Wikipedia von A bis Z. Ein Versuch

11:25, Wednesday, 03 2020 June UTC

Brockhaus


Die Brockhaus Enzyklopädie ist ein mehrbändiges Nachschlagewerk in deutscher Sprache, das zuletzt von dem zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Wissen Media Verlag herausgegeben wurde. Ist es ein Nachschlagewerk? War es ein Nachschlagewerk? Seit einigen Jahren befindet sich der Brockhaus in einer Art Limbo des Untotseins. Irgendwie existiert er noch. So richtig aber auch nicht mehr. Ohne jetzt die Irrungen und Wirrungen des ehemaligen Goldstandards der deutschen Nachschlagewerke nachzuerzählen, reicht es mir zu erwähnen, dass noch vor 10 Jahren der Brockhaus quasi das unerreichbare Ziel, die große Messlatte und die ferne Vision dessen war, was Wikipedia werden sollte. Genau wie Wikipedia den Brockhaus anscheinend maßlos überschätzte, so war und ist der Brockhaus selbst ratlos wie er mit der Wikipedia umgehen sollte. Man weiß nicht, ob man von vertanen Chancen reden soll. Denn hatte der Brockhaus je Chancen?

Chiara Ohoven



Chiara Ohoven ist ein deutsches It-Girl. Viel mehr wissen wir nicht, da Wikipedia den zu Chiara gehörigen Artikel permanent löscht. Vor einigen Jahren erlangte sie kurzzeitig deutschlandweite Berühmtheit durch eine Do-it-Yourself Schönheits-OPs mit Schlauchbootlippen als Ergebnis, fand aber vor den Do-it-Yourself-Enzyklopädisten damit keine Gnade. Ansonsten folgt Chiara ihrer Mutter und ihrem Vater auf das Parkett der High Society und des Glamours. Und da kein Wikipedianer je zur High Society gehörte oder gehören wird, gilt sie in Wikipedia weiterhin als nicht-relevant.

Donauturm




Der Donauturm ist ein Aussichtsturm[4] inmitten des Donauparks im 22. Wiener Gemeindebezirk Donaustadt. Darüberhinaus sieht der Donauturm aus wie ein Fernsehturm, was zu einem der erbittertsten Editwars in der Wikipedia-Geschichte führte. Dort der Fachmensch für Fernsehtürme, der sich sehr sicher war, dass Fernsehturm die Bezeichnung eines bestimmten architektonischen Typs ist, dort eine Gruppe Wiener und Österreicher, die darauf verwiesen, dass von diesem Turm kein Fernsehsignal übertragen wird, noch nie ein Fernsehsignal übertragen wurde und niemand je plante von diesem Turm aus ein Fernsehsignal zu übertragen. Beide Seiten standen fester zu ihrem Standpunkt als der Donauturm im Wiener Boden. Schlußendlich führte der Editwar zu einem mehrseitigem Artikel im Spiegel, gebrochenen Herzen, frustrierten Wikipedianern und der Tatsache, dass jeder Wikipedianer weiß wie der Donauturm aussieht.


Elian


Elian ist ein in den 1980er Jahren aus dem Französischen entlehnter männlicher Vorname. Er geht auf den Beinamen Aelianus, eine Ableitung des römischen Geschlechternamens Aelius, zurück. elian (klein geschrieben und gesprochen eher wie Alien) kann auch als weiblicher Internetnickname genutzt werden. Ohne elian keine Wikipedia so wie wir sie kennen.

Gdansk



Danzig (polnisch Gdańsk Zum Anhören bitte klicken! [ɡdaɲsk],[3] kaschubisch Gduńsk), die Hauptstadt der Woiwodschaft Pommern im Norden von Polen, liegt an der Ostsee rund 350 km nordwestlich von Warschau und steht mit über 460.000 Einwohnern auf der Liste der bevölkerungsreichsten Städte Polens auf Platz sechs. Außerdem ist Gdansk Anlass des ersten Edit Wars, den ich persönlich mitbekommen habe. Es war 2003. Es war in der englischen Wikipedia. Deutsche und polnische Nationalisten ähnlicher Angestrengtheit konnten sich nicht einigen, ob die Stadt nun Danzig oder Gdansk heißt. Hilflos naive und offensichtlich überforderte Amerikaner versuchten zu vermitteln. Der interessante Moment kam, als der Edit-War zur Frage überging, ob die Band Danzig nun "benannt ist nach der Stadt Gdansk, ehemals Danzig" oder "benannt ist nach der Stadt Danzig, heute Gdansk".


Hubertus


Hubertus ist ein männlicher Vorname. Er wird NICHT Atze abgekürzt.

Kreuz


Curious Myths p 81
Bild: Page of symbols referenced in s:Curious Myths of the Middle Ages. 1868 von Sabine Baring-Gould. Public Domain.

Das Kreuz ist ein weltweit verbreitetes Symbol, das insbesondere religiöse und kulturelle Bedeutung hat. In diesen Bedeutungen hat sich Wikipedia unentrinnbar verheddert. Einerseits ist das Kreuz-Symbol ein wunderbares Beispiel dafür, welche Probleme das Internetprojekt mit Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten jeder Art hat. Andererseits ist der Streit darum ein tragischer Fall epischen Ausmaßes, der die Wikipedia-Community über Jahre in Aufregung hielt, die Nerven dutzender Wikipedianer verschliss und für Verzweiflung und Frustration allüberall sorgte. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: das Kreuz ist natürlich DAS Symbol des Christentums und symbolisiert Jesu Tod. Daraus folgend wurde † zum Symbol für den Tod. Das † kommt in der Wikipedia in Lebensdaten vor. (Beispiel: * 1600 †1666). Nun waren und sind sich die Wikipedianer nicht einig, ob †ein Symbol ohne jede Bedeutung ist, die einfach Standard ist, oder ob es immer noch christlich konnotiert ist. Bei Artikeln zu Menschen nicht-christlichen Glaubens kam und kommt es zum Streit. Ist das Kreuz nun eine christliche Usurpation von Nicht-Christen oder ist der Versuch deren Tod anders darzustellen - beispielsweise durch "gestorben 1666" ein Verbrechen an enzyklopädischer Neutralität und verstößt gegen die Einheitlichkeit der Form, die anzustreben ist? 

Lutz Heilmann


Siehe → Streisand-Effekt

Narrenschiff 


Das Narrenschiff (alternativ: Daß Narrenschyff ad Narragoniam) des Sebastian Brant (1457–1521), 1494 gedruckt von Johann Bergmann von Olpe in Basel, wurde das erfolgreichste deutschsprachige Buch vor der Reformation. Es handelt sich um eine spätmittelalterliche Moralsatire, die eine Typologie von über 100 Narren bei einer Schifffahrt mit Kurs auf das fiktive Land Narragonien entwirft und so der Welt durch eine unterhaltsame Schilderung ihrer Laster und Eigenheiten kritisch und satirisch den Spiegel vorhält. Im Wikipedianischen Zusammenhang war das Narrenschiff eine Art Mitteilungsblatt des Hans Bug, in dem er die Wikipedianer und ihre Laster und Untaten kritisierte. Bugs Narrenschiff war inhaltlich und qualitativ von Sebastian Brants Narrenschiff entfernt, wie es heutige Nachwuchswikipediakritiker von Bugs Narrenschiff sind. Wenn etwas in den letzten Jahren extrem gelitten hat, dann das Niveau der internen Wikipedia-Kritik.

München


Bild: Wikipediastammtisch München 2005. Von: Hella Breitkopf Linzenz: CC-Attribution-Share Alike 3.0 Unported

München?/i [ˈmʏnçn̩] ( bairisch  Minga?/i) ist die Landeshauptstadt des Freistaates Bayern. Sie ist mit ca. 1,45 Millionen Einwohnern die einwohnerstärkste und flächengrößte Stadt Bayerns und, nach Berlin und Hamburg, die nach Einwohnern drittgrößte Kommune Deutschlands und die zwölftgrößte der Europäischen Union. Wikipedia-historisch ist München wichtig, da hier am 28. Oktober 2003, organisiert von → elian, das allerallererste Wikipedia-Treffen überhaupt stattfand. Und nachdem sich die Münchner einmal getroffen hatten und feststellen, dass es gar nicht so schlimm ist, folgten Treffen in Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Boston, Taipeh, Alexandria bis es dann 2014 zum bisher größten Treffen in London mit knapp 2.000 Teilnehmern kam. Siehe auch → Wikimania, Stammtisch.


Nordsee


Die Nordsee ist ein Mehr, ein teil der Atlant, zwischen Grossbritannien, Skandinavien, und Friesland. Siehe auch Kattegatt, die Niederlanden, Deutschland.


Polymerase-Kettenreaktion

Der Artikel zur Polymerase-Kettenreaktion war im Mai 2001 der erste Artikel der deutschsprachigen Wikipedia. Vielleicht war es aber auch der Artikel zu Vergil. Oder der zur -> Nordsee. Die frühen Anfänge der Wikipedia liegen im Nebel. Mehr dazu: Wikipedia Manske Polymerase-Kettenreaktion.

Relevanz 


Relevanz (lat./ital.: re-levare „[den Waagebalken, eine Sache] wieder bzw. erneut in die Höhe heben“) ist eine Bezeichnung für die Bedeutsamkeit und damit sekundär auch eine situationsbezogene Wichtigkeit, die jemand etwas in einem bestimmten Zusammenhang beimisst. Das Wort ist der Bildungssprache zugeordnet[1] und bezieht sich auf Einschätzungen und Vergleiche innerhalb eines Sach- oder Fachgebietes. Das Antonym Irrelevanz (Adjektiv: irrelevant) ist entsprechend eine Bezeichnung für Bedeutungslosigkeit im gegebenen Zusammenhang, umgangssprachlich vereinfacht auch für allgemeine Sinnlosigkeit oder Unwichtigkeit. Das Fremdwort für eine allgemeine, qualitativ messbare Wichtigkeit ist Importanz. Siehe auch → Löschkandidaten, Relevanzkriterien, Inklusionismus, Exklusionismus, Tschunk.

Strecke


Eisenbahnstrecke wird die Verbindung von Orten mit einem Schienenweg genannt. Im Gegensatz dazu bezeichnet der Begriff (Eisen-)Bahnlinie den auf diesen Strecken regelmäßig stattfindenden Verkehr. So können auf einer Strecke mehrere Bahnlinien oder eine Bahnlinie auf mehreren Strecken verkehren. Nach herrschender Meinung in der Wikipedia sind Strecken relevant und Linien irrelevant. Oder umgekehrt. Ich kann es mir nicht wirklich merken. Wobei die Regel zwar grundsätzlich gilt, bei Wiener Straßenbahnlinien gelten allerdings Sonderregeln und es ist andersrum. Und da wundert man sich, warum sich niemand mehr an Artikel zu Eisenbahnen herantraut.

Volker Grassmuck


Volker Grassmuck (* 1961 in Hannover) ist ein deutscher Publizist und Soziologe. Er ist assoziierter Professor für Mediensoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Wikipediahistorisch ist Grassmuck gleich zweimal wichtig. Zum einen war er auf der Gründungsversammlung von → Wikimedia Deutschland anwesend, was uns ein wunderbares Video bescherte.

Zum anderen veröffentlichte er 2002 ein Buch über Freie Software. Dieses Buch enthielt eine Fußnote, in der Wikipedia erwähnt wurde. Diese Fußnote brachte nicht nur den Verfasser dieser Zeilen zur Wikipedia, sondern auch → elian zur Wikipedia brachte.

Weiterlesen


Längerer Text zu Pokémon in der Wikipedia.

Weitere Texte zu online: Kultur in Iberty!




Gemeinsam engagieren sich Wikimedia Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich und Italien für den Internationalen Museumstag 2020 am 17. und 18 Mai. Der Tag soll genutzt werden, um die  Präsenz der Museen in der Wikipedia und ihren Schwesterprojekten weiter zu verbessern. Der Internationale Museumstag findet unter dem Motto „Museen für Gleichheit: Vielfalt und Inklusivität“ am 18. Mai bereits zum 43. Mal statt. In Deutschland gibt es zum ersten Mal eine digitale Ausgabe des Aktionstages am 17. Mai.

ICOM Banner, CC0

Wie kann man mitmachen?

Auf Wikidata

Erstmals findet im Zusammenhang des Internationalen Museumstages ein Wikidata-Wettbewerb zur Erstellung von Datensätzen für Museen statt, durch die gleichzeitig alle ca. 300 Sprachversionen der Wikipedia profitieren können. Der Wettbewerb läuft noch bis zum 18. Mai. Alle Informationen zur Teilnahme und zu den Preisen gibt es hier.  

Auf Wikipedia

Mitmachen funktioniert bei der Online-Enzyklopädie, indem vorhandene Artikel korrigiert, vervollständigt oder erweitert werden,  geeignete Bilder oder Links und Belege hinzugefügt werden. Fehlt ein Artikel, kann ihn jeder beginnen oder sich an der Erstellung beteiligen. Tipps für Wikipedia-Einsteiger gibt es hier und wer noch länger dabei bleiben möchte, für den ist die Wikipedia-Challenge das richtige.

Ein praktisches Tool für den Museumstag ist die Museumslandkarte. Hiermit lassen sich alle Museen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz anzeigen, für die es schon einen Eintrag bei Wikidata gibt. Weiterhin sieht man in der Legende, ob es für diese Institutionen Artikel in unterschiedlichen Sprachen gibt.

Auf Wikimedia Commons

Fotos von Kunstwerken, Sammlungen, Künstlerporträts oder Bilder von Museumsgebäuden können auf Wikimedia Commons hochgeladen werden und so unter CC-Lizenz allen zur Verfügung gestellt werden. Wegen der besonderen Gesundheitssituation in diesem Jahr wird dazu aufgerufen, sich gezielt auf bereits vorhandene Archivfotos zu konzentrieren, die auf Speicherkarten, Festplatten oder Cloud-Speichern schlummern. 

Darüber hinaus wächst die Zahl der Bilder, die Kulturinstitutionen von ihren Sammlungen unter einer freien Lizenz veröffentlicht haben, kontinuierlich an. Es lohnt sich zu überprüfen, ob diese vorhandenen Medien bereits auf Commons verfügbar oder in Wikipedia-Artikel integriert worden sind. 

Der Museumstag 2020 international und in Deutschland

In Deutschland wird der Museumstag am 17. Mai erstmalig digital stattfinden. Dafür werden die digitalen Angebote der Institutionen gebündelt und auf www.museumstag.de präsentiert. Ziel des Aktionstages ist es, auf die thematische Vielfalt der mehr als 6.500 Museen in Deutschland sowie der Museen weltweit aufmerksam zu machen.

Das vom Internationalen Museumsrat ICOM ausgerufene Motto in diesem Jahr lautet, „Museen für Gleichheit: Vielfalt und Inklusion“. Der Museumsrat begründet die Wahl des diesjährigen Mottos damit, dass das Bewusstsein dafür geschärft werden soll, dass Museen ein wichtiges Mittel für den kulturellen Austausch, die Bereicherung von Kulturen und die Entwicklung von gegenseitigem Verständnis, Zusammenarbeit und Frieden zwischen den Völkern sind. Angesichts der augenblick eingeschränkten Möglichkeit, Museen zu besuchen, ist es umso wichtiger zu zeigen, dass Kultur nicht von Öffnungszeiten abhängt, sondern auch digital Bestand hat. In diesem Zusammenhang laden europäische Wikimedia-Organisationen mit Wikimedia Deutschland dazu ein, die Präsenz von Museen auf Wikipedia, Wikimedia Commons und Wikidata zu verbessern.

ICOM Poster Internationaler Museumstag, CC0

Der Beitrag Mehr Museum in Wikipedia, Commons und Wikidata: Mitmachen beim Internationalen Museumstag 2020! erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Coding da Vinci ist der Hackathon für Kunst und Kultur. Hier kommen technikaffine mit kulturbegeisterten Communities und Kulturinstitutionen für ein Ziel zusammen: das kreative Potential unseres digitalen Kulturerbes weiter zu entfalten.

Wikimedia Deutschland ist gemeinsam mit der Deutschen Digitalen Bibliothek, dem Forschungs- und Kompetenzzentrums Digitalisierung Berlin (digiS) und der Open Knowledge Foundation Deutschland Gründungsmitglied des Formats. Coding da Vinci Saar-Lor-Lux startet mit einem Kick-Off-Wochenende am 16. und 17. Mai und bringt dieses Mal viele Neuerungen: Es wird nicht nur die erste mehrsprachige und internationale Ausgabe aus dem Dreieck Saarland, Lorrach und Luxemburg sein, sondern sie wird bedingt durch die Covid-Situation auch gänzlich online stattfinden. 

Krisenkultur“ braucht Plattformen

Die Krise, die Schließungen von Museen, Theatern, Bibliotheken,  Archiven und anderen Kulturinstitutionen notwendig machte, hat in kürzester Zeit dazu geführt, dass der Kulturbereich sich der digitalen Welt öffnen musste. Ein Umbruch, der auch verdeutlicht hat, dass es einer noch festeren Verankerung von digitalen Methoden bedarf, die in der Lage sind ein Angebot in den digitalen Raum zu transportieren. 

Zwischen Bühnen, Museen, Bibliotheken, Archiven und anderen Institutionen sind die Voraussetzungen und der Grad der bisherigen Hinwendung zum Digitalen naturgemäß recht unterschiedlich. Theater und Opernhäuser, deren Kerngeschäft das Live-Erlebnis vor Publikum ist, haben nicht nur andere Fragen, sondern benötigen auch ganz andere Antworten als beispielsweise Museen oder Galerien, wenn es um Digitales geht. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie für ihr Publikum oder ihre Öffentlichkeit erreichbar und zugänglich sein wollen und müssen. Seitdem die Schutzmaßnahmen dies weitgehend unmöglich gemacht haben, war die Offenheit und Experimentierfreude mit digitalen Formaten kaum größer. Es hat sich gezeigt: Hier braucht es vermehrt Touchpoints von Kunst und Technologie in Veranstaltungen und Plattformen, bei denen sich Akteur*innen aus Kunst, Kultur und Technologie begegnen. Die Gelegenheit zum Austausch kann ein Ausgangspunkt für ungeahnte Lösungen werden.

Coding da Vinci 2020, Zoom-Call, CC0

Auf eine Chat mit Friedrich III. – Neugier auf Digitales

Diese Möglichkeiten bietet Coding da Vinci als erster deutscher Kultur-Hackathon bereits seit 2014. Wenn Designer, Game-Entwickler und Open-Data-Aktivist*innen auf Medienkünstler*innen, Augmented-Reality-Spezialist*innen und Gesellschaftswissenschaftler*innen treffen, um einen Prototyp aus freien Daten zu entwickeln, entsteht Spannendes: Wie sonst wäre die Idee für einen Chatbot, der Gespräche mit Kaiser Friedrich III anhand digitalisierter Briefe, Dokumente und Urkunden ermöglicht, entstanden? 

Die Bereitschaft die Möglichkeiten der Schnittstellen zwischen Kultur und Technik noch weiter auszuloten, hat durch die Krise eine noch größere Dynamik erhalten. Neugier und Experimentierfreude überwiegen nunmehr deutlich die Bedenken der Kulturbranche gegenüber digitalen Inhalten. 

Coding da Vinci Saar-Lor-Lux startet mit 18 Institutionen und 27 Datasets

Daher freuen sich die Organisatoren des diesjährigen Coding da Vinci, das im Dreieck von Saarland, Lorrach und Luxemburg stattfindet, über bereits 18 teilnehmende Institutionen und 27 eingereichten Datasets. Es ist die erste Ausgabe des Hackathons, die international und multilingual sein wird.
Grenzüberschreitend zusammen gestellt ist auch das Veranstaltungsteam, bestehend aus vier saarländischen Akteuren (K8 Institut für strategische Ästhetik gGmbH, Hochschule der Bildenden Künste Saar, Opensaar e.V. und Stiftung Saarländischer Kulturbesitz) sowie den Partnern BLIIIDA (Metz, Frankreich) und Centre national de l’Audiovisuel (Dudelange, Luxemburg).

Coding da Vinci 2020, Zoom-Call, CC0

Zum ersten Mal digital: Veranstaltung als Online-Format

Wie wird es gelingen, ein Netzwerk-Event wie Coding da Vinci vollständig im digitalen Raum stattfinden zu lassen und was sind die Herausforderungen?
Traditionell liegt eine der größten Herausforderungen bei Coding da Vinci in der Begegnung und Kommunikation miteinander. Kulturakteur*innen müssen in kurzer Zeit den Techies verständlich erklären, welche Daten sie mitbringen und warum sie relevant sind. Andersherum gilt es mit Fingerspitzengefühl, eine Anwendung für die Daten zu finden.

Den Organisierenden war klar, dass diese Phase des Erklärens und Verstehens nicht gut in langwierigen Online-Calls funktionieren würde, so dass man sich entschieden hat, die Daten bereits vor dem Kick-Off-Wochenende am 16.-17. Mai öffentlich zu machen. So war es möglich, die Daten im Vorfeld zu sichten und sich erste Gedanken zu machen. 

Die erste Online-Veranstaltung war bereits von 65 Teilnehmenden aus Deutschland, Frankreich und Luxemburg besucht und ein erster Erfolg:
Nach der Vorstellung der Datensätze anhand kurzer Videos und einem dem Austausch untereinander, ging es direkt in die Ausarbeitung der Projektideen. Diese werden zur Zeit in einem Slack-Channel von Coding da Vinci Saar-Lor-Lux weiterentwickelt.

Mitmachen und das digitale Kulturerbe nach vorn bringen!

Beim anstehenden Kick-Off  am 16. und 17 Mai wird sich alles um die weitere Ideen- bzw. Projektentwicklung und das Zusammenfinden der Teams drehen. Bereits bestehende Teams können sich erweitern, an ihren Projekten arbeiten oder sich mit Vertretern der Kulturinstitutionen vernetzen. 
Hier geht es zur Anmeldung von Coding da Vinci Saar-Lor-Lux – mit detailliertem Überblick über das Programm.

Der Beitrag Hacking the Arts – warum ist ein Hackathon für Kunst und Kultur so wichtig? erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Heute wurden die Empfehlungen zur Umsetzung der 2018 beschlossenen Strategischen Ausrichtung für das Wikimedia-Movement veröffentlicht. Sie sind das Ergebnis von fast zwei Jahren intensiver Arbeit divers besetzter Arbeitsgruppen sowie mehrerer Feedback-Runden und schließen die zweite Phase des internationalen Wikimedia-Strategieprozesses “Wikimedia 2030” ab. Die Handlungsempfehlungen zeigen Wege auf, wie wir als internationales Movement die Strategische Ausrichtung konkret umsetzen wollen.

Das nun veröffentlichte Strategiedokument stellt die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit vor: zehn Empfehlungen und zehn Grundprinzipien, die einen Leitfaden für den Wandel umreißen. Einige Ideen bauen auf bestehenden Erfolgen und dem unglaublichen Fachwissen und den Erfahrungen auf, die in unserem Movement und darüber hinaus bestehen. Einige fordern Veränderungen in der Art und Weise, wie wir arbeiten, interagieren und uns für unsere Mission und unsere Werte einsetzen. Und einige verlangen von uns, dass wir uns neue Wege der Arbeit, der Zusammenarbeit und des Entscheidungsfindung für den anhaltenden Erfolg unseres Movements vorstellen. Die Empfehlungen im Einzelnen: 

1. Verbesserung der Nachhaltigkeit unserer Bewegung fordert uns auf, Menschen in den Fokus zu stellen und in ihre Bedürfnisse zu investieren. Es geht vor allem um die Vielfalt der Mitwirkenden und gerechte Generierung und Verteilung von Finanzmitteln.

2. Verbesserung der Benutzungserfahrung befasst sich mit der Nutzerfreundlichkeit und Zugänglichkeit unserer Projekte wie Wikipedia und Wikidata und den kontinuierlichen Möglichkeiten, sie zu verbessern. Sie empfiehlt die Einbeziehung von Mitwirkenden und Entwicklergemeinschaften in Forschung, Design und Tests für unterschiedliche Nutzeroberflächen. 

3. Bereitstellung von Sicherheit und Inklusion beinhaltet die Erstellung eines Verhaltenskodex und den Umgang mit Problemen und Belästigungen innerhalb unserer Projekte. Diese Empfehlung schlägt eine Grundlinie für akzeptables Verhalten im Movement und flexible Ausführungsrichtlinien vor. 

4. Sicherstellung der Gerechtigkeit bei der Entscheidungsfindung ist eine wesentliche Voraussetzung für geteilte Verantwortung und Rechenschaft im Movement. Gleichberechtigte, klare und offene Beteiligung bei der Entscheidungsfindung, Unterstützung lokaler Gemeinschaften und partizipative Ressourcenverteilung stehen hier im Fokus.

5. Koordination aller Interessengruppen empfiehlt Räume für eine verbesserte Kommunikation und Zusammenarbeit innerhalb des Movements und mit Partnern, technischen Mitarbeitenden und Softwareentwicklungs-Gemeinschaften zu schaffen. Empfohlen wird außerdem, einen Technologie-Rat für die Einführung neuer Funktionalitäten einzurichten.

6. Investition in Kompetenz- und Führungsentwicklung befasst sich mit der gerechten Entwicklung technischer und menschlicher Fähigkeiten von Einzelpersonen und Organisationen im Movement. Hier sollen kontextbezogen Online-Lernen, Peer-Netzwerke, die Erstellung von Inhalten in mehreren Sprachen, Mentoring-Programme sowie Anerkennung und Anreize für die Entwicklung von Fähigkeiten entwickelt werden. 

7. Verwaltung von internem Wissen empfiehlt sicherzustellen, dass das interne Wissen im Movement benutzerfreundlich, partizipatorisch und von hoher Qualität ist. Wir benötigen eine Dokumentationskultur, eine Wissensdatenbank mit Zugang zu Lernmitteln und die Unterstützung durch Mitarbeitende, die sich dieser Aufgabe widmen.

8. Identifikation von Themen nach Auswirkungen empfiehlt, unter Achtung der Autonomie der Freiwilligen zu betrachten, wie sich unsere Inhalte auf die Menschen auswirken. Es geht um Möglichkeiten, Inhaltslücken zu schließen und Fehlinformationen über unsere Projekte und unser Handeln einzuschätzen.

