Verantwortlich für die Ausarbeitung des Gesetzes ist das Bundesinnenministerium. Das hat bisher jedoch keinen Referentenentwurf vorgelegt. Doch wenn es vor dem Ende der Legislatur noch etwas werden soll mit dem Gesetz, dann ist jetzt Eile geboten. Und 51.582 Unterschriften, die bis zum Ende der Petition im Juni zusammen kamen, sprechen eine klare Sprache: Neben den Partnerorganisationen im „Bündnis Transparenzgesetz“ fordern viele Menschen, dass die Bundesregierung endlich das im Koalitionsvertrag angekündigte Bundestransprenzgesetz realisiert. Alleine in der ersten Woche nach Veröffentlichung unterzeichneten über 20.000 Menschen unseren Aufruf bei openPetition.

Die Petition haben wir nun an Abgeordnete von SPD, Grünen und FDP übergeben. Das Ziel: Sie sollen uns dabei unterstützen, den Druck auf das zuständige Ministerium zu erhöhen.

Auch Anna Kassautzki (SPD, Stellvertretende Vorsitzende im Ausschuss für Digitales, 3.v.l.) und Carmen Wegge (SPD, Mitglied im Ausschuss für Inneres und im Rechtsausschuss, 3.v.r.) nahmen unsere Petition für ein Bundestransparenzgesetz entgegen. Foto: Mehr Demokratie e.V. CC BY-SA 2.0
Auch Anna Kassautzki (SPD, Stellvertretende Vorsitzende im Ausschuss für Digitales, 3.v.l.) und Carmen Wegge (SPD, Mitglied im Ausschuss für Inneres und im Rechtsausschuss, 3.v.r.) nahmen unsere Petition für ein Bundestransparenzgesetz entgegen. Foto: Mehr Demokratie e.V. CC BY-SA 2.0

Was bringt ein Transparenzgesetz?

Für Bürger und Bürgerinnen, die an dem Wissen teilhaben wollen, das Ministerien beauftragen oder selbst erstellen, erleichtert ein solches Gesetz den Zugang. Sofern geregelt ist, dass diese Informationen proaktiv und digital zur Verfügung gestellt werden müssen. Dazu gehört auch, dass möglichst wenige Ausnahmen im Gesetz definiert werden. Dort, wo Informationen nicht frei und digital zugänglich sind, muss zumindest deren Beantragung einfach und kostenfrei möglich sein und die Beantwortung schnell erfolgen.

Im Bündnis setzen wir uns daher dafür ein, dass Verträge über 100.000 EUR, Gutachten und Studien sowie Subventionszahlungen aktiv offengelegt werden. Dabei mögen nicht alle Gutachten für alle Bürger und Bürgerinnen relevant sein. Doch in den über 700 Studien und Gutachten, die nur in den ersten zwei Jahren der aktuellen Legislatur von Bundesbehörden und Ministerien in Auftrag gegeben wurden, schlummert viel Wissen.

Für Journalistinnen und Journalisten bedeutet ein Transparenzgesetz, dass sie leichter Zugang zu Informationen über ministerielle Vorgänge, Abstimmungen in Behörden oder Verträge mit externen Dienstleistenden erhalten. Das erleichtert journalistische Recherchen, die das Handeln von Behörden für die Öffentlichkeit nachvollziehbar machen, aber auch die Kontrolle staatlichen Handelns durch die vierte Gewalt.

Erste Auswertungen von Transparenzgesetzen in einzelnen Bundesländern zeigen auch: Das Vertrauen in staatliche Instanzen steigt dort, wo diese offenlegen, wie sie arbeiten und ihr Wissen teilen. Und auch die Verwaltungen selbst – die oft behaupten, Transparenzgesetze bedeuten für sie einfach nur mehr Arbeit – können profitieren. Die Evaluation des Transparenzgesetzes in Hamburg hat gezeigt, dass ein großer Teil der Anfragen auf dem Transparenzportal von Behörden selbst stammt. Der Informationsfluss zwischen öffentlichen Stellen wird also besser. Die Erhebungen aus Hamburg und auch aus Rheinland-Pfalz weisen darauf hin, dass mehr Transparenz Behörden keinesfalls hemmt, sondern sogar effizienter machen kann.

Und auch freie Wissensprojekte wie die Wikipedia können von einem Bundestransparenzgesetz profitieren. Denn immer wieder geben Bundesbehörden oder Ministerien Studien oder Gutachten in Auftrag. Sie produzieren also Wissen. Sofern dies öffentlich zugänglich ist, kann es auch Eingang in enzyklopädische Artikel finden.

Nun ist es am Bundesinnenministerium, endlich einen Entwurf vorzulegen, damit dieser auch öffentlich diskutiert werden kann. Einen eigenen Entwurf hat das Bündnis Transparenzgesetz bereits 2022 vorgelegt. Wie dringend eine Umsetzung des Vorhabens ist, hat die gemeinsame Petition noch einmal verdeutlicht.

Wir stellen uns das Internet als einen vernetzten öffentlichen Raum vor, in dem Menschen aus aller Welt miteinander kommunizieren, Informationen und Wissen austauschen und gemeinsam Entscheidungen treffen können. Wir sind davon überzeugt, dass die Vision eines offenen, freien, verlässlichen und sicheren Internets mit  innovativen Entwicklungen, die reale gesellschaftliche Bedürfnisse befriedigen, nur gelingen kann, wenn sich der politische Fokus dem Gemeinwohl widmet. Daher muss die EU zwingend demokratische Strukturen, digitale Gemeingüter und die Rechte der Internetnutzenden fördern und bewahren.

Gesetze gut umsetzen

Die Europäische Union hat in den letzten fünf Jahren wichtige Regelsetzungen in der Digitalpolitik verabschiedet. Der Macht von Big Tech und schrankenlosen profitorientierten Interessen wurden mit dem Digital Services Act (DSA), dem AI Act und dem Digital Markets Act wichtige Grenzen gesetzt. Diese Gesetze gilt es nun konsequent umzusetzen. Mit dem DSA wollen die europäischen Gesetzgebenden dafür sorgen, dass sich jeder Mensch im Netz freier und ohne von Hass bedroht zu sein, bewegen kann. Dafür müssen Plattformen den Nutzenden bessere Beschwerdemöglichkeiten geben, wenn die ihre Recht auf einer Plattform verletzt sehen. In jedem Mitgliedsland der EU muss nun ein nationaler Koordinator für solche Beschwerden benannt sein – der sogenannte Digital Services Coordinator. Wir möchten sicherstellen, dass dieser Koordinator nicht nur auf dem Papier existiert, sondern auch ausreichend viele Mittel und personelle Ressourcen erhält, um Beschwerden auch wirksam entgegennehmen und bearbeiten zu können.

Gemeinwohlorientierte Projekte fördern

Digitale Gemeingüter, eine öffentliche digitale Infrastruktur und frei zugängliche und nutzbare Daten sollten als Grundpfeiler eines europäischen gemeinwohlorientierten öffentlichen digitalen Raumes substantiell gestärkt werden.  Denn dezentralisierte, durch Gemeinschaften getragene und nicht-kommerzielle Projekte wie Wikipedia, Open Access, OpenStreetMap, Blender.org, die Programmiersprache Python und unzählige freie Software-Projekte vermehren Wissen oder stellen Anwendungen bereit, die der Gemeinschaft zur Verfügung stehen. Diese digitalen Gemeingüter tragen dazu bei, dass Internetnutzende nicht vollkommen von kommerziellen Produkten abhängig sind. Da diese Projekte nicht auf Profitorientierung angelegt sind, können sie den realen Nutzen in den Vordergrund stellen – statt beispielsweise die Verweildauer von Nutzenden zu verlängern, indem sie Algorithmen einsetzen, die besonders polarisierende Inhalte bevorzugen. Darüber hinaus basieren diese Gemeinschaftsprojekte auf internen Aushandlungsprozessen, die in der Regel demokratisch ausgestaltet sind. Dadurch tragen sie dazu bei, Menschen zusammenzubringen und eine gesunde Gemeinschaft zu stiften. Wikimedia Deutschland als eine Bewegung, die erfolgreich gemeinschaftsgetragene Projekte unterstützt, bietet an, zukünftige Gesetzesvorhaben mit einem „Wikipedia-Test“ daraufhin zu prüfen, welchen Effekt sie auf solche Projekte haben werden .

Öffentliche digitale Infrastruktur fördern

Viele der genannten Initiativen und andere ehrenamtliche Digitalprojekte die ihren Quellcode offenlegen, also Open Source sind, und die teilweise als Freizeitbeschäftigung begannen, sind inzwischen unersetzlich in digitalen, öffentlichen und privatwirtschaftliche Anwendungen. In einer Statista Umfrage von 2024 gaben 69% der befragten Unternehmen an, dass sie Open Source Software verwenden. Sie sind deswegen Teil einer digitalen Infrastruktur, zu der auch Rechenkapazitäten, Übertragungstechnik und Daten gehören.

Die Europäische Union sollte vermehrt darauf achten, dass zentrale digitale Strukturen und Plattformen nicht von wenigen kommerziellen Monopolen dominiert werden, die mit Suchmaschinen, App Stores oder elektronischen Zahlungssystemen ihre Dienste verkaufen. Investitionen in eine öffentliche digitale Infrastruktur unterstützen den Zugang zu Freiem Wissen. Der Zugang zu Mobilitätsdaten verschiedener Anbieter ermöglicht es Menschen, die ehrenamtlich kostenlose Mobilitäsanwendungen entwickeln, Fahrpläne für alle Verkehrsträger bereitzustellen. Die EU sollte eine derartige öffentliche Infrastruktur unterstützen, indem sie öffentlichen Einrichtungen die Arbeit mit offener Software und offenen Daten vorschreibt – oder zumindest selbst damit arbeitet und so auch selbst zu einem Teil der Community wird, die sich an der Pflege und Weiterentwicklung beteiligt. Weiterhin sollte sie Anreize zur Beteiligung zu setzen und Hindernisse wie langsame Rechenkapazitäten zu vermeiden. Das Design solcher Infrastrukturen in Open Source erlaubt transparente, dezentrale Verwaltung und Aufsicht. Eine solche Transparenz unterstützt das Vertrauen in Netze und Anwendungen und damit die Beteiligung auch an Projekten des Freien Wissens.

Eine wichtige Maßnahme ist zudem, die Hürden für den Zugang zu Daten und Information zu beseitigen. Konkret sollte beispielsweise das öffentliche Interesse in der Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste (AVMD Richtlinie) stärker beachtet werden. Millionen Europäer betrachten Inhalte online auf verschiedenen mobilen Geräten. Je nach Herkunftsland können Inhalte gesehen oder nicht gesehen oder abgerufen werden. Denn während die EU in vielerlei Hinsicht einen digitalen Binnenmarkt hat, gibt es im Bereich der audiovisuellen und urheberrechtlich geschützten Inhalte Ausnahmen. Diese machen es oft unmöglich, Inhalte von öffentlich-rechtlichen Sendern in anderen EU-Ländern anzusehen oder zu teilen, auch für Wissensprojekte wie Wikipedia. Dieser Flickenteppich schadet der Informationsfreiheit und dem Austausch von Wissen auf europäischer Ebene. Das Geoblocking öffentlich-rechtlicher Inhalte sollte daher innerhalb der EU so weit wie möglich aufgehoben werden.

Digitales Ehrenamt ist ein gesamt-europäisches Phänomen. Bei diesem Edit-a-thon in Warschau tragen polnische Wikipedianer*innen zu mehr Wissen über das Thema „Art + Feminism“ in der polnischsprachigen Wikipedia bei. Foto: Laura Jerzak, Edyton Art+Feminism 15, CC BY-SA 4.0
Digitales Ehrenamt ist ein gesamt-europäisches Phänomen. Bei diesem Edit-a-thon in Warschau tragen polnische Wikipedianer*innen zu mehr Wissen über das Thema „Art + Feminism“ in der polnischsprachigen Wikipedia bei. Foto: Laura Jerzak, Edyton Art+Feminism 15, CC BY-SA 4.0

Ehrenamtliche Fördern

Digitale Gemeingüter und nichtkommerzielle Gemeinschaften werden überwiegend von Ehrenamtlichen getragen. Diese Menschen widmen ihre Zeit, Energie und Kreativität dem Ziel, Probleme zu lösen und Leerstellen zu füllen, die sie sehen, und so effektiv die Welt besser zu machen. Die Videokonferenzanwendung BigBlueButton etwa entstand während Corona aus dem Wunsch, für Schulkinder eine einfach nutzbare, aber gleichzeitig datensparsame Möglichkeit für Unterricht zu Hause anzubieten.

Allerdings brauchen auch Ehrenamtliche ab einem gewissen Punkt finanzielle Förderung, damit sie sich angemessen um die Pflege der Software oder einen ausreichend großen Server kümmern können. Denn genau so wie kommerzielle, lizenzpflichtige Software regelmäßige Sicherheitsupdates braucht oder eine verbesserte Nutzendenoberfläche, muss auch eine Open Source Software kontinuierlich gepflegt und angepasst werden – auch, um im Wettbewerb gegen gut designte proprietäre Lösungen bestehen zu können.

Darüber hinaus sollten ehrenamtliche gemeinwohlorientierte Communitys durch aktiven Austausch mit EU Ebenen gefördert werden. Eine verbindliche Zivil­gesellschaft-Quote in Beratungs­gremien und bei der Aus­arbeitung von Gesetzes­vorschlägen sollte eingeführt und damit echte Mitgestaltung ermöglicht werden. Dabei braucht es ausreichend lange Fristen für Konsultationen für zivilgesellschaftliche Akteure, da diese in der Regel ihre Expertise neben einer hauptberuflichen Beschäftigung einbringen. Arbeitsaufwände etwa für Anhörungs- und Beratungsverfahren sollten finanziell angemessen kompensiert werden. Kooperationen, aber auch die finanzielle Unterstützung von Netzwerken und Initiativen etwa durch Steuererleichterungen oder die Ermöglichung regulärer Treffen durch finanzielle Unterstützung von Community-Konferenzen gehören dazu.

Letztlich muss sich die EU konsequent für das Recht auf Anonymität und Verschlüsselung einsetzen. Damit das Internet ein Raum bleibt, in dem sich jede Person frei bewegen kann und keine Angst haben muss, für die Mitarbeit an einem Community-Projekt, eine Meinung oder Publikation bestraft zu werden, fordern wir schon lange das Recht auf Anonymität und Verschlüsselung. Gerade angesichts der menschenrechtsfeindlichen Tendenzen überall in Europa erhalten diese Forderungen neues Gewicht.

Eine neue Ära des freien Wissens

Zugang zu Wissen ist eine zentrale Bedingung für einen demokratische Diskurs, denn dieser lebt von informierten Menschen. Öffentliche Büchereien, Museen oder Universitäten – die ihre Bestände und Forschungsergebnisse zunehmend digitalisieren – pflegen und bewahren Wissen. Wir brauchen aber auch freien Zugang zu diesem Wissen – im Digitalen wie im Analogen. Davon profitieren wir als Bürger und Bürgerinnen, aber auch Wissensprojekte wie die Wikipedia. Damit freie Wissensprojekte, aber auch die Bibliotheksnutzenden, Museumsbesuchende oder Forschenden in Europa, Zugang zu mehr Wissen erhalten, fordern wir die EU auf, einen Digital Knowledge Act zu erlassen.

Welche Hürden hindern traditionelle Institutionen des Wissens daran, ihren öffentlichen Auftrag zu erfüllen und noch mehr Menschen digital Zugang zu Bildung und Wissen zu gewähren?

Wissenschaftliche Forschung, die mit EU-Fördergeld aus den Horizon Europe Programmen finanziert wurde, verschwindet hinter Bezahlschranken, anstatt für alle und ohne Hürden zur Verfügung zu stehen. Öffentliche Büchereien würden gerne ihre E-Bücher zu denselben Bedingungen verleihen wie ihre gedruckten Materialien. Aber Verlage stellen oft nur Teile Ihrer Neuerscheinungen als E-Ausgaben zur Verfügung, nicht zur Veröffentlichungszeit oder stellen andere Bedingungen der Restriktion.Wikipedianer*innen, die Artikel auf einen neuen Wissensstand bringen wollen, können dadurch nicht zeitnah auf alle verfügbaren Wissensquellen zugreifen. Offizielle Werke, öffentlich in Auftrag gegebene Studien und anonymisierte Gerichtsurteile müssen endlich öffentlich und digital zugänglich werden: Derzeit sind diese Dokumente kaum oder gar nicht zugänglich, obwohl sie mit öffentlichen Geldern finanziert wurden.

Und auch Hürden, die sich aus Teilen des Urheberrechts oder des Datenbankrechts ergeben, sollten die europäischen Gesetzgebenden einreißen.

1⃣ Stand mit den 4⃣ Partnerorganisationen aus dem Bündnis F5⃣ und 1⃣2⃣  Meetups und Talks sowie 7⃣ Sessions  im Hauptprogramm und ♾ viele Gespräche mit den Menschen, die uns auf der re:publica am Stand besucht oder zu unseren Sessions gekommen sind. Das ist der kurze und knackige Rückblick auf die re:publica vom 27. bis 29. Mai 2024. Danke für Ihre Aufmerksamkeit! Ob es ausführlicher geht? Aber klar!

Der F5 Stand: Coole Menschen, coole Sticker und viel Austausch

Einen Ort für den Austausch zu aktuellen digitalpolitischen Themen mit einem klaren Fokus auf die Frage: Wie können wir gemeinwohlorientiert ein sicheres, freies und offenes Internet für alle gestalten? Das sollte der gemeinsame Stand mit Reporter ohne Grenzen, der Open Knowledge Foundation Deutschland, AlgorithmWatch und der Gesellschaft für Freiheitsrechte bei der re:publica 2024 bieten. Die vier Organisationen bilden mit uns das zivilgesellschaftliche Digital-Bündnis F5. Dass der Plan aufging, haben die vielen Besuche von und Diskussionen mit digitalen Akteur*innen aus Politik und Zivilgesellschaft deutlich gezeigt.

Unsere Sessions: Von KI in der Bildung bis Care-Work für Software

Zum ersten Mal seit 2019 fand die re:publica in diesem Jahr wieder in der Station Berlin statt. Mit dem ehemaligen Postbahnhof in Berlin-Kreuzberg sind besonders viele re:publica Erinnerungen verbunden. Denn seit 2012 hatte das Festival dort stattgefunden.  Auf neun Bühnen, in vier Workshopräumen sowie zwei Lightning-Boxen und im Atrium fand das Hauptprogramm statt. Wikimedia Deutschland war mit sieben Sessions dabei. Alle unsere Sessions im Überblick finden Sie hier

Re:publica verpasst? Zahlreiche Sessions, so auch die Diskussion über europäische Digitialpolitik mit Franziska Heine, wurden per Video oder Audio aufgezeichnet. Zu finden sind sie hier.

Europawahl: Der Digital-O-Mat feiert Geburtstag

Wednesday, 5 June 2024 08:57 UTC

Erstmals konnten Wählende den Digital-O-Mat zur Landtagswahl 2017 in Nordrhein-Westfalen nutzen. Die Menschen in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland konnten damit Abweichungen und Übereinstimmungen zwischen den eigenen Positionen und denen der Parteien überprüfen. Im Gegensatz zum Wahl-O-Mat liegt der Fokus auf Fragen rund um Digitales und Freies Wissen.

Jeder Digital-O-Mat ist anders

Zu welchen Fragen Wählende im jeweiligen Digital-O-Mat die Positionen der Parteien mit den eigenen abgleichen können, hängt von mehreren Faktoren ab: Welche Aspekte rund um Freiheit und Sicherheit im Digitalen, freien Zugang zu Wissen sowie digitale Bildung oder Infrastruktur werden in der kommenden Legislatur wahrscheinlich geregelt – oder sollten aus Sicht der am Wahl-O-Mat beteiligten Organisationen geregelt werden? Und welche Regelungskompetenzen und -bedarfe bestehen auf der Ebene von Ländern, Bund und EU. Vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2017 haben wir die Parteipositionen zu acht Themen mit Digitalbezug erhoben. Dazu gehörten unter anderem Bildung und offene Lernmaterialien, Sicherheit und digitale Überwachung, freier Internetzugang oder die offene, digitale Nutzung von Daten aus Kommunal- und Landesverwaltungen. Auch 2018 zu den Landtagswahlen in Hessen und Bayern und zur Bundestagswahl 2021 gab es Digital-O-Maten.

Auch vor 2017 hat Wikimedia Deutschland Parteien vor Wahlen zu ihren netzpolitischen Positionen und Vorhaben befragt. 2011 etwa haben wir alle Parteien, die zur Berliner Abgeordnetenhauswahl angetreten sind, mit 30 Fragen rund um offene Verwaltungsdaten, freie Lizenzen, Internetzugang und Open Source Software konfrontiert. Die Antworten konnten Wählende im Wiki nachlesen und so mit den eigenen Positionen abgleichen.

Vor der anstehenden Europawahl in diesem Jahr sind hingegen ganz andere Themen relevant. Mit dem aktuellen Wahl-O-Mat kann man überprüfen, wie es mit den Positionen der Parteien zu Themen wie KI-basierter biometrischer Erfassung von Menschen im öffentlichen Raum, Chatkontrolle, elektronische Identitäten und die Frage, ob Europol künftig Daten mit Unternehmen und nicht-europäischen Drittstaaten austauschen dürfen soll.

„Auf EU-Ebene werden die wichtigsten gesetzlichen Weichenstellungen vorgenommen, die dann auf nationaler Ebene umgesetzt werden. Gesetzgebung zu digitalen Themen aus Brüssel betrifft ehrenamtliche Projekte wie die Wikipedia ebenso wie den digitalen Alltag von uns allen. Denn auf EU-Ebene werden Gesetze zur Plattformregulierung, zum Umgang mit Gesundheitsdaten oder zur Nutzung sogenannter Künstlicher Intelligenz gemacht.“ Lilli Iliev, Leiterin des Teams Politik und öffentlicher Sektor bei Wikimedia Deutschland.

Vorgänger des Wahl-O-Mat: Die Wahlprüfsteine

Das Bild zeigt das Cover von Wahlprüfsteinen, die der Deutsche Gewerkschaftsbund zur Bundestagswahl 1987 angefertigt hat. Der Titel lautet: Politik für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Politik für morgen. Foto: Wolf1949, Wahlprüfsteine des DGB 1987 , CC0 1.0

Auch vor 2017 hat Wikimedia Deutschland Parteien vor Wahlen zu ihren netzpolitischen Positionen und Vorhaben befragt. 2011 etwa haben wir alle Parteien, die zur Berliner Abgeordnetenhauswahl angetreten sind, mit 30 Fragen rund um offene Verwaltungsdaten, freie Lizenzen, Internetzugang und Open Source Software konfrontiert. Die Antworten konnten Wählende im Wiki nachlesen und so mit den eigenen Positionen abgleichen.

Sogenannte Wahlprüfsteine haben in Deutschland eine lange Tradition. Interessenverbände haben sie häufig vor Wahlen erstellt, um ihre Mitglieder darüber zu informieren, wie Parteien sich zu Fragen positionieren, die für sie besonders relevant sind. Der Deutsche Geerkschaftsbund (DGB) hat die Wahlprüfsteine bereits in den 50er Jahren eingeführt. Vom Bundesverband für Motorradfahrer über den Deutschen Familien-Verband, den Bund der Steuerzahler bis hin zum Lesben- und Schwulenverband gibt es zahlreiche Interessengruppe, die dieses Instrument genutzt haben, um Wahlempfehlungen für die Mitglieder oder Anhängerschaft zu erstellen.

So kommen die Positionen der Parteien in den Digital-O-Mat

Nach der Auswahl der Themen ging es an die Recherche zu den Positionen der Parteien. Dafür haben die Organisationen, die den Digital-O-Mat gemeinsam entwickelt haben, zunächst bei den Parteien nachgefragt. Und zwar bei denen, deren Einzug in das jeweilige Parlament sicher oder sehr wahrscheinlich war. Wer zunächst nicht geantwortet hat, wurde freundlich erinnert! Die Aussagen zu verschiedenen Themen sollten die Parteien belegen: mit Parteibeschlüssen, vergangenem Abstimmungsbehalten, Wahlprogrammen oder Ähnlichem.

Blieben Antworten ganz aus und konnten wir auch keine Belege für eindeutige Positionen finden, haben wir bei dem jeweiligen Thema eine neutrale Haltung angenommen. Menschen, die den Digital-O-Mat nutzen, können in der Auswertung dann detaillierte Informationen zu den Parteipositionen finden. Der Digital-O-Mat spuckt also nicht nur Ergebnisse aus, er legt auch offen, welche Inhalte dahinter stehen.

Wer hat’s erfunden – und warum?

Über die Jahre haben sich verschiedene Vereine aus der digitalen Zivilgesellschaft als “Koalition Freies Wissen” daran beteiligt, zu verschiedenen Wahlen Digital-O-Maten zu erstellen. Die Ursprungsversion haben neben Wikimedia Deutschland sechs weitere Vereine erarbeitet:

Sie alle verbindet das Engagement für netzpolitische Themen. Sie eint dabei, dass sie sich für die Durchsetzung von Freiheits- und Bürgerrechten im digitalen Raum und für den freien Zugang zu Wissen, Daten und Software einsetzen – mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Mitteln. Wir alle haben uns in unterschiedlicher Form an dem Projekt Digital-O-Mat beteiligt: Mit Zeit, finanzieller Unterstützung, Programmierexpertise und Code sowie mit Input dazu, zu welchen digitalpolitischen Themen die Parteien jeweils nach Positionen gefragt werden sollten – welche Themen aktuell sind und welche uns als Internetnutzende besonders betreffen.

Bei der Auswahl der Themen für den Digital-O-Mat haben die sehr unterschiedlichen Expertisen der Vereine und Bündnisse geholfen, die an dem Projekt beteiligt waren und sind. Sie haben vor den Landtags-, Bundestags-,und Europawahlen analysiert, in welchen Politikfeldern und bei welchen anstehenden Gesetzesvorhaben ein Digitalbezug da ist.

