Wikimedia:Woche 16/2019

12:39, Thursday, 18 2019 April UTC

Die Wikimedia:Woche 16/2019 berichtet über den neuen Vorstand bei Wikimedia Chile, das Code of Conduct Committee und den Abschlussbericht zum Wikimedia Summit 2019. Des Weiteren sind bei Wikimedia Deutschland offene Stellen zu besetzen und es gibt Neuerungen bei der EU-Urheberrechtsreform.

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Freies Wissen: Auf europäischer Ebene angekommen

13:11, Tuesday, 16 2019 April UTC

Damit Freies Wissen entstehen und in der digitalisierten Wissensgesellschaft von heute wirksam weitergegeben werden kann, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Doch es geschieht leicht, dass die Belange des Freien Wissens dabei zu kurz kommen, unter ferner liefen, nice to have. Das ist widersinnig, denn eigentlich sind die Belange des Freien Wissens immer zugleich Belange der Allgemeinheit. Sie sollten daher schon aus sich heraus durch die Politik berücksichtigt werden.

Andererseits leben wir in einer Verbändedemokratie, in der widerstreitende Interessen dadurch ausbalanciert werden, dass alle Interessen in irgendeiner Weise organisiert auftreten und im parlamentarischen Prozess Gehör finden. Darum braucht auch das Freie Wissen eine Lobby. Und die hat es jetzt, wie derzeit an der EU-Urheberrechtsreform deutlich wird. Erstmals wurden bei einer so wichtigen Rahmensetzung auf EU-Ebene wesentliche Verbesserungen dadurch erstritten, dass sich Communitys und Hauptamtliche gemeinsam dafür eingesetzt haben:

Interessenvertretung fürs Gemeinwohl wirkt

Die EU-Urheberrechtsreform hat uns über zwei Jahre in Atem gehalten und die unzähligen Gespräche, Texte, Aktionen, Interviews und Teilnahmen an Veranstaltungen haben sich gelohnt. Gemeinsam mit Wikimedia-Communitys in mehreren EU-Mitgliedstaaten, mit einzelnen Freiwilligen und den europäischen Wikimedia-Vereinen ist es Dimitar Dimitrov und Anna Mazgal, unseren beiden Wikimedia-Mitarbeitenden in Brüssel, gelungen, eine Regelung zum Schutz des gemeinfreien Rechtsstatus von Kunstwerken ganz neu, das heißt zusätzlich zum Inhalt der Reform-Initiative der EU-Kommission, in den Richtlinientext zu bringen. Damit wird der Umgang mit historischen Bildern in Projekten wie Wikipedia rechtssicherer. Etwas vergleichbares ist sonst niemandem aus dem Kreise zivilgesellschaftlicher Akteure gelungen bei dieser Reform. Unser aller Dank und Respekt gilt darum Dimitar Dimitrov und Anna Mazgal, die in Brüssel inzwischen eine professionelle und allseits geachtete Interessenvertretung fürs Freie Wissen aufgebaut haben.

Das Ganze zeigt darüber hinaus, dass die EU-Demokratie funktioniert, dass das Europaparlament eine echte Repräsentanz der gesamten europäischen Gesellschaft ist, seine Rolle im Gesetzgebungsprozess aktiv ausfüllt und Impulse von außen aufgreift. Das oft beklagte angebliche Demokratiedefizit der Europäischen Union? Ist in der Praxis offenbar doch nicht so groß, jedenfalls nicht beim Parlament. Selbst einzelne Abgeordnete können sehr viel bewegen und gerade anhand der Urheberrechtsreform wurde deutlich, dass leidenschaftliches Streiten im parlamentarischen Prozess zu besseren Ergebnissen führt. Selbst der Rat der EU, die Kammer der Regierungen der Mitgliedstaaten, hat sich überraschend kontrovers und durchlässig gezeigt für Argumente. Zu kritisieren bleiben daher am ehesten die informellen Triloge als legendäre “Blackbox”, in der noch immer zu vieles mit zu wenig Legitimation entschieden wird.

Kulturelles Erbe zugänglich zu machen wird sicherer

Die zuvor erwähnte neue Regel zum digitalisierten Kulturerbe findet sich in Artikel 14 der Reform. Sie besagt, dass in den EU-Mitgliedstaaten zukünftig die digitalen Abbilder gemeinfreier Werke der bildenden Kunst ebenfalls urheberrechtsfrei und damit frei für die Gesellschaft nutzbar bleiben müssen. Bei der 1-zu-1-Digitalisierung dürfen dann also keine neuen Schutzrechte entstehen. Gedacht ist vor allem an Lichtbildrechte, durch die der gemeinfreie Status des eigentlichen Werks praktisch unterlaufen würde. Solche Lichtbildrechte hatten es ermöglicht, Wikipedia-Freiwillige dafür abzumahnen und zu verklagen, dass sie Fotos gemeinfreier Werke aus Museumskatalogen gescannt und in das Medienarchiv Wikimedia Commons hochgeladen hatten, von wo sie in Wikipedia-Artikel eingebunden werden könnten.

Der bekannteste Fall dazu hatte im Dezember 2018 in Deutschland Schlagzeilen gemacht, als der Bundesgerichtshof einen Wikipedianer letztinstanzlich dazu verurteilte, Katalog-Scans aus dem Netz zu entfernen. Zwar liegt zu diesem Urteil noch eine sogenannte Urteilsverfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht, doch wird sich die Rechtslage in Deutschland durch Umsetzung der EU-Urheberrechtsreform in absehbarer Zeit nun ohnehin so ändern müssen, dass das Urteil des Bundesgerichtshofs Makulatur wird. In Zukunft wird es deshalb (rechts-) sicherer werden, bereits digitalisiertes Kulturerbe im Netz zugänglich zu machen. Für den freien Zugang und das öffentliche Bewusstsein für Kunst und Kultur ist dies ein großer Erfolg.

Belege der Wikipedia aus der Schusslinie

Beim ebenfalls sehr umstrittenen neu eingeführten Leistungsschutzrecht für Presseverleger konnten wir erreichen, dass “sehr kurze Auszüge” aus Presse-Erzeugnissen weiterhin lizenzfrei wiedergegeben werden dürfen. Dadurch konnte abgewendet werden, dass für unzählige Belege der Wikipedia Rechte geklärt und Lizenzen erworben werden müssen. Das hätte große Ressourcen unserer Freiwilligenprojekte geschluckt und wäre im Übrigen auch gar nicht beabsichtigt gewesen durch die Verlegerverbände und den Springer-Konzern, die das neue “Verlegerrecht” politisch durchgesetzt haben. In der ersten Fassung des Gesetzesvorschlags jedoch war keine Untergrenze vorgesehen, sodass selbst die Titel von Presse-Artikeln (auf die vielfach in Wikipedia-Belegen verwiesen wird) von diesem neuen Schutzrecht erfasst gewesen wären.

Uploadfilter als Gefahr für Austausch und Freies Wissen

Der große Zankapfel allerdings war die in der Reform angestrebte neue Haftungsregel für Internet-Plattformen, der berüchtigte Artikel 13 (später 17). Auch zu diesem haben wir uns zu Wort gemeldet, weil er massiv eingreift in das, was Menschen im Netz äußern dürfen und wie sie es tun. Dieser Austausch der Menschen untereinander ist so fundamental für die Entstehung Freien Wissens, egal ob in der Wikipedia oder anderswo, dass wir als Verein uns dazu verhalten mussten und weiter müssen. Auch die deutschsprachige Ehrenamtlichen-Community der Wikipedia bezog sichtbar Stellung hierzu, was ihr viel Lob und Respekt, aber auch Angriffe durch Lobbygruppen eingebracht hat. Doch wo der freie Austausch von Information und Wissen im Netz (mit-) reguliert wird, haben die Ehrenamtlichen eines gesellschaftlich so relevanten Projekts wie der Wikipedia das Recht und nach Ansicht vieler sogar die Pflicht, sich aktiv einzubringen.

Ausgangspunkt des Streits waren durchweg legitime Interessen von Kreativen, die auch weder Wikimedia Deutschland noch die Wikipedia-Autorinnen und -Autoren oder andere zivilgesellschaftliche Akteure in Frage stellen:

Ziel der neuen Regelung in Artikel 13 (bzw. 17) ist es, vor allem große Online-Plattformen wie YouTube und Facebook direkt haftbar zu machen für Inhalte, die von ihren Nutzenden hochgeladen werden. Bisher müssen die Plattformen erst auf Hinweis hin Inhalte löschen und haften selbst dann nicht auf Schadensersatz. Diese eher komfortable Lage hat die Entstehung des Internets, wie wir es heute kennen, erst möglich gemacht – im Guten wie im Schlechten. Als schlecht hatte die Politik den sogenannten “value gap” ausgemacht: Urheberrechtlich geschützte Inhalte werden massenhaft auf Plattformen hochgeladen, die dadurch direkt oder indirekt über Werbung Geld verdienen, wovon zu wenig bei den Kreativen ankommt, deren Inhalte da monetarisiert werden.

Die neue direkte Haftung für Internet-Plattformen soll diese dazu zwingen, normal bepreiste Lizenzen zu erwerben für das, was da bei ihnen hochgeladen wird, statt einfach nach Hinweis zu löschen oder auf freiwilliger Basis allenfalls geringe Beträge an die Kreativen auszuschütten, wie es etwa YouTube macht. Doch diese sehr grundlegende Änderung trifft eben auch die gesamte inzwischen entstandene Netzkultur im Kern, denn Remixes, Mash-Ups, Memes und Parodien im Netz arbeiten immer häufiger mit Versatzstücken aus geschützten Werken. All dies gerät nun pauschal ins Visier direkter Haftung der Plattformen, auf denen es stattfindet. Und eine generelle neue Haftungsregel trifft eben nicht nur die ganz Großen, die man treffen will, sondern tausende andere genauso. Und sie trifft nicht nur die bewusste Ausnutzung fremder Leistung für Werbe-Einnahmen, sondern sämtliche Äußerungen von Menschen im Netz, die irgendwie auch nur danach aussehen, als könnten sie Teile eines geschützten Bildes, Videos, Musikstücks oder Textes enthalten.

Community kann Kontext, Filter nicht

Um einer uferlosen Haftung für alle denkbaren geschützten Inhalte zu entgehen, werden in Zukunft viele Plattformen nicht umhin kommen, automatische Filtersysteme einzusetzen, die lizenzrechtlich unklare Uploads blockieren … eben die berüchtigten Uploadfilter. Und die werden vieles zu Unrecht blockieren, weil sie die komplexe rechtliche Bewertung, ob etwas im Einzelfall etwa als Zitat oder Parodie erlaubt ist, nicht vornehmen können. So etwas können auf absehbare Zeit nur Menschen. Und selbst wenn irgendwann einmal “Künstliche Intelligenz” dazu in der Lage sein sollte, sollte man solchen Systemen nicht allein die Wahrung von Recht und Meinungsfreiheit überlassen.

Schon 2018 haben wir auf die Konsequenzen von Uploadfiltern für Freies Wissen aufmerksam gemacht. Foto: Christian Schneider, No-Upload-Filter Verteilaktion (6), CC BY-SA 4.0

Doch genau dafür wurden nun die rechtlichen Grundlagen gelegt in der EU – indem den Plattformen eine aufs einzelne Werk gemünzte direkte Haftung auferlegt wird, die nur über technische Systeme zu handhaben ist. Das Missbrauchspotenzial dieses urheberrechtlichen Einstiegs in ein “Filternet” ist riesig. Abzulesen ist das an den vielen Fällen, in denen schon heute und ohne Filter-Algorithmen das Urheberrecht als “Zensurheberrecht” eingesetzt wird, um unliebsame Inhalte aus dem Netz zu fegen. Wo das in Zukunft automatisiert und massenhaft und gesetzlich erzwungen geschieht, wird der Austausch im Netz leiden und mit ihm auch das Freie Wissen.

Eine Wikipedia-Ausnahme und sonst viel Rechtsunsicherheit

Die Politik ließ sich recht schnell davon überzeugen, zumindest für die Wikipedia selbst eine Ausnahmeregelung von den neuen Haftungsregeln vorzusehen. Das ist gut, hat aber das Problem nicht wirklich gelöst, denn:

Ob die übrigen Wikimedia-Projekte (wie Wikidata und vor allem Wikimedia Commons) ebenfalls verschont bleiben, ist nach wie vor fraglich. Und der Umstand, dass Freies Wissen nicht in einer Haftungs-Oase namens Wikipedia lebt, sondern vom freien Austausch im gesamten Internet als Ökosystem abhängig ist, wurde von der Politik teils übersehen, teils abgestritten und teils schlicht ignoriert. Entsprechend haben wir bis zuletzt für Alternativen zur neuen Haftungsregel geworben und gestritten. Wir haben mehrfach Vorschläge gemacht oder unterstützt, die ebenfalls die Position Kreativer gegenüber Internet-Plattformen verbessern würden, aber ohne Filterung unlizenzierter Werke auskämen.

Zunächst hatten wir gefordert, die erdrückende wirtschaftliche Dominanz von Netzriesen wie Google und Facebook mit den dafür vorgesehenen Regelungsinstrumenten wie Wettbewerbs- und Kartellrecht zu bekämpfen, statt mit dem Urheberrecht und all seinen Nebenwirkungen. Dann hatten wir gefordert, wenn schon Urheberrecht, dann die strengere Haftung auf marktdominante Akteure zu begrenzen, denn nur die sind ja das Problem. Zur Verbesserung der Durchsetzung von Urheberrechten hatten wir dann vorgeschlagen, Plattformen zu verpflichten, Kreativen eigene Schnittstellen für nachträgliche Löschungen zur Verfügung zu stellen. Und eine bessere Vergütung wäre schließlich über Pauschalabgaben (ähnlich wie bei Speichermedien und elektronischen Geräten heute schon praktiziert) möglich, ohne dass gefiltert werden müsste.

Ein Umsetzungsmarathon und viele offene Fragen

Doch neben all dem Erreichten blieb es am Ende bei der Plattformhaftung beim problematischen Ansatz. Eine mit fünf Stimmen denkbar knappe Mehrheit im Europaparlament entschied, Artikel 13 (bzw. 17) nicht noch einmal für Änderungen zu öffnen. Nun stehen zwei Jahre Umsetzungsfrist ins Haus, in denen die EU-Mitgliedstaaten die Reform ins nationale Recht umsetzen müssen. Die Wikimedia-Vereine und die Communitys der verschiedenen Wikimedia-Projekte werden dies vor Ort begleiten. Für Wikimedia Deutschland steht dabei natürlich der Artikel 14 und der Zugang zum digitalisierten Kulturerbe ganz weit vorne auf der Prioritätenliste. Welche Folgen das neue Verlegerrecht und die strengeren Haftungsregeln für das Netz und damit für das Freie Wissen haben werden, wird sich teilweise erst über Jahre durch Gerichtsprozesse herausbilden. Manches wird weniger schlimm kommen als befürchtet, manches schlimmer, vieles an dieser überfälligen Reform ist gut und richtig. Das Freie Wissen jedenfalls ist auf dem Brüsseler Parkett angekommen.

Weitere Beiträge zum Thema:

Wikipedia-Protest am 21.3.2019:
John Weitzmann, Wikipedianer EH⁴²: 24 Stunden ohne Freies Wissen: Warum die Wikipedia-Freiwilligen protestieren

Gemeinfreiheit im digitalen Raum:
Thomas Hartmann, Netzpolitik.org: Urheberrecht abgelaufen, trotzdem abgemahnt? Wikimedia kämpft vor Gericht für Gemeinfreiheit
irights.info: Mögliches Happy End dank neuem EU-Urheberrecht
Lilli Iliev: Wem gehört der digitale Wagner? Im Wikimedia-Salon wurde über Kunst- und Gemeinfreiheit diskutiert

Der Kultur-Hackathon Coding da Vinci wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert als gemeinsames Projekt der Deutschen Digitalen Bibliothek, des Forschungs- und Kompetenzzentrums Digitalisierung Berlin (digiS), der Open Knowledge Foundation Deutschland und Wikimedia Deutschland. Das Projekt hilft Kulturinstitutionen auf ihren ersten Schritten in Richtung Open Data. An Coding da Vinci Süd nahmen 31 Institutionen aus ganz Bayern und dem angrenzenden Baden-Württemberg teil. Für die Festivitäten am Wochenende, in den Räumlichkeiten der Münchener Bibliothek, wurden ihre Datensätze vorbereitet und “offen” lizenziert.

Unterstützung dafür kam vom regionalen Coding da Vinci Süd-Team, u.a. federführend verantwortlich waren Sybille Greisinger, die in der Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern den Bereich Digitale Kommunikation leitet, und Dr. Kathrin Zimmer, Koordinatorin Bildung-Wissenschaft-Kultur im Zentrum Digitalisierung.

Jede der teilnehmenden Institutionen stellte ihre Datensätze den mehr als 120 Teilnehmenden des Hackathons vor, darunter auch eine Delegation aus Brasilien, Indonesien und Südafrika, die durch eine Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut teilnehmen konnte. Dazu verfolgten rund 5.000 Zuschauerinnen und Zuschauer den Live Stream auf Twitch.

Hacking the library. Bild: Coding da Vinci Süd, Diane von Schoen, Die Münchner Stadtbibliothek Am Gasteig, CC-BY 4.0

Entwicklerinnen und Entwickler, Designerinnen und Designer, Künstlerinnen und Künstler, Gamedesignerinnen und -designer und für offene Daten und an Kultur Begeisterte waren bereit, in die Daten einzutauchen und Ideen für neue Möglichkeiten zu sammeln, diese für das digitale Zeitalter neu zu entdecken und miteinander zu verbinden.

Von Schildkrötensuppe bis Fränkisch für Anfänger

Bild: Münchner Stadtbibliothek / Monacensia im Hildebrandhaus, P1, Das fidele Atelier im Haus der Kunst, Getränkekarte ca. 1960, CC-BY-SA 4.0

Die vielfältige Auswahl an Datensätzen umfasste u.a. 300 Speisekarten aus den letzten 100 Jahren aus traditionsreichen Münchner Wirtshäusern, Cafés und Festhallen (einschließlich dem Verweis auf Schildkrötensuppe zum 60. Geburtstag Gabriel von Seidls im Jahr 1855) aus der Sammlung Monacensia im Hildebrandhaus.

Eine überraschende Quelle der Inspiration boten Belege eines Fränkischen Wörterbuchs der Bayerischen Akademie der Wissenschaft. Die Ideen der Teilnehmenden dazu reichen von einem Crowdsourcing-Projekt über Audioaufnahmen zur Aussprache, über ein Tool zur Generierung fränkischer Memes bis bin zu einem (letztendlich ausgewählten) Vorschlag eines indonesisch-deutschen Teams, ein textbasiertes Abenteuerspiel in die Fränkische Vergangenheit hinein zu kreieren – um in der Handlung voranzukommen, muss man fränkische Sprachkenntnisse nachweisen (oder entwickeln).

Wir haben größten Respekt vor all den Institutionen, die sich dazu entschieden haben, sehr anspruchsvolle, in einem kolonialen Kontext entstandene Sammlungen aus ihren Archiven zu präsentieren. Die Südsee-Sammlung Obergünzburg z. B. stellte Photographien eines Schiffskapitäns vor, der in den Jahren 1903 bis 1913 im Dienst der Norddeutschen Lloyd durch Deutsch-Neuguinea, der ehemaligen deutschen Kolonie im Pazifik, reiste.

Martina Kleinert, die Leiterin des Museums, lud die Teilnehmenden des Hackathons ein, sich kritisch mit der Sammlung auseinanderzusetzen – die Bilder nicht nur als einen faszinierenden Blick in die Vergangenheit zu sehen, sondern ihre Komposition auch skeptisch zu hinterfragen und die Fotos als Tor in das Denken eines deutschen Kolonisators aus dem frühen 20. Jahrhundert zu verstehen.

A terrible way to die. Bild: Stadtmuseum Landsberg am Lech, Jesuitentafel_Landsberg Nr. 3864_10, CC-BY 4.0

Ein Team lokaler Gamedesigner interessierte sich besonders für einen Datensatz des Stadtmuseums Landsberg am Lech. Dieser beinhaltet Abbildungen historischer Bildtafeln mit Sterbeszenen missionierender Jesuiten. Das Team arbeitet unter dem Titel „162 ways to die“ an einer Toniebox-ähnlichen Installation, die Hörspiele und Animationen für jedes Szenario abspielt. Die Tafeln sind aus dem 16. und 17. Jahrhundert und zeigen teils rassistische Darstellungen Andersgläubiger. Wir (und das Stadtmuseum) sind gespannt, freuen uns aber auch darauf, wie das Team damit umgehen wird.

Nach einigen Tagen des Planens, Tüftelns und Mate-Trinkens zwischen all den Büchern der Münchener Bibliothek entwickeln die Teams nun ihre Projekte (hier zu verfolgen) über eine 6-wöchige Sprint-Phase weiter. Dann werden sie für die Abschlusspräsentationen und Preisverleihung am 18. Mai in der Tafelhalle im KunstKulturQuartier in Nürnberg eingereicht. Eine Jury zeichnet dort die besten Projekte in verschiedenen Kategorien aus.

Das Hacken verstetigen

Außerdem war dieser Kick-Off ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung des Projektes Coding da Vinci! In unserem nun fünften Jahr sind wir sehr stolz darauf, dass das Team der gerade gegründeten Coding da Vinci-Geschäftsstelle, vertreten durch Projektkoordinator Phillippe Genêt und Projektassistenz Andrea Lehr, sich zum ersten Mal vorstellen konnte.

Anfang April bezog das Team, das demnächst um einen Datenexperten erweitert wird, seine Räumlichkeiten in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt/Main. Die Mitarbeitenden werden für den laufenden Betrieb des Projektes Coding da Vinci, die zentrale Organisation sowie die Unterstützung der regionalen Veranstaltungsorganisation verantwortlich sein. Ermöglicht wird die Einrichtung dieser neuen Geschäftsstelle durch die Kulturstiftung des Bundes (KSB), die Coding da Vinci in den Jahren 2019 bis 2022 mit 1,2 Millionen Euro fördert. Die Kooperation mit der KSB soll in den kommenden Jahren weitere sieben Ausgaben des Kulturhackathons an bundesweit wechselnden Standorten ermöglichen. Wikimedia Deutschland und die anderen Partnerorganisationen begleiten als Steuerungsgremium die strategische Weiterentwicklung des Projekts. So wollen wir beispielsweise eine nachhaltigere Entwicklung der im Hackathon entstehenden Projektprototypen möglich machen und weitere Ansätze entwickeln, um die Entwicklung offener Kulturerbe-Daten in Kultureinrichtungen zu unterstützen. Wir freuen uns auf viele weitere Jahre des Kulturhackens!

Wikimedia:Woche 15/2019

13:49, Thursday, 11 2019 April UTC


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Am Donnerstagabend, den 4. April, wurde im Bundestag nochmals über die EU-Urheberrechtsreform debattiert und heftig gestritten (siehe z. B. Berichterstattung auf heise.de). Die Fraktionen von Die Linke und FDP hatten Entschließungsanträge eingebracht, wonach Deutschland bei der kommenden Abstimmung im Rat der EU am 15. April gegen die Annahme der Urheberrechtsrichtlinie stimmen solle. Dort steht die Richtlinie bei den sogenannten „A-Items“ der Tagesordnung, die ohne weitere Diskussion angenommen werden, denn: Inhaltlich hatte der Rat der EU bereits im Februar die Richtlinie abgesegnet. Das Durchwinken am 15. April ist also reine Formsache. Es ist in der jüngeren Vergangenheit nur ein einziges Mal vorgekommen, dass ein A-Item doch noch einmal von der Tagesordnung genommen wurde. Das geschah Anfang 2005 bei der heftig umstrittenen EU-Richtlinie zu Software-Patenten (Wikipedia-Eintrag dazu, auf Englisch), die so im letzten Moment doch noch verhindert wurde.

Aktion gegen Uploadfilter von Wikimedia Deutschland am 4. April, Bundeskanzleramt. Bild: http://pixelhelper.org/, Lichtprojektion ans Bundeskanzleramt – Keine Uploadfilter! Aktion von Wikimedia Deutschland, CC BY-SA 4.0

Da A-Items nicht für inhaltliche Diskussionen vorgesehen sind, können sie in allen Sitzungen des Rates der EU verabschiedet werden, unabhängig von den Ressorts der anwesenden Ministerinnen und Minister. Bei der Ratssitzung am 15. April geht es thematisch um Landwirtschaft und Fischerei, sodass Deutschland dann von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CSU) vertreten werden wird. Sie und ihr Ministerium haben weder inhaltlich wirklich etwas mit der EU-Urheberrechtsreform zu tun, noch hat Ministerin Klöckner durchblicken lassen, dass sie eine Änderung der Ratsposition Deutschlands erwägt. Ohnehin liegt die Richtlinienkompetenz bei der Bundeskanzlerin, und anders als etwa 2017 der damalige Landwirtschaftsminister Schmidt (CSU) beim Glyphosat-Skandal, hat sich Justizministerin Barley (SPD) im Februar diesen Jahres nicht gegen die Regierungslinie gestellt, sondern der EU-Urheberrechtsreform bei der inhaltlichen Befassung im Rat zugestimmt.

Diese Regierungslinie hätte eigentlich eine andere sein müssen, jedenfalls laut Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD. Darin werden Uploadfilter ausdrücklich als unverhältnismäßig abgelehnt. Und die ebenfalls im Koalitionsvertrag genannte Verbesserung der Einnahmen von Kreativen wäre durchaus ohne Erzwingung von Filterung möglich. Es ist ein offenes Geheimnis, dass unter anderem Zugeständnisse an Frankreich der Grund sind, warum die Bundesregierung die klare Haltung ihres Koalitionsvertrags auf EU-Ebene aufgegeben hat. Außerdem hat die Bundesregierung das Thema Uploadfilter offenbar schlicht unterschätzt.

Da auch Frankreich für seine Anliegen umgekehrt auf den guten Willen Deutschlands angewiesen ist, wäre es wohl nicht zu viel verlangt, wenn die inzwischen auch durch CDU-Kreise propagierte, weitgehend „filterfreie“ Lösung einer gesetzlichen Schranke für nutzergenerierte Inhalte (User Generated Content, kurz UGC) durch Frankreich zumindest nicht blockiert würde. Doch genau das ist geschehen, als der nun am 15. April im Rat durchzuwinkende Richtlinientext im informellem Trilog festgelegt wurde. Denn die Lösung einer vergüteten UGC-Schranke, mit der angeblich einige in der CDU und CSU Uploadfilter bei der nationalen Umsetzung der Urheberrechtsrichtlinie für Deutschland noch verhindern wollen, müsste als Option auf EU-Ebene vorgesehen sein. Das ist sie aber im momentanen Richtlinientext nicht, und das EU-Urheberrecht ist hier extrem strikt: Schranken, die das EU-Recht nicht vorsieht, dürfen auch die Mitgliedstaaten bei sich nicht einführen. Wir haben dazu juristische Expertise eingeholt, siehe unsere Pressemitteilung vom 22. März. So bestätigte uns etwa Prof. Dr. Reto Hilty, Direktor der Abteilung Immaterialgüterrecht des Max-Planck-Instituts für Innovation und Wettbewerb in München:

“Die Norm [Anm.: Artikel 13, nach neuer Nummerierung Artikel 17] basiert auf dem Modell vertraglicher Lizenzen. Einem Rechteinhaber ist es damit unbenommen, keine Lizenz zu erteilen, womit ein Hochladen des betreffenden Inhalts nicht legalisiert wird. Eine gesetzliche Lizenz, die die Zustimmung des Rechteinhabers ersetzt, wie das für eine Schranke erforderlich ist, sieht die Norm eben gerade nicht vor. Hätte sich Deutschland auf europäischer Ebene für diesen Ansatz eingesetzt, hätte daraus durchaus etwas werden können.”