9. Innovationen für Freies Wissen schlägt vor, unser Angebot an Projekten und Inhaltsformaten zu erforschen und zu erweitern, um weiterhin als Zugang zur Summe des menschlichen Wissens relevant zu bleiben. Barrieren für die Wissensgerechtigkeit sollen identifiziert und reduziert sowie neue Projektideen initiiert werden.

10. Auswertung, Wiederholung und Anpassung setzt auf die effektive und effiziente Umsetzung der Strategieempfehlungen, und darauf, dass wir unsere Arbeit evaluieren, iterieren und anpassen. Dies erfordert Ressourcen, Fachwissen und Kapazitäten, geteilte Verantwortung und gegenseitige Rechenschaftspflicht.   

Zunächst einmal möchten wir allen unseren herzlichen Dank aussprechen, die so intensiv an diesem Dokument und seiner Entstehung mitgewirkt haben. Weltweit haben einhundert Arbeitsgruppenmitglieder die Empfehlungen entwickelt und Tausende Menschen aus Communities und Organisationen haben sich auf dem Weg zur finalen Version beteiligt. Sie haben auf Veranstaltungen, Mailinglisten, Wiki-Seiten, Chatplattformen und in anderen Kanälen dazu beigetragen, dass die vielfältigen und vielen Perspektiven unseres internationalen Movements in den Prozess einfließen. Auch aus dem deutschsprachigen Raum konnten wir Erfahrungen und Expertise einbringen und unterstützen, sei es durch Mitgliedschaft in den Arbeitsgruppen, Beteiligung an den Community-Diskussionen und auf Veranstaltungen, oder durch die Leitung des internationalen Projektteams durch Nicole Ebber. 

Riesenspatz / Svenja Kirsch, Anna Lena Schiller, riesenspatz.de, Timeline for Phase I, II, and III of the Movement Strategy, CC BY-SA 4.0

Nicht immer war es einfach, die verschiedenen Stimmen und Interessen unter einen Hut zu bekommen. Und nicht immer ist es gelungen. Ein paar der mutigen Ideen aus den Arbeitsgruppen wurden auf dem Weg zur finalen Fassung wieder abgeschwächt oder gestrichen. Vieles bleibt noch zu entscheiden und weiterzuentwickeln. Dennoch ist dieses Dokument wegweisend für die weitere Entwicklung unseres Movements, für seine Relevanz in einer digitalen und realen Welt: Wikimedia als globale Infrastruktur für Freies Wissen ist perspektivisch unverzichtbar in einer zunehmend ungleichen und ungerechten Welt.

Viele Elemente aus den Empfehlungen werden in den nächsten Jahren die Diskussionen im Wikimedia-Movement prägen. Die Prinzipien, die den Handlungsempfehlungen zugrunde liegen, sind dabei fast ebenso wichtig und sollten zuerst gelesen werden. Gemeinsam mit der Strategischen Ausrichtung werden sie bei den anstehenden Entscheidungen der nächsten Jahre als Wegweiser dienen. Weiter ist zu beachten, dass die Handlungsempfehlungen nicht feststehende Regelungen sind. Sie sind kein von der Wikimedia Foundation oder irgendwelchen anderen Akteuren im Movement verabschiedetes ‘Gesetz’. Stattdessen soll zunächst gemeinsam mit verschiedenen Akteuren im Movement erörtert werden, für welche Initiativen genug Interesse besteht und wie Ressourcen bereitgestellt werden. Hier wird Wikimedia Deutschland als solide, starke Organisation innerhalb des Movements zusammen mit aktiven Ehrenamtlichen und Mitarbeitenden sowie unseren Partnern im Movement Initiative ergreifen. Die folgenden Ausführungen sollen daher auch eine idee-gebende Funktion haben und die Diskussionen um die Umsetzung mit anstoßen.

Was bedeuten die Empfehlungen für die deutschsprachige AutorInnen-Community?

Grundsätzlich sind die Handlungsempfehlungen von dem Gedanken geprägt, dass wir in die Communities und in die Menschen in den Communities “investieren” müssen, um das Movement nachhaltig aufzustellen. Dabei soll, im Sinne der Strategischen Ausrichtung, ein Fokus auf bisher ausgeschlossene Gruppen liegen, und darauf, die begrenzten Ressourcen des Movements mehr Menschen mit vielfältigeren Hintergründen zur Verfügung zu stellen. Wie das umgesetzt werden soll, wird aus der Handlungsempfehlung “1. Verbesserung der Nachhaltigkeit unserer Bewegung” deutlich. Mehr Movement-Gelder sollen an erst neu entstehende oder marginalisierte Communities gehen. Das kann zum Beispiel konkret bedeuten, dass ein Teil der Fördergelder, welche zur Unterstützung der Community aufgewendet werden, einen Fokus auf gerechtere und breitere Verteilung, Neuautorengewinnung und Diversität erhält. 

In “6. Investition in Kompetenz- und Führungsentwicklung” und “7. Verwaltung von internem Wissen” geht es darum, Ressourcen und Strukturen für den Aufbau der Stärken von und der Verbindungen zwischen Ehren- wie Hauptamtlichen gleichermaßen bereitzustellen. Hier ergeben sich potenziell viele neue Möglichkeiten für Freiwillige: besser auffindbare gemeinsame online Lernressourcen, Fortbildungen, Netzwerke, vereinfachter Kontakt zu und gegenseitiger Austausch und Unterstützung mit Freiwilligen anderer Communities und anderer Länder – alles gezielt gefördert und mit Movement-Ressourcen unterstützt.

Bei der in der Reviewphase kontrovers diskutierten Handlungsempfehlung “8. Identifikation von Themen nach Auswirkungen” ist jetzt klarer formuliert, worum es geht, nämlich darum, Wissenslücken in den Projekten gemeinsam zu identifizieren und deren Schließung besonders zu unterstützen.

In den Handlungsempfehlungen „2. Verbesserung der Benutzungserfahrung“ und „5. Koordination aller Interessengruppen“ finden sich einige der Vorschläge der Technologie-Arbeitsgruppe wieder. Hier geht es einerseits darum, die Nutzererfahrung zu verbessern und die Projekte für mehr Menschen einfacher zugänglich zu machen. Es sollen Strukturen und Prozesse geschaffen werden, welche die Entwicklung von Technologie besser mit den Nutzenden abstimmen, die Gruppe der freiwilligen Software-Entwickler breiter aufstellen und die Entwicklung – wo sinnvoll – zu dezentralisieren. Hier ist Wikimedia Deutschland schon durch die Entwicklung von Wikidata und dessen Community sowie durch das Projekt Technische Wünsche aktiv.

Viel diskutiert war auch die Handlungsempfehlung “3. Bereitstellung von Sicherheit und Inklusion”, in der es um Inklusion und Schutz der Nutzenden und Freiwilligen geht, sowohl vor Belästigung und Übergriffen online als auch vor politischen Gefahren in ihren Heimatländern. Ein universaler Code of Conduct, der national/lokal ergänzt werden kann, soll hier für eine Grundsicherheit sorgen, gepaart mit Mechanismen zum Melden und Adressieren von Vorfällen. Communities müssen aus unserer Sicht aktiv daran mitarbeiten und ausgestalten, denn eine erfolgreiche Umsetzung funktioniert ausschließlich gemeinsam.

In der Handlungsempfehlung “4. Sicherstellung der Gerechtigkeit bei der Entscheidungsfindung” schließlich geht es um die Movement-Strukturen und um die gerechtere Verteilung von Ressourcen und Entscheidungskompetenzen der verschiedenen Akteure. Hier sollen neue Strukturen entstehen: Einerseits ein “Global Council”, das die weltweit verteilten Wikimedia-Communities und -Organisationen vertritt und an welches das Board der Wikimedia Foundation entsprechende Entscheidungskompetenzen delegieren soll. Hier muss noch viel diskutiert (und rechtlich geprüft) werden, aber letztlich soll der jetzige Zustand, in dem das Board einer US-Non-Profit-Organisation versucht, ein globales Movement zu repräsentieren, finanzieren und leiten, durch eine gerechtere, demokratischere und repräsentativere Struktur ersetzt werden. Wir müssen gemeinsam mit der deutschsprachigen Community herausarbeiten, wie eine Beteiligung und Präsenz in so einer Struktur aussehen kann und soll.

Ergänzend soll es regionale und themenspezifische ‘Hubs’ geben, also zum Beispiel ein “Wikimedia Westafrika”, oder eine Wikimedia-Advocacy-Vereinigung, oder eine Einheit, die sich um die Umsetzung der Aufgaben zur Fortbildung, Wissensmanagement und Koordination kümmert. Hier kann sich in den nächsten Jahren vieles entwickeln, natürlich basierend darauf, wo Bedarfe, Interessen und Initiativen entstehen. Das Bestreben ist, letztlich ein Netzwerk von dezentralen Orten und Strukturen zu schaffen, welche die Menschen und Organisationen unseres Movements stärken, über die Tellerränder einzelner Projekte oder Länder hinaus und – ganz wichtig – welche die Entscheidungen dorthin verlagern, wo sie Auswirkungen haben, wie es das den Empfehlungen vorangestellte Subsidiaritätsprinzip vorsieht. Hier gibt es sicherlich viele Möglichkeiten für Menschen aus den deutschsprachigen Communities, sich international mehr zu engagieren und zu vernetzen.

Riesenspatz / Svenja Kirsch, Anna Lena Schiller, riesenspatz.de, Wikimedia 2018-20 Recommendations all in one final, CC BY-SA 4.0

Was bedeuten die Empfehlungen für Wikimedia Deutschland?

Wikimedia Deutschland ist die älteste, größte und wohlhabendste Wikimedia-Ländervertretung. Neben der Wikimedia Foundation haben wir erhebliche Verantwortung im Movement. Wir haben die Ressourcen und die Expertise, viele Initiativen zu starten oder Aufgaben zu übernehmen. In den letzten Jahren haben wir das schon getan – die Entwicklung von Wikidata und die jährliche Ausrichtung des Wikimedia Summit sind nur zwei Beispiele. 

Die Strategische Ausrichtung und die daraus abgeleiteten Empfehlungen sind stark wertebasiert: Gerechtigkeit, Partizipation, Subsidiarität, Empowerment, Inklusivität – es geht hier stets um eine Fokussierung auf den Menschen. All dies sind Werte, die wir bedenken sollten, wenn wir die nächsten Schritte planen und unsere neue Rolle in dem sich verändernden Movement finden. Es wäre nicht angebracht, jetzt bei diversen Initiativen allein das Ruder in die Hand zu nehmen, weil wir glauben, schon zu wissen, wie es geht, oder weil wir etwas besonders wichtig finden. 

Wir müssen deshalb Räume schaffen, um Menschen zueinander zu bringen, damit sie gemeinsam unsere Projekte und Ideen stärken können. Wir müssen Stimmen integrieren, die bislang wenig gehört werden, langjährige Beitragende und ihre Erfahrungen einbeziehen und Partnerschaften auf- und ausbauen.

Ein Kultur- und Strategiewandel drückt sich auch nicht nur in neuen Aktivitäten und zusätzlichen Strukturen aus, sondern auch darin, dass Dinge anders, oder gar nicht mehr  gemacht werden. Wir sind hier offen für Input, Impulse und aktive Mitarbeit von Communities, Mitarbeitenden, Mitgliedern und Partnern.

Gerade wird erarbeitet, wie die Empfehlungen priorisiert und umgesetzt werden. Ursprünglich sollte dies auf dem Wikimedia Summit im April in Berlin starten, aber dann kam alles anders. Statt für drei Tage in Berlin zusammen zu kommen, wird es nun eine ganze Reihe an virtuellen Veranstaltungen und Möglichkeiten für das Movement geben, sich einzubringen. Details wissen wir noch nicht, aber wer uns jetzt schon Ideen, Wünsche oder Ratschläge mitgeben möchte, kann das in den Kommentaren sehr gern tun. 

Der Beitrag Wikimedia 2030 – Empfehlungen für die Zukunft von Wikimedia sind da! erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Tech for Good? Nur mit offenen Daten!

13:10, Saturday, 09 2020 May UTC

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“Um Corona zu beenden, klicken Sie hier!” – Technologie erhält in der Corona-Krise eine neue Rolle. Die große Teilnehmerzahl an Hackathons wie dem WirVsVirus-Hackathon der Bundesregierung zeigt den Willen vieler, mit eigener technologischer Expertise Positives beizutragen. In der aktuellen Situation bringt es ein gutes Gefühl der Selbstwirksamkeit, anderen zu helfen. Bürgerinnen und Bürger, öffentliche Institutionen und Unternehmen entwickeln Prototypen für Programme wie digitale Nachbarschaftshilfe, bessere Organisation von Online-Unterricht oder Anti-Hamster-Apps. 

Alle diese Anwendungen haben eines gemeinsam: Sie versprechen die Lösungen gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und gesundheitlicher Auswirkungen von Covid-19 durch technologische Innovation. Doch das führt zu einem Problem, das Evgeny Morozov in seinem Klassiker der Technologiekritik „To Save Everything, Click Here“ als “Tech-Solutionismus” beschrieben hat: nur selten haben vielschichtige gesellschaftliche Probleme eine so einfache und klar bestimmbare Ursache, als dass sie durch einen Algorithmus oder eine App bewältigt werden können. 

Natürlich können viele Schwierigkeiten durch digitale Technologien verbessert werden, in dem Prozesse einfacher und effektiver gestaltet werden. Doch soziale Benachteiligung und Diskriminierung, der Zugang zu Bildung und Ressourcen wie gesundheitlicher Versorgung ist von vielen komplexen Umständen abhängig. Auch die Corona-Krise und die Kontaktsperre treffen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Härte. Die langfristigen Folgen von technologischen Interventionen sind daher schwer vorherzusehen. 

Um diese Prozesse der technologischen Innovation auch tatsächlich sozial zu gestalten, müssen Technologien partizipativ produziert werden. Open Data und Open Source Code können Transparenz bei der Entwicklung von digitalen Werkzeugen garantieren. Sie tragen außerdem dazu bei, dass Innovationen von allen genutzt und weiterentwickelt werden können.

Offene Daten garantieren Transparenz und breite Teilhabe bei der Entwicklung technologischer Innovationen.

Die beschränkte Welt der Daten

Ein Großteil der Apps basiert auf der Ansammlung und Auswertung von persönlichen Daten. Denn Daten versprechen einen objektiven Blick auf Wahrheit und Fakten. Das führt zu der Annahme, dass die Nutzung von Algorithmen soziale Krisen bewältigen kann. Die so erfasste Wahrheit der Daten ist aber nie vollständig, sie bildet immer nur einen kleinen Teil unserer Realität ab, viele Perspektiven sind stark unterrepräsentiert. Immer häufiger merken wir, dass unsere Technologien Menschen ausschließen. Die Autorin Caroline Criado-Perez hat in ihrem Buch “Unsichtbare Frauen” gezeigt, dass Daten über Frauen seit Jahrzehnten in Designprozessen von Alltagsgegenständen, der Infrastruktur und auch von Technologie unterrepräsentiert sind. Ebenso werden soziale Minderheiten wie zum Beispiel People of Color und die Kulturen des Globalen Süden in unserem eurozentrischen Weltbild ignoriert.

Das kann dazu führen, dass bereits marginalisierte Menschen benachteiligt und deren Lebensstile stärker sanktioniert werden. Können wirklich alle von digitalem Unterricht profitieren, oder werden Kinder von finanziell schwachen Familien nun erst recht abgeschnitten? Welche neuen Probleme ergeben sich im Homeoffice für die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und Beruf? Wie wird sich das verstärkte Anhäufen von Location- und Kontaktdaten auf das Leben von Geflüchteten und Menschen mit befristeter Aufenthaltsgenehmigung auswirken?

Datensilos und die Krise

Tech-firmen und Start-ups präsentieren technologische Innovation in Form von Tracking-Anwendungen und Bürgerinnen und Bürger geben ihre Daten bereitwillig frei. Das verstärkt die Abhängigkeit von den Unternehmen, die geschlossene Daten-Silos aufbauen. Gleichzeitig haben die Bevölkerungsgruppen, die die Technologien am Ende nutzen sollen, vollkommen unterschiedliche wirtschaftliche und soziale Situationen. Doch Daten, die proprietär – also geschlossen und für die kommerzielle Verwendung – auf der Seite eines Unternehmens liegen, sind immer auch ein Mittel der Kontrolle. Firmen nehmen immer mehr Raum ein in Feldern, die grundlegende Teile des gesellschaftlichen Lebens sind. Im Gesundheitswesen, der Wissenschaft, im digitalen Unterricht. Doch was verlieren wir, wenn wir essentielle Bestandteile des gesellschaftlichen Lebens in die Hände von Unternehmen geben?

Auch die Regierung will von den technologischen Innovationen profitieren und sie für den Schutz der Bevölkerung nutzen. Unter dieser Prämisse steigt auch die Bereitschaft, der Exekutive mehr Spielraum zu geben. Es stellt sich also zusätzlich die Frage, welche Auswirkungen die Krise auf unser demokratisches System hat. 

Privatsphäre gegen Freiheit: Eine falsche Dichotomie

Gleichzeitig wird die Diskussion über den Nutzen der Technik auf Basis einer vereinfachten Dichotomie, also zwei sich scheinbar ausschließender Alternativen geführt. Oft wird im Umgang mit persönlichen Daten das Argument für die Privatsphäre gegen ein Streben nach Innovation und Freiheit ausgespielt. In dieser Diskussion scheint es, als ob es nur diese beiden Optionen gäbe. Dabei müssen wir uns gar nicht entscheiden. Offenheit und Transparenz ermöglichen Standards für Privatsphäre und Innovation zugleich und damit einen selbstbestimmten Umgang mit Technologie. Diese Technologien basieren zu einem Großteil auf Linked Open Data. 

 VGrigas (WMF), Wikimania 2017 Hackathon-21, CC BY-SA 3.0
Wikidata hat das klare Ziel, mehr Menschen mehr Zugang zu mehr Wissen zu verschaffen.

Linked Open Data für Tech for Good

Linked Open Data ist die Verknüpfung aus Linked Data und Open Data: die Daten sind verbunden und haben offene Quellen. Linked Open Data ist einer der Grundpfeiler des Semantic Web. Diese Idee stammt von Tim Berners Lee, dem Erfinder des World Wide Web. Beim Semantic Web geht es darum, Verknüpfungen zwischen Datensätzen herzustellen, die nicht nur für Menschen, sondern auch für Maschinen verständlich sind. Mit anderen Worten: Linked Data beschreibt eine Reihe von Designprinzipien für die gemeinsame Nutzung maschinenlesbarer, miteinander verknüpfter Daten. So werden Dinge, Ereignisse, Menschen, Orte im Semantic Web verknüpft. 

Das Linked-Open-Data-Projekt Wikidata ist mit inzwischen über 80 Millionen Datensätzen die weltweit größte offene und frei editierbare Datenstruktur ihrer Art. Das Schwesterprojekt der Wikipedia dient schon vielen zentralen Programmen und Apps als wichtige Grundlage. Das Wissen, das auf Wikidata vorliegt, ist verknüpft und maschinenlesbar. Es wird von Stadtteil-Initiativen oder dem Katastrophenschutz genutzt, kann zur Erstellung von Bildungsmaterialien dienen und wird in der Corona-Krise für Visualisierungen und zur Übersicht über Verbreitung und Forschung zu Covid-19 verwendet. Und das ohne kommerzielle Verwertung der Daten von Seiten Wikidatas. Linked Open Data auf Wikidata steht allen zur Verfügung, nicht nur den Unternehmen und staatlichen Institutionen. Das Semantic Web von Wikidata ist gleichzeitig global und lokal.

Auch der Staat spricht sich immer häufiger für die Verwendung von offenen Daten aus. Vor wenigen Wochen fand die Umfrage zur Datenstrategie der Bundesregierung statt, an der alle Bürgerinnen und Bürger teilnehmen konnten. Wikimedia Deutschland fordert deshalb für das digitale Ehrenamt leichteren Zugang und mehr Rechtssicherheit beim Umgang mit Daten. Bürgerschaftliches Engagement benötigt außerdem stetige Förderung von Experimentierräumen, wie sie derzeit etwa die Initiative Jugend hackt oder die Code for Germany-Labs bieten. Möglich ist das nur, weil in diesen Initiativen miteinander gearbeitet wird statt gegeneinander. 

Bei der Schaffung neuer digitaler Werkzeuge ist es zentral, die Vielfalt der Gesellschaft im Blick zu behalten und die unterschiedlichen Zielgruppen bei der Entwicklung miteinzubeziehen. Sonst besteht die Gefahr „Lösungen“ vorzuschlagen, die soziale Dynamiken ignorieren und Ungleichheiten vergrößern. Offene Daten brechen Informationssilos auf, die zwischen verschiedenen der Zivilgesellschaft, Firmen und Institutionen bestehen. Durch Linked Open Data wird Zusammenarbeit ermöglicht, statt Daten in proprietären Silos anzuhäufen. Gruppen, die traditionell von der Entwicklung von Technologie ausgeschlossen werden, erhalten so eine Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Open Data und Open Source-Code garantieren außerdem Transparenz bei der Entwicklung und führen dazu, dass die Innovationen von jedem und jeder genutzt und weiterentwickelt werden können.

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Das wollen wir mit dem neuen Förderprogramm erreichen

Wie kann man Filterblasen zum Platzen bringen? Welche neuen Wissensnetzwerke wären sinnvoll? Wie können wir den Zugang zu Wissen erleichtern? Und wie können wir die Bedingungen für Wissensproduktion fairer machen? Wir sind fest davon überzeugt, dass es da draußen viele Menschen gibt, die auf solche und ähnliche Fragen schon gute Antworten im Kopf haben – aber denen die Zeit, das Know-how oder die Mittel fehlen, ihre Ideen weiterzuentwickeln. Wir wollen diesen Menschen helfen und dazu beitragen, dass aus ihren Ideen konkrete und umsetzbare Projekte werden.

Das bietet der UNLOCK Accelerator

Alle teilnehmenden Teams bekommen eine professionelle Projekt-Begleitung durch Coaches, die in der ersten Phase des Programms dabei helfen, die Team-Idee weiter zu entwickeln. Zudem gibt’s Unterstützung durch eine Reihe anderer Expertinnen und Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen – die Teilnehmenden bekommen genau den Support, den sie für ihr Projekt brauchen.

So kann man beim UNLOCK Accelerator mitmachen

Die wichtigste Voraussetzung für die Teilnahme ist eine gute Idee, die zu einer offenen und informierten Wissensgesellschaft beiträgt. Wir haben fünf konkrete Themenfelder identifiziert, zu denen eure Idee passen sollte:

  • Wissensnetzwerke (Welche Techniken u. Schnittstellen verbinden bestehende Wissensinseln?)
  • Wissenskompetenz (Wie kann man Wissen und den Umgang damit lernen?)
  • Wissenshorizonte (Wie kommen wir aus den Filterblasen raus?)
  • Wissensproduktion (Wie gelingt ein fairer Umgang mit Freiem Wissen?)
  • Wissensgesellschaft (Wie können wir eine große Bewegung für Freies Wissen erzeugen?)

Die weiteren Voraussetzungen: Ihr braucht ein Team zwischen zwei und fünf Personen, ihr habt euren Sitz in Deutschland und/oder dem EU-Ausland und seid der deutschen Sprache mächtig. Neugierig geworden? Dann könnt ihr euch bis zum 15. Juni 2020 ganz einfach hier bewerben: https://www.wikimedia.de/unlock/jetzt-bewerben/

Alle weiteren Infos zu unserem neuen Programm findet ihr auf der offiziellen Website: https://www.wikimedia.de/unlock/

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Wiki Loves Earth, der große internationale Fotowettbewerb rund um Naturschutzgebiete, Naturdenkmäler und Nationalparks, startet wieder: Vom 1. Mai bis 30. Juni 2020 können Beiträge im deutschen Wettbewerb eingereicht werden.
Alle können teilnehmen und so die Wikimedia-Projekte – allen voran die Wikipedia – durch ihre Fotos bereichern. Das Ziel von Wiki Loves Earth ist es, gemeinsam die größte Sammlung von frei nutzbaren Fotografien des Naturerbes zu kreieren und hierdurch auch einen Beitrag zum Umwelt- und Naturschutz zu leisten.

Der Wettbewerb ist im Jahr 2013 in der Ukraine zum ersten Mal, organisiert von Freiwilligen, durchgeführt worden. Im Jahr darauf fanden bereits zeitgleich in 14 Ländern nationale Wettbewerbe zur Naturfotografie statt. 2019 gab es in 37 Ländern Wettbewerbe von denen die besten Beiträge an eine internationale Jury weitergereicht und prämiert wurden. Ein Viertel der fast 100.000 eingereichten Fotos kamen dabei aus dem deutschen Wettbewerb.

Michael Wirtz / CC BY-SA Das Foto des Silberteichs aus dem Nationalpark Harz kam 2019 auf den 2. Platz.

Auch 2020 sollen unter dem Motto Wiki Loves Earth wieder Fotos aus Schutzgebieten gesammelt werden. Bislang haben sich 18 Länder für die Teilnahme angemeldet und noch weitere werden erwartet.
Bei der Wahl des Motives sind im Wettbewerb wenige Grenzen gesetzt: Es kann sich um Fotos von als Naturdenkmal geschützte Baumexemplaren, den Wasserfall in einem Nationalpark oder auch die als Landschaftsschutzgebiet geschützten Felder handeln. Wichtig ist dabei, dass mit den Fotos angegeben wird, welches geschützte Objekt oder Gebiet zu sehen ist.

Die Fotos sollen die umfangreichen Artikel und Listen der Wikipedia bebildern und die Datenbank Wikidata füllen. So soll die Vielfalt, Eigenart und Schönheit der Natur festgehalten und dokumentiert werden.

Jannik Stolz / CC BY-SA Der Weg durch die Lüneburger Heide kam im Jahr 2016 auf Platz 10.

Hinweise zur Teilnahme

Der Wettbewerb dient dem Schutz der Natur und soll diese nicht gefährden oder zerstören. Viele Schutzgebiete sind besonders empfindlich gegenüber Störungen, so dass befestigte Wege nicht verlassen werden sollten und auch Fotos, die mit Hilfe von Drohnen gemacht wurden, ausbleiben sollten. Wenn du dir unsicher bist, informiere dich über die Bestimmungen oder frage im Zweifelsfall bei der zuständigen Stelle nach.

