Vier Winde, vier Krisen 

Die vier Krisen bildeten auch den thematischen Kern des Festivals und kamen mal direkter, mal unterschwellig in allen Vorträgen und Sessions zum Vorschein. Gemeint sind die Klimakrise, die Corona-Pandemie, der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine sowie die Gefahr durch Desinformationen und mögliche Einschränkungen des freien Zugangs zu gesicherten Informationen und Fakten. 

Teil der Lösung sein

Diese Krisen nur zu benennen und zu analysieren, reiche allerdings noch lange nicht aus, so Johnny Haeusler am Ende der Eröffnungsansprache. Die “re:publica people”, wie Sascha Lobo das Publikum in seinem Vortrag anspricht, müssen mit ihrem Wissen und Know-how ein Teil der Lösung werden – die re:publica ein Raum zur Lösungsfindung. Dazu hat Wikimedia Deutschland mit Vorträgen, Diskussionen und Gesprächen beigetragen und war mit dem Park des Freien Wissens sowie drei Sessions rund um die Themen Freies Wissen, Partizipation und Wissensgerechtigkeit auf der re:publica 2022 vertreten. 

Public Value Broadcasting: Any Way the Content Flows

Mehr Wissen für alle 

Eine Herangehensweise für mehr Wissensgerechtigkeit diskutierten Christian Humborg (Geschäftsführender Vorstand von Wikimedia Deutschland) und Nadine Bilke (Programmdirektorin des ZDF) in der Session “Public Value Broadcasting: Any Way the Content Flows” unter der Moderation von Anna von Garmissen (Journalistin und Medienforscherin). Sie sprachen über eine Kooperation, bei der das ZDF Erklärvideos der Reihe Terra X unter Creative Commons Lizenzen zur Verfügung gestellt hat, um sie auf Wikipedia zu integrieren. Die Videos können seitdem von dort gedownloadet und unter Nennung der Urheber*innen weitergenutzt werden. Mittlerweile gebe es ein Archiv mit über 250 Clips auf Wikipedia, die bisher ungefähr 40 Millionen Views haben, so Bilke, außerdem gebe es sehr positives Feedback, vor allem von Schulen und Museen. In Bezug auf den Erfolg des Projekts spricht das für sich. Warum also nicht mehr davon, wenn gemeinsam finanziertes Wissen so für alle öffentlich zugänglich gemacht werden kann? Eine große Hürde in Bezug auf dieses und ähnliche Projekte bleibt das Urheber*innen-Recht, welches vor allem bei Archivmaterial eine Verwendung unter einer Creative-Commons-Lizenz erschwert. Um diese Thematik weiter voranzubringen gibt es einen Runden Tisch, bei dem Vertreter*innen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, politische Entscheidungsträger*innen und weitere mit Freiwilligen des Projektes Wiki Loves Broadcast und Vertreter*innen Wikimedia Deutschlands zusammenkommen, um gemeinsam neue Wege und Einigungen zu finden, die langfristig zu einer gerechteren Verteilung von Wissen beitragen. 

In Bewegung bleiben: Wie man eine globale, offene, und partizipative Strategieentwicklung navigiert – und überlebt.

Geschick, Vertrauen und eine Portion Spaß

Wie aber möchte das globale Wikimedia Movement sich selbst weiterentwickeln und der Krise der Desinformation entgegenstellen? Darauf ging Nicole Ebber, Leiterin Movement Strategy & Global Relations bei Wikimedia Deutschland, in ihrem Vortrag “In Bewegung bleiben: Wie man eine globale, offene, und partizipative Strategieentwicklung navigiert – und überlebt” ein. Sie erzählte offen und mit viel Humor von dem zweijährigen Strategieprozess des Wikimedia Movements für eine Welt, in der alle Menschen an der Summe des gesamten Weltwissens teilhaben sollen. Bis 2030 will Wikimedia die essenzielle Infrastruktur im Ökosystem des Freien Wissens sein und alle, die diese Vision teilen, sind willkommen, sich dem anzuschließen. Dass ein zweijähriger Strategieprozess mit einem internationalen Gremium und neun Working-Groups aus Freiwilligen und Hauptamtlichen nicht immer ein Zuckerschlecken ist, verwundert dabei kaum. Dafür, so Ebber, habe sie in den zwei Jahren mehr gelernt als in ihrem gesamten Berufsleben. Um Partizipation umzusetzen, brauche es ihrer Meinung nach eine große Portion Geschick sowie Vertrauen und eine offene Fehlerkultur. “Habt auch mal Spaß, das lockert und bringt neue Impulse”, ist ihr abschließender Tipp. Aber nach der Theorie kommt die Umsetzung, und die wird vermutlich mindestens genauso spannend und herausfordernd wie der erste Schritt. 

Die Politik der Bildungsplattform: Werte und Standards in digitalen Lerninfrastrukturen

Auf dem Serviertablett

“Wie kann es sein, dass wir hier alle so still herumsitzen, während dort auf der Bühne gerade so ein großes und wichtiges Projekt für das Bildungssystem in Deutschland vorgestellt wurde?” lautete die letzte Frage aus dem Publikum nach der Session “Die Politik der Bildungsplattform: Werte und Standards in digitalen Lerninfrastrukturen” von Felicitas Macgilchrist (Professorin für Medienforschung), Ulrike Lucke (Informatikerin) und Michael Seemann (Kulturwissenschaftler und Autor) moderiert durch Heike Ekea Gleibs (Leitung Bildung, Wissenschaft & Kultur bei Wikimedia Deutschland), die mit großem Beifall aus dem Publikum bestärkt wurde. Die Wissenschaftler*innen verglichen die Idee der Nationalen Bildungsplattform mit einem Serviertablett, das aktuell noch in der Prototypisierungsphase stecke. Insgesamt wird es vier Prototypen geben, von welchen eine das BIRD (Bildungsraum Digital) Projekt ist, an dem unter anderem die Informatikerin Ulrike Lucke mitarbeitet. Es soll eine Plattform entwickelt werden, die Angebote unterschiedlicher Akteur*innen bündelt und ein Interface besitzt, das es den Nutzer*innen ermöglichen soll, sich voll auf die Lerninhalte zu konzentrieren. BIRD entwickelt auf Basis von Open Source Daten einen ersten Prototyp für ein technisches Grundgerüst dieses digitalen Bildungsraums. Um sicherzustellen, dass wirklich alle Menschen Zugang zu der Plattform haben werden, analysieren die Wissenschaftler*innen alle digitalen Pfadentscheidungen wie die Geschlechtsauswahl-Möglichkeiten bei der Erstellung eines Nutzerkontos, um sicherzustellen, dass diskriminierenden Strukturen kein Raum gegeben wird. Damit das Lernen darüber hinaus nicht nur individuell passiert, sondern vor allem kollaborativ, werden bereits bei den Prototypen umfangreiche Kommunikationsfunktionen mitgedacht. Eine finale Entscheidung seitens des Bundes darüber, wer den Zuschlag für die Nationale Bildungsplattform bekommt und wie sie final aussehen wird, erfolgt erst am Ende der laufenden Prototypisierungsphase. 

Is this the real life? 

Die erste Digitalkonferenz im real life nach zwei langen Jahren Pause wird noch eine Weile für Gesprächsstoff sorgen und hat für spannende Begegnungen mit alten Bekannten und neuen Gesichtern gesorgt. Wie Maja Göpel in ihrer Session so passend formulierte „Ich, ich, ich steht immer auf den Schultern vieler“ können die vier großen Krisen, denen wir gegenüberstehen, nicht in Eigenregie gelöst werden, sondern beruhen darauf, dass eine gesellschaftliche Transformation stattfindet. Im Physischen wie im Digitalen. Dass die digitale Welt dazu beitragen kann, das umzusetzen, ist längst keine Entdeckung mehr, jedoch präsentierte die re:publica wie jedes Jahr neue Blickwinkel, Herangehensweisen, Diskurse und Ideen wie die re:publica people mit ihren Skills und ihrem Wissen zu dieser Transformation beitragen können. Wir freuen uns jetzt schon auf die #rp23 und verlassen diese Tage zwar mit noch mehr Fragen als vorher, aber auch vielen Antworten und allem voran mehr Haltung! 

WMDE auf der re:publica – „3 Fragen an…“

Im Rahmen der re:publica 2022 in Berlin haben wir Twitter-Interviews mit Anke Domscheit-Berg, Tabea Rößner und weiteren Politiker*innen zu den Themen Bildung, Öffentliches Geld – Öffentliches Gut und Daten geführt. Hier geht’s zum Blogbeitrag.

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WMDE auf der re:publica – „3 Fragen an…”

11:10, Friday, 10 2022 June UTC

Die Interviews im Überblick

Für die Reihe #WMDEfragtPolitik haben wir während der re:publica Twitter-Interviews mit Politiker*innen geführt. Durch einen Klick auf das Vorschaubild kommen Sie direkt zum entsprechenden Interview. Die in den Antworten auf Twitter enthaltenen Emojis wurden aus Darstellungsgründen im Blogbeitrag nicht übernommen.

3 Fragen an Anke Domscheit-Berg zu „Öffentliches Geld –Öffentliches Gut!“

Anke Domscheit-Berg ist Publizistin, Netzaktivistin und Bundestagsabgeordnete (MP) für DIE LINKE. Das Twitter-Interview haben wir am 8. Juni im Rahmen der re:publica geführt.

1. Im #ÖRR entstehen verlässliche Informationen und hochwertige Wissensinhalte, finanziert mit öffentlichen Mitteln. Diese Inhalte sollten zeitlich und räumlich unbeschränkt verfügbar sein – für alle nachnutzbar. Wie kann das gelingen?