Der einzige Weg in eine Zukunft, in der Filter nicht die Regel sind, sondern die Ausnahme bleiben, führt darum über eine Öffnung der neuen EU-Urheberrechtsrichtlinie. Diese müsste eine vergütete UGC-Schranke zulassen und möglichst alle Mitgliedstaaten müssten diese Option wählen, sonst würde am Ende doch wieder gefiltert werden müssen auf größeren Plattformen.

Justizministerin Barley hat vorgeschlagen, die Richtlinie jetzt zwar in Kraft zu setzen, aber in einer Zusatzerklärung u. a. die EU-Kommission aufzufordern, im Falle tatsächlich eintretender Beschränkungen der Meinungsfreiheit eine neue Gesetzesinitiative zu starten, mit der die Richtlinie nachgebessert wird. Doch die Verbindlichkeit einer solchen Protokoll-Erklärung ist mehr als zweifelhaft. Und es gibt auch keinen objektiven Standard, um festzustellen, ab wann genau die Meinungsfreiheit ausreichend beschädigt ist, um die Forderung an die Kommission auszulösen. Für alle, die sich nicht auf solche gut gemeinten Zusätze verlassen wollen, ist daher die Sitzung der Landwirtschaftsminister am 15. April die allerletzte Chance. Nur wenn die Bundesregierung ihre Position vom Februar ändert und dadurch die Urheberrechtsrichtlinie von der Tagesordnung holt, wären Nachverhandlungen möglich und Uploadfilter doch noch abzuwenden.

Aus diesem Anlass lautete am 4. April per Lichtprojektion ans Bundeskanzleramt unser Appell an die Bundesregierung: „Keine Uploadfilter! Stehen Sie zum Koalitionsvertrag.“

Per Twitter und Facebook haben wir das Bild der Projektion geteilt und hoffen, dass die Botschaft sich verbreitet. Alle Bilder des Appells sind hier bei Wikimedia Commons zu finden. Die Comunity der deutschsprachigen Wikipedia hatte sich bereits am 21. März per Meinungsbild zu einer deutlichen Protestaktion entschlossen und erstmals überhaupt die deutschsprachige Wikipedia für 24 Stunden abgeschaltet. Auch Wikimedia Deutschland e. V. hat sich immer wieder zum Reformprozess geäußert und Vorschläge zugunsten des Freien Wissens eingebracht. Einer davon war der oben schon genannte einer vergüteten Schranke, ein anderer der, Plattformen zu verpflichten, besondere Schnittstellen zur Durchsetzung von Urheberrechten zur Verfügung zu stellen. Auch die Beschränkung verschärfter Haftung nur auf marktdominante Plattformen hatten wir vorgeschlagen, die Ministerin Barley nun ebenfalls in ihrer Protokollerklärung untergebracht sehen will.

Inzwischen ist es reichlich spät für all das. Viele junge Europäerinnen und Europäer sind vor den Kopf gestoßen worden, weil ihr Protest gegen unausgewogene Internet-Gesetzgebung als „gekauft“ oder bestenfalls fehlgeleitet und naiv diskreditiert wurde. Das hätte nicht sein müssen. In diesem Konflikt der alten und der neuen Verwerterindustrien hätte die EU-Kommission nicht von Anfang an einseitig agieren dürfen. Wer dieses noch laufende Lehrstück missglückter Netzpolitik im Überblick nachvollziehen möchte, wird beim Institut für Urheber- und Medienrecht fündig.

Weitere Beiträge zur EU-Urheberrechtsreform:

Wikimedia:Woche 14/2019

14:28, Thursday, 04 2019 April UTC


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Fellow-Programm Freies Wissen, Ben Bernhard, Fellow-Programm Freies Wissen Qualifizierungsworkshop 2019 000, CC BY-SA 4.0

Offenheit ermöglicht Forscherinnen und Forschern, aber auch der Gesellschaft als Ganzes, an wissenschaftlicher Forschung und Lehre zu partizipieren. Aus diesem Grund ist Wikimedia Deutschland seit einigen Jahren im Feld der Offenen Wissenschaft aktiv, unter anderem mit dem Fellow-Programm Freies Wissen. Nun wurde die Ausschreibung für das vierte Programmjahr veröffentlicht. Bis zu 20 Stipendien werden an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vergeben, die ihre Forschungsprozesse offen gestalten wollen.

Das Fellow-Programm Freies Wissen

Das Fellow-Programm Freies Wissen ist darauf ausgerichtet, Wissenschaft offen zugänglich und transparent zu machen. Eine Offene Wissenschaft ermöglicht der Gesellschaft und Forschenden den freien Zugang zu wissenschaftlichen Methoden, Daten, Informationen und Ergebnissen, die als Wissensallmende zur Verfügung gestellt werden. Das Fellow-Programm Freies Wissen ist ein gemeinsames Projekt von Wikimedia Deutschland e. V., dem Stifterverband und der VolkswagenStiftung, welches 2016 initiiert wurde. Es richtet sich an Personen, die an einer (staatlichen oder staatlich geförderten) wissenschaftlichen Einrichtung in Deutschland, Österreich oder der Schweiz tätig sind und ihre Kenntnisse in der Theorie und Praxis Offener Wissenschaft vertiefen möchten.

Forschende, die die unten genannten Voraussetzungen erfüllen, sind eingeladen sich für ein Stipendium als Fellow für das vierte Programmjahr zu bewerben.

Das bietet das Fellow-Programm:

  • Qualifizierung & Know-how zu Freiem Wissen und Offener Wissenschaft
  • Mentoring durch ein Netzwerk aus erfahrenen Expertinnen und Experten im Bereich Offene Wissenschaft
  • Impulse für die eigene Forschung und Vernetzung mit der Community für Offene Wissenschaft
  • Finanzielle Unterstützung für die Umsetzung der Projektvorhaben

Vanessa Hannesschläger, Ralf Rebmann, CC BY-SA 4.0

Die Teilnahme am Fellow-Programm und die damit verbundene Unterstützung und Chancen waren und sind maßgeblich prägend für meine weitere wissenschaftliche Karriere. Die intensive Beschäftigung und Weiterbildung im Bereich offener Wissenschaft ist und war definierend, als auch wegweisend.“

– Vanessa Hannesschläger (Fellow im Programmjahr 2017/2018)

Die bisher im Rahmen des Programms geförderten Projekte sind überaus vielfältig und reichen der Konstruktion eines wissenschaftlichen Gerätes zur Beobachtung von Honigbienen als Open Hardware über die Entwicklung einer Internetplattform, mit der Videotelefonate zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Schülerinnen und Schülern vereinbart werden können bis hin zum Aufbau einer offenen Plattform zur Sammlung von Forschungsmethoden.

Im Programmjahr 2019/2020 werden erneut insgesamt bis zu 20 Stipendien vergeben.

 

Bewerbung

Wir freuen uns auf Bewerbungen (auf Deutsch oder Englisch) von Doktorandinnen und Doktoranden, Post-Docs, Juniorprofessorinnen und -professoren (oder Personen in vergleichbarer Position) sowie wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die an einer (staatlich geförderten oder anerkannten) wissenschaftlichen Einrichtung in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig sind. Sie können sich mit Ihrem derzeitigen Forschungsprojekt oder geplanten Forschungsvorhaben bewerben und sollten dabei deutlich machen, welche Aspekte Ihrer Forschung Sie im Sinne von Offener Wissenschaft öffnen möchten. Es sind keine Gruppeneinreichungen möglich.

Bewerbungsvoraussetzungen

  • Masterabschluss oder gleichwertiger Hochschulabschluss
  • Tätigkeit an einer (staatlich geförderten oder anerkannten) wissenschaftlichen Einrichtung
  • Aktives Interesse an offener Wissenschaft und Freiem Wissen (siehe Offen-Definition / Open Definition)
  • Veröffentlichung der im Rahmen des Fellow-Programms durchgeführten Forschung (Methoden, Daten, Publikationen) gemäß der Open Definition, wo möglich.
  • Teilnahme an den Veranstaltungen
  • Aktive Teilnahme am Mentoring, regelmäßiger Austausch mit den Mentorinnen und Mentoren, Bereitschaft für Vernetzung mit anderen Fellows
  • Mitarbeit bei der prozessbegleitenden Evaluation des Fellow-Programms (z. B. Self-Assessments zu Offener Wissenschaft vor und nach Teilnahme am Programm, Analyse der eigenen wissenschaftlichen Einrichtung, strukturierte Reviews mit den Mentorinnen und Mentoren, Zwischen- und Abschlussbericht)
  • Aktive Kommunikation über den eigenen Projektstand sowie über die im Programm erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen zu Offener Wissenschaft (z. B. durch Fachbeiträge zum eigenen Projekt, Blogposts, oder Vorträge im Rahmen fachspezifischer Veranstaltungen, Lehrveranstaltungen, Komitees und Gremien, ….)

Auftaktveranstaltung Fellow-Programm Freies Wissen, Ralf Rebmann, CC BY-SA 4.0

Maßgebliche Auswahlkriterien

  1. Motivation, im Rahmen des Fellow-Programms die eigene Forschung im Sinne von Offener Wissenschaft zu öffnen und unterschiedliche Instrumente offener Wissenschaft zu nutzen.
  2. Ambitionierte, aber erreichbare Ziele und vorzeigbare Ergebnisse (Lehrmaterialien, Workshops, Publikationen, Source Code, Best Practices o.ä.) bis Juni 2020. Bitte stellen Sie dar, wie die Mittel konkret verwendet werden sollen, um den Projekterfolg zu sichern. Das Stipendium ist frei einsetzbar (von Hilfskräften bis zur Zwischenfinanzierung), soll aber dem Projekterfolg zuträglich sein.
  3. Beitrag des Vorhabens in Bezug auf die Förderung Freien Wissens, insbesondere durch die Bereitschaft, die Idee von Offener Wissenschaft in der eigenen Institution und in den eigenen Communities zu verbreiten.

Über die Auswahl der Fellows entscheidet eine Jury aus Mentorinnen und Mentoren sowie geförderten Stipendiatinnen und Stipendiaten aus den bisherigen Programmjahren.

Im Sinne der Transparenz des Auswahlprozesses und Offenheit sind die Bewerbenden dazu angehalten, ihre Projektskizzen zusätzlich auf Wikiversity zu veröffentlichen und so für alle Interessierten einsehbar und kommentierbar zu machen.

Mehr Informationen zum Bewerbungsprozess finden Sie auf der Webseite des Programms.

Die Bewerbungsfrist endet am 6. Mai 2019.

 

Was ist NOA?

NOA steht für „Nachnutzung von Open-Access-Abbildungen“, ein von der DFG seit 2017 gefördertes Projekt, dessen Antragsdokument ganz im Stil von Open Science bereits vor der Begutachtung hier verfügbar gemacht wurde. Das Open Science Lab der Technischen Informationsbibliothek (TIB) ist neben der Hochschule Hannover Projektpartner, ferner gibt es Wikimedia als Unterstützer des Projektantrags. Eine kurze Einführung zu NOA ist bereits hier erschienen. Wir haben früh damit begonnen, das Projekt und die Zwischenergebnisse mit der Wikimedia-Community zu diskutieren, so z.B. bei der Wikicite 2016 und Wikicite 2018. Letzte Woche haben wir die neuen NOA-Funktionen und die Zusammenarbeit mit der Community auf dem Bibliothekartag vorgestellt.

NOA versucht, Bilder aus wissenschaftlichen Open-Access-Artikeln nachhaltig für die Nachnutzung zu erschließen. Dafür werden in großem Stil Artikel von verschiedenen Verlagen heruntergeladen. Die meisten dieser Artikel sind in englischer Sprache. Alle natürlich mit einer Creative-Commons-Lizenz, und zwar meistens CC-BY. Damit können die Inhalte frei verbreitet und verändert werden, solange der ursprüngliche Urheber genannt wird und Änderungen gekennzeichnet werden. Deshalb ist diese Lizenz auch mit Wikimedia Commons kompatibel. Aus den heruntergeladenen Artikeln werden nun die Links zu den Bildern sowie die Bildunterschriften extrahiert. Zusätzlich werden auch alle relevanten Metadaten der Artikel extrahiert – zum Beispiel Autoren, Titel oder Zeitschriftennnamen.

Später werden die Bilder mit maschinellen Methoden inhaltlich erschlossen. Dazu soll herausgefunden werden, welche Kategorien aus Wikipedia und Wikimedia Commons ein einzelnes Bild beschreiben. Bekannt sind schon die Bildunterschriften und der Kontext, in dem das Bild im Artikel erwähnt wird. Aus diesen Absätzen werden nun die für das Bild wichtigen Terme extrahiert. Dann wird die englische Wikipedia nach diesen Termen durchsucht und es werden die Artikel gefunden, in denen die Terme am häufigsten vorkommen. Dabei werden seltenere Terme höher gewichtet. Wenn in einer Bildunterschrift ein eher häufiges Wort wie „year“ benutzt wird, bedeutet das also nicht automatisch, dass ein Artikel, in dem das Wort oft auftaucht, für das Bild relevant ist. Bei weniger gebräuchlichen Wörtern wie “Glycosaminoglycans” ist es schon wesentlich wahrscheinlicher, dass ein Artikel, in dem dieses Wort vorkommt, das gleiche Thema behandelt wie das Bild. Wenn in einer Wikipediakategorie viele solcher Artikel vorkommen, wird diese Kategorie als Beschreibung für das Bild verwendet. Wer sich für diese Methoden im Detail interessiert, kann das hier nachlesen. Über die Wikidata API kann ermittelt werden, welches Wikidata Item zu dieser Kategorie gehört, sowie welche Kategorie aus Wikimedia Commons dazu passt.

Somit halten wir an jedem Bild Informationen in drei (!) Systematiken vor, und zwar auch deshalb, weil momentan auch bei Wikimedia Commons umgebaut wird: In Zukunft sollen die Kategorien auf Commons durch mehrsprachige strukturierte Beschreibungen ersetzt werden, was im Moment im Projekt Structured Data getestet wird. Um in das neue Datenformat zu passen, müsste sich auch unsere Erschließung anpassen. Da es bei Structured Commons vor allem darum geht, mithilfe von Wikidata zu beschreiben, was auf einem Bild dargestellt wird, könnte unsere automatische Erschließung an ihre Grenzen stoßen. Wissenschaftliche Abbildungen bilden oft Informationen anstatt klar abgegrenzter visueller Entitäten ab, sodass es schon für Menschen schwer zu formulieren ist, welches Konzept abgebildet wird, geschweige denn für Maschinen. Damit auch Abbildungen wie unsere zukünftig effektiv beschrieben werden können, haben wir schon Feedback auf den Diskussionsseiten gegeben. Es sollte ein intensiverer Austausch von Structured Commons und NOA angestrebt werden. Wir stehen dafür bereit!

Die Bilder können über eine Suchmaschine gefunden werden. Generell sind wir keine Fans von Silos, die nicht mit anderen Datenquellen verknüpft sind und Nutzende zwingen, ständig neue Plattformen zu erlernen. Wir haben uns trotzdem dafür entschieden, eine eigene Suchmaschine zu entwickeln, da es ein langer Prozess ist, bis die Bilder auf Wikimedia Commons verfügbar sind und sie schon zuvor für alle zugänglich sein sollten.

Ein Suchergebnis sieht zum Beispiel so aus:

Screenshot aus der Suchmaschine. Bild aus: Roughley, Peter J and Mort, John S „The role of aggrecan in normal and osteoarthritic cartilage“, Journal of Experimental Orthopaedics doi:10.1186/s40634-014-0008-7

Warum werden nicht alle Bilder auf einmal hochgeladen?

Es ist also eine große Menge von Bildern mit beschreibenden Metadaten vorhanden. Ferner gibt es zum Upload großer Mengen an Bildern nach Wikimedia Commons mehrere Tools, zum Beispiel Pattypan und das GLAMwiki Toolset. Technisch ist es also möglich, alle Bilder bereits jetzt hochzuladen. Was hat uns also davon abgehalten, genau das zu tun?

Durch Austausch mit Verantwortlichen vorangegangener Projekte mit ähnlicher Intention wussten wir, dass die Community bei Massenuploads sehr auf die Qualität bedacht ist und diese nicht ohne vorherige Rücksprache gestartet werden sollten. Außerdem ist nur ein Teil der Bilder zur Nachnutzung geeignet:

Ein erste Herausforderung ist das Urheberrecht. Während die meisten Bilder formalisierte Lizenzen wie CC-BY-4.0 haben, gibt es einige, die die Nachnutzungsrechte nur in einem Fließtext beschreiben oder eine Lizenz benutzen, die nicht zum Upload auf Commons geeignet ist. Nachdem solche Bilder aussortiert wurden, bleiben welche mit einem ganz anderen Problem: Manche Autorinnen und Autoren verwenden Bilder, die nicht unter einer freien Lizenz stehen, zum Beispiel von kommerziellen Bilddatenbanken. Andere zitieren Bilder aus Veröffentlichungen von anderen Autoren. Letztere können – aber müssen nicht – unter einer freien Lizenz stehen. Auch dann stimmen aber die Metadaten nicht mehr, da die Quelle des Bildes ein ganz anderer Artikel ist als der, aus dem es extrahiert wurde. Auch diese Problemfälle können mit einem Algorithmus aussortiert werden, aber eine hundertprozentige Sicherheit gibt es hier nicht.

Die zweite Herausforderung ist die Relevanz und Verständlichkeit der Bilder. Viele sind nur im Kontext des Artikels überhaupt zu verstehen und / oder außerhalb des Artikels nicht relevant. Beispiele sind Bilder, die Karten mit untersuchten Orten zeigen, oder Bilder, die einen Graphen zeigen, der mit „Results from the experiment“ ohne weitere Informationen beschrieben wird. Andere haben eine schlechte Auflösung oder zeigen nur Text. Abgesehen von solchen offensichtlichen Problemfällen gibt es auch viele Bilder, bei denen die Relevanz nur schwer eingeschätzt werden kann. Projektmitarbeitende ohne Fachwissen in der entsprechenden Domäne können oft nicht erfassen, was genau auf einem Bild eigentlich gezeigt wird, geschweige denn einschätzen, ob die Inhalte später für andere nützlich sein könnten.

Wie lösen andere die Probleme?

NOA ist nicht das erste Projekt, das sich mit Massenuploads auf Wikimedia Commons beschäftigt. Andere Projekte haben auch schon Medien aus Open-Access-Artikeln hochgeladen:

  • Der Open Access Media Importer Bot hat einige Jahre lang alle Artikel von PubMedCentral (Datenbank für Open-Access-Publikationen in den Lebenswissenschaften) gecrawlt und Ton- und Videodateien nach Wikimedia Commons importiert. Eine engere Auswahl wurde dabei nicht getroffen. Da solche Medienformate in Artikeln selten sind, handelt es sich aber auch nur um etwas unter 40.000 Dateien. Uploads finden durch einen Bot statt.
  • Der Recitation Bot hat als Teil des Projekts “Signalling OA-ness” auf Wikipedia Medien aus Open-Access-Artikeln hochgeladen, die auf Wikipedia zitiert wurden. Die Auswahl wird also darüber getroffen, ob Artikel bereits in anderen Kontexten für die Wikimediaprojekte relevant waren. Das ist elegantes Mittel, um zu bestimmen, ob Material für Nutzer*innen wichtig ist.

Im Projekt hatten wir auch eigene Ideen, wie die richtigen Bilder ausgewählt werden könnte. Man könnte versuchen, anhand der Bildbeschreibungen oder vielleicht sogar anhand des Bildinhaltes einen Machine-Learning-Algorithmus zu trainieren, der die relevanten Bilder herausfiltert. Oder wir könnten die Bereiche auf Wikipedia suchen, wo besonders viele Artikel keine Bilder haben. Ein ähnliches Tool gibt es schon für Wikidata Items, die kein zugehöriges Bild haben.

Unsere Lösung

Vielleicht gibt es auch noch ganz andere Kriterien, anhand derer die Relevanz für Wikimedia Commons beurteilt werden kann. Bisher gibt es aber vor allem einen Grund, weshalb Bilder dort landen: Irgendjemand findet, dass ein Bild auf Commons sein sollte und lädt es hoch.

Dieses Kriterium soll auch bei den NOA-Bildern angewendet werden. Nutzende von Wikimedia Commons sollen selbst entscheiden können, welche der Bilder hochgeladen werden. Damit dies möglichst einfach ist, haben wir zwei verschiedene Uploadmöglichkeiten entwickelt. Dabei haben wir uns von zwei anderen Tools inspirieren lassen, die ebenfalls Bilder von einem anderen Dienst zu Wikimedia Commons hochladen. FlickrFree, das frisch hochgeladene, frei lizenzierte Bilder aus Flickr anzeigt und den Upload mit einem Klick ermöglicht, und Flickr2Commons, auf Flickr gefundene Bilder unkompliziert hochgeladen werden können. Unsere zwei Lösungen sind ähnlich, unterscheiden sich aber unter anderem dadurch, dass sie in die Suchmaschine integriert sind.

1. Upload nach einer Suche

Wer in der Suchmaschine nach einem Bild sucht, bekommt unter den einzelnen Ergebnissen einen Button mit Aufschrift „Upload to Wikimedia“ angezeigt. Nach einem Klick hier drauf wird man aufgefordert, sich mit seinem Wikimedia-Account anzumelden und NOA zu erlauben, Bilder hochzuladen. Nachdem das geschehen ist, kann man aus den ermittelten Kategorien die passenden markieren und mit einem Klick auf „Upload“ das Bild mit allen Daten zu Wikimedia Commons hochladen. Das Ergebnis erscheint als Link und man kann es sich direkt ansehen und bei Bedarf editieren.

Suchergebnisse in der NOA-Suchmaschine, Screenshot. Bild aus: Li, Qingwen et al. „Analysis of the Blasting Compaction on Gravel Soil“, Journal of Chemistry doi:10.1155/2015/642810

 

Uploadfunktion in der NOA-Suchmaschine, Screenshot. Bild aus: Li, Qingwen et al. „Analysis of the Blasting Compaction on Gravel Soil“, Journal of Chemistry doi:10.1155/2015/642810

 

 

2. Das Random Upload Tool

Wer kein bestimmtes Thema im Kopf hat, aber dennoch dazu beitragen will, Bilder aus dem Projekt nach Wikimedia Commons zu transferieren, kann das Random Upload Tool benutzen. Dort bekommt man zufällig ausgewählte Bilder angezeigt und kann mit einem Klick bestimmen, ob das Bild hochgeladen wird, oder ob ein neues Bild angezeigt werden soll. Wird ein Bild nicht hochgeladen, wird es zunächst nicht mehr angezeigt. Auch hier ist es möglich, passende Kategorien zu einem Bild auszuwählen. Außerdem kann die Anzeige der Bilder nach Fachgebiet eingeschränkt werden. Medizin ist standardmäßig herausgefiltert, weil es hier eine Menge Bilder gibt, die viele Menschen möglicherweise nicht gerne sehen möchten. Das Fach kann aber beim Fächerfilter ausgewählt werden.

Random Upload Tool, Screenshot. Bild aus: Acikgoz, Hakan et al. „Improved control configuration of PWM rectifiers based on neuro-fuzzy controller“, SpringerPlus doi:10.1186/s40064-016-2781-5

In Zukunft

In Zukunft wollen wir weitere Möglichkeiten entwickeln, die Bilder noch zielgenauer hochzuladen. Eine Idee wäre, Wikipediaartikel ohne Bilder zu finden und automatisch passende Bilder vorzuschlagen. Ein ähnliches Tool gibt es bereits für Wikidata. Es ist auch vorstellbar, Autorinnen und Autoren direkt beim Erstellen der Artikel zu unterstützen und anhand des neu geschriebenen Textes relevante Bilder vorzuschlagen. Vielleicht kann auch ein Algorithmus trainiert werden, der aus den hochgeladenen Bildern lernt und selbstständig entscheidet, welche Bilder geeignet sind. Die können dann entweder automatisch hochgeladen werden, oder Nutzende zum Upload vorgeschlagen werden.

Um die Zahl der relevanten Bilder zu erhöhen, sollen auch neue Quellen erschlossen werden. Bisher ist die Sammlung in NOA sehr einseitig in Richtung der Ingenieur- und Lebenswissenschaften. Geistes- und Sozialwissenschaften sind kaum vertreten. Wenn diese eingeschlossen werden, kann das Projekt einen Mehrwert für ganz neue Nutzergruppen schaffen.

Mitmachen

Je mehr Leute mitmachen, desto mehr Bilder können für alle über Wikimedia Commons zugänglich gemacht werden. Ob jemand nun über die Suche oder über das Random Upload Tool ein schönes Bild findet – das Hochladen ist einfach. Alles, was man dafür tun muss, ist, diese Funktion in seinem Wikimedia Account zu erlauben (das kann natürlich jederzeit rückgängig gemacht werden). Jeder Beitrag ist willkommen.

Was uns auch eine große Hilfe ist, sind Rückmeldungen aller Art: Wie wird das Projekt insgesamt gesehen? Wie ist die Qualität der Bilder? Was fehlt bisher komplett? Welche Funktionen könnte sonst noch eingebaut werden?

Wir freuen uns über eure Meinungen!

Michael Seemann bei Wikimedia-Salon „Vertrauen. Wer rettet die Demokratie – Institutionen oder Communities?“ Foto: Lisa Dittmer (WMDE) [CC BY-SA 4.0]

Wir sprechen über die digitale Gesellschaft, als ob wir wüssten, was das ist. Oder als wäre die digitale Gesellschaft einfach der Nachfolger der analogen Gesellschaft. Also dieselbe Gesellschaft, nur mit Online-Banking, Amazon statt Einkaufszentrum und Facebook-Gruppe statt Stammtisch.