Die Software hat der Datenjournalist Sebastian Vollnhals entwickelt. Sie steht auf GitHub unter freier Lizenz zur Verfügung. Zur Europawahl 2024 hat sich die Ortsgruppe Braunschweig des Vereins Digitalcourage den Code geschnappt, den Digital-O-Mat wiederbelebt und mit Inhalten gefüttert. Der Digital-O-Mat ist damit eins von vielen Digitalprojekten in Deutschland, in dem viel ehrenamtliches Engagement steckt – und das gleichzeitig vielen Menschen nützt.

Wir engagieren uns seit 20 Jahren für die vielen digitalen Ehrenamtlichen, die in der Wikipedia Wissen frei zur Verfügung stellen. Aber auch im politischen Bereich machen wir uns dafür stark, dass sich die rechtlichen Rahmenbedingungen für alle Freiwilligen im digitalen Raum verbessern. Eine unserer Forderungen lautet zum Beispiel, dass die gemeinwohlorientierte Entwicklung von Software, Apps oder Plattformen auch als gemeinnützig anerkannt werden muss. Mehr zum digitalen Ehrenamt und unserem Engagement dafür lesen Sie hier.

Mehr aus 20 Jahren Engagement für ein besseres Internet

Mit Kaffeefiltern gegen Upload-Filter

Heute vor fünf Jahren war die deutschsprachige Wikipedia für einen Tag nicht nutzbar. Wer in der Online-Enzyklopädie Wissen suchte, fand statt der vertrauten Startseite einen schwarzen Bildschirm und einen Text, der erklärte, warum das so ist. Was das ganze mit Kaffeefiltern und unserer politischen Arbeit zu tun hat, berichten wir heute. Wir werden in diesem Jahr 20. Daher erzählen wir an besonderen Tagen Geschichten aus 20 Jahren Engagement für Freies Wissen und ein besseres Internet.

Digitales Ehrenamt, Freie Inhalte, Öffentliches Geld – Öffentliches Gut!, Wiki Loves Broadcast

Engagement für freie CC Lizenzen: Terra X Videos in der Wikipedia

Das Ehrenamtlichen-Projekt Wiki Loves Broadcast ist seit Jahren Dreh- und Angelpunkt des Engagements für freie Lizenzierung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ein Baustein ist die Kooperation mit der Redaktion von Terra X (ZDF). Die Zusammenarbeit wurde bei einem Workshop in Mainz noch einmal vertieft.

Esra und Djenna von Karakaya Talks beim Kick-Off Event

re*shape Programm: „Wir wollen marginalisierte Perspektiven in Deutschland sichtbar machen“

Mit dem Programm re·shape fördert Wikimedia Deutschland zehn Projekte, die dem Wissen von marginalisierten Communitys Raum und Sichtbarkeit geben. Eines der Projekte ist Social Media und Freie Lizenzen von KARAKAYA TALKS. Das Team von KARAKAYA TALKS untersucht gemeinsam mit ihrer Mentorin aus der Wikipedia-Community, wie ihr Content in der Wikipedia Verwendung finden kann.

Weichenstellung für die Wikipedia

Wednesday, 29 May 2024 13:00 UTC

Die rapide Verbreitung von Künstlicher Intelligenz, eine wachsende Flut an Desinformation, zunehmend veränderte Mediennutzung – unsere digitale Welt steht vor großen Herausforderungen. So auch die Wikipedia. Trends wie diese erfordern neue Strategien, um die Online-Enzyklopädie als verlässliche Quelle für Freies Wissen auch für die kommenden Generationen zu erhalten.

Gemeinsam mit Wikipedia-Autor*innen, Wikipedia-Interessierten, Expert*innen, Partner*innen der Vereine Wikimedia Deutschland, Österreich und der Schweiz findet daher vom 7. bis 9. Juni der erste Wikipedia-Zukunftskongress statt. Er bietet Raum für inspirierende Diskussionen, gemeinsames Brainstorming und erste Ansätze, um die Zukunft der Wikipedia aktiv mitzugestalten.

Eröffnungsvortrag vom KI-Pionier

Den Eröffnungsvortrag am Freitag, 7. Juni, hält der deutsche Informatiker und Silicon Valley-Visionär Richard Socher – ein Pionier in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Neuronale Netze und Deep Learning sowie CEO und Gründer von you.com, dem ersten Chat-Suchassistenten.

Der Zukunftskongress ist mit drei Leitfragen überschrieben: Was braucht die Welt von Wikipedia? Wie gestalten wir den technologischen Wandel? Wie verändert sich die Community? Zu all diesen Schwerpunkten gibt es am Samstag, 8. Juni, Vorträge und Podiumsdiskussionen.

Frisst die Wissensrevolution ihre Kinder?

Chris Tedjasukmana, Professor für Alltagsmedien und Digitale Kulturen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, geht unter dem Titel „Unordentliche Wissenspraktiken – Wie verändert sich der Umgang mit Wissen?“ der Frage nach, wie wir unser bestehendes Wissensverständnis durch neue Wissensformen erweitern können.

Und was bedeutet das für die Wikipedia? Wie bleiben ihre Inhalte relevant? Für wen sind sie überhaupt eine wichtige Informationsquelle und für wen nicht (mehr)? Darüber diskutiert Tedjasukmana im Anschluss mit Christian Pentzold (Universität Leipzig & Center for Digital Participation), der langjährigen Wikipedianerin CaroFraTyskland– und Sinthujan Varatharajah, freie*r Wissenschaftler*in und Essayist*in.

Buchdruck, WWW – und dann?

Mit dem Wandel durch KI beschäftigt sich auch Theresa Züger, Leiterin der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Nachwuchsforscher*innengruppe Public Interest AI.

Nach ihrem Vortrag über Chancen für gemeinwohlorientierte Initiativen, KI für sich zu nutzen, ist Züger auch Teilnehmerin des Podiums „Handschrift, Buchdruck, WWW– und was kommt dann?“. In der Diskussion mit Carina Zehetmaier (Präsidentin der Vereinigung „Women in AI“), Hannah Monderkamp (Mitglied der Chefredaktion von Heise Medien), Kurt Jansson (Wikipedianer und Leiter der Dokumentation des Spiegel-Verlags) sowie Franziska Heine (Vorständin von Wikimedia Deutschland) geht es um die Frage: Wie können wir im Zeitalter von Smartphone, Social Media und KI dafür sorgen, dass die Wikipedia-Idee nicht irgendwann so gestrig wirkt wie das gedruckte Lexikon?

Wohin entwickelt sich die Wikipedia-Community?

Alle wollen Communitys aufbauen: Plattformen, Creator*innen, Marken. Welche Lebenszyklen durchlaufen Online-Communitys dabei? Darüber spricht der Kulturwissenschaftler Daniel Sigge anhand seiner Erfahrungen als Community-Manager bei reddit, TikTok, YouTube und Google in seinem Vortrag.

Und wohin entwickelt sich die Wikipedia-Community in der Zukunft? Seit ihrem Start im Jahr 2001 wurden in der deutschsprachigen Wikipedia mehr als 4 Millionen Benutzer-Accounts erstellt. Manche sind dabei geblieben, viele nicht. Ca. 6.000 Wikipedia-Aktive editieren regelmäßig. Einige Gruppen sind bis heute in der Community unterrepräsentiert.

Darüber diskutieren auf dem Panel Daniel Sigge, Jan Krewer (Senior Policy Analyst bei Open Future) DomenikaBo (langjährige Wikipedianerin) und Martin Gerlach (Senior Research Scientist bei der Wikimedia Foundation).

Teile Deine Vision!

Zur Frage, wie sich die Wikipedia weiterentwickeln soll, können alle Interessierten auf der Programmseite des Zukunftskongresses anonym ihre Meinung und Visionen teilen. Die eingegangen Beiträge werden gesammelt und mit nach Nürnberg genommen.

Unter diesem Link geht es zur Anmeldung für die kostenlose Online-Teilnahme am Wikipedia-Zukunftskongress:

https://www.wikimedia.de/zukunftskongress/anmeldung/

Mehr Demokratie wagen!

Thursday, 23 May 2024 09:00 UTC

Bei GLAM-Veranstaltungen begegnen sich Wikipedia-Aktive und Kulturinstitutionen wie Galerien, Bibliotheken (Libraries), Archive und Museen –­ mit dem Ziel, das Wissen dieser Institutionen über die Wikimedia-Projekte für alle zugänglich zu machen. Zum Start der Reihe „Wiki Loves Demokratie“ trafen Wikipedia-Aktive virtuell auf Hilmar Sack von den Wissenschaftlichen Diensten des Deutschen Bundestages und Tobias Kaiser von der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien.

Demokratie neu denken

Demokratie erfordert viel Arbeit. Hilmar Sack veranschaulicht das mit einem Organigramm: Abgebildet ist darauf die verzweigte Struktur der Verwaltung des Deutschen Bundestages, die allein über 3000 Mitarbeitende hat. „Der gesamte Orbit des Parlaments“, erklärt Sack, „hat die Größenordnung einer Kleinstadt.“

Der Historiker leitet den Fachbereich Geschichte, Politik und Kultur bei den Wissenschaftlichen Diensten des Deutschen Bundestages. An diesem Abend nimmt er 25 Wikipedianer*innen mit auf einen Streifzug durch die Historie des Parlamentarismus in Deutschland. Auf dem Programm steht die erste GLAM-digital-Verstanstaltung des Jahres, die das Motto „Wiki Loves Demokratie“ trägt – 2024 ein Schwerpunktthema der Online-Reihe, die Kultur- und Gedächtnisinstitutionen oder Einrichtungen der politischen Bildung mit der Wikipedia-Community zusammenbringt.

Die Ehrenamtlichen hören hier nicht nur spannende Fachvorträge – wie von Hilmar Sack sowie von Tobias Kaiser, Mitarbeiter der 1951 gegründeten Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien (KGParl)  – sie beginnen vor allem eine engagierte Diskussion: Welche anderen Demokratie-Formen als unser Parteiensystem wären denkbar? Könnten Bürger*innen-Räte mehr Beteiligung schaffen? Und, als Frage aufgebracht von einem Wikipedianer: Wie könnte die Wikipedia-Community selbst demokratischer werden? Was im Chat der Videokonferenz zu lebhaften Kontroversen führte.

Eine Fülle an Wissensangeboten für Wikipedianer*innen

Zum Begriff „Demokratie“ selbst existiert in der Wikipedia ein ausführlicher Artikel, der dank der akribischen Arbeit der Autor*innen keine Fragen offen lässt und den Bogen von der Antike bis ins Heute spannt. Trotzdem – darauf deutet auch der letzte Punkt des Eintrags „Demokratie-Gefährdungslagen“ hin – kann es zum Thema Demokratie natürlich nie genug Wissen geben. Auch deshalb widmen sich 2024 gleich mehrere GLAM on Tour– und GLAM digital-Stationen diesem Feld – was besonders passend ist in einem Jahr, in dem nicht nur 75 Jahre Grundgesetz und 75 Jahre Parlamentarismus in Deutschland gefeiert werden, sondern in Deutschland, Europa und den USA auch etliche wichtige Wahlen anstehen.

Und natürlich geht es auch konkret darum, wie die Arbeit an der Wikipedia gewinnen kann. Die mit acht Fachbereichen breit aufgestellten Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages etwa fertigen für Abgeordnete ausführliche, fundierte Ausarbeitungen zu allen möglichen politischen Themen an, die nach vier Wochen auf der Homepage des Bundestages veröffentlicht werden: „Eine unglaubliche Fülle an Wissensangeboten“ auch für Wikipedianer*innen, findet Hilmar Sack. Und Tobias Kaiser berichtet, dass die Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien bald 50 ihrer Publikationen digital frei zur Verfügung stellt – das Themenspektrum reicht von politischer Architektur bis zum Problemfeld Rechtsextremismus. Ebenfalls eine Fundgrube für die Ehrenamtlichen der Wikipedia.

Von der Revolution zum Parlament

Der Boden für die tiefere Beschäftigung mit dem Thema Demokratie wurde bereits im vergangenen Jahr bereitet: Mit der GLAM-digital-Veranstaltung „Wiki Loves Revolution – ein virtueller Austausch zur Revolution 1848/49“, die in Kooperation mit der Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung und der Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte stattfand. Hier ging es zentral um die Frauen, die als Journalistinnen, Schriftstellerinnen oder Streiterinnen auf den Barrikaden den Kampf für Demokratie mittrugen – aber in der Wikipedia bis dato kaum Erwähnung fanden.

Einen Link zum Thema hatte auch die GLAM on Tour-Station im Museum Barberini in Potsdam. Hier fand parallel zum Museumsbesuch ein bemerkenswerter, auch als Film festgehaltener Drohnenflug der Ehrenamtlichen statt. Dabei entstanden unter anderem Fotos des Museums Barberini, des Potsdam Museums, der Nikolaikirche und auch des brandenburgischen Landtags – ein Gebäude, „das die Ehrenamtlichen als Ort der demokratischen Auseinandersetzung ins Bewusstsein rücken wollten“, wie Holger Plickert erzählt, Projektmanager Kultur- und Gedächtnisinstitutionen bei Wikimedia Deutschland. Daran zeige sich einmal mehr, welchen großen Stellenwert gelebte Demokratie für die Community habe und wie sie tagtäglich Bestandteil ihrer Arbeit für die Wikimedia-Projekte sei.

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Begegnung mit dem Reichsbanner

Eine weitere GLAM digital-Veranstaltung in der Reihe „Wiki Loves Demokratie“ hat die Ehrenamtlichem mit dem Verein „Reichsbanner Schwarz Rot Gold – Bund aktiver Demokraten“ und dessen Bundesvorsitzendem Fritz Felgentreu zusammengeführt. Und damit zurück in die Geschichte: Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold wurde 1924 in Magdeburg als überparteiliches Bündnis von SPD, der liberalen Deutschen Demokratischen Partei und der katholischen Zentrumspartei gegründet. Ein demonstrativer Schulterschluss, mit dem die Demokrat*innen auf die zahlreichen Morde sowie die extremistischen Umsturzversuche in den Anfangsjahren der Weimarer Republik reagierten.

Mit einem Gründervater der Sozialdemokratie in Deutschland hat schließlich die dritte „Wiki Loves Demokratie“-Veranstaltung am 3. Juni zu tun: Ein virtueller Besuch im August Bebel Institut. Auf welche Geschichte diese Institution der politischen Bildung blickt, wie sie arbeitet und welche Impulse von ihrem Namensgeber bis heute ausgehen, erfahren die Teilnehmer*innen an dieser GLAM-digital-Station im Gespräch mit ABI-Geschäftsführer Reinhard Wenzel.

Die Mütter des Grundgesetzes

Auch der Austausch mit dem Archiv der deutschen Frauenbewegung wird fortgesetzt: Im Rahmen einer GLAM on Tour vom 13. bis 15. September in Kassel werden sich die Ehrenamtlichen mal nicht mit den vielbeschworenen Vätern, sondern mit den Müttern unseres Grundgesetzes beschäftigen. Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit – das ist ein eigenes Feld, das die Auseinandersetzung lohnt. Was ebenfalls schon bei der ersten GLAM-digital-Veranstaltung zur Geschichte des Parlamentarismus deutlich wurde. Hilmar Sack verwies da auf ein aktuelles Buch mit dem Titel „Der nächste Redner ist eine Dame“ – ein Sammelband mit Portraits über die ersten Frauen des Bundestages. Auch hier sind noch Entdeckungen für die Wikipedia zu machen!

Ausblick und Mitmachen!

Neben der Reihe „Wiki Loves Demokratie“ veranstaltet Wikimedia Deutschland noch viele weitere spannende GLAM-Events, wie zum Beispiel im November eine GLAM on Tour in Greifswald zu 250 Jahren Caspar David Friedrich. Über alle Events informiert der GLAM-Terminkalender.

Die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es auf den jeweiligen Projektseiten der Veranstaltungen. Achtung: die Zahl der möglichen Teilnehmer*innen ist begrenzt.

 

Blick in den Plenarsaal.

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Blick in den Plenarsaal.

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Drei Tage lang treffen sich verschiedenste Vertreter*innen von digitalpolitischen Organisationen, aus der Zivilgesellschaft oder Ministerien, um über Digitales, Politik und Gesellschaft zu diskutieren, sich auszutauschen und sich zu vernetzen. Das Motto dieses Jahres: Who cares? Wikimedia wird dieses Jahr mit sieben tollen Sessions dabei sein, während an unserem Bündnis F5-Stand (Lageplan: C3) spannende Meet-Ups und Q&As geplant sind!

Unsere Sessions auf der re:publica 2024

Montag, 27. Mai

15:00-16:00: Warum wir eine offene KI für die Bildung fordern, Stage 4/T
(Sarah-Isabella Behrens, Nele Hirsch, Anne-Sophie Waag)

Wir kümmern uns um KI in der Bildung! Gemeinschaftlich haben wir bildungspolitische Handlungsempfehlungen für eine offene Bildungs-KI entwickelt: Gegen Intransparenz und Kommerzialisierung – für mehr Offenheit und Mitbestimmung. Wir stellen die Empfehlungen vor und rufen zu weiteren Aktivitäten auf.

16:15-17:15: Die Zukunft der Offenheit – Reclaim oder Reform? Atrium
(Lea Gimpel, Paul Keller, Christina Willems, Kilian Vieth-Ditlmann, Aline Blankertz

Was bedeutet Offenheit im Jahr 2024? Mit den neuen Herausforderungen und Akteur:innen der digitalen Welt verändert sich auch der Begriff der Offenheit. Open dies, Open das: Open-Washing everywhere? Gilt es angesichts dessen, den Grundsatz der Offenheit zu verteidigen – oder ihn neu zu denken?

16:15-17:15: Opening up with care: Wie marginalisiertes Wissen frei und sicher geöffnet werden kann, Stage 4/T
(Christopher A. Nixon, Llanquiray Painemal, Zara Rahman, Riham Abed-Ali)

Wie können marginalisierte Communitys ihr Wissen frei zugänglich und nutzbar und gleichzeitig sicher ins Netz stellen? Wir setzen uns mit Fragen von Fürsorge und Macht sowie dem Wechselspiel von Sichtbarkeit und Risiko im Kontext freier Lizenzen auseinander.

Dienstag, 28. Mai

11:15-12:15: Digital Commons, digitale öffentliche Güter, digitale Souveränität – eine Anleitung für den Diskurs der gemeinwohlorientierten Digitalisierung, Stage 11
(Lea Gimpel, Adriana Groh, Katharina Meyer, Aline Blankertz)

Wir wollen Licht ins Dickicht des Wörterdschungels rund um die gemeinwohlorientierte Digitalisierung bringen. Denn wenn wir die digitale Transformation zum Wohle aller gestalten wollen, brauchen wir als Grundlage ein gemeinsam geteiltes Verständnis von ihren Schlüsselkonzepten.

12:30-13:30: Careless whisper or voice of the future: Europäische Digitalpolitik, Stage 10
(Franziska Heine, Felix Reda, Tiemo Wölken, Sergey Lagodinsky)

Digitalpolitik, EU-Politik, Zivilgesellschaft – Who Cares? Wir spannen den Bogen von der Straße über die digitale Bubble bis nach Brüssel und diskutieren die heißen Digitalthemen zur anstehenden Europawahl.

14:00-15:00: Caring for our web – Software-Projekte als Care Work?, Atrium

(Franziska Heine, tante, Anika Krellmann)

Gemeinwohlorientierung im Digitalbereich beruht nicht nur, aber vor allem auf freier Software, die aktuell gehalten, gepflegt und angepasst werden muss – insbesondere bei dem Einsatz von KI. Doch wer kümmert sich eigentlich darum? Wie und von wem kann diese Care-Arbeit unterstützt werden?

15:00-16:00: Who cares about international digital policy? What do we expect from the UN Global Digital Compact 2024, Stage 3

(Amandeep Singh Gill, Regine Grienberger, Rebecca MacKinnon, Geraldine de Bastion)

2024 is a milestone for international digital policy. The United Nation will agree on a Global Digital Compact with key principles, frameworks and action to govern the Digital Age globally. In this session we want to discuss the expectations for the GDC and who needs a seat at the table.

Ein dazugehöriges Meet-Up mit Marcel Dorsch, Friederike von Franqué, Elisa Lindinger und Geraldine de Bastion findet von 18:45-19:45 in Meet Up 1 statt.

Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt im letzten Jahr unsere Session, bei der die beiden ukrainische Wikipedianer Anton Protsiuk und Mykola Kozlenko darüber berichteten, wie sie trotz des Krieges weiter in der Wikipedia arbeiten und wie sie mit den Versuchen umgehen, Desinformationen über die Enzyklopädie zu verbreiten. Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rp23wiki-366.jpg

Besucht uns am Stand C3 – unser Standprogramm

Montag, 27. Mai

  • 12:30 Uhr: Eröffnungstreffen F5 (Meet-up)
  • 13:00 Uhr: KI & Wahlen – Clara Helming (Algorithm Watch) – Gespräch/Q&A, Deutsch, 30 min
  • 15:00 Uhr: Warum Wikipedia wenig Probleme mit Desinformation hat – Friederike von Franqué, Lilli Iliev (Wikimedia Deutschland) – Lightning Talk/Q&A, Deutsch, 15 min
  • 17:00 Uhr: #FreeAssange – In Conversation with Stella Assange – Stella Assange, Ilja Braun (Reporter ohne Grenzen) – Talk, Q&A, Englisch, 45 min

Dienstag, 28. Mai

  • 10:30 Uhr: GFF Friends & Donor Meetup – Eileen Leistner (Gesellschaft für Freiheitsrechte) – Meet-up, Deutsch, 45 min
  • 11:45 Uhr: Plurality: The Future of Collaborative Technology and Democracy – Audrey Tang, Glen Weyl, Kai Dittmann (Gesellschaft für Freiheitsrechte) – Talk, Q&A, Englisch, 30 min
  • 12:30 Meet and Greet Ferda Ataman Diskriminierung und Algorithmen – Ferda Ataman, Pia Sombetzki, Luzie Neyenhuys (Algorithm Watch/Gesellschaft für Freiheitsrechte) – Meet-up, Deutsch, 30 min
  • 15:00 Uhr: How to Fund Generative AI in the Public Interest – Sophia Schulze Schleithoff, Viraaj Akuthota – Vortrag, Englisch, 20 min
  • 16:00 Uhr: Russian Media in Exile: An Interview with The Insider – Anastasia Mikhailov (The Insider), Daria Dudolay und Helene Hahn (Reporter ohne Grenzen) – Gespräch, Englisch, 60 min

Mittwoch, 29. Mai

  • 12:00 Uhr: Open Data Ranking Deutschland 2024 – Dénes Jäger (Open Knowledge Foundation) – Talk, Q&A, Deutsch, 15 min
  • 14:00 Uhr: Offene Daten und Lizenzen – Ask Me Anything – Stefan Kaufmann (Wikimedia Deutschland) – Meet-up, Deutsch, 30 min
  • 16:00 Uhr: Datamining in der Polizeiarbeit – Simone Ruf (Gesellschaft für Freiheitsrechte) – Vortrag, Deutsch, 30 min

„In der Kneipe würden wir uns nicht treffen – zumindest nicht zum gemeinsamen Arbeiten.“ So bringt die Wikipedianerin Bärbel Miemietz auf den Punkt, weshalb es Lokale Räume braucht. Sechs solcher Orte – in denen sich Wiki-Communitys selbstorganisiert zum Austausch, zum gemeinsamen Editieren in der Wikipedia oder zum Entwickeln neuer Projektideen treffen – unterstützt Wikimedia Deutschland in verschiedenen Städten: Das Lokal K in Köln, das WikiBär in Berlin, das Münchner WikiMUC, den FürthWiki-Laden, das temporärhaus in Neu-Ulm – und Wikipedia:Hannover.

Starker Zusammenhalt der Community

Wikipedia:Hannover – neben dem Lokal K der älteste dieser Lokalen Räume – feiert am 24. Mai sein 10-jähriges Bestehen. Am Abend steht ein Jubiläumsprogramm mit geladenen Gästen an, unter anderem sprechen Hannovers Bürgermeister Thomas Klapproth und Franziska Heine, Vorständin von Wikimedia Deutschland. Die Community selbst hält Rückschau auf die vergangene Dekade – und blickt voraus in die Zukunft.

Wikipedia-Autorin Bärbel Miemietz ist 2020 über eine Einführung für Frauen in das Schreiben für die Wikipedia zur Hannoveraner Community gestoßen – und aktiver Teil von ihr geworden. Das Team von Wikipedia:Hannover – das heute aus einem Dutzend Ehrenamtlicher besteht – hielt den Austausch digital auch während der Corona-Zeit aufrecht: „Die Möglichkeit, jeden Dienstagabend online dabei zu sein, hat mich über die Pandemie gerettet“, erzählt Miemietz. Klar, die Arbeit an den Wikimedia-Projekten ist ein digitales Ehrenamt. Aber die soziale Komponente spielt dabei eine entscheidende Rolle.

„Wir bei Wikipedia:Hannover sind alle sehr verschieden, haben vollkommen unterschiedliche Interessen – aber wir haben ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl“, beschreibt Miemietz. Das zeigt sich bei gemeinsamen Projekten, wie den Veranstaltungen zum 10. Geburtstag des Lokalen Raums, aber auch bei öffentlichen Einführungsveranstaltungen oder bei Kooperationen mit Museen oder Bibliotheken.

Bundesverdienstkreuz für das digitale Ehrenamt

Belit Nejat Onay, Oberbürgermeister der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover, verleiht dem Wikipedianer Bernd Schwabe das Bundesverdienstkreuz, genauer die Verdienstmedaille des Verdienstordens.

