Vielleicht der spannendste Autor des Meta-Wikiversums und ein Chaot.

Mike Peel – langjähriges Mitglied des Funds Dissemantion Committees. (FDC) Hat bei mir in der Rolle durchgehend einen schlechten Eindruck hinterlassen.

Ravishankar Ayyakkannu – Mr. Tamil Wikipedia, der seinem Resumee zufolge seit 2005 in der Community und mit externen Partnern (wie Wikipedia Zero, Google) zusammenarbeitete. Gewinnt bei mir Diversitätspunkte, weil er nicht nur aus dem Global South stammt, sondern auch Ausbildung und Berufstätigkeit dort durchführte.

Wählenswert: Dariusz Jemielniak Bild: Dr. Dariusz Jemielniak – Wikimedia Foundation Board von: VGrigas (WMF) Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Im Wikiversum aktiv


Reda Kerbouche – Aktiv bei Wikimedia Algeria, Founding member der Wikimedia of Tamazight User Group. Lebt in Europa.


Lorenzo Losa – Ex-Vorsitzender von Wikimedia Italia.


Farah Jack Mustaklem
– Software Engineer, einer der wenigen Kandidaten mit Ahnung von Software. Aktiv bei den Wikimedians of the Levant und der Arabic language User Group. Mir persönlich zu sehr USA-sozialisiert für eine Board-Mitgliedschaft, andererseits sicher in jeder Hinsicht kompetent.

Douglas Ian Scott – Präsident von Wikimedia South Africa, Organisator der Wikimania 2018 und einziger Kandidat, den ich dank eines langen Wartepause am Kofferband irgendeines Wikimania-Flughafens persönlich besser kennenlernte – und begeistert war.

Iván Martínez – langjährig engagiert bei Wikimedia Mexiko, LGBTQ+-Aktivist und soweit ich hörte, das Wikiversum Lateinamerika ist begeistert von ihm.

Pavan Santhosh Surampudi – Community Manager at Quora. Versteht also vermutlich professionell etwas von Communities.

Adam Wight – Programmierer, Ex-Angestellter und WMF und WMDE und neben Gerard der Vertreter des Ur-basisdemokratischen, selbstorganisierten und Gegen-Informationsmonopole-Geistes des frühen Movements.

Vinicius Siqueira – in Wiki Movimento Brasil

Newbies

Es kann sich hierbei um langjährige und erfahrene Wikipedianer*innen handeln, die im kleinen Rahmen auch Projekte oder Gruppen organisiert haben. Erfahrungen in oder mit größeren Organisationen im Wikiversum fehlt vollkommen.

Lionel Scheepmans
Pascale Camus-Walter
Raavi Mohanty
Victoria Doronina
Eliane Dominique Yao
Ashwin Baindur

Wen werde ich wählen?

Leute, die sich durchsetzen können, und die auch die Grenzen des Wikiversums sinnvoll einschätzen können. Perspektiven auf das Leben, anders aussehen als „in US-NGOs sozialisiert“ werden bevorzugt.

Die Top 4

  • Douglas Ian Scott
  • Iván Martínez
  • Adam Wight
  • Dariusz Jemielniak

Top 8

  • Rosie Stephenson-Goodknight
  • Lorenzo Losa
  • Farah Jack Mustaklem
  • Gerard Meijssen

Wählbar

  • Reda Kerbouche
  • Pavan Santhosh Surampudi
  • Ravishankar Ayyakkannu

Wer wird wählen

Es wählen alle Menschen, die vage aktive Accounts in einem Wikimedia-Projekt haben. Die Bedingungen dafür sind niedrig angesetzt. Für Autor*innen ist es nötig 300 Bearbeitungen zu haben, kein Bot zu sein und höchstens in einem Projekt gesperrt zu sein. Die Bedingungen für die Board-Wahlen sind somit einfacher zu erfüllen als die Bedingungen zum Sichten in der deutschen Wikipedia. Die Kriterien mussten am 5. Juli 2021 erfüllt sein. Es hilft nicht, jetzt noch schnell zu editieren.

Das Wahlsystem

Es gilt das Präferenzwahlsystem. Dieses wird weltweit von einschlägigen Fachleuten als besonders fair bezeichnet. Es verzerrt den Wählerwillen weniger als viele andere Wahlsysteme. Praktisch wird es allerdings nur selten eingesetzt. Die bekannteste Wahl mit Präferenzwahl in letzter Zeit war die Bürgermeister*in-Wahl in New York, New York.

Bei Wahlsystem nummeriert man „seine“ Kandidat*nnen nach Präferenzen. Die beste Kandidatin bekommt eine Eins, der Kandidat danach eine zwei und so weiter. Hält man keine Kandidatin mehr für geeignet, hört man auf zu nummerieren.

Bei der Wahl werden in der ersten Runde alle Präferenzen mit „1“ gezählt. Ein Kandidat hat am wenigsten davon. Dieser scheidet aus. Von allen „1“-Wählerinnen des Kandidaten werden nun die „2“-Präferenzen seiner Wählerinnen auf die entsprechenden weiteren Kandidaten verteilt. Und so weiter, bis nur noch so viele Kandidatinnen übrig sind, wie es Plätze zu besetzen gilt.

Zur Wahl

Geht es hier.

Beitragsbild: Die Apostel wählen einen zwölften Zeugen als Ersatz für Judas. Aus dem Rabbula-Evangeliar.

Wiki Loves Jules Verne. Mit Wikipedia in Braunschweig.

08:28, Tuesday, 17 2021 August UTC


Mensch-Maschine Braunschweig


Im ICE ist Deutschland. Der Zug fährt ein und hält. Das Schild am Gleis behauptet tapfer „Zugdurchfahrt“. Die Türen lassen sich öffnen. Am Zug steht nichts geschrieben, außer Wagennummern, die nicht zu den Reservierungen passen. Das Publikum bleibt irritiert. Etwa die Hälfte der Anwesenden geht in den Zug und bleibt im Wageninnern ratlos stehen. Die andere Hälfte steht ratlos am Bahnsteig. 

Schließlich: Lichter gehen an. Der Zug verkündet mittels seiner Anzeigen nun auch, nach Kassel zu fahren.  Eine Frau entschuldigt sich über die Lautsprecheranlage über die falschen Wagennummern, man solle ich immer zehn wegdenken „Also 22 statt der angezeigten 32.“

Ein Mensch mit re:publica-Bändchen am Arm verscheucht die ältere Dame ohne Reservierung von seinem Platz und liest den gedruckten Spiegel. Ich höre ein angeregtes Gespräch zwischen einem Musicaldarsteller und einer Abteilungsleiterin im Innenministerium, die sich gerade kennenlernen über, den relativen Wert von Musikgymnasien in Berlin. Geht es noch deutscher?

Illustration aus dem Buch ""Le tour du monde en quatre-vingts jours" Alphonse de Neuville & Léon Benett


Passenderweise habe ich ein entsprechendes Buch mitgenommen. Nils Minkmars „Mit dem Kopf durch die Welt.“ Das hat schon auf dem Cover ein ICE-Fenster und geht der Frage nach, was Deutschland bewegt. Minkmar lässt sich über deutsche Normalität aus. Der deutsche Ingenieur, lange Jahrzehnte Sinnbild der Normalität, sei nicht mehr normal. Minkmar erzählt aus seiner französisch-deutschen Kindheit:


„Meine Mutter nannte dann immer eine Berufsgruppe, die uns besonders fern war, nämlich les ingenieurs. Wir waren in Deutschland […] und das ganze frisch aufgebaute Land ruhte auf Säulen, die les ingenieurs berechnet, gegossen und zum Schluss noch festgedübelt hatten. […] Viele Jahre später sollte ich die Gelegenheit haben, diese seltene Spezies besser studieren zu können. Sie saßen direkt hinter mir, zwei ausgewachsene Exemplare: Ingenieure, Familienväter, auf der Rückfahrt von einer Dienstreise. Sie plauderten über die sich verändernden Zeiten. […] Fernsehen, Marken, Politiker, auf keinem Gebiet fanden sich diese beiden braven Männer wieder, alles zu grell und bunt, zu aufgeregt. Ihre spezifischen Werte und Tugenden, Sorgfalt und diese stille Freude an der eigenen Biederkeit, das alles war an den Rand gerückt. Ingenieure waren nun Exzentriker. […] Diese Männer fanden sich kulturell kaum zurecht.“

Wenn „der deutsche Ingenieur“ nicht mehr normal in Deutschland ist, sind es jetzt Ministerialbeamtinnen und Musicaldarsteller?




Forschung Maschinenbau Braunschweig


Minkmar war noch nicht in Braunschweig. Oder Braunschweig ist nicht normal. Da steige ich harmlos aus dem Zug und die Stadt schlägt mir „Deutscher Ingenieur“ rechts und links um die Ohren. Braunschweig hebt das Thema "autogerechte Stadt" in Höhen, die selbst mir als gebürtigem Hannoveraner unerreichbar schienen.

Braunschweig. Bahnhofsvorplatz.


VW ist daran beteiligt, ist klar in der Gegend. Aber nicht nur. Ich wandelte also Freitagabend gegen 21 Uhr auf der Suche nach einem Wegbier durch das verlassene Braunschweig, passierte die Stadthalle und wurde prompt begrüßt mit „Tag des Maschinenbaus. Herzlich Willkommen.“



Vor allem aber  fiel mir bei diesem Wandeln auf, wie unglaublich gepflegt diese Stadt aussieht. Ich erblickte  keine einzige Kippe auf dem Weg. Selbst die Großbaustelle, über die irrte, wirkte irgendwie aufgeräumt. Viel verwunderlicher war, dass selbst die in Braunschweig reichlich vorhandenen 1970er-Großbauten gepflegt und sorgsam hergerichtet wirkten. Die Stadthalle selber, offensichtlicher spät 1960er/früh 1970er-Stil wirkte besser gepflegt als Berliner Gebäude nach zwei Jahren. Die Wege und Lampen darum herum: offensichtlich keine zehn Jahre alt. Sie wirkten wie frisch aus der Packung genommen.