Es muss überall der Grundsatz gelten: Öffentliches Geld = Öffentliches Gut (#ögög). Dass Inhalte quasi ein “Ablaufdatum“ haben müssen, widerspricht ja sowohl dem Informations- u Bildungsauftrag der öff. rechtl. Medien u als auch dem allg. Nutzungsverhalten. Für ein zeitgemäßes Angebot u damit der Abruf in öff. rechtl. Mediatheken zeitlich unbegrenzt möglich ist, braucht es daher dringend eine Änderung im #Medienstaatsvertrag. Leider fehlt das Thema im akt. Reformprozess der Länder. Das ist kein gutes Zeichen. Linke Medienpolitiker:innen haben zum öff. rechtl. u auch zu deren Mediatheken ein Positionspapier verfasst. Darin zB: Telemedienauftrag im #Medienstaatsvertrag u #Urheberrecht müssen novelliert werden“. Hier könnt Ihr es nachlesen: https://doris-achelwilm.de/fileadmin/download/201119_Positionspapier_der_LINKEN_Medienpolitikerinnen_fin.pdf….

2. Bildungsinhalte, die das @ZDF heute schon unter #CreativeCommons-Lizenz stellt, können z.B. in #Wikipedia geteilt werden. Sollte das der Standard für Eigenproduktionen der öffentlich-rechtlichen Sender sein?

Unbedingt! (Danke @ZDF). Mindestens für Bildungs-, Wissen- u Nachrichteninhalte muss das so gehandhabt werden. Je leichter die Nachnutzung, desto besser. Freie Lizenzen sollten daher bei öff. rechtl. Medienproduktionen der Standard sein. Wissen muss endlich produktiv und rechtssicher weiterverwendet werden dürfen und dazu gehört im digitalen Zeitalter natürlich auch ein angemessenes Vergütungsmodell für die Urheber:innen (und damit ist natürlich kein Leistungsschutzrecht-Unfug gemeint). Ein no-go sind dafür #Uploadfilter, die autom. Inhalte auf bestimmte Kriterien scannen + ggf. löschen u Meinungsfreiheit ernsthaft schaden. Unsere Position als @linksfraktion zum #Urheberrecht kann man etwas ausführlicher hier nachlesen: https://linksfraktion.de/themen/a-z/detailansicht/urheberrecht-im-digitalen-zeitalter/…

3. Wir wünschen uns mehr internationale Zusammenarbeit zwischen den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der #EU. Braucht es eine EU-weite Medienplattform, die Inhalte über Ländergrenzen hinweg verfügbar macht?

Eine solche europ. Initiative wäre toll! Wg. Zugang zu Kultur u Bildung, aber auch weil aktuelle Krisen zeigen, wie wichtig unabhängiger Rundfunk im Kampf gegen Desinformation u für Vielfalt ist. Die Ampel will laut #KoaV „die Machbarkeit einer technologieoffenen, barrierefreien u europaweiten Medienplattform prüfen” Evtl. meint sie eine solche Mediathek. Bisher blieben viele Ankündigungen im KoaV ohne konkr. Folgen, aber die Legislatur geht ja noch bis 2025. Man könnte das Ursprungslandprinzip (Rechte im eigenen Land reichen) dafür festsetzen, wenn TV-Sender eigene Inhalte online stellen, für einige wenige Fälle gilt das sogar schon, es sollte für (mindestens) alle Wissens-, Nachrichen- u Bildungsinhalte gelten.

Mehr zum Thema „Öffentliches Geld – Öffentliches Gut!“
Wikimedia Deutschland fordert, dass öffentlich finanzierte Inhalte für die Allgemeinheit frei verfügbar sein müssen. Das gilt für Eigenproduktionen des #ÖRR wie für Daten der öffentlichen Verwaltung. Weitere Infos unter wikimedia.de/oeffentliches-geld-oeffentliches-gut/

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3 Fragen an Nina Stahr zum Thema Bildung

Zum Panel zur Nationalen Bildungsplattform auf der re:publica haben wir ein Twitter-Interview mit der Bundestagsabgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen für Berlin Steglitz-Zehlendorf, Nina Stahr, geführt.

1. Offene Bildungsangebote sind ein entscheidender Faktor für mehr Bildungsgerechtigkeit. Was muss die Politik jetzt tun, damit Bildung offener und gerechter für alle wird?

Bildung hängt immer noch zu sehr vom Elternhaus ab. Deshalb fördern wir gezielt da, wo das Elternhaus weniger unterstützen kann. Mit dem Startchancen-Programm wird der Bund Schulen in benachteiligten Quartieren gezielt u.a. mit Schulsozialarbeit & einem Investitionsprogramm unterstützen. Auch mit der umfassenden BAföG-Reform tragen wir zu mehr Bildungsgerechtigkeit bei. Außerdem wollen wir offene Lernmaterialien fördern und die digitale Lernmittelfreiheit stärker ausbauen – auch das trägt zur Chancengerechtigkeit bei.

2. Damit Bildung im digitalen Raum funktioniert, braucht es offene Lern- und Lehrmaterialien, die teil- und veränderbar sind. Die Bundesregierung hat jedoch immer noch keine umfassende #OER-Strategie veröffentlicht. Wie können offene Bildungsressourcen gefördert werden?

Die Bundesregierung arbeitet aktuell an der OER-Strategie. Das liegt mir sehr am Herzen, weil OER ein wichtiger Baustein für mehr Chancengleichheit ist. Offene Lernmaterialien bieten viele Chancen für Lehrkräfte & Schüler:innen und müssen öffentlich besser gefördert und zugänglich gemacht werden. Vergabekriterien sollten offene Standards bevorzugen. Dafür setze ich mich ein.

3. Die Bundesregierung hat eine Nationale Bildungsplattform in Auftrag gegeben, die bestehende Plattformen bündeln und Zugang zu Bildung verbessern soll. Was muss das Projekt aus Ihrer Sicht leisten?

Die Nationale Bildungsplattform sollte u.a. ein niedrigschwelliges Angebot für Lehrkräfte sein, um qualitätsgeprüftes Lehr- und Lernmaterial leichter zu finden. Hier wäre eine Art Gütesigel oder pädagogische AGBs für digitale Bildungsangebote wünschenswert. Viele weitere Funktionen der Plattform wären möglich, sollten aber genau geprüft werden, auch in Hinblick auf IT-Sicherheit und Datenschutz. Mir wichtig, dass hier ein Angebot entsteht, dass für alle offen ist und Bildung auch unabhängig von Institutionen zugänglich macht. So kann die nationale Bildungsplattform dazu beitragen, dass alle Menschen lebenslang lernen, sich weiterentwickeln und frei entfalten können – und wir können unserer Vision von Chancengleichheit deutlich näher kommen.

Mehr zur Nationalen Bildungsplattform
Unsere Impulse für die Nationale Bildungsplattform haben wir im neuen Politikbrief von Wikimedia Deutschland zusammengefasst. Den weiteren Prozess begleiten wir mit einer Studie – mehr Infos dazu demnächst.

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3 Fragen an Ria Schröder zum Thema Bildung

Passend zum Panel zur Nationalen Bildungsplattform auf der re:publica hatten wir Gelegenheit, mit der Bildungspolitischen Sprecherin der FDP im Bundestag, Ria Schröder, ein Twitter-Interview zum Thema Bildung zu führen.

1. Offene Bildungsangebote sind ein entscheidender Faktor für mehr Bildungsgerechtigkeit. Was muss die Politik jetzt tun, damit Bildung offener und gerechter für alle wird?

Bildung ist der Schlüssel für ein selbstbestimmtes Leben, deshalb schaffen wir mehr Gerechtigkeit in Deutschland vor allem über ein starkes Bildungssystem. Was wir brauchen

  • Verbesserung der frühkindlichen Bildung
  • Startchancen-Programm: Die besten Schulen da, wo Probleme und soziale Herausforderungen für Kinder + Jugendliche am größten sind
  • DigitalPakt 2.0
  • BAföG-Reform
  • Kooperationsgebot statt Kooperationsverbot

Deutschland braucht eine neue Kultur der Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern. Gerade durch die Digitalisierung und internationale Herausforderungen kann und muss der Bund sich stärker bei der Finanzierung, Koordinierung und Qualitätssicherung in der Bildung beteiligen.

2. Damit Bildung im digitalen Raum funktioniert, braucht es offene Lern- und Lehrmaterialien, die teil- und veränderbar sind. Die Bundesregierung hat jedoch immer noch keine umfassende #OER-Strategie veröffentlicht. Wie können offene Bildungsressourcen gefördert werden?

Ich sehe eine große Chance für hochwertige und Schüler:innen-orientierte Angebot statt träger und teurer Schulbuchmonopole. Dafür braucht es die richtigen Wettbewerbsbedingungen und leistungsfähige Internetverbindungen in den Schulen und zu Hause. Und: Ein neues Mindset: ehrkräfte sollten gefeiert werden, wenn sie anderen ihre Inhalte frei zur Verfügung stellen – mit der Gefahr, dass diese Feedback erhalten und dadurch noch besser werden. Da gibt es gerade richtig gute Entwicklungen unter den jungen Lehrkräften/ Referendaren. Während viele ältere ihr Material hüten, gibt es in der aktuellen Ausbildung einen zunehmenden Fokus darauf, dass Teamarbeit wichtig und hilfreich ist.

3. Die Bundesregierung hat eine Nationale Bildungsplattform in Auftrag gegeben, die bestehende Plattformen bündeln und Zugang zu Bildung verbessern soll. Was muss das Projekt aus Ihrer Sicht leisten?

Die Lernenden müssen im Mittelpunkt stehen. Ihnen muss eine individuelle und interaktive Bildungsreise angeboten werden. Das Internet ist voll von mehr oder weniger guten Apps, Lernvideos und Online-Kursen. Diesen Dschungel zu kuratieren und passende hochqualitative Inhalte zugänglich zu machen, könnte eine große Chance sein, gerade für das lebenslange Lernen.