Aufgrund der aktuellen Situation findet Wiki Loves Earth in diesem Jahr nicht nur im Mai statt, sondern wird bis Ende Juni verlängert – auch in der Hoffnung, dass es hiermit besser möglich sein wird, auch etwas weiter entfernte Gebiete zu dokumentieren. Das Organisationsteam bittet darum, sich auf die Gebiete und Naturdenkmäler in der unmittelbaren Nähe zu konzentrieren. Alternativ kannst du auch gerne deine Fotosammlung durchsuchen, egal ob die Fotos aus dem Januar oder aus dem Jahr 2018 sind oder gar die Dias von vor 30 Jahren: Alle Einreichungen sind willkommen, solange sie ein geschütztes Gebiet zeigen und du die Fotos selbst aufgenommen hast.

Zur Teilnahme gibt es hier eine Kurze Schritt-für-Schritt-Anleitung.

Wenn du Fragen hast, schaue hier nach, ob die Frage schon beantwortet wurde oder frag einfach nach.

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Die Wikipedia ist eine Plattform großer Freiheit. Alle Menschen können mitmachen und Wissen zur größten Online-Enzyklopädie beitragen und so ihr Wissen teilen. Bei aller Klarheit dieses Prinzips hinter Wikipedia ist es eine Herausforderung, die Vielzahl an Ideen, Wissensbeiträgen und Meinungen miteinander zu vereinbaren, so dass die Enzyklopädie funktioniert. Wenn eine radikal selbstverwaltete Community von Freiwilligen alleine in der Verantwortung steht, wie entsteht aus der Vielzahl der Perspektiven ein gemeinsamer Inhalt? Nach welchen Regeln kann das „Prinzip Wikipedia“ funktionieren? Wie kann Wikipedia Vorbild für freiheitliche und doch respektvolle Online-Diskussionen sein?

Die Lösung, die sich die Wikipedia-Community hierfür gegeben hat, liegt in der völligen Nachvollziehbarkeit der Quellen  auf den Diskussionsseiten ihrer Beiträge. Die Grundlage für den neutralen Standpunkt der Wikipedia bildet ein offener und transparenter Aushandlungsprozess. Außerdem gibt es eine Vielzahl von Mechanismen, die die Zusammenarbeit in der Wikipedia regeln. Regeln, die sich diese Community zur Qualitätssicherung selbst gegeben hat. Die Wikipedia kann deshalb Antworten liefern, wie mit Vielfalt und Dissens im Netz umgegangen werden kann. Denn belegte Meinung und argumentative Aushandlung führen in der Wikipedia zum jeweils besten Stand des Wissens. 

Wie wir eine freie, offene und verantwortlich handelnde Gesellschaft auch im Netz gestalten und sichern können, darüber habe ich gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Alexander Ritzmann beim Google GovernanceLab zum Thema Meinungsfreiheit diskutiert. Eine Community-basierte Plattform wie Wikipedia bietet hier Antworten, wie Meinungsfreiheit mit anderen Freiheiten im Einklang stehen kann. Die Vorträge von Alexander Ritzmann und mir sind nun online auf Video zu finden. 

Ich danke besonders allen Freiwilligen, die in der aktuellen Lage ehrenamtlich und gemeinwohlorientiert Artikel erstellen und redigieren. Das ist jetzt besonders wichtig, denn eine offene und neutrale Wissensquelle hilft uns allen, einen kühlen Kopf zu bewahren. Falls Sie ebenfalls aktiv werden wollen, können Sie das hier tun. 

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Offenheit sagt sich leicht dahin und ist doch kein Leichtes. In Vertrauensräumen ist es einfacher, offen zu sein und etwas freizugeben. Menschen fürchten dann nicht über den Tisch gezogen zu werden. Sie vertrauen darauf, dass das, was sie freigeben von Anderen auch sinnvoll genutzt wird. Oft wird über die Technik bestimmt, wie etwas offen gehalten — im Sinne von frei zugänglich — wird. Der Riegel eines Gartentors lässt sich schnell beiseite schieben. Ein Schloss erschwert die Sache, die Einzäunung mit Klingendraht macht die Nutzung des Gartens durch Dritte fast unmöglich. Ähnlich wie beim Zugang zu Grundstücken in der analogen Welt, wird auch im Reich des Digitalen der Zugang zu Inhalten auf technologischen und rechtlichen Wegen geregelt (Stichworte: Kopierschutz, Urheberrecht). Etwas zu öffnen, gar alles zu öffnen (Open Everything) ist dabei lediglich eine besondere Form das zu tun. Regeln wiederum sind ein wichtiger Begriff in der Allmende. Das Wort Allmende stammt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet ursprünglich: allen in der Gemeinde abwechselnd zukommend. Diesen Anspruch einzulösen, bedarf seit jeher vielfältiger und differenzierter Regeln.

Jenseits von »offen vs. geschlossen«

Seit es so einfach ist, Inhalte über das Internet sofort und überall verfügbar zu machen, wird leider wenig differenziert. Von »Offenheit« ist geradezu leichtfertig die Rede. Dabei wird oft übersehen, dass diese Kategorie einen bestimmten Denkrahmen aktiviert: »offen oder geschlossen«. So wie »schwarz oder weiß«, »ganz oder gar nicht«, »Mann oder Frau« – es wird hier Zweiheit und Gegensatz beschrieben wo Vielfalt und Zusammenhang sind. Das aktiviert zuverlässig unseren Entweder-Oder-Denkmodus; wir kennen das Phänomen zum Beispiel aus Debatten über territoriale Grenzen – »auf oder zu«. Wenn wir nun lediglich die beiden Extreme eines riesigen Spektrums möglicher Zugangsregeln benennen, verengen wir unseren Blick. Das gilt sowohl für die analoge als auch für die digitale Welt. In Letzterer gibt es »offenen« Zugang zu einem Werk, wenn selbiger nicht per Urheberrecht oder Bezahlschranke eingeschränkt wird. Die entsprechenden Geschäftsmodelle werden als »proprietär« bezeichnet. Die Regelung der Zugangsrechte beruht hier auf einer Idee des Ausschlusses, was dazu führt, dass künstlich verknappt wird, was im Grunde mehr wird, wenn wir es teilen. Die Verknappung wiederum ist Voraussetzung dafür, Inhalte und Informationen als Waren zu behandeln. Als Waren wie alle anderen – wie Turnschuhe, Fahrräder oder Brötchen. Nun ist es richtig, sich gegen diese Verknappungen und Kommodifizierungen zu wehren. Aber es ist unklug, das im Entweder-Oder-Modus zu tun. 

Im Kontext des dominierenden Wirtschaftssystems geht es darum, die Fülle und Vielfalt der Wissensallmende zu nutzen und quelloffene Software, Texte, Fotos, Werke, Daten und Dinge als Commons zu schützen. Genau das hat Richard Matthew Stallman, Vordenker der Freien Software Bewegung, bereits vor über 30 Jahren erkannt und über entsprechende Rechtsinstrumente (die General Public Licence – GPL) umgesetzt. Die Rede von »offenen Daten, Inhalten und Code« spannt aber auch deshalb einen problematischen Rahmen auf, weil es klingt, als hätten Daten, Inhalte und Code die Eigenschaft, offen zu sein. Dabei haben diejenigen, die etwas öffnen ein Interesse daran, dass all diese Artefakte einerseits möglichst Vielen zugute kommen und andererseits nicht hinter Absperrungen aller Art verschwinden.

Peer-Openess: differenzierte Regeln nach Nutzungsform

Open Everything für alle und für jedweden Zweck kommt — so die These — letztlich einer Erlaubnis zur individuellen Aneignung bzw. Re-Privatisierung gleich. Große Unternehmen können sich an der Software- und Wissensallmende bedienen und dies in die eigenen Verwertungsketten einspeisen. Wer Marktmacht hat wird damit strukturell bevorteilt. Um das zu verhindern, ist Differenzierung wichtig. So kann die Wissensallmende beispielsweise für manche Zwecke und Nutzergruppen frei zur Verfügung gestellt werden und für andere nicht. Wir können von denen, die nichts zur Wissensallmende beitragen, Geld für die Nutzung verlangen, von Anderen nicht. Die Eigenart schöpferischer Prozesse und die soziale Dynamik, durch die Werke entstehen, sollten zudem in den Zugangs- und Nutzungsregeln sichtbar bleiben. Im Konkreten erfordert das sensible Aushandlungsprozesse und einen wachen Blick für‘s Detail. Doch in der Begeisterung für »Open Everything« geraten gerade Details tendenziell in den Hintergrund. Wenn eine Datenbank in »bürgerwissenschaftlicher« Arbeit aufgebaut wird oder Fotofans ihre Bilder »einfach so« online stellen, wollen sie möglicherweise nicht direkt dazu beitragen, dass sich das Machtgefälle noch weiter zu Gunsten der Marktmächtigen verschiebt. Im Gegenteil, sie wollen zum Gemeinsamen beitragen. Deshalb brauchen wir Zugangs- und Nutzungsrechte, welche die Wissensallmende als Commons schützen.

Creative-Commons-Lizenzen – für mittlerweile mehr als 1,6 Milliarden Werke – bieten Urheberrechtsinhaber*innen einfache und standardisierte Optionen an, vorab ihre Erlaubnis zur Weitergabe und Nutzung ihrer Werke zu erteilen. Nur einige der CC Lizenen schützen dabei das Werk als Commons. Andere beruhen auf der Idee der weitgehend bedingungslosen Freigabe für jedweden Zweck. Das hat – genau wie die Sorglosigkeit im Umgang mit Open Everything – dazu beigetragen, dass viele Menschen meinen, Commons seien allgemein und prinzipiell »offen«.

Die Zugangsregel »offen« wird an dieser Stelle mit der Nutzungsregel »frei« im Sinne von kostenlos verwechselt – so als ginge es darum, dass sich alle an allem bedingungs- und kostenlos bedienen könnten. Dem ist nicht so. Sinn und Zweck eines Commons ist, gemeinsam verantwortete Verfügung zu sichern und die Vorteile für alle Beteiligten zu maximieren. Das erfordert durchdachte und situationsspezifische Zugangs- und Nutzungsregeln. Zwar kann bedingungslose Offenheit funktionieren, wenn etwas – wie digital verfügbare Information – durch die Nutzung nicht aufgebraucht wird und immer genug Energie für die Bereitstellung vorhanden ist. Für sogenannte »rivale« natürliche Ressourcen jedoch setzen erfolgreiche Allmenden typischerweise auf raffinierte Zugangsregeln. Sie setzen in spezifischer Form Grenzen, schränken den Zugang für alle für bestimmte Zeiten ein oder schließen bestimmte Nutzungszwecke oder Fördertechniken aus.  Daraus ist etwas zu lernen. 

Zugangsfragen nie ohne Bereitstellungsfragen denken: share & steward

Wenn wir kollektive Handlungsmöglichkeiten erweitern, künstliche Verknappungen beenden und die ohnehin schon übermächtigen Akteure nicht zusätzlich aus der Allmende nähren wollen, reicht die Verteidigung der Offenheit nicht aus. Mehr noch: wir müssen den unreflektierten dualistischen Rahmen »offen versus geschlossen« aufgeben und uns neue Konzepte überlegen: Peer Openness etwa: „Ist das ein peer-offenes Dokument?“, fragte mich kürzlich ein Kollege. „Nein, es wurde an Elsevier abgetreten und der Verlag wird Deine Peers zur Kasse bitten.“ Zudem hilft der schlichte Gedanke, Zugangsfragen nie losgelöst von Bereitstellungsfragen zu denken: „Wie kommen Inhalte und Werke eigentlich in die Welt?“ Statt einfach „frei weiterzugeben“ können wir uns daran erinnern, dass Wissen weitergegeben und geschöpft und bewahrt werden muss. Auf das und kommt es an. Das Eine kann nicht ohne das Andere geregelt werden. Und wenn wir beides regeln, sollte die Ausrichtung immer sein: Wissen und Inhalte dem Markt zu entziehen und als Allmende/Commons zu behandeln und zu schützen. Denn nur so entsteht wirklich für alle der größte Nutzen.

Weiterführende Links:

Silke Helfrich ist eine der bedeutendsten Vordenkerinnen und Forscherinnen zu Gemeingütern und Commons. Sie hat romanische Sprachen und Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Ökonomie studiert. Helfrich ist freie Autorin, Aktivistin, Forscherin, Bloggerin und vielgebuchte Rednerin. Die Mitbegründerin des Commons-Institut e.V. und der Commons Strategies Group lebt und arbeitet im Jagsttal.

Der Beitrag Allmende statt Open Everything. Ein Gastbeitrag von Silke Helfrich erschien zuerst auf Wikimedia Deutschland Blog.

Jetzt Prototypen testen für Wikipedia und Wikidata

11:36, Thursday, 23 2020 April UTC

Zur englischen Version.

„Ziel unserer Arbeit ist die einfachere Bedienbarkeit durch Nutzerforschung und -Design (UX-Research und -Design). Um das zu erreichen, brauchen wir den Austausch mit den Freiwilligen. So können wir am besten verstehen, welche Bedürfnisse und Schwierigkeiten es gibt. Wir erstellen dann sogenannte „Design-Prototypen“ von der Software, um zu testen, ob diese klar verständlich und einfach zu bedienen ist. Falls nicht, können wir sie leicht anpassen bevor die technische Entwicklung beginnt. Damit wir sicherstellen können, dass die neue Software für möglichst viele verschiedene Menschen leicht zugänglich ist, möchten wir sowohl mit sehr erfahrenen als auch weniger erfahrenen Nutzern und Nutzerinnen sprechen und Feedback einsammeln,“ erklärt Raja Gumienny, Head of Design bei Wikimedia Deutschland. 

Um dieses Ziel noch besser verfolgen zu können, ist das Team auch aktuell auf der Suche nach Feedback. Wer schon immer mal dazu beitragen wollte, dass die Wikipedia oder die freie Wissensdatenbank Wikidata besser wird, kann sich auf der Teilnehmendenliste Nutzerforschung eintragen. 

Technische Wünsche: Leichter mit Vorlagen arbeiten

Technische Wünsche hat das Ziel, die Aktiven in Wikipedia und anderen Wikimedia-Projekten wie Wikidata und Wikimedia Commons durch neue und bessere technische Funktionen zu unterstützen. Zentraler Bestandteil der Arbeit an der Technischen Wunschliste ist die Zusammenarbeit zwischen Community und Softwareentwicklung, beispielsweise in Form wiederkehrender Feedbackrunden. Nach umfangreicher Recherche ist Technische Wünsche auf der Suche nach Feedback zu dem Projekt Leichter mit Vorlagen arbeiten.

Aktueller Design-Prototyp zur Idee “ausgezeichnete Templates”. Elisha Cohen (WMDE), Balsamiq Prototype – Template Filters, CC BY-SA 4.0

Vorlagen erleichtern die Arbeit in Wikipedia auf unterschiedlichste Weise. In diesem Schwerpunkt geht es um das Finden von Konzepten, mit denen die Arbeit mit Vorlagen grundsätzlich besser unterstützt wird. Feedback kann direkt auf der Wikiseite eingetragen werden. Weitere Prototypen werden in den nächsten Wochen folgen. 

Wer das Feedback lieber per E-Mail oder in einem Gespräch geben möchte, kann eine E-Mail an ux@wikimedia.de schreiben. Die nächste Umfrage für die Schwerpunktbereiche für den Zeitraum 2020-2022 findet voraussichtlich im Juli 2020 statt. Wer bis dahin informiert bleiben will, kann sich hier zum Newsletter eintragen. 

Technische Wünsche möchte herausfinden, wie nützlich Wikipedia Editorinnen und Editoren diese Idee finden und ob die Anzeige für sie verständlich ist. Elisha Cohen (WMDE), Balsamiq Prototype – Template Search Modal, CC BY-SA 4.0

Datenabfragen und Listen bei Wikidata verbessern 

Mit über 80 Millionen Datensätzen ist Wikidata die weltweit größte Sammlung frei editierbarer Daten. Jetzt soll die Benutzeroberfläche des Query Services, der Abfragefunktion für Daten, verbessert und leichter nutzbar gemacht werden. Dazu benötigt das Wikidata-Team Hilfe: Alle, die schon etwas Erfahrung mit Wikidata haben, können ihr Feedback zu neuen Funktionen abgeben

In den vergangenen Monaten hat die Nutzerforschung untersucht, wie Menschen Abfragen und Listen verwenden. Dabei wurde herausgefunden, auf welche Probleme die Nutzerinnen und Nutzer stoßen, wenn sie Abfragen und Listen zur Wartung verwenden. Eine Lösung ist eine formularbasierte Abfrage. Mit dem vereinfachten Query-Builder können Nutzerinnen und Nutzer leichter Listen von Objekten, die überprüft oder verbessert werden, erstellen. Außerdem sollen die Beispiele im Dialogfenster der Abfrage verbessert werden, um sie für den Einstieg nützlicher zu machen. 

Auch Feedback für diese Wikidata Funktionen kann direkt auf der Seite gegeben oder per E-Mail an ux@wikimedia.de geschickt werden.

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Die COVID-19-Pandemie stellt den gesamten Bildungssektor vor größte Herausforderungen. Für Schülerinnen und Schüler sowie Studierende kann der Unterricht derzeit nur online stattfinden – und das ohne geeignete Strukturen für das Lernen von zu Hause aus.

Zeitgemäßes Lehren und Lernen im digitalen Raum muss dabei mehr beinhalten, als den Frontalunterricht per Video-Call mit dem Lehrbuch in der Hand. In der Krise wird deutlich, welche Aspekte für digitale Bildung eine Rolle spielen. Freie Bildungsmaterialien (Open Educational Resources, kurz OER) können hierbei als Katalysatoren für guten Unterricht fungieren, da sie digitale Kollaboration und ko-konstruktives Handeln auf Augenhöhe erlauben. 

Im Internet gibt es eine große Zahl an Einzelangeboten aber wenig Systematik. Auch das Urheberrecht entscheidet, ob ein Lernmittel überhaupt eingesetzt werden darf. Werden Lernmittel nicht grundsätzlich unter freie Lizenzen (CC 0, CC BY oder CC BY-SA) gestellt, entsteht schon bei der Auswahl möglicher Inhalte für den Lehrenden eine lähmende Rechtsunsicherheit. Ebenso selten sind Inhalte für den jeweiligen Lehrplan didaktisch oder inhaltlich passgenau, offen teilbar und für den eigenen Unterricht editierbar. 

Schnelle Hilfe für dezentralen Unterricht: Beta-Version online

Wikimedia Deutschland e. V. und edu-sharing.net e. V. wollen die digitale Infrastruktur stärken, um Schulen schnell beim digitalen Heimunterricht zu unterstützen. “Wir lernen online” bietet Sammlungen von Lernmaterial, Hilfestellungen für Softwaretools und Empfehlungen für den digitalen Unterricht.

Die Beta-Version des Portals ist heute online gegangen. Bereits jetzt findet sich hier eine stetig wachsende Sammlung von digitalen Lehr- und Lernmaterialien.  Für die Weiterentwicklung der Mitmach-Plattform möchten die Vereine mit zentralen Akteurinnen und Akteuren aus dem gesamten Bildungsbereich (wie zum Beispiel den Mitgliedern des Bündnis Freie Bildung) zusammenarbeiten. 

Das Projekt ist pragmatisch als ein abgeschlossenes Teilvorhaben innerhalb eines  Projektes der HPI-Schul-Cloud angelegt, das durch ein Nothilfe-Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ermöglicht wird. Die Lerninhalte-Lösung wird in dieser Schulcloud eingebunden, aber auch separat und ohne Zugangsbeschränkung erreichbar bleiben. Das Portal wird außerdem als Blaupause oder wahlweise als integrierbare Teillösung für Bundesländer und Bildungseinrichtungen angeboten, die eigene Lösungen betreiben, bspw. auf Basis von Moodle- oder edu-sharing.

www.wirlernenonline.de

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Die Coronakrise wirkt an manchen Stellen wie ein Kontrastmittel, das gesellschaftliche Zustände deutlicher sichtbar macht. Sie zeigt etwa das enorme Potenzial digitalen bürgerschaftlichen Engagements (von Hackspaces, die Schutzschilde produzieren bis zur Mobilisierung von 40.000 Freiwilligen für den WirvsVirus-Hackathon der Bundesregierung). Aber sie macht gleichzeitig schmerzhaft sichtbar, was digitalpolitisch in den letzten Jahren versäumt wurde, im Bereich digitaler Verwaltung, verschlafener Open-Data-Potenziale, der Verankerung digitaler Kompetenzen im Bildungssektor, des politischen Einbeziehens digitalen Ehrenamtes.

Der Wikimedia-Salon im Video:

Die geplante Datenstrategie der Bundesregierung ließ bereits in der offenen Online-Umfrage erkennen, dass der Kurs auf Gemeinwohl stehen soll. Doch welche Regeln, welche Akteure und Prozesse braucht es, damit dies gelingen kann? Im 21. Wikimedia-Salon disktuierten dazu:

Das Thema der Datenpolitik in diesen Wochen: Die Corona-App

Ulrich Kelber sieht in der gegenwärtigen Debatte keine neue Diskussion, sondern ein wiederkehrendes Muster: Immer werde der Datenschutz als Problem ausgemacht wenn man sonst nicht wisse, wie es vorangeht. Geschäftsmodelle statt Datenschutz, Sicherheit statt Datenschutz, jetzt Gesundheit statt Datenschutz. Ihm sei indes noch kein Projekt, kein sinnvolles technologisches Hilfsmittel untergekommen, das nur mit einer Aufweichung des Datenschutzes umgesetzt werden könnte.

Wir tendieren dazu, jetzt alles durch die Corona-Brille zu sehen, sagte Christiane Wendehorst. Sie setzt große Hoffnungen in einen gemeinsamen europäischen Prinzipienkatalog, bei der statt nationaler Alleingänge sinnvoll verzahnte Lösungen zur Bewältigung der Krise angelegt werden können. Den einen Tech Fix könne es nicht geben ohne eine analoge Infrastruktur und eine grundsätzlich ganzheitliche Betrachtung der Situation – trotz des großen Zeitdrucks.

Jürgen Geuter besorgt das „Panik-Potenzial“ von Hilfsmitteln wie der jüngst vorgestellten RKI-App. Informationen über mögliche Kontakte mit Infizierten können mehr Schaden anrichten als nützen, gerade bei Menschen, die unter immensem psychischem und sozialem Stress stehen. Geuter vermisst eine stärkere Berücksichtigung des sozioökonomischen Kontextes, einer besonnenen Art der Kommunikation und Beratung, bevor solche Apps eingesetzt werden.

Ganz anders sieht das Ingrid Brodnig aus ihrer Erfahrung mit der in Österreich bereits eingesetzten Stop-Corona-App des Roten Kreuzes. Die App sei als schnellerer Kommunikator zu verstehen; Brodnig wolle lieber möglichst viele Informationen über mögliche Kontaktpunkte haben. Voraussetzung sei die Freiwilligkeit der App und transparente politische Kommunikation. Brodnig betonte, dass technologische Lösungen wie Apps nicht im Widerspruch zum Datenschutz stehen. Wie Corona-Apps im Einklang mit Datenschutz-Standards gelingen können, dazu hat die vom Datenschutz-Aktivisten Max Schrems ins Leben gerufene Organisation noyb bereits Leitlinien veröffentlicht.

Gemeinwohlorientierte Datenpolitik? Der Staat muss endlich Vorbild sein.

„Wenn man eine Datenpolitik will, die gemeinwohlorientiert ist, muss der Staat seine Vorbildfunktion wahrnehmen.“ sagte Jürgen Geuter und nannte die selbstverständliche Bereitstellung etwa von Verwaltungsdaten in offener und verarbeitbarer Form als seit Jahren größte Baustelle. Aber selbst dann reiche es nicht aus, „nur Daten in die Öffentlichkeit zu kippen“. Es müsse sichergestellt werden, dass Daten wirklich von der Allgemeinheit genutzt werden und ihr nützen (und nicht vordergründig profitorientierten Interessen). Die Schwäche der Empfehlungen der Datenethikkommission sieht Geuter darin, dass sie eben keine Ethik formuliert habe, die den Empfehlungen zugrunde liegt. Er habe sich eine Debatte über ethische Leitlinien und damit den Anstoß für ein gesellschaftliches Nachdenken über Moral, angewendet auf den digitalen Raum, gewünscht.

Ingrid Brodnig sagte, wir können nicht über Gemeinwohlorientierung reden, ohne das Wettbewerbsrecht anzufassen und die übergroße Datenmacht einzelner Konzerne regulatorisch einzudämmen und etwa Interoperabilität einzufordern. Wettbewerbsfeindlichen Akquisen müssten künftig verboten werden können. Auch brauche es eine vorgelagerte öffentliche Diskussion, wo wir datenbasierte Entscheidungen über Menschen überhaupt haben möchten (siehe Beispiel Arbeitsmarktservice Österreich über die Vergabe von Weiterbildungen). Die öffentliche Hand müsse hier transparenter in ihren internen Entscheidungsprozessen werden. (Ausführliche Analysen und Empfehlungen dazu auch in ihrem Buch „Übermacht im Netz“)

Wünsche für die Datenstrategie der Bundesregierung

Abschließend erklärten die Gäste, welche Hoffnungen sie mit der Datenstrategie der Bundesregierung verbinden. „Warum gibt es eigentlich nicht so etwas wie einen Ehrenamtsserver?“, fragte Ulrich Kelber. Mit geprüfter Open-Source-Software und rechtlich sauber könne die öffentliche Hand hier vorangehen, um das Zusammenleben über digitale Wege gemeinsam neu zu organisieren. Man sehe jetzt in der Krise, dass ehrenamtlich Engagierte oft einfach nicht wissen, welche tools sie am besten nutzen sollen. Außerdem sieht viele kreative Ideen für die Nutzung öffentlicher Daten aus der Gesellschaft. „Es müssen nicht immer staatliche Institutionen sein.“ Kelber betonte außerdem, dass Datenschutz bereits die Gemeinwohlorientierung in sich trägt.