Wegbier. In Braunschweig nur schwerlich aufzutreiben, dann aber stilgerecht,


Selbst die Schwimmbäder sind alle gepflegt(*), alle haben gleichzeitig geöffnet und keines ist aus obskuren Gründen gesperrt. Da spielt nicht nur bürgerschaftliches Engagement eine Rolle, sondern offensichtlich ist auch Geld vorhanden.

Auf dem Hotelzimmer, noch so ein sehr gut gepflegter und hergerichteter Bau, der einem „1970er!“ ästhetisch schon ins Gesicht schreit, mit dem Hotel-Wlan (7 Tage, 7 Geräte) nachlesend, wie das nun ist mit Braunschweig. Bekanntes taucht beim Nachlesen auf: Die physikalische-technische Bundesanstalt mit der Atomuhr; geahntes lese ich (Volkswagen – hey, das ist Niedersachsen und die Technische Universität existiert ja auch) und nicht bekanntes:

„Im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) verfügt die Region Braunschweig über die höchste Wissenschaftlerdichte,[103] im bundesweiten Vergleich über eine hohe Ingenieurquote[104] sowie über die höchste Intensität auf dem Gebiet der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In der Region Braunschweig arbeiten und forschen mehr als 16.000 Menschen aus über 80 Ländern[105] in 27 Forschungseinrichtungen sowie 20.000 Beschäftigte in 250 Unternehmen der Hochtechnologie[106]“

Dazu noch „Braunschweig ist die Stadt mit der niedrigsten Verschuldung Deutschlands.“ Und nach einer obskuren EU-Rangliste ist Braunschweig  die innovationsfreudigste Region der EU vor Westschweden und Stuttgart. Hier lebt der deutsche Ingenieur. Hier lebt die deutsche Technik. Was für ein passender Ort für Jules Verne.


Jules Verne


Jules Verne; französischer Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts und vor allem bekannt als "Vater der Science Fiction." Von seinem vielfältigen Werk sind vor allem die Abenteuer-Techno-Knaller wie Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, die Reise Von der Erde zum Mond oder die Reise zum Mittelpunkt der Erde bekannt. Wikipedia und die Deutsche Jules-Verne-Gesellschaft hatten ein gemeinsames Wochenende organisiert mit einer Tagung zu Jules Verne und Gesprächen zu Wikipedia.

Volker Dehs bestreitet das halbe Programm


Jules Verne, mir vor allem bekannt durch vage Erinnerungen an den 1954er Nemo-Film, Weiß-orange Taschenbücher und einen blau eingebunden Robur-Roman, der mich verstörte, weil er so anders war als die großen mir bekannten Abenteuerromane von Jules Verne. Warum ich überhaupt fuhr: Intuition. Ich hätte nur schwerlich begründen können, was genau mich reizte, aber die Mischung aus Vertrauen in die Veranstalter, Science Fiction und Neugier auf diese andere niedersächsische Stadt nach Hannover, trieben mich dorthin.

Verne selber gilt als Begründer Science Fiction. Und so bringt er als Autor frankophile Literaten und Groschenromanfans, Ingenieure und Naturwissenschaftler zusammen. Besessene Bibliographen waren Thema und Anwesend, ebenso wie die phantastische Bibliothek in Wetzlar – die Mischung der Jules-Verne-Aktiven unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Mischung der Wikipedia-Aktiven. Die Perspektiven, aus denen Verne hier unter die Lupe genommen wurden, waren vielgestaltiger als sie es in der Literatur sonst sind. Faszinierend hier war die Neigung unterschiedlicher und leicht besessener Menschen sich zu einem Thema auseinanderzusetzen.

Haus der Braunschweigischen Stiftungen - Veranstaltungsort.



Dementsprechend hatte der Veranstalter, der Wikipedia-Autor Brunswyk das Programm gestaltet: ist Verne eher katholisch oder eher laizistisch? Kam der Wille zur Aufklärung in seinen Büchern durch seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel hinein, während auf Verne eher zurückgeht, dass alles menschliche Streben gegenüber der göttlichen Macht sinnlos bleibt? Wen inspirierte er? Ist es eine sinnvolle Frage, dem nachzugehen, welche seiner Voraussagen, sich bewahrheiten? Dazu kamen dann noch Exkursionen zu Friedrich Gerstäcker, Fenimore Cooper, die Ingenieure, die ihre U-Boote dann nach Jules Verne „Nautilus“ nannten – und stark von diesem beeinflusst waren

Für mich brachte das Treffen interessante Erkenntnisse, wie die Tatsache, dass Verne immer Theaterautor oder – produzent werden wollte und wie sehr der Katholizismus sein Denken beeinflusste. Romancier war er eher gezwungenermaßen – und verdiente mit seinen zwei erfolgreichen Theaterstücken in seinem Leben ein Viertel so viel Geld wie mit etwa 80 bis 100 Romanen.

Interessant das Rätseln aller Anwesenden, warum Vernes Roman "der Grüne Strahl" so ein kommerzieller Erfolg war, was niemand der Anwesenden nachvollziehen konnte. Und dann eine Dreiviertelstunde später kam die Bemerkung in einem anderen Zusammenhang, dass "der Grüne Strahl" quasi Vernes einziges Buch mit einer weiblichen Hauptfigur war. Ich ahne einen Zusammenhang, Update: Es kam wie es kommen musst. Da denke ich mal, ich habe etwas entdeckt, dabei habe ich nur etwas falsch verstanden. Tatsächlich ist Der Grüne Strahl nicht das einzige Werk mit einer Protagonistin. Das prägnanteste Buch ist dabei Mistress Branican*, da hier die Titelfigur die komplette Handlung quasi im Alleingang bestreitet. Aber auch in anderen Büchern spielen Frauen eine wichtige Rolle (und dieser Umstand war Jules Verne sogar so wichtig, dass er in Interviews darauf hinwies): Die Kinder des Kapitän Grant*, Nord gegen Süd*, Reise um die Erde in 80 Tagen*, Ein Lotterielos* ... und einige mehr. (*Affiliate Links)

Für mich neu war die Erkenntnis, dass ein Großteil von Vernes Werk gar nicht in den Bereich Science Fiction gehört, sondern es (fiktive) Reisebeschreibungen sind. Und selbst dort wo Verne Maschinen und phantastische Gerätschaften erfindet, dienen diese vor allem dem Zweck zu reisen.

Und jetzt recherchiere ich, natürlich, zum Grünen Strahl.

Die Phantastische Bibliothek


Meine beiden Programmhighlights beschäftigten sich nur mittelbar mit Jules Verne. Sie kamen von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar: zum einen der Rückblick von Thomas Le Blanc auf Wolfgang Thadewald. Den großen Phantastik- und Jules-Verne-Sammler. Thadewald verstarb 2014. Er lebte in Langenhagen. Mehrere der Anwesenden hatten ihn noch persönlich gekannt. Und die Schilderung seiner Sammlertätigkeit, seiner Liebe zu Büchern und zu Menschen, aber auch die Besessenheit mit der Thadewald an ein Thema heranging und auch von Krankheit schon schwer gekennzeichnet das Arbeiten an Bibliographien nicht lassen konnte – es ließ sich nicht anders beschreiben als bewegend. Sicher war dieser Vortrag mein emotionaler Vortrag des Programms.

Wer auch immer aber auf die Idee kam, den Vortrag von Klaudia Seibel zu Future Life: Wie (nicht nur) Jules Verne dabei hilft, die Zukunft zu gestalten an Ende der Konferenz zu legen: Chapeau! Das Projekt ist, kurz gesagt, ein Projekt der Phantastischen Bibliothek. Die stellt zu bestimmten Themen Dossiers zusammen, wie Science-Fiction-Autoren sie sich vorstellen. Die Berichte  werden manchmal von öffentlichen Stellen, öfter von Großunternehmen bestellt, die damit selber zukunftsfähig werden wollen und in die Zukunft denken.

So als Beispiel: Nanotechnische Ideen in der Science Fiction



Wobei Auftraggeber von Staats wegen selten sind. Die meisten Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. Die allerdings meist gleich umfangreiche Verschwiegenheitsklauseln verlangt, weshalb die Phantastische Bibliothek da wenig zu sagen kann.

Da haben also Autoren und Mitarbeiter der Bibliothek ein profundes Wissen über die Science-Fiction-Literatur und die größte Bibliothek ihrer Art im Hintergrund und seit mittlerweile einigen Jahren eine große Datenbank aufgebaut, was Autoren zu verschiedenen Themen schreiben.

Als jemand, der ich selbst weiß, wie viele Situationen ich durch gelesene Bücher interpretiere – Bilder aus diesen Büchern im Hinterkopf habe und mir immer wieder mal sagen muss, dass ein Roman nur bedingt real ist, glaube ich sofort, dass es nichts gibt, was so sehr Denkprozesse auslösen und Kreativität triggern kann, wie Romane. Der befreit das Hirn gerade vom strikt logisch-folgerichtigen Denken, verrückt die Perspektive etwas nach links oder oben, und schon öffnen sich vollkommen neue Gedankenwege. Die Idee ist so brillant, dass es überraschend ist, dass sie wirklich angenommen wird. Anscheinend wird sie das.


Mensch Maschine Normal


Und nachdem ich dann wieder im Zug saß und das erste Handy-Ticket meines Lebens gekauft hatte, fragte ich mich wieder. Ist diese Stadt – die mir in vieler Hinsicht – so unfassbar „normal“ vorkommt, vielleicht die große Ausnahme? Sind die Musicaldarsteller, die mit „dem Alex“ [Alexander Klaws] telefonieren, normal? Die Menschen im Ministerium? Die größten Jules-Verne-Experten des Landes, die alle noch einen anderen Brotjob haben? Oder eher die Normalität vieler Menschen, die darin besteht, am Ende des Monats zu überlegen, wie denn die letzten 10 Tage mit dem leeren Konto noch überbrückt werden können?





Brauschweig ist die verstädterte Mensch-Maschine-Kopplung. In seiner Normalität sicher schon wieder ein Ausnahmefall in Deutschland. Aber ich sah die Zukunft: sie sitzt in einer Bibliothek in Wetzlar und liest Science-Fiction-Romane.