In den Anfangsjahren fand die Community noch Unterkunft und Unterstützung bei dem gemeinnützigen Verein „Freundeskreis Hannover“, 2019 wurden dann zentral gelegene Räume im Uihleinhaus nahe dem Hauptbahnhof bezogen. Eröffnet von Abraham Taherivand, dem damaligen Geschäftsführenden Vorstand von Wikimedia Deutschland.

Die umtriebige Hannoveraner Community arbeitet in der Wikipedia, lädt Fotos und andere Mediendateien in der Sammlung Wikimedia Commons hoch oder legt Datensätze in der freien Wissensdatenbank Wikidata an. Und: Sie hat mit dem Ehrenamtlichen Bernd Schwabe sogar einen Träger des Bundesverdienstkreuzes in ihren Reihen. Schwabe, der unter seinem realen Namen seit 2009 für die Wikipedia schreibt und bereits tausende von Artikeln verfasst oder maßgeblich bearbeitet hat, ist im Januar 2020 ausgezeichnet worden. „Ohne sein ehrenamtliches Engagement und das vieler anderer Freiwilliger gingen viele Informationen für immer verloren oder wären nur einem (zu) kleinen Kreis zugänglich“, lobte der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil seinerzeit. Während Bernd Schwabes Interessen stark mit Hannover verknüpft sind, gibt es in der Gruppe aber auch Spezialistinnen und Spezialisten für das Erzgebirge, für den Umweltschutz, für das Rechtswesen, die Ornithologie, für Geschichte und Literatur sowie für Karten, Fotografien oder strukturierte Daten.

Einsatz für mehr Frauen in der Wikipedia

Lange Zeit waren bei Wikipedia:Hannover vor allem Männer aktiv. Das änderte sich mit einem Schreibworkshop nur für Frauen am Internationalen Frauentag 2020. Heute gehören drei Frauen zum Kernteam – und das frisch angelaufene Projekt WikiFrauenHannover soll die weibliche Präsenz weiter stärken. Die WikiFrauenHannover kommen alle zwei Monate am dritten Montag des Monats zusammen und arbeiten gemeinsam daran, Frauen in der Wikipedia sichtbarer zu machen.

Die Aktivitäten der Wikipedia:Hannover-Community führen aber immer wieder auch über den Lokalen Raum hinaus. Zum Beispiel hat das Team 2023 und 2024 Studienreisen in Hannovers Partnerstädte Poznań, Bristol und Leipzig unternommen, dort Wikipedianer*innen getroffen und eine Fülle von Fotos und Material für Wikipedia-Artikel mitgebracht. Entstanden ist zum Beispiel ein Text über Natalia Tułasiewicz, eine polnische Lehrerin, die während des Nationalsozialismus für eine Untergrundorganisation tätig war. Sie ließ sich als Zwangsarbeiterin verhaften und wurde nach Hannover gebracht, wo sie ihre Mitgefangenen unterrichtete und unterstützte – bis sie kurz vor Kriegsende enttarnt und in Ravensbrück ermordet wurde.

Nach Anweisung an die freundliche Fotografin postierte sich das Team Wikipedia Hannover gemeinsam mit Marcin aus Poznań (Posen) am 17. Juni 2023 zum Gruppenbild vor der großen Wandmalerei auf der Insel Śródka ...
Nach Anweisung an die freundliche Fotografin postierte sich das Team Wikipedia Hannover gemeinsam mit Marcin aus Poznań (Posen) am 17. Juni 2023 zum Gruppenbild vor der großen Wandmalerei auf der Insel Śródka …

Straßenprojekt und Stolpersteine

Zu den lange laufenden Projekten von Wikipedia:Hannover gehört auch die vollständige Erfassung von Hannovers Straßen in Wikidata. Wiederum mit feministischem Akzent: Nur 10 Prozent der nach Menschen benannten Straßen tragen die Namen von Frauen. Und von denen haben die wenigsten einen Wikipedia-Artikel. Eine weitere Sichtbarkeits-Lücke, die es zu schließen gilt.

Straßenschild mit Legendentafel am Elke-Mühlbach-Weg in der Eilenriede in Hannover-Waldhausen: „Elke Mühlbach (1953-2012) im Eilenriedebeirat, Biologin, Gründerin des BUND Fledermauszentrums, Fledermausschutzbeauftragte der Region Hannover“
Straßenschild mit Legendentafel am Elke-Mühlbach-Weg in der Eilenriede in Hannover-Waldhausen: „Elke Mühlbach (1953-2012) im Eilenriedebeirat, Biologin, Gründerin des BUND Fledermauszentrums, Fledermausschutzbeauftragte der Region Hannover“

Darüber hinaus hat das Team von Wikipedia:Hannover bereits zahlreiche Stolperstein-Verlegungen in Hannover dokumentiert. Der Künstler Gunter Demnig erinnert mit Stolpersteinen an vertriebene, verschollene und ermordete Opfer des Nationalsozialismus. Seit 2007 wurden 467 dieser Gedenksteine in Hannover verlegt. Außerdem sind Fotos aller Stolpersteine in einer Liste erfasst, die auch die topografisch exakte Position verzeichnet. Gibt es zu einer Person einen Wikipedia-Artikel, wird aus der Stolpersteinliste heraus darauf verlinkt.

Die Wikipedia ist ein Eisberg

Wikipedianerin Bärbel Miemietz vergleicht die Wikipedia gern mit einem Eisberg: „Die Leute kennen die Enzyklopädie, aber sie wissen in der Regel nichts von WikiSource, WikiQuote, Wikimedia Commons oder Wikidata.“ Und erst recht nichts von der Welt, die sich auftut, wenn man „Wikipedia“ mit einem der vielen möglichen Doppelpunkt-Begriffe kombiniert: Wikipedia:Hilfe, Wikipedia:Frauen, Wikipedia:Relevanzkriterien: „Da stößt man auf den Eisberg unter der Wasseroberfläche, der eine schier unendliche Fülle an Informationen enthält.“

Gunter Demnig beim Verlegen von Stolpersteinen zur Erinnerung an Hermann Israel (geb. 1896), Else Israel geb. Katz (geb. 1902), Helmut Israel (geb. 1935) und Jenny Katz geb. Windmüller (geb. 1873) am 13.10.2023 in Hannover, Berckhusenstraße 27

Miemietz jedenfalls ist auch deshalb zur begeisterten Wikipedianerin geworden, weil die Wikimedia-Projekte so viele Beteiligungsmöglichkeiten bieten: zum Beispiel Wettbewerbe um die besten Fotos oder Abstimmungen, wie die über die Movement Strategy zum zukünftigen Aufbau des Wikiversums. Auf ihrer Benutzerinnen-Seite hat sie deshalb gleich oben aktuelle Meinungsbilder der Community und Veranstaltungen verlinkt. Und ein Motto vorangestellt: „Demokratie lebt vom Mitmachen. Aber nur wer weiß, was läuft, kann sich beteiligen.”

Ein treffendes Motto auch für alle, die sich in Lokalen Räumen engagieren.

Wikimedia Deutschland gratuliert der gesamten Community von Wikipedia:Hannover herzlich zum 10. Geburtstag!

Der Lokale Raum: Andreaestraße 1 (Haus Uihlein), 30159 Hannover, 4. Etage (Fahrstuhl), nahe dem Hauptbahnhof Hannover

Hier gibt es eine Übersicht über die Termine des Lokalen Raums Wikipedia:Hannover:

Und hier eine Übersicht über alle Lokalen Räume:

Die Andreaestraße wurde im Jahr 1847 nach dem hannoverschen Stadtbaumeister August Heinrich Andreae (1804–1846) benannt. Im Haus Andreaestraße 1 bestand von 1950 bis 1981 das Tapetenhaus Uihlein. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts werden Erd- und erstes Geschoss für eine Gaststätte genutzt. Darüber liegen bis zur fünften Etage Büroräume.

ChatGPT und Co. verändern die Art wie wir lernen und lehren. Gerade im sensiblen Bildungsbereich sollten wir uns genau überlegen: Was für KI-Systeme wollen wir einsetzen? Welche Kompetenzen und Infrastrukturen brauchen Lehrende und Lernende? Und welche Voraussetzungen muss die Politik in Bund und Ländern schaffen? Diese Fragen haben wir mit Bildungsexpert*innen beim Forum offene KI in der Bildung diskutiert und in drei Schreibwerkstätten Handlungsempfehlungen entwickelt.

Die zehn Handlungsempfehlungen im Überblick

Bevor es in die Diskussion der zehn Handlungsempfehlungen zu Künstlicher Intelligenz in der Bildung ging, wollte Moderatorin Nele Hirsch von den geladenen Politiker*innen wissen: Welche Herausforderungen und politischen Hausaufgaben sie mit Blick auf die Nutzung von KI-Anwendungen in Schulen und Hochschulen sehen.

Mit uns diskutiert haben:

  • Sabine Grützmacher, Digitalpolitikerin und Bildungsinformatikerin und MdB der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
  • Franziska Hopperman, MdB von der CDU/CSU Fraktion und Mitglied im Ausschuss für Digitales
  • Maximilian Funke-Kaiser, sitzt für die FDP im Bundestag und ist digitalpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion
  • Dr. Holger Becker aus der SPD-Fraktion des Bundestages und Mitglied im Ausschuss für Digitales und für Bildung und Forschung

Sie alle hatten jeweils drei Minuten Zeit, sich zu der Frage zu positionieren.

Zwischen Veränderungsdruck und individuellem Lernen

Das Foto zeigt die Bundestagsabgeordnete und Bildungsinformatikerin Sabine Grützmacher (Bündnis90/Grüne). Sie hatte, ebenso wie die weiteren Politiker*innen auf dem Panel, zu Beginn der Debatte die Möglichkeit, sich zu den 10 Handlungsempfehlungen zu Künstlicher Intelligenz in der Bildung zu positionieren und eigene Chancen und Herausforderungen zum Thema zur Diskussion zu stellen. Foto: Ekvidi, Wikimedia-DE-Event-14052024-18, CC BY-SA 4.0

Sabine Grützmacher stellte in ihrem Statement klar: „Wir sollten keine Angst vor Künstlicher Intelligenz haben. Aber wir sollten Schüler befähigen zu verstehen, was KI ist und was KI nicht ist.“ Dafür müssten auch in Schulen die Grundlagen für „kritische Datenmündigkeit“ geschaffen werden. Daran anknüpfend sprach Franziska Hoppermann von einem hohen „Veränderungsdruck“, der auf Lehrenden laste. Für sie steht daher die Frage im Mittelpunkt: „Wie können wir die Lehrenden auch in der Ausbildung darauf vorbereiten, auch in der Didaktik?“ Maximilian Funke-Kaiser betonte ebenfalls, dass „wir natürlich die Lehrer weiterbilden müssen.“

Er gehe aber auch davon aus, so Funke-Kaiser, dass „selbstlernende Algorithmen, die individuelle Lernangebote machen”, Chancengerechtigkeit fördern könnten. Lernende, deren Eltern sich keine Nachhilfe leisten können, könnten davon profitieren, dass KI-Anwendungen für sie Förderangebote zuschneiden. In eine ähnliche Richtung argumentierte Holger Becker in seinem Eingangsstatement. KI-Anwendungen könnten viel dazu beitragen, ein zentrales Problem, „das Bildungserfolg vom Elternhaus abhängt“ zu mildern. Das könne aber nur gelingen, wenn der „Kompetenzaufbau der Lehrenden“ gelinge, in den ein „Großteil der Ressourcen“ fließen müsse. Und wenn KI so eingesetzt werde, dass die „Digital Divide“ verringert werde.

Alle Statements der Politiker*innen, eine kurze Vorstellung aller 10 Handlungsempfehlungen und die Debatte darüber können Sie in der Aufzeichnung sehen.

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Reaktionen auf unsere Handlungsempfehlungen

Die Eingangsstatements der Diskutieren machten bereits deutlich: Die Handlungsempfehlungen von Wikimedia Deutschland, nämlich die Schaffung einer „neuen Fortbildungskultur und -struktur mit offenen Formaten“ findet auch politisch Unterstützung. Sabine Grützmacher hob hervor, sie finde den „Peer-to-Peer Ansatz aus den Handlungsempfehlungen unglaublich wertvoll.“

Parteiübergreifend einig waren sich die vier Politikschaffenden bezüglich der Forderung von Wikimedia Deutschland, dass offene und transparente KI-Systeme in der Bildung zum Einsatz kommen sollten. „Ich finde, Open Source und KI passen wunderbar zusammen“, betonte Sabine Grützmacher. Sie verwies aber auch darauf, dass Open Source nicht kostenlos zu haben sei, nur weil es ein „Heer von gemeinnützig tätigen Menschen“ gibt, die offene Software entwickeln. „Man wird irgendwann über die Pflege von Open Source sprechen müssen und das kostet eben auch Geld“, merkte die Bildungsinformatikerin an. Neben Holger Becker unterstützte auch Maximilian Funke-Kaiser unsere Empfehlung, KI-Anwendungen als Open Source zu entwickeln, „wie es ja auch im Koalitionsvertrag steht“. Franziska Hoppermann formulierte lediglich, dass sie noch „Fragezeichen“ habe, wenn es darum ginge, wie offene Modelle für jede und jeden nachvollziehbar sein können.

Auf die Handlungsempfehlung, dass Bund und Länder eine unabhängige KI-Zertifizierungsstelle einführen sollten, reagierten besonders Holger Becker und Franziska Hoppermann zustimmend. Die CDU-Politikerin kann sich eine „Schwerpunkt Medienanstalt zur Verifizierung oder Zertifizierung“ vorstellen. Holger Becker meinte, im AI Act sei das Thema schon „ganz gut abgedeckt“. Nun gehe es aber um die Implementierung und da „sind zum Beispiel die Landesmedienanstalten im Gespräch“.

Auch in den Medien wurden die 10 Handlungsempfehlungen diskutiert. Einige Beiträge finden Sie hier:

Lernen in Zeiten von ChatGPT: Besser Open-Source-Alternativen benutzen, SWR Kultur, vom 14.05.

In das Gemeinwohl statt in Big-Tech Firmen investieren, Interview mit Dr. Anne-Sophie Waag, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft am 15.05.

Wikimedia fordert offene KI im Bildungsbereich, Deutschlandfunk am 17.05.

KI in der Bildung 10 Thesen, Bremen Zwei – Der Tag, Interview mit Dr. Anne-Sophie Waag vom 14.05.

SR2 Kulturradio,  Interview mit Heike Gleibs am 14.05.

Forum Offene KI in der Bildung – 10 Empfehlungen für die Bildungs- und Digitalpolitik, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft am 15.05.

Zehn Empfehlungen: Was für einen sicheren Einsatz von KI in der Bildung nötig ist, Bildung.Table # 212 vom 15. Mai 2024, Paywall

KI-Tools für Schulen: Wunsch und Wirklichkeit, Tagesspiegel Background Digitalisierung & KI vom 14.05. Paywall

Die Grafik zeigt eine von HTML-Code inspirierte Codezeile, die die Begriffe KI, Freie Bildung und das Jahr 2024 enthält. Außerdem zu lesen ist die Definition von Künstlicher Intelligenz, die den Handlungsempfehlungen zugrunde liegt: Das verstehen wir unter Künstlicher Intelligenz Gerade in Bildungskontexten wird mit dem Begriff KI meistens auf zwei zentrale Anwendungsbereiche Bezug genommen: (1) generative Chatbots, die auf großen Sprachmodellen basieren, und (2) intelligente Tutorsysteme, die auf maschinellem Lernen beruhen. Wir haben für die Handlungsempfehlungen beispielhaft generative KI in den Fokus genommen. Grafik: Franziska Kelch (WMDE), CC BY-SA 4.0
Grafik: Franziska Kelch (WMDE), CC BY-SA 4.0

Wie kann sich das Netzwerk im fünften Jahr seines Bestehens besser organisieren und strukturieren? Das war eine der zentralen Fragen, die auf der FemNetzCon 2024 in Hamburg diskutiert wurden. Das Netzwerktreffen der Wikipedianer*innen, Schreibgruppen, Projekte und Initiativen, die sich für feministische Anliegen  in der Wikipedia engagieren, fand zum vierten Mal statt.

Rund 40 Teilnehmende kamen für drei Tage in den Räumen des Künstlerinnenprojekts Bildwechsel und im Freiraum des Museums für Kunst und Gewerbe (MK&G) in Hamburg zusammen, um sich in Formaten wie dem „FemNetz-SpeedDating“ oder Gruppenarbeit zum Thema  „Quo vadis, FemNetz?“ auszutauschen, untereinander noch enger zu vernetzen – und die Weichen für mehr Wissensgerechtigkeit zu stellen. „Die Stimmung war offen und produktiv“, beschreibt Wikipedianerin Helga Wiki, die das Netzwerktreffen mitorganisiert hat, ihren Eindruck.

Speeddating mal anders

Der Freitagabend stand im Zeichen des Kennenlernens – „das Format war ein Stück weit aus der Not heraus geboren”, bekennt Mitorganisatorin Grizma aus Berlin. „Bildwechsel hat viele kleine Räume, aber keinen großen Tagungsraum, in den alle Teilnehmenden bequem gepasst hätten. Ich hatte eine Art Stationentheater im Hinterkopf, bei dem sich unterschiedliche Projekte und Arbeitsgruppen im Speeddating-Format vorstellen und auf Zuruf Input einfordern. So konnten wir die Teilnehmer*innen gut in Kleingruppen auf die Räume verteilen.”

Das Konzept ging auf, wie Reisen8 aus München findet: „Genau die richtige Mischung aus Spielerischem und Ernsthaftigkeit für einen ersten Abend.“ Sie erzählt: „Der Veranstaltungsort ‘Bildwechsel’ war Programm und das Klingelzeichen zentral: Alle 20 Minuten drängten sich die vier Kleingruppen zum Raumwechsel aneinander vorbei. An jeder Station wurde eine Arbeitsgruppe aus dem Umfeld von FemNetz vorgestellt, manche erst im Stadium einer Idee, alle auf der Suche nach Mitstreiter*innen. Bunt und klebrig ging es im Themenraum FemNetz-Mailingliste zu“, sagt sie. Sophie Elisabeth und IvaBerlin verschafften sich einen Überblick, indem sie farbige Punkte zu Statements wie „Ich verwende einen Virenscanner – ja – nein – was ist das überhaupt?“ kleben ließen. Den Blick über den Tellerrand wagten Elena Patrise und und FemNetzCon-Mitorganisatorin Helga Broll an der Station „Die Ränder von Wikipedia“: Ihnen ging es darum, sich Fachwissen von Institutionen und Einzelpersonen zu ⁷holen, auch mal nur punktuell – und um unkomplizierte, produktive Vernetzung. „Banden bilden“ unter der Leitung von Alpenhexe von der Stuttgarter Schreibgruppe wiki:wo:men zielte auf die Bildung einer Arbeitsgruppe ab, um gemeinsam Argumente für Auseinandersetzungen onwiki zu sammeln. Bei „60 Minuten – Gender & Diversity in der Wikipedia“, gingen Mushushu aus Berlin und Leserättin aus Stuttgart, die Organisatorinnen dieser Online-Workshop-Reihe von Wikipedianer*innen für Wikipedianer*innen, mit einem Füllhorn an Anregungen und Themenvorschlägen für künftige Veranstaltungen zufrieden aus der Aktion heraus.

Offen und lebendig bleiben: Wie strukturiert sich ein machtkritisches Netzwerk?

Nach fast fünfjährigem Bestehen stellten sich dem fluiden Netzwerk FemNetz etliche Fragen: Welche Ziele wollen wir erreichen? Wohin wollen wir uns entwickeln? Wie kann das Netzwerk unter Vermeidung von Hierarchien und der Überlastung einzelner Mitwirkender zielgerichtet und effizient arbeiten? „FemNetz möchte offen bleiben“, beschrieb Helga Wiki, eine FemNetzCon-Organisatorinnen, die Herausforderung. „Wir wollen unsere fluide Struktur beibehalten und weiterhin neue Impulse von Individuen und Gruppen aufnehmen – kurz gefasst: FemNetz soll lebendig bleiben!“ Unter dem Schlagwort „Quo vadis, FemNetz?“ diskutierten die Teilnehmer*innen in mehreren Runden in kleinen Gruppen mögliche Lösungen. Das Ergebnis der Diskussionen ist ein sogenanntes holokratisches Organisationsmodell, das allen Interessierten die Möglichkeit zur Teilhabe und zum Einbringen von neuen Initiativen gibt, ohne dass zentral Vorgaben gemacht werden. “Für mich ist der Charme unseres Modells”, sagt die Wikipedianerin Leserättin, “dass alle die Möglichkeit haben, sich nach aktuellem Interesse und zeitlicher Verfügbarkeit wechselnd einzubringen und dass dies wertgeschätzt wird. Pausen im Engagement sind möglich. Alle können jederzeit mit einer neuen Idee eine neue Arbeitsgruppe gründen.” Die gewählte Struktur unterscheidet im Netzwerk die Mitwirkungsebenen (1) Informiert werden, (2) Austauschen und (3) Gestalten. Drei Arbeitsgruppen werden die Arbeitsergebnisse der “Quo vadis”-Runden im Nachgang der Con verfeinern und zusammenfassen.

Was ist relevant für die Wikipedia?

Im Zusammenhang mit marginalisiertem Wissen wurde auf der FemNetzCon auch über die Relevanzkriterien der Wikipedia diskutiert. Diese von der Community ausgearbeiteten Kriterien legen fest, was in der Online-Enzyklopädie Platz findet und was nicht. In einem Workshop diskutierten die Teilnehmenden Kritikpunkte und neue Lösungsansätze. Darunter zum Beispiel: Werden die bestehenden Relevanzkriterien auf alle Geschlechter gleichermaßen angewendet? Oder: Wie können die Kriterien angepasst werden, um Frauenleistungen umfassender abzubilden?

Die Wikipedianerin ScheWo, die den Workshop vorbereitet hatte, hält fest: Die Relevanzkriterien seien zwar grundsätzlich neutral, alledings zeige sich aufgrund der historisch gewachsenen  Diskriminierung von Frauen, „dass deren Leistungen durch die bestehenden Relevanzkritereien weniger anerkannt werden.“ Denn Bereiche, in denen Frauen jahrhundertelang überwiegend tätig waren und Herausragendes geleistet haben, so in der Haushaltung und Kindererziehung, gelten danach nicht als enzyklopädisch relevant.

Daneben würden die Leistungen von Frauen zum Teil nicht wahrgenommen und gewürdigt, obwohl die Forschung da schon weiter ist. Alpenhexe nennt als Beispiel die „Liste bedeutender Bergsteiger“ in der Wikipedia. Dort sei unter anderem behauptet worden, dass es keine bedeutenden Bergsteigerinnen gebe. Alpenhexe hat das korrigiert. Den Umstand, dass weibliche Leistungen in der Wikipedia vielfach ausgeblendet würden, beschreibt sie als ihre Hauptmotivation, überhaupt als ehrenamtliche Autorin mitzumachen.

Care-Arbeit in der Wikipedia

In einem weiteren Workshop ging es um Care-Arbeit in der Wikipedia. Für die Organisatorinnen des Workshops, die Wikipedianerinnen Medea7 und Papierautobahn, bedeutet “Care”, dass wir uns um all das kümmern, was uns wichtig ist. Auch Frauen gehen miteinander oft nicht mit Sorgfalt um, sondern spiegeln patriarchal geprägte Konkurrenzstrukturen. Dabei ist Care in digitalen Kulturen besonders wichtig, aber zugleich besonders schwer umzusetzen, weil die Kommunikation abstrahiert und vom Körper entkoppelt ist. Was bedeutet das für FemNetz? Die Workshop-Teilnehmerinnen sprachen über die Gestaltung der FemNetzCon, so dass sie die Bedürfnisse aller (potenziellen) Teilnehmer*innen berücksichtigt und gleichzeitig ein Ausbrennen von Mitgliedern der Vorbereitungsgruppe vermeidet. Thema war aber auch, dass in der Wikipedia das Thema “Care” unterrepräsentiert ist.

Queeres Wissen, Wissen queeren

„Wissen ist nicht nur Macht – Wissen bildet immer auch Machtverhältnisse ab.“ So wiederum beschreibt Helga Wiki eine der zentralen Erkenntnisse aus der öffentlichen Veranstaltung „Queere KI und Wikipedia“, die am Vorabend der FemNetzCon stattfand. Mit dabei waren die Kultur- und Medientheoretiker*innen Sara Morais dos Santos Bruss und Lotte Warnsholdt. Erstmals wandte sich damit ein FemNetz-Treffen explizit außerhalb des Wikipedia-Kontextes auch an eine interessierte Öffentlichkeit – mit gutem Zuspruch, denn zur Veranstaltung fanden sich knapp 50 Teilnehmende aus den unterschiedlichsten Kontexten ein.

Diskutiert wurde darüber, wie verhindert werden kann, dass KI-Systeme, die auch mit den Datensätzen der Wikipedia trainiert werden, Gender-Stereotype reproduzieren, die in diesen Daten enthalten sind. KI, so Helga Wiki, sei „nie ahistorisch oder neutral, sondern eingebettet in die Machtverhältnisse unserer Gesellschaft.“ Wissen zu „queeren“ bedeute entsprechend, genau diese Herrschaftsgefälle kritisch zu durchleuchten. Was auch für die Bestände vieler Archive oder Museen gelte, die oftmals auf gewalttätige koloniale Sammlungspraxen zurückgingen – und nicht unhinterfragt bleiben dürften.