Christiane Wendehorst wünscht sich, dass die vielen guten Ansätze für eine deutsche und auch europäische Datenstrategie auch nachhaltig umgesetzt werden. Die große Gefahr sei, dass wir eine Datenstrategie 2020 präsentiert bekommen, die aber kurzfristige Projekte fokussiert statt den großen Bogen zu spannen. Sie freute sich, dass das Konzept der digitalen Souveränität inzwischen ins politische Bewusstsein eingedrungen sei. Gerade jetzt werde deutlich, in welcher Weise wir etwa im Gesundheitsbereich tenstrategie von Versorgungsketten abhängen. Im digitalen Bereich sei das noch viel komplexer. Mehr Eigenständigkeit und Souveränität sei daher als Leitprinzip für eine Datenstrategie essenziell. Wendehorst erläuterte außerdem die Empfehlungen der Datenethikkommission, die Im Oktober 2019 vorgestellt wurden; im besonderen die Vorteile eines risikobasierten Ansatzes beim Einsatz von Algorithmen. Danach sollen diese nach ihrer gesellschaftlichen „Kritikalität“ bewertet werden: Je kritischer sie sind, desto stärker müssen sie kontrolliert werden. Alle Algorithmen zu prüfen sei aufgrund ihres massenhaften Einsatzes unmöglich.

Einen einfacherern Zugang zu Daten etwa für Journalistinnen und Journalisten wünscht sich Jürgen Geuter. Mehr institutionelle Förderung sei nötig sowie die Schaffung von Infrastrukturen, an die Projekte andocken können. Leute, die etwa mit offenen Daten etwas tun wollen, sollten von Verwaltungsmühen entlastet werden.

Wir bedanken uns herzlich bei allen Gästen, dem Team von ALEX Offener Kanal Berlin und allen Interessierten!

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Lernen auf Abstand: Offene Bildungsmaterialien

09:13, Thursday, 16 2020 April UTC

Während Schülerinnen und Schüler ihr Abitur mit Sicherheitsvorkehrungen in den ansonsten leeren Schulen schreiben, bleibt ihnen in der Vorbereitung keine Wahl, als online und auf Abstand zu lernen.

Gut, wenn die Abituraufgaben der vergangenen Jahre wie in Niedersachsen frei und online abrufbar sind. Schlecht, wenn sie nur über Rechner an den Schulen oder in der Schulverwaltung zugänglich sind oder Aufgaben oder Zugangsdaten grundsätzlich nur persönlich und analog ausgehändigt werden. Das ist in vielen Bundesländern derzeit leider noch Standard.

Die Schulschließungen führen allen im Bildungssystem vor Augen, wie wichtig digitale Zugänge zu Lernmaterial sind. Offene Bildungsressourcen (OER) sollten gerade von staatlicher Seite zur Verfügung gestellt werden. Zentrale Prüfungsaufgaben der Vorjahre gehören da ganz selbstverständlich dazu.

Wir alle haben viel gelernt in diesem Jahr. Die Corona-Krise ist eine Ausnahmesituation, aber sie verdeutlicht ein bekanntes Problem. Die Verantwortlichen sollten als Konsequenz die Aufgaben für 2021 von Anfang an so anlegen, dass sie im Folgejahr online und ohne Zugangsbeschränkung veröffentlicht werden können, notfalls unter Schwärzung der urheberrechtlich relevanten Teile. Für die Prüfungsvorbereitung reicht das meistens aus.

Zentrale Prüfungsaufgaben der Vorjahre sollen Schülerinnen und Schülern selbstverständlich zur Verfügung stehen – nicht erst nach Kauf und nicht erst nach Login. Gelernt wird überall. Sogar in der Bildungsverwaltung.

Was bisher geschah …

FragDenStaat und Wikimedia Deutschland fordern, dass öffentlich finanzierte Abituraufgaben als öffentliches Gut für alle frei zugänglich auf Bildungsservern abrufbar sind.

Auf „FragSieAbi!“ ermöglichen wir, Abituraufgaben vergangener Jahre mit einem Klick nach dem jeweiligen Informationsfreiheitsgesetz des Landes anzufragen. Zum Start in 2019 waren viele Aufgaben nur gegen Bezahlung bei Verlagen zugänglich. Und die insgesamt 750 Anfragen zeigten Wirkung:

Obwohl es in Bayern kein Informationsfreiheitsgesetz gibt, hat das Ministerium die Aufgaben herausgegeben. Grundlage sind sogenannte Bürgeranfragen, die jede*r mit einem Interesse stellen kann. Vorher lagen immerhin schon die Mathematik- und Physikaufgaben auf dem Bayerischen Bildungsserver.

Schleswig-Holstein hat die Abiturfragen herausgegeben und geschütztes Textmaterial geschwärzt, die ersten und letzten Worte frei gelassen und mit einer Quellenangabe versehen. So ist es einfach möglich, die Texte in der Originalquelle wieder zu finden und zu Hause zu üben. Dabei wurden allerdings auch Gedichte von Goethe geschwärzt, die längst nicht mehr unter das Urheberrecht fallen.

In Nordrhein-Westfalen werden die Aufgaben ungeschwärzt zum persönlichen Gebrauch herausgegeben, allerdings nicht veröffentlicht. So muss jede*r für sich eine eigene Anfrage stellen. Dadurch macht sich das Ministerium eigentlich nur selber mehr Arbeit.

In Bremen und Sachsen werden die Aufgaben in einem geschützten Bereich angeboten. Wohl dem, der sein Passwort rechtzeitig ausgehändigt bekommt und nicht vergisst.

Hamburg hat übrigens gezeigt, warum eine Kampagne wie FragSieAbi! so wichtig ist. 2019 hat die Behörde die Aufgaben zunächst auf Anfrage kostenfrei herausgegeben. Nach Ende der Kampagne und Überarbeitung des IFG und der Gebührenordnung werden jetzt für jeden Antrag Gebühren fällig. Aber die nächste Kampagne kommt bestimmt.

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„Der Aufbau eines gemeinwohlorientierten digitalen Ökosystems muss endlich politische Priorität bekommen!“ So lautet das Hauptanliegen verschiedener zivilgesellschaftlicher Organisationen, darunter Wikimedia Deutschland. Ihre Forderungen an die Politik hat das Bündnis in einem gemeinsamen offenen Brief zusammengefasst.

„Gemeinnützige Projekte wie Wikipedia und Freifunk helfen gerade jetzt, dass alle Zugang zu Informationen erhalten. Gefördert wird dies bisher kaum. Die Zeit ist gekommen, unsere digitalen Abwehrkräfte zu stärken.“

Abraham Taherivand, Geschäftsführender Vorstand, Wikimedia Deutschland e. V.

Um in Krisenzeiten nicht nur von großen Software-Konzernen abhängig zu sein, sorgt ein breites Ökosystem von Betreibern digitaler Infrastruktur für digitale Souveränität und löst Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern auf. Open-Source-Lösungen für Videocalls, Büroanwendungen und Mailverwaltung unterstützen bereits jetzt öffentliche Institutionen. Linked-Open-Data Systeme wie zum Beispiel Wikidata führen Wissen auch in Krisenzeiten mit der ganzen Kraft ihrer Community zusammen. Das erfordert konsequenten Einsatz von offenen Standards und Open-Source-Technologien.

So ist für die allgemeine Öffentlichkeit ist Wikipedia und ihre aus Ehrenamtlichen bestehende Wikipedia-Redaktion Medizin eine der wichtigsten Quellen für medizinische Erklärungen und Fakten. International vernetzte Ärztinnen und Ärzte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und andere Freiwillige nutzen die zivilgesellschaftlich bereitgestellte Informations-Infrastruktur Wikipedia und aktualisieren stündlich die Beiträge über das Virus.

Es fehlt ein klares Bekenntnis der Politik

Ob Verwaltung, Zivilgesellschaft oder Medien: Alle sind dankbar für die ehrenamtliche Arbeit der Wikipedianerinnen und Wikipedianer und für die Sicherheitshinweise des Chaos Computer Clubs. Anerkannt wird die zivilgesellschaftliche Expertise in der Öffentlichkeit aber selten. Ein klares Bekenntnis der Politik, deren Wissen und Kompetenzen zu nutzen, gibt es nicht.

Der offene Brief beinhaltet konkrete Maßnahmen, wie langfristig und damit nachhaltig zivilgesellschaftliches Engagement und der Erhalt eines gemeinwohlorientierten digitalen Ökosystems gefördert werden können.

Den offenen Brief finden Sie unter http://digitalezivilgesellschaft.org/

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U = Ungeregelt – Ungerecht? Wer sichert das Gemeinwohl in der Datenpolitik?

14. April 2020, 19 Uhr, Live-Videokonferenz, Übertragung im Livestream, bei Twitter, Facebook und durch ALEX Offener Kanal Berlin

Gäste:
Ingrid Brodnig, Autorin und Journalistin
Ulrich Kelber, Bundesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit
Christiane Wendehorst, Datenethikkommission der Bundesregierung
Professorin für Zivilrecht, Universität Wien
Jürgen Geuter aka tante, Informatiker und Autor
Moderation: Vera Linß, freie Medienjournalistin

In der Debatte um gesetzliche Leitplanken für Datenregulierung, Datenzugangs- und -poolingmodelle schwingt das Pendel Richtung Gemeinwohlorientierung. Die Politik kann hierfür entscheidende Rahmenbedingungen setzen, etwa mit einem Datengesetz. Siehe dazu auch Gastbeitrag im Tagesspiegel Background: Datenstrategie: Von Wikipedia & Co lernen?

Doch was heißt das konkret? Wie und durch welche Akteure und Prozesse können Gemeinwohlstandards für die Datenpolitik gestaltet und durchgesetzt werden?

Sind ethische Leitlinien etwa der Datenethikkommission ausreichend bzw. geeignet, um ein gemeinwohlorientiertes Datengesetz zu bauen? Wo stößt der Datenschutz an seine Grenzen, wenn individuelles und öffentliches Interesse gegenüberstehen? Diese Fragen möchten wir in einer besonderen Ausgabe des Wikimedia-Salon diskutieren.

Aufgrund der aktuellen Situation findet die Diskussion als Live-Videokonferenz statt. Hier gehts zum Livestream. Im Anschluss wird die Aufzeichnung als Video verfügbar gemacht. Per Twitter können unter #wmdesalon Fragen gern auch schon im Vorfeld ans Podium gestellt werden.

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(Berlin, 12.03.2020) Aufgrund der aktuellen Entwicklungen zu COVID-19 hat Wikimedia Deutschland entschieden, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Home Office-Modus wechseln.

Die aktuelle Lage sowie die Aussagen der Bundesregierung, die oberste Maßgabe sei es, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, haben wir zum Anlass genommen, erneut zu prüfen, ob unsere bisherige Maßnahme, dass Kolleginnen und Kollegen freiwillig von zu Hause arbeiten können, ausreichend ist. Dabei haben wir aus meiner Sicht sowohl den Schutz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Blick, aber vor allem die gesellschaftliche Verantwortung gegenüber Schwachen und Alten.

Im Ergebnis wird die Geschäftsstelle zum Wochenende bis vorerst Ende März (Update: bis 17. April) in einen Home Office-Modus wechseln: Ab der kommenden Woche, 16. März, kommen nur noch Kolleginnen und Kollegen zur Arbeit, deren Arbeit vor Ort essentiell ist. Das ist weniger als eine Hand voll.

Dies bedeutet auch, dass wir auch alle Veranstaltungen bis Ende April (Update: bis Ende Juli) in unseren Räumlichkeiten und die wir als Veranstalter geplant haben, absagen. Auch die lokalen Community-Räume bleiben bis auf weiteres geschlossen.

Ich sehe das Ganze auch als eine Chance zu testen, wie eine rein virtuelle Zusammenarbeit funktioniert, auch wenn schon viele unserer Teams dies in der Praxis tun. Ich bin gespannt, wie das wird und unsere Erkenntnisse und Erfahrungen werde ich teilen.

Wir prüfen täglich die aktuelle Lage und informieren über Änderungen und Maßnahmen so schnell wie möglich. 

Viele Grüße
Abraham Taherivand
Geschäftsführender Vorstand Wikimedia Deutschland e. V.

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Wie können in Deutschland Daten verantwortungsvoll und innovativ genutzt werden? Antworten auf diese Frage will die Bundesregierung mit der Online-Konsultation zur Datenstrategie finden, an der wir uns alle noch bis zum 3. April beteiligen können. In über 30 Fragen geht es um Themen wie Datenkompetenz, Infrastruktur, Daten-Ökosysteme und Rahmenbedingungen.

„Bitte nennen Sie bis zu drei Maßnahmen, mit welchen der Staat eine am Gemeinwohl orientierte Datennutzung fördern könnte.“

Die Bundesregierung will deine Meinung zur Datenstrategie wissen. Foto: Diego Delso / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

Die letzte Frage der Konsultation hat es in sich: Nicht nur hat die Bundesregierung offenbar erkannt, dass strategische Weichenstellungen zu Daten und Information wichtig fürs Gemeinwohl sein können. Sie erwägt hier sogar aktive Förderung einer Gemeinwohlorientierung. Open-Data-Communities, Wikidata-Freiwillige, Civic Tech: Jetzt ist die Zivilgesellschaft im wahrsten Sinne gefragt.

Die Freiwilligen-Communities etwa der verschiedenen Wikimedia-Projekte zeigen schon heute, wie kollektiv kuratierte Daten- und Wissensbestände durch lebendigen Austausch mit öffentlichen Einrichtungen unser aller Leben bereichern können. Freiwillige heben gemeinsam mit Kultureinrichtungen gemeinfreie Datenschätze für Wikipedia, über Kooperationen wie GND meets Wikibase mit der Deutschen Nationalbibliothek bringen sie immer mehr Linked Open Data zusammen, und das auch als „Game-Changer des freien Wissens“ bezeichnete Community-Projekt Wikidata schafft Grundlagen, auf denen alle Interessierten nachhaltig aufbauen können.

Aus Sicht solcher vollständig gemeinnützigen Initiativen sollte die öffentliche Hand deshalb vor allem die Freiwilligenarbeit erleichtern und das bereits lebendige digitale Ehrenamt politisch stets mitdenken. Was dabei zu beachten ist, kann und sollte dem Bundeskanzleramt möglichst vielgestaltig über die jetzt offene Umfrage mitgeteilt werden.

Tragweite des Begriffs „Daten“ verstehen und die richtigen Anreize setzen

Ein Schwerpunkt der Umfrage ist die Förderung digitaler Kompetenzen. Hier können auch Freiwilligen-Communities ihr Wissen etwa als Datenpatinnen- und -paten weitergeben und tun dies auch bereits wo immer schaffbar. Doch ohne eine Verankerung im öffentlichen Bildungssektor wird es nicht gelingen, daraus eine gesamtgesellschaftliche Selbstermächtigung in Sachen Umgang mit Information im digitalen Zeitalter werden zu lassen. Warum Informationstheorie und Datenkunde nicht nur als Schulfächer, sondern als Grundbausteine auf allen Stufen des Bildungssystems einschließlich Fortbildung, lebenslangem Lernen und Erwachsenenbildung denken?

Digitale Kompetenzen werden genauso in der Politik gebraucht, denn Daten sind nur die transportable Form von etwas viel Grundlegenderem: Information. Darum ist die kommende „Datenstrategie“ in Wirklichkeit eigentlich eine „Informationsstrategie“ und darf keinesfalls falsche Anreize setzen – schließlich geht es immer auch um Informationsfreiheit. Mit diesem Verständnis wird deutlich, welch große Verantwortung die öffentliche Hand bei der Implementierung von Datenzugangs-, Intermediär- oder Treuhandmodellen trägt. Es geht um nicht weniger als darum, den Nutzen für das Gemeinwohl sicherzustellen und keine ungleichen Chancen beim Zugang zu Information entstehen zu lassen.

Offene Verkehrs- und demografische Daten für eine nachhaltige und sichere Stadtplanung etwa nützen allen Bürgerinnen und Bürgern. Anreizmechanismen für die Datenteilung müssen dabei so gebaut werden, dass sie immer auch auf das Gemeinwohl ausgerichtet sind, und das muss unabhängig überprüfbar sein. Dass dann auch die Unternehmensgewinne, die durch digitale informationsgetriebene Geschäftsmodelle entstehen, über angemessene Besteuerung zum Erhalt des Gemeinwesens beitragen müssen, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. 

Daten-Ökosysteme? Nur mit Interoperabilität und miteinander

Der Aufbau von Daten-Ökosystemen, ein erklärtes Ziel der Datenstrategie, muss durch sichere und interoperable Dateninfrastrukturen und den erleichterten Zugang zu Daten der öffentlichen Verwaltung unterstützt werden. Zentrale Fragen sind zu klären, etwa die nach mehr Rechtssicherheit beim Umgang mit Daten, die nach dem Potenzial pseudonymisierter und synthetischer Daten und die nach Chancen und Risiken des Ansatzes unabhängiger Datentreuhänder. Auch das bürgerschaftliche Engagement braucht mehr Förderung von Experimentierräumen, wie sie derzeit etwa die Initiative Jugend hackt oder die bundesweiten Code for Germany-Labs zu bieten versuchen.

Datenkooperationen zwischen Open-Data-Communities und öffentlichen Institutionen können den Weg in eine gemeinwohlorientierte Datenpolitik aufzeigen: Das Linked-Open-Data-Projekt Wikidata ist mit inzwischen über 78 Millionen Datensätzen die weltweit größte offene und frei editierbare Datenstruktur ihrer Art. Das Schwesterprojekt von Wikipedia dient schon heute vielen Anwendungen als wichtige Grundlage. In dieser Form maschinenlesbar vorliegendes, verknüpfbares Wissen kann von Stadtteil-Initiativen genauso genutzt werden wie im Katastrophenschutz, kann zur Erstellung von Bildungsmaterialien dienen oder Pendlergemeinschaften ermöglichen.

Auch Sprachassistenten wie Siri und Alexa bekommen nur deshalb mittlerweile freie Konkurrenz, weil Linked Open Data allen zur Verfügung steht, nicht nur den Großen. Möglich wird das nur, wenn miteinander gearbeitet wird statt gegeneinander, wenn Interoperabilität hergestellt wird statt Daten-Silos, und wenn nicht zuletzt die Politik sich für offene Standards in der Datenökonomie einsetzt. Eine Art Lackmustest wird sein, wie das Bundeskanzleramt mit all den Daten verfährt, die noch bis zum 3. April über die Umfrage hereinkommen werden.

Pressemitteilung zur Online-Konsultation der Bundesregierung: „Online Umfrage zur Datenpolitik – Kanzleramt fühlt den Datenpuls der Republik“

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10 Regeln für den eigenen Wikipedia-Artikel

11:25, Saturday, 11 2020 January UTC

Wikipedia ist nicht nur eine Enzyklopädie mit dem Anspruch auf Ewigkeit, sondern auch ein Nachschlagewerk für Ephemeres und zeitgemäß Aktuelles. In der Wikipedia stehen nicht nur Artikel über Themen von Bach und Barock bis zu Bismarck oder zur Binomialverteilung. Im Bastelbrockhaus stehen auch Einträge über lebende Künstler, Sänger, Sportler, Unternehmen, Vereine und Stiftungen.

Nun können diese Künstler, Sänger und andere diese Einträge auch lesen und sind – mal zu Recht mal zu Unrecht – nicht glücklich mit diesen Artikeln. Mal sind die Artikel eigenwillig gewichtet, mal lassen sie das Wesentliche aus, mal sind Daten veraltet und ab und an enthalten die Artikel auch echte inhaltliche Fehler.

Artikel über sich selbst oder seine Organisation zu ändern, ist nicht einfach. Manchmal ist es aber für Wikipedia und die Betroffenen hilfreich. Deshalb hier einige Regeln zum Umgang mit dem eigenen Wikipedia-Artikel.

Maze 01
Auf den ersten Blick wirkt Wikipedia unübersichtlich. Bild: Maze01. Von Nevit Dilmen Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

(0) Vorweg: Wikipedia-Artikel sind böse

Die Grundregeln für den Umgang mit der eigenen Person oder Organisation in Wikipedia ist einfach: existiert noch kein Artikel, so ist das gut. Wikipedianer schätzen es gar nicht, wenn Betroffene über sich selbst Artikel anlegen. Die geschriebenen Regeln verbieten die Artikelanlage in eigener Sache nicht explizit. Die - wichtigeren - ungeschriebenen Regeln sprechen sich stark dagegen aus. Umso kritischer werden Wikipedianer die neuen Artikel begutachten, nach Schwächen und Fehlern suchen. Umso schlimmer wird das Spießrutenlaufen für denjenigen, der diesen Artikel anlegt.

Selbst wenn der Artikel durchrutscht, zumindest am Anfang keine Kritik erfährt: Viele der Ersteller und Objekte von Artikeln rechnen nicht damit, was für eine eindrückliche Erfahrung es sein kann, die Kontrolle aus der Hand zu geben, einer anonymen Gruppe von Menschen eine große Bühne zu geben, das eigene Leben oder die eigene Organisation darzustellen. Eine eigene Website oder ein Facebookauftritt kann dasselbe wie ein Wikipedia-Artikel. Aber man behält die Kontrolle.

Wenn eine Person oder Organisation keinen Wikipedia-Artikel hat, dann sollte sie eine Flasche Sekt öffnen, dankbar sein und sich auf andere Formen der Öffentlichkeitsarbeit verlegen. In vielen Fällen allerdings existiert der Artikel schon, oftmals nicht zur Zufriedenheit der betroffenen Person. Manchmal muss die Person oder Organisation halt damit leben, dass die eigene Existenz nicht nur Feiernswertes enthält. Manchmal hat sie aber auch legitime Gründe zur Kritik: Veraltetes, Unvollständiges, Fehlerhaftes oder eigentümlich Gewichtetes findet sich in vielen Wikipedia-Artikel. Es gibt die Möglichkeit, etwas daran zu ändern.


(1) Transparenz 


Wikipedia ist überaus kritisch gegenüber Bearbeitungen in eigener Sache. Jeder, der Artikel über sich selbst bearbeitet, muss Grundmisstrauen überwinden und Vertrauen gewinnen.Vertrauen gewinnt man durch Offenheit.

(2) Verifizierung 


Speziell für Bearbeiter in eigener Sache und ganz speziell für Menschen, die professionell unterwegs sind, existiert in der deutschen Wikipedia das Mittel der Verifizierung. Bearbeiter melden sich unter dem Namen ihrer Organisation/ ihrer Person an und stellen damit eine Grundtransparenz her. Danach schicken Sie eine Mail an  info-de-v@wikimedia.org und werden dann von Freiwilligen verifiziert. Weitere Details finden sich unter: Wikipedia:Benutzerverifizierung

(3) Diskussionsseiten 

Zu jedem Eintrag in der Wikipedia gehört eine Diskussionsseite, auf der dieser Eintrag diskutiert wird. Um Konflikte und Konfrontationen zu vermeiden, empfiehlt es sich, jede größere Änderung erst auf der Diskussionsseite mit einigen Tagen Vorlaufzeit anzusprechen. Erst wenn dort kein Widerspruch, oder gar Zustimmung, gekommen ist, sollte der Artikel selbst geändert werden. Taucht auf der Diskussionsseite Widerstand auf, so ist die Diskussionsseite zur Diskussion zu nutzen.


(4) Belegen 


Wikipedia ist eine Enzyklopädie, die verlässlich sein will, die aber jeder anonym bearbeiten kann. Zum Ausgleich legt die Community starken Wert darauf, dass jeder inhaltliche Beitrag belegt wird. Als Belege gelten nur Fakten, die anderswo veröffentlicht sind. Sei es in Büchern, Zeitschriften oder Websites. Diese Pflicht geht soweit, dass selbst Aussagen der Person selbst oder amtliche Dokumente nicht akzeptiert werden – sofern diese nicht an einer externen Stelle veröffentlicht wurden.

Belege im Artikel zur Wikipedia (kleiner Ausschnitt)
Dies klingt auf den ersten Blick aufwendiger als es ist. Zumindest in heutiger Zeit. So gut wie jede Wikipedia-relevante Person oder Organisation wird Zugriff auf eine Website haben, auf der sie etwas veröffentlichen kann. Im Zweifel besitzt zwar eine externe Veröffentlichung eine höhere Reputation. Aber gültig sind auch Inhalte auf eigenen Websiten. Wenn also Wikipedia ihren zweiten Vornamen falsch schreibt: beginnen Sie keine Diskussion mit der Community, sondern schreiben Sie ihn richtig auf der eigenen Website. Wenn die Community nicht glaubt, dass die Rolling Stones ihr größter literarischer Einfluss sind - schreiben Sie es auf der eigenen Website.

(5) Klare, harte Fakten. Keine Adjektive 


Artikel über sich selbst zu ändern, ist selbst unter den besten Umständen ein Drahtseilakt. Die Gefahr besteht, auf andere Autoren zu treffen, die dies aus Prinzip ablehnen und versuchen gegen die Edits zu arbeiten. Aber auch diese Autoren sind an Regeln gebunden. Je besser eine Bearbeitung nachgeprüft werden kann und je eindeutiger diese ist, desto höher sind die Chancen, dass sie bestehen bleibt.

Am besten hierfür eigenen sich unstreitige Zahlen und Fakten. Während Fakten einfach und erwünscht sind, ist dies mit Interpretationen schwierig. Diese sind generell in der Wikipedia verpönt. Je niedriger das Vertrauen ist, das ein Autor genießt, desto schwieriger wird es, Text einzubauen, der auch nur entfernt nach Interpretation aussieht. Adjektive sehen immer nach Interpretation und Wertung aus. Sie haben in einem Artikel über einen selbst nichts verloren.

(6) Verständlich bleiben 


Nun gibt es nicht nur die Community, für die ein Text geschrieben wird, sondern auch die Leser. Leser lieben Wikipedia, weil er hier klare, verständliche Informationen gibt, die sich beim ersten Lesen erschließen. Buzzwords, unverständliches, aber auch Fachsprache und Insiderlingo sind verpönt. Die Community achtet darauf dies durchzusetzen. „Geschwurbel“ ist einer der liebsten Begründungen innerhalb der Community um Text zu streichen.

Gerade professonelle PR-Personen stellt dies oft vor besondere Herausforderungen. So ist nicht ratsam zu schreiben, dass ein Unternehmen "Verbindungen herstellt zwischen den Grundbesteilen der Industrieproduktion", sondern es stellt Schrauben her. Jemand "entführt nicht in Welten der zwei Sonnen" sondern schreibt Fantasy-Romane. Am besten haben Leserin oder Leser bereits beim ersten Lesen eine klare Vorstellung davon, um was es geht. 