Weiterlesen


Mit Wikipedianern kann man nicht nur Verne lesen, sondern auch Cocktails mischen: Ramos Gin Fizz für die Enzyklopädie.

Oder man läuft mit Wikipedianern durch den Wedding:Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Mehr zu Future Life bei der phantastischen Bibliothek: Future Life. 

Zum Jules-Verne-Club

Die Wikipedia-Seiten zur Veranstaltung: Wikipedia:Wiki Loves Jules Verne

Beiträge zur Veranstaltung im Wikipedia-Kurier und im Blog von Wikimedia Deutschland.

Der grüne Strahl im Gesamttext bei zeno.org: Der grüne Strahl

Alle Iberty-Posts zur Kultur stehen unter: Kultur in Iberty!

Anmerkungen


Auch zu Schwimmbädern ein schönes Minkmar-Zitat aus dem Mit-dem-Kopf-durch-die-Welt.Buch:

„Nichts gegen das große Geld und die wenigen, die es genießen können, aber die Stärke mitteleuropäischer Gesellschaften liegt gerade in der Mischung. Für Reiche ist es in Singapur, Russland und Malaysia ideal. […]Glaspaläste und Shopping Malls gibt es auf der ganzen Welt, bald vermutlich auch unter Wasser und auf dem Mond. Öffentliche Freibäder, Stadtteilfeste oder Fußgängerzonen, in denen sich Reiche und Arme, Helle und Dunkle, Christen und Muslime mit ihren Kindern vergnügen und drängeln, gibt es nur hier. Ich fand es immer erstaunlich, dass es in Algerien beispielsweise keine öffentlichen Schwimmbäder gibt oder dass man in den USA oder in Brasilien Mitglied in einem Club werden muss. Das ist eine teure und in vieler Hinsicht sozial sehr voraussetzungsreiche Angelegenheit, nur um mit den Kindern mal schwimmen zu gehen, es sei denn natürlich, jeder hat seinen eigenen Pool im Garten, was, für mich zumindest, wie eine Definition von struktureller Langeweile klingt.“ (s. 104)


 

*Dieser Post enthält Affiliate Links zu geniallokal. Es handelt sich dabei um Werbung. Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr dort bestellt, und ihr habt bei den Guten bestellt.


Berlin celebrates old school #wikipedia15

08:13, Tuesday, 17 2021 August UTC

I still remember the time when real life meetings for Wikipedians were new and adventurous and a bit scary. Did one really want to meet these strange other people from the Internet? How would they be? Could they even talk in real life or would they just sit behind a laptop screen staring on it for hours?

My first meeting in Hamburg – THE first Wikipedia meeting in Hamburg - would consist of three people (Hi Anneke, Hi Baldhur!) sitting in a pub, and just waiting and seeing what would happen. These meetings were kind of improvised, in a pub, quite private and personal in nature and no talk about projects, collaborations, “the movement” whatever. Just Wikipedia and Wikipedians having a nice evening.

WP15 Germany Berlin 01
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

So what a fitting setting to celebrate this day in Berlin just the old school way. Half improvised, organized by our dearest local troll user:Schlesinger on a talk page, we met in a pub, it was not clear who would come and what would happen except some people having a good time.

And so It was. In the “Matzbach” in the heart of Berlin-Kreuzberg seven people promised to come, in the end we were almost twenty. Long time Wikipedians, long-time-no-see-Wikipedians, a Wikipedian active mostly in Polish and Afrikaans, some newbies and two and a half people from Wikimedia Deutschland. Veronica from Wikimedia Deutschland brought a tiny but wonderful home-baked cake, and we just talked and laughed, talked about history and future.  Actually, mostly we talked about future.

WP15 Germany Berlin 03
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

About the Wikipedian above 30, who has just started a new a university degree in archaeology, the question whether the Berlin community should have its own independent space, industrial beer, craft beer and the differences, the district of Berlin-Wedding, the temporary David-Bowie-memorial in Berlin-Schöneberg, the vending machine for fishing bait in Wedding, new pub meet-ups in the future, who should come to the open editing events, how to work better with libraries, colorful Wikipedians who weren’t there, looking for a new flat, whether perfectionism is helpful or rather not when planning something for Wikipedians, explaining Wikipedia to the newbie, the difficulties of cake-cutting and whatsoever.

No frustration, almost no talk about meta and politics, just Wikipedians interested in the world, Wikipedia and eager to be active in and for Wikipedia and with big plans for the future. Old school. So good.

WP15 Berlin Torte angeschnitten

Die Verschwundenen

08:13, Tuesday, 17 2021 August UTC

Crossposting eines Posts von mir aus dem Wikipedia Kurier. Erfahrungsgemäß lesen das dort und hier ja doch andere Menschen.

Wikipedistas kommen und gehen. Manchmal gehen mehr, manchmal weniger. Einzelne davon fallen durch ihr Wirken in der gesamten Wikipedia auf oder versuchen sich wenigstens durch einen spektakulären Abgang in Szene zu setzen. Die meisten Autoren und Autorinnen aber gehen genauso still und leise wie sie gekommen sind und gearbeitet haben.

Die unseligen Autorenschwund-Debatten der unseligen Wikimedias kümmern sich ja um Zahlen und nicht um Autorinnen und Autoren. Wie armselig! Den Meta-aktiven Communitymitgliedern - aka Wikifanten - fallen vor allem die anderen Wikifanten auf, die entschwanden. Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es um lauter einzelne Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Arbeitsstilen und Interessen geht, die in Wikipedia tätig waren und sind. Es gibt vor allem diejenigen, die kommen, einen Beitrag leisten und dann wieder verschwinden. Der größte Teil der tatsächlichen Wikipedia wird von Menschen und Accounts gestaltet, deren Edits fast nur im Artikelnamensraum aufzufinden sind. Manchmal arbeiten sie unermütlich über viele Jahre, manchmal auch nur einige Wochen an einen oder zwei Artikeln. Viele davon sind als IP aktiv, so dass sich fast nichts über sie sagen lässt. Vielleicht sind die Beitragenden per IP auch gar nicht viele, sondern eine einzige sehr fleißige Autorin? Wer weiß?


 Viele Wikipedianerinnen und Wikipedianer sind derzeit inaktiv.

Anlässlich des Projektes WikiWedding und in meinem Bestreben möglichst viele Wedding-Aktive daran zu beteiligen, lese ich ja derzeit viele Artikel zu einem Themengebiet, das mir in den letzten Jahren eher fremd war und an dessen Entstehung ich nicht beteiligt war. Wer sich in den letzten Monaten am Thema beteiligt hat, ist mir bewusst, wer sich von 2001 bis 2014 des Weddings angenommen hat, musste ich nachlesen. Eine spannende Lektüre voller mir unbekannter Namen und Accounts. Neben einigen mir bekannten Wikipedistas waren dort vor allem mir unbekannte Accounts. Accounts, die oft aufgehört haben zu editieren. Meist sind sie still und leise gegangen. Ihre Edits und Kommentare geben keinen Hinweis warum. Aber anscheinend war es anderswo schöner. Oder sie hatten den Einruck, alles in Wikipedia geschrieben zu haben, was sie beitragen wollten. Um diesen Autorinnen und Autoren zumindest nachträglich etwas Aufmerksamkeit zu geben, um ihre Namen kurz aus den Tiefen der Versionsgeschichten zu retten, sollen hier einfach einige Autorinnen(?) und Autoren gewürdigt werden, die sich um den Wedding in Wikpedia bemühten bevor sie verschwanden.



Da ist zum Beispiel der Artikel zur Chausseestraße. Ein Mammutwerk von Gtelloke, dessen Wikipedia-Edits sich von Juni bis Dezember 2012 fast ausschließlich auf diesen Artikel beschränkten.


Bild: Die Chausseestraße 114-118 in Richtung Invalidenstraße von Gtelloke
Lizenz: CC-BY-SA 3.0



Da ist der Artikel zum Wedding selber. Angelegt 2002 von Otto, dessen letzter Edit aus dem Dezember 2004 stammt. Im November 2004 dann maßgeblich ausgebaut von Nauck, der sich auch sonst dem Ortsteil und seinen Themen widmete. Artikel zu Moabit, den Meyerschen Höfen, Mietskasernen und Schlafgängern waren Teil seines kurzen Werks, das im Wesentlichen nur zwei Wochen im November 2004 dauerte, aber die Grundlagen wichtiger Artikel zur Berliner Sozialgeschichte legte. Ein Blick auf seine Benutzerseite zeigt auch den Geist der Wikipedia-Frühzeit: ''GNU rockt! Der König ist tod, lang lebe das Volk! Lang lebe die Anarchie des Netzes! Licht und Liebe''

Weiterer Ausbau erfolgte durch 87.123.84.64, auch zu wikipedianischen Urzeiten. Dann passierte 500 Edits und acht Jahre im Wesentlichen nichts – mal ein Halbsatz hier, mal die Hinzufügung von drei Bahnstrecken dort, Hinzufügen und Löschen von berühmten Persönlichkeiten bis im Dezember 2014 der erste heute noch aktive Wikipedianer hinzukommt: Fridolin freudenfett verpasst dem Artikel mit „Katastrophalen Artikel etwas verbessert)“ eine Generalüberholung.

Der Leopoldplatz; angelegt von Frerix, der in den immerhin fünf Jahren seiner Wikipedia-Aktivität nie auch nur eine Benutzerseite für nötig hielt und anscheinend auch in keine Diskussion verwickelt wurde.  Zu seinen wenigen Beiträgen gehören neben der Anlage des Leopoldplatzes auch noch die Anlage der englischen Stadt Sandhurst, die Anlage des Kreuzviertels in Münster und des Three Horses Biers. Dann war er/sie wieder weg. Mutter des Artikels ist hier aber 44Pinguine, die den heutigen Inhalt maßgeblich prägt und auch heute noch aktiv ist.

Da wäre das Wahrzeichen des Weddings. Die Alte Nazarethkirche. Der Artikel stammt vor allem von 62.246.210.30.