Ich empfinde es als Vorteil, dass wir in Deutschland die „Digitalisierung“ auch als gesellschaftlichen Prozess diskutieren. Leider läuft man dabei schnell in die Gefahr zu glauben, es reiche, die vorhandenen Strukturen zu nehmen und einfach digital neu zu denken. Die Rede von „Digitaler Gesellschaft“ scheint mir genau in diese Falle zu laufen, denn sie übersieht, dass Gesellschaft – egal ob als abstraktes Gebilde oder konkrete Struktur – immer auch ein Produkt medialer Bedingungen ist. Das hat bereits der Lehrer und Mentor von Marshall McLuhan – Harold Innes – verstanden. In seinem Buch „Empire and Communications“ von 1950 zeigt er, wie schon die Imperien und antiken Hochkulturen von der Erfindung der Schrift ermöglicht und strukturiert wurden[1]. Dass die Gesellschaften der Sprachkultur, der Schriftkultur und der Buchkultur sich fundamental unterscheiden, ist seit Jahren der Ausgangspunkt von Dirk Baeckers Überlegungen zu der „nächsten Gesellschaft“, wie er die „digitale Gesellschaft“ auch nennt[2].

Medien und Gesellschaftsstruktur bedingen einander, was aber auch bedeutet, dass es keine „digitale Gesellschaft“ geben kann, bei der wir schon heute eine Idee davon haben können, was „Gesellschaft“ in diesem Sinne überhaupt heißt. Denn natürlich leben wir trotz stetig voranschreitender Digitalisierung nach wie vor in der Buchdruck-Gesellschaft. Alle unsere Institutionen, Werte, Verhaltensweisen und Strukturen entstammen der Gutenberg-Galaxis. Und bei all unserer digitalen Kompetenz vergessen einige von uns gerne, dass dies unser aller erste Digitalisierung ist. Das Experiment wurde noch nie zuvor versucht und angesichts der Unterschiedlichkeit der digitalen Medien zu all ihren Vorläufern, sollten wir ein wenig mehr Demut in unseren Prognosen mitführen.

Ich halte es eher mit Angela Merkels und betrachte die „digitale Gesellschaft“ erstmal als „Neuland“, dass es erst noch zu entdecken gilt[3]. Und ich bin nach wie vor fasziniert von diesem Neuland. Ich bin nicht mehr ganz so sicher wie vor zehn Jahren, dass es per se das bessere Land ist. Aber es hat mich nie aufgehört zu faszinieren und ich glaube immer noch daran, dass wir hier etwas schönes draus machen können, wenn wir die Chancen nutzen.

Die Utopie der Wikipedia

Vera Linß, Tania Röttger, Alice Wiegand, Michael Seemann bei Wikimedia-Salon am 12.03.2019. Foto: Lisa Dittmer (WMDE) [CC BY-SA 4.0]

Doch was wollen wir eigentlich ausdrücken, wenn wir von der „digitalen Gesellschaft“ sprechen? Beim Wort „Gesellschaft“ schwingt ein positives Narrativ mit – Gesellschaft ist mehr als eine Ansammlung von Individuen. Gesellschaft ist in gewisser Weise Gemeinschaft, ist ein „Wir“, hat ein Innen und Außen und im Inneren ist es idealer Weise wohlig warm. Gesellschaft basiert auf gemeinsamen Werten, Erzählungen, Praktiken und vielleicht sogar Solidarität. Doch Gesellschaft umschließt auch Unterschiede. Gesellschaft ist immer auch die Gemeinschaft der Unterschiedlichen, sie ist der Ort des Austauschs, der Aushandlung, des Politischen und der öffentlichen Sache.

In vielerlei Hinsicht ist die Wikipedia ihr ideales, digitales Vorbild. Hier treffen sich unterschiedliche Menschen, um freiwillig an etwas zu arbeiten, das größer ist als sie. Die Wikipedia ist das erste und einzige digitale Weltwunder. In der Theorie unmöglich, in der Praxis so real. Sie ist der Beweis wozu Menschen im positiven Sinn fähig sind, wenn man ihnen einfach nur die mediale Infrastruktur dafür bereitstellt. Sie ist eine schöne Idee des Menschen: Menschen wollen ihr Wissen teilen. Ohne Gegenleistung. Einfach so.

In der ökonomischen Theorie hat man versucht, dem Phänomen unter dem Namen „Commons Based Peer-Production“ Rechnung zu tragen[4], kämpft jedoch mit dem Problem, dass der unbestreitbare Wert, der da geschaffen wird, kaum sinnvoll messbar ist[5]. Aber für viele bleibt eine Gesellschaft, die auf dem freiwilligen und offenen Austausch von Wissen basiert, bis heute die wichtigste digitale Utopie.

Auch außerhalb der Wikipedia – zum Beispiel bei der Freien Software und Open Source Szene – kann man sehen, dass diese Utopie durchaus kein Traum, sondern gelebte Realität ist. Ein Großteil unserer digitalen Infrastruktur läuft auf Open Source Software, ohne dass wir das überhaupt merken. Man sieht aber auch die Limitierungen des Ansatzes. Trotz offensichtlicher Vorteile in Sachen Kosten und Vertrauen konnte sich Open Source als Prinzip nur in manchen Bereichen als Standard durchsetzen. Zudem machen strukturelle Probleme, wie die chronische Unterfinanziertheit der Projekte und die sich daraus ergebende Selbstausbeutung der Szene zu schaffen.

Die Krise der Wikipedia

Auch die Wikipedia hat ihre Probleme. Zuletzt häuften sich die Berichte um die zunehmenden Probleme mit veralteten Artikeln[6]. Diese wiederum sind Ausdruck des sich verschärfenden Nachwuchsproblems und das wiederum ist Ausdruck anderer strukturelle Probleme innerhalb der Wikipedia-Community. Schon 2012 hatten einige Wissenschaftler rund um Aaron Halfaker diese Strukturprobleme untersucht und kamen zu der Erkenntnis, dass es vor allem die Wachstumsphase bis 2007 war, die die aktuellen Probleme heraufbeschwor.

In ihrer Studie „The Rise and Decline of an Open Collaboration System: How Wikipedia’s Reaction to Popularity Is Causing Its Decline“ gehen sie verschiedenen Hypothesen zum mangelnden Nachwuchs nach und zeigen anhand von Daten, dass es vor allem die internen Strukturanpassungen waren, die zu einer zunehmenden Schließung der Community gegenüber Neueinsteigern führten. Als die Wikipedia auf einmal so viel Zulauf bekam und Millionen anfingen, herumzueditieren, mussten strengere Änderungskontrollen, ein strafferes Community-Management und verschärfte Qualitätsstandards eingezogen werden[7]. Die Folge war, dass das Versprechen, das jeder ständig Artikel ändern oder anlegen kann, nur noch in der Theorie existiert. In Wirklichkeit werden Neulinge häufig schroff abgewiesen oder ihre Änderungen werden kommentarlos und ohne Diskussion oder Überprüfung rückgängig gemacht. Die meisten kommen nach dieser frustrierenden Erfahrung nicht mehr wieder.

Diese Probleme scheinen überwindbar. Einige Experten fordern zum Beispiel bezahlte und professionelle Community-Manager einzustellen, die selbst nicht editieren sollen, aber Prozesse moderieren, Neulinge an die Hand nehmen und für ein konstruktives Klima sorgen sollen[8].

Doch mir scheint noch etwas anderes im argen zu liegen. Ungefähr zur selben Zeit – also etwa ab 2007 – bekommen auch soziale Medien vermehrt Zulauf, sogar viel mehr noch als die Wikipedia. Facebook wuchs alleine in diesem Jahr um 317 % und erreichte dieses Wachstum seither nie wieder. Twitter stieg 2006 ein und wuchs ab 2007 kräftig, 2009 kommt Quora hinzu. Dazu boomen Reddit und andere spezialisierte Diskussionsseiten. Warum das wichtig ist? Wenn die Motivation der Wikipedianer ist, ihr Wissen weiterzugeben, dann stehen all diese Dienste gewissermaßen in Konkurrenz zur Wikipedia.

Der wesentliche Unterschied ist allerdings, dass man sein Wissen in Social Networks nicht erst aufwändig gegen eine vorhandene, oft schlecht gelaunte Community rechtfertigen und verteidigen muss. Alles hereingetragene Wissen steht auf Twitter oder Facebook erstmal da und die Communities wachsen dann drumrum. Auf sehr nachvollziehbare Art ist das sehr viel attraktiver als sich mit Wikipedia-Admins rumzuschlagen. Ich jedenfalls habe das immer so empfunden, weswegen ich nie wirklich in die Wikipedia, wohl aber auf Twitter mein digitales Zuhause gefunden habe.

Alternative Gitpedia?

Und weil ich das damals so empfand, schlug ich 2009 vor, die Wikipedia in eine neue Datenstruktur zu transferieren, die dem agilen Konzept, dass ich aus den Social Networks kannte, viel mehr entspricht. Ich schlug vor, die Wikipedia auf Git-Basis zu stellen[9].

Git ist ein Versionskontrollsystem, das in der Open Source Szene sehr populär ist. Das Prinzip funktioniert so, dass sich jeder, der an einem Projekt weiter programmieren will, sich dieses Projekt in Gänze herunterlädt, seine Änderung vornimmt und dann seine Änderung „committet“, also integriert.

Der Vorteil dieser Vorgehensweise ist, dass man die Änderung auch gar nicht kommunizieren braucht. Man kann an der geänderten Variante des Projekts auch einfach weiterarbeiten oder sie gar zu einer neuen Instanz machen. Das nennt man dann einen Fork – eine Gabelung. Auf diese Weise – so war mein Gedanke – könnten die anstrengenden Grabenkämpfe, für die die Wikipedia damals schon bekannt war (auch Editwars genannt), vermieden werden. Die sich belagernden Fraktionen könnten einfach ihren Fork aus der Wikipedia ableiten und ihre Version der Geschichte publizieren. Warum sich noch einigen, wenn man forken kann?

Nun, eine Dekade später gibt es tatsächlich Forks der Wikipedia. Es gibt die Conservapedia, ein Wikipedia-Fork mit unterschiedlichen Ansichten zu Abtreibung, Waffengesetzen und Klimawandel. Oder die Metapedia, die Wikipedia für „White Supremacists“, in der der Holocaust nur ein Ereignis in der politisch korrekten Geschichtsschreibung ist. Und dann gibt es Infogalactic, der Wikipedia-Klon der Alt-Right, ein Ort für ihre „alternativen Fakten“. Unnötig zu sagen, dass ich meine damalige Ungestümheit bereue – ich halte eine “Gitpedia” nicht mehr für eine gute Idee[10].

Dabei bildet die Wikipedia und ihre Klone die Balkanisierung des Medienbetriebs nur oberflächlich ab. All die alternativen Wikis reichen zusammen nicht mal annähernd in den Relevanzbereich des Originals, während aber Fox News, Breitbart – oder in Deutschland die Epoch-Times – durchaus relevante Reichweiten haben und für einen allgemeinen Vertrauensverlust in die Medieninstitutionen stehen.

Die Triablisierung der Wahrheit

Doch die Balkanisierung der Medienlandschaft ist nur ein Vorgeschmack auf die Tribalisierung des Onlinediskurses. Im Jahr 2017 habe ich zusammen mit einem befreundeten Datenjournalisten die Verbreitung von Fake News auf Twitter untersucht. Das Ergebnis war die These des „digitalen Tribalismus“, der einen wesentlichen Faktor für den Erfolg gefälschter Nachrichten bildet[11]. Es sind eng vernetzte Gruppen mit starkem Abgrenzungsbedürfnis zum „Mainstream“, die alles weiterverbreiten, das ihnen hilft, ihre Identitätskonstruktion zu aktualisieren. In unserem Fall waren es AfD-nahe Twitterer, die bereit waren alles zu glauben, was ihr Narrativ von der „Flüchtlingsinvasion“ und der „Merkeldiktatur“ bestätigte.

Die Rede von politischen Stämmen ist vor allem in den USA weit verbreitet, wo die politische Polarisierung sehr viel weiter fortgeschritten ist und die psychologischen Grundlagen politischen und moralischen Tribalismus inzwischen gut erforscht sind[12]. Das Internet scheint jedoch die ideale mediale Struktur für die Bildung von Stämmen zu bieten. Lange wurde diese Beobachtung mit Thesen wie der „Filterblase“ erklärt, also der Idee, dass die algorithmische Sortierung von Posts dafür sorgt, dass wir mit andersartigen Auffassungen der Welt schlicht nicht mehr konfrontiert werden. Dass diese These als Erklärung weder hinreichend noch notwendig ist, haben nicht nur wir gezeigt[13].

Stattdessen sind wir die Algorithmen. Immer dann, wenn wir unsere Meinung in die Welt posaunen, stoßen wir einen Sortiervorgang an. Leute wenden sich ab, Leute wenden sich zu. Die Freiheit der Konnektivität und die große Transparenz, die das Internet bietet, macht es für alle Leicht, den eigenen Stamm zu finden. Und ist der gefunden, werden die kognitiven Algorithmen in Gang gesetzt – uralt verdrahtete „Wir gegen Die“-Schemata, die unser Werturteil und sogar unsere Wahrnehmung bestimmen[14]. Beim digitalen Tribalismus greifen technische, soziale und psychologische Algorithmen ineinander und verstärken sich gegenseitig.

In den USA haben Peter Limberg und Conor Barnes das Phänomen „Memetic Tribes“ genannt und eine umfassende Analyse in Form eines Essays veröffentlicht, bei dem sie auch eine Taxonomie von 24 dieser politischen „Memetic Tribes“ auflisten. Darunter Black Lives Matter, Modern Neo-Marxists, Antifa, Establishment Left und Right, New Atheists und Street Epistemologists, Infowarriors und QAnoners, Alt-Lite, Alt-Right und Modern Neo-Nazis, Neoreactionaries, Incels, etc[15].

Ganz so wild ist es in Deutschland noch nicht, aber auch hier finden sich immer mehr kleinteilige, stammesartige Aufspaltbewegungen. Hier ein kleiner, aus der Hüfte geschossener Überblick: Neben der Afd-nahen Blase, die wir untersucht haben, gibt es zum Beispiel eine deutlich zu erkennende Blase von deutschsprachigen Erdogan-Fans, sowie eine Pro-Putin-Blase. Es gibt die “Identitären” und die “neue Rechte”, die sich sehr nah, aber doch verschieden sind. Es gibt „Sifftwitter“ ein ambivalent bis links-orientiertes Troll-Netzwerk, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle möglichen Leute zu belästigen. Es gibt den Streit zwischen den linken „PoMos“ (gemeint sind die „Postmodernen“, womit intersektional orientierte Feminist/innen und Antirassist/innen gemeint sind) und den eher klassisch marxistischen Linken (auch Kommi-Bubble genannt), bzw. auch einigen Teilen der Antifa (die von den PoMos gerne “Manntifa” genannt werden). Hinzu kommen die querfrontlerische und verschwörungstheoretische „neue Friedensbewegung“, die sich vor allem mit linken Gruppierungen im Streit befindet, die sie als „Antideutsch“ bezeichnet. Letztere werden ebenfalls von einer Gruppe bekämpft, die sich „Jugendwiderstand“ nennt. Hinzu kommen oberflächlich politisch, aber doch politisch wirksame Gruppen wie die Hardcore Gamer oder die Maskulinisten, Pick up Artists und andere, die ihr (meist rechtes und frauenfeindliches) Ideologie-Süppchen kochen.

Diese Übersicht ist weder gut fundiert noch erhebt sie einen Anspruch auf Vollständigkeit. Und natürlich gibt und gab es an den politischen Rändern immer schon Sektierereien und Spaltungen, aber es ist unschwer zu sehen, wie die sozialen Medien dabei helfen, solche Strukturen zu ermöglichen und stabilisieren, indem sie ihnen Räume nach innen und Kanäle nach außen geben.

Ist dies also das Schicksal der digitalen Gesellschaft? Wird sie zerfallen in einander verfeindete Stämme, die nichts mehr im Sinn haben, als den Erfolg der jeweils anderen Stämme zu bekämpfen? Ist die anfangs erwähnte Krise der Wikipedia also in Wirklichkeit die Krise der ganzen digitalen Gesellschaft? Eine Gesellschaft, die es aufgegeben hat, sich überhaupt einigen zu wollen und sich damit gewissermaßen selbst aufgegeben hat? War „Gesellschaft“ vielleicht immer schon diese rein „Vorgestellte Gemeinschaft“ – eine Fatamorgana – induziert durch die zentralisierte Synchronizität der Massenmedien, wie es Benedict Anderson immer schon für die Nation vermutete?[16] Eine Illusion, die unter den Bedingungen wirklich freier Kommunikation einfach platzt, wie die Finanzblase 2008?

Rechnet man die identifizierten Trends hoch, dann drängt sich dieses Bild auf.

Die Wikipedia als Lösung

Nein. Ich bin aber noch nicht bereit, den Traum aufzugeben. Ich glaube, die „digitale Gesellschaft“ ist immer noch gestaltbar. Aber sie wird sich nicht von alleine einstellen. Wenn wir sie wollen, müssen wir sie aktiver, sogar aggressiver, vorantreiben. Und wir müssen außerdem mehr einstecken lernen, uns mehr einbringen, uns weniger von Widerständen abbringen lassen. Es wird schwerer als gedacht – aber nicht unmöglich.

Dabei spielt die Idee der Commons-Based-Peer-Production weiterhin eine Schlüsselrolle und die Wikipedia ist nach wie vor das große Vorbild. Die Krise der Wikipedia ist klein im Vergleich zu dem Weltwunder, das sie auch heute noch ist. Und das, was sie groß gemacht hat, ist noch da.

Eine neuere Studie unterfüttert meine Hoffnung. In „The wisdom of polarized crowds“ zeigen Feng Shi, Misha Teplitskiy, Eamon Duede und James A. Evans dass Polarisierung sogar zu messbar besseren Ergebnissen führen kann, wenn die Menschen zusammenarbeiten[17]. Die Arbeit in politisch polarisierten Teams an politisch heiklen Wikipedia-Artikeln führt zu längeren und intensiveren Diskussionen und schließlich zu vollständigeren und qualitativ hochwertigeren Artikeln.

Die Wikipedia ist nicht nur Ausdruck einer Krise der digitalen Gesellschaft, sie ist auch die Lösung. Wie genau diese aussehen wird, müssen wir erst herausfinden, aber das Einbinden der Tribes in gemeinsame Projekte, scheint ein Teil davon zu sein.

Wir dürfen aber nicht zu der naiven Euphorie von Anfang der Nullerjahre zurückkehren. Die strukturellen Probleme der Wikipedia, der Open Source Welt und der digitalen Gesellschaft sind systemisch und sie müssen systemisch adressiert werden. Schaffen wir es, die ersten beiden zu reparieren, ist auch die digitale Gesellschaft wieder in Reichweite.

Doch wir müssen auch außerhalb der Wikipedia und den Open Source-Projekten für die digitale Gesellschaft kämpfen. Bisher hat die offene und kollaborative Zusammenarbeit nicht nur eine Konkurrenz in Form der klassisch kapitalistischen Produktionsweise, sondern auch entschiedene Gegner in der Politik. Sie tun alles, ihr Steine in den Weg zu legen, sei es durch sinnlose Regulierung von kleinen, freien Plattformen oder durch Radikalisierung des Urheberrechts, wie in der geplanten Urheberrechtsnovelle der Europäischen Union. Diese Politiker sind in der Gutenberg-Galaxis groß geworden und können sich jenseits der kapitalistischen Produktionsweise nur die Sowjetunion vorstellen. Deswegen hören sie nur auf die Vertreter angestammter Unternehmen, die ihnen einreden, dass nur drakonische Urheberrechtsgesetze samt Uploadfilter und Leistungsschutzrechte für winzige Wortfetzen die Arbeitsplätze in Europa retten können.

Es ist deswegen ein gutes Zeichen, wenn so viele junge Menschen auf die Straße gehen, um zumindest die schlimmsten Auswüchse der Urheberrechtsreform zu verhindern.

Die Politik muss grundsätzlich umdenken, denn wir brauchen sie an unserer Seite. Sie muss sich fragen, was das Gemeinwohl im Digitalen ist. Und sie muss sich wieder in den Dienst dieses Gemeinwohls stellen und die staatlichen Strukturen, die sie befehligt ebenso.

Ein paar konkretere Vorschläge:

Demonstration gegen Artikel 13 in Berlin. Foto: Leonhard Lenz [CC0]

Eine Antwort können zum Beispiel „Public-Commons-Partnerships“ sein, wo staatliche Strukturen offene Projekte ergänzen, unterstützen oder flankieren[18]. Ein Umschwenken staatlicher IT hin zu Open Source ist ein Vorschlag, den ich dazu immer wieder stark mache[19]. Das Prinzip „Public Money, Public Good“ sollte in Gesetze gegossen werden, so dass alle öffentlich oder staatlich finanzierten Dokumente unter freier Lizenz für alle verfügbar sind. Open Data Initiativen haben bereits viel erreicht, aber die Politik muss von sich aus darauf kommen, dass der Staat und alle seine Strukturen den Bürgern gehören und sie ihnen so zugänglich wie möglich zu machen. Die Politik muss sich außerdem für freie Lizenzen und eine Öffnung des Urheberrechts einsetzen, um das Arbeiten mit und an Informationen allgemeiner möglich zu machen. Ein “freiwilliges offenes Jahr”, bei dem junge Menschen in Open Source Projekte oder in der Wikipedia eingebunden werden und helfen, den Wissensschatz und die öffentliche Software-Infrastruktur zu verbessern. Demokratische Institutionen, die Communities anrufen können, um Streits zu schlichten, oder Prozesse zu moderieren. Stipendien, Preise und Gütesiegel für besonders herausragende Leistungen für das digitale Gemeingut.

Es sind viele Dinge denkbar, die einen grundlegenden, demokratischen und gesellschaftsfördernden Wandel bringen würden. Aber wir müssen endlich die Strukturen der Gutenberg-Galaxis in Richtung digitaler Neuerfindung zwingen, um mit ihrer Kraft die neue, die nächste, die digitale Gesellschaft zu erfinden.

 

Fußnoten:

[1] Harold Innes: Empire and Communications, Toronto 1950.

[2] Dirk Baecker: Studien zur nächsten Gesellschaft, Frankfurt am Mein 2007.

[3] Angela Merkel auf einer Pressekonferenz mit US-Präsident Barack Obama am 19. Juni 2013, orf.at, https://www.youtube.com/watch?v=2n_-lAf8GB4.

[4] Yochai Benkler: The Wealth of Networks – How Social Production Transforms Markets and Freedom, Yale 2006.

[5] Siehe zum Beispiel: Leonhard Dobusch: Wert der Wikipedia: Zwischen 3,6 und 80 Milliarden Dollar?, in Netzpolitik, https://netzpolitik.org/2013/wert-der-wikipedia-zwischen-36-und-80-milliarden-dollar/, vom 05.10.2013.

[6] Patrick Bernau: Die Wikipedia veraltet, https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/diginomics/die-wikipedia-verliert-an-aktualitaet-autoren-fehlen-16045021.html.

[7] Aaron Halfaker, R. Stuart Geiger, Jonathan T. Morgan, and John Riedl: The Rise and Decline of an Open Collaboration System: How Wikipedia’s Reaction to Popularity Is Causing Its Decline, https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0002764212469365.

[8] So zum Beispiel Leonhard Dobusch, in Netzpolitik, https://netzpolitik.org/2014/kommentar-wie-die-kluft-zwischen-wikipedia-und-wikimedia-zum-autorenschwund-beitraegt/, vom 17.03.2014.

[9] Michael Seemann: Die Multipedia: Schafft ein, zwei, viele Wikipedien! http://mspr0.de/?p=908.

[10] Michael Seemann: Fork! https://www.internet-freiheit.de/fork/.

[11] Michael Seemann, Michael Kreil: Digitaler Tribalismus und Fake News, http://www.ctrl-verlust.net/digitaler-tribalismus-und-fake-news/, vom 29.09.2017.

[12] Siehe vor allem Jonathan Haidt: The Righteous Mind – Why Good People Are Divided by Politics and Religion, 2012.

[13] Siehe Zum Beispiel: Adam Piore: Technologists are trying to fix the “filter bubble” problem that tech helped create – But research shows online polarization isn’t as clear-cut as people think.https://www.technologyreview.com/s/611826/technologists-are-trying-to-fix-the-filter-bubble-problem-that-tech-helped-create/, 22.08.2018.

[14] Vgl. dazu vor allem die Forschungen von Dan M. Kahan: Dan M. Kahan: Misconceptions, Misinformation, and the Logic of Identity-Protective Cognition. https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2973067.

[15] Peter Limberg, Conor Barnes: The Memetic Tribes Of Culture War 2.0, https://medium.com/s/world-wide-wtf/memetic-tribes-and-culture-war-2-0-14705c43f6bb, vom 13.09.2018.

[16] Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, 1983.

[17] Feng Shi, Misha Teplitskiy, Eamon Duede & James A. Evans: The wisdom of polarized crowds, https://www.nature.com/articles/s41562-019-0541-6, vom 04.03.2019.

[18] Vgl. Yochai Benkler: From the imagined community to the practice community, https://www.barcelona.cat/metropolis/en/contents/imagined-community-practice-community, vom 19.01.2019.

[19] Michael Seemann: Vorschlag: Open Source als Plattformpolitik, http://www.ctrl-verlust.net/vorschlag-open-source-als-plattformpolitik/, 07.03.2019.

Während strukturierte Daten über die Summe allen menschlichen Wissens Maschinen und künstlicher Intelligenz helfen können, die Welt zu verstehen, können sprachliche Daten in Wikidata ihnen helfen zu verstehen, wie Menschen ihr Wissen mit Wörtern ausdrücken. Mit all den Sprachkombinationen, die wir in Wikimedia-Projekten haben, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten: Übersetzungen aus dem Estnischen ins Maltesische oder von Tamil nach Zulu — obwohl ein gedrucktes Wörterbuch für diese Kombinationen wahrscheinlich nicht existiert, kann es mit strukturierten Daten über Sprachen generiert werden.

Datenobjekte in Wikidata beschreiben bislang einen Gegenstand, eine Person oder ein Konzept unserer Welt. Was Wikidata bis vor kurzem nicht hatte, war die sprachliche Seite der Dinge: die Wörter, um diese Objekte so zu beschreiben, wie sie in einer Sprache erscheinen, ihre grammatikalischen Formen und Bedeutungen. In den letzten Monaten haben wir Funktionen in Wikidata und der Software Wikibase entwickelt, die es ermöglichen, sprachliche Daten zu beschreiben. Wir nennen dies lexikographische Daten.

Lexikographische Daten wurden im Mai 2018 eingeführt und sind nun seit fast einem Jahr im Einsatz. Zeit, einen genaueren Blick darauf zu werfen.

Lexikographische Daten bedeuten genau das: Daten, die in einem Lexikon vorkommen können. Womit wir es hier zu tun haben, ist die linguistische Seite der Wörter. Da das Wort „Wort“ bereits sehr überladen ist, verwenden wir den sprachwissenschaftlichen Begriff Lexem — ein Lexem ist ein Eintrag in einem Wörterbuch.