Gendersensible Sprache

Am Sonntag, dem letzten Veranstaltungstag, hielt Christine Olderdissen von genderleicht.de einen Vortrag mit Übungseinheit zum Thema gendersensible Sprache ohne Sonderzeichen. Sonderzeichen als Lösung für gendersensible Sprache lässt die amtliche deutsche Rechtschreibung nicht zu, dem folgt die Regelung in der deutschsprachigen Wikipedia aktuell. Die Veranstaltung war auch für interessierte Männer geöffnet. Monoett aus Heidelberg nahm aus der komprimierten Übersicht einige Anregungen für ihre Wikipedia-Arbeit mit: „Christine Olderdissen appellierte mit vielen Übungen an Sprachgefühl und Kreativität der Zuhörenden. Sie gab die Empfehlung, Frauen so oft wie möglich direkt zu nennen oder aber geschlechtsneutral zu formulieren, z. B. durch die Verwendung der Pluralform.“ Aktive Formulierungen oder Partizipien, die eher die Tätigkeiten als die Personen beschrieben, also z. B. statt der konkreten Begriffe  „Kritiker“ und „Autor“ sei eine Formulierung wie „üben Kritik“ und „geschrieben von“, sowie das Weglassen von Relativpronomen hilfreich,  um elegant genderneutral  zu formulieren.

FemNetz ist ein Netzwerk von Wikipedianer*innen, Schreibgruppen, Projekten und Initiativen mit feministischen Anliegen. FemNetz möchte den Anteil der schreibenden und repräsentierten Frauen sowie von inter, trans und nonbinären Personen in der Wikipedia-Community nachhaltig erhöhen. Aktive Gruppen des Netzwerks sind: WomenEdit, Who writes his_tory? mit Verbindung zu Art+Feminism, wiki:wo:men, 60 Minuten (Workshop-Reike) und weitere Gruppierungen. Die Netzwerkmitglieder stammen vorwiegend aus Deutschland, Österreich und der Schweiz (D-A-CH).

Für Einsteiger*innen, die gern bei Wikipedia mitmachen würden, aber nicht genau wissen, wie das funktioniert, gibt es das FemSupport-Netzwerk – die Ansprechpartner*innen leisten hier gern Hilfe.

Diese Initiativen und Projekte aus dem FemNetz machen sich ganzjährig für mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Wikipedia stark:

  • WomenEdit

    Bei regelmäßigen Treffen von Wikipedianerinnen wird gemeinsam editiert – vor Ort und online. In Berlin jeweils am ersten Mittwoch im Monat in der Geschäftsstelle von Wikimedia Deutschland und am dritten Mittwoch im Lokalen Wikipedia-Raum WikiBär. In Erlangen trifft sich WomenEdit üblicherweise am zweiten Montag im Monat in der Stadtbibliothek.

  • Women in Red

    Der deutschsprachige Teil des internationalen kollaborativen Projekts „Women in Red“ hat zum Ziel, so viele rote Links auf fehlende Frauenbiografien in der Wikipedia wie möglich in blaue umzuwandeln.

  • wiki:wo:men

    Der Arbeitskreis wiki:wo:men trifft sich monatlich in Stuttgart. Eingeladen sind alle Menschen, die Interesse am Thema „Frauen in der Wikipedia“ haben – egal, ob erfahrene Wikipedianer*innen oder Neulinge. Die Treffen finden in der Regel an jedem 3. Freitag im Monat statt.

  • Workshop-Reihe 60 Minuten – Gender & Diversity in der Wikipedia

    Die Online-Workshop-Reihe dient dem länderübergreifenden Austausch (Deutschland, Österreich, Schweiz) zu Fragen rund um Gender und Diversity in der Wikipedia – an jedem 4. Montag im Monat von 19 bis 20 Uhr.

  • Mentorinnennetzwerk FemSupport

    Das feministische Support-Netzwerk bietet kollegiale Unterstützung für Frauen, die bei Wikipedia aktiv werden wollen, sich aber im Dschungel der Hilfeseiten und Video-Tutorials (noch) nicht zurechtfinden.

  • Wiki Riot Squad Berlin

    Im Rahmen von Schreibwerkstätten und Edit-a-thons werden Wikipedia-Artikel diskutiert und bearbeitet – der Fokus liegt dabei auf möglichen Gender Bias, also einer verzerrten Wahrnehmung durch sexistische Vorurteile und Stereotype.

  • Who writes his_tory?

    Dieses Schweizer Projekt hinterfragt die Reproduktion von Wissen und struktureller Diskriminierung im Internet und vor allem auf Wikipedia. In der Schweiz sind außerdem Les sans pagEs (französischsprachig) und die Künstler*innengruppe Femme Artist Table FATart aktiv.

  • TypIn*frauen*schreiben*wiki

    In Österreich gibt es die TypIn*frauen*schreiben*wiki – eine Schreibwerkstatt für Frauen in Graz.

  • WikiFrauen Hannover

    Alle zwei Monate, am dritten Montag im Monat von 17 bis 19 Uhr treffen sich im Büro von Wikipedia:Hannover Frauen, die im „Wikiversum“ mitarbeiten wollen

  • WikiMUC Frauenzimmer

    Alle acht Wochen treffen sich beim WikiMUC Frauenzimmer Wikipedianerinnen aus dem Raum München zum zwanglosen Austausch, aber auch zum Editieren, Inspirieren und voneinander Lernen. Neueinsteigerinnen und Interessierte sind herzlich willkommen.

Innerhalb weniger Jahre, in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, hat sich das Gesicht der europäischen Malerei radikal gewandelt. Es entstanden Avantgarde-Bewegungen wie Expressionismus, Kubismus oder Futurismus, Stile, „die ihre Verbreitung vor allem über Ausstellungen rund um die Welt fanden“, wie Daniel Burckhardt beschreibt.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter am MMZ – dem Moses Mendelssohn Zentrum für Europäisch-Jüdische Studien an der Universität Potsdam – hat einen Forschungsschwerpunkt auf Digitalisierungsstrategien und war von 2017 bis 2021 an einem besonderen Projekt in Wien beteiligt: „Exhibitions of Modern European Painting 1905 -1915“. Das Forschungsvorhaben hatte zum Ziel, Ausstellungskataloge aus dem entsprechenden Zeitraum zu analysieren: Welche Gemälde haben Künstschaffende wann und wo ausgestellt? Verfolgten sie dabei bestimmte Strategien, um sich bekannt zu machen? Und wie interagierten die Ausstellungen mit Publikum und Kunstkritik?

Database of Modern Exhibitions

Erstellt wurde dafür die Database of Modern Exhibitions (DoME).  „Wir haben die Kataloge von knapp 1400 Ausstellungen mit über 200.000 Einträgen und rund 13.000 Künstlern erfasst“, so Burckhardt. Der Forscher, der ursprünglich Mathematik sowie Wissenschafts- und Technikgeschichte studiert hat, betont aber auch: „Namen sind erst einmal nur Schall und Rauch“. Weswegen Linked Open Data (LOD) eine entscheidende Rolle bei diesem Projekt spielen. „Knapp 10.000 unserer 13.000 Künstler“, sagt Burckhardt, „haben mittlerweile einen stabilen Identifier in Wikidata“ – was die eindeutige Zuordnung der Personen ermöglicht. Enorm hilfreich angesichts der Tatsache, dass etwa in vielen der Ausstellungskataloge aus dem frühen 20. Jahrhundert Frauen oft unter dem Namen ihres Mannes geführt sind. Wie beispielsweise „Mrs. Geoffrey Buckingham Pocock“. „Bis man herausbekommt, dass sich dahinter vermutlich die britische Künstlerin Anna Airy verbirgt, ist viel Recherche nötig“, erklärt Burckhardt. „Auch hier kann Wikidata weiterhelfen, wo im Zweifelsfall der Geburtsname der betreffenden Person vermerkt ist.“

Wikidata als Brücke

Der Digitalisierungsexperte hat schon zuvor an Projekten gearbeitet, bei denen Linked Open Data ein wesentlicher Faktor waren. Im Rahmen des Kultur-Hackathons „Coding da Vinci” wirkte er zum Beispiel schon 2014 an „Verbannte und Verbrannte“ mit – einer Webseite, auf der die im Nationalsozialismus verbotenen Publikationen, Autor*innen und Verlage gelistet sind.

Als Datengrundlage diente hier die vom Land Berlin als offene Daten veröffentlichte „Liste der verbrannten Bücher“, in einem nächsten Schritt erfolgte ein automatisierter Abgleich der Listeneinträge mit den Katalogdaten der Deutschen Nationalbibliothek, was eine eindeutige Identifikation der Autor*innen und Herausgeber über die sogenannte GND-Nummer ermöglichte. Darüber wiederum konnte aus anderen Web-Services – wie Wikidata – Lebensdaten der Personen (Geburts- und Sterbedatum sowie Geburts- und Sterbeort) eingelesen und die Einträge mit dem entsprechenden Wikipedia-Artikel verknüpft werden.

Den Vorteil von Wikidata gegenüber Datenbanken wie GND oder ULAN („Union List of Artists Names“) sieht Burckhardt darin, „dass sich bei Wikidata Identifier leichter anlegen lassen, wo sie noch nicht existieren.“ Zudem sei die freie Datenbank eine Brücke zu anderen Schemata wie eben GND, ULAN oder VIAF (Virtual International Authority File). Einstein zum Beispiel, sagt Burckhardt, habe etliche verschiedene Normdaten-Identifier. Wenn er gefragt werde, welchen man denn verwenden solle, entgegne er: „Wichtig ist nur, überhaupt einen zu nehmen – die übrigen bekommt man über Wikidata heraus.“

Internationale Fragen: Hund oder chien?

Ergänzungsbedarf sieht Burckhardt in Bereich LOD generell noch bei Werkdaten für Kunstwerke. Ein Bildtitel wie „Frau mit Hund“ etwa sei im Untersuchungszeitraum des Projekts „Exhibitions of Modern European Painting 1905 -1915“ geradezu inflationär oft verwendet worden – wenn Ausstellungen in verschiedenen Ländern gezeigt wurden, komme dazu noch die lokalsprachliche Hürde: Handelt es sich bei „Frau mit Hund“ und „Femme avec chien“ um dasselbe Werk?

Mit Blick auf die Internationalität wiederum habe sich Wikidata im Kontext der Forschungsarbeit sehr bewährt: „Die GND etwa hat einen Fokus auf Deutschland, Österreich und die Schweiz, deckt aber Frankreich oder Italien kaum ab“, erläutert Burckhardt. „Bei einem transnationalen Projekt wie DoME, das rund 20 Länder umfasst, hat Wikidata aufgrund der globalen Vernetzung sehr geholfen, solche Lücken zu füllen.“ Zudem gäbe es in der Database of Modern Exhibitions viele russische Einträge, auch im Kyrillischen, das noch dazu in Deutschland anders transkribiert werde als in den USA. Sprich: „Wenn eine russische Künstlerin in den USA ausstellt, erscheint ihr Name anders im Katalog als bei ihrer Ausstellung in Deutschland“. Auch in solchen Fällen sei die multilinguale Wikidata, die eine Brücke zu verschiedenen Alphabeten biete, „eine gute Quelle.“

Highlight Mix’n’Match

Besonders aber schwärmt der Wissenschaftler von der Zusammenarbeit mit der Wikidata-Community. Nicht nur verlief die Beantragung einer Wikidata-Property für sein Projekt, die Personen in der Datenbank mit ihren Wikidata-Datenobjekten verknüpft, höchst unproblematisch: die „DoME artist ID“ wurde binnen kurzer Zeit etabliert. Sondern es erwies sich auch ein Tool als „Highlight“, so Burckhard, das von User Magnus Manske – eine Legende des Wikiversums – entwickelt wurde: Mix’n’Match. Mit dessen Hilfe lassen sich die eigenen Daten mit Wikidata abgleichen, um festzustellen, welche bereits in Wikidata existieren und welche noch keine Datenobjekte haben.

Beim Abgleich der DoME-Daten habe „die Community extrem unterstützt“, so Burckhardt. „Das alles selbst zu machen, wäre enorm aufwändig gewesen.“ Bei der großen Mehrheit der Personen aus DoME gäbe es gute Matches, Namen und Geburtsdaten stimmten überein, „es muss sich also um dieselbe Person handeln.“ In rund 1300 Fällen bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit der Übereinstimmung, für 3000 Personen existiere möglicherweise noch kein Wikidata-Eintrag. „Durch den Abgleich haben wir bei uns auch viele Doppelungen und fehlende Einträge gefunden“, erzählt Burckhardt. „Die Datenqualität konnte deutlich verbessert werden.“

Linked Open Data für Ausstellungen

Das Projekt DoME – gefördert aus dem österreichischen Wissenschaftsfonds FWF – ist zwar unterdessen abgeschlossen. Aber ungefähr einmal im Quartal lässt Burckhardt ein Skript laufen um zu schauen: „Gibt es einen neuen Wikidata-Identifier zu einem DoME-Eintrag, der noch keinen besitzt?“. Eine laufende Datenpflege. Im Rahmen des Projekts fand auch ein Workshop statt, in dem es um die Perspektive von LOD speziell für Ausstellungen ging. „Der Tenor war, dass Wikidata das passende Projekt dafür wäre“, so Burckhardt. Für einzelne Fälle – etwa die „Armory Show“ von 1913, mit der die europäische Moderne in die USA getragen wurde – gäbe es zwar Einträge. Aber das seien eher eine Handvoll als Zehntausende. Hier läge also noch viel Potenzial.

Generell habe er nur gute Erfahrungen mit Wikidata gemacht, bilanziert Burckhardt – gerade dort, wo es um die Abgleiche von Einträgen ging. Im Wissenschaftsbereich sei ja das Thema „Named Entity Recognition“ auf dem Vormarsch, also das automatisierte Herauslesen von Namen aus einem Text durch eine KI. Sie hätten das auch für die Database of Modern Exhibitions versucht, für Kataloge französischer Salons mit tausenden beteiligten Künstler*innen, so Burckhardt. „Aber das hat am Ende nicht wirklich Zeit gespart.“ Überprüft werden müssten die Übereinstimmungen – handelt es sich den Namen wirklich um die fraglichen Künstler*innen? – schließlich trotzdem: „Und da sind die Wikidata-Informationen sehr verlässlich.“

Daniel Burckhardt ist davon überzeugt, dass die Arbeit mit der freien Datenbank für viele Kulturinstitutionen einen Mehrwert bieten könnte. Entsprechend regt er an: „Warum nicht mal ein Wikidata-Hackathon für GLAM-Einrichtungen?“

Am 14. Mai 2024 ist es soweit: Die Empfehlungen “Offene KI für alle!” werden als feierlicher Abschluss des Forums Offene KI in der Bildung bei Wikimedia Deutschland präsentiert. Dabei wird die Bildungswissenschaftlerin und Pädagogin Nele Hirsch mit folgenden Bildungs- und Digitalpolitiker*innen zu den Empfehlungen ins Gespräch kommen:

  • Dr. Holger Becker, MdB, SPD-Fraktion, Mitglied im Ausschuss für Digitales und im Ausschuss für Bildung und Forschung
  • Anke Domscheit-Berg, MdB, digitalpolitische Sprecherin DIE LINKE im Bundestag
  • Maximilian Funke-Kaiser, MdB, digitalpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion
  • Sabine Grützmacher, MdB, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Digitalpolitikerin und Bildungsinformatikerin
  • Franziska Hoppermann, MdB, CDU/CSU-Fraktion, Mitglied im Ausschuss für Digitales

Ziel ist es, Maßnahmen seitens der Politik zu ermitteln, wie der Einsatz und die Weiterentwicklung von KI in der Bildung offen und gemeinwohlorientiert gestaltet werden können. Es sollen möglichst konkrete Vorschläge diskutiert werden, wie die Empfehlungen in die Umsetzung gebracht werden können.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, an der Veranstaltung teilzunehmen (vor Ort in Berlin oder digital), Fragen an die anwesenden Politiker*innen zu stellen und mitzudiskutieren. Die Anmeldung zur Veranstaltung ist hier möglich.

Worum geht es in den Empfehlungen?

Generative KI und vor allem ChatGPT hat an vielen Stellen Einzug in das deutsche Bildungssystem gehalten und sorgt(e) für große Fragezeichen auf Seiten von Lehrpersonen, Bildungsinstitutionen und Bildungspolitik. Nahezu alle Bundesländer haben inzwischen eigene Leitfäden für Lehrpersonen im Umgang mit KI veröffentlicht. Jetzt gilt es, auf bestehende Ansätze der Länder aufzubauen, Erfahrungswerte aus der Praxis zusammenzubringen und politische Kräfte so zu bündeln, dass wegweisende Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine “Offene KI für alle!” ermöglicht.

Dafür hat Wikimedia Deutschland e. V. in Zusammenarbeit mit Nele Hirsch das Forum Offene KI in der Bildung geschaffen, um im Austausch mit verschiedenen Expert*innen aus der Bildungslandschaft, Empfehlungen auf den Weg zu bringen, die die Perspektive von Offenheit und Gemeinwohlorientierung bei KI stärker in den Blick nehmen. Mit insgesamt zehn Empfehlungen richten wir uns deshalb dezidiert an Bildungs- und Digitalpolitiker*innen auf Bundes- und Landesebene. Die Empfehlungen decken dabei die folgenden Bereiche ab: 1. Infrastruktur und Zugang, 2. Offene Bildungspraxis, 3. Grundrechte im digitalen Raum.

Wie sind die Empfehlungen entstanden?

Entstanden sind die Empfehlungen zwischen November 2023 und Mai 2024 in mehreren kollaborativen Schreibwerkstätten. Ausgangspunkt dafür war der im Frühjahr 2023 verfasste Aufruf “Künstliche Intelligenz, Offenheit und Pädagogik” der Initiative OE/AI, der auf dem Barcamp edunautika zu zeitgemäßer Pädagogik im digitalen Wandel verfasst wurde. Die Beteiligten kamen aus den folgenden Bildungssektoren: Dozierende aus Universitäten und Hochschulen, Lehrkräfte allgemeinbildender und beruflicher Schulen, Lehrpersonen aus Erwachsenenbildungsinstituten, Mitarbeitende aus Fortbildungsinstituten der Bundesländer, aus politischen Stiftungen sowie Bildungsstiftungen und -organisationen.

Anne-Sophie Waag, Sarah Behrens und Nele Hirsch (von links nach rechts) sitzen nebeneinander. Nele Hirsch spricht und gestikuliert.

Wie geht es weiter?

Mit der Veröffentlichung der Empfehlungen fängt die Diskussion erst richtig an. Dafür sind wir in den nächsten Wochen und Monaten bei verschiedenen Konferenzen. Den Auftakt bildete am 24. und 25. Mai die Konferenz Bildung Digitalisierung. Hier gaben Sarah-Isabella Behrens und Anne-Sophie Waag von Wikimedia Deutschland e. V. gemeinsam mit Nele Hirsch im Rahmen eines Meet-Ups einen Sneak Peak in die Empfehlungen. Das große Interesse der Teilnehmenden und die angeregte Diskussion zeigten, dass das Thema viele Menschen in der Bildung aktuell beschäftigt und die Empfehlungen einen Nerv treffen.

In den kommenden Wochen werden wir bei folgenden Veranstaltungen über die Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem Forum Offene KI in der Bildung sprechen und freuen uns, hier mit Ihnen und Euch in den Austausch zu kommen:

Nach Veröffentlichung der Empfehlungen “Offene KI für alle!” stehen diese hier unter freier Lizenz für alle Interessierten zur Verfügung: Zum Herunterladen, Teilen, Weiterentwickeln und Weiterdiskutieren!

Wenn der Staat langfristig handlungs- und strategiefähig sein möchte, muss er dringend die notwendige Basis für eine moderne Verwaltung legen. Dafür ist eine solide Daten- und IT-Grundlage auf dem Stand der Technik unerlässlich – sowohl um die Potenziale von Open Data zu nutzen als auch für den Einsatz künstlicher Intelligenz. Unter der Schirmherrschaft von Nadine Schön MdB (stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU Bundestagsfraktion und Mitglied im Ausschuss für Digitales) ging es beim parlamentarischen Frühstück deswegen um die Fragen: Welche Rahmenbedingungen müssen Politikschaffende für den Einsatz von KI setzen? Welchen Beitrag kann Open Data zur Modernisierung der Verwaltung leisten?

Offene Daten für die Verwaltungsmodernisierung

Welchen Vorteil hat Open Data für den Einsatz künstlicher Intelligenz in Behörden und für Verwaltungsmodernisierung? Darum ging es in dem Impuls, den Stefan Kaufmann, Referent für Politik und öffentlicher Sektor bei Wikimedia Deutschland und Henriette Litta, Geschäftsführerin der Open Knowledge Foundation, in die Diskussion mit den Parlamentarier*innen einbrachten.

Momentan wird bei KI-Systemen vielerorts auf generative KI gesetzt. Sie werden mit Datensätzen darauf trainiert, Texte und Bilder anhand von Aufforderungen („Prompts“) zu generieren, die anhand der Trainingsdaten wahrscheinlich wirken. Gut trainierte Large Language Models können so Texte erzeugen, die für Außenstehende häufig verblüffend natürlich wirken. Bisweilen neigen sie jedoch zu Halluzinationen – sie geben dann im Brustton der Überzeugung Sachverhalte wieder, die sich in der Realität ganz anders darstellen.

Genau das kann passieren und ist bereits passiert, wenn solche Systeme mit Bestandsdokumenten der Verwaltung gefüttert werden. Litta und Kaufmann argumentierten deswegen dafür, durch die automatisierte Veröffentlichung von Linked Open Data die Grundlage für Symbolic AI zu schaffen – also Systeme, die aus dem maschinenlesbaren Wissen der öffentlichen Hand beweisbare Schlussfolgerungen ziehen können. Die Bereitstellung von offenen und maschinenlesbaren Daten kann gewährleisten, dass staatlich eingesetzte KI-Systeme Nutzende mit zuverlässigen Informationen versorgen. So wie zum Beispiel die Wissensdatenbank Wikidata, die offene und manschinenlesbare Daten zur Verfügung stellt, die Datengrundlage für Sprachassistenzsysteme und andere Anwendungen darstellt, könnten so auch staatliche Informationen in entsprechende Auskünfte einbezogen werden.

Die Öffnung des eigenen Wissens – seien es Daten, Studien oder Gutachten – durch die Verwaltungen wird bisher oft als Maßnahme für Dritte verstanden: Durch Transparenz soll Vertrauen aufgebaut oder erhalten werden. Verwaltungsdaten sollen auch der Wirtschaft zugänglich sein und so zur Wertschöpfung beitragen.
Was dabei viel zu wenig Beachtung findet: Die technische Infrastruktur, die es dafür braucht, nutzt den Behörden selbst. Die Modernisierung der staatlichen IT-Infrastruktur, die Open Data erst möglich macht, schafft auch die Grundlagen, die für die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes oder auch die Registermodernisierung notwendig sind. Und ein reibungsloser Zugriff auf Informationen anderer Abteilungen im eigenen Haus vereinfacht viele Arbeiten im Behördenalltag.

Was es für den Einsatz von Open Data nun braucht

Um den Einsatz von Open Data politisch zu fördern, müssen nun verschiedene Hebel in Bewegung gesetzt werden. Zentral sind neben dem Rechtsanspruch auf Open Data im Rahmen eines starken Transparenzgesetzes eine Reform des § 5 UrhG sowie die konsequente Anwendung des bereits bestehenden Servicestandards für die digitale Verwaltung. Neben diesen politischen Veränderungen braucht es jedoch auch einen allgemeinen Paradigmenwechsel, durch den der Fokus bei der Verwaltungsdigitalisierung auch auf die IT-Architektur hinter der Bildschirmvorderseite gelenkt wird. Dass dies in der Praxis funktionieren kann, zeigen Länder wie Schleswig-Holstein und Berlin. Sie begreifen Datenmanagement bereits heute als Infrastrukturaufgabe und sind im Begriff, ihre digitale Infrastruktur durch Linked Open Data auf ein solides Fundament zu stellen.

Ein finales Plädoyer des Bündnis F5 ist, dass die Zivilgesellschaft mit all ihrer Expertise stärker bei der Entwicklung und Umsetzung von Technologiestandards wie Open Data einbezogen werden muss. Durch den Wissenstransfer aus der Zivilgesellschaft kann die Verwaltung eigene Kompetenzen aufbauen und müsste viele Aspekte der strategischen Digitalisierung gar nicht neu erarbeiten. Die Abhängigkeit von externen kommerziellen Dienstleistern kann zugleich reduziert werden.

KI-Transparenzregister zur Folgenabschätzung

Wenn es um den Einsatz von KI-Anwendungen in der Verwaltung geht, ist besondere Sorgfalt geboten. Denn immerhin entscheiden Behörden täglich darüber, ob Bürger*innen staatliche Dienste und soziale Leistungen – von der Erteilung der Baugenehmigung über Rentenbezüge bis zu Sozialleistungen erhalten. Es braucht daher mindestens Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Daher argumentierte Matthias Spielkamp, Geschäftsführer AlgorithmWatch, für ein KI-Transparenzregister. Das Register kann einen Überblick über Zweck, Hersteller, Zuverlässigkeit und Wirksamkeit der in Behörden eingesetzten KI-Anwendungen bieten. Es würde gleichzeitig dazu beitragen, die Öffentlichkeit zu informieren und Wissen zwischen Behörden auszutauschen.

Vor allem könnte das KI-Transparenzregister gewährleisten, dass die eingesetzten Anwendungen nachweisbar mit Grundrechten und demokratischen Prinzipien vereinbar sind. Zugleich würde es die KI-Kompetenz der Verwaltung erhöhen. Durch ein zweistufiges System zur Folgenabschätzung würde das Risiko negativer Folgen durch KI-Systeme minimiert. Die Ergebnisse der Abschätzung würden im Transparenzregister veröffentlicht, sodass es einen entscheidenden Beitrag dazu leisten würde, den Einsatz von KI-Systemen in Behörden besser nachvollziehen zu können. Das würde dazu führen, das Vertrauen in die Arbeit der Verwaltung zu erhalten oder sogar zu stärken. Die Behörden würden dabei von KI-Fachleuten unterstützt, sodass sie ihre Kompetenzen zugleich stärken könnten. Matthias Spielkamp appellierte deshalb an die anwesenden Politiker*innen, das KI-Transparenzregister als Teil der nationalen Umsetzung der KI-Verordnung auf den Weg zu bringen.