Bild: Leopoldplatz, Ev. Alte Nazarethkirche, 1832–35 von Karl Friedrich Schinkel von Schliwiju

Nichts war für die Entwicklung des Weddings wohl so entscheidend wie die Geschichte der AEG. Dieser Artikel stammte in seiner Frühzeit von WHell, engagiertem Wikifanten, mit ausführlicher Artikelliste und Diskussionsseite, der uns 2007 verließ. Der letzte Eintrag auf seiner Diskussionsseite war „Hallo WHell, ich möchte Dich als den Hauptautor darüber informieren, dass ich den Artikel John Bull (Lokomotive) in die Wiederwahl zum Exzellenten Artikel gestellt habe,“ Größere Beiträge zur WEG folgten in den späteren Jahren durch Peterobst – aktiv von Februar bis April 2006 vor allem mit Beiträgen zur Berliner Industriegeschichte, nach seiner Benutzerseite AEG-Kenner und in Arbeit an einem Buch über den Konzern. Es folgten 80.226.238.197, von Georg Slickers 2006 (auch heute noch aktiv, wenn auch recht unregelmäßig), Flibbertigibbet 2006 , 79.201.110.89 im Jahr 2008 und der unermüdlichen 44Pinguine. Weiter ausgebaut von Onkel Dittmeyer, aktiv von 2009 bis Juli 2015 in Technikthemen und vielleicht immer noch unter neuem Account? Begann seine Karrier mit der Nutzerseite „Hier ist Nichts und das soll so bleiben !“ und hielt sich im Wesentlichen daran.

Da ist der Volkspark Rehberge. Angelegt von Ramiro 2005, aktiv 2005/2006, vor allem zum Thema Fußball. Maßgeblich ausgebaut, umfassend überarbeitet 2007 von 84.190.89.208 und noch einmal 2010 stark erweitert von Katonka. Landschaftsplaner mit unregelmäßigen Edits zwischen 2009 und 2014, die Edits waren wenige, aber die Qualität war hoch.


Bild: LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin Mitte - Panoramabild auf die Wiesen des Volkspark Rehberge in Berlin, Wedding (Mitte). Von: Patrick Franke Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Neben diesen Verschwundenen tauchen glücklicherweise aber auch heute noch aktive Wikifanten auf. Immer wieder 44Pinguine und Fridolin freudenfett. Darüber hinaus Definitiv, Magadan, Flibbertigibbet und Jo.Fruechtnicht.

Die Artikel entstanden durch Wikifanten und IPs. Accounts mit nur einem Thema oder anderen, die über Jahre thematisch sprangen. Während in der Frühzeit aber viele verschiedene Accounts und IPs an den Artikel beteiligt waren, waren in den letzten Jahren deutlich weniger Menschen aktiv. Fast alle inhaltlichen Edits in den von mir angesehenen Artikeln verteilen sich auf 44Pinguine,  Fridolin freudenfett und Definitiv. Wikipedia wird kleiner und noch lebt sie. Aber wir können all‘ den Verschwundenen danken, die vor uns kamen.

Seit nun schon ein paar Jahren hört man immer wieder über Probleme in der kroatischen (und zu einem gewissen Grad auch der serbischen) Wikipedia. Rechte Gruppen sollen das Projekt übernommen haben und alle Wikipedianer, die nicht ihrer Meinung sind, rausgeekelt oder einfach gesperrt haben.

Lange war nichts passiert, aber seit Ende letzten Jahres sah sich die WMF dann doch mal die Situation an und es wurde schon zumindest ein Admin gebannt.

Nun hat die WMF ein Abschlußdokument veröffentlicht; oder genauer schon Mitte Juni und ich habe es erst heute bei reddit gesehen. In dem Dokument finden sich solche Perlen, als das in hrwp behauptet wurde, Nazi-Deutschland habe Polen überfallen weil Polen einen Genozid an Deutschen verübt hätten.

Der ganze Bericht kann hier gefunden werden. Mich macht die ganze Geschichte sowohl traurig als auch wütend. Wikipedia soll die Leute so gut es geht aufklären und nicht Propaganda verbreiten!

IeS: Blog ist zurück

21:38, Friday, 16 2021 April UTC

Ich habe heute dieses Blog auf einen neuen Server umgezogen, sein DNS aktualisiert und sein SSL repariert. Werde versuchen, es nun wieder öfters zu befüllen. Wünscht mir Glück 🙂.

Wahl: Oversighter-Wahlen

21:11, Friday, 16 2021 April UTC

Bereits seit gestern und noch bis zum 28. April laufen die Oversighter-Wahlen. Doc Taxon, User:He3nry und Nolispanmo treten zur Wiederwahl an. Ich wünsche: Viel Erfolg!

Gab es in der DDR Spaghetti?

09:39, Friday, 26 2021 March UTC

Eine der schöneren unbekannten Ecken der Wikipedia ist die Seite zur Auskunft. Dort können Menschen mögliche und unmögliche Fragen stellen, die dann mal launisch, mal larmoyant, mal ernsthaft oder auch gar nicht beantwortet werden. Wie im wahren Leben und eine ewige Fundgrube obskuren Wissens, seltsamer Fragestellungen und logischen Extremsports.

Nicht die DDR. Bild: Giorgio Conrad (1827-1889) - Mangiatori di maccheroni. Numero di catalogo: 102.



Dort nun fragte vor ein paar Tagen ein unangemeldeter Nutzer:

 "Warum gab es in der DDR eigentlich nur Makkaroni (die in Wirklichkeit Maccheroncini waren), aber keine Spaghetti? Das erscheint mir nach Lektüre einiger Bücher aus der DDR so gewesen zu sein und ist mir auch so von meiner aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden Verwandtschaft bestätigt worden. Warum?"

Es folgte eine längere und mäandernde ausgiebige Diskussion, die immerhin folgendes ergab:

* Anscheinend gab es in der DDR Spaghetti, zumindest erinnerten sich einige der Diskutanten an derartige Kindheitserlebnisse.
* Ob Spaghetti so verbreitet waren wie Makkaroni oder Spirelli, darüber bestand Uneinigkeit.
* Die Nudelsaucensituation war in Berlin besser als im Rest der DDR.
* Die DDR allgemein pflegte in vielerlei Hinsicht traditionellere Essgewohnheiten als Westdeutschland, die Küche der DDR ähnelte in vielem mehr der deutschen Vorkriegsküche als dies für die westdeutsche Küche gilt.
* In Vorkriegszeiten waren Makkaroni verbreiteter als Spaghetti.
* Schon bei Erich Kästner wurden Makkaroni gegessen
* Der Makkaroni-Spaghetti turn im (west-)deutschen Sprachraum war Mitte der 1960er
* Schuld könnten wahlweise das mangelnde Basilikum, die mangelnde Tomatensauce, überhaupt mangelnde Kräuter, Italienreisen, Gastarbeiter, Miracoli oder auch was ganz anderes sein.
* Klarer Konsens im Rahme: Sahne gehört keineswegs in Sauce Carbonara!


Gab es in der DDR nicht: Miracoli. Bild: Miracoli-Nudeln mit Mirácoli-Soße von Kraft. Von: Brian Ammon, Lizenz: CC-BY-SA 3.0
 
Daneben tauchten eine ganze Menge Kindheitserinnerungen auf an exotische Spaghettimahlzeiten mit kleingeschnittenen Spaghetti, Ketchup-basierter Tomatensauce und anderen kulinarischen Exotika des geteilten Deutschlands.

Einige Antworten, viel mehr Fragen:
* seit wann wird in Deutschland überhaupt Pasta gegessen?
* wie lange schon ist Tomatensauce verbreitet?
* seit wann essen westdeutsche Spaghetti?
* Und wer ist Schuld? Die Gastarbeiter? Die Italienurlauber? Miracoli?
* Und wie kommen eigentlich die Löcher in die Makkaroni?

Also verließen wir dann erst einmal die Auskunft und die dortige Diskussion und betrieben etwas weitere Recherche. Das heimische "Kochbuch der Haushaltungs- und Kochschule des Badischen Frauenvereins", veröffentlicht 1913 in Karlsruhe, kennt sowohl Makkaroni wie auch Spaghetti. Ungewohnt für heute: die Makkaroni werden in "halbfingerlange Stückchen gebrochen" und dann 25 bis 30 Minuten gekocht.

Neben den diversen Makkaroni-Gerichten gibt es auch einmal Spaghetti. Die Priorität ist klar. Spaghetti werden erklärt als "Spaghetti ist eine Art feine Makkaronisorte. Beim Einkauf achte man darauf, daß sie nicht hohl sind"

Die "Basler Kochschule. Eine leichtfaßliche Anleitung zur bürgerlichen und feineren Kochkunst" von 1908 kennt keine Spaghetti aber diverse Gericht mit "Maccaronis". Darunter sogar schon die Variante "a la napolitaine" mit Tomatensauce.

Weitere Recherche. Weitere Erkenntnisse bringt das Buch "Meine Suche nach der besten Pasta der Welt: Eine Abenteuerreise durch Italien", das die Ankunft der Makkaroni in Deutschland auf das frühe 18. Jahrhundert verlegt. Die 1701 nachweisbaren "Macronen" waren wohl eher Lasagne, aber Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden in Prag und Wien echte Makkaroni-Fabriken.

Die Pasta folgte anscheinend den jungen Männern der Grand Tour aus Italien in das restliche Europa. Bestimmt waren die Grand Tours für junge Männer, die mal etwas von der Welt sehen und klassische europäische Bildung mitbekommen sollten, die auf der Tour aber anscheinend nicht nur Statuen und Kirchen kennenlernten, sondern auch Pasta.

Philip Dawe, The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade (1773) - 02
Der Macaroni. Der Hipster seiner Zeit. Bild: Philip Dawe: The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade, 1773.

In England gab es sogar einen eigenen Modestil Macaroni für exaltierte junge Männer - "a fashionable fellow who dressed and even spoke in an outlandishly affected and epicene manner". Die englische Wikipedia schreibt dazu lakonisch: "Siehe auch: Hipster. Metrosexuell." Komplett falsch wäre wohl auch die Assoziation zur Toskana-Fraktion nicht.

Nach diesen extravagant und auffallend auftretenden jungen Männern ist nun wiederum im Englischen der Macaroni penguin - auf deutsch der Goldschopfpinguin - benannt.