Lexeme unterscheiden sich ein wenig von anderen Entitäten in Wikidata und haben daher einen eigenen Namensraum. Ihre Entitätsnummern beginnen nicht mit einem Q — sie beginnen mit einem L. Unter https://www.wikidata.org/wiki/Lexeme:L1 ist das erste Lexem in Wikidata zu finden, das sumerische Wort für „Mutter“. Da das Sumerische eine der ältesten Sprachen ist, die wir kennen, und das Wort für Mutter eines der grundlegendsten Wörter in jeder Sprache ist, ist es gut möglich, dass es sich dabei um eine der frühesten sprachlichen Äußerungen der Menschheitsgeschichte handelt.

Jedes Lexem hat Bedeutungen, die anzeigen, was ein Wort in verschiedenen Sprachen bedeutet. Es gibt auch Formen, die beschreiben, wie sich das Lexem grammatikalisch ändern kann — etwa die 15 Fälle, in denen ein Substantiv in der finnischen Sprache verwendet werden kann.

Jedes Lexem steht für einen Eintrag in nur einer Sprache. Das deutsche Wort “Apfel”, das englische „apple“ und das französische „pomme“ sind verschiedene Lexeme (L819, L3257 und L15282). Da Wikidata eine verknüpfte Datenbank ist, kann es sogar auf ein Element mit einer Q-Id verweisen, die das Konzept dieses Lexems repräsentiert. Weitere Informationen zum Datenmodell für Lexeme finden sich auf der Dokumentationsseite.

In einigen Sprachen können Lexeme viele Formen annehmen. Für die Eingabe gibt es Hilfe: Wikidata Lexeme Forms ist ein Werkzeug, um ein Lexem mit einem Satz von Formen zu erstellen, z. B. die Deklinationen eines Substantivs oder die Konjugationen eines Verbs.

Um Lexemen Bedeutungen hinzuzufügen gibt es auch ein praktisches Werkzeug: Wikidata Senses zeigt neben der Liste der Sprachen und der Anzahl der fehlenden Bedeutungen ein zufälliges Lexem, das eine Bedeutung benötigt. Einfach mal beim Warten an der  Bushaltestelle ausprobieren, so schnell kann man zum Freien Wissen beitragen!

Natürlich können lexikographische Daten auch abgefragt werden. Ein interessantes Beispiel für die Vernetzungen, die Lexeme in Wikidata ermöglichen, ist diese Abfrage von Finn Årup Nielsen, die nach Personen mit Nachnamen sucht, die der Vergangenheitsform eines dänischen Verbs entsprechen.

Mit Abfragen können auch tolle Anwendungen erstellt werden. Einer der häufigsten Gründe für Kopfschmerzen bei Deutschlernenden sind die Artikel von Substantiven: der, die, das. Sie folgen allerdings keiner wirklichen Logik, was meist bedeutet, dass Artikel auswendig gelernt werden müssen. Wie Mark Twain in seinem klassischen Aufsatz „The Awful German Language“ bemerkte: “Jedes Hauptwort hat einen Artikel; aber da ist kein System und Sinn in der Anwendung desselben, so dass nichts übrig bleibt, als jeden Artikel zu jedem Wort besonders auswendig zu lernen. So hat z. B. in der deutschen Sprache ein junges Mädchen kein Geschlecht, während eine Steckrübe ein solches hat. Welche maßlose Hochachtung zeigt das einer Rübe gegenüber, welche Geringschätzung von einem Mädchen!”

Zum Glück gibt es ein Spiel, das lexikographische Daten in Wikidata verwendet, um das Auswendiglernen einfacher zu machen: DerDieDas. Wer schafft 10 zufällig ausgewählte deutsche Substantive mit dem richtigen Artikel? Für diejenigen, die bereits Deutsch sprechen, gibt es auch eine französische und eine dänische Version.

Wikidata verfügt derzeit über 43440 Lexeme in 315 verschiedenen Sprachen, Dialekten oder Schriften (14762 Lexeme auf Englisch, 10334 auf Französisch, 3039 auf Schwedisch, 2651 auf Nynorsk, 2095 auf Polnisch und 2027 auf Deutschsiehe vollständige Liste). Das ist zwar bereits ein guter Anfang, aber es ist eindeutig nur der erste Schritt. Die Erforschung lexikographischer Daten auf Wikidata kann also beginnen —  zusammen können wir einen neuen Fundus für Freies Wissen an Sprachdaten aufbauen!

10 Regeln für den eigenen Wikipedia-Artikel

14:35, Saturday, 19 2019 January UTC

Wikipedia ist nicht nur eine Enzyklopädie mit dem Anspruch auf Ewigkeit, sondern auch ein Nachschlagewerk für Ephemeres und zeitgemäß Aktuelles. In der Wikipedia stehen nicht nur Artikel über Themen von Bach und Barock bis zu Bismarck oder zur Binomialverteilung. Im Bastelbrockhaus stehen auch Einträge über lebende Künstler, Sänger, Sportler, Unternehmen, Vereine und Stiftungen.

Nun können diese Künstler, Sänger und andere diese Einträge auch lesen und sind – mal zu Recht mal zu Unrecht – nicht glücklich mit diesen Artikeln. Mal sind die Artikel eigenwillig gewichtet, mal lassen sie das Wesentliche aus, mal sind Daten veraltet und ab und an enthalten die Artikel auch echte inhaltliche Fehler.

Artikel über sich selbst oder seine Organisation zu ändern, ist nicht einfach. Manchmal ist es aber für Wikipedia und die Betroffenen hilfreich. Deshalb hier einige Regeln zum Umgang mit dem eigenen Wikipedia-Artikel.

Maze 01
Auf den ersten Blick wirkt Wikipedia unübersichtlich. Bild: Maze01. Von Nevit Dilmen Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

(0) Vorweg: Wikipedia-Artikel sind böse

Die Grundregeln für den Umgang mit der eigenen Person oder Organisation in Wikipedia ist einfach: existiert noch kein Artikel, so ist das gut. Wikipedianer schätzen es gar nicht, wenn Betroffene über sich selbst Artikel anlegen. Die geschriebenen Regeln verbieten die Artikelanlage in eigener Sache nicht explizit. Die - wichtigeren - ungeschriebenen Regeln sprechen sich stark dagegen aus. Umso kritischer werden Wikipedianer die neuen Artikel begutachten, nach Schwächen und Fehlern suchen. Umso schlimmer wird das Spießrutenlaufen für denjenigen, der diesen Artikel anlegt.

Selbst wenn der Artikel durchrutscht, zumindest am Anfang keine Kritik erfährt: Viele der Ersteller und Objekte von Artikeln rechnen nicht damit, was für eine eindrückliche Erfahrung es sein kann, die Kontrolle aus der Hand zu geben, einer anonymen Gruppe von Menschen eine große Bühne zu geben, das eigene Leben oder die eigene Organisation darzustellen. Eine eigene Website oder ein Facebookauftritt kann dasselbe wie ein Wikipedia-Artikel. Aber man behält die Kontrolle.

Wenn eine Person oder Organisation keinen Wikipedia-Artikel hat, dann sollte sie eine Flasche Sekt öffnen, dankbar sein und sich auf andere Formen der Öffentlichkeitsarbeit verlegen. In vielen Fällen allerdings existiert der Artikel schon, oftmals nicht zur Zufriedenheit der betroffenen Person. Manchmal muss die Person oder Organisation halt damit leben, dass die eigene Existenz nicht nur Feiernswertes enthält. Manchmal hat sie aber auch legitime Gründe zur Kritik: Veraltetes, Unvollständiges, Fehlerhaftes oder eigentümlich Gewichtetes findet sich in vielen Wikipedia-Artikel. Es gibt die Möglichkeit, etwas daran zu ändern.


(1) Transparenz 


Wikipedia ist überaus kritisch gegenüber Bearbeitungen in eigener Sache. Jeder, der Artikel über sich selbst bearbeitet, muss Grundmisstrauen überwinden und Vertrauen gewinnen.Vertrauen gewinnt man durch Offenheit.

(2) Verifizierung 


Speziell für Bearbeiter in eigener Sache und ganz speziell für Menschen, die professionell unterwegs sind, existiert in der deutschen Wikipedia das Mittel der Verifizierung. Bearbeiter melden sich unter dem Namen ihrer Organisation/ ihrer Person an und stellen damit eine Grundtransparenz her. Danach schicken Sie eine Mail an  info-de-v@wikimedia.org und werden dann von Freiwilligen verifiziert. Weitere Details finden sich unter: Wikipedia:Benutzerverifizierung

(3) Diskussionsseiten 

Zu jedem Eintrag in der Wikipedia gehört eine Diskussionsseite, auf der dieser Eintrag diskutiert wird. Um Konflikte und Konfrontationen zu vermeiden, empfiehlt es sich, jede größere Änderung erst auf der Diskussionsseite mit einigen Tagen Vorlaufzeit anzusprechen. Erst wenn dort kein Widerspruch, oder gar Zustimmung, gekommen ist, sollte der Artikel selbst geändert werden. Taucht auf der Diskussionsseite Widerstand auf, so ist die Diskussionsseite zur Diskussion zu nutzen.


(4) Belegen 


Wikipedia ist eine Enzyklopädie, die verlässlich sein will, die aber jeder anonym bearbeiten kann. Zum Ausgleich legt die Community starken Wert darauf, dass jeder inhaltliche Beitrag belegt wird. Als Belege gelten nur Fakten, die anderswo veröffentlicht sind. Sei es in Büchern, Zeitschriften oder Websites. Diese Pflicht geht soweit, dass selbst Aussagen der Person selbst oder amtliche Dokumente nicht akzeptiert werden – sofern diese nicht an einer externen Stelle veröffentlicht wurden.

Belege im Artikel zur Wikipedia (kleiner Ausschnitt)

(5) Klare, harte Fakten. Keine Adjektive 


Artikel über sich selbst zu ändern, ist selbst unter den besten Umständen ein Drahtseilakt. Die Gefahr besteht, auf andere Autoren zu treffen, die dies aus Prinzip ablehnen und versuchen gegen die Edits zu arbeiten. Aber auch diese Autoren sind an Regeln gebunden. Je besser eine Bearbeitung nachgeprüft werden kann und je eindeutiger diese ist, desto höher sind die Chancen, dass sie bestehen bleibt.

Am besten hierfür eigenen sich unstreitige Zahlen und Fakten. Während Fakten einfach und erwünscht sind, ist dies mit Interpretationen schwierig. Diese sind generell in der Wikipedia verpönt. Je niedriger das Vertrauen ist, das ein Autor genießt, desto schwieriger wird es, Text einzubauen, der auch nur entfernt nach Interpretation aussieht. Adjektive sehen immer nach Interpretation und Wertung aus. Sie haben in einem Artikel über einen selbst nichts verloren.

(6) Verständlich bleiben 


Nun gibt es nicht nur die Community, für die ein Text geschrieben wird, sondern auch die Leser. Leser lieben Wikipedia, weil er hier klare, verständliche Informationen gibt, die sich beim ersten Lesen erschließen. Buzzwords, unverständliches, aber auch Fachsprache und Insiderlingo sind verpönt. Die Community achtet darauf dies durchzusetzen. „Geschwurbel“ ist einer der liebsten Begründungen innerhalb der Community um Text zu streichen.

(7) Mit der Community zusammen 


Wikipedia ist ein grundsätzlich offenes System, das von zahlreichen Vandalen, Trollen und Manipulatoren heimgesucht wird. Dementsprechend ausgebildet und etabliert sind mittlerweile die Mechanismen, unerwünschte Bearbeitungen fernzuhalten. Die etablierte Community hat die informellen, formalen und technischen Mittel Text zu verhindern, kann aber auch unglaublich Großartiges vollbringen. Jede Mitarbeit in Wikipedia, die von Erfolg gekrönt sein soll, funktioniert nur im gegenseitigen Vertrauen mit der Community.

(8) Zu vermeiden: Freunde holen 


Manche Autoren fühlen sich von der Wikipedia-Community übermannt oder ungerecht behandelt und versuchen, Freunde zu motivieren, ihnen beizustehen. Kaum etwas ist schlimmer. Die reine Anzahl von Teilnehmenden in der Diskussion hat kaum ein Gewicht. Wesentlich bedeutender ist das Vertrauen, dass den einzelnen Beteiligten in der Community beigebracht wird. Die Community hat ein eingebautes internes Vertrauenssystem, das maßgeblich auf bisherigen Beiträgen beruht. Wenn aus heiterem Himmel plötzlich eine größere Anzahl neuer Nutzer bei einem Thema auftaucht, lässt das bei vielen erfahrenen Wikipedianern Alarmglocken schrillen. Sie reagieren skeptischer und aggressiver. Dabei gilt: gegen eine skeptisch und aggressive Community zu agieren, hat nie Erfolg. Der Versuch, Freunde zu mobilisieren ist bisher immer nach hinten losgegangen.

(9) Das Sichtungsproblem 


Speziell die deutsche Wikipedia hat das Instrument der Sichtungen eingeführt. Das bedeutet: Änderungen an Artikeln werden sofort gespeichert. Wenn diese Änderungen von einem neuen Autor stammen, sind sie aber nicht sofort für die Öffentlichkeit sichtbar. Dafür muss erst ein erfahrener Wikipedianer sein Ok geben. Je einfacher die Edits sind und je einfacher sich ihr Inhalt extern überprüfen lässt, desto schneller wird die Freigabe erfolgen.

Übersicht über die Seiten, die am längsten nicht gesichtet wurden.

(10) Fotos unter freier Lizenz 


Ein einfacher Weg, das Vertrauen der Community zu gewinnen, Inhalte beizutragen und es Wikipedia zu ermöglichen eigene Inhalte zu nutzen, ist das Bereitstellen von Fotos unter freier Lizenz. Das bedeutet, dass diese Fotos im Nachhinein genutzt, verändert und eingebaut werden können. Allerdings muss dabei der Autor genannt werden ebenso wie der Titel des Fotos. So in Wikipedia und von dort aus dann viral durch das halbe Netz.

Rose Stanwell Perpetual バラ スタンウェル パーペチュアル (7887553466)
Ist ein Foto unter freier Lizenz hochgeladen, kann es unter Autoren-Nennung quer durch das Internet gesehen werden. Bild: Rose Stanwell Perpetual バラ スタンウェル パーペチュアル von: T.Kiya Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

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Der Wikipedia mangelt es nicht an Seiten mit Regeln, Vorschriften und Anleitungen. Auch zu diesem Themenkomplex gibt es eher zuviel als zu wenig zu lesen. Als Einstieg empfiehlt sich: Wikipedia:Interessenkonflikt  und die dortigen Links.

Bei Rückfragen zu bestimmten Einzelfällen, gerne auch eine Mail an mich, dirkingofranke@gmail.com

Alle Iberty-Posts zu Netz- und Kulturthemen finden sich unter. Kultur in Iberty! Eine Übersicht.

Klippan ist ein klassisches Sofamodell des sich schwedisch gebenden Möbelhauses IKEA. Das Sofa wird dieses Jahr 40 Jahre alt und ist neben Billy vielleicht der Klassiker IKEAs. Klippan steht in den Räumen des MEKs, des Museums Europäischer Kulturen, in Berlin. Dort steht es nicht etwa als Ausstellungsstück, sondern als Möbel.

Aber: wenn man ein Museum für Volkskunde und Alltagskultur mit einer Gruppe Wikipedistas zusammenbringt - dann wird auch das Foyersofa zum Ausstellungsstück - und darüber entstehen Wikipedia-Artikel. 

Berlin, Museum Europäischer Kulturen, GLAM on Tour im Museum Europäischer Kulturen (2018) NIK 6039
Klippan im Museum. Bild: Berlin, Museum Europäischer Kulturen, GLAM on Tour im Museum Europäischer Kulturen (2018) NIK 6039 Von: Nightflyer. Lizenz: Creative Commons Attribution 4.0 International license.

Willkommen bei Wiki goes MEK! 2.0. Willkommen bei der zweiten Veranstaltung zwischen Wikipedia, dem MEK und dem Glam-Team von Wikimedia Deutschland.



MEK MEK MEK


Zwei Tage, am 17. und 18. November 2018, lud uns das Museum Europäischer Kulturen (MEK) nach Dahlem ein. Das MEK ist das einzige der Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), das in Dahlem bleiben darf und nicht in die Bierbike- Reisebushölle von Berlin Mitte muss.

Unsere Gruppe zieht vom Ausstellungs- in den Arbeitsteil des Museums Europäischer Kulturen.


Der Bestand des MEKs stammt noch zu größeren Teilen aus den Zeiten, in denen es das Museum für Deutsche Volkskunde war, und dann mit den europäischen Teilen der anderen Volkskunde-Museen vereinigt wurde. Es beschäftigt sich mit dem Leben normaler Menschen.

Das Museum hat einen Fokus auf Alltagskultur aber natürlich auch - dem Fokus der Ethnologie folgend - einen Blickwinkel auf Festtage normaler Menschen. Am konkreten Beispiel heißt das: derzeit laufen Ausstellungen über Wolle als Textil, Hochzeiten und die damit verbundenen Träume sowie Sterne (im Allgemeinen und als Weihnachtsstern im Besonderen).

Weihnachtssterne und Hochzeitskronen


Das MEK hatte eingeladen und etwa 20 Wikipedistas kamen. Es begann mit Kuraturenführungen durch die Stern- und Hochzeitsausstellungen. Wir schimpften, dass der 2. Stock nicht barrierefrei zu erreichen ist - man sollte meinen, eine Welt die den preußischen Museen ein komplettes neues Humboldtforum bauen kann, sollten dem MEK auch einen Fahrstuhl verschaffen können - bewunderten dann aber die atmosphärische Stern-Ausstellung.

Wir würdigten Hochzeitskronen aus dem 19. Jahrhundert ebenso wie Hochzeitskleider aus derselben Zeit. Wir staunten über den Traum in Rosa einer deutsch-türkischen Henna-Nacht und diskutierten die Ausstattung in Millenial Pink eines anderen aktuellen Hochzeitspaares.

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Ein Traum in Rosa. Bild: 2018Eroeffnung003 von: Holger Plickert (WMDE) Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

Wir verfolgten nach, wie aktuelle Besucherpaare des MEKs sich kennengelernt hatten.

Tinder - echt jetzt!


Ruhiger wurden wir bei der Hochzeits-Chuppa einer Berliner Synagoge, die vermutlich das erste Mal seit den Nazis wieder öffentlich zu sehen war. Wenig ist über diese bekannt, außer dass sie heute dem Centrum Judaicum gehört und der Gestaltung nach wohl zu Zeiten der Weimarer Republik gefertigt wurde.

Chuppa
Chuppa / jüdischer Hochzeitsbaldachin in der Ausstellung. Bild: Chuppa. Von: Medea7 Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Alles wurde in einen Kontext gesetzt und mit hinter-den-Kulissen-Informationen versehen von der Kuratorin der Ausstellung.

Derart inspiriert ging es ins Verwaltungsgebäude des MEKs wo schon alles von Kaffee über Büchern bis hin zu fotografierende-Objekte vorbereitet war. Und wir setzten die Inspiration in Artikel um.

Madame ergründete Klippan. Ich, aufmerksam geworden, dass Flachmãnner in angesagten Kreisen zur Hochzeitsausstattung gehörten lernte dann noch, dass sowohl die Wörter Hipster wie auch Bootlegging auf diese Flachmänner zurückgehen. Hipster waren Menschen, die zu Zeiten des amerikanischen Alkoholverbots Flachmänner an der Hüfte trugen; Bootlegger diejenigen, die ihn im Stiefel (englisch Boot) hatten.

Es entstand während des Workshops das Portal Baskenland. Die Artikel zu Ehe und Textilie wurden erweitert. Die Kochbuchautorin des 18. Jahrhunderts - Maria Luisa Schellhammer - bekam einen neuen Artikel. Ebenso bekamen die Artikel zu Hochzeitskronen, Pommerschen Fischerteppichen oder zur Moritat neue Bilder. Und wo wir dann schon dabei waren, wurde der Artikel "Papierkorb" mit einem Bild aus dem Hotel des Fotografen Nightflyer erweitert.

MEK II-277
Pelotaspiel (Ballkorb und Ball) aus der baskischen Sammlung. Bild:

Allerdings zeigt sich, dass ein Wochenende nur begrenzte Zeit bereitstellt, um zu schreiben. Einer meiner Highlight-Artikel würdigt den mechanischen Weihnachtsberg aus der Dauerausstellung des Museums - eine Art mechanische Modelleisenbahn ohne Eisenbahn mit Weihnachten aus dem 19. Jahrhundert - mit einem umfassenden Artikel. Dieser Artikel entstand größtenteils am Freitag vor dem eigentlichen Treffen - offensichtlich in Vorbereitung auf dieses. Und hoffentlich wird mein eigener Text zu den Herrnhuter Sternen auch noch dieses Jahr fertig.

Danke

 

Kaffee am richtigen Ort und viele Kekse. Trotz erschwerter Bedingungen ein funktionierendes Internet. Menschen, die sich auf für die Kultur vermeintlich kleiner Menschen interessieren - ein Traum in Rosa, Moritaten, obskure Bücher, ein Blick hinter die Kulissen eines Museums - und überall eine freundliche, fokussierte Stimmung. Wenig will ich mehr.

Blick in einen der Arbeitsräume.

Zum Abschluss ein großes Danke an alle Beteiligten. Selten erlebte ich eine Veranstaltung, die so stimmte. Nicht nur, dass wir offensichtlich willkommem waren: das Timing war nahezu perfekt, die Mischung aus genug Inspiration und viel Gelegenheit diese gleich umzusetzen war großartig und offensichtlich hatten sich alle Beteiligten viele Gedanken gemacht, was die kommenden Wikipedianer am besten brauchen.

Das wir zum Beispiel auch noch obskurste Bücher im Vorhinein bestellen könnten und dann vor Ort in die Hand bekamen, rundet die Sache ab.

MEK 3.0? Am besten nächste Woche.

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Die Projektseiten in der Wikipedia: WIKI goes MEK! 2.0

Die Darmstädter Madonna, deren Artikel im Rahmen dieser Veranstaltung verbessert wurde, haben wir in Berlin auch schon einmal besucht: Allein mit der Madonna zum Hasen.

Auch GLAM - ähnlich cool, wenn auch ganz anders, war die Veranstaltung mit der Jules-Verne Gesellschaft in Braunschweig.

Alltagskultur in Dahlem. Da fallen mir als erstes die historischen Tänze der Ü300-Parties ein. Oder natürlich die Schwimmhalle Hüttenweg.

 Alle Kultur-Posts in Iberty. Kultur in Iberty!

Vegan Straight Edge in der Wikipedia

14:25, Saturday, 19 2019 January UTC

Eine gelöschte Schlachteplatte führte mich in die Vergangenheit zu zwei rundlichen Herren mit Schnauzbart auf dem Straight-Edge-Konzert. Der Wikipedia-Schreibwettbewerb sorgte dafür, dass ich nachträglich noch beeindruckt von Nirvana war. Ich verstehe Widersprüche, die ich mit 19 einfach so hingenommen hatte:

„Vegan Straight Edge, Eigenbezeichnung auch xVx, oder VSxE war eine Szene innerhalb der Punk/Hardcoreszene. Leitsätze der Szene waren "kein Alkohol, keine Drogen, keine tierischen Produkte". Sie entwickelte sich Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre aus der Straight-Edge-Szene, als diese zunehmend auch vegane Ernährung propagierte und sich politisch für Tierrechte engagierte.“

Dieser Satz steht seit einigen Wochen in der Wikipedia. Er steht dort als Einleitung zum Artikel [[Vegan Straight Edge]], den ich Anfang März 2018 zu schreiben begann. Der Artikel befindet sich schon länger im Stadium des Unfertigen, denn ich habe Probleme. Gab es Vegan Straight Edge wirklich als abgrenzbare Szene? Oder war es eine Szene oder doch zwei verschiedene in den USA und Europa? Kann man sie klar genug vom restlichen Straight Edge trennen? Um die Frage, auf die Rechtschreibung einzudampfen: war es vegan Straight Edge oder Vegan Straight Edge?


Wurstbruehe
Wurstbrühe beim Kochen (Hausschlachtung) von: Jens Jäpel Lizenz: Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“

Fragen über Fragen, die eigentlich nur entstanden, weil sich in der Wikipedia ein linksbewegter Autor und ein landwirtschaftsnaher Autor in einen epischen Streit über Schlachteplatten und Massentierhaltung hineinbewegten. Schließlich kamen beide zum Schreibwettbewerb. Beim Wikipedia-Schreibwettbewerb schreiben Autoren in einem Zeitraum von einem Monat zu einem bestimmten Thema. Eine Jury aus Wikipedianern bewertet den besten Artikel. Die meisten Preise stammen von anderen Wikipedianern und bewegen sich im Rahmen zwischen selbstgemachter Marmelade und Buch-Gutscheinen.

Youth of Today at SO36 (2010)
Youth of Today (2010). von: Libertinus Yomango Lizenz: r Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 generisch“ (US-amerikanisch)

In diesen Wettbewerb nun gerieten die beiden Autoren und eskalierten beim Schreibwettbewerb weiter. Schließlich führte es dazu, dass der eine Autor eine Schlachteplatte als Preis für den besten Artikel mit Veganismus-Bezug aussetzte. Der andere lief kreischend und hyperventilierend um den virtuellen Block lief. Ich dachte „Hausgemachte Schlachteplatten sind super, Veganismus ist spannend. Gerade den veganen Punk-Tierrechtler bin ich schon oft genug in der Realität über den Weg gelaufen. Es wird Zeit, einen Wikipedia-Artikel zu schreiben!“ Die ersten Recherchen sprachen für das Thema: es gibt Autoren, die Vegan Straight Edge als eigene Szene sehen.



Der Schlachteplatten-Preis für den Schreibwettbewerb verschwand kurz darauf nach Intervention der Wikipedia-Administratoren, und mit dem Thema tue ich mich schwerer als gedachte. Aber nun hänge ich drin.   

Straight Edge? Vegan? Hardcore?


Erst war Punk. Dessen Geschichte wurde viele Male erzählt und soll hier vorausgesetzt werden. Aus Punk entwickelte sich Anfang der 1980er in Washington, D.C. die Musikrichtung Hardcore – oder harDCore: musikalisch schneller als Punk und stilistisch alle Überbleibsel des Glamrocks hinter sich lassend. Junge Männer mit sehr kurzen Haaren, in Kapuzenpullis und Chucks spielen präzise sehr schnelle und sehr kurze Gitarrensongs.


Out of Step - der eine definierende Song auf den sich alle Hardcore-Anhänger einigen können. Man beachte auch das schwarze Schaf ganz am Ende.


Fast gleichzeitig mit Hardcore entwickelte sich die Straight-Edge-Bewegung. Straight Edge heißt mindestens „kein Alkohol und keine Drogen“, konnte aber noch um beliebige "No"s erweitert werden: Kein Sex, kein Kaffee, kein Fleisch, keine Milch, kein Leder, kein was auch immer. Eine Jugendbewegung, deren Hauptmotiv der Verzicht war. Wenig überraschend eigentlich, dass ein signifikanter Teil der Bewegung dann vegan wurde.