(7) Mit der Community zusammen 


Wikipedia ist ein grundsätzlich offenes System, das von zahlreichen Vandalen, Trollen und Manipulatoren heimgesucht wird. Dementsprechend ausgebildet und etabliert sind mittlerweile die Mechanismen, unerwünschte Bearbeitungen fernzuhalten. Die etablierte Community hat die informellen, formalen und technischen Mittel Text zu verhindern, kann aber auch unglaublich Großartiges vollbringen. Jede Mitarbeit in Wikipedia, die von Erfolg gekrönt sein soll, funktioniert nur im gegenseitigen Vertrauen mit der Community.

Leider hat die Community die Eigenschaft die unkooperativsten und unfreundlichsten Mitarbeiter vorzuschicken, wenn es um das Sichten neuer Artikel geht. Oder anders gesagt: die unfreundlichsten Mitarbeiter sind besonders motiviert darin, sich auf Neulinge zu stoßen. Warum das so ist, darüber kann ich spekulieren, möchte es aber nicht. Aber nicht aufgeben: es gibt nette und freundliche Wikipedianerinnen und Wikipedianer. Mit etwas Ausdauer lassen sie sich finden. 

(8) Zu vermeiden: Freunde holen 


Manche Autoren fühlen sich von der Wikipedia-Community übermannt oder ungerecht behandelt und versuchen, Freunde zu motivieren, ihnen beizustehen. Kaum etwas ist schlimmer. Die reine Anzahl von Teilnehmenden in der Diskussion hat kaum ein Gewicht. Wesentlich bedeutender ist das Vertrauen, dass den einzelnen Beteiligten in der Community beigebracht wird. Die Community hat ein eingebautes internes Vertrauenssystem, das maßgeblich auf bisherigen Beiträgen beruht. Wenn aus heiterem Himmel plötzlich eine größere Anzahl neuer Nutzer bei einem Thema auftaucht, lässt das bei vielen erfahrenen Wikipedianern Alarmglocken schrillen. Sie reagieren skeptischer und aggressiver. Dabei gilt: gegen eine skeptisch und aggressive Community zu agieren, hat nie Erfolg. Der Versuch, Freunde zu mobilisieren ist bisher immer nach hinten losgegangen.

(9) Das Sichtungsproblem 


Speziell die deutsche Wikipedia hat das Instrument der Sichtungen eingeführt. Das bedeutet: Änderungen an Artikeln werden sofort gespeichert. Wenn diese Änderungen von einem neuen Autor stammen, sind sie aber nicht sofort für die Öffentlichkeit sichtbar. Dafür muss erst ein erfahrener Wikipedianer sein Ok geben. Je einfacher die Edits sind und je einfacher sich ihr Inhalt extern überprüfen lässt, desto schneller wird die Freigabe erfolgen.

Übersicht über die Seiten, die am längsten nicht gesichtet wurden.

(10) Fotos unter freier Lizenz 


Ein einfacher Weg, das Vertrauen der Community zu gewinnen, Inhalte beizutragen und es Wikipedia zu ermöglichen eigene Inhalte zu nutzen, ist das Bereitstellen von Fotos unter freier Lizenz. Das bedeutet, dass diese Fotos im Nachhinein genutzt, verändert und eingebaut werden können. Allerdings muss dabei der Autor genannt werden ebenso wie der Titel des Fotos. So in Wikipedia und von dort aus dann viral durch das halbe Netz.

Rose Stanwell Perpetual バラ スタンウェル パーペチュアル (7887553466)
Ist ein Foto unter freier Lizenz hochgeladen, kann es unter Autoren-Nennung quer durch das Internet gesehen werden. Bild: Rose Stanwell Perpetual バラ スタンウェル パーペチュアル von: T.Kiya Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

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Der Wikipedia mangelt es nicht an Seiten mit Regeln, Vorschriften und Anleitungen. Auch zu diesem Themenkomplex gibt es eher zuviel als zu wenig zu lesen. Als Einstieg empfiehlt sich: Wikipedia:Interessenkonflikt  und die dortigen Links.

Bei Rückfragen zu bestimmten Einzelfällen, gerne auch eine Mail an mich, dirkingofranke@gmail.com

Alle Iberty-Posts zu Netz- und Kulturthemen finden sich unter. Kultur in Iberty! Eine Übersicht.

Klippan ist ein klassisches Sofamodell des sich schwedisch gebenden Möbelhauses IKEA. Das Sofa wird dieses Jahr 40 Jahre alt und ist neben Billy vielleicht der Klassiker IKEAs. Klippan steht in den Räumen des MEKs, des Museums Europäischer Kulturen, in Berlin. Dort steht es nicht etwa als Ausstellungsstück, sondern als Möbel.

Aber: wenn man ein Museum für Volkskunde und Alltagskultur mit einer Gruppe Wikipedistas zusammenbringt - dann wird auch das Foyersofa zum Ausstellungsstück - und darüber entstehen Wikipedia-Artikel. 

Berlin, Museum Europäischer Kulturen, GLAM on Tour im Museum Europäischer Kulturen (2018) NIK 6039
Klippan im Museum. Bild: Berlin, Museum Europäischer Kulturen, GLAM on Tour im Museum Europäischer Kulturen (2018) NIK 6039 Von: Nightflyer. Lizenz: Creative Commons Attribution 4.0 International license.

Willkommen bei Wiki goes MEK! 2.0. Willkommen bei der zweiten Veranstaltung zwischen Wikipedia, dem MEK und dem Glam-Team von Wikimedia Deutschland.



MEK MEK MEK


Zwei Tage, am 17. und 18. November 2018, lud uns das Museum Europäischer Kulturen (MEK) nach Dahlem ein. Das MEK ist das einzige der Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), das in Dahlem bleiben darf und nicht in die Bierbike- Reisebushölle von Berlin Mitte muss.

Unsere Gruppe zieht vom Ausstellungs- in den Arbeitsteil des Museums Europäischer Kulturen.


Der Bestand des MEKs stammt noch zu größeren Teilen aus den Zeiten, in denen es das Museum für Deutsche Volkskunde war, und dann mit den europäischen Teilen der anderen Volkskunde-Museen vereinigt wurde. Es beschäftigt sich mit dem Leben normaler Menschen.

Das Museum hat einen Fokus auf Alltagskultur aber natürlich auch - dem Fokus der Ethnologie folgend - einen Blickwinkel auf Festtage normaler Menschen. Am konkreten Beispiel heißt das: derzeit laufen Ausstellungen über Wolle als Textil, Hochzeiten und die damit verbundenen Träume sowie Sterne (im Allgemeinen und als Weihnachtsstern im Besonderen).

Weihnachtssterne und Hochzeitskronen


Das MEK hatte eingeladen und etwa 20 Wikipedistas kamen. Es begann mit Kuraturenführungen durch die Stern- und Hochzeitsausstellungen. Wir schimpften, dass der 2. Stock nicht barrierefrei zu erreichen ist - man sollte meinen, eine Welt die den preußischen Museen ein komplettes neues Humboldtforum bauen kann, sollten dem MEK auch einen Fahrstuhl verschaffen können - bewunderten dann aber die atmosphärische Stern-Ausstellung.

Wir würdigten Hochzeitskronen aus dem 19. Jahrhundert ebenso wie Hochzeitskleider aus derselben Zeit. Wir staunten über den Traum in Rosa einer deutsch-türkischen Henna-Nacht und diskutierten die Ausstattung in Millenial Pink eines anderen aktuellen Hochzeitspaares.

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Ein Traum in Rosa. Bild: 2018Eroeffnung003 von: Holger Plickert (WMDE) Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

Wir verfolgten nach, wie aktuelle Besucherpaare des MEKs sich kennengelernt hatten.

Tinder - echt jetzt!


Ruhiger wurden wir bei der Hochzeits-Chuppa einer Berliner Synagoge, die vermutlich das erste Mal seit den Nazis wieder öffentlich zu sehen war. Wenig ist über diese bekannt, außer dass sie heute dem Centrum Judaicum gehört und der Gestaltung nach wohl zu Zeiten der Weimarer Republik gefertigt wurde.

Chuppa
Chuppa / jüdischer Hochzeitsbaldachin in der Ausstellung. Bild: Chuppa. Von: Medea7 Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Alles wurde in einen Kontext gesetzt und mit hinter-den-Kulissen-Informationen versehen von der Kuratorin der Ausstellung.

Derart inspiriert ging es ins Verwaltungsgebäude des MEKs wo schon alles von Kaffee über Büchern bis hin zu fotografierende-Objekte vorbereitet war. Und wir setzten die Inspiration in Artikel um.

Madame ergründete Klippan. Ich, aufmerksam geworden, dass Flachmãnner in angesagten Kreisen zur Hochzeitsausstattung gehörten lernte dann noch, dass sowohl die Wörter Hipster wie auch Bootlegging auf diese Flachmänner zurückgehen. Hipster waren Menschen, die zu Zeiten des amerikanischen Alkoholverbots Flachmänner an der Hüfte trugen; Bootlegger diejenigen, die ihn im Stiefel (englisch Boot) hatten.

Es entstand während des Workshops das Portal Baskenland. Die Artikel zu Ehe und Textilie wurden erweitert. Die Kochbuchautorin des 18. Jahrhunderts - Maria Luisa Schellhammer - bekam einen neuen Artikel. Ebenso bekamen die Artikel zu Hochzeitskronen, Pommerschen Fischerteppichen oder zur Moritat neue Bilder. Und wo wir dann schon dabei waren, wurde der Artikel "Papierkorb" mit einem Bild aus dem Hotel des Fotografen Nightflyer erweitert.

MEK II-277
Pelotaspiel (Ballkorb und Ball) aus der baskischen Sammlung. Bild:

Allerdings zeigt sich, dass ein Wochenende nur begrenzte Zeit bereitstellt, um zu schreiben. Einer meiner Highlight-Artikel würdigt den mechanischen Weihnachtsberg aus der Dauerausstellung des Museums - eine Art mechanische Modelleisenbahn ohne Eisenbahn mit Weihnachten aus dem 19. Jahrhundert - mit einem umfassenden Artikel. Dieser Artikel entstand größtenteils am Freitag vor dem eigentlichen Treffen - offensichtlich in Vorbereitung auf dieses. Und hoffentlich wird mein eigener Text zu den Herrnhuter Sternen auch noch dieses Jahr fertig.

Danke

 

Kaffee am richtigen Ort und viele Kekse. Trotz erschwerter Bedingungen ein funktionierendes Internet. Menschen, die sich auf für die Kultur vermeintlich kleiner Menschen interessieren - ein Traum in Rosa, Moritaten, obskure Bücher, ein Blick hinter die Kulissen eines Museums - und überall eine freundliche, fokussierte Stimmung. Wenig will ich mehr.

Blick in einen der Arbeitsräume.

Zum Abschluss ein großes Danke an alle Beteiligten. Selten erlebte ich eine Veranstaltung, die so stimmte. Nicht nur, dass wir offensichtlich willkommem waren: das Timing war nahezu perfekt, die Mischung aus genug Inspiration und viel Gelegenheit diese gleich umzusetzen war großartig und offensichtlich hatten sich alle Beteiligten viele Gedanken gemacht, was die kommenden Wikipedianer am besten brauchen.

Das wir zum Beispiel auch noch obskurste Bücher im Vorhinein bestellen könnten und dann vor Ort in die Hand bekamen, rundet die Sache ab.

MEK 3.0? Am besten nächste Woche.

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Die Projektseiten in der Wikipedia: WIKI goes MEK! 2.0

Die Darmstädter Madonna, deren Artikel im Rahmen dieser Veranstaltung verbessert wurde, haben wir in Berlin auch schon einmal besucht: Allein mit der Madonna zum Hasen.

Auch GLAM - ähnlich cool, wenn auch ganz anders, war die Veranstaltung mit der Jules-Verne Gesellschaft in Braunschweig.

Alltagskultur in Dahlem. Da fallen mir als erstes die historischen Tänze der Ü300-Parties ein. Oder natürlich die Schwimmhalle Hüttenweg.

 Alle Kultur-Posts in Iberty. Kultur in Iberty!

Vegan Straight Edge in der Wikipedia

14:25, Saturday, 19 2019 January UTC

Eine gelöschte Schlachteplatte führte mich in die Vergangenheit zu zwei rundlichen Herren mit Schnauzbart auf dem Straight-Edge-Konzert. Der Wikipedia-Schreibwettbewerb sorgte dafür, dass ich nachträglich noch beeindruckt von Nirvana war. Ich verstehe Widersprüche, die ich mit 19 einfach so hingenommen hatte:

„Vegan Straight Edge, Eigenbezeichnung auch xVx, oder VSxE war eine Szene innerhalb der Punk/Hardcoreszene. Leitsätze der Szene waren "kein Alkohol, keine Drogen, keine tierischen Produkte". Sie entwickelte sich Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre aus der Straight-Edge-Szene, als diese zunehmend auch vegane Ernährung propagierte und sich politisch für Tierrechte engagierte.“

Dieser Satz steht seit einigen Wochen in der Wikipedia. Er steht dort als Einleitung zum Artikel [[Vegan Straight Edge]], den ich Anfang März 2018 zu schreiben begann. Der Artikel befindet sich schon länger im Stadium des Unfertigen, denn ich habe Probleme. Gab es Vegan Straight Edge wirklich als abgrenzbare Szene? Oder war es eine Szene oder doch zwei verschiedene in den USA und Europa? Kann man sie klar genug vom restlichen Straight Edge trennen? Um die Frage, auf die Rechtschreibung einzudampfen: war es vegan Straight Edge oder Vegan Straight Edge?


Wurstbruehe
Wurstbrühe beim Kochen (Hausschlachtung) von: Jens Jäpel Lizenz: Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“

Fragen über Fragen, die eigentlich nur entstanden, weil sich in der Wikipedia ein linksbewegter Autor und ein landwirtschaftsnaher Autor in einen epischen Streit über Schlachteplatten und Massentierhaltung hineinbewegten. Schließlich kamen beide zum Schreibwettbewerb. Beim Wikipedia-Schreibwettbewerb schreiben Autoren in einem Zeitraum von einem Monat zu einem bestimmten Thema. Eine Jury aus Wikipedianern bewertet den besten Artikel. Die meisten Preise stammen von anderen Wikipedianern und bewegen sich im Rahmen zwischen selbstgemachter Marmelade und Buch-Gutscheinen.

Youth of Today at SO36 (2010)
Youth of Today (2010). von: Libertinus Yomango Lizenz: r Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 generisch“ (US-amerikanisch)

In diesen Wettbewerb nun gerieten die beiden Autoren und eskalierten beim Schreibwettbewerb weiter. Schließlich führte es dazu, dass der eine Autor eine Schlachteplatte als Preis für den besten Artikel mit Veganismus-Bezug aussetzte. Der andere lief kreischend und hyperventilierend um den virtuellen Block lief. Ich dachte „Hausgemachte Schlachteplatten sind super, Veganismus ist spannend. Gerade den veganen Punk-Tierrechtler bin ich schon oft genug in der Realität über den Weg gelaufen. Es wird Zeit, einen Wikipedia-Artikel zu schreiben!“ Die ersten Recherchen sprachen für das Thema: es gibt Autoren, die Vegan Straight Edge als eigene Szene sehen.



Der Schlachteplatten-Preis für den Schreibwettbewerb verschwand kurz darauf nach Intervention der Wikipedia-Administratoren, und mit dem Thema tue ich mich schwerer als gedachte. Aber nun hänge ich drin.   

Straight Edge? Vegan? Hardcore?


Erst war Punk. Dessen Geschichte wurde viele Male erzählt und soll hier vorausgesetzt werden. Aus Punk entwickelte sich Anfang der 1980er in Washington, D.C. die Musikrichtung Hardcore – oder harDCore: musikalisch schneller als Punk und stilistisch alle Überbleibsel des Glamrocks hinter sich lassend. Junge Männer mit sehr kurzen Haaren, in Kapuzenpullis und Chucks spielen präzise sehr schnelle und sehr kurze Gitarrensongs.


Out of Step - der eine definierende Song auf den sich alle Hardcore-Anhänger einigen können. Man beachte auch das schwarze Schaf ganz am Ende.


Fast gleichzeitig mit Hardcore entwickelte sich die Straight-Edge-Bewegung. Straight Edge heißt mindestens „kein Alkohol und keine Drogen“, konnte aber noch um beliebige "No"s erweitert werden: Kein Sex, kein Kaffee, kein Fleisch, keine Milch, kein Leder, kein was auch immer. Eine Jugendbewegung, deren Hauptmotiv der Verzicht war. Wenig überraschend eigentlich, dass ein signifikanter Teil der Bewegung dann vegan wurde.


Rundliche Männer


Ich persönlich denke bei Straight Edge immer an alte, rundliche Männer, eigentümlich wie es ist. Als Randbewohner des Punk-Hardocre-Universums war mir Straight Edge ein Begriff. Aber mir wirkte es zu elitär. Und auch wenn wir alle in der Gymnasium-Langenhagen-Gang nicht viel tranken und vielleicht alle paar Monate mal kifften – Drogen ablehnen aus Prinzip war nie mein Ding. Straight Edge kannte ich aus den üblichen Szeneheften wie dem ZAP oder all‘ den Punk-Fanzines. Aber wirklich in der Szene war ich nie.

Dann war da dieses Straight-Edge-Konzert im Jugendzentrum Langenhagen. Bands, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere, spielten mittelmäßigen Hardcore. Im Publikum tobten sich hunderte schmächtiger, pickliger Jungen in Hoodies und Turnschuhen aus, die alle ein großes X auf der Hand hatten und so böse schauten wie man mit 17 Jahren und 50 Kilo Lebendgewicht halt schauen kann.

Dann waren noch ein paar Dauer- und Stammgäste des Jugendzentrums anwesend, um die 20.  Und im Gang standen diese beiden Männer, die offensichtlich niemanden kannten. Sie waren um die 40, Schnauzbart, klein, rundlich, Hemd und Jacke. Die Schnauzbartträger hatten sich ein großes X auf die Hand gemalt – als wären Sie direkt einer Comedyserie über schlecht getarnte Zivilpolizisten entstiegen. Seitdem denke ich bei Straight Edge immer an rundliche kleine Männer mit Schnauzbart.


Straight Edge und die Polizei


Nun war es nicht überraschend, dass die Polizei auf diesem Konzert auftauchte. Ausgerechnet diese verhärmten Jünglinge standen mindestens im Verdacht, staatsgefährdende Straftaten zu planen. Drogen wurden auf Straight-Edge-Konzerten natürlich weder gehandelt noch konsumiert. Dafür war die Szene weltweit latent gewaltaffin, in Europa auch eng mit Autonomen, Linksradikalen und radikalen Tierbefreiern vernetzt.

Jugendzentrum Glocksee seitlich
Unabhängiges Jugendzentrum Glocksee (2010). Autor: AxelHH Lizenz: Public Domain

Die Auftrittsorte waren hier, wie im Jugendzentrum Langenhagen, fast immer ehemals besetzte Jugendzentren oder autonome Jugendzentren wie das UJZ Kornstraße in Hannover oder das Glocksee in Hannover oder gleich ganz besetzte Häuser. Politik, Hardcore und Straight Edge hingen für mich immer zusammen. (wie dem auch heute noch ist: wie man jedes Jahr auf dem Resist to Exist in Kremmen sehen kann.)

Für mich waren Punk – Autonome – Hardcore – Besetzte Jugendzentren – sXe – Emocore immer eins – mit verschiedenen Abstufungen und verschiedenen Ausprägungen: aber letztlich dieselbe Szene, deren Mitglieder den Anspruch hatten, die Welt so abzulehnen wie sie ist und eine bessere Welt zu schaffen.

Umso mehr verwirrten mich Bands wie Youth of Today, Cro-Mags oder auch Earth Crisis, die zwar auch echte in der Szene anerkannte Hardcore-Bands waren, aber so unpolitisch bis christlich konservativ – deren Message ich nie verstand. Das war musikalisch nicht viel anders als europäischer Straight Edge, auch mit diesem Weltverbesserungsmessianismus, aber auf eine eigenwillige Art unpolitisch. „Wir wollen die Welt verbessern, können aber nicht sagen, was das Problem ist.“ Manchmal erinnert mich das heute an das Silicon Valley. Wahrscheinlich liegt es gar nicht soweit auseinander.


USA und Europa


Für die Wikipedia-Recherche bin ich das erste Mal gründlich in die Geschichte der Hardcore-Szene vorgedrungen. Bisher hatten da neben den eigenen Erfahrungen und den unzähligen gelesenen Fanzines als Buch Martin Büssers „If the Kids are United“ ausreichen müssen. Nun kamen aber diverse Bücher aus der Berliner Stadtbibliothek hinzu, halbveröffentlichte Bücher in Google Books, digitalisierte Fanzines, Doktorarbeiten und sonst noch alles was da Internet zu bieten hatte.

Da ging mir etwas auf: Hardcore ist größer. Während in Europa und Lateinamerika immer der Zusammenhang Politik-Hausbesetzer-Punks-Hardcore existierte, war das in den USA anders. Gerade die prägende Bands Minor Threat und Fugazi waren nun sehr politisch im europäischen Sinn. Aber viele andere Größen des US-Hardcores übten sich in Jock Culture wie es heißt. Männer, die sich selber ausleben wollen und wenig sonst. Mit ungerichteter Aggressivität, sich manchmal gegen industrielle Tierproduktion richtete, oft genug gegen die eigene Szene.

Die Szene in den USA entwickelte sich unter anderen Voraussetzungen. So gab es dort nie wirklich besetzte Häuser. Die Bands spielten in kommerziellen Clubs, oft zusammen mit anderen Rockbands oder in Washington, D.C. mit Go-Go-Bands. Die linke Szene in den USA war kleiner und abgeschotteter. Konnte man in meiner deutschen Schulzeit gar nicht anders, als sich politisch zu positionieren, wäre der Gedanke sich als Jugendlicher ernsthaft mit Politik zu beschäftigen in großen Teilen der USA geradezu bizarr gewesen. US-Punk und dann US-Hardcore entwickelten sich in einem luftleeren Raum, in mehr oder weniger kommerziellen Clubs. Vegetarismus und Veganismus stießen in großen Teilen der Szene auf ein inhaltliches Vakuum, um so mehr und einfacher konnten sie sich als herrschende Ideologien verbreiten.


Veganismus


Vegetarisch und Vegan wurden Straight Edger und Hardcorler Ende der 1980er. Während einzelne Szeneangehörige schon früher vegetarisch waren, thematisierten Youth of Today im Song No More und die Gorilla Biscuits mit dem Song Cats and Dogs das Thema. Danach entwickelte sich die Sache ziemlich schnell. Es gab Bands wie die Cro Mags oder Earth Crisis, die sich als vegan Straight Edge verstanden.

Sie und ihre Anhänger entwickelten sich schnell hin zum Hardline: militante Tierschützer, die auch aggressiv gegen andere Punks und Hardcore’ler vorgingen, solange sie nicht den strikten Lebensvorstellungen der Hardliner folgten. Da war die einst offene, kreative Szene zu einer Art Sekte geworden. Menschen, die sich als Vegan Straight Edge verstanden, gab es. Aber gab es sie lange genug, um von einer eigenen Szene zu sprechen?

In Europa hingegen, war Veganismus in der Szene immer nur ein Teilaspekt, eingebettet in allgemeine Weltrettung und Kapitalismuskritik. Tatsächlich veganes und vegetarisches Essen war wahrscheinlich verbreiteter, da es oft zum Standard wurde. Die Übergänge allerdings waren dadurch auch fließender.

Und nun geht es mir, wie oft, wenn man mehr zu einem Thema weiß: ich bin ahnungsloser als je zuvor. Es gab vegane Straight Edger. Und zumindest zeitweise haben die sich auch bewusst von den Nicht-veganen abgesetzt. Für Wikpedia reicht es: es ausreichend gibt Literatur, die Vegan Straight Edge (mit "V") beschreibt und selbst unangemeldete Wikipedia-Autoren behaupten, dass es es diese Bewegung noch gibt. Aber waren diese wirklich geschlossen genug für eine eigene Szenedefinition und einen guten Wikipedia-Artikel über sie?

Ausblick: Washington, D.C.


Während ich beim Thema Vegan Straigt Edge ratloser bin, als vor dem Beginn der Recherche, hat sie mir auch neue Welten geöffnet. Washington, DC – die Szene, die vermutlich der europäische Szene am ähnlichsten war. Mit Ian MacKaye als Überfigur, der früh begriff, dass man eigene Labels und Strukturen aufbauen muss, mit der Crew um Dischord Records und mit der sozialen Organisation Positive Force, die der Szene nahestand. Washington wies lange Zeit ein lebendige Szene auf, die im engen Austausch mit dem Vor-Grunge-Hype-Seattle stand.

Eine Szene in Washington, die sich früh politisch verstand – sehr ungewöhnlich für US-Punk – früh Frauen in wichtigen Rollen zuließ; eine Szene in der beispielsweise der 15jährige Dave Grohl (von späterem Nirvana und Foo Fighters Fame) seine ersten Auftritte absolvierte, die Bad Brains – als Reggae-beeinflusste Band – prägend war, und in der auch Bikini Kill und die frühen Nirvana zu ständigen Gästen gehörten. Dann auch die Szene in Washington State um Seattle: uns ja eher bekannt als diejenigen, die Grunge kommerziell und populär machten - hier bestand eine echte, kreative, politische Punk-Szene bevor MTV sie entdeckte. Und in beiden Washingtons: eine Szene mit Dutzenden Fanzines, vermutlich hunderten Bands, die in Bewegung war, sich neu formierte, Sachen ausprobierte und sie wieder verwarf.  

Bands, die ich dabei entdeckte, waren:

Scream mit dem damals 15-jährigen Dave Grohl und der faszinierenden Erkenntnis, was für Langhaarmatten man in den 1980ern auch im Hardcore trug:



Oder Bratmobile, die zur ersten Runde gehörten als die Szene endlich auch Frauen zuließ und diese eigene Bands gründeten:



Vor allem aber entdeckte ich die Go-Go-Szene. Man stelle sich eine Art frühen Hip Hop in funky mit Congas und Bläsersätzen vor. Aber dazu später mehr.

Beim Schreibwettbewerg gewann ich zu recht nichts, da der Wikipedia-Artikel in einem Limbo hängt. Aber ich entdeckte mindestens drei spannende Szenen. Und sehe Helden oder Nicht-Helden meiner Jugend mit anderen Augen. Und das alles nur wegen eines Schlachteplattenstreits.

Weiterlesen


Der unfertige Wikipedia-Artikel zum Thema Vegan Straight Edge.