Makkaroni-Penguin. Benannt nach dem Stil, nicht nach den Nudeln. Bild: Macaroni Penguin at Cooper Bay, South Georgia von Liam Quinn, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Wie aber kommen nun die Löcher in die Makkaroni? Und seit wann? Licht in dieses Dunkel bringt die "Encyclopedia of Pasta." Diese lokalisiert die Entstehung der maschinellen Pastafertigung - die für Makkaroni in zumutbarer Menge unvermeidlich ist - in die Bucht von Neapel in das 16. Jahrhundert. Dort existerte eine Heimindustrie mit Mühlen, an die sich relativ problemlos eine im 16. Jahrhundert aufkommende ’ngegno da maccarun anschließen lies, die es den Neapolitanern ersparte stundenlang im Teig herumzulaufen, um ihn zu kneten: im Wesentlichen Holzpressen mit einem Einsatz aus Kupfer, je nach Form des Einsatzes entstehen verschiedene Nudelsorten und damit unter anderem Makkaroni. Die Makkaroni wurden dann in langen Fäden zum trocknen in die süditalienische Sonne gehängt.


Sommer, Giorgio (1834-1914) - n. 6204 - Napoli - Fabbrica di maccheroni
Neapel, 19. Jahrhundert. Bild: Giorgio Sommer (1834-1914), "Torre Annunziata-Napoli - Fabbrica di maccheroni". Fotografia colorita a mano. Numero di catalogo: 6204. 


Das hat alles nicht mehr wirklich etwas mit Spaghetti und der DDR zu tun, beantwortet nicht, warum die Deutschen in den 1960ern plötzlich lieber Spaghetti als Makkaroni mochten, oder warum die Makkaroni bei ihrem ersten Zug über die Alpen die Tomatensauce in der Schweiz ließen? Warum gibt es in Deutschland kein Äquivalent zu "Macaroni and cheese" (mehr)? Gab es ein Miracoli-Äquivalent in der DDR, bei dem es Pasta, Sauce und Käse schon in einer Packung gab? Warum sind Makkaroni in Deutschland tendenziell lang und dünn in vielen anderen Ländern aber dicker und hörnchenförmig-gebogen? Es ist hochspannend. Und ein Grund, noch viel mehr zu recherchieren.

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Eine Investigation: Es gibt kein Mirácoli Carbonara mehr.

Coolest Wikipedia Tool 2020: Pywikibot

17:31, Thursday, 07 2021 January UTC

Seit 2019 wählt das Wikiversum die coolsten Tools, die besten Hilfsmittel, um in Wikipedia und anderen Wikis zu werken. Eines davon ist der Pywikibot, der Bot aller Bots.

Schneeregen fegte waagerecht über Vorplatz des Tempelhofer Hafens. Mein Pullover war gar nicht so kuschlig und dicht wie ich ihn in Erinnerung hatte. Die Handschuhe waren im Laufe der Jahre so fadenscheinig geworden, dass eine einzelne kurze Radtour die Finger vereisen ließ.

Ein einsamer, von Weihnachten übrig gebliebener, Quarkkeulchen-Stand vor dem Tempelhofer Hafen. Seine Lichter verhießen Wärme. Der Weg dorthin: Von Entbehrungen gezeichnet. Der Wind, der einem aus allen Richtungen ins Gesicht blies, trieb die Leute davon. Sie wussten nicht wohin, denn alles war geschlossen und zu Hause wollten sie ihre Mitbewohner nicht mehr sehen. Über der Szene kreiste ein hungriger Taubenschwarm.

„Ist es nicht herrlich“, fragte ich DJ Hüpfburg. „So viel Platz! Fast das ganze Hafengelände gehört uns. Und wir können uns problemlos aus drei Meter Sicherheitsabstand anschreien.“ – Sie antwortete „Du spinnst. Es ist scheißkalt. Ich bibbere. Das letzte Mal, als ich so gefroren habe, bin ich im Rozbrat mit meiner ehemaligen Band aufgetreten: „Pierdzące Zakonnice“.

Wir spielten Prog-Punk. Kein Wasser, keine Heizung und ein sibirischer Windhauch kam aus Richtung Minsk. Wer auf Toilette wollte, hat einen Eispickel in die Hand bekommen, falls das Plumpsklo wieder zugefroren war. Und am Ende des Abends haben wir Wahlplakate im Konzertsaal verbrannt, um nicht ganz zu erfrieren.

Aber wir haben gerockt: Kasia an der Geige, die andere Kasia am Theremin, ich an der KitchenAid und Anna am Gong und an der Rezitation. So viel Kunst war nie wieder davor oder danach im Rozbrat. Leider war es den Pferden zu kalt, so dass die weiße Kutsche ausgefallen ist. Hier am Hafen ist keine Kunst. Hier ist es nur scheißkalt. Ich gehe.“

Später, im Chat. Hüpfburgs Schilderung hatte mich an ein Video erinnert, das ich kurz vorher gesehen hatte: „Wikimedia Coolest Tool Award 2020.“ in meinen Versuchen, DJ Hüpfburg für die Wikipedia und ihr Umfeld zu begeistern, postete ich ihr den Link.

Southgeist: https://www.youtube.com/watch?v=zYM4k_LD_9w – Tools sind doch was für Dich

Hüpfburg: click

Hüpfburg: Das ist Wikipedia. Was soll ich damit?

Southgeist: Aber Tools. Nur mit ausgewählten Menschen. Fast nur Technik und kreative Sachen.


Hüpfburg: Wikipedia spießerfrei? Du meinst, das soll gehen?

Southgeist: Schau doch mal.

Hüpfburg: Ich sehe jetzt schon drei Minuten lang Berliner Straßen ohne Ton. Ich dachte schon, meine Lautsprecher wären kaputt.

Hüpfburg: I like the music.

Southgeist: Eben. Warte erst auf die Tools.

Hüpfburg: 52 Minuten! So lange soll ich Wikipedia schauen? In der Zeit zerstöre ich zwei Ehen, bringe einen Priester vom Glauben ab und bringe drei Paare neu zueinander. Sage mir lieber, was für Tools vorkommen.

Die coolest Tools

Ich erzählte.

Im Video werden vorgestellt: Der AutoWikiBrowser (Hüpfburg: „Da klingt der Name schon langweilig“), SDZeroBot generiert Benutzerseitenreports („Mich interessieren weder Benutzer noch ihre Seiten“), Proofread Page Extension („Korrekturlesen, geht es noch spießiger?“), Listen to Wikipedia („Schön, aber reichlich Kitsch. Wenn eines Tages zwei Wikipedianer kommen und einander heiraten wollen, werde ich das Tool in den Event integrieren“), AbuseFilter („Zu sehr Polizei“), LinguaLibre („I like“), und Pywikibot – ein Tool zum Erstellen weiterer Tools. („Das klingt spannend – erzähle mir mehr.“)

Pywikibot

Pywikibot ist ein Framework zum Erstellen von Bots. Oder anders gesagt: wer sich den Pywikibot installiert, kann mit überschaubarem Aufwand eigene Bots schaffen. Oder sich an einem der bereits auf dieser Basis geschaffenen Skripte bedienen. Die Bots können prinzipiell alles, was menschliche Nutzer von MediaWiki-Wikis auch können – nur schneller.

Wobei können in diesem Zusammenhang natürlich bedeutet: jemensch muss dem Bot vorher sagen, was er tun soll. Das dauert länger als ein Edit. Der Bot kommt sinnvoll ins Spiel, wo es eine hohe Zahl gleichartiger Edits gibt. Zum Artikelschreiben ist das wenig – zum Anpassen von Formalien ist es super. Und dazwischen liegt ein Graubereich. Nicht alles ist sinnvoll, nicht alles ist erlaubt – und um die Kontrolle zu wahren, hat der Pywikibot einen automatischen Slow-Down-Mechanismus, der den Bot absichtlich ausbremst.

Pywikibot geht zurück auf verschiedene Bots und Skripte aus dem Jahr 2003, existiert in dieser Form seit etwa 2008. Die aktuelle Variante ist in und für Python 3 geschrieben. Die Community, die sich um das Framework kümmert, hat eine dreistellige Zahl von Mitgliedern und ist so international, wie es die frühe Wikipedia war. Rein aus dem Bauchgefühl heraus würde ich auch sagen, was Charaktertypen und Soziodemographie angeht, ist die Pywikibot-Gruppe sehr viel näher an der Ur-Wikipedia als die heutigen Wikipedistas.

DJ Hüpfburg: „Du sagst es. Alt-Wikipedia. Diese Tool-Awards sind solche Lebenswerkauszeichungen? Das Bot-Framework gibt es seit fast 20 Jahren, das Proofread-Tool existiert seit fast 15 Jahren. Ist der Award so langsam oder gibt es so wenig Neues?“

Ich glaube, der Award ist langsam. Beziehungsweise er existiert erst seit letztem Jahr. Jetzt muss er die ganzen Tools der letzten Jahrzehnte durchprämieren, damit die nicht vergessen werden. Wie bei der Wikipedia auch: Die Grundlagen wurden vor langer Zeit gelegt. Alles, was jetzt kommt, baut darauf an, verbessert, schafft aber nur selten fundamental Neues.

Change Musiker to Musiker*innen

„Außer dem Tool-Award. Der ist neu? Und dem Video nach zu urteilen reichlich großartig.“
Yup. Und er hat mir und dir den Pywikibot gelehrt und damit eine wichtige Aufgabe erfüllt.