Rundliche Männer


Ich persönlich denke bei Straight Edge immer an alte, rundliche Männer, eigentümlich wie es ist. Als Randbewohner des Punk-Hardocre-Universums war mir Straight Edge ein Begriff. Aber mir wirkte es zu elitär. Und auch wenn wir alle in der Gymnasium-Langenhagen-Gang nicht viel tranken und vielleicht alle paar Monate mal kifften – Drogen ablehnen aus Prinzip war nie mein Ding. Straight Edge kannte ich aus den üblichen Szeneheften wie dem ZAP oder all‘ den Punk-Fanzines. Aber wirklich in der Szene war ich nie.

Dann war da dieses Straight-Edge-Konzert im Jugendzentrum Langenhagen. Bands, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere, spielten mittelmäßigen Hardcore. Im Publikum tobten sich hunderte schmächtiger, pickliger Jungen in Hoodies und Turnschuhen aus, die alle ein großes X auf der Hand hatten und so böse schauten wie man mit 17 Jahren und 50 Kilo Lebendgewicht halt schauen kann.

Dann waren noch ein paar Dauer- und Stammgäste des Jugendzentrums anwesend, um die 20.  Und im Gang standen diese beiden Männer, die offensichtlich niemanden kannten. Sie waren um die 40, Schnauzbart, klein, rundlich, Hemd und Jacke. Die Schnauzbartträger hatten sich ein großes X auf die Hand gemalt – als wären Sie direkt einer Comedyserie über schlecht getarnte Zivilpolizisten entstiegen. Seitdem denke ich bei Straight Edge immer an rundliche kleine Männer mit Schnauzbart.


Straight Edge und die Polizei


Nun war es nicht überraschend, dass die Polizei auf diesem Konzert auftauchte. Ausgerechnet diese verhärmten Jünglinge standen mindestens im Verdacht, staatsgefährdende Straftaten zu planen. Drogen wurden auf Straight-Edge-Konzerten natürlich weder gehandelt noch konsumiert. Dafür war die Szene weltweit latent gewaltaffin, in Europa auch eng mit Autonomen, Linksradikalen und radikalen Tierbefreiern vernetzt.

Jugendzentrum Glocksee seitlich
Unabhängiges Jugendzentrum Glocksee (2010). Autor: AxelHH Lizenz: Public Domain

Die Auftrittsorte waren hier, wie im Jugendzentrum Langenhagen, fast immer ehemals besetzte Jugendzentren oder autonome Jugendzentren wie das UJZ Kornstraße in Hannover oder das Glocksee in Hannover oder gleich ganz besetzte Häuser. Politik, Hardcore und Straight Edge hingen für mich immer zusammen. (wie dem auch heute noch ist: wie man jedes Jahr auf dem Resist to Exist in Kremmen sehen kann.)

Für mich waren Punk – Autonome – Hardcore – Besetzte Jugendzentren – sXe – Emocore immer eins – mit verschiedenen Abstufungen und verschiedenen Ausprägungen: aber letztlich dieselbe Szene, deren Mitglieder den Anspruch hatten, die Welt so abzulehnen wie sie ist und eine bessere Welt zu schaffen.

Umso mehr verwirrten mich Bands wie Youth of Today, Cro-Mags oder auch Earth Crisis, die zwar auch echte in der Szene anerkannte Hardcore-Bands waren, aber so unpolitisch bis christlich konservativ – deren Message ich nie verstand. Das war musikalisch nicht viel anders als europäischer Straight Edge, auch mit diesem Weltverbesserungsmessianismus, aber auf eine eigenwillige Art unpolitisch. „Wir wollen die Welt verbessern, können aber nicht sagen, was das Problem ist.“ Manchmal erinnert mich das heute an das Silicon Valley. Wahrscheinlich liegt es gar nicht soweit auseinander.


USA und Europa


Für die Wikipedia-Recherche bin ich das erste Mal gründlich in die Geschichte der Hardcore-Szene vorgedrungen. Bisher hatten da neben den eigenen Erfahrungen und den unzähligen gelesenen Fanzines als Buch Martin Büssers „If the Kids are United“ ausreichen müssen. Nun kamen aber diverse Bücher aus der Berliner Stadtbibliothek hinzu, halbveröffentlichte Bücher in Google Books, digitalisierte Fanzines, Doktorarbeiten und sonst noch alles was da Internet zu bieten hatte.

Da ging mir etwas auf: Hardcore ist größer. Während in Europa und Lateinamerika immer der Zusammenhang Politik-Hausbesetzer-Punks-Hardcore existierte, war das in den USA anders. Gerade die prägende Bands Minor Threat und Fugazi waren nun sehr politisch im europäischen Sinn. Aber viele andere Größen des US-Hardcores übten sich in Jock Culture wie es heißt. Männer, die sich selber ausleben wollen und wenig sonst. Mit ungerichteter Aggressivität, sich manchmal gegen industrielle Tierproduktion richtete, oft genug gegen die eigene Szene.

Die Szene in den USA entwickelte sich unter anderen Voraussetzungen. So gab es dort nie wirklich besetzte Häuser. Die Bands spielten in kommerziellen Clubs, oft zusammen mit anderen Rockbands oder in Washington, D.C. mit Go-Go-Bands. Die linke Szene in den USA war kleiner und abgeschotteter. Konnte man in meiner deutschen Schulzeit gar nicht anders, als sich politisch zu positionieren, wäre der Gedanke sich als Jugendlicher ernsthaft mit Politik zu beschäftigen in großen Teilen der USA geradezu bizarr gewesen. US-Punk und dann US-Hardcore entwickelten sich in einem luftleeren Raum, in mehr oder weniger kommerziellen Clubs. Vegetarismus und Veganismus stießen in großen Teilen der Szene auf ein inhaltliches Vakuum, um so mehr und einfacher konnten sie sich als herrschende Ideologien verbreiten.


Veganismus


Vegetarisch und Vegan wurden Straight Edger und Hardcorler Ende der 1980er. Während einzelne Szeneangehörige schon früher vegetarisch waren, thematisierten Youth of Today im Song No More und die Gorilla Biscuits mit dem Song Cats and Dogs das Thema. Danach entwickelte sich die Sache ziemlich schnell. Es gab Bands wie die Cro Mags oder Earth Crisis, die sich als vegan Straight Edge verstanden.

Sie und ihre Anhänger entwickelten sich schnell hin zum Hardline: militante Tierschützer, die auch aggressiv gegen andere Punks und Hardcore’ler vorgingen, solange sie nicht den strikten Lebensvorstellungen der Hardliner folgten. Da war die einst offene, kreative Szene zu einer Art Sekte geworden. Menschen, die sich als Vegan Straight Edge verstanden, gab es. Aber gab es sie lange genug, um von einer eigenen Szene zu sprechen?

In Europa hingegen, war Veganismus in der Szene immer nur ein Teilaspekt, eingebettet in allgemeine Weltrettung und Kapitalismuskritik. Tatsächlich veganes und vegetarisches Essen war wahrscheinlich verbreiteter, da es oft zum Standard wurde. Die Übergänge allerdings waren dadurch auch fließender.

Und nun geht es mir, wie oft, wenn man mehr zu einem Thema weiß: ich bin ahnungsloser als je zuvor. Es gab vegane Straight Edger. Und zumindest zeitweise haben die sich auch bewusst von den Nicht-veganen abgesetzt. Für Wikpedia reicht es: es ausreichend gibt Literatur, die Vegan Straight Edge (mit "V") beschreibt und selbst unangemeldete Wikipedia-Autoren behaupten, dass es es diese Bewegung noch gibt. Aber waren diese wirklich geschlossen genug für eine eigene Szenedefinition und einen guten Wikipedia-Artikel über sie?

Ausblick: Washington, D.C.


Während ich beim Thema Vegan Straigt Edge ratloser bin, als vor dem Beginn der Recherche, hat sie mir auch neue Welten geöffnet. Washington, DC – die Szene, die vermutlich der europäische Szene am ähnlichsten war. Mit Ian MacKaye als Überfigur, der früh begriff, dass man eigene Labels und Strukturen aufbauen muss, mit der Crew um Dischord Records und mit der sozialen Organisation Positive Force, die der Szene nahestand. Washington wies lange Zeit ein lebendige Szene auf, die im engen Austausch mit dem Vor-Grunge-Hype-Seattle stand.

Eine Szene in Washington, die sich früh politisch verstand – sehr ungewöhnlich für US-Punk – früh Frauen in wichtigen Rollen zuließ; eine Szene in der beispielsweise der 15jährige Dave Grohl (von späterem Nirvana und Foo Fighters Fame) seine ersten Auftritte absolvierte, die Bad Brains – als Reggae-beeinflusste Band – prägend war, und in der auch Bikini Kill und die frühen Nirvana zu ständigen Gästen gehörten. Dann auch die Szene in Washington State um Seattle: uns ja eher bekannt als diejenigen, die Grunge kommerziell und populär machten - hier bestand eine echte, kreative, politische Punk-Szene bevor MTV sie entdeckte. Und in beiden Washingtons: eine Szene mit Dutzenden Fanzines, vermutlich hunderten Bands, die in Bewegung war, sich neu formierte, Sachen ausprobierte und sie wieder verwarf.  

Bands, die ich dabei entdeckte, waren:

Scream mit dem damals 15-jährigen Dave Grohl und der faszinierenden Erkenntnis, was für Langhaarmatten man in den 1980ern auch im Hardcore trug:



Oder Bratmobile, die zur ersten Runde gehörten als die Szene endlich auch Frauen zuließ und diese eigene Bands gründeten:



Vor allem aber entdeckte ich die Go-Go-Szene. Man stelle sich eine Art frühen Hip Hop in funky mit Congas und Bläsersätzen vor. Aber dazu später mehr.

Beim Schreibwettbewerg gewann ich zu recht nichts, da der Wikipedia-Artikel in einem Limbo hängt. Aber ich entdeckte mindestens drei spannende Szenen. Und sehe Helden oder Nicht-Helden meiner Jugend mit anderen Augen. Und das alles nur wegen eines Schlachteplattenstreits.

Weiterlesen


Der unfertige Wikipedia-Artikel zum Thema Vegan Straight Edge.

Zwei Bücher, die mir vieles erklärten:



Marc Andresen / Mark Jenkins: Punk, D.C. Ventil Verlag 2006 (im Original: Dance of Days, Akashic Books 19929. Bericht aus der Szene nach Lektüre zahlreicher Poster und Fanzines. Einerseits mit mehr Detailinfos zu Bands und Orten als ich je haben wollte, aber von den selbst-beteiligten Autoren auch stets auf der Suche nach dem Spirit, der alles zusammenhielt.

Roger Gastman "Pump Me Up. DC subCulture of the 1980s". Ausstellungskatalog zu einer Ausstellung über den Graffiti-Sprayer Cool "Disco" Dan - mit einem breiten Rundumschlag zu allem was in den 1980ern subkuturell in Washington los war. R. Rock Enterprises 2013.

Wie es damals war im Jugendzentrum Langenhagen schrieb ich in Kleinstadt Antifa, 1994

Was der Hardcore-Punk heute so macht, lässt sich auf dem Resist to Exist besichtigen.

Alle Posts zu Politik und Kultur in Iberty liegen unter: Kultur in Iberty!

Allein mit der Madonna zum Hasen

11:28, Tuesday, 27 2018 November UTC
Darmstadtmadonna

Darmstädter Madonna
Hans Holbein der Jüngere, 1526/1528
Öl auf Nadelholz (?), 146,5 × 102 cm
Sammlung Würth, Johanniterhalle (Schwäbisch Hall)

Wikipedia-KNORKE erwähnte ich ja an dieser Stelle schon einmal. Berliner Wikipedianerinnen und Wikipedianer treffen sich und erkunden zusammen eine ihnen unbekannte Gegend. Soweit so üblich. Diesmal jedoch gab es etwas besonderes: Auf ins Museum!

In Berlin gastiert gerade die Darmstädter Madonna, ein 1526 entstandenes Gemälde von Hans Holbeim dem Jüngeren. Diese Madonna hat eine bewegte Lebens- und Reisegeschichte, ist eines der bedeutendsten deutschen Gemälde des 16. Jahrhunderts und kann Menschen auch über Jahre faszinieren. Wunderbar, wenn man eine kundige Bilderklärung der Autorin des exzellenten Wikipedia-Artikels dazu bekommt.

Wir trafen uns einige Minuten vor der Öffnung in kleiner Gruppe vor dem Bode-Museum und konnten - da alle Anwesenden über eine Jahreskarte verfügten - auch sofort zur Madonna und zur Sonderausstellung "Holbein in Berlin" begeben. Der Raum war noch leer, die Museumswachmannschaft ließ freundlicherweise die leise aber engagiert redende Gruppe gewähren. Ein einziger Saal, in dessen Mittelpunkt die Madonna hängt. Links davon einige Holbein-Teppiche, ansonsten weitere Bilder und Zeichnungen von Holbein, Inspiratoren und andere Madonnen. Nicht überladen, sinnvoll aufbereitet und mit einem klaren Konzept - eine der besseren Kunstausstellungen.



Und dann ging es los: Es begann mit Schilderungen von der bewegten Entstehungszeit zur Zeit des Basler Bildersturms im Auftrag des Basler Ex-Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen. Die Aussage des Bildes traditioneller Marienfrömmigkeit in Zeiten der Reformation war Thema, ebenso natürlich wie der Teppich und seine Falte. Wir staunten über die Eigentümlichkeit, dass sich niemand auf dem Gemälde eigentlich anschaut und wurden über dden Unterschied zwischen Schutzmantelmadonnen und Stifterbildern aufgeklärt. Vermutungen tauchten auf, wo das Bild wohl im Original hing - vermutlich in der Martinskirche als Epitaph - und wir verfolgten gedanklich seine Wanderung aus Basel über den Grünen Salon im Berliner Stadtschloss bis hin zum Hause Hessen und das Frankfurter Städelmuseum bis hin zum spektakulären Verkauf an die Privatsammlung Würth. Die Meinungen über die Sammlung Würth in der Gruppe waren durchaus geteilt, ebenso wie die richtige Benennung des Bildes: ist es nun eher die Darmstädter Madonna oder eher die Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen?

Über die Darmstädter Madonna ging es dann zur Dresdner Madonna und einem der prägenden Momente deutscher Kunstgeschichte: dem Dresdner Holbeinstreit. Im 19. Jahrhundert wurde es den Menschen bewusst, dass es zwei fast identische Holbein-Madonnas gab und nur eine die echte sein konnte. In einer großen Ausstellung, unter lebhafter Anteilnahme der Öffentlichkeit und erregten Debatten der Experten entschieden sich die Kunsthistoriker schließlich für das Darmstädter Gemälde. Eine Sensation,  da die Kunstkennerschaft vorher felsenhaft von der Originalität des Dresdner Gemäldes ausging. Hier zeigte sich erstmals das Bemühen, um eine rein sachlich, objektive Abwägung der verschiedenen Gesichtspunkte - der Dresdner Holbeinstreit ist einer der Ausgangspunkte um die Kunstwissenschaft als Wissenschaft zu etablieren. Und - wie sich später herausstellte - lag die Kunstwissenschaft auch in diesem ihren Anfangsurteil richtig; sämtliche mittlerweile vorhandenen naturwissenschaften Verfahren die Darmstädter Madonna als die originale der beiden bestätigten.

Erkenntnisse am Rande: eine weitere Kopie des Gemäldes (beziehungsweise eine Kopie der Kopie - es stellt aus unerfindlichen Gründen das Dresdner Exemplar dar) hat sich in das Set des James-Bond-Filmes "Man lebt nur zweimal verirrt".

Holbein, Hans - Georg Gisze, a German merchant in London
Hans Holbein der Jüngere: Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London, 1532. Eichenholz, 96,3 × 85,7 cm. Gemäldegalerie Dahlem der Staatlichen Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz

Und nachdem wir dann auch noch gerätselt hatten, wer die beiden Knaben unterhalb der Madonna sind, den verschwundenen Haaren der Tochter nachspürten und weiter über den Teppich in der Renaissancemalerei sinniert hatten, kamen wir dann nach knapp einer Stunde noch zu Georg Giesze. Giesze (auch Georg Giese) ist Titelheld in einem anderen Holein-Hauptwerk, das praktischerweise fünf Meter weiter links hing. Wieder mit Teppich und nun auch noch mit Glas, Metall, Bücherregalen und Briefen. Gedanklich begleitete wir Holbein dann weiter von Basel nach Antwerpen und London. Mittlerweile hatte sich der Raum etwas gefüllt. Nachdem wir dann noch den Weg aus dem Museum gefunden hatte (wie immer im Bodemuseum nicht ganz einfach und jedes mal findet man zwischendurch neue Säle) folgte noch ein erschöpfter Abschlusskaffee.

Eine Stunde fast allein mit der Madonna. Und immer noch Neues zu entdecken.

Gab es in der DDR Spaghetti?

09:10, Tuesday, 28 2018 August UTC

Eine der schöneren unbekannten Ecken der Wikipedia ist die Seite zur Auskunft. Dort können Menschen mögliche und unmögliche Fragen stellen, die dann mal launisch, mal larmoyant, mal ernsthaft oder auch gar nicht beantwortet werden. Wie im wahren Leben und eine ewige Fundgrube obskuren Wissens, seltsamer Fragestellungen und logischen Extremsports.

Conrad, Giorgio (1827-1889) - n. 102 - Scena di genere
Nicht die DDR. Bild: Giorgio Conrad (1827-1889) - Mangiatori di maccheroni. Numero di catalogo: 102.



Dort nun fragte vor ein paar Tagen ein unangemeldeter Nutzer:

 "Warum gab es in der DDR eigentlich nur Makkaroni (die in Wirklichkeit Maccheroncini waren), aber keine Spaghetti? Das erscheint mir nach Lektüre einiger Bücher aus der DDR so gewesen zu sein und ist mir auch so von meiner aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden Verwandtschaft bestätigt worden. Warum?"

Es folgte eine längere und mäandernde ausgiebige Diskussion, die immerhin folgendes ergab:

* Anscheinend gab es in der DDR Spaghetti, zumindest erinnerten sich einige der Diskutanten an derartige Kindheitserlebnisse.
* Ob Spaghetti so verbreitet waren wie Makkaroni oder Spirelli, darüber bestand Uneinigkeit.
* Die Nudelsaucensituation war in Berlin besser als im Rest der DDR.
* Die DDR allgemein pflegte in vielerlei Hinsicht traditionellere Essgewohnheiten als Westdeutschland, die Küche der DDR ähnelte in vielem mehr der deutschen Vorkriegsküche als dies für die westdeutsche Küche gilt.
* In Vorkriegszeiten waren Makkaroni verbreiteter als Spaghetti.
* Schon bei Erich Kästner wurden Makkaroni gegessen
* Der Makkaroni-Spaghetti turn im (west-)deutschen Sprachraum war Mitte der 1960er
* Schuld könnten wahlweise das mangelnde Basilikum, die mangelnde Tomatensauce, überhaupt mangelnde Kräuter, Italienreisen, Gastarbeiter, Miracoli oder auch was ganz anderes sein.
* Klarer Konsens im Rahme: Sahne gehört keineswegs in Sauce Carbonara!


Mirácoli noodles with sauce
Gab es in der DDR nicht: Miracoli. Bild: Miracoli-Nudeln mit Mirácoli-Soße von Kraft. Von: Brian Ammon, Lizenz: CC-BY-SA 3.0
 
Daneben tauchten eine ganze Menge Kindheitserinnerungen auf an exotische Spaghettimahlzeiten mit kleingeschnittenen Spaghetti, Ketchup-basierter Tomatensauce und anderen kulinarischen Exotika des geteilten Deutschlands.

Einige Antworten, viel mehr Fragen:
* seit wann wird in Deutschland überhaupt Pasta gegessen?
* wie lange schon ist Tomatensauce verbreitet?
* seit wann essen westdeutsche Spaghetti?
* Und wer ist Schuld? Die Gastarbeiter? Die Italienurlauber? Miracoli?
* Und wie kommen eigentlich die Löcher in die Makkaroni?

Also verließen wir dann erst einmal die Auskunft und die dortige Diskussion und betrieben etwas weitere Recherche. Das heimische "Kochbuch der Haushaltungs- und Kochschule des Badischen Frauenvereins", veröffentlicht 1913 in Karlsruhe, kennt sowohl Makkaroni wie auch Spaghetti. Ungewohnt für heute: die Makkaroni werden in "halbfingerlange Stückchen gebrochen" und dann 25 bis 30 Minuten gekocht.

Neben den diversen Makkaroni-Gerichten gibt es auch einmal Spaghetti. Die Priorität ist klar. Spaghetti werden erklärt als "Spaghetti ist eine Art feine Makkaronisorte. Beim Einkauf achte man darauf, daß sie nicht hohl sind"

Die "Basler Kochschule. Eine leichtfaßliche Anleitung zur bürgerlichen und feineren Kochkunst" von 1908 kennt keine Spaghetti aber diverse Gericht mit "Maccaronis". Darunter sogar schon die Variante "a la napolitaine" mit Tomatensauce.

Weitere Recherche. Weitere Erkenntnisse bringt das Buch "Meine Suche nach der besten Pasta der Welt: Eine Abenteuerreise durch Italien", das die Ankunft der Makkaroni in Deutschland auf das frühe 18. Jahrhundert verlegt. Die 1701 nachweisbaren "Macronen" waren wohl eher Lasagne, aber Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden in Prag und Wien echte Makkaroni-Fabriken.

Die Pasta folgte anscheinend den jungen Männern der Grand Tour aus Italien in das restliche Europa. Bestimmt waren die Grand Tours für junge Männer, die mal etwas von der Welt sehen und klassische europäische Bildung mitbekommen sollten, die auf der Tour aber anscheinend nicht nur Statuen und Kirchen kennenlernten, sondern auch Pasta.

Philip Dawe, The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade (1773) - 02
Der Macaroni. Der Hipster seiner Zeit. Bild: Philip Dawe: The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade, 1773.

In England gab es sogar einen eigenen Modestil Macaroni für exaltierte junge Männer - "a fashionable fellow who dressed and even spoke in an outlandishly affected and epicene manner". Die englische Wikipedia schreibt dazu lakonisch: "Siehe auch: Hipster. Metrosexuell." Komplett falsch wäre wohl auch die Assoziation zur Toskana-Fraktion nicht.

Nach diesen extravagant und auffallend auftretenden jungen Männern ist nun wiederum im Englischen der Macaroni penguin - auf deutsch der Goldschopfpinguin - benannt.


Macaroni Penguin at Cooper Bay, South Georgia (5892387033)
Makkaroni-Penguin. Benannt nach dem Stil, nicht nach den Nudeln. Bild: Macaroni Penguin at Cooper Bay, South Georgia von Liam Quinn, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Wie aber kommen nun die Löcher in die Makkaroni? Und seit wann? Licht in dieses Dunkel bringt die "Encyclopedia of Pasta." Diese lokalisiert die Entstehung der maschinellen Pastafertigung - die für Makkaroni in zumutbarer Menge unvermeidlich ist - in die Bucht von Neapel in das 16. Jahrhundert. Dort existerte eine Heimindustrie mit Mühlen, an die sich relativ problemlos eine im 16. Jahrhundert aufkommende ’ngegno da maccarun anschließen lies, die es den Neapolitanern ersparte stundenlang im Teig herumzulaufen, um ihn zu kneten: im Wesentlichen Holzpressen mit einem Einsatz aus Kupfer, je nach Form des Einsatzes entstehen verschiedene Nudelsorten und damit unter anderem Makkaroni. Die Makkaroni wurden dann in langen Fäden zum trocknen in die süditalienische Sonne gehängt.


Sommer, Giorgio (1834-1914) - n. 6204 - Napoli - Fabbrica di maccheroni
Neapel, 19. Jahrhundert. Bild: Giorgio Sommer (1834-1914), "Torre Annunziata-Napoli - Fabbrica di maccheroni". Fotografia colorita a mano. Numero di catalogo: 6204. 

Das hat alles nicht mehr wirklich etwas mit Spaghetti und der DDR zu tun, beantwortet nicht, warum die Deutschen in den 1960ern plötzlich lieber Spaghetti als Makkaroni mochten, oder warum die Makkaroni bei ihrem ersten Zug über die Alpen die Tomatensauce in der Schweiz ließen? Warum gibt es in Deutschland kein Äquivalent zu "Macaroni and cheese" (mehr)? Gab es ein Miracoli-Äquivalent in der DDR, bei dem es Pasta, Sauce und Käse schon in einer Packung gab? Warum sind Makkaroni in Deutschland tendenziell lang und dünn in vielen anderen Ländern aber dicker und hörnchenförmig-gebogen? Es ist hochspannend. Und ein Grund, noch viel mehr zu recherchieren.

Wikipedia von A bis Z. Ein Versuch

07:42, Wednesday, 08 2018 August UTC

Brockhaus


Die Brockhaus Enzyklopädie ist ein mehrbändiges Nachschlagewerk in deutscher Sprache, das zuletzt von dem zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Wissen Media Verlag herausgegeben wurde. Ist es ein Nachschlagewerk? War es ein Nachschlagewerk? Seit einigen Jahren befindet sich der Brockhaus in einer Art Limbo des Untotseins. Irgendwie existiert er noch. So richtig aber auch nicht mehr. Ohne jetzt die Irrungen und Wirrungen des ehemaligen Goldstandards der deutschen Nachschlagewerke nachzuerzählen, reicht es mir zu erwähnen, dass noch vor 10 Jahren der Brockhaus quasi das unerreichbare Ziel, die große Messlatte und die ferne Vision dessen war, was Wikipedia werden sollte. Genau wie Wikipedia den Brockhaus anscheinend maßlos überschätzte, so war und ist der Brockhaus selbst ratlos wie er mit der Wikipedia umgehen sollte. Man weiß nicht, ob man von vertanen Chancen reden soll. Denn hatte der Brockhaus je Chancen?

Chiara Ohoven


Chiara Ohoven

Chiara Ohoven ist ein deutsches It-Girl. Viel mehr wissen wir nicht, da Wikipedia den zu Chiara gehörigen Artikel permanent löscht. Vor einigen Jahren erlangte sie kurzzeitig deutschlandweite Berühmtheit durch eine Do-it-Yourself Schönheits-OPs mit Schlauchbootlippen als Ergebnis, fand aber vor den Do-it-Yourself-Enzyklopädisten damit keine Gnade. Ansonsten folgt Chiara ihrer Mutter und ihrem Vater auf das Parkett der High Society und des Glamours. Und da kein Wikipedianer je zur High Society gehörte oder gehören wird, gilt sie in Wikipedia weiterhin als nicht-relevant.