Auch wenn die Zeit nicht ausreichte, um die vielen offenen Fragen rund um die Themen zu besprechen, bot das parlamentarische Frühstück den Parlamentarier*innen und den Organisationen im Bündnis F5 einen wertvollen Austausch darüber, wie die Verwaltungsdigitalisierung durch Verbindlichkeiten und Vorgaben in den Bereichen Künstliche Intelligenz und Open Data und den Erfahrungsaustausch mit der Zivilgesellschaft vorangebracht werden kann.

Die coolsten Wikipedianer*innen der Welt

Tuesday, 30 April 2024 14:38 UTC

Zwischen dem 1. Januar und dem 5. März 2024 nahm ich an einer Mission des italienischen Nationalen Antarktis-Forschungsprogramms (PNRA) an Bord des Eisbrechers RV Laura Bassi teil, die durch das Rossmeer, das größte Schutzgebiet der Welt, führte. Da ich mich in meiner Forschung als analytischer Chemiker an der Universität Genua mit Umwelt und Klimawandel beschäftige, war es nicht das erste Mal, dass ich die Antarktis bereiste. Aber dieses Mal hatte die Mission einen besonderen Mehrwert, der mit einer anderen großen Leidenschaft von mir zusammenhing: Wikipedia.

Bei meinen vier vorherigen Missionen hatte ich bereits mit Kolleg*innen, die ich auf dem Schiff oder in der Forschungsbasis traf, über meine ehrenamtliche Arbeit an Wikipedia gesprochen und dabei oft andere Wikipedianer*innen oder Menschen kennengelernt, die sich sehr für das Projekt interessierten. Gleichzeitig wusste ich – wie viele andere Leser*innen oder Freiwillige –, dass sowohl in der italienischen Wikipedia, als auch in anderen Sprachversionen Artikel fehlen oder nur unvollständig vorhanden sind, die sich mit der Antarktis und ganz allgemein mit dem Klimawandel befassen. Vor meiner Abreise hatte ich also die Idee, einen Edit-a-thon, einen Wikipedia-Schreibmarathon, zu organisieren, der sich genau diesen Themen widmet. Glücklicherweise wurde mein Vorschlag vom Chef der Mission und anderen Kolleg*innen positiv aufgenommen. Und so organisierten wir den ersten Edit-a-thon aus der Antarktis.

Technische Grenzen

Wie man sich vorstellen kann, ist das Leben auf einer antarktischen Station nicht einfach, vor allem, wenn sie sich auf einem Schiff befindet, das sich durch das Eis bewegt, gegen den Widerstand von starken Winden und manchmal erheblichen Wellen. Alle an der Mission beteiligten Personen müssen Experimente im Zusammenhang mit ihrem Forschungsprojekt durchführen, außerdem können sie von Kolleg*innen zu Hilfe gerufen oder gebeten werden, Messungen, Probenahmen oder andere Experimente für Wissenschaftler*innen durchzuführen, die sich nicht auf der Station befinden. Der Arbeitsplan ist in variablen Schichten über 24 Stunden verteilt, so dass alle Labore mit maximaler Effizienz genutzt werden können.

Das größte Hindernis für uns Wikipedianer*innen war jedoch ein anderes: Ende Januar 2024, als wir uns entschieden, den Edit-a-thon zu starten, war der Internetzugang begrenzt. Abgesehen von den Rechnern, die von den Navigations- und Logistikdiensten verwendet wurden, hatten nur drei Computer Zugang zu einer Verbindung. Was die Arbeit deutlich erschwert, wenn man in der Wikipedia editieren will. Dieses Problem konnte jedoch ganz einfach gelöst werden: Wir haben offline gearbeitet und uns mit Wikimedia Italien abgestimmt, um Artikel gleich zu Beginn des Marathons zu bearbeiten und zu veröffentlichen. Zusammen mit unseren Kollegen Paola Rivaro, Angela Garzia, Craig Stevens, Jasmin McInerney und Liv Cornelissen schrieben wir also die ersten Artikel für den Edit-a-thon, die als Startschuss für Freiwillige dienten, die aus Italien teilnehmen wollten.

Die Ergebnisse

Wobei der Zeitraum unserer Aktion weit über einen normalen Edit-a-thon hinausging. Ursprünglich hatten wir der italienischen Wikipedia-Community vorgeschlagen, an einer Beitragswoche zum Thema Antarktis und Klimawandel teilzunehmen. Der Vorschlag wurde sehr gut aufgenommen, weit besser noch als erwartet: Aus der Woche, die am 1. Februar 2024 begann, wurde erst ein Monat – und dann entstand daraus ein eigenständiges neues Projekt in der italienischen Wikipedia, das sich ganz der Antarktis widmet, mit einer Antarktis-Basis als Plattform für Diskussionen. Ich hätte nie mit einem solchen Enthusiasmus gerechnet, sowohl bei meinen Schiffskameraden, als auch bei den Freiwilligen der Wikipedia.

Dank des Engagements dieser Leute gibt es heute mehr als 150 neue oder verbesserte Artikel in der italienischen Wikipedia: einige von ihnen sind von grundlegender Bedeutung für die Beschreibung des Kontinents (z.B. Antarktisches Eisschild oder Antarktisches Schelfeis) und der Auswirkungen des Klimawandels (wie Polare Verstärkung oder Rückkopplung des Eisalbedo). Wobei ich besonders jene Artikel hervorheben möchte, die nicht aus der englischen Wikipedia übersetzt, sondern während des Edit-a-thons auf dem Schiff auf Grundlage wissenschaftlicher Quellen komplett neu erstellt worden sind – etwa Terra Nova Bay Polynya, Riff-Wasser mit hohem Salzgehalt und Meerespartikel, aber auch Regenereignis auf Schnee, geschrieben von einem Benutzer in Italien. Diese Artikel haben einen Mehrwert für die gesamte Community, da sie zuvor in allen Wikimedia-Projekten in der italienischen Version fehlten.

Die Teilnahme ausländischer Kolleg*innen, die zur englischen Wikipedia beigetragen haben, war eine unerwartete und sehr willkommene Überraschung (sogar mit Themenfotos, die von Liv Cornelissen und Luisa Fontanot aufgenommen und hochgeladen wurden!). Ich denke, dass alle Forschenden an Bord verstanden haben, wie wichtig die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse gerade auch über eine Plattform wie Wikipedia ist, die Freies Wissen und wichtigen Entdeckungen einem möglichst breiten Publikum zugänglich macht. Wenn wir als „Expert*innen auf unserem Gebiet“ dafür sorgen, dass die Informationen, die die Leser*innen online finden können, zuverlässig sind, ist der Nutzen für alle offensichtlich.

Abschließend möchte ich auch den Verantwortlichen des italienischen Nationalen Antarktis-Forschungsprogramms (PNRA) und Wikimedia Italien für ihr Interesse und ihre Unterstützung in Sachen Logistik und Kommunikation danken, die für den Erfolg unserer Initiative von grundlegender Bedeutung war.

Francisco Ardini ist außerordentlicher Professor für analytische Chemie an der Universität von Genua. Er erforscht die Kontamination in polaren Umgebungen, nimmt an Projekten und Expeditionen in der Arktis und Antarktis teil und führt Aufklärungsaktionen zu diesem Thema für Schulen und Kulturvereine durch. Seit 2020 initiiert er Aktivitäten zu Wikimedia-Projekten (Wikibooks, Wikipedia, Wikivoyage, Wikimedia Commons) für Schulen, Universitäten und Museen im Bereich Chemie und Klimawandel.

Bisher lief das so: Die Wikimedia Foundation in den USA ist die größte und erste Wikimedia-Organisation. Sie ist Betreiberin der Wikimedia-Projekte und die Zentrale der Wikimedia-Organisationen und -Gruppen, die sich auf der ganzen Welt aufgrund ihrer Begeisterung für Freies Wissen gebildet haben. Die Foundation hat bislang stets die globalen Entscheidungen getroffen, allerdings wurden damit nicht immer die Bedürfnisse der Wikimedia-Länderorganisationen berücksichtigt. Damit diese Entscheidungen zukünftig gerechter und nachhaltiger getroffen werden, wird nun auf die Entwicklung dezentraler Governance-Strukturen gesetzt. Nicole Ebber ist Leiterin des Teams Governance und Movement Relations bei Wikimedia Deutschland und erzählt uns mehr über die Bedeutung dieser Entwicklung – für das Movement und die Welt des Freien Wissens.

Nicole Ebber auf dem Wikimedia Summit 2024
Nicole Ebber auf dem Wikimedia Summit 2024

Hallo, Nicole! Wie kam es zu dem Gedanken, sich innerhalb des Wikimedia Movements anders aufzustellen bzw. gerechter zu organisieren?

Der Gedanke entstand bereits 2013, 2014, als Wikimedia Deutschland das Projekt “Chapters Dialogue” durchgeführt hat, in dem wir uns mit allen Wikimedia-Mitgliederorganisationen weltweit ausgetauscht haben. Da stand bereits die Frage im Raum, wie wir bessere Entscheidungen im Sinne jener treffen, die sie am meisten betreffen oder wie Ressourcen sinnvoller verteilt werden können. Ende 2016 startete dann offiziell ein großangelegter  Strategieprozess unter der damaligen Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation, Katherine Maher. Ein Ziel war auch, in die Zukunft von Wikimedia über Wikipedia hinauszublicken. Die Bewegung sollte sich intern stärken, um gemeinsam eine kraftvolle Zukunft für Freies Wissen zu gestalten. Ein Ergebnis dieses Prozesses von 2018 bis 2020 waren 10 Handlungsempfehlungen – eine davon: Gerechtigkeit in der Entscheidungsfindung. Damit sollen Beschlüsse nicht nur zentral bei der Wikimedia Foundation liegen, sondern auch dezentralisiert und repräsentativer werden.

Welche Vorteile bringt ein dezentraler Ansatz in der Bewegung und warum kann das für jede Organisation ein guter Weg sein?

Es ist wichtig, diejenigen einzubeziehen, die von Entscheidungen betroffen sind, um ihre Unterstützung zu gewinnen. Und dadurch, dass unser weltweites Movement so groß und divers ist und sich aus vielen Teilen der Welt zusammensetzt, ist es besonders wichtig. Ein Beispiel, das verdeutlicht, wie eine zentrale Entscheidung schiefgehen kann, war der Branding-Prozess der Wikimedia Foundation vor einigen Jahren. Die Foundation beschloss, sich in “Wikipedia Foundation” umzubenennen. Dies führte zu starken Protesten innerhalb der Community. Letztendlich musste die Entscheidung zurückgenommen oder zumindest auf Eis gelegt werden, nachdem bereits viel Geld investiert worden war. Eine frühere Einbindung der Community und eine dezentrale Entscheidungsstruktur hätten wahrscheinlich dazu beigetragen, sowohl finanzielle als auch emotionale Belastungen zu vermeiden. Ich denke, eine größere und frühe Beteiligung in Entscheidungsprozessen fördert ein stärkeres Engagement und Verantwortungsbewusstsein für jede Form von Organisation.

Eröffnung des Wikimedia Summits 2024
Eröffnung des Wikimedia Summits 2024

Vom 19. bis 21. April fand in Berlin der Wikimedia Summit statt. Mit dabei waren 170 Wikimedianer*innen aus über 60 Ländern. Was macht dieses Zusammentreffen so besonders für das Movement?

Der Wikimedia Summit ist der Ort, an dem sich einmal im Jahr Vertreter*innen der Affiliates, also der Länderorganisationen und anderer Zusammenschlüsse wie die Wikimedia User Groups treffen, um gemeinsam an der Zukunft der Bewegung zu arbeiten. Die Veranstaltung ist jedoch kein klassisches Konferenzformat, wo Leute vorher Vorträge einreichen und im Anschluss auf der Bühne stehen. Es handelt sich um ein wirkliches Arbeitstreffen, bei dem alle Teilnehmer*innen drei Tage lang aktiv mitmachen. Vor der Veranstaltung gibt es u. a. Vorbereitungsmeetings und Materialien zum Lesen. Beim Summit selber teilen sich dann die Teilnehmer*innen in Arbeitsgruppen auf, die in interaktiven Formaten Vorschläge zur zukünftigen Zusammenarbeit erarbeiten. Die Arbeitsgruppen kommen im Laufe des Wochenendes regelmäßig zusammen, präsentieren ihre Fortschritte, geben Feedback zu den Ergebnissen und arbeiten dann daran weiter, sodass sie am Ende gemeinsame Resultate schaffen.

Arbeitsgruppe auf dem Wikimedia Summit 2024
Arbeitsgruppe auf dem Wikimedia Summit 2024

Im Mittelpunkt stand auf dem Summit die gemeinsame Arbeit an der sogenannten Movement Charta. Um was für ein Dokument handelt es sich dabei?

Die Charta ist ein grundlegendes Dokument für die Zukunft unseres Movements, das von einem Komitee aus Ehrenamtlichen und Mitarbeitenden der Wikimedia-Organisationen erarbeitet wird. Sie definiert das Rahmenwerk, die Werte, Prinzipien und Kriterien für Entscheidungen und Prozesse im Movement. Ein zentraler Aspekt ist die Etablierung eines Global Council, einem globalen Rat, der Entscheidungen treffen und das Movement mit all den Ehrenamtlichen und Wikimedianer*innen repräsentieren soll. Die Charta legt auch fest, dass Entscheidungen, die nicht global getroffen werden müssen, auf lokale oder regionale Ebenen übertragen werden können.

Welches waren zum Ende der Veranstaltung die wichtigsten erarbeiteten Inhalte bzw. Entwicklungen zur Charta?

Wir haben auf dem Wikimedia Summit mit 170 Teilnehmer*innen und drei Tagen langer intensiver Arbeit tatsächlich handfeste Ergebnisse erzielt, sodass man auch sieht, wow, die Mühe hat sich gelohnt! Es wurde eine beeindruckende Einigkeit erzielt, die sich in 46 breit unterstützten Charta-Statements widerspiegelt. Das Movement Charter Drafting Committee wird diese Statements sowie das Feedback aus den nicht-anwesenden Communitys prüfen und teilweise in die finale Version der Charta einfließen lassen. Zusätzlich zur Charta-Erstellung ist auf dem Summit auch die Gründung einer Gruppe gelungen, die ein neues Konzept für zukünftige Treffen der Wikimedia-Organisationen entwickeln wird. Wir haben viele Jahre lang als Wikimedia Deutschland den Summit ausgerichtet und wollen diese Verantwortung weitergeben, damit die Diversität des Movements besser repräsentiert wird.

Was motiviert euch zu diesem Schritt?

Da wir in unserer Movement-Strategie Prinzipien wie Zugang, Partizipation und Gerechtigkeit verankert haben, passt die Veranstaltung, wie sie bisher durchgeführt wurde, nicht mehr dazu. Bislang wurden Entscheidungen über Themen, Zahl der Teilnehmer*innen, Programmgestaltung und Outputs letztendlich von Wikimedia Deutschland und in Absprache mit der Wikimedia Foundation getroffen, ohne ausreichende Beteiligung der anderen Affiliates oder Community. Wenn wir unsere Entscheidungsstrukturen gleichberechtigter gestalten wollen, gehört die Ausrichtung und Planung von Arbeitstreffen konsequenterweise auch dazu.

Inwieweit haben die Aktivitäten des Wikimedia Movements eine Auswirkung auf die Wissensgerechtigkeit weltweit?

Unsere Vision ist ein globales Wissen, das nicht von Machtstrukturen und Privilegien geprägt ist, sondern von einer breiten Palette an Stimmen und Erfahrungen. Wenn wir es schaffen, ein gerechteres Movement aufzubauen, können wir nicht nur bisher marginalisierte Communitys stärken, sondern auch unsere eigene Offenheit und Vielfalt erweitern. Diese Veränderungen sind nicht nur für das Movement wichtig, sondern haben das Potenzial, die gesamte Welt zu bereichern und zu verbessern.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wikimedia Summit 2024: Das Movement Charter Drafting Committee stellt sich vor
Wikimedia Summit 2024: Das Movement Charter Drafting Committee stellt sich vor

Das Museum für Naturkunde in Berlin verfügt über eine gigantische Sammlung. Schätzungsweise umfasst sie rund 30 Millionen Objekte, genau gezählt wurde das nie. Was auch bedeutet: Es liegen noch Berge an Informationen in den Beständen der Kulturinstitution, die darauf warten, erschlossen zu werden. Genau daran arbeitet das Museum im Rahmen eines ambitionierten Zukunftsplans.

Eine Säule dieses von Bund und Land geförderten Vorhabens ist die Sammlungserschließung und -entwicklung. „Dabei geht es eben nicht nur darum, Bilder von Objekten digital verfügbar zu machen“, erklärt Sabine von Mering, biologische Datenwissenschaftlerin im Forschungsbereich „Zukunft der Sammlung des MfN. Vielmehr sei das Ziel „eine offene Forschungsinfrastruktur zu schaffen, die allen Interessierten zugänglich ist“. Um dies zu erreichen, nutzt von Mering zusammen mit Kolleg*innen die Potenziale von Linked Open Data. „Wir müssen die institutionellen Datensilos aufbrechen, die Daten frei verfügbar machen und international zusammenarbeiten“, ist die studierte Botanikerin überzeugt: „Dann sind viele spannende Analysen zu Netzwerken möglich“.

Ein Sammler*innen-Projekt als Ausgangspunkt

Am Museum für Naturkunde Berlin hat von Mering dazu ein Sammler*innen-Projekt ins Leben gerufen. Grundlage dieses Forschungsunternehmens – das aus dem hauseigenen Innovationsfonds gefördert wurde – ist ein internes Wiki des MfN, das Informationen zu rund 600 historischen Sammler*innen mit Bezug zur enthält: Wissenschaftler*innen, Präparator*innen, Illustrator*innen. „Personen“, erklärt von Mering, „sind die zentrale Einheit im Wissensnetz und als Anknüpfungspunkt hoch relevant.“ An sie ließen sich andere Entitäten andocken: Objekte in Sammlungen, Publikationen, Archivalien, Fotos – und natürlich andere Personen. „Diese Vernetzung war unser ursprüngliches Interesse“, so die Wissenschaftlerin.

Als Pilotdatensatz wurde das interne Sammlerwiki im Rahmen eines Edit-a-thons im September 2022 noch per Hand in Wikidata übertragen. „Wikidata ist mehrsprachig, maschinen- und menschenlesbar und kollaborativ – und deswegen ein sehr nützliches Tool für unsere Arbeit“, betont von Mering. Dadurch, dass den Personen nach dem Prinzip der Linked Open Data ein eindeutiger Identifikator zugeordnet wird, lassen sich die Verknüpfungen herstellen, die für die Forschung spannend sind.

Zunächst einmal gilt das für die Sammlung des Museums selbst, die auch Archiv und Bibliothek mit einbezieht: War Person X vielleicht nicht nur Ornitholog*in, sondern hat daneben auch Insekten gesammelt und Bücher geschrieben? Aber möglich wird durch LOD vor allem auch „der Blick über den Tellerrand“, wie Sabine von Mering beschreibt – eine Domänen-übergreifende Verknüpfung: „Beispielsweise hat Person X auf Reisen auch ethnologische Objekte gesammelt, die sich im Ethnologischen Museum Berlin befinden. Oder die Person hat neben Insekten auch die Wirtspflanzen der Tiere gesammelt, die im Herbarium des Botanischen Gartens liegen – um nur die möglichen Berlin-Bezüge zu veranschaulichen.“ Denn natürlich lassen sich mit Linked Open Data solche Verknüpfungen weltweit herstellen.

Mehr Sichtbarkeit für Hidden Champions

Für die Forschung bedeutet das einen enormen Gewinn. „Wenn wir Sammlungsdaten inklusive Daten zu Personen mit Sammlungsbezug zugänglich und nachnutzbar machen“ – den FAIR Data-Prinizipien folgend –, „helfen sie uns als globale Wissensressource und offene Forschungsinfrastruktur für alle dabei, viele offene Fragen zu beantworten“, von Mering. Fragen etwa aus dem Themenspektrum Biodiversitätsverlust, oder zu unterrepräsentierten Gruppen, sogenannten „hidden champions“ – was etwa lokale Guides, Sammler*innen oder Informant*innen sein können, aber auch Frauen, die einen wichtigen Beitrag zur Forschung geleistet haben, deren Verdienste jedoch Männern zugeschlagen wurden. Kurzum: Es geht zentral auch darum, die Sichtbarkeit und Auffindbarkeit dieser „versteckten“, sprich: marginalisierten Menschen zu erhöhen.

Das schwarz-weißt Foto zeigt den jüdischen Zoologen Israel Aharoni in weißem Laborkittel. Er steht vor einem Regal mit Präparaten und hält einen Schädel in der Hand. Neben ihm, ebenfalls im weißen Laborkittel, ist seine Tochter und Assistentin Bat-Sheva zu sehen. Gemeinsam stehen sie in den Gängen der zoologischen Sammlung der Hebräischen Universität Jerusalem. Aufgenommen wurde das Foto vor 1947.

Gefunden im Sammlerwiki: Eine dieser Hidden Champions ist die Zoologin Bat-Sheva Aharoni, Q108309256, (im Bild mit ihrem Vater Israel Aharoni) promovierte 1932 über die Muridae (kleine Nagetiere) Palästinas an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin (heute Humboldt-Universität). Das Foto zeigt sie in den Gängen der zoologischen Sammlung der Hebräischen Universität Jerusalem. Aufgenommen wurde das Foto vor 1947. Den Wikidata-Eintrag zu der Zoologin hat Sabine von Mering angelegt.

Von den rund 600 Personen im internen Sammler-Wiki des Museums für Naturkunde Berlin waren zum Beispiel nur 11 Frauen. Sabine von Mering und ihr Team wissen, dass hier ein Bias vorliegt und es tatsächlich viel mehr gewesen sein müssen, die einen Beitrag geleistet haben. Entsprechend suchen die Wissenschaftler*innen in der Folge des Sammler*innen-Projektes nun weitere Frauen mit Bezug zum MfN. Das Problem: Über sie ist oft so wenig bekannt, dass jede Recherche ein kleines Forschungsprojekt für sich bedeutet.

Zusammen mit der neuseeländischen Wissenschaftlerin und Wikimedian Siobhan Leachman – die auf der Wikimania 2023 als „Wikimedia Laureate“ ausgezeichnet wurde – hat von Mering zudem ein Data-Paper zu Pflanzengattungen erstellt, die nach Frauen benannt wurden. Innerhalb der Gattungen, die überhaupt den Namen von Personen tragen, machen sie wiederum nur einen Bruchteil aus, ca. 700 haben die beiden zusammengetragen, bei Männern ist es ein Zehnfaches. Ihr Datensatz, der auch über Wikidata verfügbar ist, hilft wiederum, Verknüpfungen herzustellen – zwischen der Pflanzengattung und der Namensgeberin, die vielleicht Botanikerin war, Schriftstellerin oder eine Mäzenin, die wissenschaftliche Arbeit unterstützt hat. Auch hier ist das Anliegen, die Sichtbarkeit zu erhöhen.

Arbeit an kolonialen Kontexten

Linked Open Data spielen am Museum für Naturkunde Berlin zudem dort eine wichtige Rolle, wo es um die historische Kontextualisierung und die Reflektion von Wissen im Zusammenhang mit Kolonialgeschichte geht. Am Haus existiert ein „Center for the Humanities of Nature“. Eine Gruppe von Historiker*innen, Sozial-Anthropolog*innen oder auch Kulturwissenschaftler*innen durchleuchtet die eigenen Bestände und liefert Daten, die zur Aufarbeitung von Unrechtskontexten und Sammelpraktiken beitragen, die oft mit dem Begriff „Raub“ präziser beschrieben sind. Provenienzforschung, wie sie das MfN betreibt, bedeutet immer auch das Ausloten von Grauzonen. „Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben vielleicht nicht selbst geraubt, aber auch koloniale Strukturen genutzt – das ist ein Erkenntnis- und ein Lernprozess“, so Sabine von Mering.

Wie sich solche Verflechtungen auch in Wikidata abbilden lassen, ist eine Frage, an der sie gegenwärtig unter anderem mit Lucy Patterson – Projektmanagerin digitales Kulturgut bei Wikimedia Deutschland e.V. – sowie dem Wissenschaftler Yann LeGall forscht, der an der Technischen Universität Berlin in das Projekt „The Restitution of Knowledge“ involiviert ist. Die Überlegung ist: „Wie kontextualisiere ich, dass der Kolonialbeamte aus Deutschland auch ein Plünderer war?“. Oder: Wie lässt sich in strukturierten Daten der Unterschied zwischen einer „klassischen“ Forschungsexpedition und einer Strafexpedition („punitive expedition“) sichtbar machen – Gewaltunternehmungen von Kolonialtruppen, in deren Zuge nicht selten auch „gesammelt“ wurde?

Das Bild zeigt zwei Kolonialoffiziere in Uniform, die auf ihren Pferden sitzen, die vor dem Bismarck Brunnen in Kamerun stehen. Sie blicken in die Kamera. Hans Dominik (rechts) war ein Kolonialoffizier der Schutztruppe, der als dienstältester Offizier in der Kolonie Kamerun ein brutales und mörderisches Erbe hinterließ. Im Sammlerwiki wird auch angegeben, dass er (wahrscheinlich geplünderte) Gegenstände in die Sammlungen des Linden-Museums und des Ethnologischen Museums Berlin eingebracht hat.

Hans Dominik (rechts), Q879441, war ein Kolonialoffizier der Schutztruppe, der als dienstältester Offizier in der Kolonie Kamerun ein brutales und mörderisches Erbe hinterließ. Im Sammlerwiki wird auch angegeben, dass er (wahrscheinlich geplünderte) Gegenstände in die Sammlungen des Linden-Museums und des Ethnologischen Museums Berlin eingebracht hat. Zu sehen ist er auf dem Foto in Kamerun, im Hintergrund ist der Bismarck Brunnen in Buea zu sehen.