DJ Hüpfburg: „Ich kann also auf Basis von Pywikibot alle ‚Musiker‘ in Wikipedia durch ‚Musiker*innen‘ ersetzen?“
Ich: „Theoretisch ja. Praktisch gibt es verschiedene Hindernisse. Und du wirst auf ewig gesperrt werden.“

DJ Hüpfburg: „Dachte ich. Noch so jung und schon so strukturkonservativ diese Website. Wäre sie ein Mensch, würde sie einen beigen Pullunder über weißem Hemd tragen und Leserbriefe an die Fernsehzeitschrift schreiben. Aber ich kann mein eigenes Wiki aufsetzen und da noch Herzenslust alles bot-mäßig umbauen?“

Ich: „Yup. Wikidata freut sich auch. Da gibt es noch viel zu tun und die sind superfreundlich dort.“

DJ Hüpfburg: „Ich auf meinem Pybot einreitend in Wikidata! Das wäre fast so gut wie im Rozbrat. Mit der Kutsche, die dann doch nicht kam. Irgendwann im Laufe des Abends spielten wir Mozart. Da haben die Squatter angefangen mit Äpfeln zu werfen. Wir uns hinter dem Gong geduckt und ich ein Kitchen-Aid-Solo. Ich erinnere mich noch an den einen Tänzer, der allein Stand und Luft-Küchenmaschine gespielt hat. Ein Arm angwickelt am Körper als würde er die Maschine an sich drücken, mit dem anderen weit ausholende Bewegungen, um dann auf dem Einschaltknopf zu laden.“

„Leider hatten wir dem Publikum einen Mozart-Schock versetzt und die wollten uns nicht mehr gehen. Dadurch hatten wir alle Auftrittsorte in Posen durch. Kasia ging nach Prag und Paris, Jazz-Theremin studieren. „Ein Juwel unter unserer Studentinnen“ sagte mal eine Professorin. Kasia wäre fast dieses Jahr in der Philharmonie aufgetreten. Aber Deine komische Wikipedia hat immer noch keinen Artikel von ihr.“

Ich: „Es ist nicht meine Wikipedia.“

Ruhe. Hüpfburg dachte.

„Dieser Bot. Der kann doch sicher in Wikidata alle Personen auslesen, die Theremin spielen. Und dann eine Liste in Wikipedia anlegen. Die regelmäßig erneuert wird. Das müsste doch gehen. Vielleicht ist es einen Versuch wert.“

(Beitragsbild: Brødmaskin med striper i mange farger von: Øyvind Holmstad Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

SPARQL für Anfänger. Ein Versuch.

13:49, Wednesday, 18 2020 November UTC

SPARQL ist wie SQL, nur mit mehr Kontext. SPARQL ist eine Datenbanksprache, die es erlaubt, das Semantic Web zu befragen. Eine Sprache, die nicht nur Daten liefert. Sie ergründet auch das logische Verhältnis zwischen diesen Daten. Zumindest in der Theorie. In der Praxis ist es schwieriger. Ein Selbstversuch mit SPARQL, Wikidata und Schwimmbädern.

Es nieselregnet. Auf dem „Street Food Market“ am Tempelhofer Hafen versucht Schlagermusik die Trostlosigkeit zu vertreiben. Hinter DJ Hüpfburg und mir steht der „Irish Pub“-Wagen, ein Fleischer-Wagen und Curry Paule. Streetfood is coming home.

Street Food kam zurück von den Hipstern, die nach dem Thailandurlaub ihre Liebe zu Street Food entdeckt haben, zu den Leuten, die schon seit Jahrzehnten Essen an Deutschlands Straßen zubereiten. Die einzigen Gäste bei Curry Paule sind die Mitarbeiter vom Irish Pub. Am Irish Pub Wagen steht niemand. Ein eisiger Herbstwind verleidet den Aufenthalt draußen. Curry Paule bietet als große Attraktion vegane Wurst. Das hätte es 1985 nicht gegeben.

DJ Hüpfburg heuchelt Interesse gegenüber meinen Rede. Wir sitzen auf den Stufen am Hafen, betrachten die wöchentlich kleiner werdende Gruppe der Freizeitboote dort. Ich erzähle die letzten Züge einer Anekdote. Es geht um Mund-Nasen-Masken und Kommunikation:

„Ich stehe also mit Madame im IKEA. Wir hoffen auf die letzten Karlhugo-Stühle. Die sind quasi immer ausverkauft. Schaust du auf die Website bei unserem Laden, siehst Du einen oder zwei. Dann wieder null. Dann einen halben Tag lang acht Stühle, dann wieder null. Wir fürchten, bald gibt es sie gar nicht mehr. Wir fürchten, IKEA nimmt sie aus dem Programm. Also online geschaut, ob sie im IKEA Schöneberg vorhanden sind. Schnell die Gelegenheit ergriffen. Wir fuhren zum Bestellschalter, natürlich brav mit Maske, wie die Dame hinter der Plexiglasscheibe auch. Die Sprache wird durch die Masken vernuschelt.

Madame: Wir würden gerne einen Karlhugo abholen.

Verkäuferin schaut skeptisch: Karlhugo? Nie gehört. Sicher, dass es Karlhugo ist?

Madame: Doch, sicher: Karlhugo.

Verkäuferin tippt zweifelnd in ihren Rechner: „Ne, nichts.“

Madame: „Sicher, im Internet stand hier sind noch wir.“

Verkäuferin tippt weiter, kopfschüttelnd: „Kein. Karlhugo. Gar nicht.“

Madame hat mittlerweile die Website aufgerufen, zeigt sie der Dame in Blau-Gelb: „Hier. Acht Exemplare Karlhugo im IKEA Schöneberg.“

Verkäuferin: „Ach, Karlhugo! Gar nicht Karlhugo!“ Sie tippt energisch.

„Hätten sie doch gleich Karlhugo gesagt!“

Sie druckt den Zettel für die Kasse aus. Madame fragt mich: Hast du verstanden, was sie gesagt hat? Ich: „Karlhugo“.

DJ Hüpfburg ist beeindruckt. Ich bilde mir ein, einen Mundwinkel zucken zu sehen. „Du solltest Stand-Up-Comedy machen. Am besten mit Maske. Dann verstehen die Leute Dich schlechter.“

Ihre Gedanken werden düsterer: Weißt Du, wo man schnell einen Corona-Test herbekommt? Eine Freundin, Schneiderin, hatte einen Kunden, der jetzt positiv getestet ist. Das war ein schöner Auftrag: Dark Academia meets Southern Gothic, dunkle Mäntel, Cardigans, Wollpullover und künstliche Spinnenweben. Sie hatten vier Treffen in der letzten Woche zur Absprache. Mich hat sie gefragt, ob ich eine Quelle für schicke Brillen dazu habe. Hat Spaß gemacht. Also schön, bis der Kunde anrief mit dem Testergebnis. Nun ist alles Grütze.

Sie will gar nicht den Laden zumachen und schnell einen negativen Test. Aber dafür muss sie überhaupt an einen Test kommen. Und jeder geschlossene Tag schmerzt. Ich überlege: „Ich glaube, ich kenne eine Ärztin mit Corona-Sprechstunde. Müsste ich zu Hause suchen.“

Wir schweigen. Nieselregen und Herbststurm werden durch Gedanken an überfüllte Intensivstationen ergänzt. Eine Lachmöwe mit einem Pommes im Schnabel fliegt vorbei. Dj Hüpfburg steht wortlos auf, vegane Currywurst kaufen.

Sie kommt mit einer Wurst und einem Prospekt zurück. Große gelbe Buchstaben fordern mich auf: „Curryspargel! Freu Dich auf den Sommer!“

„Dirk, du hast mir Unsinn erzählt. Sparkel spricht sich gar nicht Spargel aus.“ Ich: „???“ Diese Datenbanksprache: SPARQL. Die wird „Sparkel“ ausgesprochen, wie im Englischen to sparcle leuchtend/blinkend. Sterne sparclen. Nicht wie im deutschen „Spargel.“

„Okay. Aber wie kommst du darauf?“

Ich spielte im Internet herum. Mir war langweilig. Hochzeiten im Oktober bei Corona ist kein Business. Also dachte ich, ich nutze die Zeit und beschreite innovative Recherchewege nach Eventlocations. Schlösser, Burgen, Industrieruinen. Als du mir wieder mit Wikipedia auf die Nerven gegangen bist, hast du von Wikidata erzählt. Ich dachte, Zahlen kann ich. Ich schaue wie das geht. Jetzt schaue ich Videos und ich teste.

Wikidata

Wikidata ist eine offene Datenbank. Das heißt: eine große Datenbank, in der Daten über alles stehen. Von der vagen Grundidee her so wie Wikipedia, aber mit weniger Gelaber. Wobei die Inhalte nicht einfach in der Datenbank stehen. Sie sind logisch verknüpft.

Es stehen nicht nur A, B und C in der Datenbank, sondern ihre Beziehung. Wenn dort steht „A ist Kind von B“. Und dort steht: „B ist Kind von C“. Dann kann man Abfragen, dass A das Enkelkind von C ist, ohne dass dies so explizit vorher eingegeben werden muss. Steht dort auch noch „D ist Kind von B“, kann man Abfragen, dass A und D Geschwister sind, ohne dass dies explizit in der Datenbank steht.

Bei Wikidata kann jede auf die Daten zugreifen, und etwas mit ihnen machen. So als einfache Idee: in Wikidata stehen immer die aktuellen Einwohnerzahlen jeder Stadt. Dann muss Wikipedia diese nicht mehr in jeder Sprachversion nachtragen, sondern kann diese aus Wikidata ziehen. Aber auch externe Anbieter.

Es ist möglich, Wikidata, direkt als Mensch aus quasi ocioell per Auge zu lesen. Hier zum Beispiel der Eintrag für das Stadtbad Mitte in Berlin:  Aber das ist ehrlich gesagt, hässlich, unübersichtlich und keinerlei Gewinn gegenüber Wikipedia. Da gefällt mir die Quartettkarte besser:

Quartettkarte "Stadtbad Mitte" im Quartett Schwimmbäder in Berlin / Zitronenpresse
Quartettkarte Stadtbad Mitte / Schwimmbäder in Berlin / Zitronenpresse

Besser für Wikidata ist eine Abfrage, die die gesuchten Daten hübsch arrangiert. Man befrage die Datenbank. Da man mit einem Computer Computersprech reden muss, gibt es SPARQL.

SPARQL

SPARQL ist eine Sprache zum Abfragen solcher semantischer Datenbanken. Sie existiert als offizielle Empfehlung des W3C-Konsortiums seit 2008. Inspiriert wurde sie durch SQL, hat aber Features, die ihr das logische Denken ermöglichen.