Zwei Bücher, die mir vieles erklärten:



Marc Andresen / Mark Jenkins: Punk, D.C. Ventil Verlag 2006 (im Original: Dance of Days, Akashic Books 19929. Bericht aus der Szene nach Lektüre zahlreicher Poster und Fanzines. Einerseits mit mehr Detailinfos zu Bands und Orten als ich je haben wollte, aber von den selbst-beteiligten Autoren auch stets auf der Suche nach dem Spirit, der alles zusammenhielt.

Roger Gastman "Pump Me Up. DC subCulture of the 1980s". Ausstellungskatalog zu einer Ausstellung über den Graffiti-Sprayer Cool "Disco" Dan - mit einem breiten Rundumschlag zu allem was in den 1980ern subkuturell in Washington los war. R. Rock Enterprises 2013.

Wie es damals war im Jugendzentrum Langenhagen schrieb ich in Kleinstadt Antifa, 1994

Was der Hardcore-Punk heute so macht, lässt sich auf dem Resist to Exist besichtigen.

Alle Posts zu Politik und Kultur in Iberty liegen unter: Kultur in Iberty!

Allein mit der Madonna zum Hasen

11:28, Tuesday, 27 2018 November UTC

Darmstädter Madonna
Hans Holbein der Jüngere, 1526/1528
Öl auf Nadelholz (?), 146,5 × 102 cm
Sammlung Würth, Johanniterhalle (Schwäbisch Hall)

Wikipedia-KNORKE erwähnte ich ja an dieser Stelle schon einmal. Berliner Wikipedianerinnen und Wikipedianer treffen sich und erkunden zusammen eine ihnen unbekannte Gegend. Soweit so üblich. Diesmal jedoch gab es etwas besonderes: Auf ins Museum!

In Berlin gastiert gerade die Darmstädter Madonna, ein 1526 entstandenes Gemälde von Hans Holbeim dem Jüngeren. Diese Madonna hat eine bewegte Lebens- und Reisegeschichte, ist eines der bedeutendsten deutschen Gemälde des 16. Jahrhunderts und kann Menschen auch über Jahre faszinieren. Wunderbar, wenn man eine kundige Bilderklärung der Autorin des exzellenten Wikipedia-Artikels dazu bekommt.

Wir trafen uns einige Minuten vor der Öffnung in kleiner Gruppe vor dem Bode-Museum und konnten - da alle Anwesenden über eine Jahreskarte verfügten - auch sofort zur Madonna und zur Sonderausstellung "Holbein in Berlin" begeben. Der Raum war noch leer, die Museumswachmannschaft ließ freundlicherweise die leise aber engagiert redende Gruppe gewähren. Ein einziger Saal, in dessen Mittelpunkt die Madonna hängt. Links davon einige Holbein-Teppiche, ansonsten weitere Bilder und Zeichnungen von Holbein, Inspiratoren und andere Madonnen. Nicht überladen, sinnvoll aufbereitet und mit einem klaren Konzept - eine der besseren Kunstausstellungen.



Und dann ging es los: Es begann mit Schilderungen von der bewegten Entstehungszeit zur Zeit des Basler Bildersturms im Auftrag des Basler Ex-Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen. Die Aussage des Bildes traditioneller Marienfrömmigkeit in Zeiten der Reformation war Thema, ebenso natürlich wie der Teppich und seine Falte. Wir staunten über die Eigentümlichkeit, dass sich niemand auf dem Gemälde eigentlich anschaut und wurden über dden Unterschied zwischen Schutzmantelmadonnen und Stifterbildern aufgeklärt. Vermutungen tauchten auf, wo das Bild wohl im Original hing - vermutlich in der Martinskirche als Epitaph - und wir verfolgten gedanklich seine Wanderung aus Basel über den Grünen Salon im Berliner Stadtschloss bis hin zum Hause Hessen und das Frankfurter Städelmuseum bis hin zum spektakulären Verkauf an die Privatsammlung Würth. Die Meinungen über die Sammlung Würth in der Gruppe waren durchaus geteilt, ebenso wie die richtige Benennung des Bildes: ist es nun eher die Darmstädter Madonna oder eher die Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen?

Über die Darmstädter Madonna ging es dann zur Dresdner Madonna und einem der prägenden Momente deutscher Kunstgeschichte: dem Dresdner Holbeinstreit. Im 19. Jahrhundert wurde es den Menschen bewusst, dass es zwei fast identische Holbein-Madonnas gab und nur eine die echte sein konnte. In einer großen Ausstellung, unter lebhafter Anteilnahme der Öffentlichkeit und erregten Debatten der Experten entschieden sich die Kunsthistoriker schließlich für das Darmstädter Gemälde. Eine Sensation,  da die Kunstkennerschaft vorher felsenhaft von der Originalität des Dresdner Gemäldes ausging. Hier zeigte sich erstmals das Bemühen, um eine rein sachlich, objektive Abwägung der verschiedenen Gesichtspunkte - der Dresdner Holbeinstreit ist einer der Ausgangspunkte um die Kunstwissenschaft als Wissenschaft zu etablieren. Und - wie sich später herausstellte - lag die Kunstwissenschaft auch in diesem ihren Anfangsurteil richtig; sämtliche mittlerweile vorhandenen naturwissenschaften Verfahren die Darmstädter Madonna als die originale der beiden bestätigten.

Erkenntnisse am Rande: eine weitere Kopie des Gemäldes (beziehungsweise eine Kopie der Kopie - es stellt aus unerfindlichen Gründen das Dresdner Exemplar dar) hat sich in das Set des James-Bond-Filmes "Man lebt nur zweimal verirrt".

Hans Holbein der Jüngere: Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London, 1532. Eichenholz, 96,3 × 85,7 cm. Gemäldegalerie Dahlem der Staatlichen Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz

Und nachdem wir dann auch noch gerätselt hatten, wer die beiden Knaben unterhalb der Madonna sind, den verschwundenen Haaren der Tochter nachspürten und weiter über den Teppich in der Renaissancemalerei sinniert hatten, kamen wir dann nach knapp einer Stunde noch zu Georg Giesze. Giesze (auch Georg Giese) ist Titelheld in einem anderen Holein-Hauptwerk, das praktischerweise fünf Meter weiter links hing. Wieder mit Teppich und nun auch noch mit Glas, Metall, Bücherregalen und Briefen. Gedanklich begleitete wir Holbein dann weiter von Basel nach Antwerpen und London. Mittlerweile hatte sich der Raum etwas gefüllt. Nachdem wir dann noch den Weg aus dem Museum gefunden hatte (wie immer im Bodemuseum nicht ganz einfach und jedes mal findet man zwischendurch neue Säle) folgte noch ein erschöpfter Abschlusskaffee.

Eine Stunde fast allein mit der Madonna. Und immer noch Neues zu entdecken.

Gab es in der DDR Spaghetti?

09:10, Tuesday, 28 2018 August UTC

Eine der schöneren unbekannten Ecken der Wikipedia ist die Seite zur Auskunft. Dort können Menschen mögliche und unmögliche Fragen stellen, die dann mal launisch, mal larmoyant, mal ernsthaft oder auch gar nicht beantwortet werden. Wie im wahren Leben und eine ewige Fundgrube obskuren Wissens, seltsamer Fragestellungen und logischen Extremsports.

Nicht die DDR. Bild: Giorgio Conrad (1827-1889) - Mangiatori di maccheroni. Numero di catalogo: 102.



Dort nun fragte vor ein paar Tagen ein unangemeldeter Nutzer:

 "Warum gab es in der DDR eigentlich nur Makkaroni (die in Wirklichkeit Maccheroncini waren), aber keine Spaghetti? Das erscheint mir nach Lektüre einiger Bücher aus der DDR so gewesen zu sein und ist mir auch so von meiner aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden Verwandtschaft bestätigt worden. Warum?"

Es folgte eine längere und mäandernde ausgiebige Diskussion, die immerhin folgendes ergab:

* Anscheinend gab es in der DDR Spaghetti, zumindest erinnerten sich einige der Diskutanten an derartige Kindheitserlebnisse.
* Ob Spaghetti so verbreitet waren wie Makkaroni oder Spirelli, darüber bestand Uneinigkeit.
* Die Nudelsaucensituation war in Berlin besser als im Rest der DDR.
* Die DDR allgemein pflegte in vielerlei Hinsicht traditionellere Essgewohnheiten als Westdeutschland, die Küche der DDR ähnelte in vielem mehr der deutschen Vorkriegsküche als dies für die westdeutsche Küche gilt.
* In Vorkriegszeiten waren Makkaroni verbreiteter als Spaghetti.
* Schon bei Erich Kästner wurden Makkaroni gegessen
* Der Makkaroni-Spaghetti turn im (west-)deutschen Sprachraum war Mitte der 1960er
* Schuld könnten wahlweise das mangelnde Basilikum, die mangelnde Tomatensauce, überhaupt mangelnde Kräuter, Italienreisen, Gastarbeiter, Miracoli oder auch was ganz anderes sein.
* Klarer Konsens im Rahme: Sahne gehört keineswegs in Sauce Carbonara!


Gab es in der DDR nicht: Miracoli. Bild: Miracoli-Nudeln mit Mirácoli-Soße von Kraft. Von: Brian Ammon, Lizenz: CC-BY-SA 3.0
 
Daneben tauchten eine ganze Menge Kindheitserinnerungen auf an exotische Spaghettimahlzeiten mit kleingeschnittenen Spaghetti, Ketchup-basierter Tomatensauce und anderen kulinarischen Exotika des geteilten Deutschlands.

Einige Antworten, viel mehr Fragen:
* seit wann wird in Deutschland überhaupt Pasta gegessen?
* wie lange schon ist Tomatensauce verbreitet?
* seit wann essen westdeutsche Spaghetti?
* Und wer ist Schuld? Die Gastarbeiter? Die Italienurlauber? Miracoli?
* Und wie kommen eigentlich die Löcher in die Makkaroni?

Also verließen wir dann erst einmal die Auskunft und die dortige Diskussion und betrieben etwas weitere Recherche. Das heimische "Kochbuch der Haushaltungs- und Kochschule des Badischen Frauenvereins", veröffentlicht 1913 in Karlsruhe, kennt sowohl Makkaroni wie auch Spaghetti. Ungewohnt für heute: die Makkaroni werden in "halbfingerlange Stückchen gebrochen" und dann 25 bis 30 Minuten gekocht.

Neben den diversen Makkaroni-Gerichten gibt es auch einmal Spaghetti. Die Priorität ist klar. Spaghetti werden erklärt als "Spaghetti ist eine Art feine Makkaronisorte. Beim Einkauf achte man darauf, daß sie nicht hohl sind"

Die "Basler Kochschule. Eine leichtfaßliche Anleitung zur bürgerlichen und feineren Kochkunst" von 1908 kennt keine Spaghetti aber diverse Gericht mit "Maccaronis". Darunter sogar schon die Variante "a la napolitaine" mit Tomatensauce.

Weitere Recherche. Weitere Erkenntnisse bringt das Buch "Meine Suche nach der besten Pasta der Welt: Eine Abenteuerreise durch Italien", das die Ankunft der Makkaroni in Deutschland auf das frühe 18. Jahrhundert verlegt. Die 1701 nachweisbaren "Macronen" waren wohl eher Lasagne, aber Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden in Prag und Wien echte Makkaroni-Fabriken.

Die Pasta folgte anscheinend den jungen Männern der Grand Tour aus Italien in das restliche Europa. Bestimmt waren die Grand Tours für junge Männer, die mal etwas von der Welt sehen und klassische europäische Bildung mitbekommen sollten, die auf der Tour aber anscheinend nicht nur Statuen und Kirchen kennenlernten, sondern auch Pasta.

Philip Dawe, The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade (1773) - 02
Der Macaroni. Der Hipster seiner Zeit. Bild: Philip Dawe: The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade, 1773.

In England gab es sogar einen eigenen Modestil Macaroni für exaltierte junge Männer - "a fashionable fellow who dressed and even spoke in an outlandishly affected and epicene manner". Die englische Wikipedia schreibt dazu lakonisch: "Siehe auch: Hipster. Metrosexuell." Komplett falsch wäre wohl auch die Assoziation zur Toskana-Fraktion nicht.

Nach diesen extravagant und auffallend auftretenden jungen Männern ist nun wiederum im Englischen der Macaroni penguin - auf deutsch der Goldschopfpinguin - benannt.


Makkaroni-Penguin. Benannt nach dem Stil, nicht nach den Nudeln. Bild: Macaroni Penguin at Cooper Bay, South Georgia von Liam Quinn, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Wie aber kommen nun die Löcher in die Makkaroni? Und seit wann? Licht in dieses Dunkel bringt die "Encyclopedia of Pasta." Diese lokalisiert die Entstehung der maschinellen Pastafertigung - die für Makkaroni in zumutbarer Menge unvermeidlich ist - in die Bucht von Neapel in das 16. Jahrhundert. Dort existerte eine Heimindustrie mit Mühlen, an die sich relativ problemlos eine im 16. Jahrhundert aufkommende ’ngegno da maccarun anschließen lies, die es den Neapolitanern ersparte stundenlang im Teig herumzulaufen, um ihn zu kneten: im Wesentlichen Holzpressen mit einem Einsatz aus Kupfer, je nach Form des Einsatzes entstehen verschiedene Nudelsorten und damit unter anderem Makkaroni. Die Makkaroni wurden dann in langen Fäden zum trocknen in die süditalienische Sonne gehängt.


Sommer, Giorgio (1834-1914) - n. 6204 - Napoli - Fabbrica di maccheroni
Neapel, 19. Jahrhundert. Bild: Giorgio Sommer (1834-1914), "Torre Annunziata-Napoli - Fabbrica di maccheroni". Fotografia colorita a mano. Numero di catalogo: 6204. 

Das hat alles nicht mehr wirklich etwas mit Spaghetti und der DDR zu tun, beantwortet nicht, warum die Deutschen in den 1960ern plötzlich lieber Spaghetti als Makkaroni mochten, oder warum die Makkaroni bei ihrem ersten Zug über die Alpen die Tomatensauce in der Schweiz ließen? Warum gibt es in Deutschland kein Äquivalent zu "Macaroni and cheese" (mehr)? Gab es ein Miracoli-Äquivalent in der DDR, bei dem es Pasta, Sauce und Käse schon in einer Packung gab? Warum sind Makkaroni in Deutschland tendenziell lang und dünn in vielen anderen Ländern aber dicker und hörnchenförmig-gebogen? Es ist hochspannend. Und ein Grund, noch viel mehr zu recherchieren.

Die Verschwundenen

18:28, Monday, 06 2018 August UTC

Crossposting eines Posts von mir aus dem Wikipedia Kurier. Erfahrungsgemäß lesen das dort und hier ja doch andere Menschen.

Wikipedistas kommen und gehen. Manchmal gehen mehr, manchmal weniger. Einzelne davon fallen durch ihr Wirken in der gesamten Wikipedia auf oder versuchen sich wenigstens durch einen spektakulären Abgang in Szene zu setzen. Die meisten Autoren und Autorinnen aber gehen genauso still und leise wie sie gekommen sind und gearbeitet haben.

Die unseligen Autorenschwund-Debatten der unseligen Wikimedias kümmern sich ja um Zahlen und nicht um Autorinnen und Autoren. Wie armselig! Den Meta-aktiven Communitymitgliedern - aka Wikifanten - fallen vor allem die anderen Wikifanten auf, die entschwanden. Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es um lauter einzelne Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Arbeitsstilen und Interessen geht, die in Wikipedia tätig waren und sind. Es gibt vor allem diejenigen, die kommen, einen Beitrag leisten und dann wieder verschwinden. Der größte Teil der tatsächlichen Wikipedia wird von Menschen und Accounts gestaltet, deren Edits fast nur im Artikelnamensraum aufzufinden sind. Manchmal arbeiten sie unermütlich über viele Jahre, manchmal auch nur einige Wochen an einen oder zwei Artikeln. Viele davon sind als IP aktiv, so dass sich fast nichts über sie sagen lässt. Vielleicht sind die Beitragenden per IP auch gar nicht viele, sondern eine einzige sehr fleißige Autorin? Wer weiß?


 Viele Wikipedianerinnen und Wikipedianer sind derzeit inaktiv.

Anlässlich des Projektes WikiWedding und in meinem Bestreben möglichst viele Wedding-Aktive daran zu beteiligen, lese ich ja derzeit viele Artikel zu einem Themengebiet, das mir in den letzten Jahren eher fremd war und an dessen Entstehung ich nicht beteiligt war. Wer sich in den letzten Monaten am Thema beteiligt hat, ist mir bewusst, wer sich von 2001 bis 2014 des Weddings angenommen hat, musste ich nachlesen. Eine spannende Lektüre voller mir unbekannter Namen und Accounts. Neben einigen mir bekannten Wikipedistas waren dort vor allem mir unbekannte Accounts. Accounts, die oft aufgehört haben zu editieren. Meist sind sie still und leise gegangen. Ihre Edits und Kommentare geben keinen Hinweis warum. Aber anscheinend war es anderswo schöner. Oder sie hatten den Einruck, alles in Wikipedia geschrieben zu haben, was sie beitragen wollten. Um diesen Autorinnen und Autoren zumindest nachträglich etwas Aufmerksamkeit zu geben, um ihre Namen kurz aus den Tiefen der Versionsgeschichten zu retten, sollen hier einfach einige Autorinnen(?) und Autoren gewürdigt werden, die sich um den Wedding in Wikpedia bemühten bevor sie verschwanden.



Da ist zum Beispiel der Artikel zur Chausseestraße. Ein Mammutwerk von Gtelloke, dessen Wikipedia-Edits sich von Juni bis Dezember 2012 fast ausschließlich auf diesen Artikel beschränkten.


Bild: Die Chausseestraße 114-118 in Richtung Invalidenstraße von Gtelloke
Lizenz: CC-BY-SA 3.0



Da ist der Artikel zum Wedding selber. Angelegt 2002 von Otto, dessen letzter Edit aus dem Dezember 2004 stammt. Im November 2004 dann maßgeblich ausgebaut von Nauck, der sich auch sonst dem Ortsteil und seinen Themen widmete. Artikel zu Moabit, den Meyerschen Höfen, Mietskasernen und Schlafgängern waren Teil seines kurzen Werks, das im Wesentlichen nur zwei Wochen im November 2004 dauerte, aber die Grundlagen wichtiger Artikel zur Berliner Sozialgeschichte legte. Ein Blick auf seine Benutzerseite zeigt auch den Geist der Wikipedia-Frühzeit: ''GNU rockt! Der König ist tod, lang lebe das Volk! Lang lebe die Anarchie des Netzes! Licht und Liebe''

Weiterer Ausbau erfolgte durch 87.123.84.64, auch zu wikipedianischen Urzeiten. Dann passierte 500 Edits und acht Jahre im Wesentlichen nichts – mal ein Halbsatz hier, mal die Hinzufügung von drei Bahnstrecken dort, Hinzufügen und Löschen von berühmten Persönlichkeiten bis im Dezember 2014 der erste heute noch aktive Wikipedianer hinzukommt: Fridolin freudenfett verpasst dem Artikel mit „Katastrophalen Artikel etwas verbessert)“ eine Generalüberholung.

Der Leopoldplatz; angelegt von Frerix, der in den immerhin fünf Jahren seiner Wikipedia-Aktivität nie auch nur eine Benutzerseite für nötig hielt und anscheinend auch in keine Diskussion verwickelt wurde.  Zu seinen wenigen Beiträgen gehören neben der Anlage des Leopoldplatzes auch noch die Anlage der englischen Stadt Sandhurst, die Anlage des Kreuzviertels in Münster und des Three Horses Biers. Dann war er/sie wieder weg. Mutter des Artikels ist hier aber 44Pinguine, die den heutigen Inhalt maßgeblich prägt und auch heute noch aktiv ist.

Da wäre das Wahrzeichen des Weddings. Die Alte Nazarethkirche. Der Artikel stammt vor allem von 62.246.210.30.


Bild: Leopoldplatz, Ev. Alte Nazarethkirche, 1832–35 von Karl Friedrich Schinkel von Schliwiju

Nichts war für die Entwicklung des Weddings wohl so entscheidend wie die Geschichte der AEG. Dieser Artikel stammte in seiner Frühzeit von WHell, engagiertem Wikifanten, mit ausführlicher Artikelliste und Diskussionsseite, der uns 2007 verließ. Der letzte Eintrag auf seiner Diskussionsseite war „Hallo WHell, ich möchte Dich als den Hauptautor darüber informieren, dass ich den Artikel John Bull (Lokomotive) in die Wiederwahl zum Exzellenten Artikel gestellt habe,“ Größere Beiträge zur WEG folgten in den späteren Jahren durch Peterobst – aktiv von Februar bis April 2006 vor allem mit Beiträgen zur Berliner Industriegeschichte, nach seiner Benutzerseite AEG-Kenner und in Arbeit an einem Buch über den Konzern. Es folgten 80.226.238.197, von Georg Slickers 2006 (auch heute noch aktiv, wenn auch recht unregelmäßig), Flibbertigibbet 2006 , 79.201.110.89 im Jahr 2008 und der unermüdlichen 44Pinguine. Weiter ausgebaut von Onkel Dittmeyer, aktiv von 2009 bis Juli 2015 in Technikthemen und vielleicht immer noch unter neuem Account? Begann seine Karrier mit der Nutzerseite „Hier ist Nichts und das soll so bleiben !“ und hielt sich im Wesentlichen daran.

Da ist der Volkspark Rehberge. Angelegt von Ramiro 2005, aktiv 2005/2006, vor allem zum Thema Fußball. Maßgeblich ausgebaut, umfassend überarbeitet 2007 von 84.190.89.208 und noch einmal 2010 stark erweitert von Katonka. Landschaftsplaner mit unregelmäßigen Edits zwischen 2009 und 2014, die Edits waren wenige, aber die Qualität war hoch.


Bild: LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin Mitte - Panoramabild auf die Wiesen des Volkspark Rehberge in Berlin, Wedding (Mitte). Von: Patrick Franke Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Neben diesen Verschwundenen tauchen glücklicherweise aber auch heute noch aktive Wikifanten auf. Immer wieder 44Pinguine und Fridolin freudenfett. Darüber hinaus Definitiv, Magadan, Flibbertigibbet und Jo.Fruechtnicht.

Die Artikel entstanden durch Wikifanten und IPs. Accounts mit nur einem Thema oder anderen, die über Jahre thematisch sprangen. Während in der Frühzeit aber viele verschiedene Accounts und IPs an den Artikel beteiligt waren, waren in den letzten Jahren deutlich weniger Menschen aktiv. Fast alle inhaltlichen Edits in den von mir angesehenen Artikeln verteilen sich auf 44Pinguine,  Fridolin freudenfett und Definitiv. Wikipedia wird kleiner und noch lebt sie. Aber wir können all‘ den Verschwundenen danken, die vor uns kamen.

Berlin celebrates old school #wikipedia15

14:36, Wednesday, 06 2018 June UTC

I still remember the time when real life meetings for Wikipedians were new and adventurous and a bit scary. Did one really want to meet these strange other people from the Internet? How would they be? Could they even talk in real life or would they just sit behind a laptop screen staring on it for hours?

My first meeting in Hamburg – THE first Wikipedia meeting in Hamburg - would consist of three people (Hi Anneke, Hi Baldhur!) sitting in a pub, and just waiting and seeing what would happen. These meetings were kind of improvised, in a pub, quite private and personal in nature and no talk about projects, collaborations, “the movement” whatever. Just Wikipedia and Wikipedians having a nice evening.

WP15 Germany Berlin 01
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

So what a fitting setting to celebrate this day in Berlin just the old school way. Half improvised, organized by our dearest local troll user:Schlesinger on a talk page, we met in a pub, it was not clear who would come and what would happen except some people having a good time.

And so It was. In the “Matzbach” in the heart of Berlin-Kreuzberg seven people promised to come, in the end we were almost twenty. Long time Wikipedians, long-time-no-see-Wikipedians, a Wikipedian active mostly in Polish and Afrikaans, some newbies and two and a half people from Wikimedia Deutschland. Veronica from Wikimedia Deutschland brought a tiny but wonderful home-baked cake, and we just talked and laughed, talked about history and future.  Actually, mostly we talked about future.

WP15 Germany Berlin 03
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

About the Wikipedian above 30, who has just started a new a university degree in archaeology, the question whether the Berlin community should have its own independent space, industrial beer, craft beer and the differences, the district of Berlin-Wedding, the temporary David-Bowie-memorial in Berlin-Schöneberg, the vending machine for fishing bait in Wedding, new pub meet-ups in the future, who should come to the open editing events, how to work better with libraries, colorful Wikipedians who weren’t there, looking for a new flat, whether perfectionism is helpful or rather not when planning something for Wikipedians, explaining Wikipedia to the newbie, the difficulties of cake-cutting and whatsoever.

No frustration, almost no talk about meta and politics, just Wikipedians interested in the world, Wikipedia and eager to be active in and for Wikipedia and with big plans for the future. Old school. So good.

WP15 Berlin Torte angeschnitten


Mensch-Maschine Braunschweig


Im ICE ist Deutschland. Der Zug fährt ein und hält. Das Schild am Gleis behauptet tapfer „Zugdurchfahrt“. Die Türen lassen sich öffnen. Am Zug steht nichts geschrieben, außer Wagennummern, die nicht zu den Reservierungen passen. Das Publikum bleibt irritiert. Etwa die Hälfte der Anwesenden geht in den Zug und bleibt im Wageninnern ratlos stehen. Die andere Hälfte steht ratlos am Bahnsteig. 

Schließlich: Lichter gehen an. Der Zug verkündet mittels seiner Anzeigen nun auch, nach Kassel zu fahren.  Eine Frau entschuldigt sich über die Lautsprecheranlage über die falschen Wagennummern, man solle ich immer zehn wegdenken „Also 22 statt der angezeigten 32.“

Ein Mensch mit re:publica-Bändchen am Arm verscheucht die ältere Dame ohne Reservierung von seinem Platz und liest den gedruckten Spiegel. Ich höre ein angeregtes Gespräch zwischen einem Musicaldarsteller und einer Abteilungsleiterin im Innenministerium, die sich gerade kennenlernen über, den relativen Wert von Musikgymnasien in Berlin. Geht es noch deutscher?