Mit kolonialen Fragen hat sich auch ein zweiter – diesmal öffentlicher – Edit-a-thon am MfN beschäftigt, bei dem Menschen aus neun Ländern gemeinsam Wikidata-Einträge zu Personen editiert haben, die in der früheren deutschen Kolonie Kamerun tätig waren. Mit dabei waren auch Teilnehmer*innen von verschiedene Wikimedia-Usergroups, etwa aus Nigeria und Kamerun. „Wichtig ist“, betont Sabine von Mering, „bei solchen Projekten nicht die koloniale Perspektive zu replizieren und sich nur auf die bekannten weißen Akteure zu fokussieren“. Das Ziel sei vielmehr, Daten verfügbar zu machen, die gerade auch für die Menschen aus Herkunfts-Communities einen Wert hätten, „um beispielsweise Informationen über ihre Vorfahren zu gewinnen oder über die Vorgänge in ihrem Land zur Kolonialzeit.“

Während des Edit-a-thons wurden in Wikidata aber auch Items zu heute in Kamerun tätigen Botaniker*innen, Biolog*innen oder Zoolog*innen erstellt – wobei sich allerdings ein Bias gezeigt hat, der vielen Datenbanken gemein ist: „Sowohl für Frauennamen weltweit als auch für Namen aus dem Globalen Süden existieren oft keine Datenobjekte“, sagt von Mering. „Englische oder französische Namen sind als Items selbstverständliche vorhanden, aber ein weiblicher Vorname aus Nepal nicht.“ Umso wichtiger sei es, gerechte Wege zu finden, um mehr Communities auch aus nicht-westlichen Ländern in die gemeinsame Arbeit an Wikidata einzubinden.

Schnittstellen zwischen Wikimedianer*innen und Institutionen

In der Forschungs-Community sei die freie Datenbank derweil immer akzeptierter als „zentraler Ort für die Verknüpfung von Informationen“, beobachtet die Datenwissenschaftlerin. Sie selbst hat im Zuge des Sammler*innen-Projektes erfolgreich eine neue Wikidata-Property beantragt, die Person und Institution verknüpft: “collection items at”. Damit lässt sich nun die Information weitergeben, dass von Person X Objekte nicht nur im MfN, sondern beispielsweise auch im Ethnologischen Museum Berlin vorhanden sind.

Generell sieht Sabine von Mering noch viel Potenzial für die Nutzung von Linked Open Data in Kulturerbe-Institutionen. Wobei daran natürlich stets die Frage von Ressourcen hinge. Auf technischer Ebene sei viel Arbeit bei der Erschließung von Daten nötig, „bei den vielen Schritten, die Informationen in Datenbanken einzupflegen und zu prüfen.“ Eine vertrauensvolle Ressource zu sein, sei gerade in Zeiten von Fake News das Wichtigste für eine Forschungseinrichtung. Genauso aber gelte es, im Kontext von Linked Open Data Fragen nach Wissensgerechtigkeit in den Blick zu nehmen, sich global auszutauschen, Schnittstellen zwischen Wikimedians, Forschenden und Institutionen weltweit zu schaffen. „Letztlich können wir unsere 30 Millionen Objekte nicht allein erschließen“, bilanziert Sabine von Mering. „Es ist sinnvoll, die globale Community mit einzubinden.“

Bezahltes Wikipedia-Schreiben in der Belletristik

Monday, 12 September 2022 20:02 UTC

Bezahltes Schreiben im PR-Auftrag in der Wikipedia, ist ein Thema, das mich und die Wikipedia-Community seit einigen Jahren umtreibt. Das Thema wabert seit etwa 2010 durch die Wikipedia, mal intensiver und mal weniger intensiv diskutiert; mal mit Skandal und mal ohne. Aber wenn man sich, ganz ohne Insiderkenntnisse, einfach mal durch Wikipedia-Artikel lebender Personen clickt (sei es in der deutschen Ausgabe oder der englischen): normalerweise riecht man die gekauften und geschönten Artikel 500 Kilobyte gegen den Wind. Die peinlichen PR-Artikel: weil auch die siebte Teilnahme am Rettet-die-Bergdackel-Benefiz-Gala-Dinner getreulich unter dem Punkt „gesellschaftliches Engagement“ gelistet wird. Die weniger peinlichen PR-Artikel: weil sie so nichtssagend sind.

Wie lange das Problem existiert und wie sehr es schon vor vielen Jahren auffiel, wurde mir letztens beim lesen gewahr. Es war ein Fantasy-Crime Roman – komplett fiktiv, mit vagen Bezugspunkten zu unserer Welt. Und selbst dort kommt Wikipedia-PR-Schreiben vor. Es geht um „Moon over Soho“ von Ben Aaronovitch. Erstmal erschienen 2012 bringt es der Roman auf den Punkt:

Auf deutsch etwa:

„Die Reichen, vorausgesetzt sie vermeiden Prominenz, können etwas Unternehmen um ihre Anonymität zu bewahren. Lady Tys Wikipedia-Artikel las sich als wäre sie von einem PR-Schreiber verfasst worden, denn zweifellos hatte Lady Ty einen PR-Schreiber beschäftigt, um sicherzustellen, dass die Seite ihren Vorstellungen entsprach. Oder wahrscheinlicher: Einer ihrer „Leute“ hatte eine PR-Agentur beauftragt, die einen Freelancer beschäftigt hatte, der das in einer halben Stunde runtergeschrieben hatte, damit er sich schneller wieder auf den Roman konzentrieren konnte, den er grade schrieb. Der Artikel gab preis, dass Lady Ty verheiratet war, zu nicht weniger als einem Bauingenieur, dass sie zwei schöne Kinder hatten von denen der Junge 18 Jahre alt war. Alt genug um Auto zu fahren aber jung genug um noch zu Hause zu wohnen.“

Diese Beschreibung trifft auch zehn Jahre später auf einen Großteil aller PR-Artikel zu. Schnell und lieblos, aber professionell gemacht. Oft genug mit Versatzstücken aus anderen Werbematerialien; zu unauffällig, um jemand ernstlich zu stören. Aber auch zu nichtssagend, um der Leser*in auch nur den geringsten Mehrwert zu bieten.

Damit hat ein Roman-Autor, der selber kein aktives Mitglied der Wikipedia-Community ist, die PR-Problematik schon im Jahr 2012 richtiger eingeschätzt als ein relevanter Teil der diskutierenden Community im Jahr 2022.

(Und Randbemerkung: die Community rächte sich, indem sie Aaronovitchs Autoren-Artikel mit einem unvorteilhaften Autorenfoto versah – no PR-flack weit und breit war hier unterwegs.)

Von einer anderen Form des beeinflussten Schreibens erfuhr ich heute beim Mittagsessen. In immer mehr autoritären Regimes scheint es vorzukommen, dass einzelne Wikipedia-Autor*innen, die in dem jeweiligen Land leben, einen Anruf oder einen Besuch bekommen. Mit dem freundlichen Tipp, doch den ein oder anderen Artikel zu „verbessern“ sonst.. Das ist natürlich noch raffinierter: Einfach einen etablierten Nutzer und dessen Vertrauensvorschuss nehmen und in dieser Tarnung PR-Edits durchführen.

Die Lyrik der Wikipedia-Auskunft

Monday, 18 July 2022 17:15 UTC

Menschen können auf der Wikipedia:Auskunft Fragen an die Wikipedia richten. Die Fragen sind mal banal, mal lehrreich, und manchmal hohe Poesie. Daran solltet ihr teilhaben.

Ich stelle mich auf, Brust nach vorne, Kinn nach oben, räuspere mich noch einmal und deklamiere:

Honda Motorrad,
6-Zylinder,
6 Vergaser,
Blockmotor quer,
luftgekühlt.

Alle Daten fehlen!
Keine Daten vorhanden.
Warum?

Die Frage stammte von einer nicht angemeldeten Person, die am 17. Juli um 16:19h mit der IP 2003:D4:2713:1F50:F120:9BAE:47CF:6C2A unterwegs war.

Beitragsbild: 2016-08-05 Tokaido Seki Juku Kameyama City Mie,東海道五十三次 関宿 DSCF6949☆ von: 松岡明芳 Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Wir waren dieses Jahr mit WikiAhoi wieder bei der SMWCon dabei. Die Konferenz zu Semantic MediaWiki findet zweimal pro Jahr statt, im Frühling in Nordamerika und im Herbst in Europa. Letztes Jahr waren wir schon in Wien dabei und dieses Jahr gings ins herbstlich-sonnige Barcelona. In freundlicher, persönlicher Atmosphäre wurden technische Neuigkeiten, innovative Projekte und besondere Anwendungsfälle besprochen. Wir möchten Sie an den wichtigsten Neuerungen teilhaben lassen.

Neuigkeiten aus der Semantic MediaWiki-Welt

Semantic Forms (Version 3.4 September 2015) hat sich mittlerweile als eigenständige Erweiterung etabliert und ist nun technisch nicht mehr von der Grunderweiterung Semantic MediaWiki abhängig. Weitere wichtige Änderungen:

  • Statt den Spezialattributen werden nun ParserFunctions eingesetzt.
  • Kartenbasierte Eingabeformate (Google Maps, Open Layers) sind nun möglich – diese werden nur eingesetzt, wenn Semantic Maps nicht vorhanden ist.
  • Weiters wird nun Cargo unterstützt, es lassen sich in Formularen auch Eingabeformate und die Autovervollständigungsfunktion aus Cargo nutzen.
  • Dazu kann man nun auch „mapping“-Werte hinterlegen, das sind andere Werte, als auf der Seite angezeigt werden.
  • Ein neuer Parameter erlaubt es, nur einzigartige Werte speichern zu lassen.
  • Alle roten Links können nun mit einer einzelnen Einstellung auf eine Formularauswahlliste weitergeleitet werden.

Die MediaWiki Stakeholder’s Group nahm die Konferenz zum Anlass, um weitere Schritte zu besprechen: Ziel der Gruppe ist die Koordination und die Kommunikation mit Wiki-Nutzern in Unternehmen, die Unterstützung von Entwicklern und Administratoren und die offizielle Kommunikation mit der Wikimedia Foundation. Wikipedia hat etwas andere Ziele als einzelne Drittnutzer der Software MediaWiki. Es geht also stark darum, die Interessen der Nutzer von Wiki in Unternehmen zu vertreten und in der Weiterentwicklung der Software voranzutreiben.

Interessante neue semantische Erweiterungen gibt es zu Breadcrumbs, Zitaten, Sprachenlinks und Metatags:

Und warum „eine Konferenz mit Folgen“? Diese Konferenz hat Folgen auf mehreren Ebenen: Wir haben persönliche Kontakte für Zusammenarbeit und Austausch geknüpft, es wurden Ideen beflügelt und Inspirationen für neue Projekte ausgetauscht, die Motivation wieder gestärkt, das Projekt MediaWiki als Ganzes voranzubringen und nicht zuletzt viele Features und Software-Änderungen besprochen, die in der Regel meist recht schnell umgesetzt werden. Die Konferenz war somit ein voller Erfolg.

Die Konferenz fand von 28.–30.10.2015 in Barcelona statt, in der schönen Fabra i Coats Kunstfabrik im Stadtteil Sant Andreu. Knappe 40 Teilnehmer nahmen an einem Tutorial- und zwei Konferenztagen teil.

WikiPRedia

Tuesday, 23 November 2021 17:31 UTC

Die deutschsprachige Wikipedia-Community versucht wieder einmal, die Regeln zum bezahlten Schreiben zu verschärfen. Das Thema wabert ungelöst seit Jahren durch das Wikiversum. Und auch dieses Meinungsbild ist ein notwendiger Schritt voran. Aber der Weg ist noch weit. Der beste Kommentar meinerseits wäre die Komposition eines Quartetts für Singende Säge, Bassdrum, Cembalo und Spottdrossel.

Aber ich kann nicht komponieren. Deshalb kommt das Nächstbeste: ein Gedicht.

Wikipredia

Die Regeln
existieren und doch nicht
nach Mondstand

Die Ethik
absolut seit Anbeginn
nein denn ja

Die Praxis
gesperrt verworfen gelöscht
freigeschaltet

Wikipredia
Darwinismus der Agenturen
Überleben des Dreistesten

Allein mit der Madonna zum Hasen

Thursday, 30 September 2021 19:49 UTC

Darmstädter Madonna
Hans Holbein der Jüngere, 1526/1528
Öl auf Nadelholz (?), 146,5 × 102 cm
Sammlung Würth, Johanniterhalle (Schwäbisch Hall)

Wikipedia-KNORKE erwähnte ich ja an dieser Stelle schon einmal. Berliner Wikipedianerinnen und Wikipedianer treffen sich und erkunden zusammen eine ihnen unbekannte Gegend. Soweit so üblich. Diesmal jedoch gab es etwas besonderes: Auf ins Museum!

In Berlin gastiert gerade die Darmstädter Madonna, ein 1526 entstandenes Gemälde von Hans Holbeim dem Jüngeren. Diese Madonna hat eine bewegte Lebens- und Reisegeschichte, ist eines der bedeutendsten deutschen Gemälde des 16. Jahrhunderts und kann Menschen auch über Jahre faszinieren. Wunderbar, wenn man eine kundige Bilderklärung der Autorin des exzellenten Wikipedia-Artikels dazu bekommt.

Wir trafen uns einige Minuten vor der Öffnung in kleiner Gruppe vor dem Bode-Museum und konnten - da alle Anwesenden über eine Jahreskarte verfügten - auch sofort zur Madonna und zur Sonderausstellung "Holbein in Berlin" begeben. Der Raum war noch leer, die Museumswachmannschaft ließ freundlicherweise die leise aber engagiert redende Gruppe gewähren. Ein einziger Saal, in dessen Mittelpunkt die Madonna hängt. Links davon einige Holbein-Teppiche, ansonsten weitere Bilder und Zeichnungen von Holbein, Inspiratoren und andere Madonnen. Nicht überladen, sinnvoll aufbereitet und mit einem klaren Konzept - eine der besseren Kunstausstellungen.



Und dann ging es los: Es begann mit Schilderungen von der bewegten Entstehungszeit zur Zeit des Basler Bildersturms im Auftrag des Basler Ex-Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen. Die Aussage des Bildes traditioneller Marienfrömmigkeit in Zeiten der Reformation war Thema, ebenso natürlich wie der Teppich und seine Falte. Wir staunten über die Eigentümlichkeit, dass sich niemand auf dem Gemälde eigentlich anschaut und wurden über dden Unterschied zwischen Schutzmantelmadonnen und Stifterbildern aufgeklärt. Vermutungen tauchten auf, wo das Bild wohl im Original hing - vermutlich in der Martinskirche als Epitaph - und wir verfolgten gedanklich seine Wanderung aus Basel über den Grünen Salon im Berliner Stadtschloss bis hin zum Hause Hessen und das Frankfurter Städelmuseum bis hin zum spektakulären Verkauf an die Privatsammlung Würth. Die Meinungen über die Sammlung Würth in der Gruppe waren durchaus geteilt, ebenso wie die richtige Benennung des Bildes: ist es nun eher die Darmstädter Madonna oder eher die Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen?

Über die Darmstädter Madonna ging es dann zur Dresdner Madonna und einem der prägenden Momente deutscher Kunstgeschichte: dem Dresdner Holbeinstreit. Im 19. Jahrhundert wurde es den Menschen bewusst, dass es zwei fast identische Holbein-Madonnas gab und nur eine die echte sein konnte. In einer großen Ausstellung, unter lebhafter Anteilnahme der Öffentlichkeit und erregten Debatten der Experten entschieden sich die Kunsthistoriker schließlich für das Darmstädter Gemälde. Eine Sensation,  da die Kunstkennerschaft vorher felsenhaft von der Originalität des Dresdner Gemäldes ausging. Hier zeigte sich erstmals das Bemühen, um eine rein sachlich, objektive Abwägung der verschiedenen Gesichtspunkte - der Dresdner Holbeinstreit ist einer der Ausgangspunkte um die Kunstwissenschaft als Wissenschaft zu etablieren. Und - wie sich später herausstellte - lag die Kunstwissenschaft auch in diesem ihren Anfangsurteil richtig; sämtliche mittlerweile vorhandenen naturwissenschaften Verfahren die Darmstädter Madonna als die originale der beiden bestätigten.

Erkenntnisse am Rande: eine weitere Kopie des Gemäldes (beziehungsweise eine Kopie der Kopie - es stellt aus unerfindlichen Gründen das Dresdner Exemplar dar) hat sich in das Set des James-Bond-Filmes "Man lebt nur zweimal verirrt".

Hans Holbein der Jüngere: Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London, 1532. Eichenholz, 96,3 × 85,7 cm. Gemäldegalerie Dahlem der Staatlichen Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz

Und nachdem wir dann auch noch gerätselt hatten, wer die beiden Knaben unterhalb der Madonna sind, den verschwundenen Haaren der Tochter nachspürten und weiter über den Teppich in der Renaissancemalerei sinniert hatten, kamen wir dann nach knapp einer Stunde noch zu Georg Giesze. Giesze (auch Georg Giese) ist Titelheld in einem anderen Holein-Hauptwerk, das praktischerweise fünf Meter weiter links hing. Wieder mit Teppich und nun auch noch mit Glas, Metall, Bücherregalen und Briefen. Gedanklich begleitete wir Holbein dann weiter von Basel nach Antwerpen und London. Mittlerweile hatte sich der Raum etwas gefüllt. Nachdem wir dann noch den Weg aus dem Museum gefunden hatte (wie immer im Bodemuseum nicht ganz einfach und jedes mal findet man zwischendurch neue Säle) folgte noch ein erschöpfter Abschlusskaffee.

Eine Stunde fast allein mit der Madonna. Und immer noch Neues zu entdecken.

Wen wählen in das Board der Wikimedia Foundation?

Friday, 20 August 2021 21:03 UTC

Vorweg, für die Eiligen

Meine Wahlvorschläge

  • Top 4: Douglas Ian Scott, Iván Martínez, Adam Wight, Dariusz Jemielniak
  • Top 8: Rosie Stephenson-Goodknight, Lorenzo Losa, Farah Jack Mustaklem, Gerard Meijssen
  • Wählbar: Reda Kerbouche, Pavan Santhosh Surampudi, Ravishankar Ayyakkannu

Wichtige Links

Vote now für das Wikimedia-Board

Für die nicht so Eiligen

Über den Dächern, Türmen und Gasometern Westberlins senkte sich die Abendsonne. Ich stand auf den Zinnen des Ullstein Castles und sinnierte. Direkt unter mir Straßentreiben, Sirenen, betrunkene Jugendliche, ein Ausflugsboot auf dem Teltowkanal, radelnde Ausflügler überquerten die Stubenrauchbrücke.

In der Ferne betrachtete ich die Türme des Spitzenlastheizkraftwerks Lichterfelde, der Sendeturm auf der Marienhöhe, den BfA-Büroturm und den ehemaligen Wasserturm im Naturpark Schöneberger Südgelände. Heute Nacht auf dem Heinweg: Welchen Weg sollte ich wählen? Unten, im Süden, über den Prellerweg vorbei am Sommerbad am Insulaner? Die Nordvariante über den Tempelhofer Damm und durch die Kopfsteinpflaster Tempelhofs? Oder die Mittelweg, mit Erklimmen der Höhe am Attilaplatz und später über den Ikea-Parkplatz? So viel zu wählen.

Wahlen spukten in meinem Kopf herum. Da war die Mitgliedsversammlung unseres Dauergartenvereins. Die Vorstandswahlen dort sollten wahrscheinlich, hoffentlich, unspektakulär verloren. Aber die Anträge. Wenn ein einzelnes Mitglied auf einem A4-Blatt 40 verschiedene Anträge stellt, richtig ernsthaft, dann verspricht das Unterhaltung.

Die Bundestagswahl: Auf dem Weg zum Ullstein Castle passierte ich zahlreiche Bundestagstagswahlplakate: den unlesbaren Blob der Grünen in Tarnfarbenoliv, die bildhaft dargestellte Biederkeit der Berliner SPD, zahlreiche Kleinparteien von Team Tödenhöfer über Volt bis zur Tierschutzpartei. Und so sehr es mich schmerzte das zu sagen: Das Plakatgame gewannen bisher die CDU und ihr Wahlkreiskandidat Jan-Marco Luczak. Sowohl optisch – als auch damit, überhaupt inhaltliche Aussagen fern von Plattitüden zu machen.

Vor allem aber war ich innerlich bei einer ganz anderen Wahl. Die Wikimedia Foundation wählte und wählt ihr Board, auf Deutsch das ehrenamtliche Präsidium der Wikimedia Stiftung. Die Wikipedia steht meinem Herzen näher als der Bundestag und selbst als der Dauergartenverein. Aber die Board-Wahlen erfordern merh Gedanken. Diese Gedanken bedurften des Kontextes.

Was ist die Wikimedia Foundation?

Die Wikimedia Foundation (WMF) ist die Betreiberin der Wikimedia-Projekte wie zum Beispiel der Wikipedia aber auch Wikimedia Commons und Wikidata. Die Foundation hostet die Server, stellt die Technik, ist am Ende rechtlich dafür verantwortlich was in den Wikipedien passiert. Dafür hat die Foundation derzeit etwa 450 Angestellte, ein Endowment von 90 Millionen Dollar und hatte 2020 Jahreseinnahmen von 127 Millionen US-Dollar.

Wo genau die Grenzen zwischen dem Einfluss der Wikimedia Foundation und den Communities liegen, ist umstritten. Letztlich kann die Foundation alles ändern und machen in den Projekten. Sie ist meistens weise genug, es nicht zu tun. Insbesondere schreiben keine Foundation-Mitarbeiter*innen in ihrer Arbeitszeit Artikel oder legen Inhalte in den Projekten an.

Die Foundation ist eine Organisation eigener selbstgenügsamer Vollkommenheit. Sie hat keine Mitglieder und ist – rechtlich – niemand rechenschaftspflichtig. Das Board besetzt sich prinzipiell aus sich selbst heraus. Es hat entschieden die Hälfte der Sitze Wahlen der weltweiten Wikip/media-Communities besetzen zu lassen zu lassen.

Was ist das Board of Trustees?

Das Board of Trustees ist das ehrenamtliche Aufsichtsgremium der Foundation. Es hat derzeit 16 Sitze. Davon steht einer Jimmy Wales als Gründer zu, sieben Sitze besetzt das Board selber, acht Sitze werden durch eine weltweite Communitywahl bestimmt.

Nun ist allein aus den Worten „ehrenamtlich“ und „weltweit / 450 Mitarbeiter / 127 Millionen Dollar Einnahmen“ klar, dass das Board eine abstrakte Leitungsposition einnimmt. Alleine, einen Überblick über so eine Organisation zu behalten, ist eine Mammutaufgabe. Dieser Organisation noch Vorgaben zu machen und sie in eine bestimmte Richtung zu lenken, eine Herausforderung.

Die Gefahr, in Detailinformationen zu ertrinken oder sich hoffnungslos im Alltagsgeschäft zu verfangen, ist groß. Seiner Aufgabe nach, beaufsichtigt das Board, was die Vollzeitkräfte machen und besetzt die Geschäftsführung.

Was zur Zeit ein besonderer Job ist: Die Geschäftsführerin der Foundation Catherine Maher verschwand im April 2021 überraschend. Der Posten ist seitdem unbesetzt. Ebenso wie sich die Chief Operations Officer im Jahr 2021 verabschiedete, die Abteilungen Communication und Technology auch niemand im Vorstand haben. Auf dem Schiff besetzt nur eine Notbesatzung an Offizier*innen die Brücke. Dem Board obliegt es derzeit, dieses Führungsvakuum schnell und kompetent zu beenden.

Welche Kriterien habe ich?

Grundsätzlich sollte jede*r Kandidat*in zwei Kriterien erfüllen. Sie sollte meine inhaltlichen Ziele teilen. Und sie sollte in der Lage sein, sich in einem ehrenamtlichen Job gegen eine komplette Organisation aus Vollzeitangestellten zu behaupten. Oft genug stehen bei solch ehrenamtlichen Gremien Kandidat*nnen zur Wahl, bei denen ich denke „Will Schlechtes, aber wird das erreichen“ und „Will Gutes, ist aber planlos. Am Ende werden die Hauptberuflichen machen was sie wollen. Oder es gibt Chaos.“

Angesichts der bewegten Zeiten, in denen wir leben; angesichts der latenten Führungslosigkeit der Foundation derzeit, möchte ich Kandidat*innen, die sich durchsetzen können. Kandidat*innen, die nach Möglichkeit die US-Zentrik der Foundation aufbrechen können. Ich möchte Kandidat*innen, die verstehen, dass Wikip/media keine allgemeine Weltbeglückungsorganisation ist, sondern sehr spezifische Sachen sehr gut durchführt – und andere überhaupt nicht kann. Es bringt nichts, sich auf allgemeine Weltbeglückungsziele zu stürzen, die weder die Foundation noch die Communities umsetzen können.

Wählenswert: Adam Wight. Bild: Recent selfie. Von: Adamw Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Welche Kandidaten?

Insgesamt stehen 19 Kandidat*innen zur Auswahl, die um vier Plätze streiten. Dabei sind Wikimedia-Urgesteine ebenso wie Newbies, viele Männer, mir auffallend viele Inder, viele Kandidat*innen mit NGO-Hintergrund, kaum eine*r, der/die fortgeschrittene IT-Kenntnisse hat.

Die Urgesteine

Dariusz Jemielniak – Professor of Management, daueraktiv auf allen Ebenen und vielleicht der einzige Mensch, der intellektuell versteht wie Wikipedia funktioniert.

Rosie Stephenson-Goodknight – WikiWomensGroup, Women in red, you name it. Bei überraschend vielen der Wikipmedia-Genderaktivitäten, die funktionieren, ist Rosie Stephenson-Goodknight beteiligt.