Wikidata hat eine Schnittstelle, in der man SPARQL-Abfragen einstellen kann: https://query.wikidata.org/

Alle Schwimmbäder

Schau mal, Du kannst Dir alle Schwimmbäder anzeigen lassen.

Das ist die Abfrage:

SELECT ?item ?itemLabel
WHERE
{
?item wdt:P31 wd:Q357380.

SERVICE wikibase:label { bd:serviceParam wikibase:language „[AUTO_LANGUAGE],de“. }
}

Ich: Aha?

Hüpfburg: Also von Anfang an.
SELECT – sagt, zeige mir Folgendes an: ?item und ?itemlabel

?item – ist jeder Gegenstand mit seiner Nummer in der Datenbank. SELECT ?item sagt „Zeige mir Gegenstände an, wie sie in der Datenbank stehen.“ Also zum Beispiel Q1292740.

SELECT ?itemlabel sagt „Zeige mir Gegenstände an, mit dem Namen, mit dem Menschen sie benennen.“ Also zum Beispiel „Stadtbad Mitte“.

Okay. Aber noch zeigt SELECT ?item ?itemLabel ja ALLE Gegenstände an. Nicht nur die Schwimmbäder.

Genau. Deshalb kommt ein Filter. Der wird gesetzt mit WHERE { }. Also zeige mir alle Gegenstände und ihre Bezeichnung, die folgende Bedingung erfüllen:

?item wdt:P31 wd:Q357380.

Total klar.

Okay: ?item – heißt für jeden Gegenstand muss eine Bedingung gelten.
wdt:P31 – jeder der Gegenstand muss zu einer bestimmten Klasse gehören, die im nächsten Wert steht.
wd:Q357380 – Das ist die Klasse, zu der der Gegenstand gehören muss. Hier: Hallenbad.

In Worten steht dort: Zeige mir alle Gegenstände, wenn diese Gegenstände zur Klasse Hallenbad gehören.

Die letzte Zeile – SERVICE wikibase:label… – sagt nur, dass wir nur die deutsche Bezeichnung haben wollen, nicht auch die englische, finnische und japanische

Hier we go!

Ich „109 Bäder. Weltweit. Ich bin nicht beeindruckt. Das sind weniger Bäder als Berlin und Brandenburg haben.“

Alle Schwimmbäder mit Bild

Hüpfburg: Aber es geht noch mehr. Die kannst dir jedes Bad mit einem Bild anzeigen lassen.

Hier die Abfrage:

SELECT ?item ?itemLabel ?pic
WHERE
{
?item wdt:P31 wd:Q357380.
?item wdt:P18 ?pic

SERVICE wikibase:label { bd:serviceParam wikibase:language „[AUTO_LANGUAGE],de“. }
}

SELECT kennst du ja schon. Diesmal soll ein Bild angezeigt werden. Also „?pic“ – zeige neben dem Gegenstand und dessen Namen auch das Bild.

Im Filter, also WHERE steht auch, dass ein Bild vorhanden sein muss.

Ich: „Okay, nur 79 Bäder. Und immer noch keine Bilder zu sehen. Nur ein Link“

Dann setzt Du #defaultview:imagegrid davor, dann hast du eine schöne Ansicht.

Okay, nun 79 mehr oder weniger schöne Bilder von 79, Bädern, die random sind. Die Idee überzeugt mich mehr als das Ergebnis.

Alle Schwimmbäder auf Karte

Die Abfrage mit Karte.

#defaultView:Map
SELECT *
WHERE {
?item wdt:P31/wdt:P279* wd:Q357380;
wdt:P625 ?geo .
}

SELECT: Wie vorher auch, nur dass du dieses Mal nichts angeben musst oder kannst, was gezeigt wird. Das macht #defaultView:Map

Der Filter, also WHERE hat nun noch wdt:P625 ?geo – es zeigt die nur Gegenstände an, die auch einen Platz auf der Karte haben.

Screenshot Schwimmbäder in Wikidata
Karte als Ergebnis der Abfrage „Schwimmbäder mit Karte“

Okay. Und wenn ich darauf gehe, sehe ich, dass es in den USA wd:Q15263936 gibt. Erstaunlich! Ich weise Hüpfburg darauf hin: Aber du kennst schon den Bäderatlas? Da gibt es alle deutschen Bäder – mehrere tausend, nicht einige Dutzend. Auf einer Karte. Mit allen wichtigen Infos. Und ich muss vorher nicht rumspargeln, um an die Infos zu kommen. Da reicht es, auf die Seite zu gehen.

So viele Möglichkeiten

Und wo sind die logischen Verknüpfungen in diesen Wikidata-Abfragen? – Die müssen erst in der Datenbank stehen. Wenn bei den Bädern der Architekt stünde, könntest du eine Abfrage bauen: „Zeige mir alle Gebäude von Schwimmbadarchitekten, die vor 1900 geboren wurden.“

Oder zeige mir alle verschollenen Filme, die als Handlungsort ein Schwimmbad haben. Oder zeige mir Schwimmbäder in Deutschland, die nach 1970 eröffneten und schon wieder außer Funktion genommen wurden. Nur fehlen dafür die Daten in der Datenbank. Daten, die nicht vorhanden sind, kannst Du nicht abfragen.

Ich stelle fest: „Als Schwimmbadsuchmaschine bin ich enttäuscht.“

„Ja“, wendet DJ Hüpfburg ein. „Aber ich suche keine Bäder. Ich suche Schlösser, Burgen und Industrieruinen. Für die gibt es keinen Atlas. Und Dirk, wie immer. Du denkst zu kurzfristig. Irgendwann stehen in Wikidata die Bahnlängen und die Gastro und die Beckentiefe und der Architekt und alles in der Nähe. Dann kannst du alle Bäder in der Nähe eines Bahnhofs suchen. Oder Hallenbäder mit 50-Meter-Bahnen. Oder alle historischen Bäder Italiens.“

„Okay, und wann? Bei dem Tempo dauert das bis 2050 oder so.“

Kann es sein, dass eine Datenbank da wirklich anders funktioniert als ein Lexikon? Wikidate andere Bedingungen erfüllen muss, um zu funktionieren als Wikipedia? Wenn das Lexikon große Lücken hat, freut man sich halt, über die Teile, die da sind. Da hat jeder Eintrag für den Leser einen Wert an sich. Wenn eine Datenbank große Lücken hat, ist sie nicht nutzbar, weil die Ergebnisse zufällig wirken. Dort bekommen die Einträge ihren Wert erst durch ihre Menge.

Sie gibt sie nicht geschlagen: „Denke an die Möglichkeiten. Du kannst es in deine Website integrieren. Stell dir vor du hast exklusive Schwimmbadvideos. Oder machst eine Seite über den Architekten Ludwig Hoffmann. Oder über Bahnhöfe in der Nähe von Sportstätten. Dann musst du dafür keine eigene Datenbank pflegen, sondern kannst ganz einfach die Daten aus Wikidata importieren.“

„Ganz einfach“, klar, lästere ich.„Einfacher als selber pflegen. Wenn ihr drei Leute findet, die das für ihre eigene Website machen, ist das Ergebnis besser, als wenn jeder seine eigene Datenbank hat.“

Da sage ich „das kenne ich“. Am Ende greifen Google und Facebook die ganzen Daten ab, bauen die in ihre Oberfläche ein – und das war es dann mit meinem Schwimmbadblog. Aber ich bin versucht. Mag die Hoffnung nicht fahren lassen.

„Okay. Ich trage jetzt ein, dass das Stadtbad Mitte eine 50-Meter-Bahn hat!“ Aber wie mache ich das? „Bahnlänge“ finde ich nicht als Kategorie. Muss ich die jetzt erfinden. Sinnvollerweise ja beim Oberbegriff „Hallenbad“? Aber wie lege ich das da an? Und was passiert mit Bädern, die mehrere Becken mit verschiedenen Bahnlängen haben? Es gibt auf jeden Fall noch viel zu tun.

Oder ich stelle Wohnzimmerstühle ein. Vielleicht sind die weniger komplex. Aber gibt es Kriterien für Relevanz in Wikidata? Fragen über Fragen.

Weiterlesen

Wo Wikidata sinnvoll wäre: Biographien von Sportlern

Die schönen Schwimmbadvideos gibt es bereits. Zum Beispiel vom Stadtbad Charlottenburg.

Wikipedia von A bis Z. Ein Versuch

19:16, Monday, 20 2020 July UTC

Brockhaus


Die Brockhaus Enzyklopädie ist ein mehrbändiges Nachschlagewerk in deutscher Sprache, das zuletzt von dem zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Wissen Media Verlag herausgegeben wurde. Ist es ein Nachschlagewerk? War es ein Nachschlagewerk? Seit einigen Jahren befindet sich der Brockhaus in einer Art Limbo des Untotseins. Irgendwie existiert er noch. So richtig aber auch nicht mehr. Ohne jetzt die Irrungen und Wirrungen des ehemaligen Goldstandards der deutschen Nachschlagewerke nachzuerzählen, reicht es mir zu erwähnen, dass noch vor 10 Jahren der Brockhaus quasi das unerreichbare Ziel, die große Messlatte und die ferne Vision dessen war, was Wikipedia werden sollte. Genau wie Wikipedia den Brockhaus anscheinend maßlos überschätzte, so war und ist der Brockhaus selbst ratlos wie er mit der Wikipedia umgehen sollte. Man weiß nicht, ob man von vertanen Chancen reden soll. Denn hatte der Brockhaus je Chancen?

Chiara Ohoven



Chiara Ohoven ist ein deutsches It-Girl. Viel mehr wissen wir nicht, da Wikipedia den zu Chiara gehörigen Artikel permanent löscht. Vor einigen Jahren erlangte sie kurzzeitig deutschlandweite Berühmtheit durch eine Do-it-Yourself Schönheits-OPs mit Schlauchbootlippen als Ergebnis, fand aber vor den Do-it-Yourself-Enzyklopädisten damit keine Gnade. Ansonsten folgt Chiara ihrer Mutter und ihrem Vater auf das Parkett der High Society und des Glamours. Und da kein Wikipedianer je zur High Society gehörte oder gehören wird, gilt sie in Wikipedia weiterhin als nicht-relevant.