Illustration aus dem Buch ""Le tour du monde en quatre-vingts jours" Alphonse de Neuville & Léon Benett


Passenderweise habe ich ein entsprechendes Buch mitgenommen. Nils Minkmars „Mit dem Kopf durch die Welt.“ Das hat schon auf dem Cover ein ICE-Fenster und geht der Frage nach, was Deutschland bewegt. Minkmar lässt sich über deutsche Normalität aus. Der deutsche Ingenieur, lange Jahrzehnte Sinnbild der Normalität, sei nicht mehr normal. Minkmar erzählt aus seiner französisch-deutschen Kindheit:


„Meine Mutter nannte dann immer eine Berufsgruppe, die uns besonders fern war, nämlich les ingenieurs. Wir waren in Deutschland […] und das ganze frisch aufgebaute Land ruhte auf Säulen, die les ingenieurs berechnet, gegossen und zum Schluss noch festgedübelt hatten. […] Viele Jahre später sollte ich die Gelegenheit haben, diese seltene Spezies besser studieren zu können. Sie saßen direkt hinter mir, zwei ausgewachsene Exemplare: Ingenieure, Familienväter, auf der Rückfahrt von einer Dienstreise. Sie plauderten über die sich verändernden Zeiten. […] Fernsehen, Marken, Politiker, auf keinem Gebiet fanden sich diese beiden braven Männer wieder, alles zu grell und bunt, zu aufgeregt. Ihre spezifischen Werte und Tugenden, Sorgfalt und diese stille Freude an der eigenen Biederkeit, das alles war an den Rand gerückt. Ingenieure waren nun Exzentriker. […] Diese Männer fanden sich kulturell kaum zurecht.“

Wenn „der deutsche Ingenieur“ nicht mehr normal in Deutschland ist, sind es jetzt Ministerialbeamtinnen und Musicaldarsteller?




Forschung Maschinenbau Braunschweig


Minkmar war noch nicht in Braunschweig. Oder Braunschweig ist nicht normal. Da steige ich harmlos aus dem Zug und die Stadt schlägt mir „Deutscher Ingenieur“ rechts und links um die Ohren. Braunschweig hebt das Thema "autogerechte Stadt" in Höhen, die selbst mir als gebürtigem Hannoveraner unerreichbar schienen.

Braunschweig. Bahnhofsvorplatz.


VW ist daran beteiligt, ist klar in der Gegend. Aber nicht nur. Ich wandelte also Freitagabend gegen 21 Uhr auf der Suche nach einem Wegbier durch das verlassene Braunschweig, passierte die Stadthalle und wurde prompt begrüßt mit „Tag des Maschinenbaus. Herzlich Willkommen.“



Vor allem aber  fiel mir bei diesem Wandeln auf, wie unglaublich gepflegt diese Stadt aussieht. Ich erblickte  keine einzige Kippe auf dem Weg. Selbst die Großbaustelle, über die irrte, wirkte irgendwie aufgeräumt. Viel verwunderlicher war, dass selbst die in Braunschweig reichlich vorhandenen 1970er-Großbauten gepflegt und sorgsam hergerichtet wirkten. Die Stadthalle selber, offensichtlicher spät 1960er/früh 1970er-Stil wirkte besser gepflegt als Berliner Gebäude nach zwei Jahren. Die Wege und Lampen darum herum: offensichtlich keine zehn Jahre alt. Sie wirkten wie frisch aus der Packung genommen.

Wegbier. In Braunschweig nur schwerlich aufzutreiben, dann aber stilgerecht,


Selbst die Schwimmbäder sind alle gepflegt(*), alle haben gleichzeitig geöffnet und keines ist aus obskuren Gründen gesperrt. Da spielt nicht nur bürgerschaftliches Engagement eine Rolle, sondern offensichtlich ist auch Geld vorhanden.

Auf dem Hotelzimmer, noch so ein sehr gut gepflegter und hergerichteter Bau, der einem „1970er!“ ästhetisch schon ins Gesicht schreit, mit dem Hotel-Wlan (7 Tage, 7 Geräte) nachlesend, wie das nun ist mit Braunschweig. Bekanntes taucht beim Nachlesen auf: Die physikalische-technische Bundesanstalt mit der Atomuhr; geahntes lese ich (Volkswagen – hey, das ist Niedersachsen und die Technische Universität existiert ja auch) und nicht bekanntes:

„Im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) verfügt die Region Braunschweig über die höchste Wissenschaftlerdichte,[103] im bundesweiten Vergleich über eine hohe Ingenieurquote[104] sowie über die höchste Intensität auf dem Gebiet der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In der Region Braunschweig arbeiten und forschen mehr als 16.000 Menschen aus über 80 Ländern[105] in 27 Forschungseinrichtungen sowie 20.000 Beschäftigte in 250 Unternehmen der Hochtechnologie[106]“

Dazu noch „Braunschweig ist die Stadt mit der niedrigsten Verschuldung Deutschlands.“ Und nach einer obskuren EU-Rangliste ist Braunschweig  die innovationsfreudigste Region der EU vor Westschweden und Stuttgart. Hier lebt der deutsche Ingenieur. Hier lebt die deutsche Technik. Was für ein passender Ort für Jules Verne.


Jules Verne


Jules Verne; französischer Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts und vor allem bekannt als "Vater der Science Fiction." Von seinem vielfältigen Werk sind vor allem die Abenteuer-Techno-Knaller wie Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, die Reise Von der Erde zum Mond oder die Reise zum Mittelpunkt der Erde bekannt. Wikipedia und die Deutsche Jules-Verne-Gesellschaft hatten ein gemeinsames Wochenende organisiert mit einer Tagung zu Jules Verne und Gesprächen zu Wikipedia.

Volker Dehs bestreitet das halbe Programm


Jules Verne, mir vor allem bekannt durch vage Erinnerungen an den 1954er Nemo-Film, Weiß-orange Taschenbücher und einen blau eingebunden Robur-Roman, der mich verstörte, weil er so anders war als die großen mir bekannten Abenteuerromane von Jules Verne. Warum ich überhaupt fuhr: Intuition. Ich hätte nur schwerlich begründen können, was genau mich reizte, aber die Mischung aus Vertrauen in die Veranstalter, Science Fiction und Neugier auf diese andere niedersächsische Stadt nach Hannover, trieben mich dorthin.

Verne selber gilt als Begründer Science Fiction. Und so bringt er als Autor frankophile Literaten und Groschenromanfans, Ingenieure und Naturwissenschaftler zusammen. Besessene Bibliographen waren Thema und Anwesend, ebenso wie die phantastische Bibliothek in Wetzlar – die Mischung der Jules-Verne-Aktiven unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Mischung der Wikipedia-Aktiven. Die Perspektiven, aus denen Verne hier unter die Lupe genommen wurden, waren vielgestaltiger als sie es in der Literatur sonst sind. Faszinierend hier war die Neigung unterschiedlicher und leicht besessener Menschen sich zu einem Thema auseinanderzusetzen.

Haus der Braunschweigischen Stiftungen - Veranstaltungsort.



Dementsprechend hatte der Veranstalter, der Wikipedia-Autor Brunswyk das Programm gestaltet: ist Verne eher katholisch oder eher laizistisch? Kam der Wille zur Aufklärung in seinen Büchern durch seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel hinein, während auf Verne eher zurückgeht, dass alles menschliche Streben gegenüber der göttlichen Macht sinnlos bleibt? Wen inspirierte er? Ist es eine sinnvolle Frage, dem nachzugehen, welche seiner Voraussagen, sich bewahrheiten? Dazu kamen dann noch Exkursionen zu Friedrich Gerstäcker, Fenimore Cooper, die Ingenieure, die ihre U-Boote dann nach Jules Verne „Nautilus“ nannten – und stark von diesem beeinflusst waren

Für mich brachte das Treffen interessante Erkenntnisse, wie die Tatsache, dass Verne immer Theaterautor oder – produzent werden wollte und wie sehr der Katholizismus sein Denken beeinflusste. Romancier war er eher gezwungenermaßen – und verdiente mit seinen zwei erfolgreichen Theaterstücken in seinem Leben ein Viertel so viel Geld wie mit etwa 80 bis 100 Romanen.

Interessant das Rätseln aller Anwesenden, warum Vernes Roman "der Grüne Strahl" so ein kommerzieller Erfolg war, was niemand der Anwesenden nachvollziehen konnte. Und dann eine Dreiviertelstunde später kam die Bemerkung in einem anderen Zusammenhang, dass "der Grüne Strahl" quasi Vernes einziges Buch mit einer weiblichen Hauptfigur war. Ich ahne einen Zusammenhang, Update: Es kam wie es kommen musst. Da denke ich mal, ich habe etwas entdeckt, dabei habe ich nur etwas falsch verstanden. Tatsächlich ist Der Grüne Strahl nicht das einzige Werk mit einer Protagonistin. Das prägnanteste Buch ist dabei Mistress Branican, da hier die Titelfigur die komplette Handlung quasi im Alleingang bestreitet. Aber auch in anderen Büchern spielen Frauen eine wichtige Rolle (und dieser Umstand war Jules Verne sogar so wichtig, dass er in Interviews darauf hinwies): Die Kinder des Kapitän Grant, Nord gegen Süd, Reise um die Erde in 80 Tagen, Das Lotterielos ... und einige mehr.

Für mich neu war die Erkenntnis, dass ein Großteil von Vernes Werk gar nicht in den Bereich Science Fiction gehört, sondern es (fiktive) Reisebeschreibungen sind. Und selbst dort wo Verne Maschinen und phantastische Gerätschaften erfindet, dienen diese vor allem dem Zweck zu reisen.

Und jetzt recherchiere ich, natürlich, zum Grünen Strahl.

Die Phantastische Bibliothek


Meine beiden Programmhighlights beschäftigten sich nur mittelbar mit Jules Verne. Sie kamen von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar: zum einen der Rückblick von Thomas Le Blanc auf Wolfgang Thadewald. Den großen Phantastik- und Jules-Verne-Sammler. Thadewald verstarb 2014. Er lebte in Langenhagen. Mehrere der Anwesenden hatten ihn noch persönlich gekannt. Und die Schilderung seiner Sammlertätigkeit, seiner Liebe zu Büchern und zu Menschen, aber auch die Besessenheit mit der Thadewald an ein Thema heranging und auch von Krankheit schon schwer gekennzeichnet das Arbeiten an Bibliographien nicht lassen konnte – es ließ sich nicht anders beschreiben als bewegend. Sicher war dieser Vortrag mein emotionaler Vortrag des Programms.

Wer auch immer aber auf die Idee kam, den Vortrag von Klaudia Seibel zu Future Life: Wie (nicht nur) Jules Verne dabei hilft, die Zukunft zu gestalten an Ende der Konferenz zu legen: Chapeau! Das Projekt ist, kurz gesagt, ein Projekt der Phantastischen Bibliothek. Die stellt zu bestimmten Themen Dossiers zusammen, wie Science-Fiction-Autoren sie sich vorstellen. Die Berichte  werden manchmal von öffentlichen Stellen, öfter von Großunternehmen bestellt, die damit selber zukunftsfähig werden wollen und in die Zukunft denken.

So als Beispiel: Nanotechnische Ideen in der Science Fiction



Wobei Auftraggeber von Staats wegen selten sind. Die meisten Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. Die allerdings meist gleich umfangreiche Verschwiegenheitsklauseln verlangt, weshalb die Phantastische Bibliothek da wenig zu sagen kann.

Da haben also Autoren und Mitarbeiter der Bibliothek ein profundes Wissen über die Science-Fiction-Literatur und die größte Bibliothek ihrer Art im Hintergrund und seit mittlerweile einigen Jahren eine große Datenbank aufgebaut, was Autoren zu verschiedenen Themen schreiben.

Als jemand, der ich selbst weiß, wie viele Situationen ich durch gelesene Bücher interpretiere – Bilder aus diesen Büchern im Hinterkopf habe und mir immer wieder mal sagen muss, dass ein Roman nur bedingt real ist, glaube ich sofort, dass es nichts gibt, was so sehr Denkprozesse auslösen und Kreativität triggern kann, wie Romane. Der befreit das Hirn gerade vom strikt logisch-folgerichtigen Denken, verrückt die Perspektive etwas nach links oder oben, und schon öffnen sich vollkommen neue Gedankenwege. Die Idee ist so brillant, dass es überraschend ist, dass sie wirklich angenommen wird. Anscheinend wird sie das.


Mensch Maschine Normal


Und nachdem ich dann wieder im Zug saß und das erste Handy-Ticket meines Lebens gekauft hatte, fragte ich mich wieder. Ist diese Stadt – die mir in vieler Hinsicht – so unfassbar „normal“ vorkommt, vielleicht die große Ausnahme? Sind die Musicaldarsteller, die mit „dem Alex“ [Alexander Klaws] telefonieren, normal? Die Menschen im Ministerium? Die größten Jules-Verne-Experten des Landes, die alle noch einen anderen Brotjob haben? Oder eher die Normalität vieler Menschen, die darin besteht, am Ende des Monats zu überlegen, wie denn die letzten 10 Tage mit dem leeren Konto noch überbrückt werden können?





Brauschweig ist die verstädterte Mensch-Maschine-Kopplung. In seiner Normalität sicher schon wieder ein Ausnahmefall in Deutschland. Aber ich sah die Zukunft: sie sitzt in einer Bibliothek in Wetzlar und liest Science-Fiction-Romane.

Weiterlesen


Mit Wikipedianern kann man nicht nur Verne lesen, sondern auch Cocktails mischen: Ramos Gin Fizz für die Enzyklopädie.

Oder man läuft mit Wikipedianern durch den Wedding:Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Mehr zu Future Life bei der phantastischen Bibliothek: Future Life. 

Zum Jules-Verne-Club

Die Wikipedia-Seiten zur Veranstaltung: Wikipedia:Wiki Loves Jules Verne

Beiträge zur Veranstaltung im Wikipedia-Kurier und im Blog von Wikimedia Deutschland.

Der grüne Strahl im Gesamttext bei zeno.org: Der grüne Strahl

Alle Iberty-Posts zur Kultur stehen unter: Kultur in Iberty!

Anmerkungen


Auch zu Schwimmbädern ein schönes Minkmar-Zitat aus dem Mit-dem-Kopf-durch-die-Welt.Buch:

„Nichts gegen das große Geld und die wenigen, die es genießen können, aber die Stärke mitteleuropäischer Gesellschaften liegt gerade in der Mischung. Für Reiche ist es in Singapur, Russland und Malaysia ideal. […]Glaspaläste und Shopping Malls gibt es auf der ganzen Welt, bald vermutlich auch unter Wasser und auf dem Mond. Öffentliche Freibäder, Stadtteilfeste oder Fußgängerzonen, in denen sich Reiche und Arme, Helle und Dunkle, Christen und Muslime mit ihren Kindern vergnügen und drängeln, gibt es nur hier. Ich fand es immer erstaunlich, dass es in Algerien beispielsweise keine öffentlichen Schwimmbäder gibt oder dass man in den USA oder in Brasilien Mitglied in einem Club werden muss. Das ist eine teure und in vieler Hinsicht sozial sehr voraussetzungsreiche Angelegenheit, nur um mit den Kindern mal schwimmen zu gehen, es sei denn natürlich, jeder hat seinen eigenen Pool im Garten, was, für mich zumindest, wie eine Definition von struktureller Langeweile klingt.“ (s. 104)

Reisen mit WP: Schloßhotel Karlsruhe

10:27, Sunday, 27 2018 May UTC

Für Wikipedia/Wikimedia reise ich mehrmals pro Jahr durch die Gegend. Dabei muss ich muss ich natürlich auch irgendwo übernachten. Daraus entstand diese Serie.

Die Frühlings-Mitgliederversammlung des Vereins fand diese Jahr in Karlsruhe statt. Die Geschäftsstelle quartierte uns dafür im Schloßhotel Karlsruhe ein. Das Schloßhotel liegt direkt am Bahnhof bzw. am Zoo. Warum die Deutsche Bahn glaubte mich für die max. 200m zwischen Bahnhof und Hotel mit dem Bus fahren zu müssen (beim Rückweg sogar mit 1x Umsteigen) wird für ewig ihr Geheimnis bleiben.

Die Aufmachung des Hotels ist so edel wie der Name klingt. Ein repräsentativer Bau aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Das merkt man auch gleich, wenn man den Aufzug betritt: Er ist ein Denkmal und stammt von 1914. Hohe Räume und Teppichboden fanden sich überall. Die Preise des Hotelrestaurants ließen schlucken, auch wenn die Beschreibung der Gerichte sehr gut klang.

Am Empfang war nichts los und so kam ich direkt dran. Der Zutritt zu den Zimmern wird über Nearfunk Chipkarten gelöst: Hat den Vorteil das man keinen Schlüssel mit sich herumschleppen muss. Das Zimmer war schön eingerichtet: Bett, Schranknische, Schreibtisch, Stuhl, Hocker und Sessel. Das Zimmer war vollklimatisiert, verfügte aber trotzdem über einen großen Heizkörper und man konnte das Fenster – vom Typ französischer Balkon – öffnen. Leider war die Straße vor meinem Zimmer so laut das mit offenem Fenster zu schlafen kein Option war – zum Lüftern aber durchaus geeignet.

Das Bett kam mir etwas schmäler als normal vor, war aber durchaus ok. Ein großes und ein kleines Kissen warteten bereits auf mich. Laut Zimmermappe können diverse andere Kissen dazubestellt werden; auf Wunsch kann auch die Bettwäsche täglich gewechselt werden.

Das Bad scheint ein Teilnehmer um den Preis für die kleinste Bad-Grundfläche zu sein. In den ca. 1,5x1,5m großen Raum wurden eine Dusche, ein WC und ein kleines Waschbecken gequetscht – die Tür ließ sich dabei nur halb öffnen und blieb dann an der Klöschüssel hängen. Bei der letzten Modernisierung wurde die die Duscharmatur wohl falsch herum angeschlossen: Ein Schild weißt auf die Vertauschung hin.

Das Zimmermädchen kommt früh – für meine Verhältnisse zu früh. Am Samstag wollte man schon gegen 9:30 saubermachen: Da lag ich noch im Bett. Als ich am Abend ins Hotel zurück kam, war mein Zimmer aber gereinigt worden. Am Sonntag hatte ich vorsichtshalber das Bitte-nicht-stören-Schild an die Türklinke gehängt – als ich gegen 10:45 das Zimmer zum Auschecken verließ war der Herr von der Zimmerreinigung schon da.

Das Frühstück war auch am Wochenende nur bis 10 Uhr. Für mich war die Auswahl mehr als ausreichend: Verschiedene Arten von Brötchen (auch Sesambrötchen), der übliche Wurstaufschnitt, Käse, Cornflakes und die üblichen Frühstück-Getränke eben.

Das Personal, mit dem ich gesprochen habe, war freundlichen und hilfsbereit.

Alles in Allem kann ich mit dem Aufenthalt nur zufrieden sein. Kann WMDE wieder buchen.

Berlin ist groß; deutlich größer als alle anderen deutschen Städte. Berlin bietet seinen Bewohnerinnen und Bewohnern immer wieder neue Straßen, Stadtviertel und ganze Bezirke von denen sie noch nie gehört haben. So fand sich dann vor 10 Jahren eine Gruppe Wikipedistas zusammen, die im Rahmen der KNORKE-Touren Berlin erkundete. (Für mehr Hintergrund, hier der Iberty-Artikel) Einige oder viele Wikipedianer treffen sich, neugierig auf die Stadt um sie herum und erkunden sie. Die Treffen finden dabei unregelmäßig statt. Mal sind sie monatlich, mal alle anderthalb Jahre.

Im Januar 2016 traf sich die erste KNORKE-Runde nach über einem Jahr Pause seit zur Tour entlang der Müllerstraße, dem „Ku’damm des Weddings“. Vom Startpunkt aus, dem Angelgeschäft Koss, beziehungsweise dessen Madenautomaten, ging es weiter zu Gänsen, Enten und Schweinen in der Kinderfarm Wedding. Leider überlebten die Maden im Sägemehl nicht den Gang bis zu den Enten und konnten so nicht mehr als Futterspende dienen. Zwischendurch warfen wir einen Blick auf den Abenteuerspielplatz Telux, laut einem der Knorkisten der erste Abenteuerspielplatz Deutschlands.[citation needed]

Berlin-Weddinger Automatenmaden.

Nach dem Besuch der Schweineställe in der Kinderfarm folgte die Innenbesichtigung des Ernst-Reuter-Hauses mit kurzem Blick auf den Biergarten Eschenbräu, bevor es nach Süden Richtung Bayer Health Care (ehemals : Schering) ging. Am Beispiel des Schering-Parkhauses erörterten wir die Existenz der "brutalism appreciation society" und diskutierten die Frage ob Bauwerken des Brutalismus die Fassadengestaltung mit knalligen Farben eher nutzt oder schadet. An der Dankeskirche am Weddingplatz lebten die wilden Zeiten des Roten Weddings wieder auf, Erich Kästner verewigte den Platz mit seinen wilden Straßenschlachten in seinem Roman Fabian.

Ein Fall fur die brutalism appreciation society.

Danach ging es an der Panke entlang zu einem der ungeplanten Höhepunkte der Tour: dem Tanz auf dem Guglhupf. Das Kunstwerk mit dem offiziellen Namen „Tanz auf dem Vulkan“, das offensichtlich von einer engagierten Kunststudentin im ersten Semester geschaffen wurde, regte auf jeden Fall zur intensiven Diskussion an.

Nachdem einem Blick auf das Stadtbad/Stattbad Wedding - das wegen des Brandschutzes geschlossen werden musste - überlegten wir wann es dem Krematorium Wedding wohl genauso geht. Beide Sightseeingpunkte wurden noch mit Geschichten der jetzigen und ehemaligen Bewohner des Weddings abgerundet. Schnee und Kälte zwangen uns dann zu einem Kaffeestop in einem der zahlreichen inhabergeführten migrantischen Geschäfte der Müllerstraße.

Kunst im öffentlichen Raum. Der Tanz auf dem Guglhupf.

Dann noch schnell ein Schinkel-Bau, am interkulturellen Garten Himmelbeet die Überlegung ob es ein nicht nur eines Lokals B in Berlin bedarf, sondern auch eines Lokalen Beets B, noch schnell eine weitere Kirche abgehakt, das Rathaus Wedding auf dem ehemaligen Gelände von Onkel Pelles Rummelplatz - auch dieser mit einer Würdigung durch Kästner. Ob die neu eraute Schiller-Bibliothek schick war oder eher nicht, daran schieden sich die Geister. Am Platz des unscheinbaren AOK-Gebäudes erbargen sich die Pharus-Säle, einst das "Wohnzimmer der KPD" im Wedding und die Schiller-Bibliothek. Abschluss für die frierende Gruppe dann schließlich beim exzellenten "Rebel Burger" mit Coleslaw, Pommes-Twister im stilechten denkmalgeschützten 50er-Jahre-Kiosk. KNORKE kommt wieder. Im Jahr 2016 bestimmt.

This is friend is not the end (anymore): Das ehemalige Krematorium Wedding

Resist to Exist - The Kids are alright

15:15, Wednesday, 16 2018 May UTC


Nach Wacken geht’s zum Kacken.
Der Antifaschist fährt zum Resist.
Auch wenn es pisst. (Henne, Sänger von Rawside)

Junge Männer klettern auf den Bühnenzaun, schwenken die Fahne der Antifaschistischen Aktion. Die Ordnerin mit Union-Berlin-Käppi rennt herbei, versucht sie wieder herunter zu bewegen. Die dünne junge Frau mit der Rockabilly-Frisur, den Docs und dem „No Pasaran“-Tattoo bindet sich derweil die Haare, während zwei andere junge Frauen mit blonden bzw. blauen Haaren dem Typ mit dem halbnackten Oberkörper Schlamm ins Gesicht schmieren. Auf der Bühne rührt ein Russe mit Eishockeytorwartmaske, weißen Markenturnschuhen (wie hat er die in diesem Schlamm so weiß gehalten) irgendwas über Widerstand.

Nebenan, im Kuhstall, die Punks in den Polizeiuniformen, lassen es sich im Backstagebereich gutgehen.  Verkaufsstände verkaufen „NZS BXN!“-T-Shirts, der Drugstore von der Potse in Berlin Schöneberg verkauft Solischnapps und die tschechische Antifa hat einen eigenen Merchandise-Stand.
Willkommen im Dorfe in Brandenburg.




Resist to Exist, existiert seit 2003. 2.500 Punks und Freunde aus Deutschland und Europa hören Punk, Hardcore, Streetcore, HC-Rap und Ska. Ursprünglich aus Berlin-Marzahn,  findet das Festival mittlerweile in Kremmen statt: 3000 Einwohner, zwischen Berlin und Neuruppin, umgeben von Rhinluch mit Kremmener See, Schloss Schwante, Schloss Grossziethen, viel Lehm, viel Sand ein wenig Wald, ein Spargelhof und ein Selbstpflücker-Gemüsefeld.


Leicht touristisch erschlossen, aber dann auch ein Brandenburger Kleinstädtchen mit einer Kirche, einer Stadtbibliothek die Dienstags und Donnerstags einige Stunden geöffnet hat. Das größte Ereignis im Kremmener Jahr ist das Erntefest mit Traktorparade. Und hier: Punks. Mehrere tausend, so viele wie ich sie zuletzt bei den Chaostagen 1994 sah. Antifas in Mengen, die mich an Großdemos in der sächsischen Provinz um die Jahrtausendwende erinnern. Und in der Nähe liegt unser Kleinsttierzoo/Garten.




2016 im August


Es war letztes Jahr im August. Friedlich im Garten Buttermilch-Margaritas trinkend hörten wir trommeln und röhren. So vage von gegenüber? War die Tochter der Nachbarin mal wieder da und hörte jetzt bei voller Lautstärke im Zimmer Tote Hosen? Nachdem es nach drei Stunden nicht besser geworden war, begannen wir uns Sorgen zu machen – nicht dass die Tochter mittlerweile taub geworden war. Wir wandelten die Straße entlang, auf der Suche nach der Geräuschquelle. Am Ende der Straße. Alles unverändert. Okay, die Geräuschquelle ist von wesentlich weiter weg,  dann aber wohl sehr laut.
.


Deutschpunk? Nazirock? Die Musikrichtung ist, wenn man nur die Drums hört und ein unspezifisches Gebrüll des Sängers, nicht immer leicht zu unterscheiden. Und in Brandenburg auf dem Dorfe? Die Musik kommt vage aus Richtung Kremmen. Ein Ort, der sich musikalisch bisher dadurch hervortat, dass in der "Musikantenscheune" der Brandenburger Landesparteitag der AfD stattfand. Lässt sich was zum Konzert googeln?