Donauturm




Der Donauturm ist ein Aussichtsturm[4] inmitten des Donauparks im 22. Wiener Gemeindebezirk Donaustadt. Darüberhinaus sieht der Donauturm aus wie ein Fernsehturm, was zu einem der erbittertsten Editwars in der Wikipedia-Geschichte führte. Dort der Fachmensch für Fernsehtürme, der sich sehr sicher war, dass Fernsehturm die Bezeichnung eines bestimmten architektonischen Typs ist, dort eine Gruppe Wiener und Österreicher, die darauf verwiesen, dass von diesem Turm kein Fernsehsignal übertragen wird, noch nie ein Fernsehsignal übertragen wurde und niemand je plante von diesem Turm aus ein Fernsehsignal zu übertragen. Beide Seiten standen fester zu ihrem Standpunkt als der Donauturm im Wiener Boden. Schlußendlich führte der Editwar zu einem mehrseitigem Artikel im Spiegel, gebrochenen Herzen, frustrierten Wikipedianern und der Tatsache, dass jeder Wikipedianer weiß wie der Donauturm aussieht.


Elian


Elian ist ein in den 1980er Jahren aus dem Französischen entlehnter männlicher Vorname. Er geht auf den Beinamen Aelianus, eine Ableitung des römischen Geschlechternamens Aelius, zurück. elian (klein geschrieben und gesprochen eher wie Alien) kann auch als weiblicher Internetnickname genutzt werden. Ohne elian keine Wikipedia so wie wir sie kennen.

Gdansk


Glenn Danzig at Wacken Open Air 2013 02

Danzig (polnisch Gdańsk Zum Anhören bitte klicken! [ɡdaɲsk],[3] kaschubisch Gduńsk), die Hauptstadt der Woiwodschaft Pommern im Norden von Polen, liegt an der Ostsee rund 350 km nordwestlich von Warschau und steht mit über 460.000 Einwohnern auf der Liste der bevölkerungsreichsten Städte Polens auf Platz sechs. Außerdem ist Gdansk Anlass des ersten Edit Wars, den ich persönlich mitbekommen habe. Es war 2003. Es war in der englischen Wikipedia. Deutsche und polnische Nationalisten ähnlicher Angestrengtheit konnten sich nicht einigen, ob die Stadt nun Danzig oder Gdansk heißt. Hilflos naive und offensichtlich überforderte Amerikaner versuchten zu vermitteln. Der interessante Moment kam, als der Edit-War zur Frage überging, ob die Band Danzig nun "benannt ist nach der Stadt Gdansk, ehemals Danzig" oder "benannt ist nach der Stadt Danzig, heute Gdansk".


Hubertus


Hubertus ist ein männlicher Vorname. Er wird NICHT Atze abgekürzt.

Kreuz


Curious Myths p 81
Bild: Page of symbols referenced in s:Curious Myths of the Middle Ages. 1868 von Sabine Baring-Gould. Public Domain.

Das Kreuz ist ein weltweit verbreitetes Symbol, das insbesondere religiöse und kulturelle Bedeutung hat. In diesen Bedeutungen hat sich Wikipedia unentrinnbar verheddert. Einerseits ist das Kreuz-Symbol ein wunderbares Beispiel dafür, welche Probleme das Internetprojekt mit Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten jeder Art hat. Andererseits ist der Streit darum ein tragischer Fall epischen Ausmaßes, der die Wikipedia-Community über Jahre in Aufregung hielt, die Nerven dutzender Wikipedianer verschliss und für Verzweiflung und Frustration allüberall sorgte. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: das Kreuz ist natürlich DAS Symbol des Christentums und symbolisiert Jesu Tod. Daraus folgend wurde † zum Symbol für den Tod. Das † kommt in der Wikipedia in Lebensdaten vor. (Beispiel: * 1600 †1666). Nun waren und sind sich die Wikipedianer nicht einig, ob †ein Symbol ohne jede Bedeutung ist, die einfach Standard ist, oder ob es immer noch christlich konnotiert ist. Bei Artikeln zu Menschen nicht-christlichen Glaubens kam und kommt es zum Streit. Ist das Kreuz nun eine christliche Usurpation von Nicht-Christen oder ist der Versuch deren Tod anders darzustellen - beispielsweise durch "gestorben 1666" ein Verbrechen an enzyklopädischer Neutralität und verstößt gegen die Einheitlichkeit der Form, die anzustreben ist? 

Lutz Heilmann


Siehe → Streisand-Effekt

Narrenschiff 


Das Narrenschiff (alternativ: Daß Narrenschyff ad Narragoniam) des Sebastian Brant (1457–1521), 1494 gedruckt von Johann Bergmann von Olpe in Basel, wurde das erfolgreichste deutschsprachige Buch vor der Reformation. Es handelt sich um eine spätmittelalterliche Moralsatire, die eine Typologie von über 100 Narren bei einer Schifffahrt mit Kurs auf das fiktive Land Narragonien entwirft und so der Welt durch eine unterhaltsame Schilderung ihrer Laster und Eigenheiten kritisch und satirisch den Spiegel vorhält. Im Wikipedianischen Zusammenhang war das Narrenschiff eine Art Mitteilungsblatt des Hans Bug, in dem er die Wikipedianer und ihre Laster und Untaten kritisierte. Bugs Narrenschiff war inhaltlich und qualitativ von Sebastian Brants Narrenschiff entfernt, wie es heutige Nachwuchswikipediakritiker von Bugs Narrenschiff sind. Wenn etwas in den letzten Jahren extrem gelitten hat, dann das Niveau der internen Wikipedia-Kritik.

München


Wp-stammtisch-muc-2005-10-27 18
Bild: Wikipediastammtisch München 2005. Von: Hella Breitkopf Linzenz: CC-Attribution-Share Alike 3.0 Unported

München?/i [ˈmʏnçn̩] ( bairisch  Minga?/i) ist die Landeshauptstadt des Freistaates Bayern. Sie ist mit ca. 1,45 Millionen Einwohnern die einwohnerstärkste und flächengrößte Stadt Bayerns und, nach Berlin und Hamburg, die nach Einwohnern drittgrößte Kommune Deutschlands und die zwölftgrößte der Europäischen Union. Wikipedia-historisch ist München wichtig, da hier am 28. Oktober 2003, organisiert von → elian, das allerallererste Wikipedia-Treffen überhaupt stattfand. Und nachdem sich die Münchner einmal getroffen hatten und feststellen, dass es gar nicht so schlimm ist, folgten Treffen in Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Boston, Taipeh, Alexandria bis es dann 2014 zum bisher größten Treffen in London mit knapp 2.000 Teilnehmern kam. Siehe auch → Wikimania, Stammtisch.


Nordsee


Die Nordsee ist ein Mehr, ein teil der Atlant, zwischen Grossbritannien, Skandinavien, und Friesland. Siehe auch Kattegatt, die Niederlanden, Deutschland.


Relevanz 


Relevanz (lat./ital.: re-levare „[den Waagebalken, eine Sache] wieder bzw. erneut in die Höhe heben“) ist eine Bezeichnung für die Bedeutsamkeit und damit sekundär auch eine situationsbezogene Wichtigkeit, die jemand etwas in einem bestimmten Zusammenhang beimisst. Das Wort ist der Bildungssprache zugeordnet[1] und bezieht sich auf Einschätzungen und Vergleiche innerhalb eines Sach- oder Fachgebietes. Das Antonym Irrelevanz (Adjektiv: irrelevant) ist entsprechend eine Bezeichnung für Bedeutungslosigkeit im gegebenen Zusammenhang, umgangssprachlich vereinfacht auch für allgemeine Sinnlosigkeit oder Unwichtigkeit. Das Fremdwort für eine allgemeine, qualitativ messbare Wichtigkeit ist Importanz. Siehe auch → Löschkandidaten, Relevanzkriterien, Inklusionismus, Exklusionismus, Tschunk.

Strecke


Eisenbahnstrecke wird die Verbindung von Orten mit einem Schienenweg genannt. Im Gegensatz dazu bezeichnet der Begriff (Eisen-)Bahnlinie den auf diesen Strecken regelmäßig stattfindenden Verkehr. So können auf einer Strecke mehrere Bahnlinien oder eine Bahnlinie auf mehreren Strecken verkehren. Nach herrschender Meinung in der Wikipedia sind Strecken relevant und Linien irrelevant. Oder umgekehrt. Ich kann es mir nicht wirklich merken. Wobei die Regel zwar grundsätzlich gilt, bei Wiener Straßenbahnlinien gelten allerdings Sonderregeln und es ist andersrum. Und da wundert man sich, warum sich niemand mehr an Artikel zu Eisenbahnen herantraut.

Volker Grassmuck


Volker Grassmuck (* 1961 in Hannover) ist ein deutscher Publizist und Soziologe. Er ist assoziierter Professor für Mediensoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Wikipediahistorisch ist Grassmuck gleich zweimal wichtig. Zum einen war er auf der Gründungsversammlung von → Wikimedia Deutschland anwesend, was uns ein wunderbares Video bescherte.

Zum anderen veröffentlichte er 2002 ein Buch über Freie Software. Dieses Buch enthielt eine Fußnote, in der Wikipedia erwähnt wurde. Diese Fußnote brachte nicht nur den Verfasser dieser Zeilen zur Wikipedia, sondern auch → elian zur Wikipedia brachte.

Weiterlesen


Längerer Text zu Pokémon in der Wikipedia.

Weitere Texte zu online: Kultur in Iberty!




Die Verschwundenen

18:28, Monday, 06 2018 August UTC

Crossposting eines Posts von mir aus dem Wikipedia Kurier. Erfahrungsgemäß lesen das dort und hier ja doch andere Menschen.

Wikipedistas kommen und gehen. Manchmal gehen mehr, manchmal weniger. Einzelne davon fallen durch ihr Wirken in der gesamten Wikipedia auf oder versuchen sich wenigstens durch einen spektakulären Abgang in Szene zu setzen. Die meisten Autoren und Autorinnen aber gehen genauso still und leise wie sie gekommen sind und gearbeitet haben.

Die unseligen Autorenschwund-Debatten der unseligen Wikimedias kümmern sich ja um Zahlen und nicht um Autorinnen und Autoren. Wie armselig! Den Meta-aktiven Communitymitgliedern - aka Wikifanten - fallen vor allem die anderen Wikifanten auf, die entschwanden. Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es um lauter einzelne Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Arbeitsstilen und Interessen geht, die in Wikipedia tätig waren und sind. Es gibt vor allem diejenigen, die kommen, einen Beitrag leisten und dann wieder verschwinden. Der größte Teil der tatsächlichen Wikipedia wird von Menschen und Accounts gestaltet, deren Edits fast nur im Artikelnamensraum aufzufinden sind. Manchmal arbeiten sie unermütlich über viele Jahre, manchmal auch nur einige Wochen an einen oder zwei Artikeln. Viele davon sind als IP aktiv, so dass sich fast nichts über sie sagen lässt. Vielleicht sind die Beitragenden per IP auch gar nicht viele, sondern eine einzige sehr fleißige Autorin? Wer weiß?


 Viele Wikipedianerinnen und Wikipedianer sind derzeit inaktiv.

Anlässlich des Projektes WikiWedding und in meinem Bestreben möglichst viele Wedding-Aktive daran zu beteiligen, lese ich ja derzeit viele Artikel zu einem Themengebiet, das mir in den letzten Jahren eher fremd war und an dessen Entstehung ich nicht beteiligt war. Wer sich in den letzten Monaten am Thema beteiligt hat, ist mir bewusst, wer sich von 2001 bis 2014 des Weddings angenommen hat, musste ich nachlesen. Eine spannende Lektüre voller mir unbekannter Namen und Accounts. Neben einigen mir bekannten Wikipedistas waren dort vor allem mir unbekannte Accounts. Accounts, die oft aufgehört haben zu editieren. Meist sind sie still und leise gegangen. Ihre Edits und Kommentare geben keinen Hinweis warum. Aber anscheinend war es anderswo schöner. Oder sie hatten den Einruck, alles in Wikipedia geschrieben zu haben, was sie beitragen wollten. Um diesen Autorinnen und Autoren zumindest nachträglich etwas Aufmerksamkeit zu geben, um ihre Namen kurz aus den Tiefen der Versionsgeschichten zu retten, sollen hier einfach einige Autorinnen(?) und Autoren gewürdigt werden, die sich um den Wedding in Wikpedia bemühten bevor sie verschwanden.



Da ist zum Beispiel der Artikel zur Chausseestraße. Ein Mammutwerk von Gtelloke, dessen Wikipedia-Edits sich von Juni bis Dezember 2012 fast ausschließlich auf diesen Artikel beschränkten.

GWT 45, Chausseestraße 114-118, Juni 2005

Bild: Die Chausseestraße 114-118 in Richtung Invalidenstraße von Gtelloke
Lizenz: CC-BY-SA 3.0



Da ist der Artikel zum Wedding selber. Angelegt 2002 von Otto, dessen letzter Edit aus dem Dezember 2004 stammt. Im November 2004 dann maßgeblich ausgebaut von Nauck, der sich auch sonst dem Ortsteil und seinen Themen widmete. Artikel zu Moabit, den Meyerschen Höfen, Mietskasernen und Schlafgängern waren Teil seines kurzen Werks, das im Wesentlichen nur zwei Wochen im November 2004 dauerte, aber die Grundlagen wichtiger Artikel zur Berliner Sozialgeschichte legte. Ein Blick auf seine Benutzerseite zeigt auch den Geist der Wikipedia-Frühzeit: ''GNU rockt! Der König ist tod, lang lebe das Volk! Lang lebe die Anarchie des Netzes! Licht und Liebe''

Weiterer Ausbau erfolgte durch 87.123.84.64, auch zu wikipedianischen Urzeiten. Dann passierte 500 Edits und acht Jahre im Wesentlichen nichts – mal ein Halbsatz hier, mal die Hinzufügung von drei Bahnstrecken dort, Hinzufügen und Löschen von berühmten Persönlichkeiten bis im Dezember 2014 der erste heute noch aktive Wikipedianer hinzukommt: Fridolin freudenfett verpasst dem Artikel mit „Katastrophalen Artikel etwas verbessert)“ eine Generalüberholung.

Der Leopoldplatz; angelegt von Frerix, der in den immerhin fünf Jahren seiner Wikipedia-Aktivität nie auch nur eine Benutzerseite für nötig hielt und anscheinend auch in keine Diskussion verwickelt wurde.  Zu seinen wenigen Beiträgen gehören neben der Anlage des Leopoldplatzes auch noch die Anlage der englischen Stadt Sandhurst, die Anlage des Kreuzviertels in Münster und des Three Horses Biers. Dann war er/sie wieder weg. Mutter des Artikels ist hier aber 44Pinguine, die den heutigen Inhalt maßgeblich prägt und auch heute noch aktiv ist.

Da wäre das Wahrzeichen des Weddings. Die Alte Nazarethkirche. Der Artikel stammt vor allem von 62.246.210.30.

Alte Nazarethkirche 2

Bild: Leopoldplatz, Ev. Alte Nazarethkirche, 1832–35 von Karl Friedrich Schinkel von Schliwiju
Lizenz CC-BY-SA 4.0

Nichts war für die Entwicklung des Weddings wohl so entscheidend wie die Geschichte der AEG. Dieser Artikel stammte in seiner Frühzeit von WHell, engagiertem Wikifanten, mit ausführlicher Artikelliste und Diskussionsseite, der uns 2007 verließ. Der letzte Eintrag auf seiner Diskussionsseite war „Hallo WHell, ich möchte Dich als den Hauptautor darüber informieren, dass ich den Artikel John Bull (Lokomotive) in die Wiederwahl zum Exzellenten Artikel gestellt habe,“ Größere Beiträge zur WEG folgten in den späteren Jahren durch Peterobst – aktiv von Februar bis April 2006 vor allem mit Beiträgen zur Berliner Industriegeschichte, nach seiner Benutzerseite AEG-Kenner und in Arbeit an einem Buch über den Konzern. Es folgten 80.226.238.197, von Georg Slickers 2006 (auch heute noch aktiv, wenn auch recht unregelmäßig), Flibbertigibbet 2006 , 79.201.110.89 im Jahr 2008 und der unermüdlichen 44Pinguine. Weiter ausgebaut von Onkel Dittmeyer, aktiv von 2009 bis Juli 2015 in Technikthemen und vielleicht immer noch unter neuem Account? Begann seine Karrier mit der Nutzerseite „Hier ist Nichts und das soll so bleiben !“ und hielt sich im Wesentlichen daran.

Da ist der Volkspark Rehberge. Angelegt von Ramiro 2005, aktiv 2005/2006, vor allem zum Thema Fußball. Maßgeblich ausgebaut, umfassend überarbeitet 2007 von 84.190.89.208 und noch einmal 2010 stark erweitert von Katonka. Landschaftsplaner mit unregelmäßigen Edits zwischen 2009 und 2014, die Edits waren wenige, aber die Qualität war hoch.

LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin Mitte

Bild: LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin Mitte - Panoramabild auf die Wiesen des Volkspark Rehberge in Berlin, Wedding (Mitte). Von: Patrick Franke Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Neben diesen Verschwundenen tauchen glücklicherweise aber auch heute noch aktive Wikifanten auf. Immer wieder 44Pinguine und Fridolin freudenfett. Darüber hinaus Definitiv, Magadan, Flibbertigibbet und Jo.Fruechtnicht.

Die Artikel entstanden durch Wikifanten und IPs. Accounts mit nur einem Thema oder anderen, die über Jahre thematisch sprangen. Während in der Frühzeit aber viele verschiedene Accounts und IPs an den Artikel beteiligt waren, waren in den letzten Jahren deutlich weniger Menschen aktiv. Fast alle inhaltlichen Edits in den von mir angesehenen Artikeln verteilen sich auf 44Pinguine,  Fridolin freudenfett und Definitiv. Wikipedia wird kleiner und noch lebt sie. Aber wir können all‘ den Verschwundenen danken, die vor uns kamen.

Berlin celebrates old school #wikipedia15

14:36, Wednesday, 06 2018 June UTC

I still remember the time when real life meetings for Wikipedians were new and adventurous and a bit scary. Did one really want to meet these strange other people from the Internet? How would they be? Could they even talk in real life or would they just sit behind a laptop screen staring on it for hours?

My first meeting in Hamburg – THE first Wikipedia meeting in Hamburg - would consist of three people (Hi Anneke, Hi Baldhur!) sitting in a pub, and just waiting and seeing what would happen. These meetings were kind of improvised, in a pub, quite private and personal in nature and no talk about projects, collaborations, “the movement” whatever. Just Wikipedia and Wikipedians having a nice evening.

WP15 Germany Berlin 01
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

So what a fitting setting to celebrate this day in Berlin just the old school way. Half improvised, organized by our dearest local troll user:Schlesinger on a talk page, we met in a pub, it was not clear who would come and what would happen except some people having a good time.

And so It was. In the “Matzbach” in the heart of Berlin-Kreuzberg seven people promised to come, in the end we were almost twenty. Long time Wikipedians, long-time-no-see-Wikipedians, a Wikipedian active mostly in Polish and Afrikaans, some newbies and two and a half people from Wikimedia Deutschland. Veronica from Wikimedia Deutschland brought a tiny but wonderful home-baked cake, and we just talked and laughed, talked about history and future.  Actually, mostly we talked about future.

WP15 Germany Berlin 03
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

About the Wikipedian above 30, who has just started a new a university degree in archaeology, the question whether the Berlin community should have its own independent space, industrial beer, craft beer and the differences, the district of Berlin-Wedding, the temporary David-Bowie-memorial in Berlin-Schöneberg, the vending machine for fishing bait in Wedding, new pub meet-ups in the future, who should come to the open editing events, how to work better with libraries, colorful Wikipedians who weren’t there, looking for a new flat, whether perfectionism is helpful or rather not when planning something for Wikipedians, explaining Wikipedia to the newbie, the difficulties of cake-cutting and whatsoever.

No frustration, almost no talk about meta and politics, just Wikipedians interested in the world, Wikipedia and eager to be active in and for Wikipedia and with big plans for the future. Old school. So good.

WP15 Berlin Torte angeschnitten


Mensch-Maschine Braunschweig


Im ICE ist Deutschland. Der Zug fährt ein und hält. Das Schild am Gleis behauptet tapfer „Zugdurchfahrt“. Die Türen lassen sich öffnen. Am Zug steht nichts geschrieben, außer Wagennummern, die nicht zu den Reservierungen passen. Das Publikum bleibt irritiert. Etwa die Hälfte der Anwesenden geht in den Zug und bleibt im Wageninnern ratlos stehen. Die andere Hälfte steht ratlos am Bahnsteig. 

Schließlich: Lichter gehen an. Der Zug verkündet mittels seiner Anzeigen nun auch, nach Kassel zu fahren.  Eine Frau entschuldigt sich über die Lautsprecheranlage über die falschen Wagennummern, man solle ich immer zehn wegdenken „Also 22 statt der angezeigten 32.“

Ein Mensch mit re:publica-Bändchen am Arm verscheucht die ältere Dame ohne Reservierung von seinem Platz und liest den gedruckten Spiegel. Ich höre ein angeregtes Gespräch zwischen einem Musicaldarsteller und einer Abteilungsleiterin im Innenministerium, die sich gerade kennenlernen über, den relativen Wert von Musikgymnasien in Berlin. Geht es noch deutscher?

Illustration aus dem Buch ""Le tour du monde en quatre-vingts jours" Alphonse de Neuville & Léon Benett


Passenderweise habe ich ein entsprechendes Buch mitgenommen. Nils Minkmars „Mit dem Kopf durch die Welt.“ Das hat schon auf dem Cover ein ICE-Fenster und geht der Frage nach, was Deutschland bewegt. Minkmar lässt sich über deutsche Normalität aus. Der deutsche Ingenieur, lange Jahrzehnte Sinnbild der Normalität, sei nicht mehr normal. Minkmar erzählt aus seiner französisch-deutschen Kindheit:


„Meine Mutter nannte dann immer eine Berufsgruppe, die uns besonders fern war, nämlich les ingenieurs. Wir waren in Deutschland […] und das ganze frisch aufgebaute Land ruhte auf Säulen, die les ingenieurs berechnet, gegossen und zum Schluss noch festgedübelt hatten. […] Viele Jahre später sollte ich die Gelegenheit haben, diese seltene Spezies besser studieren zu können. Sie saßen direkt hinter mir, zwei ausgewachsene Exemplare: Ingenieure, Familienväter, auf der Rückfahrt von einer Dienstreise. Sie plauderten über die sich verändernden Zeiten. […] Fernsehen, Marken, Politiker, auf keinem Gebiet fanden sich diese beiden braven Männer wieder, alles zu grell und bunt, zu aufgeregt. Ihre spezifischen Werte und Tugenden, Sorgfalt und diese stille Freude an der eigenen Biederkeit, das alles war an den Rand gerückt. Ingenieure waren nun Exzentriker. […] Diese Männer fanden sich kulturell kaum zurecht.“

Wenn „der deutsche Ingenieur“ nicht mehr normal in Deutschland ist, sind es jetzt Ministerialbeamtinnen und Musicaldarsteller?




Forschung Maschinenbau Braunschweig


Minkmar war noch nicht in Braunschweig. Oder Braunschweig ist nicht normal. Da steige ich harmlos aus dem Zug und die Stadt schlägt mir „Deutscher Ingenieur“ rechts und links um die Ohren. Braunschweig hebt das Thema "autogerechte Stadt" in Höhen, die selbst mir als gebürtigem Hannoveraner unerreichbar schienen.

Braunschweig. Bahnhofsvorplatz.


VW ist daran beteiligt, ist klar in der Gegend. Aber nicht nur. Ich wandelte also Freitagabend gegen 21 Uhr auf der Suche nach einem Wegbier durch das verlassene Braunschweig, passierte die Stadthalle und wurde prompt begrüßt mit „Tag des Maschinenbaus. Herzlich Willkommen.“



Vor allem aber  fiel mir bei diesem Wandeln auf, wie unglaublich gepflegt diese Stadt aussieht. Ich erblickte  keine einzige Kippe auf dem Weg. Selbst die Großbaustelle, über die irrte, wirkte irgendwie aufgeräumt. Viel verwunderlicher war, dass selbst die in Braunschweig reichlich vorhandenen 1970er-Großbauten gepflegt und sorgsam hergerichtet wirkten. Die Stadthalle selber, offensichtlicher spät 1960er/früh 1970er-Stil wirkte besser gepflegt als Berliner Gebäude nach zwei Jahren. Die Wege und Lampen darum herum: offensichtlich keine zehn Jahre alt. Sie wirkten wie frisch aus der Packung genommen.

Wegbier. In Braunschweig nur schwerlich aufzutreiben, dann aber stilgerecht,


Selbst die Schwimmbäder sind alle gepflegt(*), alle haben gleichzeitig geöffnet und keines ist aus obskuren Gründen gesperrt. Da spielt nicht nur bürgerschaftliches Engagement eine Rolle, sondern offensichtlich ist auch Geld vorhanden.

Auf dem Hotelzimmer, noch so ein sehr gut gepflegter und hergerichteter Bau, der einem „1970er!“ ästhetisch schon ins Gesicht schreit, mit dem Hotel-Wlan (7 Tage, 7 Geräte) nachlesend, wie das nun ist mit Braunschweig. Bekanntes taucht beim Nachlesen auf: Die physikalische-technische Bundesanstalt mit der Atomuhr; geahntes lese ich (Volkswagen – hey, das ist Niedersachsen und die Technische Universität existiert ja auch) und nicht bekanntes:

„Im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) verfügt die Region Braunschweig über die höchste Wissenschaftlerdichte,[103] im bundesweiten Vergleich über eine hohe Ingenieurquote[104] sowie über die höchste Intensität auf dem Gebiet der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In der Region Braunschweig arbeiten und forschen mehr als 16.000 Menschen aus über 80 Ländern[105] in 27 Forschungseinrichtungen sowie 20.000 Beschäftigte in 250 Unternehmen der Hochtechnologie[106]“

Dazu noch „Braunschweig ist die Stadt mit der niedrigsten Verschuldung Deutschlands.“ Und nach einer obskuren EU-Rangliste ist Braunschweig  die innovationsfreudigste Region der EU vor Westschweden und Stuttgart. Hier lebt der deutsche Ingenieur. Hier lebt die deutsche Technik. Was für ein passender Ort für Jules Verne.


Jules Verne


Jules Verne; französischer Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts und vor allem bekannt als "Vater der Science Fiction." Von seinem vielfältigen Werk sind vor allem die Abenteuer-Techno-Knaller wie Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, die Reise Von der Erde zum Mond oder die Reise zum Mittelpunkt der Erde bekannt. Wikipedia und die Deutsche Jules-Verne-Gesellschaft hatten ein gemeinsames Wochenende organisiert mit einer Tagung zu Jules Verne und Gesprächen zu Wikipedia.