Mehr zur Nationalen Bildungsplattform
Unsere Impulse für die Nationale Bildungsplattform haben wir im neuen Politikbrief von Wikimedia Deutschland zusammengefasst. Den weiteren Prozess begleiten wir mit einer Studie – mehr Infos dazu demnächst.

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3 Fragen an Marja-Liisa Völlers zum Thema Bildung

Auch die SPD-Bundestagsabgerodnete Marja-Liisa Völlers hat uns in diesem Twitter-Interview drei Fragen zum Thema Bildung beantwortet.

1. Offene Bildungsangebote sind ein entscheidender Faktor für mehr Bildungsgerechtigkeit. Was muss die Politik jetzt tun, damit Bildung offener und gerechter für alle wird?

Ein Weg ist die stärkere Förderung von offenen und auch digitalen Bildungsangeboten. Allerdings nur als Mittel zum Zweck und nicht als Selbstzweck. Begleitet durch pädagogische Unterstützung und mehr Förderung von #Medienkompetenz kann mehr #Chancengleichheit in Schulen gelingen.

2. Damit Bildung im digitalen Raum funktioniert, braucht es offene Lern- und Lehrmaterialien, die teil- und veränderbar sind. Die Bundesregierung hat jedoch immer noch keine umfassende #OER-Strategie veröffentlicht. Wie können offene Bildungsressourcen gefördert werden?

Ein Gesamtkonzept, welches enthält: Vernetzungsmöglichkeiten von allen Akteuren, Finanzierung für eine gemeinsame (weitere) Entwicklung, verstetigte Unterstützung zur Erneuerung von Lern- und Lehrmaterialien & eine Veröffentlichungsstrategie zur Bekanntmachung von #OER #OERde.

3. Die Bundesregierung hat eine Nationale Bildungsplattform in Auftrag gegeben, die bestehende Plattformen bündeln und Zugang zu Bildung verbessern soll. Was muss das Projekt aus Ihrer Sicht leisten?

Für mich ist bei der Nat. #Bildungsplattform wichtig: qualitätssichernde Zugangsvoraussetzungen für Anbietende, intuitive Nutzung für alle (Schule-Weiterbildung), barrierefreier Zugang – auch bei verlinkten Seiten & eine Gleichbehandlung von offenen und anderen Bildungsangeboten.

Mehr zur Nationalen Bildungsplattform
Unsere Impulse für die Nationale Bildungsplattform haben wir im neuen Politikbrief von Wikimedia Deutschland zusammengefasst. Den weiteren Prozess begleiten wir mit einer Studie – mehr Infos dazu demnächst.

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3 Fragen an Tabea Rößner zum Thema Daten

Im Rahmen der re:publica sprach die Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen und Vorsitzende des Digitalausschusses, Tabea Rößner, mit uns über das Thema Daten.

1. Daten sind das neue Grundwasser! – Damit wirbt @wikimediade für Gemeinwohl-Fokus in der Datenpolitik. Die Verwaltung verfügt über gewaltige Datenmengen, die dem Gemeinwohl zugute kommen könnten – wenn sie öffentlich zugänglich wären. Wie kann das besser gelingen?

Ich bin froh, dass fast niemand mehr sagt Daten seien das neue Öl, denn davon müssen wir uns unabhängig machen. Der Vergleich mit dem Grundwasser zeigt, was das Ziel unserer Datenpolitik und der Verwaltungsdigitalisierung ist: Es geht um das Gemeinwohl. Mit einem neuen Datengesetz haben wir – im Rahmen der DSGVO und Data (Gov) Act – endlich die Chancen von Open Data für alle nutzbar machen.

2. Was steuerfinanziert ist, sollte allen Menschen grundsätzlich frei zur Verfügung stehen. Dafür braucht es entsprechende rechtliche Rahmenbedingungen. Wir setzen uns z. B. dafür ein, dass amtliche Werke grundsätzlich gemeinfrei sind. Wie stehen Sie dazu?

Der Streit um das Glyphosat-Gutachten hat gezeigt: Das Urheberrecht wird häufig als Vorwand missbraucht, um missliebige Berichterstattung zu verhindern. Das Interesse an der öffentlichen Zugänglichmachung und weiteren Nutzung überwiegt aber meines Erachtens meist das amtliche Urheberrechtsinteresse. Ich setze mich daher dafür ein, dass Werke von öffentlichen Stellen, in der Regel durch Gemeinfreiheit größtmöglich nutzbar sind.

3. Im #KoaVertrag hat die Ampel den Rechtsanspruch auf #OpenData versprochen, aber noch wurde nichts umgesetzt. Worauf kommt es aus Ihrer Sicht bei der Umsetzung an?

Neben dem Rechtsanspruch auf Open Data sieht der Koalitionsvertrag auch ein eigenes Datengesetz vor. Diese Vorhaben müssen wir jetzt angehen. Wichtig ist, dass wir weite Ausnahmebereiche oder eine Aufweichung des Datenschutzes verhindern.

Mehr zum Thema Daten
Daten sind das neue Grundwasser – das versinnbildlicht unsere #Datenpumpe. Der Umgang mit Daten sollte nicht von wirtschaftlichen Interessen geleitet sein, sondern von dem Beitrag, den sie für das Gemeinwohl leisten können. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag.

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Wie müssen sich die Vorstellungen von Bildung verändern, damit Lernen im digitalen Raum wirklich gelingt?

FELICITAS MACGILCHRIST: Eine Antwort auf diese Frage scheint uns nur möglich, wenn wir die Digitalisierung als einen kulturellen Transformationsprozess begreifen, der nicht nur neue Formate des Lehrens und Lernens ermöglicht, sondern der in tiefgreifender Weise Einfluss darauf nimmt, wie wir mit „Wissen“ umgehen, wie wir uns zueinander in Beziehung setzen und uns selbst in der Welt verorten.

HEIDRUN ALLERT: Lern- und Bildungsangebote müssen die sich rapide wandelnden digitalen und netzbasierten Wissens- und Machtpraktiken, die unser privates, berufliches und gesellschaftliches Zusammenleben durchziehen, praktisch greifbar machen. Somit können sie auch aufzeigen, wie wir gemeinsam alternative Technologien mitgestalten können. Für die gemeinsame Einübung und Reflexion entsprechender Wissensund Datenpraktiken spielen partizipative und forschende Lernszenarien eine zentrale Rolle.

Diesen und weitere Beiträge zur Nationalen Bildungsplattform jetzt nachlesen im Wikimedia-Politikbrief.

Worin besteht das Potenzial, worin die Risiken eines so groß aufgesetzten Projekts wie der Nationalen Bildungsplattform?

CHRISTOPH RICHTER: Das Potenzial besteht darin, Technologien, Plattformen und Infrastrukturen nicht als neutral zu betrachten, sondern zu verstehen, dass sie Bildung mitbestimmen. Die Nationale Bildungsplattform bietet Anlass zu einer Diskussion darüber, wie wir uns ein zukunftsweisendes Bildungssystem vorstellen und welcher sozialen wie auch technischen Infrastruktur es hierfür bedarf. Der weite Zielhorizont des Projekts bietet dabei die Gelegenheit, auch informelle Bildungsangebote, etwa im Bereich der kulturellen und politischen Bildung, in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung anzuerkennen und strukturell zu fördern.

HEIDRUN ALLERT: Umgekehrt besteht ohne einen entsprechenden Diskurs die Gefahr, dass die Nationale Bildungsplattform dysfunktionale Strukturen des gegenwärtigen Bildungssystems nicht nur reproduziert, sondern auch verstetigt. Grundlegende Fragen betreffen hierbei etwa den Zugang zu (digitalen) Bildungsangeboten, die Rolle kommerzieller Bildungsanbieter wie auch die Überindividualisierung, Vermessung und Steuerung von Bildungsprozessen.

Wikimedia Deutschland tritt für Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe aller an Bildung ein. Was muss die Nationale Bildungsplattform bieten, um dazu beizutragen?

FELICITAS MACGILCHRIST: Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe erschöpfen sich nicht im freien Zugang zu Bildungsangeboten und Lernmaterialien, sondern umfassen auch die Möglichkeit zur aktiven Mit- und Ausgestaltung der Angebote und Formate. Bildung als existenzielle Grundlage für eine demokratische, pluralistische und tolerante Gesellschaft setzt voraus, dass die Beteiligten darüber mitentscheiden können, welche Themen, Fragen und Anliegen sie im Rahmen gemeinsamer Lernprozesse adressieren wollen und in welcher Weise sie dies tun möchten. Die hiermit verbundenen Konflikte sind unumgänglicher Bestandteil dieser Prozesse.

CHRISTOPH RICHTER: Die nationale Bildungsplattform kann hierzu einen Beitrag leisten, indem sie partizipative Bildungsangebote in besonderer Weise fördert und Formate unterstützt, in denen sich die Lernenden selbst organisieren und sich ihre eigenen Lern-, Arbeits- und Forschungsumgebungen schaffen können. Die Fähigkeit zur Selbstorganisation, Teamarbeit und Kreativität darf dabei jedoch nicht vorausgesetzt, sondern muss kontinuierlich entwickelt werden.

Unsere Interviewpartner*innen

Heidrun Allert ist Professorin der Pädagogik, Schwerpunkt Medienpädagogik/Bildungsinformatik, an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Felicitas Macgilchrist ist Leiterin der Abteilung Mediale Transformationen am Leibniz-Institut für Bildungsmedien und Professorin an der Georg-August-Universität Göttingen.