Gerard Meijssen – gefühlt war Gerard schon Wikipedianer bevor es Wikipedia gab. Vielleicht der spannendste Autor des Meta-Wikiversums und ein Chaot.

Mike Peel – langjähriges Mitglied des Funds Dissemantion Committees. (FDC) Hat bei mir in der Rolle durchgehend einen schlechten Eindruck hinterlassen.

Ravishankar Ayyakkannu – Mr. Tamil Wikipedia, der seinem Resumee zufolge seit 2005 in der Community und mit externen Partnern (wie Wikipedia Zero, Google) zusammenarbeitete. Gewinnt bei mir Diversitätspunkte, weil er nicht nur aus dem Global South stammt, sondern auch Ausbildung und Berufstätigkeit dort durchführte.

Wählenswert: Dariusz Jemielniak Bild: Dr. Dariusz Jemielniak – Wikimedia Foundation Board von: VGrigas (WMF) Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Im Wikiversum aktiv


Reda Kerbouche – Aktiv bei Wikimedia Algeria, Founding member der Wikimedia of Tamazight User Group. Lebt in Europa.


Lorenzo Losa – Ex-Vorsitzender von Wikimedia Italia.


Farah Jack Mustaklem
– Software Engineer, einer der wenigen Kandidaten mit Ahnung von Software. Aktiv bei den Wikimedians of the Levant und der Arabic language User Group. Mir persönlich zu sehr USA-sozialisiert für eine Board-Mitgliedschaft, andererseits sicher in jeder Hinsicht kompetent.

Douglas Ian Scott – Präsident von Wikimedia South Africa, Organisator der Wikimania 2018 und einziger Kandidat, den ich dank eines langen Wartepause am Kofferband irgendeines Wikimania-Flughafens persönlich besser kennenlernte – und begeistert war.

Iván Martínez – langjährig engagiert bei Wikimedia Mexiko, LGBTQ+-Aktivist und soweit ich hörte, das Wikiversum Lateinamerika ist begeistert von ihm.

Pavan Santhosh Surampudi – Community Manager at Quora. Versteht also vermutlich professionell etwas von Communities.

Adam Wight – Programmierer, Ex-Angestellter und WMF und WMDE und neben Gerard der Vertreter des Ur-basisdemokratischen, selbstorganisierten und Gegen-Informationsmonopole-Geistes des frühen Movements.

Vinicius Siqueira – in Wiki Movimento Brasil

Newbies

Es kann sich hierbei um langjährige und erfahrene Wikipedianer*innen handeln, die im kleinen Rahmen auch Projekte oder Gruppen organisiert haben. Erfahrungen in oder mit größeren Organisationen im Wikiversum fehlt vollkommen.

Lionel Scheepmans
Pascale Camus-Walter
Raavi Mohanty
Victoria Doronina
Eliane Dominique Yao
Ashwin Baindur

Wen werde ich wählen?

Leute, die sich durchsetzen können, und die auch die Grenzen des Wikiversums sinnvoll einschätzen können. Perspektiven auf das Leben, anders aussehen als „in US-NGOs sozialisiert“ werden bevorzugt.

Die Top 4

  • Douglas Ian Scott
  • Iván Martínez
  • Adam Wight
  • Dariusz Jemielniak

Top 8

  • Rosie Stephenson-Goodknight
  • Lorenzo Losa
  • Farah Jack Mustaklem
  • Gerard Meijssen

Wählbar

  • Reda Kerbouche
  • Pavan Santhosh Surampudi
  • Ravishankar Ayyakkannu

Wer wird wählen

Es wählen alle Menschen, die vage aktive Accounts in einem Wikimedia-Projekt haben. Die Bedingungen dafür sind niedrig angesetzt. Für Autor*innen ist es nötig 300 Bearbeitungen zu haben, kein Bot zu sein und höchstens in einem Projekt gesperrt zu sein. Die Bedingungen für die Board-Wahlen sind somit einfacher zu erfüllen als die Bedingungen zum Sichten in der deutschen Wikipedia. Die Kriterien mussten am 5. Juli 2021 erfüllt sein. Es hilft nicht, jetzt noch schnell zu editieren.

Das Wahlsystem

Es gilt das Präferenzwahlsystem. Dieses wird weltweit von einschlägigen Fachleuten als besonders fair bezeichnet. Es verzerrt den Wählerwillen weniger als viele andere Wahlsysteme. Praktisch wird es allerdings nur selten eingesetzt. Die bekannteste Wahl mit Präferenzwahl in letzter Zeit war die Bürgermeister*in-Wahl in New York, New York.

Bei Wahlsystem nummeriert man „seine“ Kandidat*nnen nach Präferenzen. Die beste Kandidatin bekommt eine Eins, der Kandidat danach eine zwei und so weiter. Hält man keine Kandidatin mehr für geeignet, hört man auf zu nummerieren.

Bei der Wahl werden in der ersten Runde alle Präferenzen mit „1“ gezählt. Ein Kandidat hat am wenigsten davon. Dieser scheidet aus. Von allen „1“-Wählerinnen des Kandidaten werden nun die „2“-Präferenzen seiner Wählerinnen auf die entsprechenden weiteren Kandidaten verteilt. Und so weiter, bis nur noch so viele Kandidatinnen übrig sind, wie es Plätze zu besetzen gilt.

Zur Wahl

Geht es hier.

Beitragsbild: Die Apostel wählen einen zwölften Zeugen als Ersatz für Judas. Aus dem Rabbula-Evangeliar.

Wiki Loves Jules Verne. Mit Wikipedia in Braunschweig.

Tuesday, 17 August 2021 08:28 UTC


Mensch-Maschine Braunschweig


Im ICE ist Deutschland. Der Zug fährt ein und hält. Das Schild am Gleis behauptet tapfer „Zugdurchfahrt“. Die Türen lassen sich öffnen. Am Zug steht nichts geschrieben, außer Wagennummern, die nicht zu den Reservierungen passen. Das Publikum bleibt irritiert. Etwa die Hälfte der Anwesenden geht in den Zug und bleibt im Wageninnern ratlos stehen. Die andere Hälfte steht ratlos am Bahnsteig. 

Schließlich: Lichter gehen an. Der Zug verkündet mittels seiner Anzeigen nun auch, nach Kassel zu fahren.  Eine Frau entschuldigt sich über die Lautsprecheranlage über die falschen Wagennummern, man solle ich immer zehn wegdenken „Also 22 statt der angezeigten 32.“

Ein Mensch mit re:publica-Bändchen am Arm verscheucht die ältere Dame ohne Reservierung von seinem Platz und liest den gedruckten Spiegel. Ich höre ein angeregtes Gespräch zwischen einem Musicaldarsteller und einer Abteilungsleiterin im Innenministerium, die sich gerade kennenlernen über, den relativen Wert von Musikgymnasien in Berlin. Geht es noch deutscher?

Illustration aus dem Buch ""Le tour du monde en quatre-vingts jours" Alphonse de Neuville & Léon Benett


Passenderweise habe ich ein entsprechendes Buch mitgenommen. Nils Minkmars „Mit dem Kopf durch die Welt.“ Das hat schon auf dem Cover ein ICE-Fenster und geht der Frage nach, was Deutschland bewegt. Minkmar lässt sich über deutsche Normalität aus. Der deutsche Ingenieur, lange Jahrzehnte Sinnbild der Normalität, sei nicht mehr normal. Minkmar erzählt aus seiner französisch-deutschen Kindheit:


„Meine Mutter nannte dann immer eine Berufsgruppe, die uns besonders fern war, nämlich les ingenieurs. Wir waren in Deutschland […] und das ganze frisch aufgebaute Land ruhte auf Säulen, die les ingenieurs berechnet, gegossen und zum Schluss noch festgedübelt hatten. […] Viele Jahre später sollte ich die Gelegenheit haben, diese seltene Spezies besser studieren zu können. Sie saßen direkt hinter mir, zwei ausgewachsene Exemplare: Ingenieure, Familienväter, auf der Rückfahrt von einer Dienstreise. Sie plauderten über die sich verändernden Zeiten. […] Fernsehen, Marken, Politiker, auf keinem Gebiet fanden sich diese beiden braven Männer wieder, alles zu grell und bunt, zu aufgeregt. Ihre spezifischen Werte und Tugenden, Sorgfalt und diese stille Freude an der eigenen Biederkeit, das alles war an den Rand gerückt. Ingenieure waren nun Exzentriker. […] Diese Männer fanden sich kulturell kaum zurecht.“

Wenn „der deutsche Ingenieur“ nicht mehr normal in Deutschland ist, sind es jetzt Ministerialbeamtinnen und Musicaldarsteller?




Forschung Maschinenbau Braunschweig


Minkmar war noch nicht in Braunschweig. Oder Braunschweig ist nicht normal. Da steige ich harmlos aus dem Zug und die Stadt schlägt mir „Deutscher Ingenieur“ rechts und links um die Ohren. Braunschweig hebt das Thema "autogerechte Stadt" in Höhen, die selbst mir als gebürtigem Hannoveraner unerreichbar schienen.

Braunschweig. Bahnhofsvorplatz.


VW ist daran beteiligt, ist klar in der Gegend. Aber nicht nur. Ich wandelte also Freitagabend gegen 21 Uhr auf der Suche nach einem Wegbier durch das verlassene Braunschweig, passierte die Stadthalle und wurde prompt begrüßt mit „Tag des Maschinenbaus. Herzlich Willkommen.“



Vor allem aber  fiel mir bei diesem Wandeln auf, wie unglaublich gepflegt diese Stadt aussieht. Ich erblickte  keine einzige Kippe auf dem Weg. Selbst die Großbaustelle, über die irrte, wirkte irgendwie aufgeräumt. Viel verwunderlicher war, dass selbst die in Braunschweig reichlich vorhandenen 1970er-Großbauten gepflegt und sorgsam hergerichtet wirkten. Die Stadthalle selber, offensichtlicher spät 1960er/früh 1970er-Stil wirkte besser gepflegt als Berliner Gebäude nach zwei Jahren. Die Wege und Lampen darum herum: offensichtlich keine zehn Jahre alt. Sie wirkten wie frisch aus der Packung genommen.

Wegbier. In Braunschweig nur schwerlich aufzutreiben, dann aber stilgerecht,


Selbst die Schwimmbäder sind alle gepflegt(*), alle haben gleichzeitig geöffnet und keines ist aus obskuren Gründen gesperrt. Da spielt nicht nur bürgerschaftliches Engagement eine Rolle, sondern offensichtlich ist auch Geld vorhanden.

Auf dem Hotelzimmer, noch so ein sehr gut gepflegter und hergerichteter Bau, der einem „1970er!“ ästhetisch schon ins Gesicht schreit, mit dem Hotel-Wlan (7 Tage, 7 Geräte) nachlesend, wie das nun ist mit Braunschweig. Bekanntes taucht beim Nachlesen auf: Die physikalische-technische Bundesanstalt mit der Atomuhr; geahntes lese ich (Volkswagen – hey, das ist Niedersachsen und die Technische Universität existiert ja auch) und nicht bekanntes:

„Im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) verfügt die Region Braunschweig über die höchste Wissenschaftlerdichte,[103] im bundesweiten Vergleich über eine hohe Ingenieurquote[104] sowie über die höchste Intensität auf dem Gebiet der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In der Region Braunschweig arbeiten und forschen mehr als 16.000 Menschen aus über 80 Ländern[105] in 27 Forschungseinrichtungen sowie 20.000 Beschäftigte in 250 Unternehmen der Hochtechnologie[106]“

Dazu noch „Braunschweig ist die Stadt mit der niedrigsten Verschuldung Deutschlands.“ Und nach einer obskuren EU-Rangliste ist Braunschweig  die innovationsfreudigste Region der EU vor Westschweden und Stuttgart. Hier lebt der deutsche Ingenieur. Hier lebt die deutsche Technik. Was für ein passender Ort für Jules Verne.


Jules Verne


Jules Verne; französischer Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts und vor allem bekannt als "Vater der Science Fiction." Von seinem vielfältigen Werk sind vor allem die Abenteuer-Techno-Knaller wie Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, die Reise Von der Erde zum Mond oder die Reise zum Mittelpunkt der Erde bekannt. Wikipedia und die Deutsche Jules-Verne-Gesellschaft hatten ein gemeinsames Wochenende organisiert mit einer Tagung zu Jules Verne und Gesprächen zu Wikipedia.

Volker Dehs bestreitet das halbe Programm


Jules Verne, mir vor allem bekannt durch vage Erinnerungen an den 1954er Nemo-Film, Weiß-orange Taschenbücher und einen blau eingebunden Robur-Roman, der mich verstörte, weil er so anders war als die großen mir bekannten Abenteuerromane von Jules Verne. Warum ich überhaupt fuhr: Intuition. Ich hätte nur schwerlich begründen können, was genau mich reizte, aber die Mischung aus Vertrauen in die Veranstalter, Science Fiction und Neugier auf diese andere niedersächsische Stadt nach Hannover, trieben mich dorthin.

Verne selber gilt als Begründer Science Fiction. Und so bringt er als Autor frankophile Literaten und Groschenromanfans, Ingenieure und Naturwissenschaftler zusammen. Besessene Bibliographen waren Thema und Anwesend, ebenso wie die phantastische Bibliothek in Wetzlar – die Mischung der Jules-Verne-Aktiven unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Mischung der Wikipedia-Aktiven. Die Perspektiven, aus denen Verne hier unter die Lupe genommen wurden, waren vielgestaltiger als sie es in der Literatur sonst sind. Faszinierend hier war die Neigung unterschiedlicher und leicht besessener Menschen sich zu einem Thema auseinanderzusetzen.

Haus der Braunschweigischen Stiftungen - Veranstaltungsort.



Dementsprechend hatte der Veranstalter, der Wikipedia-Autor Brunswyk das Programm gestaltet: ist Verne eher katholisch oder eher laizistisch? Kam der Wille zur Aufklärung in seinen Büchern durch seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel hinein, während auf Verne eher zurückgeht, dass alles menschliche Streben gegenüber der göttlichen Macht sinnlos bleibt? Wen inspirierte er? Ist es eine sinnvolle Frage, dem nachzugehen, welche seiner Voraussagen, sich bewahrheiten? Dazu kamen dann noch Exkursionen zu Friedrich Gerstäcker, Fenimore Cooper, die Ingenieure, die ihre U-Boote dann nach Jules Verne „Nautilus“ nannten – und stark von diesem beeinflusst waren

Für mich brachte das Treffen interessante Erkenntnisse, wie die Tatsache, dass Verne immer Theaterautor oder – produzent werden wollte und wie sehr der Katholizismus sein Denken beeinflusste. Romancier war er eher gezwungenermaßen – und verdiente mit seinen zwei erfolgreichen Theaterstücken in seinem Leben ein Viertel so viel Geld wie mit etwa 80 bis 100 Romanen.

Interessant das Rätseln aller Anwesenden, warum Vernes Roman "der Grüne Strahl" so ein kommerzieller Erfolg war, was niemand der Anwesenden nachvollziehen konnte. Und dann eine Dreiviertelstunde später kam die Bemerkung in einem anderen Zusammenhang, dass "der Grüne Strahl" quasi Vernes einziges Buch mit einer weiblichen Hauptfigur war. Ich ahne einen Zusammenhang, Update: Es kam wie es kommen musst. Da denke ich mal, ich habe etwas entdeckt, dabei habe ich nur etwas falsch verstanden. Tatsächlich ist Der Grüne Strahl nicht das einzige Werk mit einer Protagonistin. Das prägnanteste Buch ist dabei Mistress Branican*, da hier die Titelfigur die komplette Handlung quasi im Alleingang bestreitet. Aber auch in anderen Büchern spielen Frauen eine wichtige Rolle (und dieser Umstand war Jules Verne sogar so wichtig, dass er in Interviews darauf hinwies): Die Kinder des Kapitän Grant*, Nord gegen Süd*, Reise um die Erde in 80 Tagen*, Ein Lotterielos* ... und einige mehr. (*Affiliate Links)

Für mich neu war die Erkenntnis, dass ein Großteil von Vernes Werk gar nicht in den Bereich Science Fiction gehört, sondern es (fiktive) Reisebeschreibungen sind. Und selbst dort wo Verne Maschinen und phantastische Gerätschaften erfindet, dienen diese vor allem dem Zweck zu reisen.

Und jetzt recherchiere ich, natürlich, zum Grünen Strahl.

Die Phantastische Bibliothek


Meine beiden Programmhighlights beschäftigten sich nur mittelbar mit Jules Verne. Sie kamen von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar: zum einen der Rückblick von Thomas Le Blanc auf Wolfgang Thadewald. Den großen Phantastik- und Jules-Verne-Sammler. Thadewald verstarb 2014. Er lebte in Langenhagen. Mehrere der Anwesenden hatten ihn noch persönlich gekannt. Und die Schilderung seiner Sammlertätigkeit, seiner Liebe zu Büchern und zu Menschen, aber auch die Besessenheit mit der Thadewald an ein Thema heranging und auch von Krankheit schon schwer gekennzeichnet das Arbeiten an Bibliographien nicht lassen konnte – es ließ sich nicht anders beschreiben als bewegend. Sicher war dieser Vortrag mein emotionaler Vortrag des Programms.

Wer auch immer aber auf die Idee kam, den Vortrag von Klaudia Seibel zu Future Life: Wie (nicht nur) Jules Verne dabei hilft, die Zukunft zu gestalten an Ende der Konferenz zu legen: Chapeau! Das Projekt ist, kurz gesagt, ein Projekt der Phantastischen Bibliothek. Die stellt zu bestimmten Themen Dossiers zusammen, wie Science-Fiction-Autoren sie sich vorstellen. Die Berichte  werden manchmal von öffentlichen Stellen, öfter von Großunternehmen bestellt, die damit selber zukunftsfähig werden wollen und in die Zukunft denken.

So als Beispiel: Nanotechnische Ideen in der Science Fiction



Wobei Auftraggeber von Staats wegen selten sind. Die meisten Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. Die allerdings meist gleich umfangreiche Verschwiegenheitsklauseln verlangt, weshalb die Phantastische Bibliothek da wenig zu sagen kann.

Da haben also Autoren und Mitarbeiter der Bibliothek ein profundes Wissen über die Science-Fiction-Literatur und die größte Bibliothek ihrer Art im Hintergrund und seit mittlerweile einigen Jahren eine große Datenbank aufgebaut, was Autoren zu verschiedenen Themen schreiben.

Als jemand, der ich selbst weiß, wie viele Situationen ich durch gelesene Bücher interpretiere – Bilder aus diesen Büchern im Hinterkopf habe und mir immer wieder mal sagen muss, dass ein Roman nur bedingt real ist, glaube ich sofort, dass es nichts gibt, was so sehr Denkprozesse auslösen und Kreativität triggern kann, wie Romane. Der befreit das Hirn gerade vom strikt logisch-folgerichtigen Denken, verrückt die Perspektive etwas nach links oder oben, und schon öffnen sich vollkommen neue Gedankenwege. Die Idee ist so brillant, dass es überraschend ist, dass sie wirklich angenommen wird. Anscheinend wird sie das.


Mensch Maschine Normal


Und nachdem ich dann wieder im Zug saß und das erste Handy-Ticket meines Lebens gekauft hatte, fragte ich mich wieder. Ist diese Stadt – die mir in vieler Hinsicht – so unfassbar „normal“ vorkommt, vielleicht die große Ausnahme? Sind die Musicaldarsteller, die mit „dem Alex“ [Alexander Klaws] telefonieren, normal? Die Menschen im Ministerium? Die größten Jules-Verne-Experten des Landes, die alle noch einen anderen Brotjob haben? Oder eher die Normalität vieler Menschen, die darin besteht, am Ende des Monats zu überlegen, wie denn die letzten 10 Tage mit dem leeren Konto noch überbrückt werden können?





Brauschweig ist die verstädterte Mensch-Maschine-Kopplung. In seiner Normalität sicher schon wieder ein Ausnahmefall in Deutschland. Aber ich sah die Zukunft: sie sitzt in einer Bibliothek in Wetzlar und liest Science-Fiction-Romane.

Weiterlesen


Mit Wikipedianern kann man nicht nur Verne lesen, sondern auch Cocktails mischen: Ramos Gin Fizz für die Enzyklopädie.

Oder man läuft mit Wikipedianern durch den Wedding:Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Mehr zu Future Life bei der phantastischen Bibliothek: Future Life. 

Zum Jules-Verne-Club

Die Wikipedia-Seiten zur Veranstaltung: Wikipedia:Wiki Loves Jules Verne

Beiträge zur Veranstaltung im Wikipedia-Kurier und im Blog von Wikimedia Deutschland.

Der grüne Strahl im Gesamttext bei zeno.org: Der grüne Strahl

Alle Iberty-Posts zur Kultur stehen unter: Kultur in Iberty!

Anmerkungen


Auch zu Schwimmbädern ein schönes Minkmar-Zitat aus dem Mit-dem-Kopf-durch-die-Welt.Buch:

„Nichts gegen das große Geld und die wenigen, die es genießen können, aber die Stärke mitteleuropäischer Gesellschaften liegt gerade in der Mischung. Für Reiche ist es in Singapur, Russland und Malaysia ideal. […]Glaspaläste und Shopping Malls gibt es auf der ganzen Welt, bald vermutlich auch unter Wasser und auf dem Mond. Öffentliche Freibäder, Stadtteilfeste oder Fußgängerzonen, in denen sich Reiche und Arme, Helle und Dunkle, Christen und Muslime mit ihren Kindern vergnügen und drängeln, gibt es nur hier. Ich fand es immer erstaunlich, dass es in Algerien beispielsweise keine öffentlichen Schwimmbäder gibt oder dass man in den USA oder in Brasilien Mitglied in einem Club werden muss. Das ist eine teure und in vieler Hinsicht sozial sehr voraussetzungsreiche Angelegenheit, nur um mit den Kindern mal schwimmen zu gehen, es sei denn natürlich, jeder hat seinen eigenen Pool im Garten, was, für mich zumindest, wie eine Definition von struktureller Langeweile klingt.“ (s. 104)


 

*Dieser Post enthält Affiliate Links zu geniallokal. Es handelt sich dabei um Werbung. Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr dort bestellt, und ihr habt bei den Guten bestellt.


Berlin celebrates old school #wikipedia15

Tuesday, 17 August 2021 08:13 UTC

I still remember the time when real life meetings for Wikipedians were new and adventurous and a bit scary. Did one really want to meet these strange other people from the Internet? How would they be? Could they even talk in real life or would they just sit behind a laptop screen staring on it for hours?

My first meeting in Hamburg – THE first Wikipedia meeting in Hamburg - would consist of three people (Hi Anneke, Hi Baldhur!) sitting in a pub, and just waiting and seeing what would happen. These meetings were kind of improvised, in a pub, quite private and personal in nature and no talk about projects, collaborations, “the movement” whatever. Just Wikipedia and Wikipedians having a nice evening.

WP15 Germany Berlin 01
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

So what a fitting setting to celebrate this day in Berlin just the old school way. Half improvised, organized by our dearest local troll user:Schlesinger on a talk page, we met in a pub, it was not clear who would come and what would happen except some people having a good time.

And so It was. In the “Matzbach” in the heart of Berlin-Kreuzberg seven people promised to come, in the end we were almost twenty. Long time Wikipedians, long-time-no-see-Wikipedians, a Wikipedian active mostly in Polish and Afrikaans, some newbies and two and a half people from Wikimedia Deutschland. Veronica from Wikimedia Deutschland brought a tiny but wonderful home-baked cake, and we just talked and laughed, talked about history and future.  Actually, mostly we talked about future.

WP15 Germany Berlin 03
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

About the Wikipedian above 30, who has just started a new a university degree in archaeology, the question whether the Berlin community should have its own independent space, industrial beer, craft beer and the differences, the district of Berlin-Wedding, the temporary David-Bowie-memorial in Berlin-Schöneberg, the vending machine for fishing bait in Wedding, new pub meet-ups in the future, who should come to the open editing events, how to work better with libraries, colorful Wikipedians who weren’t there, looking for a new flat, whether perfectionism is helpful or rather not when planning something for Wikipedians, explaining Wikipedia to the newbie, the difficulties of cake-cutting and whatsoever.

No frustration, almost no talk about meta and politics, just Wikipedians interested in the world, Wikipedia and eager to be active in and for Wikipedia and with big plans for the future. Old school. So good.

WP15 Berlin Torte angeschnitten

Die Verschwundenen

Tuesday, 17 August 2021 08:13 UTC

Crossposting eines Posts von mir aus dem Wikipedia Kurier. Erfahrungsgemäß lesen das dort und hier ja doch andere Menschen.

Wikipedistas kommen und gehen. Manchmal gehen mehr, manchmal weniger. Einzelne davon fallen durch ihr Wirken in der gesamten Wikipedia auf oder versuchen sich wenigstens durch einen spektakulären Abgang in Szene zu setzen. Die meisten Autoren und Autorinnen aber gehen genauso still und leise wie sie gekommen sind und gearbeitet haben.

Die unseligen Autorenschwund-Debatten der unseligen Wikimedias kümmern sich ja um Zahlen und nicht um Autorinnen und Autoren. Wie armselig! Den Meta-aktiven Communitymitgliedern - aka Wikifanten - fallen vor allem die anderen Wikifanten auf, die entschwanden. Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es um lauter einzelne Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Arbeitsstilen und Interessen geht, die in Wikipedia tätig waren und sind. Es gibt vor allem diejenigen, die kommen, einen Beitrag leisten und dann wieder verschwinden. Der größte Teil der tatsächlichen Wikipedia wird von Menschen und Accounts gestaltet, deren Edits fast nur im Artikelnamensraum aufzufinden sind. Manchmal arbeiten sie unermütlich über viele Jahre, manchmal auch nur einige Wochen an einen oder zwei Artikeln. Viele davon sind als IP aktiv, so dass sich fast nichts über sie sagen lässt. Vielleicht sind die Beitragenden per IP auch gar nicht viele, sondern eine einzige sehr fleißige Autorin? Wer weiß?