Volker Dehs bestreitet das halbe Programm


Jules Verne, mir vor allem bekannt durch vage Erinnerungen an den 1954er Nemo-Film, Weiß-orange Taschenbücher und einen blau eingebunden Robur-Roman, der mich verstörte, weil er so anders war als die großen mir bekannten Abenteuerromane von Jules Verne. Warum ich überhaupt fuhr: Intuition. Ich hätte nur schwerlich begründen können, was genau mich reizte, aber die Mischung aus Vertrauen in die Veranstalter, Science Fiction und Neugier auf diese andere niedersächsische Stadt nach Hannover, trieben mich dorthin.

Verne selber gilt als Begründer Science Fiction. Und so bringt er als Autor frankophile Literaten und Groschenromanfans, Ingenieure und Naturwissenschaftler zusammen. Besessene Bibliographen waren Thema und Anwesend, ebenso wie die phantastische Bibliothek in Wetzlar – die Mischung der Jules-Verne-Aktiven unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Mischung der Wikipedia-Aktiven. Die Perspektiven, aus denen Verne hier unter die Lupe genommen wurden, waren vielgestaltiger als sie es in der Literatur sonst sind. Faszinierend hier war die Neigung unterschiedlicher und leicht besessener Menschen sich zu einem Thema auseinanderzusetzen.

Haus der Braunschweigischen Stiftungen - Veranstaltungsort.



Dementsprechend hatte der Veranstalter, der Wikipedia-Autor Brunswyk das Programm gestaltet: ist Verne eher katholisch oder eher laizistisch? Kam der Wille zur Aufklärung in seinen Büchern durch seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel hinein, während auf Verne eher zurückgeht, dass alles menschliche Streben gegenüber der göttlichen Macht sinnlos bleibt? Wen inspirierte er? Ist es eine sinnvolle Frage, dem nachzugehen, welche seiner Voraussagen, sich bewahrheiten? Dazu kamen dann noch Exkursionen zu Friedrich Gerstäcker, Fenimore Cooper, die Ingenieure, die ihre U-Boote dann nach Jules Verne „Nautilus“ nannten – und stark von diesem beeinflusst waren

Für mich brachte das Treffen interessante Erkenntnisse, wie die Tatsache, dass Verne immer Theaterautor oder – produzent werden wollte und wie sehr der Katholizismus sein Denken beeinflusste. Romancier war er eher gezwungenermaßen – und verdiente mit seinen zwei erfolgreichen Theaterstücken in seinem Leben ein Viertel so viel Geld wie mit etwa 80 bis 100 Romanen.

Interessant das Rätseln aller Anwesenden, warum Vernes Roman "der Grüne Strahl" so ein kommerzieller Erfolg war, was niemand der Anwesenden nachvollziehen konnte. Und dann eine Dreiviertelstunde später kam die Bemerkung in einem anderen Zusammenhang, dass "der Grüne Strahl" quasi Vernes einziges Buch mit einer weiblichen Hauptfigur war. Ich ahne einen Zusammenhang, Update: Es kam wie es kommen musst. Da denke ich mal, ich habe etwas entdeckt, dabei habe ich nur etwas falsch verstanden. Tatsächlich ist Der Grüne Strahl nicht das einzige Werk mit einer Protagonistin. Das prägnanteste Buch ist dabei Mistress Branican, da hier die Titelfigur die komplette Handlung quasi im Alleingang bestreitet. Aber auch in anderen Büchern spielen Frauen eine wichtige Rolle (und dieser Umstand war Jules Verne sogar so wichtig, dass er in Interviews darauf hinwies): Die Kinder des Kapitän Grant, Nord gegen Süd, Reise um die Erde in 80 Tagen, Das Lotterielos ... und einige mehr.

Für mich neu war die Erkenntnis, dass ein Großteil von Vernes Werk gar nicht in den Bereich Science Fiction gehört, sondern es (fiktive) Reisebeschreibungen sind. Und selbst dort wo Verne Maschinen und phantastische Gerätschaften erfindet, dienen diese vor allem dem Zweck zu reisen.

Und jetzt recherchiere ich, natürlich, zum Grünen Strahl.

Die Phantastische Bibliothek


Meine beiden Programmhighlights beschäftigten sich nur mittelbar mit Jules Verne. Sie kamen von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar: zum einen der Rückblick von Thomas Le Blanc auf Wolfgang Thadewald. Den großen Phantastik- und Jules-Verne-Sammler. Thadewald verstarb 2014. Er lebte in Langenhagen. Mehrere der Anwesenden hatten ihn noch persönlich gekannt. Und die Schilderung seiner Sammlertätigkeit, seiner Liebe zu Büchern und zu Menschen, aber auch die Besessenheit mit der Thadewald an ein Thema heranging und auch von Krankheit schon schwer gekennzeichnet das Arbeiten an Bibliographien nicht lassen konnte – es ließ sich nicht anders beschreiben als bewegend. Sicher war dieser Vortrag mein emotionaler Vortrag des Programms.

Wer auch immer aber auf die Idee kam, den Vortrag von Klaudia Seibel zu Future Life: Wie (nicht nur) Jules Verne dabei hilft, die Zukunft zu gestalten an Ende der Konferenz zu legen: Chapeau! Das Projekt ist, kurz gesagt, ein Projekt der Phantastischen Bibliothek. Die stellt zu bestimmten Themen Dossiers zusammen, wie Science-Fiction-Autoren sie sich vorstellen. Die Berichte  werden manchmal von öffentlichen Stellen, öfter von Großunternehmen bestellt, die damit selber zukunftsfähig werden wollen und in die Zukunft denken.

So als Beispiel: Nanotechnische Ideen in der Science Fiction



Wobei Auftraggeber von Staats wegen selten sind. Die meisten Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. Die allerdings meist gleich umfangreiche Verschwiegenheitsklauseln verlangt, weshalb die Phantastische Bibliothek da wenig zu sagen kann.

Da haben also Autoren und Mitarbeiter der Bibliothek ein profundes Wissen über die Science-Fiction-Literatur und die größte Bibliothek ihrer Art im Hintergrund und seit mittlerweile einigen Jahren eine große Datenbank aufgebaut, was Autoren zu verschiedenen Themen schreiben.

Als jemand, der ich selbst weiß, wie viele Situationen ich durch gelesene Bücher interpretiere – Bilder aus diesen Büchern im Hinterkopf habe und mir immer wieder mal sagen muss, dass ein Roman nur bedingt real ist, glaube ich sofort, dass es nichts gibt, was so sehr Denkprozesse auslösen und Kreativität triggern kann, wie Romane. Der befreit das Hirn gerade vom strikt logisch-folgerichtigen Denken, verrückt die Perspektive etwas nach links oder oben, und schon öffnen sich vollkommen neue Gedankenwege. Die Idee ist so brillant, dass es überraschend ist, dass sie wirklich angenommen wird. Anscheinend wird sie das.


Mensch Maschine Normal


Und nachdem ich dann wieder im Zug saß und das erste Handy-Ticket meines Lebens gekauft hatte, fragte ich mich wieder. Ist diese Stadt – die mir in vieler Hinsicht – so unfassbar „normal“ vorkommt, vielleicht die große Ausnahme? Sind die Musicaldarsteller, die mit „dem Alex“ [Alexander Klaws] telefonieren, normal? Die Menschen im Ministerium? Die größten Jules-Verne-Experten des Landes, die alle noch einen anderen Brotjob haben? Oder eher die Normalität vieler Menschen, die darin besteht, am Ende des Monats zu überlegen, wie denn die letzten 10 Tage mit dem leeren Konto noch überbrückt werden können?





Brauschweig ist die verstädterte Mensch-Maschine-Kopplung. In seiner Normalität sicher schon wieder ein Ausnahmefall in Deutschland. Aber ich sah die Zukunft: sie sitzt in einer Bibliothek in Wetzlar und liest Science-Fiction-Romane.

Weiterlesen


Mit Wikipedianern kann man nicht nur Verne lesen, sondern auch Cocktails mischen: Ramos Gin Fizz für die Enzyklopädie.

Oder man läuft mit Wikipedianern durch den Wedding:Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Mehr zu Future Life bei der phantastischen Bibliothek: Future Life. 

Zum Jules-Verne-Club

Die Wikipedia-Seiten zur Veranstaltung: Wikipedia:Wiki Loves Jules Verne

Beiträge zur Veranstaltung im Wikipedia-Kurier und im Blog von Wikimedia Deutschland.

Der grüne Strahl im Gesamttext bei zeno.org: Der grüne Strahl

Alle Iberty-Posts zur Kultur stehen unter: Kultur in Iberty!

Anmerkungen


Auch zu Schwimmbädern ein schönes Minkmar-Zitat aus dem Mit-dem-Kopf-durch-die-Welt.Buch:

„Nichts gegen das große Geld und die wenigen, die es genießen können, aber die Stärke mitteleuropäischer Gesellschaften liegt gerade in der Mischung. Für Reiche ist es in Singapur, Russland und Malaysia ideal. […]Glaspaläste und Shopping Malls gibt es auf der ganzen Welt, bald vermutlich auch unter Wasser und auf dem Mond. Öffentliche Freibäder, Stadtteilfeste oder Fußgängerzonen, in denen sich Reiche und Arme, Helle und Dunkle, Christen und Muslime mit ihren Kindern vergnügen und drängeln, gibt es nur hier. Ich fand es immer erstaunlich, dass es in Algerien beispielsweise keine öffentlichen Schwimmbäder gibt oder dass man in den USA oder in Brasilien Mitglied in einem Club werden muss. Das ist eine teure und in vieler Hinsicht sozial sehr voraussetzungsreiche Angelegenheit, nur um mit den Kindern mal schwimmen zu gehen, es sei denn natürlich, jeder hat seinen eigenen Pool im Garten, was, für mich zumindest, wie eine Definition von struktureller Langeweile klingt.“ (s. 104)

Reisen mit WP: Schloßhotel Karlsruhe

10:27, Sunday, 27 2018 May UTC

Für Wikipedia/Wikimedia reise ich mehrmals pro Jahr durch die Gegend. Dabei muss ich muss ich natürlich auch irgendwo übernachten. Daraus entstand diese Serie.

Die Frühlings-Mitgliederversammlung des Vereins fand diese Jahr in Karlsruhe statt. Die Geschäftsstelle quartierte uns dafür im Schloßhotel Karlsruhe ein. Das Schloßhotel liegt direkt am Bahnhof bzw. am Zoo. Warum die Deutsche Bahn glaubte mich für die max. 200m zwischen Bahnhof und Hotel mit dem Bus fahren zu müssen (beim Rückweg sogar mit 1x Umsteigen) wird für ewig ihr Geheimnis bleiben.

Die Aufmachung des Hotels ist so edel wie der Name klingt. Ein repräsentativer Bau aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Das merkt man auch gleich, wenn man den Aufzug betritt: Er ist ein Denkmal und stammt von 1914. Hohe Räume und Teppichboden fanden sich überall. Die Preise des Hotelrestaurants ließen schlucken, auch wenn die Beschreibung der Gerichte sehr gut klang.

Am Empfang war nichts los und so kam ich direkt dran. Der Zutritt zu den Zimmern wird über Nearfunk Chipkarten gelöst: Hat den Vorteil das man keinen Schlüssel mit sich herumschleppen muss. Das Zimmer war schön eingerichtet: Bett, Schranknische, Schreibtisch, Stuhl, Hocker und Sessel. Das Zimmer war vollklimatisiert, verfügte aber trotzdem über einen großen Heizkörper und man konnte das Fenster – vom Typ französischer Balkon – öffnen. Leider war die Straße vor meinem Zimmer so laut das mit offenem Fenster zu schlafen kein Option war – zum Lüftern aber durchaus geeignet.

Das Bett kam mir etwas schmäler als normal vor, war aber durchaus ok. Ein großes und ein kleines Kissen warteten bereits auf mich. Laut Zimmermappe können diverse andere Kissen dazubestellt werden; auf Wunsch kann auch die Bettwäsche täglich gewechselt werden.

Das Bad scheint ein Teilnehmer um den Preis für die kleinste Bad-Grundfläche zu sein. In den ca. 1,5x1,5m großen Raum wurden eine Dusche, ein WC und ein kleines Waschbecken gequetscht – die Tür ließ sich dabei nur halb öffnen und blieb dann an der Klöschüssel hängen. Bei der letzten Modernisierung wurde die die Duscharmatur wohl falsch herum angeschlossen: Ein Schild weißt auf die Vertauschung hin.

Das Zimmermädchen kommt früh – für meine Verhältnisse zu früh. Am Samstag wollte man schon gegen 9:30 saubermachen: Da lag ich noch im Bett. Als ich am Abend ins Hotel zurück kam, war mein Zimmer aber gereinigt worden. Am Sonntag hatte ich vorsichtshalber das Bitte-nicht-stören-Schild an die Türklinke gehängt – als ich gegen 10:45 das Zimmer zum Auschecken verließ war der Herr von der Zimmerreinigung schon da.

Das Frühstück war auch am Wochenende nur bis 10 Uhr. Für mich war die Auswahl mehr als ausreichend: Verschiedene Arten von Brötchen (auch Sesambrötchen), der übliche Wurstaufschnitt, Käse, Cornflakes und die üblichen Frühstück-Getränke eben.

Das Personal, mit dem ich gesprochen habe, war freundlichen und hilfsbereit.

Alles in Allem kann ich mit dem Aufenthalt nur zufrieden sein. Kann WMDE wieder buchen.

Berlin ist groß; deutlich größer als alle anderen deutschen Städte. Berlin bietet seinen Bewohnerinnen und Bewohnern immer wieder neue Straßen, Stadtviertel und ganze Bezirke von denen sie noch nie gehört haben. So fand sich dann vor 10 Jahren eine Gruppe Wikipedistas zusammen, die im Rahmen der KNORKE-Touren Berlin erkundete. (Für mehr Hintergrund, hier der Iberty-Artikel) Einige oder viele Wikipedianer treffen sich, neugierig auf die Stadt um sie herum und erkunden sie. Die Treffen finden dabei unregelmäßig statt. Mal sind sie monatlich, mal alle anderthalb Jahre.

Im Januar 2016 traf sich die erste KNORKE-Runde nach über einem Jahr Pause seit zur Tour entlang der Müllerstraße, dem „Ku’damm des Weddings“. Vom Startpunkt aus, dem Angelgeschäft Koss, beziehungsweise dessen Madenautomaten, ging es weiter zu Gänsen, Enten und Schweinen in der Kinderfarm Wedding. Leider überlebten die Maden im Sägemehl nicht den Gang bis zu den Enten und konnten so nicht mehr als Futterspende dienen. Zwischendurch warfen wir einen Blick auf den Abenteuerspielplatz Telux, laut einem der Knorkisten der erste Abenteuerspielplatz Deutschlands.[citation needed]

Wedding Automatenmaden
Berlin-Weddinger Automatenmaden.

Nach dem Besuch der Schweineställe in der Kinderfarm folgte die Innenbesichtigung des Ernst-Reuter-Hauses mit kurzem Blick auf den Biergarten Eschenbräu, bevor es nach Süden Richtung Bayer Health Care (ehemals : Schering) ging. Am Beispiel des Schering-Parkhauses erörterten wir die Existenz der "brutalism appreciation society" und diskutierten die Frage ob Bauwerken des Brutalismus die Fassadengestaltung mit knalligen Farben eher nutzt oder schadet. An der Dankeskirche am Weddingplatz lebten die wilden Zeiten des Roten Weddings wieder auf, Erich Kästner verewigte den Platz mit seinen wilden Straßenschlachten in seinem Roman Fabian.

Berlin Wedding bayer parkhaus 14.11.2015 13-40-01
Ein Fall fur die brutalism appreciation society.

Danach ging es an der Panke entlang zu einem der ungeplanten Höhepunkte der Tour: dem Tanz auf dem Guglhupf. Das Kunstwerk mit dem offiziellen Namen „Tanz auf dem Vulkan“, das offensichtlich von einer engagierten Kunststudentin im ersten Semester geschaffen wurde, regte auf jeden Fall zur intensiven Diskussion an.

Nachdem einem Blick auf das Stadtbad/Stattbad Wedding - das wegen des Brandschutzes geschlossen werden musste - überlegten wir wann es dem Krematorium Wedding wohl genauso geht. Beide Sightseeingpunkte wurden noch mit Geschichten der jetzigen und ehemaligen Bewohner des Weddings abgerundet. Schnee und Kälte zwangen uns dann zu einem Kaffeestop in einem der zahlreichen inhabergeführten migrantischen Geschäfte der Müllerstraße.

Tanz auf dem guglhupf
Kunst im öffentlichen Raum. Der Tanz auf dem Guglhupf.

Dann noch schnell ein Schinkel-Bau, am interkulturellen Garten Himmelbeet die Überlegung ob es ein nicht nur eines Lokals B in Berlin bedarf, sondern auch eines Lokalen Beets B, noch schnell eine weitere Kirche abgehakt, das Rathaus Wedding auf dem ehemaligen Gelände von Onkel Pelles Rummelplatz - auch dieser mit einer Würdigung durch Kästner. Ob die neu eraute Schiller-Bibliothek schick war oder eher nicht, daran schieden sich die Geister. Am Platz des unscheinbaren AOK-Gebäudes erbargen sich die Pharus-Säle, einst das "Wohnzimmer der KPD" im Wedding und die Schiller-Bibliothek. Abschluss für die frierende Gruppe dann schließlich beim exzellenten "Rebel Burger" mit Coleslaw, Pommes-Twister im stilechten denkmalgeschützten 50er-Jahre-Kiosk. KNORKE kommt wieder. Im Jahr 2016 bestimmt.

Krematorium wedding
This is friend is not the end (anymore): Das ehemalige Krematorium Wedding

Resist to Exist - The Kids are alright

15:15, Wednesday, 16 2018 May UTC


Nach Wacken geht’s zum Kacken.
Der Antifaschist fährt zum Resist.
Auch wenn es pisst. (Henne, Sänger von Rawside)

Junge Männer klettern auf den Bühnenzaun, schwenken die Fahne der Antifaschistischen Aktion. Die Ordnerin mit Union-Berlin-Käppi rennt herbei, versucht sie wieder herunter zu bewegen. Die dünne junge Frau mit der Rockabilly-Frisur, den Docs und dem „No Pasaran“-Tattoo bindet sich derweil die Haare, während zwei andere junge Frauen mit blonden bzw. blauen Haaren dem Typ mit dem halbnackten Oberkörper Schlamm ins Gesicht schmieren. Auf der Bühne rührt ein Russe mit Eishockeytorwartmaske, weißen Markenturnschuhen (wie hat er die in diesem Schlamm so weiß gehalten) irgendwas über Widerstand.

Nebenan, im Kuhstall, die Punks in den Polizeiuniformen, lassen es sich im Backstagebereich gutgehen.  Verkaufsstände verkaufen „NZS BXN!“-T-Shirts, der Drugstore von der Potse in Berlin Schöneberg verkauft Solischnapps und die tschechische Antifa hat einen eigenen Merchandise-Stand.
Willkommen im Dorfe in Brandenburg.




Resist to Exist, existiert seit 2003. 2.500 Punks und Freunde aus Deutschland und Europa hören Punk, Hardcore, Streetcore, HC-Rap und Ska. Ursprünglich aus Berlin-Marzahn,  findet das Festival mittlerweile in Kremmen statt: 3000 Einwohner, zwischen Berlin und Neuruppin, umgeben von Rhinluch mit Kremmener See, Schloss Schwante, Schloss Grossziethen, viel Lehm, viel Sand ein wenig Wald, ein Spargelhof und ein Selbstpflücker-Gemüsefeld.


Leicht touristisch erschlossen, aber dann auch ein Brandenburger Kleinstädtchen mit einer Kirche, einer Stadtbibliothek die Dienstags und Donnerstags einige Stunden geöffnet hat. Das größte Ereignis im Kremmener Jahr ist das Erntefest mit Traktorparade. Und hier: Punks. Mehrere tausend, so viele wie ich sie zuletzt bei den Chaostagen 1994 sah. Antifas in Mengen, die mich an Großdemos in der sächsischen Provinz um die Jahrtausendwende erinnern. Und in der Nähe liegt unser Kleinsttierzoo/Garten.




2016 im August


Es war letztes Jahr im August. Friedlich im Garten Buttermilch-Margaritas trinkend hörten wir trommeln und röhren. So vage von gegenüber? War die Tochter der Nachbarin mal wieder da und hörte jetzt bei voller Lautstärke im Zimmer Tote Hosen? Nachdem es nach drei Stunden nicht besser geworden war, begannen wir uns Sorgen zu machen – nicht dass die Tochter mittlerweile taub geworden war. Wir wandelten die Straße entlang, auf der Suche nach der Geräuschquelle. Am Ende der Straße. Alles unverändert. Okay, die Geräuschquelle ist von wesentlich weiter weg,  dann aber wohl sehr laut.
.


Deutschpunk? Nazirock? Die Musikrichtung ist, wenn man nur die Drums hört und ein unspezifisches Gebrüll des Sängers, nicht immer leicht zu unterscheiden. Und in Brandenburg auf dem Dorfe? Die Musik kommt vage aus Richtung Kremmen. Ein Ort, der sich musikalisch bisher dadurch hervortat, dass in der "Musikantenscheune" der Brandenburger Landesparteitag der AfD stattfand. Lässt sich was zum Konzert googeln?



Madame fand etwas in Kremmen: Resist to Exist, die Bands kannte sie alle nicht, uneindeutig. Ich schaute. Okay, Sham69, Total Chaos. Das ist kein Nazirock. Aber Oi? So in der Brandenburger Provinz geht vieles. Zweiter Blick: Rasta Knast, Fuckin‘ Faces, Distemper,  ganz sicher kein Nazirock. Eher im Gegenteil. Klingt spannend. Aber ein paar der Bands waren ja schon alt als ich noch jung war. Eine Traditionsveranstaltung? Egal, es gilt Lehmberge zu versetzen, keine Zeit für.Festivals, die eh schon halb vorbei sind. .

2017 


Es ließ mich nicht das ganze Jahr über nicht los. Die Bands klangen spannend. Der Lehmberg ist mittlerweile versetzt. Das Lineup 2017 ist meins. Ach, Rawside, war auch meine Jugend und ist mittlerweile ein Kandidat für Nostalgietreffen; aber die waren hammergeil. Und viele Bands kenne ich nicht. Vielleicht sind die U40. Klingt so. Das sieht groß aus, das sieht cool aus. Ich will da hin. Aber nur als Besucher? Langweilig. Wenn, dann richtig. Eintritte für Konzerte habe ich schon 1998 nicht mehr bezahlt. Gut, dass es diese Internetenzyklopädie gibt.


Der Wikipedia-Festivalsommer


Der Festivalsommer der Wikipedia existiert seit 2013: Wikipedianerinnen und Wikipedianer gehen auf Festivals, die Wikipedia-Spendengelder sorgen dafür, dass es auch professionelles Fotoequipment gibt. Danach laden die Beteiligten Fotos von Festivals und Bands unter Freier Lizenz auf Wikipedia. Mittlerweile entstand eine hohe fünfstellige Zahl an Fotos von über 1.200 Bandauftritten und knapp 100 Artikel über Festivals und Bands. Alles ehrenamtlich, alles DIY, in der Form sehr anders als das Resist im Spirit aber noch so weit voneinander entfernt. Da nehme ich Teil, schieße Fotos, schreibe einige Artikel (das Festival hat noch keinen, diverse relevante Bands auch noch nicht) und laufe durch den Matsch.



Das Resist


Das Resist entstand in Marzahn. Marzahn in den 1990ern war kein angenehmer Ort, wenn man links war. Nazis rannten dort einige herum und die waren wenig zimperlich in ihren Methoden. Punks und Linke - die es in Marzahn immer gab und gibt - trafen sich im geschützten Biesdorfer Park. Bis das Ordnungsamt das nicht mehr wollte und mit massiven Polizeieinsätzen begann zu räumen. Es gründete sich "Resist to Exist" und ein Soli-Festival. In Marzahn ist das Festival nicht mehr, dafür ist es schöner und größer als zuvor.



Die Resistenten mussten mehrfach den Veranstaltungsort wechseln und sind seit 2016 in Kremmen gelandet. Was spontan und ungeplant begann, ist mittlerweile ein eigener Verein, eine Vorbereitung, die fast das ganze Jahre über läuft und trotzdem die Verrückten immer noch alles ehrenamtlich machen, mittlerweile reichlich professionell.



Mehrere tausend Besucher im Jahr, das „größte Festival für DIY-Punk und artverwandtes.“ Autokennzeichen sah ich aus ganz, der Schweiz (u.a. am stylischen schwarzen Anarcho-Wohnmobil), Österreich, Italien, Polen, Tschechien, Berlin, Hamburg, Sachsen und natürlich ganz Deutschland. Das Festival ist bis heute ehrenamtlich organisiert, von einem Verein getragen, und wird größer und größer und professioneller. Anscheinend, für mich – hoffentlich! – bleibt es in Kremmen.


Das Resist 2017


2017. Das Jahr des großen Regens. Dauerregen, Starkregen, Dauerstarkregen. Ich genoss den Luxus des nahegelegenen Bungalows, kam erst nach dem Regen aber zum großen Schlamm. Hinter dem Kremmener Bahnhof gleich rechts, die Feldstraße entlang. Die ersten Punks sind auf dem Weg, meist schlammverspritzt, oft Barfuss. Drei freundliche Jungs im Campingstuhl winken mich irgendwo auf die Wiese zum Parken, neben mir ein Bully mit kleinem Vorzelt. Ein längerer Fußweg. Vorbei an vielen Zelten und Strohballen. Durch die „Winterfütterungsanlage für Mutterkühe“ hindurch, die auch als Backstage dient.



Dann das Festival. Menschen! In Massen! Unbeeindruckt vom Schlamm, sich damit bewerfend, auf Hügel ausweichend. Haarfarben in allen Farbtönen. Die AFD und NZS sind hier nicht beliebt! Bier natürlich. Antifa-Merchandise. Auf der Bühne eine Band in Polizeiuniformen, die über Punks lästert. Das Publikum hat Spaß. Das Publikum: Mein Gott, sind die alle jung. Sehr weiblich auch noch. Nichts mit Traditionsveranstaltung. Nichts mit Alte-Männer-fahren-zum-Camping wie in Wacken. Die Szene lebt. Ist politisch. Die Bands sind politisch. Fast fühle ich mich als ältester Anwesender.  Zum Glück gibt es noch eine handvoll Festivalbesucher, die ihre Originalkuttern von 1977 spazierenführen. Aber nicht viele. Jugend. Mit Energie. Sehr wenig Handies, fast niemand, der auf sein Handy schaut, sehr wenige Leute am Fotografieren, sehr viele Leute am Spaß haben.



Auch der Pressegraben bleibt leer. Wir sind eine handvoll Leute, die versuchen die schlimmsten Pfützen zum umgehen und nicht all zu sehr mit Schlamm beworfen zu werden. Auf der Bühne Siberian Meat Grinder. Sieht geil aus. Aber ich verstehe kein Wort – habe später zu Hause noch mal Videos geschaut, verstehe immer noch kein Wort –aber sie geben coole Interviews. Und ich mag die Musik.