Christoph Richter ist Co-Leiter des Critical Data and Automation Literacy Labs und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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Wikimedia Deutschland tritt für Bildung als Gemeingut und eine Form des transformativen Lernens ein, die Gerechtigkeit, Mündigkeit und selbstbestimmtes Lernen in der digitalen Welt in den Vordergrund rückt. Das bedeutet, selbstbestimmte Lernformen in formellen und informellen Kontexten zu fördern, die Menschen in Beziehungen zu anderen und der Welt ins Zentrum stellen. Transformative Lernprozesse fokussieren sich weniger auf das Erreichen eines vordefinierten Lernziels, sondern auf die Lernerfahrung selbst. Dazu gehört auch, dass beispielsweise Reflexion, kritisches Engagement und differenzierte Selbsteinschätzungen in die Bewertung von Lernerfolgen einfließen.

Aus Sicht von Wikimedia Deutschland ist die persönliche Weiterentwicklung im Lernprozess wichtiger als das Zertifikat. Nur so kann Lernen – und zwar lebenslanges Lernen – ein Grundpfeiler offener, innovationsfähiger Gesellschaften sein. Diese Empfehlung teilt u. a. die OECD, die in ihrem Lernkompass 20303 herausstellt, wie wichtig kritisches Denken, Kreativität und Transformationskompetenzen auch für alternative Lösungen komplexer Probleme sind. Letztlich bestimmt die Qualität der Lernerfahrung, wie die gemeinschaftliche Auseinandersetzung und die Aneignung der digitalen Welt stattfinden – und ob das Internet Nutzenden einen digitalen Gestaltungsraum eröffnet oder sie bloß zum Konsum animiert. Nur wenn die Nationale Bildungsplattform Lernen offen denkt, kann digitale Bildung in Deutschland dazu beitragen, gesellschaftliche Probleme zu lösen.

Diesen und weitere Beiträge zur Nationalen Bildungsplattform jetzt nachlesen im Wikimedia-Politikbrief.

Offenheit als Schlüssel

Offenheit ist ein Katalysator transformativer Bildung. Sie zeichnet sich durch ihr Potenzial aus, Lernende zu ermuntern, kritisch-konstruktiv mit Inhalten umzugehen. Sie regt an, mit anderen zusammenzuarbeiten und selbst Lerninhalte zu erschaffen, die geteilt und verändert werden können. So kann sich die Lernumgebung entlang der Bedarfe von Lernenden weiterentwickeln. In ihrer Empfehlung zu Open Educational Resources4 (OER) hebt die UNESCO hervor, dass offene Bildungsmaterialien nicht nur spezifische Anreize für innovative pädagogische, didaktische und methodische Ansätze setzen, sondern auch in besonderer Weise für eine Pädagogik, die auf die Selbstbestimmung von Menschen mit spezifischen Bedarfen abzielt. Damit ermöglichen OER beispielsweise Zugänge für Menschen mit Behinderungen oder Menschen, die aus marginalisierten Gruppen kommen.

Mehr Transparenz bei Planung, Gestaltung und Erprobung

Offen gestaltet kann Bildungspraxis ein zentraler Treiber für mehr gesellschaftliche Teilhabe sein. Ganz ähnlich wie bei den auf Kollaboration und Communitys aufgebauten Wikimedia-Projekten Wikipedia, Wikidata oder Wikimedia Commons können Lernende dann nämlich erleben, dass sie ihr soziales und digitales Umfeld aktiv mitgestalten können. Dies lässt sich auch auf politische Meinungsbildungsprozesse übertragen: Das von Wikimedia Deutschland und der Open Knowledge Foundation Deutschland durchgeführte Forum Open Education5 ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie Ansätze für eine zeitgemäße Bildung in einem direkten Austausch zwischen Bildungspraktiker*innen und Parlamentarier*innen erarbeitet werden können. Diese Art von offenem und öffentlichem Diskurs käme auch der Entwicklung der Nationalen Bildungsplattform zugute.

Zuversichtlich stimmt, dass die Nationale Bildungsplattform neben proprietären, herstellergebundenen Modellen auch auf offene Softwarestandards setzt. In Sachen Informationsfluss und Beteiligung zeigt sich die Entwicklung der Nationalen Bildungsplattform allerdings bisher verschlossen. Deshalb wirbt Wikimedia Deutschland für mehr Transparenz in der Planung, Gestaltung und vor allem Erprobung im Prozess. Mehr Offenheit für die Nationale Bildungsplattform kann zu transformativem Lernen beitragen und Bildung als demokratisches Gemeingut stärken.

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Die Nationale Bildungsplattform stellt ein zentrales Projekt des Bundes dar, das die Digitalisierung im Bildungsbereich voranbringen soll. Laut Ausschreibung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) hat die Bildungsplattform das Ziel, eine „Meta-Plattform vernetzter digitaler Bildungsangebote“ zu schaffen. Sie soll „ein technisches und organisatorisches Ökosystem“ bieten, das sowohl bereits bestehende Lernsysteme der Bundesländer als auch Produkte neuer – kommerzieller wie nicht kommerzieller – Anbieter miteinander vernetzt. So soll ein übergreifender digitaler Lernraum mit Angeboten für Lernende, Lehrende und Institutionen entlang aller Abschnitte des lebenslangen Lernens entstehen. Nutzende sollen einen einfachen Zugang haben und in einer individualisierten Lernumgebung möglichst barrierefrei an Bildung teilhaben können.

Diesen und weitere Beiträge zur Nationalen Bildungsplattform jetzt nachlesen im Wikimedia-Politikbrief.

Damit ist ein äußerst ambitioniertes Projekt umrissen, das auch international seinesgleichen sucht. Welche Bedarfe im Bildungssystem genau mit der Plattform adressiert, welche konkreten Ziele verfolgt und wie genau diese umgesetzt werden sollen, ist bisher weitestgehend unbekannt. Doch bereits jetzt zeichnet sich ab, dass hinter der Ambition, eine rein technisch-regulative Infrastruktur zu schaffen, die höchst problematische Annahme steckt, es handele sich bei der Nationalen Bildungsplattform um eine neutrale Hülle, die es später mit pädagogischen Inhalten zum Leben zu erwecken gelte.

Aber es gibt keine neutralen Plattformen. Im Gegenteil: Plattformen sind grundsätzlich politisch, wie Michael Seemann in seinem aktuellen Buch „Die Macht der Plattformen“ zeigt. Demnach werden durch technische Festlegungen über Protokolle, Datenspeicherung, Algorithmen und Schnittstellen zu einem frühen Zeitpunkt Pfadentscheidungen getroffen, die u. a. die Weichen dafür stellen, welche Idee von Bildung und Lernen digital abgebildet kann und welche nicht.

Wie technische Entscheidungen Bildung steuern und Lernerfolge prägen

Im Falle der Nationalen Bildungsplattform ist zu erwarten, dass diese Entscheidungen beispielsweise vorgeben, wie Nutzer*innen Zugang zur Plattform erhalten, wie sie miteinander in Kontakt treten, welche Bildungs inhalte sie auffinden, verwenden und speichern können. In letzter Konsequenz erfolgt so eine grundlegende Vorentscheidung darüber, wie Lernen stattfinden kann, was Lernerfolge kennzeichnet, welche Formen von Bildung im Verlauf einer Lernbiografie als wertvoll anerkannt und welche als unwichtig aussortiert werden. Das lässt sich an zwei Beispielen veranschaulichen:

1. Top-down- vs. Bottom-up-Struktur

Wer entscheidet wie über die Auswahl der verfügbaren Inhalte auf einer Plattform, über die zugrunde liegenden Lernziele, Kompetenzmodelle und Lernpfade? Diese Frage wird im Grunde schon bei der Erarbeitung der sogenannten Governance-Struktur, die zukünftige Steuerungs- und Planungsprozesse festlegt, sehr früh im Projektverlauf beantwortet. Eine Plattform mit einer starken Top-down-Struktur, in der etwa Expert*innen-Gremien Inhalte definieren und in Kompetenzmodelle, Lernziele und -pfade gießen, geht implizit davon aus, dass Lernen ein gleichförmiger, linear steuerbarer Prozess ist: Das Ergebnis des Lernens und der Weg dorthin werden zentral festgelegt.

In einer communitybasierten Bottom-up-Governance-Struktur hingegen werden sowohl die zugrunde liegenden Regeln als auch die Inhalte kollaborativ erarbeitet – ganz ähnlich, wie es etwa in der Wikipedia der Fall ist. Sie geht von einem Lernprozess aus, der in produktiver Weise ergebnisoffen bleibt. Lernziel und -leistung können von den Lernenden selbst beeinflusst werden.

2. Formelle vs. informelle Lernleistungen

Eine weitere Vorentscheidung betrifft die Rolle der Zertifizierung innerhalb der Nationalen Bildungsplattform. Der u. a. durch die Universität Potsdam entwickelte Prototyp „Bildungsraum Digital“ sieht vor, dass Nutzende ihre Zertifikate und Ergebnisse von Prüfungen in einem Wallet (eine Art elektronische Brieftasche) ablegen und so ein Leben lang abrufen können. Während der Ansatz durchaus praktisch ist, nimmt die technische Entscheidung, Zertifizierung zum Kernelement der Bildungsplattform zu erheben, gleichzeitig eine Wertung vor. Was zertifizierbar ist, stellt einen Lernerfolg dar und nimmt somit direkten Einfluss darauf, was als Fortschritt auf dem Bildungsweg eines Menschen anerkannt wird.

Zweifellos birgt die digitale Zertifikatsverwaltung Potenziale. Allerdings besteht das Risiko ungewollter Nebeneffekte, durch die die ohnehin in Deutschland strukturell verankerte Vormachtstellung formeller Bildung weiter zementiert wird und alternative Lernprozesse abgewertet werden. Wie stünde es dann um die Anerkennung von Lernleistungen in nicht formellen Kontexten, wie sie etwa Wikipedianer*innen im digitalen Ehrenamt erbringen? Wie ließe sich das autodidaktische Erlernen einer Programmiersprache oder der selbst initiierte Erwerb kommunikativer und sozialer Kompetenzen im Umgang mit anderen Menschen erfassen? Solche Lehr-/Lernprozesse und -erfolge sowie Formen der Beurteilung ohne zertifizierte Abschlüsse laufen Gefahr, es nicht in die elektronische Brieftasche zu schaffen.