 Viele Wikipedianerinnen und Wikipedianer sind derzeit inaktiv.

Anlässlich des Projektes WikiWedding und in meinem Bestreben möglichst viele Wedding-Aktive daran zu beteiligen, lese ich ja derzeit viele Artikel zu einem Themengebiet, das mir in den letzten Jahren eher fremd war und an dessen Entstehung ich nicht beteiligt war. Wer sich in den letzten Monaten am Thema beteiligt hat, ist mir bewusst, wer sich von 2001 bis 2014 des Weddings angenommen hat, musste ich nachlesen. Eine spannende Lektüre voller mir unbekannter Namen und Accounts. Neben einigen mir bekannten Wikipedistas waren dort vor allem mir unbekannte Accounts. Accounts, die oft aufgehört haben zu editieren. Meist sind sie still und leise gegangen. Ihre Edits und Kommentare geben keinen Hinweis warum. Aber anscheinend war es anderswo schöner. Oder sie hatten den Einruck, alles in Wikipedia geschrieben zu haben, was sie beitragen wollten. Um diesen Autorinnen und Autoren zumindest nachträglich etwas Aufmerksamkeit zu geben, um ihre Namen kurz aus den Tiefen der Versionsgeschichten zu retten, sollen hier einfach einige Autorinnen(?) und Autoren gewürdigt werden, die sich um den Wedding in Wikpedia bemühten bevor sie verschwanden.



Da ist zum Beispiel der Artikel zur Chausseestraße. Ein Mammutwerk von Gtelloke, dessen Wikipedia-Edits sich von Juni bis Dezember 2012 fast ausschließlich auf diesen Artikel beschränkten.


Bild: Die Chausseestraße 114-118 in Richtung Invalidenstraße von Gtelloke
Lizenz: CC-BY-SA 3.0



Da ist der Artikel zum Wedding selber. Angelegt 2002 von Otto, dessen letzter Edit aus dem Dezember 2004 stammt. Im November 2004 dann maßgeblich ausgebaut von Nauck, der sich auch sonst dem Ortsteil und seinen Themen widmete. Artikel zu Moabit, den Meyerschen Höfen, Mietskasernen und Schlafgängern waren Teil seines kurzen Werks, das im Wesentlichen nur zwei Wochen im November 2004 dauerte, aber die Grundlagen wichtiger Artikel zur Berliner Sozialgeschichte legte. Ein Blick auf seine Benutzerseite zeigt auch den Geist der Wikipedia-Frühzeit: ''GNU rockt! Der König ist tod, lang lebe das Volk! Lang lebe die Anarchie des Netzes! Licht und Liebe''

Weiterer Ausbau erfolgte durch 87.123.84.64, auch zu wikipedianischen Urzeiten. Dann passierte 500 Edits und acht Jahre im Wesentlichen nichts – mal ein Halbsatz hier, mal die Hinzufügung von drei Bahnstrecken dort, Hinzufügen und Löschen von berühmten Persönlichkeiten bis im Dezember 2014 der erste heute noch aktive Wikipedianer hinzukommt: Fridolin freudenfett verpasst dem Artikel mit „Katastrophalen Artikel etwas verbessert)“ eine Generalüberholung.

Der Leopoldplatz; angelegt von Frerix, der in den immerhin fünf Jahren seiner Wikipedia-Aktivität nie auch nur eine Benutzerseite für nötig hielt und anscheinend auch in keine Diskussion verwickelt wurde.  Zu seinen wenigen Beiträgen gehören neben der Anlage des Leopoldplatzes auch noch die Anlage der englischen Stadt Sandhurst, die Anlage des Kreuzviertels in Münster und des Three Horses Biers. Dann war er/sie wieder weg. Mutter des Artikels ist hier aber 44Pinguine, die den heutigen Inhalt maßgeblich prägt und auch heute noch aktiv ist.

Da wäre das Wahrzeichen des Weddings. Die Alte Nazarethkirche. Der Artikel stammt vor allem von 62.246.210.30.


Bild: Leopoldplatz, Ev. Alte Nazarethkirche, 1832–35 von Karl Friedrich Schinkel von Schliwiju

Nichts war für die Entwicklung des Weddings wohl so entscheidend wie die Geschichte der AEG. Dieser Artikel stammte in seiner Frühzeit von WHell, engagiertem Wikifanten, mit ausführlicher Artikelliste und Diskussionsseite, der uns 2007 verließ. Der letzte Eintrag auf seiner Diskussionsseite war „Hallo WHell, ich möchte Dich als den Hauptautor darüber informieren, dass ich den Artikel John Bull (Lokomotive) in die Wiederwahl zum Exzellenten Artikel gestellt habe,“ Größere Beiträge zur WEG folgten in den späteren Jahren durch Peterobst – aktiv von Februar bis April 2006 vor allem mit Beiträgen zur Berliner Industriegeschichte, nach seiner Benutzerseite AEG-Kenner und in Arbeit an einem Buch über den Konzern. Es folgten 80.226.238.197, von Georg Slickers 2006 (auch heute noch aktiv, wenn auch recht unregelmäßig), Flibbertigibbet 2006 , 79.201.110.89 im Jahr 2008 und der unermüdlichen 44Pinguine. Weiter ausgebaut von Onkel Dittmeyer, aktiv von 2009 bis Juli 2015 in Technikthemen und vielleicht immer noch unter neuem Account? Begann seine Karrier mit der Nutzerseite „Hier ist Nichts und das soll so bleiben !“ und hielt sich im Wesentlichen daran.

Da ist der Volkspark Rehberge. Angelegt von Ramiro 2005, aktiv 2005/2006, vor allem zum Thema Fußball. Maßgeblich ausgebaut, umfassend überarbeitet 2007 von 84.190.89.208 und noch einmal 2010 stark erweitert von Katonka. Landschaftsplaner mit unregelmäßigen Edits zwischen 2009 und 2014, die Edits waren wenige, aber die Qualität war hoch.


Bild: LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin Mitte - Panoramabild auf die Wiesen des Volkspark Rehberge in Berlin, Wedding (Mitte). Von: Patrick Franke Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Neben diesen Verschwundenen tauchen glücklicherweise aber auch heute noch aktive Wikifanten auf. Immer wieder 44Pinguine und Fridolin freudenfett. Darüber hinaus Definitiv, Magadan, Flibbertigibbet und Jo.Fruechtnicht.

Die Artikel entstanden durch Wikifanten und IPs. Accounts mit nur einem Thema oder anderen, die über Jahre thematisch sprangen. Während in der Frühzeit aber viele verschiedene Accounts und IPs an den Artikel beteiligt waren, waren in den letzten Jahren deutlich weniger Menschen aktiv. Fast alle inhaltlichen Edits in den von mir angesehenen Artikeln verteilen sich auf 44Pinguine,  Fridolin freudenfett und Definitiv. Wikipedia wird kleiner und noch lebt sie. Aber wir können all‘ den Verschwundenen danken, die vor uns kamen.

Seit nun schon ein paar Jahren hört man immer wieder über Probleme in der kroatischen (und zu einem gewissen Grad auch der serbischen) Wikipedia. Rechte Gruppen sollen das Projekt übernommen haben und alle Wikipedianer, die nicht ihrer Meinung sind, rausgeekelt oder einfach gesperrt haben.

Lange war nichts passiert, aber seit Ende letzten Jahres sah sich die WMF dann doch mal die Situation an und es wurde schon zumindest ein Admin gebannt.

Nun hat die WMF ein Abschlußdokument veröffentlicht; oder genauer schon Mitte Juni und ich habe es erst heute bei reddit gesehen. In dem Dokument finden sich solche Perlen, als das in hrwp behauptet wurde, Nazi-Deutschland habe Polen überfallen weil Polen einen Genozid an Deutschen verübt hätten.

Der ganze Bericht kann hier gefunden werden. Mich macht die ganze Geschichte sowohl traurig als auch wütend. Wikipedia soll die Leute so gut es geht aufklären und nicht Propaganda verbreiten!

IeS: Blog ist zurück

Friday, 16 April 2021 21:38 UTC

Ich habe heute dieses Blog auf einen neuen Server umgezogen, sein DNS aktualisiert und sein SSL repariert. Werde versuchen, es nun wieder öfters zu befüllen. Wünscht mir Glück 🙂.

Wahl: Oversighter-Wahlen

Friday, 16 April 2021 21:11 UTC

Bereits seit gestern und noch bis zum 28. April laufen die Oversighter-Wahlen. Doc Taxon, User:He3nry und Nolispanmo treten zur Wiederwahl an. Ich wünsche: Viel Erfolg!

Gab es in der DDR Spaghetti?

Friday, 26 March 2021 09:39 UTC

Eine der schöneren unbekannten Ecken der Wikipedia ist die Seite zur Auskunft. Dort können Menschen mögliche und unmögliche Fragen stellen, die dann mal launisch, mal larmoyant, mal ernsthaft oder auch gar nicht beantwortet werden. Wie im wahren Leben und eine ewige Fundgrube obskuren Wissens, seltsamer Fragestellungen und logischen Extremsports.

Nicht die DDR. Bild: Giorgio Conrad (1827-1889) - Mangiatori di maccheroni. Numero di catalogo: 102.



Dort nun fragte vor ein paar Tagen ein unangemeldeter Nutzer:

 "Warum gab es in der DDR eigentlich nur Makkaroni (die in Wirklichkeit Maccheroncini waren), aber keine Spaghetti? Das erscheint mir nach Lektüre einiger Bücher aus der DDR so gewesen zu sein und ist mir auch so von meiner aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden Verwandtschaft bestätigt worden. Warum?"

Es folgte eine längere und mäandernde ausgiebige Diskussion, die immerhin folgendes ergab:

* Anscheinend gab es in der DDR Spaghetti, zumindest erinnerten sich einige der Diskutanten an derartige Kindheitserlebnisse.
* Ob Spaghetti so verbreitet waren wie Makkaroni oder Spirelli, darüber bestand Uneinigkeit.
* Die Nudelsaucensituation war in Berlin besser als im Rest der DDR.
* Die DDR allgemein pflegte in vielerlei Hinsicht traditionellere Essgewohnheiten als Westdeutschland, die Küche der DDR ähnelte in vielem mehr der deutschen Vorkriegsküche als dies für die westdeutsche Küche gilt.
* In Vorkriegszeiten waren Makkaroni verbreiteter als Spaghetti.
* Schon bei Erich Kästner wurden Makkaroni gegessen
* Der Makkaroni-Spaghetti turn im (west-)deutschen Sprachraum war Mitte der 1960er
* Schuld könnten wahlweise das mangelnde Basilikum, die mangelnde Tomatensauce, überhaupt mangelnde Kräuter, Italienreisen, Gastarbeiter, Miracoli oder auch was ganz anderes sein.
* Klarer Konsens im Rahme: Sahne gehört keineswegs in Sauce Carbonara!


Gab es in der DDR nicht: Miracoli. Bild: Miracoli-Nudeln mit Mirácoli-Soße von Kraft. Von: Brian Ammon, Lizenz: CC-BY-SA 3.0
 
Daneben tauchten eine ganze Menge Kindheitserinnerungen auf an exotische Spaghettimahlzeiten mit kleingeschnittenen Spaghetti, Ketchup-basierter Tomatensauce und anderen kulinarischen Exotika des geteilten Deutschlands.

Einige Antworten, viel mehr Fragen:
* seit wann wird in Deutschland überhaupt Pasta gegessen?
* wie lange schon ist Tomatensauce verbreitet?
* seit wann essen westdeutsche Spaghetti?
* Und wer ist Schuld? Die Gastarbeiter? Die Italienurlauber? Miracoli?
* Und wie kommen eigentlich die Löcher in die Makkaroni?

Also verließen wir dann erst einmal die Auskunft und die dortige Diskussion und betrieben etwas weitere Recherche. Das heimische "Kochbuch der Haushaltungs- und Kochschule des Badischen Frauenvereins", veröffentlicht 1913 in Karlsruhe, kennt sowohl Makkaroni wie auch Spaghetti. Ungewohnt für heute: die Makkaroni werden in "halbfingerlange Stückchen gebrochen" und dann 25 bis 30 Minuten gekocht.

Neben den diversen Makkaroni-Gerichten gibt es auch einmal Spaghetti. Die Priorität ist klar. Spaghetti werden erklärt als "Spaghetti ist eine Art feine Makkaronisorte. Beim Einkauf achte man darauf, daß sie nicht hohl sind"

Die "Basler Kochschule. Eine leichtfaßliche Anleitung zur bürgerlichen und feineren Kochkunst" von 1908 kennt keine Spaghetti aber diverse Gericht mit "Maccaronis". Darunter sogar schon die Variante "a la napolitaine" mit Tomatensauce.

Weitere Recherche. Weitere Erkenntnisse bringt das Buch "Meine Suche nach der besten Pasta der Welt: Eine Abenteuerreise durch Italien", das die Ankunft der Makkaroni in Deutschland auf das frühe 18. Jahrhundert verlegt. Die 1701 nachweisbaren "Macronen" waren wohl eher Lasagne, aber Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden in Prag und Wien echte Makkaroni-Fabriken.

Die Pasta folgte anscheinend den jungen Männern der Grand Tour aus Italien in das restliche Europa. Bestimmt waren die Grand Tours für junge Männer, die mal etwas von der Welt sehen und klassische europäische Bildung mitbekommen sollten, die auf der Tour aber anscheinend nicht nur Statuen und Kirchen kennenlernten, sondern auch Pasta.

Philip Dawe, The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade (1773) - 02
Der Macaroni. Der Hipster seiner Zeit. Bild: Philip Dawe: The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade, 1773.

In England gab es sogar einen eigenen Modestil Macaroni für exaltierte junge Männer - "a fashionable fellow who dressed and even spoke in an outlandishly affected and epicene manner". Die englische Wikipedia schreibt dazu lakonisch: "Siehe auch: Hipster. Metrosexuell." Komplett falsch wäre wohl auch die Assoziation zur Toskana-Fraktion nicht.

Nach diesen extravagant und auffallend auftretenden jungen Männern ist nun wiederum im Englischen der Macaroni penguin - auf deutsch der Goldschopfpinguin - benannt.


Makkaroni-Penguin. Benannt nach dem Stil, nicht nach den Nudeln. Bild: Macaroni Penguin at Cooper Bay, South Georgia von Liam Quinn, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Wie aber kommen nun die Löcher in die Makkaroni? Und seit wann? Licht in dieses Dunkel bringt die "Encyclopedia of Pasta." Diese lokalisiert die Entstehung der maschinellen Pastafertigung - die für Makkaroni in zumutbarer Menge unvermeidlich ist - in die Bucht von Neapel in das 16. Jahrhundert. Dort existerte eine Heimindustrie mit Mühlen, an die sich relativ problemlos eine im 16. Jahrhundert aufkommende ’ngegno da maccarun anschließen lies, die es den Neapolitanern ersparte stundenlang im Teig herumzulaufen, um ihn zu kneten: im Wesentlichen Holzpressen mit einem Einsatz aus Kupfer, je nach Form des Einsatzes entstehen verschiedene Nudelsorten und damit unter anderem Makkaroni. Die Makkaroni wurden dann in langen Fäden zum trocknen in die süditalienische Sonne gehängt.


Sommer, Giorgio (1834-1914) - n. 6204 - Napoli - Fabbrica di maccheroni
Neapel, 19. Jahrhundert. Bild: Giorgio Sommer (1834-1914), "Torre Annunziata-Napoli - Fabbrica di maccheroni". Fotografia colorita a mano. Numero di catalogo: 6204. 


Das hat alles nicht mehr wirklich etwas mit Spaghetti und der DDR zu tun, beantwortet nicht, warum die Deutschen in den 1960ern plötzlich lieber Spaghetti als Makkaroni mochten, oder warum die Makkaroni bei ihrem ersten Zug über die Alpen die Tomatensauce in der Schweiz ließen? Warum gibt es in Deutschland kein Äquivalent zu "Macaroni and cheese" (mehr)? Gab es ein Miracoli-Äquivalent in der DDR, bei dem es Pasta, Sauce und Käse schon in einer Packung gab? Warum sind Makkaroni in Deutschland tendenziell lang und dünn in vielen anderen Ländern aber dicker und hörnchenförmig-gebogen? Es ist hochspannend. Und ein Grund, noch viel mehr zu recherchieren.

Weiterlesen

Eine Investigation: Es gibt kein Mirácoli Carbonara mehr.

Coolest Wikipedia Tool 2020: Pywikibot

Thursday, 7 January 2021 17:31 UTC

Seit 2019 wählt das Wikiversum die coolsten Tools, die besten Hilfsmittel, um in Wikipedia und anderen Wikis zu werken. Eines davon ist der Pywikibot, der Bot aller Bots.

Schneeregen fegte waagerecht über Vorplatz des Tempelhofer Hafens. Mein Pullover war gar nicht so kuschlig und dicht wie ich ihn in Erinnerung hatte. Die Handschuhe waren im Laufe der Jahre so fadenscheinig geworden, dass eine einzelne kurze Radtour die Finger vereisen ließ.

Ein einsamer, von Weihnachten übrig gebliebener, Quarkkeulchen-Stand vor dem Tempelhofer Hafen. Seine Lichter verhießen Wärme. Der Weg dorthin: Von Entbehrungen gezeichnet. Der Wind, der einem aus allen Richtungen ins Gesicht blies, trieb die Leute davon. Sie wussten nicht wohin, denn alles war geschlossen und zu Hause wollten sie ihre Mitbewohner nicht mehr sehen. Über der Szene kreiste ein hungriger Taubenschwarm.

„Ist es nicht herrlich“, fragte ich DJ Hüpfburg. „So viel Platz! Fast das ganze Hafengelände gehört uns. Und wir können uns problemlos aus drei Meter Sicherheitsabstand anschreien.“ – Sie antwortete „Du spinnst. Es ist scheißkalt. Ich bibbere. Das letzte Mal, als ich so gefroren habe, bin ich im Rozbrat mit meiner ehemaligen Band aufgetreten: „Pierdzące Zakonnice“.

Wir spielten Prog-Punk. Kein Wasser, keine Heizung und ein sibirischer Windhauch kam aus Richtung Minsk. Wer auf Toilette wollte, hat einen Eispickel in die Hand bekommen, falls das Plumpsklo wieder zugefroren war. Und am Ende des Abends haben wir Wahlplakate im Konzertsaal verbrannt, um nicht ganz zu erfrieren.

Aber wir haben gerockt: Kasia an der Geige, die andere Kasia am Theremin, ich an der KitchenAid und Anna am Gong und an der Rezitation. So viel Kunst war nie wieder davor oder danach im Rozbrat. Leider war es den Pferden zu kalt, so dass die weiße Kutsche ausgefallen ist. Hier am Hafen ist keine Kunst. Hier ist es nur scheißkalt. Ich gehe.“

Später, im Chat. Hüpfburgs Schilderung hatte mich an ein Video erinnert, das ich kurz vorher gesehen hatte: „Wikimedia Coolest Tool Award 2020.“ in meinen Versuchen, DJ Hüpfburg für die Wikipedia und ihr Umfeld zu begeistern, postete ich ihr den Link.

Southgeist: https://www.youtube.com/watch?v=zYM4k_LD_9w – Tools sind doch was für Dich

Hüpfburg: click

Hüpfburg: Das ist Wikipedia. Was soll ich damit?

Southgeist: Aber Tools. Nur mit ausgewählten Menschen. Fast nur Technik und kreative Sachen.


Hüpfburg: Wikipedia spießerfrei? Du meinst, das soll gehen?

Southgeist: Schau doch mal.

Hüpfburg: Ich sehe jetzt schon drei Minuten lang Berliner Straßen ohne Ton. Ich dachte schon, meine Lautsprecher wären kaputt.

Hüpfburg: I like the music.

Southgeist: Eben. Warte erst auf die Tools.

Hüpfburg: 52 Minuten! So lange soll ich Wikipedia schauen? In der Zeit zerstöre ich zwei Ehen, bringe einen Priester vom Glauben ab und bringe drei Paare neu zueinander. Sage mir lieber, was für Tools vorkommen.

Die coolest Tools

Ich erzählte.

Im Video werden vorgestellt: Der AutoWikiBrowser (Hüpfburg: „Da klingt der Name schon langweilig“), SDZeroBot generiert Benutzerseitenreports („Mich interessieren weder Benutzer noch ihre Seiten“), Proofread Page Extension („Korrekturlesen, geht es noch spießiger?“), Listen to Wikipedia („Schön, aber reichlich Kitsch. Wenn eines Tages zwei Wikipedianer kommen und einander heiraten wollen, werde ich das Tool in den Event integrieren“), AbuseFilter („Zu sehr Polizei“), LinguaLibre („I like“), und Pywikibot – ein Tool zum Erstellen weiterer Tools. („Das klingt spannend – erzähle mir mehr.“)

Pywikibot

Pywikibot ist ein Framework zum Erstellen von Bots. Oder anders gesagt: wer sich den Pywikibot installiert, kann mit überschaubarem Aufwand eigene Bots schaffen. Oder sich an einem der bereits auf dieser Basis geschaffenen Skripte bedienen. Die Bots können prinzipiell alles, was menschliche Nutzer von MediaWiki-Wikis auch können – nur schneller.

Wobei können in diesem Zusammenhang natürlich bedeutet: jemensch muss dem Bot vorher sagen, was er tun soll. Das dauert länger als ein Edit. Der Bot kommt sinnvoll ins Spiel, wo es eine hohe Zahl gleichartiger Edits gibt. Zum Artikelschreiben ist das wenig – zum Anpassen von Formalien ist es super. Und dazwischen liegt ein Graubereich. Nicht alles ist sinnvoll, nicht alles ist erlaubt – und um die Kontrolle zu wahren, hat der Pywikibot einen automatischen Slow-Down-Mechanismus, der den Bot absichtlich ausbremst.

Pywikibot geht zurück auf verschiedene Bots und Skripte aus dem Jahr 2003, existiert in dieser Form seit etwa 2008. Die aktuelle Variante ist in und für Python 3 geschrieben. Die Community, die sich um das Framework kümmert, hat eine dreistellige Zahl von Mitgliedern und ist so international, wie es die frühe Wikipedia war. Rein aus dem Bauchgefühl heraus würde ich auch sagen, was Charaktertypen und Soziodemographie angeht, ist die Pywikibot-Gruppe sehr viel näher an der Ur-Wikipedia als die heutigen Wikipedistas.

DJ Hüpfburg: „Du sagst es. Alt-Wikipedia. Diese Tool-Awards sind solche Lebenswerkauszeichungen? Das Bot-Framework gibt es seit fast 20 Jahren, das Proofread-Tool existiert seit fast 15 Jahren. Ist der Award so langsam oder gibt es so wenig Neues?“

Ich glaube, der Award ist langsam. Beziehungsweise er existiert erst seit letztem Jahr. Jetzt muss er die ganzen Tools der letzten Jahrzehnte durchprämieren, damit die nicht vergessen werden. Wie bei der Wikipedia auch: Die Grundlagen wurden vor langer Zeit gelegt. Alles, was jetzt kommt, baut darauf an, verbessert, schafft aber nur selten fundamental Neues.

Change Musiker to Musiker*innen

„Außer dem Tool-Award. Der ist neu? Und dem Video nach zu urteilen reichlich großartig.“
Yup. Und er hat mir und dir den Pywikibot gelehrt und damit eine wichtige Aufgabe erfüllt.

DJ Hüpfburg: „Ich kann also auf Basis von Pywikibot alle ‚Musiker‘ in Wikipedia durch ‚Musiker*innen‘ ersetzen?“
Ich: „Theoretisch ja. Praktisch gibt es verschiedene Hindernisse. Und du wirst auf ewig gesperrt werden.“

DJ Hüpfburg: „Dachte ich. Noch so jung und schon so strukturkonservativ diese Website. Wäre sie ein Mensch, würde sie einen beigen Pullunder über weißem Hemd tragen und Leserbriefe an die Fernsehzeitschrift schreiben. Aber ich kann mein eigenes Wiki aufsetzen und da noch Herzenslust alles bot-mäßig umbauen?“

Ich: „Yup. Wikidata freut sich auch. Da gibt es noch viel zu tun und die sind superfreundlich dort.“

DJ Hüpfburg: „Ich auf meinem Pybot einreitend in Wikidata! Das wäre fast so gut wie im Rozbrat. Mit der Kutsche, die dann doch nicht kam. Irgendwann im Laufe des Abends spielten wir Mozart. Da haben die Squatter angefangen mit Äpfeln zu werfen. Wir uns hinter dem Gong geduckt und ich ein Kitchen-Aid-Solo. Ich erinnere mich noch an den einen Tänzer, der allein Stand und Luft-Küchenmaschine gespielt hat. Ein Arm angwickelt am Körper als würde er die Maschine an sich drücken, mit dem anderen weit ausholende Bewegungen, um dann auf dem Einschaltknopf zu laden.“

„Leider hatten wir dem Publikum einen Mozart-Schock versetzt und die wollten uns nicht mehr gehen. Dadurch hatten wir alle Auftrittsorte in Posen durch. Kasia ging nach Prag und Paris, Jazz-Theremin studieren. „Ein Juwel unter unserer Studentinnen“ sagte mal eine Professorin. Kasia wäre fast dieses Jahr in der Philharmonie aufgetreten. Aber Deine komische Wikipedia hat immer noch keinen Artikel von ihr.“

Ich: „Es ist nicht meine Wikipedia.“

Ruhe. Hüpfburg dachte.

„Dieser Bot. Der kann doch sicher in Wikidata alle Personen auslesen, die Theremin spielen. Und dann eine Liste in Wikipedia anlegen. Die regelmäßig erneuert wird. Das müsste doch gehen. Vielleicht ist es einen Versuch wert.“

(Beitragsbild: Brødmaskin med striper i mange farger von: Øyvind Holmstad Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International