Donauturm




Der Donauturm ist ein Aussichtsturm[4] inmitten des Donauparks im 22. Wiener Gemeindebezirk Donaustadt. Darüberhinaus sieht der Donauturm aus wie ein Fernsehturm, was zu einem der erbittertsten Editwars in der Wikipedia-Geschichte führte. Dort der Fachmensch für Fernsehtürme, der sich sehr sicher war, dass Fernsehturm die Bezeichnung eines bestimmten architektonischen Typs ist, dort eine Gruppe Wiener und Österreicher, die darauf verwiesen, dass von diesem Turm kein Fernsehsignal übertragen wird, noch nie ein Fernsehsignal übertragen wurde und niemand je plante von diesem Turm aus ein Fernsehsignal zu übertragen. Beide Seiten standen fester zu ihrem Standpunkt als der Donauturm im Wiener Boden. Schlußendlich führte der Editwar zu einem mehrseitigem Artikel im Spiegel, gebrochenen Herzen, frustrierten Wikipedianern und der Tatsache, dass jeder Wikipedianer weiß wie der Donauturm aussieht.


Elian


Elian ist ein in den 1980er Jahren aus dem Französischen entlehnter männlicher Vorname. Er geht auf den Beinamen Aelianus, eine Ableitung des römischen Geschlechternamens Aelius, zurück. elian (klein geschrieben und gesprochen eher wie Alien) kann auch als weiblicher Internetnickname genutzt werden. Ohne elian keine Wikipedia so wie wir sie kennen.

Gdansk



Danzig (polnisch Gdańsk Zum Anhören bitte klicken! [ɡdaɲsk],[3] kaschubisch Gduńsk), die Hauptstadt der Woiwodschaft Pommern im Norden von Polen, liegt an der Ostsee rund 350 km nordwestlich von Warschau und steht mit über 460.000 Einwohnern auf der Liste der bevölkerungsreichsten Städte Polens auf Platz sechs. Außerdem ist Gdansk Anlass des ersten Edit Wars, den ich persönlich mitbekommen habe. Es war 2003. Es war in der englischen Wikipedia. Deutsche und polnische Nationalisten ähnlicher Angestrengtheit konnten sich nicht einigen, ob die Stadt nun Danzig oder Gdansk heißt. Hilflos naive und offensichtlich überforderte Amerikaner versuchten zu vermitteln. Der interessante Moment kam, als der Edit-War zur Frage überging, ob die Band Danzig nun "benannt ist nach der Stadt Gdansk, ehemals Danzig" oder "benannt ist nach der Stadt Danzig, heute Gdansk".


Hubertus


Hubertus ist ein männlicher Vorname. Er wird NICHT Atze abgekürzt.

Kreuz


Curious Myths p 81
Bild: Page of symbols referenced in s:Curious Myths of the Middle Ages. 1868 von Sabine Baring-Gould. Public Domain.

Das Kreuz ist ein weltweit verbreitetes Symbol, das insbesondere religiöse und kulturelle Bedeutung hat. In diesen Bedeutungen hat sich Wikipedia unentrinnbar verheddert. Einerseits ist das Kreuz-Symbol ein wunderbares Beispiel dafür, welche Probleme das Internetprojekt mit Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten jeder Art hat. Andererseits ist der Streit darum ein tragischer Fall epischen Ausmaßes, der die Wikipedia-Community über Jahre in Aufregung hielt, die Nerven dutzender Wikipedianer verschliss und für Verzweiflung und Frustration allüberall sorgte. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: das Kreuz ist natürlich DAS Symbol des Christentums und symbolisiert Jesu Tod. Daraus folgend wurde † zum Symbol für den Tod. Das † kommt in der Wikipedia in Lebensdaten vor. (Beispiel: * 1600 †1666). Nun waren und sind sich die Wikipedianer nicht einig, ob †ein Symbol ohne jede Bedeutung ist, die einfach Standard ist, oder ob es immer noch christlich konnotiert ist. Bei Artikeln zu Menschen nicht-christlichen Glaubens kam und kommt es zum Streit. Ist das Kreuz nun eine christliche Usurpation von Nicht-Christen oder ist der Versuch deren Tod anders darzustellen - beispielsweise durch "gestorben 1666" ein Verbrechen an enzyklopädischer Neutralität und verstößt gegen die Einheitlichkeit der Form, die anzustreben ist? 

Lutz Heilmann


Siehe → Streisand-Effekt

Narrenschiff 


Das Narrenschiff (alternativ: Daß Narrenschyff ad Narragoniam) des Sebastian Brant (1457–1521), 1494 gedruckt von Johann Bergmann von Olpe in Basel, wurde das erfolgreichste deutschsprachige Buch vor der Reformation. Es handelt sich um eine spätmittelalterliche Moralsatire, die eine Typologie von über 100 Narren bei einer Schifffahrt mit Kurs auf das fiktive Land Narragonien entwirft und so der Welt durch eine unterhaltsame Schilderung ihrer Laster und Eigenheiten kritisch und satirisch den Spiegel vorhält. Im Wikipedianischen Zusammenhang war das Narrenschiff eine Art Mitteilungsblatt des Hans Bug, in dem er die Wikipedianer und ihre Laster und Untaten kritisierte. Bugs Narrenschiff war inhaltlich und qualitativ von Sebastian Brants Narrenschiff entfernt, wie es heutige Nachwuchswikipediakritiker von Bugs Narrenschiff sind. Wenn etwas in den letzten Jahren extrem gelitten hat, dann das Niveau der internen Wikipedia-Kritik.

Manipulation

Zur Manipuation in der Wikipedia und vor allem zu den Maßnahmen dagegen siehe Wikipedias Kontrollmechanismen gegen Manipulation

München


Bild: Wikipediastammtisch München 2005. Von: Hella Breitkopf Linzenz: CC-Attribution-Share Alike 3.0 Unported

München?/i [ˈmʏnçn̩] ( bairisch  Minga?/i) ist die Landeshauptstadt des Freistaates Bayern. Sie ist mit ca. 1,45 Millionen Einwohnern die einwohnerstärkste und flächengrößte Stadt Bayerns und, nach Berlin und Hamburg, die nach Einwohnern drittgrößte Kommune Deutschlands und die zwölftgrößte der Europäischen Union. Wikipedia-historisch ist München wichtig, da hier am 28. Oktober 2003, organisiert von → elian, das allerallererste Wikipedia-Treffen überhaupt stattfand. Und nachdem sich die Münchner einmal getroffen hatten und feststellen, dass es gar nicht so schlimm ist, folgten Treffen in Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Boston, Taipeh, Alexandria bis es dann 2014 zum bisher größten Treffen in London mit knapp 2.000 Teilnehmern kam. Siehe auch → Wikimania, Stammtisch.


Nordsee


Die Nordsee ist ein Mehr, ein teil der Atlant, zwischen Grossbritannien, Skandinavien, und Friesland. Siehe auch Kattegatt, die Niederlanden, Deutschland.


Polymerase-Kettenreaktion

Der Artikel zur Polymerase-Kettenreaktion war im Mai 2001 der erste Artikel der deutschsprachigen Wikipedia. Vielleicht war es aber auch der Artikel zu Vergil. Oder der zur -> Nordsee. Die frühen Anfänge der Wikipedia liegen im Nebel. Mehr dazu: Wikipedia Manske Polymerase-Kettenreaktion.

Relevanz 


Relevanz (lat./ital.: re-levare „[den Waagebalken, eine Sache] wieder bzw. erneut in die Höhe heben“) ist eine Bezeichnung für die Bedeutsamkeit und damit sekundär auch eine situationsbezogene Wichtigkeit, die jemand etwas in einem bestimmten Zusammenhang beimisst. Das Wort ist der Bildungssprache zugeordnet[1] und bezieht sich auf Einschätzungen und Vergleiche innerhalb eines Sach- oder Fachgebietes. Das Antonym Irrelevanz (Adjektiv: irrelevant) ist entsprechend eine Bezeichnung für Bedeutungslosigkeit im gegebenen Zusammenhang, umgangssprachlich vereinfacht auch für allgemeine Sinnlosigkeit oder Unwichtigkeit. Das Fremdwort für eine allgemeine, qualitativ messbare Wichtigkeit ist Importanz. Siehe auch → Löschkandidaten, Relevanzkriterien, Inklusionismus, Exklusionismus, Tschunk.

Seitenleiste

Die Seitenleiste lässt sich vielleicht ab 2020 oder 2021 wegklappen. Siehe Seitenleiste Wikipedia nötig?

Strecke


Eisenbahnstrecke wird die Verbindung von Orten mit einem Schienenweg genannt. Im Gegensatz dazu bezeichnet der Begriff (Eisen-)Bahnlinie den auf diesen Strecken regelmäßig stattfindenden Verkehr. So können auf einer Strecke mehrere Bahnlinien oder eine Bahnlinie auf mehreren Strecken verkehren. Nach herrschender Meinung in der Wikipedia sind Strecken relevant und Linien irrelevant. Oder umgekehrt. Ich kann es mir nicht wirklich merken. Wobei die Regel zwar grundsätzlich gilt, bei Wiener Straßenbahnlinien gelten allerdings Sonderregeln und es ist andersrum. Und da wundert man sich, warum sich niemand mehr an Artikel zu Eisenbahnen herantraut.

Volker Grassmuck


Volker Grassmuck (* 1961 in Hannover) ist ein deutscher Publizist und Soziologe. Er ist assoziierter Professor für Mediensoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Wikipediahistorisch ist Grassmuck gleich zweimal wichtig. Zum einen war er auf der Gründungsversammlung von → Wikimedia Deutschland anwesend, was uns ein wunderbares Video bescherte.

Zum anderen veröffentlichte er 2002 ein Buch über Freie Software. Dieses Buch enthielt eine Fußnote, in der Wikipedia erwähnt wurde. Diese Fußnote brachte nicht nur den Verfasser dieser Zeilen zur Wikipedia, sondern auch → elian zur Wikipedia brachte.

Weiterlesen


Längerer Text zu Pokémon in der Wikipedia.

Weitere Texte zu online: Kultur in Iberty!