Diese Beispiele illustrieren die weitreichenden Folgen vermeintlich rein technischer Designentscheidungen. Die Nationale Bildungsplattform hat allein durch ihre Strukturierung einen erheblichen Einfluss darauf, wie lebenslanges Lernen verstanden und praktiziert wird. Damit kündigt sich schon zu einem frühen Zeitpunkt der Plattformentwicklung ein Spannungsfeld zwischen dem Neutralitätsversprechen der Nationalen Bildungsplattform und den gesellschaftspolitischen Implikationen für das demokratische Gemeingut Bildung an. Die Tragweite des Themas verlangt nach einer breit angelegten, öffentlichen Debatte verschiedener Interessensgruppen, die sich in einem transparenten Prozess über implizite Werte und Ziele sowie pädagogische Standards digitalen Lernens verständigen.

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Wikimedia Deutschland auf der re:publica 2022

12:26, Tuesday, 31 2022 May UTC

Zwei Jahre lang konnte die re:publica nur virtuell stattfinden, jetzt kehrt die Konferenz nach Berlin zurück: Vom 8. bis 10. Juni treffen sich unter dem Motto „Any Way The Wind Blows“ Menschen aus den unterschiedlichsten Kontexten, um die digitale Gesellschaft und ihre Auswirkungen zu erörtern. Auch Wikimedia Deutschland ist wieder mit einem eigenen Stand, dem „Park des Freien Wissens”, und drei Sessions vertreten.

Unsere Sessions auf der re:publica 2022

08.06.2022 12:00 – 12:30, Stage 2

Public value broadcasting: Any Way the Content Flows

Ein erheblicher Teil der journalistischen Arbeit weltweit, einschließlich der Berichterstattung und der Überprüfung von Fakten, wird mit öffentlichen Geldern finanziert. Diese Inhalte sollten unter freier Lizenz zur Verfügung stehen, um von allen genutzt, geteilt und bearbeitet werden zu können. Die größten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland lizenzieren bereits einige ausgewählte Inhalte unter einer Creative-Commons-Lizenz. Wie und warum es mehr werden sollten und warum auch andere Public Broadcasters davon profitieren können, diskutieren Christian Humborg, Geschäftsführender Vorstand von Wikimedia Deutschland, Nadine Bilke, Programmleiterin des ZDF, und Anna von Garmissen, Journalismusforscherin und Medienjournalistin.

08.06.2022 12:30 – 13:00, Stage 2

In Bewegung bleiben: Wie man eine globale, offene, und partizipative Strategieentwicklung navigiert – und überlebt.

Wofür wird das Wikimedia-Movement, die globale Bewegung hinter Wikipedia, im Jahr 2030 bekannt sein? Und wie können diejenigen inkludiert werden, die bisher aufgrund bestehender Machtstrukturen eher außen vor waren? Hunderte Freiwillige und Organisationen weltweit haben sich diese Frage gestellt und gemeinsam in radikaler Offenheit und Transparenz eine Strategie für die Zukunft entwickelt. Nicole Ebber, Leitung Movement Strategy & Global Relations bei Wikimedia Deutschland, hat diesen Prozess geleitet und wird einen Einblick in Herausforderungen, Zweifel und gemeinsame Erfolge geben.

09.06.2022 12:30– 13:30, Stage 2

Die Politik der Bildungsplattform: Werte und Standards in digitalen Lerninfrastrukturen

Die geplante und vom BMBF geförderte Nationale Bildungsplattform (NBP) soll einen großen Beitrag zu einem zeitgemäßen digitalen Bildungsangebot leisten. Doch auch im Bildungsbereich sind Plattformen keine neutrale Infrastruktur. Sie steuern implizit Interaktionen, Entscheidungen, Lernformate und -räume und greifen so tief in Bildungsprozesse ein. Eine Diskussion über implizite Werte und nötige Standards von Bildungsplattformen – mit Prof. Felicitas Macgilchrist, Leiterin “Mediale Transformationen” am Leibniz-Institut für Bildungsmedien, Prof. Ulrike Lucke, Lehrstuhl für Komplexe Multimediale Anwendungsarchitekturen an der Universität Potsdam, Autor Michael Seemann und Heike Gleibs, Leitung Bildung, Wissenschaft & Kultur bei Wikimedia Deutschland.

Park des Freien Wissens

Das gemeinwohlorientierte Internet braucht viele Räume – genau wie öffentliche Parks, die gemeinschaftlich kultivierte Räume der Begegnung und freien Meinungsäußerung sind und gleichzeitig nach bestimmten Regeln funktionieren. In unserem Park des Freien Wissens gibt es eine Datenpumpe, aus der bei jedem Pumpvorgang zufällig ausgewählte Daten der freien Wissensdatenbank Wikidata fließen. Die Datenpumpe macht deutlich, dass öffentliche Daten ein Gemeingut sind und als solches behandelt werden sollten: „Daten sind das neue Grundwasser” und sollten der Allgemeinheit grundsätzlich frei zur Verfügung stehen und allen Menschen nützen.

Alles rund um Wikipedia und Wikimedia am Stand!

Wikimedia-Communitys sind groß und vielfältig. Egal ob du dich für Freies Wissen, offene Daten oder frei lizenzierte Werke interessierst und egal, ob du gern Texte schreibst, programmierst oder fotografierst – du bist herzlich willkommen bei uns am Stand! Hier kannst du mit Mitarbeitenden alles rund um Wikipedia und Wikimedia besprechen und herausfinden, wie du dich einbringen kannst. Zum Beispiel mit der 30-Tage-Wikipedia-Challenge oder einfach über Wikimedia Deutschland: Mach mit!

Wir freuen uns auf viele gute Gespräche auf der re:publica!

Von Wikimedia Deutschland stehen folgende Personen für Gesprächsverabredungen vor Ort bereit – schreiben Sie uns gerne an:

Simone Orgel, Bereichsleitung Communitys, Gesellschaft, Politik
simone.orgel@wikimedia.de

Team Politik & Öffentlicher Sektor

Lilli Iliev, Leitung Politik & Öffentlicher Sektor
lilli.iliev@wikimedia.de

Justus Dreyling, Referent Internationale Regelsetzung
justus.dreyling@wikimedia.de

Anna Mazgal, Senior EU policy advisor (englisch)
anna.mazgal@wikimedia.be

Jan-David Franke, Projektmanager Politik & Öffentlicher Sektor
jan-david.franke@wikimedia.de

Team Bildung, Wissenschaft & Kultur

Heike Gleibs, Leitung Bildung, Wissenschaft & Kultur
heike.gleibs@wikimedia.de

Dominik Scholl, Leitung Bildung, Wissenschaft & Kultur
dominik.scholl@wikimedia.de

Sarah-Isabella Behrens, Projektmanagerin Bildung, Wissenschaft & Kultur
sarah.behrens@wikimedia.de

Nico Schneider, Projektmanager Bildung, Wissenschaft & Kultur
nico.schneider@wikimedia.de

Riham Abed-Ali, Projektmanagerin Wissensgerechtigkeit
riham.abed-ali@wikimedia.de

Team Communitys & Engagement

Verena Lindner, Leitung Team Communitys & Engagement
verena.lindner@wikimedia.de

Sandro Halank, Projektmanager Freiwilligenmanagement
sandro.halank@wikimedia.de

Anna Čenić, Projektmanagerin Community-Projekte
anna.cenic@wikimedia.de

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picsome startet in die offene Betaphase

14:56, Tuesday, 24 2022 May UTC

Dort wo Menschen in ihrem beruflichen Alltag viel mit Bildern und Fotos arbeiten, bietet frei lizenziertes Bildmaterial ein enormes Potenzial: Lehrer*innen können damit freie Bildungsmaterialien erstellen, sogenannte Open Educational Resources; Journalist*innen können die Bilder frei für ihre Veröffentlichungen verwenden, ohne dabei Gebühren zahlen zu müssen. 

Obwohl es noch viele weitere Nutzungsmöglichkeiten für frei lizenzierte Bilder außerhalb der Wikimedia Projekte gibt, machen nur wenige Menschen davon Gebrauch. Vor einiger Zeit haben wir uns daher überlegt, wie wir den Nutzen frei lizenzierter Bilder für die Gesellschaft erhöhen und dazu beitragen können, dass mehr Menschen aus verschiedenen Bereichen diese im Rahmen ihrer Arbeit verwenden. Unsere Antwort lautet: picsome.

Was ist picsome?

Die neue Anwendung picsome ist eine Social-Bookmarking-Plattform, mit der frei lizenzierte Bilder von Wikimedia Commons und Flickr von den Nutzenden gesucht, gesammelt und verwaltet werden können. Damit wird frei lizenziertes Bildmaterial zugänglicher, leichter verwendbar und attraktiver. Welche Bilder über die Seite gefunden und gesammelt werden können, bestimmen dabei die Nutzenden selbst: in gemeinschaftlicher Arbeit gestalten sie die Sammlung und Kuration der Inhalte. Fünf Monate nach dem Start der geschlossenen Betaphase geht picsome nun als offene Betaversion erstmals live und kann auch ohne Registrierung getestet und verwendet werden. 

Was kann ich mit picsome machen?

picsome ist die technische Nachfolger des beliebten Lizenzhinweisgenerators und soll dessen Funktionalitäten in einem größeren Umfang verfügbar und auch für Bilder anderer Repositorien nutzbar machen. Die korrekte und lizenzkonforme Verwendung von freien Bildern wird von Nutzenden oft als kompliziert wahrgenommen und selbst Menschen mit Kenntnissen über freie Lizenzen berichteten uns, dass sie sich unsicher in Bezug auf mögliche Verwendungsmöglichkeiten und die Erstellung korrekter Lizenzhinweise fühlen. Dementsprechend lässt sich mit picsome – wie schon beim Lizenzhinweisgenerator – schnell und einfach ein solcher Lizenzhinweis für das jeweilige Bild erstellen, der dann für die jeweilige Veröffentlichung genutzt werden kann. 