Madame fand etwas in Kremmen: Resist to Exist, die Bands kannte sie alle nicht, uneindeutig. Ich schaute. Okay, Sham69, Total Chaos. Das ist kein Nazirock. Aber Oi? So in der Brandenburger Provinz geht vieles. Zweiter Blick: Rasta Knast, Fuckin‘ Faces, Distemper,  ganz sicher kein Nazirock. Eher im Gegenteil. Klingt spannend. Aber ein paar der Bands waren ja schon alt als ich noch jung war. Eine Traditionsveranstaltung? Egal, es gilt Lehmberge zu versetzen, keine Zeit für.Festivals, die eh schon halb vorbei sind. .

2017 


Es ließ mich nicht das ganze Jahr über nicht los. Die Bands klangen spannend. Der Lehmberg ist mittlerweile versetzt. Das Lineup 2017 ist meins. Ach, Rawside, war auch meine Jugend und ist mittlerweile ein Kandidat für Nostalgietreffen; aber die waren hammergeil. Und viele Bands kenne ich nicht. Vielleicht sind die U40. Klingt so. Das sieht groß aus, das sieht cool aus. Ich will da hin. Aber nur als Besucher? Langweilig. Wenn, dann richtig. Eintritte für Konzerte habe ich schon 1998 nicht mehr bezahlt. Gut, dass es diese Internetenzyklopädie gibt.


Der Wikipedia-Festivalsommer


Der Festivalsommer der Wikipedia existiert seit 2013: Wikipedianerinnen und Wikipedianer gehen auf Festivals, die Wikipedia-Spendengelder sorgen dafür, dass es auch professionelles Fotoequipment gibt. Danach laden die Beteiligten Fotos von Festivals und Bands unter Freier Lizenz auf Wikipedia. Mittlerweile entstand eine hohe fünfstellige Zahl an Fotos von über 1.200 Bandauftritten und knapp 100 Artikel über Festivals und Bands. Alles ehrenamtlich, alles DIY, in der Form sehr anders als das Resist im Spirit aber noch so weit voneinander entfernt. Da nehme ich Teil, schieße Fotos, schreibe einige Artikel (das Festival hat noch keinen, diverse relevante Bands auch noch nicht) und laufe durch den Matsch.



Das Resist


Das Resist entstand in Marzahn. Marzahn in den 1990ern war kein angenehmer Ort, wenn man links war. Nazis rannten dort einige herum und die waren wenig zimperlich in ihren Methoden. Punks und Linke - die es in Marzahn immer gab und gibt - trafen sich im geschützten Biesdorfer Park. Bis das Ordnungsamt das nicht mehr wollte und mit massiven Polizeieinsätzen begann zu räumen. Es gründete sich "Resist to Exist" und ein Soli-Festival. In Marzahn ist das Festival nicht mehr, dafür ist es schöner und größer als zuvor.



Die Resistenten mussten mehrfach den Veranstaltungsort wechseln und sind seit 2016 in Kremmen gelandet. Was spontan und ungeplant begann, ist mittlerweile ein eigener Verein, eine Vorbereitung, die fast das ganze Jahre über läuft und trotzdem die Verrückten immer noch alles ehrenamtlich machen, mittlerweile reichlich professionell.



Mehrere tausend Besucher im Jahr, das „größte Festival für DIY-Punk und artverwandtes.“ Autokennzeichen sah ich aus ganz, der Schweiz (u.a. am stylischen schwarzen Anarcho-Wohnmobil), Österreich, Italien, Polen, Tschechien, Berlin, Hamburg, Sachsen und natürlich ganz Deutschland. Das Festival ist bis heute ehrenamtlich organisiert, von einem Verein getragen, und wird größer und größer und professioneller. Anscheinend, für mich – hoffentlich! – bleibt es in Kremmen.


Das Resist 2017


2017. Das Jahr des großen Regens. Dauerregen, Starkregen, Dauerstarkregen. Ich genoss den Luxus des nahegelegenen Bungalows, kam erst nach dem Regen aber zum großen Schlamm. Hinter dem Kremmener Bahnhof gleich rechts, die Feldstraße entlang. Die ersten Punks sind auf dem Weg, meist schlammverspritzt, oft Barfuss. Drei freundliche Jungs im Campingstuhl winken mich irgendwo auf die Wiese zum Parken, neben mir ein Bully mit kleinem Vorzelt. Ein längerer Fußweg. Vorbei an vielen Zelten und Strohballen. Durch die „Winterfütterungsanlage für Mutterkühe“ hindurch, die auch als Backstage dient.



Dann das Festival. Menschen! In Massen! Unbeeindruckt vom Schlamm, sich damit bewerfend, auf Hügel ausweichend. Haarfarben in allen Farbtönen. Die AFD und NZS sind hier nicht beliebt! Bier natürlich. Antifa-Merchandise. Auf der Bühne eine Band in Polizeiuniformen, die über Punks lästert. Das Publikum hat Spaß. Das Publikum: Mein Gott, sind die alle jung. Sehr weiblich auch noch. Nichts mit Traditionsveranstaltung. Nichts mit Alte-Männer-fahren-zum-Camping wie in Wacken. Die Szene lebt. Ist politisch. Die Bands sind politisch. Fast fühle ich mich als ältester Anwesender.  Zum Glück gibt es noch eine handvoll Festivalbesucher, die ihre Originalkuttern von 1977 spazierenführen. Aber nicht viele. Jugend. Mit Energie. Sehr wenig Handies, fast niemand, der auf sein Handy schaut, sehr wenige Leute am Fotografieren, sehr viele Leute am Spaß haben.



Auch der Pressegraben bleibt leer. Wir sind eine handvoll Leute, die versuchen die schlimmsten Pfützen zum umgehen und nicht all zu sehr mit Schlamm beworfen zu werden. Auf der Bühne Siberian Meat Grinder. Sieht geil aus. Aber ich verstehe kein Wort – habe später zu Hause noch mal Videos geschaut, verstehe immer noch kein Wort –aber sie geben coole Interviews. Und ich mag die Musik.

The Kids are alright

Nix mit Traditionsveranstaltung. Junge, politische Menschen mit DIY-Ethos, Hammerbands, viel Spaß, wenig Handies, friedlich und doch entschlossen. Ihr seid super.

Weiteres

Für mehr Hintergrundinformationen gibt es hier und hier Interviews mit den Machern des RTEs. Hier bei Uglypunk.  Der Wikipedia-Artikel ist noch in Arbeit.

Das Festival selbst hat ein umfängliches Archiv über all’die letzten Jahre

Schöne kommentierte Fotostrecke bei Bierschinken.net: Resist to Exist Tag 2

Geradezu niedlich war es wie die Lokalzeitungen über das Treffen der Punker berichteten. Durchaus sympathisch und sympathisierend, aber der kulturele Abgrund den es zu überbrücken galt, war groß. Kein Wunder, dass sich die Zeitungen ganz besonders über das Festivalbaby Silas freuten, das auf dem Festival geboren wurde. "Festival-Baby Silas ist wohlauf."


No Way Back

Und zum Schluss:




Pokémon in der Wikipedia

12:09, Saturday, 03 2018 March UTC

Pikachu ist ein Pokémon. Nein, Pikachu ist DAS Pokémon. Oder, um es im Wikipedia-deutsch zu sagen:

Das Pikachu (jap. ピカチュウ, Pikachū) ist ein fiktives Wesen und das bekannteste Pokémon aus den gleichnamigen Videospielen der japanischen Spielesoftwarefirma Game Freak, sowie eine Kernfigur im zugehörigen Anime. [...] Japanische Forscher des Osaka Bioscience Institute benannten nach dem Pokémon ein neu entdecktes Protein, Pikachurin, welchem eine Rolle beim Bewegungssehen zugeschrieben wird.

Bild: Ana.b747.pokemon.arp.750pix Von: Adrian Pingstone Lizenz: Public Domain. Warning: One or more elements in this image are protected by copyrightSome parts of this file are not fully free but believed to be de minimis for this work. Derivatives of this file which focus more on the non-free element(s) may not qualify as de minimis and may be copyright violations. As a direct consequence it might be needed to review the copyright status if you crop the picture.

Außerdem ist Pikachu sehr gelb, sehr niedlich und vermutlich das einzige Pokémon, das auch viele Nicht-Spieler kennen. Pikachu wird seit mittlerweile 11 Jahren in seinem eigenen Wikipedia-Artikel vorgestellt. Pikachu begann sein deutsches Wikipedialeben am 25. Februar 2005.



Pikachu im Jahr 2005


Die damalige Beschreibung in der Wikipedia lautete:

Pikachu (ピカチュウ Pikachu) ist ein sogenanntes Pokémon aus den gleichnamigen Computerspielen der japanischen Spielesoftwarefirma GAME FREAK inc., sowie dem dazugehörigen Anime. Pikachu stellt eine Art Maus dar und besitzt überwiegend elektrische Fähigkeiten.  (Blitze schleudern, etc.) – es gehört deswegen zum Pokémon-Typ Elektro. Seine interne Pokémon-Nummer ist 156 (25 nach alter Zählung).
Damit dauerte es immerhin drei Jahre bis auf den Pokémon-Artikel von 2002 der Pikachu-Artikel folgte. Die Entwicklung des Artikelinhalts von 2005 bis 2016 gestaltete sich typisch für einen Wikipedia-Artikel. Weg von spielinternen Informationen "Blitze schleudern", hin zu Informationen, mit denen auch Außenstehenden etwas anfangen können, wie beispielsweise, die Information über das nach Pikachu benannte ein Protein. Es wird deutlicher, warum Pikachu eine Bedeutung über die enge Pokémon-Welt hinaus hat. 

Es kann nur eines geben


Pikachu bleibt bis heute das einzige Pokémon, der in einem deutschen Wikipedia-Artikel beschrieben wird, weil nach Meinung der deutschen Wikipedianer kein anderes Pokémon die enge Welt des Spielekosmos verlassen hat. Ansonsten blieben Detailinformationen zu den verschiedenen Pokémon-Varianten dort, wo sie die deutsche Wikipedia am liebsten hat. Im - viel zu langen und komplett unlesbaren - Hauptartikel zu Pokémon an sich.

Selbst die "Liste der Pokémon" brauchte acht Jahre vom Entstehen des Pokémon-Artikels bevor sie seit 2010 in der deutschen Wikipedia bestehen blieb. Nicht, dass es nicht Leute versucht hätten und sich die Liste nicht zwischenzeitlich in den Jahren von 2002 bis 2010 immer mal wieder einige Monate halten konnte. Aber sie fiel dann stets einem Löschantrag zum Opfer.

Die erste Löschdiskussion der Liste im Mai 2006 war dramatisch.:

* "Fangeschwurbel", 
* "Wikipedia ist keine Sammlung fiktiver Nerv-Monster", 
* "Gibt es irgendeinen Mehrwert gegenüber der Pokémon-Wiki außer den Pseudoerklärungen des Namens?", 
*"löschen und nirgends einarbeiten, es wird doch wohl genügend Pokemon-Fanseiten im www geben, die solche Listen führen können."

gegen

* "die Informationen machen den Pokémon-Artikel zu lang", 
* "wichtiges Medium um junge Leser an die Enzyklopädie heranzuführen" 
* "hat Zusatzinformationen wie einzelne Namen".

2006 wurde die Liste gelöscht. Vier Jahre nach dieser Löschdiskussion hat sich die Wikipedia anders entschieden. Heute stehen alle Pokémon von Nummer 1 Bisasam bis zum nicht-mehr-nummerieren Lunala (gezählt der 740. Pokémon) nebeneinander in der Liste einschließlich der Bezeichnung auf englisch, französisch, japanisch und koreanisch, der Typ (Bisasam: Pflanze/Gift Lunala: Psycho/Geist) und der Kategorie (Bisasam: Samen Lunala: Mondscheibe). Für Nicht-Pokémonista ist dort nicht erklärt, was Typ und Kategorie bedeuten.

Braucht Bisasam einen Artikel?


Dabei wäre beispielsweise ein Artikel über Bisasam diskutabel. Nach Pikachu ist Bisasam das Pokémon, das auch außerhalb der Szene am bekanntesten ist. In der Szene selbst ist es sogar beliebter als Pikachu selbst. Immerhin heißt das englische Pokémon-Spezial-Wiki Bulbapedia nach Bisasams englischer Bezeichnung Bulbasaur. Im deutschen Pokéwiki wiederum ist Bisasam der einzige Artikel über ein Pokémon, der als lesenswert ausgezeichnet wurde.

Bisasam brachte es in der deutschen Wikipedia hingegen auf 13 Löschungen, bevor die Seite komplett gegen Neuanlagen gesperrt wurde. Hier eine Übersicht über die Löschbegründungen:


Die Begründungen laufen im Wesentlichen auf "Fancruft" hinaus. Oder, länger formuliert, es gibt nichts über Bisasam zu sagen, was außerhalb der Spiele von Relevanz wäre oder für das es andere Quellen als die Spielanleitungen gibt.

Deshalb ist die Frage nicht unspannend, wie Wikipedia-Artikel über Bisasam aussähe. Im Pokéwiki bestehen normale Artikel über einzelne Pokémon vor allem aus langen Listen von Fähigkeiten, Entwicklungen und Stufen, die tatsächlich nur für Spieler relevant sind - und größtenteils auch für diese überhaupt nur verständlich. Bei Bisasam ist der Text länger: Dort erfahre ich zum Beispiel:

Bisasams Knolle ist der Ausgangspunkt für zahlreiche Fähigkeiten. [...] Da Bisasam seine Knolle kurzzeitig an der Spitze öffnen kann, kann es die in der Knolle enthaltenen Samen auch offensiv nutzen, indem es den Gegner mit Samen bombardiert oder auf den Gegner einen Egelsamen schießt, der ihn bepflanzt und ihm Energie absaugt...

In den Spielen ist Bisasam vor allem bekannt für seine Rolle als Starter-Pokémon, die es in den Spielen Pokémon Rot, Blau, Feuerrot und Blattgrün innehat. Zu Beginn dieser Spiele kann sich der Protagonist bei Professor Eich in Alabastia eines von drei Starter-Pokémon aussuchen, zu denen neben Bisasam auch Glumanda und Schiggy gehören. Wählt der Protagonist Schiggy, wird der Rivale Blau Bisasam als Starter-Pokémon wählen. In diesem Fall kämpft Blau dreimal mit Bisasam gegen den Protagonisten: In Professor Eichs Labor, auf Route 22 und in Azuria City.
Das gibt mir tatsächlich einen ganz guten Eindruck wie Pokémon funktioniert und wie es sich von innen heraus anfühlt. Geschrieben wurde der Text aber deutlich von Spielern für Spieler. Mehr externe Perspektive als in im Pokéwiki sollte es in der Wikipedia geben.

Bisasam in der englischen Wikipedia


Glücklicherweise sieht die englische Wikipedia das anders mit den Pokémon als die deutsche Wikipedia. Ein Blick auf den Text im Englischen lässt den Vergleich zu. Dort hat zwar bei weitem nicht jedes Pokémon seinen eigenen Artikel - die englische Wikipedia kennt 43 Artikel zu Pokémon von denen es über 700 gibt. Aber Bulbasaur schon.

Der Artikel über Bulbasaur existiert in der englischen Wikipedia seit 13 Jahren und hat mittlerweile 25.000 Zeichen. Er ist ein schönes Beispiel, wie es hätte anders laufen können. Dort erfährt der Leser, dass Bulbsaur/Bisasam von Ken Sugimori gestaltet wurde, der Name sich aus "Bulb" (Blumenzwiebel) und "[Dino]saurier" zusammensetzt. Es werden viele Vorkommen in vielen Videospielen nacherzählt, noch mehr Vorkommen als diversestes Werbemittel von Flugzeugbemalungen über McDonalds-Happy Meals aufgezählt und erwähnt, dass es die Insel Niue eine Münze mit Bulbasaur auf der Rückseite ausgegeben hat. Außerdem hat die Games-Fachplattform IGN Bulbasaur zum 52. besten Pokémon aller Zeiten gekürt.

Und ich frage mich: handelt es sich beim englischen Wikipedia-Artikel nicht einfach um eine Nacherzählung von Pressemitteilungen? Steht in der englischen Wikipedia nicht der Pokéwiki-Artikel in schlechter? Menschen drucken/prägen/gießen/virtualisieren ein fiktives Monster um Geld zu verdienen. Das sollen sie machen.. Aber ist es wirklich ein Enzyklopädieartikel nachzuerzählen wann/wo/wer dieses tat? Ist es mehr als eine Rohdatensammlung?

Ist es sinnvoll, eine Spielanleitung nachzuerzählen, die einerseits niemand nutzt, der nicht spielt, andererseits dann doch nicht detailliert genug ist, um als Anleitung zu taugen?

Vermutlich hat die Existenz des Bulbasaur-Artikels in der englischen Wikipedia Leute an Wikipedia gebunden/nicht verschreckt, die sonst gegangen wären. Vermutlich hat es viel internen Streit vermieden, eher offen an das Thema heranzugehen. Die praktische Erfahrung zeigt, dass Artikelschreiben viel einfacher ist, wenn man sich nicht dauernd gedanken machen muss, ob ein Thema relevant ist. Aber ist es das wert, dass Wikipedia sich gleichzeitig als ausgelagerte Pressestelle von Nintendo präsentiert?

Was lässt sich daraus lernen - nicht über Pikachu und Bisasam - sondern über die deutsche Wikipedia?

(1) Der Umgangston in Teilen der deutschen Wikipedia war schon 2006 unterirdisch.

(2) Die deutsche Wikipedia hat ein hohes Grundmisstrauen gegenüber reinen Datensammlungen. Ein Wiki funktioniert mit Text gut, zumindest technisch ist es mit Datensammlungen schwierig.

(3) Die deutsche Wikipedia hat ein hohes Grundmisstrauen gegenüber kontrollierter Information. Bisasam hat das Pokémon-Universum nie verlassen. Alles was je an Information über Bisasam öffentlich wurde und öffentlich werden kann, geht letztlich auf Game Freak und Nintendo zurück. Letztlich läuft jeder Artikel auf eine Umformulierung von Inhalten der Anbieter zurück. Die deutsche Wikipedia versteht sich nicht als Reformulierer von Pressemitteilungen.

(4) Auch in der deutschen Wikipedia ist die Lage seit 2006 deutlich entspannter geworden. Die Liste der Pokémon immerhin steht seit sechs Jahren in der Wikipedia.

Bonus: Pokémon Go


Als Bonus die Aufrufzahlen für den Wikpedia-Artikel zu Pokémon Go. Der Hype ist schon vorbei.



Weiterlesen

Die Iberty-Artikel zur Kultur im engeren und weiteren Sinne stehen unter Kultur in Iberty! 

Mehr zu einzelnen Aspekten der deutschen Wikipedia findet sich beispielsweise unter Wikipedia von A bis Z. Ein Versuch.

Ein kurzer Einwurf dazu, wo Wikipedia politisch steht: Wo steht Wikipedia so politisch.

10 Jahre KNORKE 2005-2015 Stadtrundgang mit Wikipedia

21:14, Monday, 26 2018 February UTC

Was waren das für Zeiten im Jahre 2005. Die Wikipedia war klein. Die Welt war groß und aufregend. Dabei ging es in der Wikipedia nicht nur um abstrakte Konzepte, tote alte Männer und den Stoff der Schullehrbücher. Zum Wissen der Welt gehörte auch Wissen über das persönliche Umfeld, das pralle Leben direkt vor der eigenen Haustür oder in U-Bahn-Nähe entfernt.

Hermannstraße (Rixdorf) Apollo-Theater-Garten anno 1900 AK gemeinfrei  
Ort des erstes KNORKES: die Hermannstraße.

Neben den Artikeln über Philosophie und Physik oder Barock und Bariton entstanden in jenen Anfangsjahren auch Wikipedia-Artikel über das eigene Umfeld. Gerade in Berlin präsentiert sich dieses Umfeld nicht immer hübsch und geleckt, sondern auch mal rau und nicht für jeden Stadtführer geeignet.

So um 2005 beschlossen verschiedene Berliner unter den Wikipedianern (unter anderem die Autoren Cornelius, Achim., Lienhard, Rainer) einen Artikel über eine Straße zu schreiben. Die Hermannstraße ist eine Hauptstraße in Neukölln. Sie macht alles aus, was eben auch Neukölln ausmacht: historische Friedhöfe, sozialer Brennpunkt, Fahrradfahren im Slalomverkehr, lebendiges Leben des Kleingewerbes und jede Menge Casinos und Cafés.

Wenn man über eine Straße schreibt, die vor der eigenen Haustür liegt, liegt es nahe, sich diese persönlich anzuschauen. Wenn man zusammen am Thema schreibt, liegt es nahe, sich die Straße zusammen anzuschauen. Der erste wikipedianische Stadtbegehung war geboren. Am 4. Dezember 2005 fand die erste "KNORKE"-Tour der Wikipedia statt. Der Benutzer Marbot war noch nicht als der Meister des perfekten Protokolls dabei, der er später werden sollte, so dass die schriftlichen Überlieferungen spärlich blieben. Was uns im Archiv erhalten blieb, kulminierte in dem Satz:

Im Handwerkerstübchen rund 1 Meter hoher Cappuccino mit zwei Meter Sahne drauf und gefühlten 68 Keksen rundrum für schlappe 1,50 oder so und so weiter ..

Was auch immer bei jener legendären Tour noch geschah: der Artikel über die Hermannstraße wurde zu einem Artikel ausgebaut, der innerhalb der Wikipedia als Qualitätsartikel gilt(*). Die Stadtbegehung fand wieder statt, diesmal an anderen Orten.

Wannsee29
KNORKE on Tour: Hier auf dem Weg zum Wannsee. Bild: Jcornelius CC BY-SA 2.0 de, via Wikimedia Commons

Bereits am 26. Februar 2006 folgte die zweite Tour  am und um den Hackescher Markt und einen Monat später der dritte Anlauf durch die Prenzlauer Allee.


Betreut, gepflegt und koordiniert von den Autoren Cornelius und Lecartia fanden innerhalb des ersten Jahres 10 KNORKE-Wanderungen von Wannsee/Kladow über die "Rote Insel" in Schöneberg, den Beusselkiez in Moabit bis hin zum Osktkreuz statt. In den folgenden Jahren sank und stieg die Begeisterung.

KNORKE-Touren gab es unter anderem im Bayerischen Viertel, im Zillekiez, Links und Rechts vom Ku'damm, zu den AEG-Fabriken auf dem Wedding/Humboldthain, nach Friedrichshagen und durch das Botschaftsviertel. WIr gingen rund um das Autobahnkreuz Schöneberg, wir folgten den 1920ern in Schöneberg-Nord und erkundeten zuletzt Mariendorf. Zusätzlich fanden Sonder-KNORKES mit Adventsessen oder Spieleabend statt.

Der KNORKE-Enthusiasmus folgte dabei dem Rhythmus der Wikipedia. Nach enthusiastischen Aufbruchsjahren und schneller Expansion, spielte es sich danach etwas ein und verlor etwas an Energie. Insgesamt gab es 48 KNORKES in stark wechselnder Frequenz:

2005: 1 Tour
2006: 9 Touren
2007: 8
2008: 12
2009: 6
2010: 2
2011: 2
2012: 4
2013: 2
2014: 2
2015: 0
2016: 1 (bisher geplant)

Karte Berlin Landnutzung
Berlin, Berlin, wir laufen durch Berlin. Bild: By Maximilian Dörrbecker (Chumwa) CC BY-SA 2.0 or ODbL, via Wikimedia Commons

Die Touren verliefen recht unterschiedlich. Allen gemein ist: jemand lädt auf der KNORKE-Hauptseite ein, dann kommen Menschen und man läuft zusammen offenen Auges und wachen Geistes durch die Stadt. Mal sind es lange Waldwanderungen mit seltenen Kurzpausen wie bei Lienhards Tour durch die Morellenberge im Berliner Westend. Mal gibt es historisch erschlossenes in dichter Folge wie beispielsweise die Tour durch das Schloss Charlottenburg mit Achim, Cornelius und Ralf.

Mal sind es Touren ins wahre Leben selbst, "Berlin in your face" geradezu wie die KNORKE-Pioniertat in der Hermannstraße, Ralfs Führung durch die Potsdamer Straße oder Denis' Tour durch den szenigen Schöneberger Norden. Auf jeden Fall wird viel geschaut, viel geredet und für eine Gruppe von 5 bis 15 Leuten auch überraschend viel gelaufen.

Ab und an werden in Folge oder Vorbereitung der Tour Wikipedia-Artikel geschrieben und verbessert. Anfangs dokumentierten die Knorkisten, welche Artikel und Bilder entstanden, im Laufe der Gewöhnung an den Event ließ der Enthusiasmus bei der Dokumentation allerdings nach.

Mal sind die Touren minutiös vorbereitet und geplant, mal gehen alle aus davon aus, dass sie nichts wissen, aber neugierig sind (wie zum Beispiel in Reinickendorf) und mal wissen die Mitlaufenden auch deutlich mehr als derjenige der die Tour plante. Manchmal glauben die Mitlaufenden nur mehr zu wissen als die Person, die vorbereitete. Das wird anstrengend.

Berlin Wedding bayer parkhaus 14.11.2015 13-40-01
Für das 49. KNORKE folgt die Müllerstraße im Wedding.

10 Jahre - KNORKE ist nicht tot. Im Januar geht es weiter mit einer Tour entlang der Müllerstraße im Wedding. Vielleicht klappt im Februar ja zum 50. mal die Jubiläumsausgabe wieder durch die Hermannstraße.

Berlin ist groß, jeder Berliner entdeckt wohl immer noch regelmäßig komplett neue Stadtteile. Und die Stadt verändert sich: Neukölln 2015 ist nicht mehr Neukölln 2005. Es bleibt spannend.

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Der Bericht der angesprochenen Tour durch den Wedding findet sich unter Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Daraus entwickelte sich das WikiWedding-Projekt, um den Wedding mehr in die Wikipedia zu bringen: Randlage.

Zum KNORKE-Jubiläum veranstaltete ich eine Wiederholungswanderung durch die Hermannstraße - die unter anderem zur Erkenntnis führte, dass die Straße kaum besichtigt wurde: Wikipedistas ignorieren wiederholt die Hermannstraße

Alle Posts zu KNORKE und sonstigen kulturellen Aktivitäten liegen unter: Kultur in Iberty.