The Kids are alright

Nix mit Traditionsveranstaltung. Junge, politische Menschen mit DIY-Ethos, Hammerbands, viel Spaß, wenig Handies, friedlich und doch entschlossen. Ihr seid super.

Weiteres

Für mehr Hintergrundinformationen gibt es hier und hier Interviews mit den Machern des RTEs. Hier bei Uglypunk.  Der Wikipedia-Artikel ist noch in Arbeit.

Das Festival selbst hat ein umfängliches Archiv über all’die letzten Jahre

Schöne kommentierte Fotostrecke bei Bierschinken.net: Resist to Exist Tag 2

Geradezu niedlich war es wie die Lokalzeitungen über das Treffen der Punker berichteten. Durchaus sympathisch und sympathisierend, aber der kulturele Abgrund den es zu überbrücken galt, war groß. Kein Wunder, dass sich die Zeitungen ganz besonders über das Festivalbaby Silas freuten, das auf dem Festival geboren wurde. "Festival-Baby Silas ist wohlauf."


No Way Back

Und zum Schluss:




Pokémon in der Wikipedia

12:09, Saturday, 03 2018 March UTC

Pikachu ist ein Pokémon. Nein, Pikachu ist DAS Pokémon. Oder, um es im Wikipedia-deutsch zu sagen:

Das Pikachu (jap. ピカチュウ, Pikachū) ist ein fiktives Wesen und das bekannteste Pokémon aus den gleichnamigen Videospielen der japanischen Spielesoftwarefirma Game Freak, sowie eine Kernfigur im zugehörigen Anime. [...] Japanische Forscher des Osaka Bioscience Institute benannten nach dem Pokémon ein neu entdecktes Protein, Pikachurin, welchem eine Rolle beim Bewegungssehen zugeschrieben wird.

Ana.b747.pokemon.arp.750pix
Bild: Ana.b747.pokemon.arp.750pix Von: Adrian Pingstone Lizenz: Public Domain. Warning: One or more elements in this image are protected by copyrightSome parts of this file are not fully free but believed to be de minimis for this work. Derivatives of this file which focus more on the non-free element(s) may not qualify as de minimis and may be copyright violations. As a direct consequence it might be needed to review the copyright status if you crop the picture.

Außerdem ist Pikachu sehr gelb, sehr niedlich und vermutlich das einzige Pokémon, das auch viele Nicht-Spieler kennen. Pikachu wird seit mittlerweile 11 Jahren in seinem eigenen Wikipedia-Artikel vorgestellt. Pikachu begann sein deutsches Wikipedialeben am 25. Februar 2005.



Pikachu im Jahr 2005


Die damalige Beschreibung in der Wikipedia lautete:

Pikachu (ピカチュウ Pikachu) ist ein sogenanntes Pokémon aus den gleichnamigen Computerspielen der japanischen Spielesoftwarefirma GAME FREAK inc., sowie dem dazugehörigen Anime. Pikachu stellt eine Art Maus dar und besitzt überwiegend elektrische Fähigkeiten.  (Blitze schleudern, etc.) – es gehört deswegen zum Pokémon-Typ Elektro. Seine interne Pokémon-Nummer ist 156 (25 nach alter Zählung).
Damit dauerte es immerhin drei Jahre bis auf den Pokémon-Artikel von 2002 der Pikachu-Artikel folgte. Die Entwicklung des Artikelinhalts von 2005 bis 2016 gestaltete sich typisch für einen Wikipedia-Artikel. Weg von spielinternen Informationen "Blitze schleudern", hin zu Informationen, mit denen auch Außenstehenden etwas anfangen können, wie beispielsweise, die Information über das nach Pikachu benannte ein Protein. Es wird deutlicher, warum Pikachu eine Bedeutung über die enge Pokémon-Welt hinaus hat. 

Es kann nur eines geben


Pikachu bleibt bis heute das einzige Pokémon, der in einem deutschen Wikipedia-Artikel beschrieben wird, weil nach Meinung der deutschen Wikipedianer kein anderes Pokémon die enge Welt des Spielekosmos verlassen hat. Ansonsten blieben Detailinformationen zu den verschiedenen Pokémon-Varianten dort, wo sie die deutsche Wikipedia am liebsten hat. Im - viel zu langen und komplett unlesbaren - Hauptartikel zu Pokémon an sich.

Selbst die "Liste der Pokémon" brauchte acht Jahre vom Entstehen des Pokémon-Artikels bevor sie seit 2010 in der deutschen Wikipedia bestehen blieb. Nicht, dass es nicht Leute versucht hätten und sich die Liste nicht zwischenzeitlich in den Jahren von 2002 bis 2010 immer mal wieder einige Monate halten konnte. Aber sie fiel dann stets einem Löschantrag zum Opfer.

Die erste Löschdiskussion der Liste im Mai 2006 war dramatisch.:

* "Fangeschwurbel", 
* "Wikipedia ist keine Sammlung fiktiver Nerv-Monster", 
* "Gibt es irgendeinen Mehrwert gegenüber der Pokémon-Wiki außer den Pseudoerklärungen des Namens?", 
*"löschen und nirgends einarbeiten, es wird doch wohl genügend Pokemon-Fanseiten im www geben, die solche Listen führen können."

gegen

* "die Informationen machen den Pokémon-Artikel zu lang", 
* "wichtiges Medium um junge Leser an die Enzyklopädie heranzuführen" 
* "hat Zusatzinformationen wie einzelne Namen".

2006 wurde die Liste gelöscht. Vier Jahre nach dieser Löschdiskussion hat sich die Wikipedia anders entschieden. Heute stehen alle Pokémon von Nummer 1 Bisasam bis zum nicht-mehr-nummerieren Lunala (gezählt der 740. Pokémon) nebeneinander in der Liste einschließlich der Bezeichnung auf englisch, französisch, japanisch und koreanisch, der Typ (Bisasam: Pflanze/Gift Lunala: Psycho/Geist) und der Kategorie (Bisasam: Samen Lunala: Mondscheibe). Für Nicht-Pokémonista ist dort nicht erklärt, was Typ und Kategorie bedeuten.

Braucht Bisasam einen Artikel?


Dabei wäre beispielsweise ein Artikel über Bisasam diskutabel. Nach Pikachu ist Bisasam das Pokémon, das auch außerhalb der Szene am bekanntesten ist. In der Szene selbst ist es sogar beliebter als Pikachu selbst. Immerhin heißt das englische Pokémon-Spezial-Wiki Bulbapedia nach Bisasams englischer Bezeichnung Bulbasaur. Im deutschen Pokéwiki wiederum ist Bisasam der einzige Artikel über ein Pokémon, der als lesenswert ausgezeichnet wurde.

Bisasam brachte es in der deutschen Wikipedia hingegen auf 13 Löschungen, bevor die Seite komplett gegen Neuanlagen gesperrt wurde. Hier eine Übersicht über die Löschbegründungen:


Die Begründungen laufen im Wesentlichen auf "Fancruft" hinaus. Oder, länger formuliert, es gibt nichts über Bisasam zu sagen, was außerhalb der Spiele von Relevanz wäre oder für das es andere Quellen als die Spielanleitungen gibt.

Deshalb ist die Frage nicht unspannend, wie Wikipedia-Artikel über Bisasam aussähe. Im Pokéwiki bestehen normale Artikel über einzelne Pokémon vor allem aus langen Listen von Fähigkeiten, Entwicklungen und Stufen, die tatsächlich nur für Spieler relevant sind - und größtenteils auch für diese überhaupt nur verständlich. Bei Bisasam ist der Text länger: Dort erfahre ich zum Beispiel:

Bisasams Knolle ist der Ausgangspunkt für zahlreiche Fähigkeiten. [...] Da Bisasam seine Knolle kurzzeitig an der Spitze öffnen kann, kann es die in der Knolle enthaltenen Samen auch offensiv nutzen, indem es den Gegner mit Samen bombardiert oder auf den Gegner einen Egelsamen schießt, der ihn bepflanzt und ihm Energie absaugt...

In den Spielen ist Bisasam vor allem bekannt für seine Rolle als Starter-Pokémon, die es in den Spielen Pokémon Rot, Blau, Feuerrot und Blattgrün innehat. Zu Beginn dieser Spiele kann sich der Protagonist bei Professor Eich in Alabastia eines von drei Starter-Pokémon aussuchen, zu denen neben Bisasam auch Glumanda und Schiggy gehören. Wählt der Protagonist Schiggy, wird der Rivale Blau Bisasam als Starter-Pokémon wählen. In diesem Fall kämpft Blau dreimal mit Bisasam gegen den Protagonisten: In Professor Eichs Labor, auf Route 22 und in Azuria City.
Das gibt mir tatsächlich einen ganz guten Eindruck wie Pokémon funktioniert und wie es sich von innen heraus anfühlt. Geschrieben wurde der Text aber deutlich von Spielern für Spieler. Mehr externe Perspektive als in im Pokéwiki sollte es in der Wikipedia geben.

Bisasam in der englischen Wikipedia


Glücklicherweise sieht die englische Wikipedia das anders mit den Pokémon als die deutsche Wikipedia. Ein Blick auf den Text im Englischen lässt den Vergleich zu. Dort hat zwar bei weitem nicht jedes Pokémon seinen eigenen Artikel - die englische Wikipedia kennt 43 Artikel zu Pokémon von denen es über 700 gibt. Aber Bulbasaur schon.

Der Artikel über Bulbasaur existiert in der englischen Wikipedia seit 13 Jahren und hat mittlerweile 25.000 Zeichen. Er ist ein schönes Beispiel, wie es hätte anders laufen können. Dort erfährt der Leser, dass Bulbsaur/Bisasam von Ken Sugimori gestaltet wurde, der Name sich aus "Bulb" (Blumenzwiebel) und "[Dino]saurier" zusammensetzt. Es werden viele Vorkommen in vielen Videospielen nacherzählt, noch mehr Vorkommen als diversestes Werbemittel von Flugzeugbemalungen über McDonalds-Happy Meals aufgezählt und erwähnt, dass es die Insel Niue eine Münze mit Bulbasaur auf der Rückseite ausgegeben hat. Außerdem hat die Games-Fachplattform IGN Bulbasaur zum 52. besten Pokémon aller Zeiten gekürt.

Und ich frage mich: handelt es sich beim englischen Wikipedia-Artikel nicht einfach um eine Nacherzählung von Pressemitteilungen? Steht in der englischen Wikipedia nicht der Pokéwiki-Artikel in schlechter? Menschen drucken/prägen/gießen/virtualisieren ein fiktives Monster um Geld zu verdienen. Das sollen sie machen.. Aber ist es wirklich ein Enzyklopädieartikel nachzuerzählen wann/wo/wer dieses tat? Ist es mehr als eine Rohdatensammlung?

Ist es sinnvoll, eine Spielanleitung nachzuerzählen, die einerseits niemand nutzt, der nicht spielt, andererseits dann doch nicht detailliert genug ist, um als Anleitung zu taugen?

Vermutlich hat die Existenz des Bulbasaur-Artikels in der englischen Wikipedia Leute an Wikipedia gebunden/nicht verschreckt, die sonst gegangen wären. Vermutlich hat es viel internen Streit vermieden, eher offen an das Thema heranzugehen. Die praktische Erfahrung zeigt, dass Artikelschreiben viel einfacher ist, wenn man sich nicht dauernd gedanken machen muss, ob ein Thema relevant ist. Aber ist es das wert, dass Wikipedia sich gleichzeitig als ausgelagerte Pressestelle von Nintendo präsentiert?

Was lässt sich daraus lernen - nicht über Pikachu und Bisasam - sondern über die deutsche Wikipedia?

(1) Der Umgangston in Teilen der deutschen Wikipedia war schon 2006 unterirdisch.

(2) Die deutsche Wikipedia hat ein hohes Grundmisstrauen gegenüber reinen Datensammlungen. Ein Wiki funktioniert mit Text gut, zumindest technisch ist es mit Datensammlungen schwierig.

(3) Die deutsche Wikipedia hat ein hohes Grundmisstrauen gegenüber kontrollierter Information. Bisasam hat das Pokémon-Universum nie verlassen. Alles was je an Information über Bisasam öffentlich wurde und öffentlich werden kann, geht letztlich auf Game Freak und Nintendo zurück. Letztlich läuft jeder Artikel auf eine Umformulierung von Inhalten der Anbieter zurück. Die deutsche Wikipedia versteht sich nicht als Reformulierer von Pressemitteilungen.

(4) Auch in der deutschen Wikipedia ist die Lage seit 2006 deutlich entspannter geworden. Die Liste der Pokémon immerhin steht seit sechs Jahren in der Wikipedia.

Bonus: Pokémon Go


Als Bonus die Aufrufzahlen für den Wikpedia-Artikel zu Pokémon Go. Der Hype ist schon vorbei.



Weiterlesen

Die Iberty-Artikel zur Kultur im engeren und weiteren Sinne stehen unter Kultur in Iberty! 

Mehr zu einzelnen Aspekten der deutschen Wikipedia findet sich beispielsweise unter Wikipedia von A bis Z. Ein Versuch.

Ein kurzer Einwurf dazu, wo Wikipedia politisch steht: Wo steht Wikipedia so politisch.

10 Jahre KNORKE 2005-2015 Stadtrundgang mit Wikipedia

21:14, Monday, 26 2018 February UTC

Was waren das für Zeiten im Jahre 2005. Die Wikipedia war klein. Die Welt war groß und aufregend. Dabei ging es in der Wikipedia nicht nur um abstrakte Konzepte, tote alte Männer und den Stoff der Schullehrbücher. Zum Wissen der Welt gehörte auch Wissen über das persönliche Umfeld, das pralle Leben direkt vor der eigenen Haustür oder in U-Bahn-Nähe entfernt.

Hermannstraße (Rixdorf) Apollo-Theater-Garten anno 1900 AK gemeinfrei  
Ort des erstes KNORKES: die Hermannstraße.

Neben den Artikeln über Philosophie und Physik oder Barock und Bariton entstanden in jenen Anfangsjahren auch Wikipedia-Artikel über das eigene Umfeld. Gerade in Berlin präsentiert sich dieses Umfeld nicht immer hübsch und geleckt, sondern auch mal rau und nicht für jeden Stadtführer geeignet.

So um 2005 beschlossen verschiedene Berliner unter den Wikipedianern (unter anderem die Autoren Cornelius, Achim., Lienhard, Rainer) einen Artikel über eine Straße zu schreiben. Die Hermannstraße ist eine Hauptstraße in Neukölln. Sie macht alles aus, was eben auch Neukölln ausmacht: historische Friedhöfe, sozialer Brennpunkt, Fahrradfahren im Slalomverkehr, lebendiges Leben des Kleingewerbes und jede Menge Casinos und Cafés.

Wenn man über eine Straße schreibt, die vor der eigenen Haustür liegt, liegt es nahe, sich diese persönlich anzuschauen. Wenn man zusammen am Thema schreibt, liegt es nahe, sich die Straße zusammen anzuschauen. Der erste wikipedianische Stadtbegehung war geboren. Am 4. Dezember 2005 fand die erste "KNORKE"-Tour der Wikipedia statt. Der Benutzer Marbot war noch nicht als der Meister des perfekten Protokolls dabei, der er später werden sollte, so dass die schriftlichen Überlieferungen spärlich blieben. Was uns im Archiv erhalten blieb, kulminierte in dem Satz:

Im Handwerkerstübchen rund 1 Meter hoher Cappuccino mit zwei Meter Sahne drauf und gefühlten 68 Keksen rundrum für schlappe 1,50 oder so und so weiter ..

Was auch immer bei jener legendären Tour noch geschah: der Artikel über die Hermannstraße wurde zu einem Artikel ausgebaut, der innerhalb der Wikipedia als Qualitätsartikel gilt(*). Die Stadtbegehung fand wieder statt, diesmal an anderen Orten.

Wannsee29
KNORKE on Tour: Hier auf dem Weg zum Wannsee. Bild: Jcornelius CC BY-SA 2.0 de, via Wikimedia Commons

Bereits am 26. Februar 2006 folgte die zweite Tour  am und um den Hackescher Markt und einen Monat später der dritte Anlauf durch die Prenzlauer Allee.


Betreut, gepflegt und koordiniert von den Autoren Cornelius und Lecartia fanden innerhalb des ersten Jahres 10 KNORKE-Wanderungen von Wannsee/Kladow über die "Rote Insel" in Schöneberg, den Beusselkiez in Moabit bis hin zum Osktkreuz statt. In den folgenden Jahren sank und stieg die Begeisterung.

KNORKE-Touren gab es unter anderem im Bayerischen Viertel, im Zillekiez, Links und Rechts vom Ku'damm, zu den AEG-Fabriken auf dem Wedding/Humboldthain, nach Friedrichshagen und durch das Botschaftsviertel. WIr gingen rund um das Autobahnkreuz Schöneberg, wir folgten den 1920ern in Schöneberg-Nord und erkundeten zuletzt Mariendorf. Zusätzlich fanden Sonder-KNORKES mit Adventsessen oder Spieleabend statt.

Der KNORKE-Enthusiasmus folgte dabei dem Rhythmus der Wikipedia. Nach enthusiastischen Aufbruchsjahren und schneller Expansion, spielte es sich danach etwas ein und verlor etwas an Energie. Insgesamt gab es 48 KNORKES in stark wechselnder Frequenz:

2005: 1 Tour
2006: 9 Touren
2007: 8
2008: 12
2009: 6
2010: 2
2011: 2
2012: 4
2013: 2
2014: 2
2015: 0
2016: 1 (bisher geplant)

Karte Berlin Landnutzung
Berlin, Berlin, wir laufen durch Berlin. Bild: By Maximilian Dörrbecker (Chumwa) CC BY-SA 2.0 or ODbL, via Wikimedia Commons

Die Touren verliefen recht unterschiedlich. Allen gemein ist: jemand lädt auf der KNORKE-Hauptseite ein, dann kommen Menschen und man läuft zusammen offenen Auges und wachen Geistes durch die Stadt. Mal sind es lange Waldwanderungen mit seltenen Kurzpausen wie bei Lienhards Tour durch die Morellenberge im Berliner Westend. Mal gibt es historisch erschlossenes in dichter Folge wie beispielsweise die Tour durch das Schloss Charlottenburg mit Achim, Cornelius und Ralf.

Mal sind es Touren ins wahre Leben selbst, "Berlin in your face" geradezu wie die KNORKE-Pioniertat in der Hermannstraße, Ralfs Führung durch die Potsdamer Straße oder Denis' Tour durch den szenigen Schöneberger Norden. Auf jeden Fall wird viel geschaut, viel geredet und für eine Gruppe von 5 bis 15 Leuten auch überraschend viel gelaufen.

Ab und an werden in Folge oder Vorbereitung der Tour Wikipedia-Artikel geschrieben und verbessert. Anfangs dokumentierten die Knorkisten, welche Artikel und Bilder entstanden, im Laufe der Gewöhnung an den Event ließ der Enthusiasmus bei der Dokumentation allerdings nach.

Mal sind die Touren minutiös vorbereitet und geplant, mal gehen alle aus davon aus, dass sie nichts wissen, aber neugierig sind (wie zum Beispiel in Reinickendorf) und mal wissen die Mitlaufenden auch deutlich mehr als derjenige der die Tour plante. Manchmal glauben die Mitlaufenden nur mehr zu wissen als die Person, die vorbereitete. Das wird anstrengend.

Berlin Wedding bayer parkhaus 14.11.2015 13-40-01
Für das 49. KNORKE folgt die Müllerstraße im Wedding.

10 Jahre - KNORKE ist nicht tot. Im Januar geht es weiter mit einer Tour entlang der Müllerstraße im Wedding. Vielleicht klappt im Februar ja zum 50. mal die Jubiläumsausgabe wieder durch die Hermannstraße.

Berlin ist groß, jeder Berliner entdeckt wohl immer noch regelmäßig komplett neue Stadtteile. Und die Stadt verändert sich: Neukölln 2015 ist nicht mehr Neukölln 2005. Es bleibt spannend.

Weiterlesen


Der Bericht der angesprochenen Tour durch den Wedding findet sich unter Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Daraus entwickelte sich das WikiWedding-Projekt, um den Wedding mehr in die Wikipedia zu bringen: Randlage.

Zum KNORKE-Jubiläum veranstaltete ich eine Wiederholungswanderung durch die Hermannstraße - die unter anderem zur Erkenntnis führte, dass die Straße kaum besichtigt wurde: Wikipedistas ignorieren wiederholt die Hermannstraße

Alle Posts zu KNORKE und sonstigen kulturellen Aktivitäten liegen unter: Kultur in Iberty. 



OT: Ein Hoch auf die Bahn

21:31, Sunday, 26 2017 November UTC

Mehrfach in der Woche fahre ich mit der Deutschen Bahn (Regionalbahn) und für den Verein und für die Wikipedia fahre ich auch mehrmals im Jahr weite Strecken. Dabei bin ich natürlich auch von Verspätungen und sonstigen Ärgernissen nicht gefeilt – man kennt es ja, und ja, ich schimpfe auch oft.

Heute aber möchte ich die Deutsche Bahn einmal ausdrücklich loben; und zwar dafür, das sie meinen Laptop gerettet haben.

Was war passiert? Ich bin heute vor einer Woche von der Mitgliederversammlung aus Berlin nach Hause gefahren und in Hanau ausgestiegen. Und als ich gerade die Treppe zum Querbahnsteig runtergehen wollte, fiel mir auf, das ich alles mitgenommen hatte – nur die Laptop-Tasche stand noch im Abteil. Zugtüren waren schon zu, der Schaffner hatte schon gepfiffen, der Zug fuhr ohne Erbarmen ab – und mit ihm mein Laptop.

Bahn-Hotline angerufen, relativ schnell jemand am Telefon gehabt. Die haben mich an die 3S-Zentrale in Frankfurt verwiesen. Dort angerufen, gleich jemand dran gehabt. Die haben jemand an den Bahnsteig in Frankfurt (nächster Halt des ICEs) geschickt und den Schaffner informiert. Banges Warten. Dann die Rückinfo: War kein Durchkommen, Zugpersonal hatte Wechsel, Laptop noch im Zug. Nächste Möglichkeit: Mannheim. Dort angerufen, wieder gleich jemand dran gehabt. Gleiches Vorgehen wie in Frankfurt angekündigt. Nach zähen Warten dann der Rückruf: Laptop-Tasche wurde gefunden, und ein Dell-Laptop wäre auch noch drin. Jackpot!

Bin dann am Montag gleich nach Mannheim gefahren. Die Dame im Bahn-Fundbüro war nett, und nach kurzem Suchen hatte sie auch meine Tasche. Die Bahn hatte Inventur gemacht (was man so Alles in so ’ner Tasche hat…), und 5€ später hatte ich meinen Laptop wieder.

Also egal wie sehr ich das nächste Mal wieder fluchen werde, wenn mir ein Anschlusszug vor der Nase wegfährt: Die DB hat wirklich was gut bei mir. Das war echt gute Arbeit.

Jimbos Neue: Wikitribune

10:35, Thursday, 02 2017 November UTC

Wie heise bereits gestern meldete, ist Jimbo Wales neues Projekt Wikitribune online gegangen (aktuell wohl noch beta). Ähnlich wie bei wikinews sollen dort wohl Nachrichten entstehen – wobei dort wohl auch neue Nachrichten erstellt werden sollen.

Größtes Problem in meinen Augen ist die Real-Namens-Pflicht – zwar soll es Ausnahmen geben, aber zumindest mein Versuch mich mit Nick anzumelden, wurde von einem Admin abgelehnt; ausgedachte Namen gehen aber durch.

Ob die Welt wirklich noch eine Nachrichten-Seite braucht, bleibt abzuwarten – aber der Lexikon-Markt war ja auch schon mal befriedigt ;-).

Wikiwand: Wikipedia endlich bequem und schön lesen

11:19, Tuesday, 15 2017 August UTC

Haben Sie sich für Wikipedia schon einmal ein schöneres Design gewünscht? Vielleicht ein Layout, das nicht an die 80er-Jahre erinnert, eine andere, größere Schrift, vielleicht einfach irgendeine Veränderung?

Dass sich das Design von Wikipedia seit Langem nicht bemerkenswert geändert hat, hat gute Gründe: Eine große, langjährige Community ist mit dem Design gewachsen und hat sich daran gewöhnt. Warum ändern, wenn es so funktioniert? Schwierig wird es, alle in ein Boot zu holen, wenn es darum geht, Veränderungen umzusetzen. Ist anders, neu immer wirklich besser?

Während die Wikimedia Foundation seit 2010 all ihre Projekte auf der Vector Skin laufen lässt, gab es auch Vorschläge wie Athena, die Wikipedia neu zu designen.

Wikipediaredefined.com ist ein externer Vorschlag einer Werbeagentur, Wikipedia von Grund auf umzudesignen. Die Ansätze sind sehr interessant und auch sehr schön und einen Blick wert.

Browser-Reader Wikiwand

Wikiwand ist ein sehr guter Reader für Wikipedia. Als Browserplugin greift er stark in das angezeigte Layout ein und bietet ablenkungsfreies, angenehmes Lesen der Artikel. Manche Detailinformationen von Seiten fehlen hier naturgemäß, es lässt sich aber jederzeit mit einem Klick auf die Originalseite wechseln.

Wikiwand funktioniert auf Chrome, Safari und Firefox, mobil auf iPhone und in beta auch auf Android. Zufälligen Artikel auf Wikiwand lesen.

Alle Bilder: Wikiwand Presskit

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Kurier: Kritzolina ist nun Community Advocate

12:33, Monday, 31 2017 July UTC

Wie uns CSteigenberger mitteilt, bekleidet sie seit Anfang Juli eine Position als Community Advocate bei der WMF.

Zukunftsprozess WMDE

12:32, Sunday, 30 2017 July UTC

Wie uns Tim Moritz Hector als Präsident von WMDE mitteilt hat der Verein begonnen sich – wieder einmal – über die Zukunft von WMDE Gedanken zu machen. Aktuell befragt er dazu externe Dritte, aber in ein paar Monaten dürfen auch wir Normalos uns zu Wort melden.

Meiner Meinung nach sind solch weit-reichende Planungen Zeitverschwendung, weil sie durch die Wirklichkeit eh schnell überholt werden; ich wollte euch aber trotzdem in Kenntnis setzen.

Kurier: Quora als Quelle in deWP

15:45, Thursday, 20 2017 July UTC

Kuebi hat im Kurier eine Analyse über die Einbindungen von Quora – einer Frageseite ähnlich gutefrage.net oder stackexchange.com – als Quelle in der deutschsprachigen Wikipedia gepostet. Von den elf Verlinkungen ist wohl nur Eine wirklich sinnvoll, und das auch nicht als Quelle sondern als Weblink auf eine Primärquelle.

So praktisch solche Seiten auch sein mögen – als Quelle oder Referenz für die Wikipedia sind sie zumeist ungeeignet; Kuebis Text zeigt wieder einmal sehr deutlich, wieso.

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