Darüber hinaus können auf picsome Bilder, die auf Wikimedia Commons oder Flickr gehostet sind, gebookmarkt, in Sammlungen organisiert und mit anderen geteilt werden. Die Suche nach geeignetem Bildmaterial wird von den Nutzenden oft als sehr aufwändig wahrgenommen, unter anderem weil es inzwischen zahlreiche Plattformen gibt, auf denen frei lizenzierte Bilder in großer Zahl und unterschiedlicher Qualität angeboten werden. Alleine auf Wikimedia Commons finden sich mittlerweile über 80.000.000 Mediendateien. Hier soll picsome helfen, hochqualitative Bilder schneller zu finden, bzw. wiederzufinden und für die spätere Verwendung zu speichern. Die Sammlungen können dabei nicht nur alleine sondern auch kollaborativ mit anderen Nutzenden erstellt und bearbeitet werden. Und wer keine Lust hat, alle Bilder zu einem bestimmten Thema händisch in picsome zusammenzusuchen, kann nun mit einem Klick auch automatisch eine Sammlung erstellen lassen (Smarte Sammlungen). Sammlungen lassen sich teilen, beispielsweise mit Freund*innen oder Kolleg*innen – So lässt sich picsome beispielsweise auch als eine offene Galerie für die eigenen Lieblingsbilder nutzen. 

Die Nutzenden können nicht nur selbst Bilder hinzufügen, sondern auch Bilder, die von anderen hinzugefügt wurden durchsuchen, um sie zu sammeln oder zu verwenden. Die Suchfunktion basiert dabei auf Tags, die mit Wikidata-Items verknüpft sind und von den Nutzenden selbst zu den jeweiligen Bildern hinzugefügt werden.

Für wen ist picsome?

picsome richtet sich in erster Linie an Menschen, die in ihrer beruflichen Arbeit regelmäßig freie Inhalte erstellen und veröffentlichen und dafür auf hochqualitatives Bildmaterial angewiesen sind, z.B. in Bildungseinrichtungen wie Schulen und Hochschulen. Aber auch für Blogger*innen oder Journalist*innen, die oft mit Bildmaterial arbeiten ist die Plattform interessant. Ebenso richtet sich die Seite auch an Fotograf*innen, die ihre Bilder unter freier Lizenz auf Commons oder Flickr veröffentlichen und ein Interesse daran haben, dass sie verbreitet und nachgenutzt werden.

Was ist unser Ziel?

picsome soll zum ersten Anlaufpunkt für qualitative und lizenzkonform verwendbare Bilder werden. Deshalb möchten wir alle Interessierten einladen, picsome auszuprobieren und uns Feedback zu geben, um uns dabei zu helfen, die Anwendung noch besser zu machen. Wir freuen uns über Feedback in diesem Online-Fragebogen. Wer picsome gerne mit uns kennenlernen und uns eine direkte Rückmeldung geben möchte, kann hier einen Termin auswählen. Also: Spread the word und viel Spass beim Testen!

Gemeinsam können wir die beste Sammlung freier und qualitativ hochwertiger Bilder erstellen! 


Übrigens: Natürlich wurde picsome Open Source entwickelt, das heißt, dass die Software und Infrastruktur offen und frei zugänglich sind. Der gesamte Quellcode des Dienstes wird unter der Modified-BSD License (https://opensource.org/licenses/BSD-3-Clause) veröffentlicht. Der Code kann auf GitHub (https://github.com/wmde/picsome) eingesehen, heruntergeladen und anschließend verändert und neu veröffentlicht werden.

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Der Wikimedia Accelerator UNLOCK geht in die dritte Runde! In diesem Jahr hat sich Wikimedia Deutschland mit Wikimedia Serbien und Impact Hub Belgrad zusammengetan, um das Programm gemeinsam zu gestalten und umzusetzen. Gemeinsam rufen wir Entwickler*innen, Sozialunternehmer*innen und Kreative aus der DACH-Region sowie den Westbalkan-Communitys (inkl. den Ländern Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien) auf sich zu bewerben!

Was die Teilnehmenden erwartet?

1 Wir helfen euch, Dinge in Bewegung zu setzen

Ihr habt eine tolle Idee im Kopf und wollt sie endlich in die Tat umsetzen? UNLOCK ist ein ergebnisorientiertes Programm, das auf die spezifischen Bedürfnisse eures Projekts eingeht. In einem viermonatigen, strukturierten Online-Programm erhaltet ihr professionelles Coaching, Zugang zu und Beratung durch Expert*innen und bei Bedarf finanzielle Unterstützung in Form eines Stipendiums. Zum Ende des Programms werdet ihr einen voll funktionsfähigen, getesteten und validierten Prototyp oder ein Minimum Viable Product (MVP) entwickelt haben – garantiert!

2 Dies ist eure Chance, Teil einer Community zu sein

Wir bei UNLOCK glauben, dass wir gemeinsam stärker sind. Deshalb fördern wir den Austausch unter den Teilnehmenden und die aktive Zusammenarbeit über die Projektarbeit hinweg. Die Anzahl der Teams, die am UNLOCK Accelerator teilnehmen, halten wir bewusst klein. In diesem familiären Rahmen ist der Aufbau von Vertrauen und Beziehungen untereinander leichter zu bewerkstelligen. In regelmäßigen projektübergreifenden Momenten der Reflexion und des Austauschs habt ihr die Möglichkeit, von Ihren Peers zu lernen, Kenntnisse auszutauschen, euch gegenseitig zu motivieren und Synergien zu schaffen, an die ihr bisher vielleicht noch gar nicht gedacht habt!

3 Gemeinsam gestalten wir unsere Gesellschaft nachhaltig mit

Ihr seid nicht auf schnellen Profit aus, sondern wollt die Dinge zum Besseren verändern? Ihr glaubt, dass der Zugang zu Freiem Wissen für eine zukunftsfähige Gesellschaft unerlässlich ist? Bei UNLOCK sind wir auf der Suche nach eurer Projektidee, die soziale und technische Hürden abbaut, damit mehr Menschen am Wissen teilhaben, es nutzen und mehren können – Projekte, die Wissensgerechtigkeit schaffen. Lasst uns Vorurteile, Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten bekämpfen und eine diversere und gerechtere Wissensgesellschaft für alle schaffen!

BEWERBT EUCH JETZT!

Bewerbungsschluss ist der 29. Mai. Wir freuen uns, von eurer großartigen Idee zu hören!

Die Programmsprache ist Englisch. Weitere Details über das Programm und die Teilnahmebedingungen findet ihr auf unserer UNLOCK-Website: https://www.wikimedia.de/unlock/ 

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Andrea Wallace ist Dozentin der Rechtswissenschaften an der University of Exeter, Mitglied des Centre for Science, Culture and the Law at Exeter (SCuLE) und Co-Direktorin des GLAM-E Labs (Law School and Digital Humanities), das in Zusammenarbeit mit dem Engelberg Centre on Innovation Law and Policy an der NYU Law School eingerichtet wurde.

Der Schwerpunkt ihrer Forschung liegt auf den Schnittstellen des Kunst- und Kulturerberechts mit dem digitalen Bereich und der Verwaltung des digitalen Erbes. Neben einer Vielzahl von Arbeiten und Projekten verfasst Andrea Wallace Texte und hält Präsentationen zu offener Kultur und den Auswirkungen, die ein Urheberrechtsanspruch auf Reproduktionen auf einen sinnvollen Zugang zum gemeinfreien Kulturerbe hat.

In der WMDE-Blogserie, die sich mit der Rolle der Digitalisierung im Umgang von Institutionen mit Sammlungen aus kolonialen Kontexten befasst, erzählt Andrea Wallace mehr über den kniffligen rechtlichen Status der Digitalisate dieser Sammlungen.

Diese Blogpostreihe heißtOffen und gerecht!”. Im Vorbereitungsgespräch haben Sie erwähnt, dass Sie, nachdem Sie sich der Open-Access-Bewegung angeschlossen hatten, begonnen haben, sich über die Ethik des Strebens nach Offenheit Gedanken zu machen. Könnten Sie das etwas erläutern? Wo sehen Sie Spannungen?

Ich würde vielleicht nicht von der „Ethik des Strebens nach Offenheit”, sondern eher von Systemen und Werten, die die Entscheidungsprozesse prägen, sprechen, wer einbezogen wird und wie schnell diese Entscheidungen getroffen werden.

„Offen” birgt ein Gefühl für fundamentale Gerechtigkeit in sich. Die Bewegungen zur Offenheit müssen seit langem dafür eintreten, dass „Offenheit” eine ethische Entscheidung ist. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung damit, dass die derzeitigen Aspekte des Urheberrechtssystems möglicherweise nicht der beste Weg sind, die Rechte der Urheber*innen in Einklang mit Zugang und Wissensfortschritt zu bringen. Innerhalb des Bereichs des Kulturerbes erstrecken sich diese Bemühungen auf der Aufklärung, dass für bestimmte digitale Materialien, die bei der Reproduktion und dem Management von Sammlungen entstehen, gegebenenfalls kein neues Urheberrecht entsteht. Gleichzeitig setzt man sich dafür ein, dass diese Materialien erkennbar urheberrechtsfrei veröffentlicht werden, damit sie von der Öffentlichkeit weiterverwendet werden können. Diese Veränderungen in Richtung Offenheit haben ein umfassendes Umdenken in Bezug auf Urheberrecht, Sammlungsmanagement und den öffentlichen Auftrag im digitalen Zeitalter erforderlich gemacht. Und eine Reihe von Kultureinrichtungen haben den Weg zu diesem notwendigen Umdenken entscheidend geprägt.

Mein Einstieg in das Thema „Offenheit” erfolgte 2015, als ich recherchierte, wie Kultureinrichtungen ihre gemeinfreien Sammlungen digitalisieren und der Öffentlichkeit zur Nachnutzung zur Verfügung stellen. Ich war erstaunt herauszufinden, dass nur eine winzige Minderheit der Kultureinrichtungen die Digitalisate ihrer gemeinfreien Werke öffentlich zugänglich machte. Die meisten von ihnen machten neue urheberrechtliche oder vertragliche Ansprüche geltend, die den Zugang zum Digitalisat, dem physischen Objekt und den darin enthaltenen Informationen einschränken. Ich wollte verstehen, wie schwierig dieser Weg zur „Offenheit” sein kann, und organisierte daher eine forschungsgeleitete Ausstellung, die die rechtlichen, finanziellen und technologischen Aspekte des freien Zugangs zu gemeinfreien Sammlungen untersuchte. Und ich habe so viele spannende Beispiele dafür gesehen, was möglich ist, wenn digitale Sammlungen der weiteren Nutzung zur Verfügung gestellt werden. Seitdem hat die GLAM-Bewegung (Galerien, Bibliotheken, Archive und Museen) enorme Fortschritte gemacht. Wir befinden uns jetzt in einer Phase, in der sich Kultureinrichtungen zunehmend der Idee öffnen, dass gemeinfreies Material nach der Digitalisierung gemeinfrei bleiben sollte. Bis heute haben mehr als 1.400 Kultureinrichtungen in 54 Ländern mehr als 85 Millionen digitale Bestände in verschiedenen Auflösungen und Metadatenqualitäten für jede Art der Weiternutzung veröffentlicht. Das ist eine unglaubliche Menge an Daten.

Bei diesem Vorstoß in Richtung „Offenheit”, der immer noch Überzeugungsarbeit erfordert, zeigt sich jedoch, dass Materialien des Kulturerbes, bevor sie veröffentlicht werden, oder sogar vor der Digitalisierung, mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss, besonders dann, wenn das Ziel darin besteht, diese Materialien zur uneingeschränkten Nachnutzung freizugeben. 

Einige Daten haben rassistische Hinterlassenschaften und enthalten schädliche Informationen; was passiert, wenn sie maschinenlesbar gemacht und in Datensätze für maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz integriert werden? Es gibt eindeutige Beispiele für heilige Gegenstände oder menschliche Überreste, die für die Digitalisierung – geschweige denn für die Online-Veröffentlichung – ungeeignet sind (auch wenn sie als „urheberrechtlich geschützt” oder „gemeinfrei” gekennzeichnet sind). Wir wissen auch, dass die überwältigende Mehrheit der digitalen Sammlungen von Kulturerbeinstitutionen des globalen Nordens mit größerem Portemonnaie veröffentlicht wird. Dies kann zwar den Zugang für globale Nutzer*innen, die sich mit dem Kulturerbe identifizieren, verbessern. Gleichzeitig aber wissen wir, dass durch die digitale Kluft der Zugang zum Wissen sowie seine Gestaltung und seine Kontexte gefiltert werden. Diese und andere Aspekte, mit denen offene Bewegungen umgehen müssen, können zu Spannungen führen. Wie können wir „offen” gerechter gestalten und die Nutzer*innen besser darüber informieren, was sich nicht in den Sammlungen befindet? Wer sollte bestimmte Entscheidungen über Digitalisierung, Veröffentlichung, Rechte und Weiternutzung treffen? Welche Informationen sollten den Daten online zur Seite gestellt werden, um bestehende Unausgewogenheiten in Bezug auf Darstellung, Wissen und Zugang zu berücksichtigen? Und wessen Geschichte und/oder Politik hat unser Verständnis von Urheberrecht, Gemeinfreiheit und unserem gemeinsamen kulturellen Erbe geprägt?

Sie haben an verschiedenen Projekten zu geistigen Eigentumsrechten von Surrogaten gearbeitet. Jetzt konzentrieren Sie sich auf rechtliche Fragen rund um Digitalisate (digitale Surrogate) von Objekten aus kolonialen Kontexten und haben zusammen mit Ihrer Kollegin Mathilde Pavis eine Antwort auf den Sarr-Savoy-Bericht zur Digitalisierung des afrikanischen Kulturerbes veröffentlicht, der der französischen Regierung 2019 vorgelegt wurde. Könnten Sie skizzieren, was die dringendsten Fragen sind, die in dem Zusammenhang angegangen werden müssen?

Wie alle anderen haben auch wir den Bericht nach seiner Veröffentlichung gründlich studiert und waren von den monumentalen Veränderungen, die folgten, begeistert. Wir sahen gleichzeitig die Notwendigkeit, die Diskussion um das Thema Restitution, die sich in erster Linie auf das materielle Kulturerbe konzentrierte, noch zu erweitern, um die Ziele des Berichts in Bezug auf erkenntnistheoretische Gerechtigkeit und eine neue Beziehungsethik zu erreichen.

Für uns war es wichtig zu betonen, dass das damit verbundenen Material, wie digitale Medien und geistige Eigentumsrechte, Teil des Rückgabeprozesses sein muss, und gleichzeitig die Rolle von Open Access zu überdenken. Auf den Seiten 66 bis 67 empfiehlt der Bericht unter anderem, die „systematische Digitalisierung” von Materialien für eine Open-Access-Plattform sowie die freie Nutzung von Bildern und Dokumenten. Auf den ersten Blick klingt das fantastisch und entspricht den Open-Access-Zielen. Allerdings wirft diese Strategie sowohl Probleme als auch Chancen auf, die weiterer Aufmerksamkeit bedürfen. Da Frankreich kurz vor der Verabschiedung eines Restitutionsgesetzes zu stehen schien, haben wir das Kulturministerium schriftlich aufgefordert, neben der für die Rückgabe digitalen und geistigen Eigentums erforderlichen Rechtsreform auch alles damit verbundene Material wie auch das digitale Kulturerbe in den Geltungsbereich einzubeziehen. Mehr als 100 Rechtswissenschaftler*innen und Fachleute aus dem Bereich des Kulturerbes haben sich dieser Antwort angeschlossen.

Kurz gesagt, wir haben argumentiert, dass die Digitalisierung kein neutraler Akt ist, sondern ein kulturelles und kuratorisches Vorrecht, das den Herkunftsgemeinschaften zustehen sollte. In Frankreich wurde und wird auch weiterhin viel digitalisiert. Die neuen Rechte, die sich aus den digitalen Medien ergeben, werden den Zugang und die Weiternutzung dieses Erbes auf Jahrzehnte hinaus einschränken. Denn der Ort, an dem die Digitalisierung physisch stattfindet, bestimmt, ob und welche Rechte an welchem Material und für wen entstehen. Erfolgt die Digitalisierung in Frankreich, so unterliegt das Ergebnis und alle Eigentumsrechte, Urheberrechte, Urheberpersönlichkeitsrechte, Datenbankrechte usw. dem französischen Recht. Und obwohl die Open-Access-Verpflichtungen eine Antwort zu geben scheinen, haben wir argumentiert, dass auch sie genauer betrachtet werden müssen. Durch den Verzicht oder die Freigabe von Rechten werden die digitalen Medien Teil der Gemeinfreiheit, in dem jede*r sie für jeden Zweck weiterverwenden kann. Es kann jedoch triftige Gründe geben, Ausschlusskriterien anzuerkennen, um vor weiterer Ausbeutung und  Prozessen, die die bestehende Teilung verstärken, zu schützen, insbesondere in Bezug auf sensibles Material. Wie dem auch sei, Open Access ist immer Teil eines binären Systems von Urheberrecht und Gemeinfreiheit, und den französischen Kultureinrichtungen und digitalen Sammlungen werden nicht dieselben Verpflichtungen auferlegt. Entsprechend gehören Entscheidungen über Digitalisierung, Rechte und Open Access auch in die Hände der Herkunftsgemeinschaften.

Es gibt viel zu bedenken, wenn es um einen physischen Gegenstand und dessen Rückgabe geht, ganz zu schweigen von all dem geistigen Eigentum, dem dazugehörigen Material und den digitalen Medien, die im Laufe der Enteignung um ihn herum entstanden sind. Dieses Material ist genauso wichtig. Interessierte Leser*innen können hier die Antwort lesen oder sich einen Podcast anhören, in dem wir das Thema weiter erörtern.

Der vorherige Blogbeitrag dieser Reihe [veröffentlicht im Februar 2022] beleuchtete die Perspektive des kenianischen Museumsfachmanns Juma Ondeng und das International Inventories Programme, das versucht, Datenmaterial zu kenianischen Artefakten in europäischen und nordamerikanischen Museen zu erhalten. Welchen Rechtsanspruch hat (oder sollte?) ein Herkunftsland auf solche Digitalisate haben?

In Bezug auf einen Rechtsanspruch bin ich mir nicht sicher, ob es einen gibt oder jemals geben wird. Und das ist natürlich ein zentraler Punkt in dieser Frage. Wir haben vorherrschende Rechtssysteme, die über Jahrhunderte durch Kolonialisierung, bilaterale und multilaterale Verträge und internationale Rechtsmaßnahmen verbreitet wurden, die Machtungleichgewichte formalisiert und den Ländern, die ihnen folgten, bestimmte Verpflichtungen auferlegt. Bestehende Systeme behandeln dieses Material getrennt; sie legen auch fest, wer rechtlich für welches Material als anspruchsberechtigt anerkannt werden kann; welche Arten von Belegen ausreichen, um eine Verbindung oder ein „Eigentum” zu begründen, und was das bedeutet; und Streitigkeiten werden in der Regel in der Gerichtsbarkeit des Besitzes, nach den Gesetzen des Besitzenden, entschieden.

Das Faszinierende an dem Material, über das wir hier sprechen, ist, dass digitale Materialien und Rechte im Allgemeinen durch Bereiche des Privatrechts, wie Eigentum, Vertrag und Urheberrecht, geregelt werden. Dies eröffnet vielfältige kreativen Wege für die digitale Rückgabe von geistigem Eigentum und Datensätzen, und zwar an mehrere Parteien, solange die Besitzer*innen bereit sind, dem nachzugehen. Die digitale Rückgabe kann auch vor der physischen Rückgabe erfolgen, besonders dann, wenn eine Gesetzesreform erforderlich ist, um Sammlungen „legal” zurückzugeben. Da die digitalen Materialien (größtenteils) dem Privatrecht unterliegen, können Institutionen direkt mit den Herkunftsgemeinschaften Vereinbarungen treffen, die zu neuen Beziehungen und Kooperationen rund um diese Materialien führen können, um die Handlungsfähigkeit und das Eigentum wiederherzustellen, Ungleichheiten in Machtverhältnissen umzukehren und die epistemische Gerechtigkeit zu unterstützen.

Welche Prozesse sollten etabliert sein, damit gute Entscheidungen darüber getroffen werden können, ob digitalisiert und ein Digitalisat veröffentlicht bzw. mit der Öffentlichkeit geteilt wird oder nicht?

Über dieses Thema schreiben Mathilde [Pavis] und ich gerade, bleiben Sie also dran! Die kurze Antwort: Einzelpersonen und Gemeinschaften, die mit den Gegenständen in Verbindung stehen, sollten diese Entscheidungen treffen. Die Prozesse selbst können sich von Gegenstand zu Gegenstand ändern. Mathilde und ich erheben nicht den Anspruch, die Antworten darauf zu haben, wie dies genau zu bewerkstelligen ist. Wir konzentrieren uns darauf, die Rechtssysteme zu verstehen und zu entwirren, die Ergebnisse, auf die diese Prozesse und Beziehungen abzielen, behindern. Wir haben uns in einer Konsultationsantwort an das UN-Expertengremium zu den Rechten indigener Völker (Expert Mechanism on the Rights of Indigenous Peoples) kurz dazu geäußert. Falls Leser*innen mehr darüber erfahren möchten, wir teilen unseren Artikel gern, sobald er veröffentlicht ist.

Wie in unserem ersten Blogbeitrag in dieser Reihe beschrieben, wurde 2020 eine nationale3-Wege-Strategie” zur Dokumentation und digitale Veröffentlichung von Sammlungen aus kolonialen Kontexten in Deutschland angekündigt. Wie stehen Sie zu diesem Ansatz?

Man kann gar nicht genug betonen, wie wichtig es für Regierungen ist, Transparenz und umfassende Inventarisierungen von Sammlungen aus kolonialen Kontexten zu unterstützen. Diese Datensätze werden für die Transparenz von grundlegender Bedeutung sein. Die Strategie verbindet die Rolle der Diaspora-Gemeinschaften in Deutschland und mehrsprachige Metadaten als zentrale Elemente, um Transparenz zu erreichen. Da sich die Strategie (die ich auf Englisch gelesen habe) noch in der Anfangsphase befindet, habe ich eher Fragen als eine vollständig ausgearbeitete Blickweise anzubieten.

  • Welche Aspekte des geistigen Eigentums werden in die Inventarisierung und/oder in etwaige Digitalisierungsansätze und Restitutionsverfahren einbezogen?
  • Was geschieht mit in Deutschland bereits vorhandenen Digitalisaten, Daten und geistigem Eigentum?
  • Inwieweit könnten diese ehrgeizigen Ziele die Restitution möglicherweise verzögern, wenn zunächst eine Digitalisierung erfolgen muss?
  • Inwieweit könnten die vorgeschlagenen gemeinsamen europäischen Datenräume und die digitalen Transformationen des Bereichs des Kulturerbes den zukünftigen Zugang, Infrastrukturen, Speicherung, Rechte und Weiterverwendung dieser Sammlungen beeinflussen?
  • Werden angesichts der beträchtlichen finanziellen Mittel, die in Deutschland investiert werden und zu lokalem, nationalem und europäischem Nutzen führen, gleichwertige Beträge auch in die Herkunftsgesellschaften investiert werden?

Was sind Ihrer Meinung nach diesbezüglich Herausforderungen für die Wikimedia-Projekte. Gibt es auch Möglichkeiten für eine produktive Nutzung dieser Projekte, etwa im Hinblick auf Zugang oder Infrastruktur?

Wikimedia ist gut positioniert, um Teil des Weges in die Zukunft zu sein. Da wir weiterhin die tiefgreifenden Auswirkungen digitaler Technologien auf die Umwelt sehen und den nötigen materiellen und energetischen Aufwand, so wie die menschliche Arbeitskraft, die es braucht um diese zu unterstützen, hoffe ich wirklich, dass Regierungen auf bestehende Infrastrukturen und Gemeinschaften achten und in sie investieren, anstatt zu versuchen, das Rad neu zu erfinden.

Wir müssen uns damit befassen, wie wir das binäre System von Copyright und Public Domain, das selbst ein Produkt von Imperialismen ist und sich durch Eroberung und koloniale Expansion verbreitet hat, einschränken oder mit Leitplanken versehen können. Welche Informationen oder Technologien könnten Digitalisate und Daten online begleiten, um einen sensibleren Umgang mit ihnen zu fördern und die Art von Ausbeutung zu verhindern, die ein „gemeinfreier” Status begünstigen kann? Wie können wir  Rahmenbedingungen für Ausnahmen schaffen, die gleichzeitig den Zugang für bestimmte Gemeinschaften und Individuen vereinfachen, abhängig vom jeweiligen kulturellen Erbe? Im Rahmen von Mukurtu, dem ENRICH-Projekt und den CARE-Prinzipien, die die FAIR-Prinzipien ergänzen sollen, wurde hierzu bereits hervorragende Arbeit geleistet. Diese Ergebnisse sind besonders relevant für umfassendere Fragen im Zusammenhang mit Privatsphäre und Datenschutz in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft.


Interview & Redaktion: Sabine Müller, Lucy Patterson, Claudia Bergmann

Übersetzung: Claudia Bergmann

Weitere Teile dieser Blogserie:

Offen und gerecht! Fragen zum Umgang mit Digitalisaten von Objekten aus Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten (Teil 1)

Offen und gerecht! Fragen zum Umgang mit Digitalisaten von Objekten aus Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten (Teil 2)

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Der gemeinnützige Verein Wikimedia Deutschland hat ein neues Präsidium. Als Vorsitzende des 8. Präsidiums haben die Mitglieder auf der 27. Mitgliederversammlung Alice Wiegand gewählt. Als Schatzmeister wurde Daniel Reisener wiedergewählt. Beisitzer*innen sind Nora Circosta, Christina Dinar, Valerie Mocker, Jens Ohlig und Kamran Salimi.

„Aus Diversität und Expertise das Beste holen, Menschen und Positionen zueinander bringen, den Vorstand kritisch begleiten. Das möchte ich als Vorsitzende im Präsidium umsetzen. Unsere Communitys im Fokus behalten und unser internationales Engagement ausbauen. Dafür möchte ich mich stark machen”, sagt Alice Wiegand, Vorsitzende des Präsidiums von Wikimedia Deutschland.

„Ich gratuliere Alice Wiegand zum Vorsitz und freue mich auf die gemeinsame weitere Zusammenarbeit. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung als Teil des Präsidiums und der Wikimedia Bewegung weiß Alice, welche Herausforderungen auf sie warten und wie diese zu meistern sind”, sagt Dr. Christian Humborg, Geschäftsführender Vorstand von Wikimedia Deutschland.

Das Präsidium wird für eine Amtszeit von zwei Jahren gewählt. Die 27. Mitgliederversammlung fand hybrid in Berlin sowie digital per Live-Stream statt. Weitere Infos zum Präsidium im Anhang.

Werterahmen für Wikimedia Deutschland

Beteiligung, Diversität, freier und offener Zugang, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, respektvolle Zusammenarbeit – machen Wikimedia Deutschland im Kern aus. Diese Werte bilden den Werterahmen, der von den Mitgliedern auf der 27. Mitgliederversammlung beschlossen wurde. Der Werterahmen soll dem Präsidium, Vorstand und Mitarbeitenden als Grundlage für strategische Entscheidungen, in der programmatischen Ausrichtung und bei der Abwägung schwieriger Fragen dienen.

Als Verein orientieren wir uns an diesen Werten in der Zusammenarbeit mit der Wikimedia-Bewegung, Communitys, Partner*innen und Interessierten. Indem der Verein diese Werte in der täglichen Arbeit lebt, setzt sich Wikimedia Deutschland für Menschenrechte in einer digitalen Welt ein. Alle, die diese Werte teilen, sind willkommen in unserem Verein.

Der Werterahmen wurde zwischen September 2021 und März 2022 gemeinsam mit Vereinsmitgliedern, Präsidium, Vorstand, Mitarbeitenden und einigen Mitgliedern der Communitys entwickelt. Grundlage sind Werte, die seit Jahren im Verein gelebt werden sowie die jüngsten Entwicklungen der Movement Strategy des globalen Wikimedia-Movements.

Das 8. Präsidium von Wikimedia e. V.

Alice Wiegand – Vorsitzende

Alice Wiegand ist Fachreferentin für Digitalisierung, Statistik und Wahlen bei der Landeshauptstadt Düsseldorf. Seit 2004 ist sie Wikimedia-Aktive und war zuvor 2. stellvertretende Vorsitzende des Präsidiums von 2020 bis 2022 und bereits in den Jahren 2008 bis 2011 Teil des Präsidiums. Darüber hinaus war sie sechs Jahre lang Mitglied des Präsidiums der Wikimedia Foundation und wirkte in dieser Zeit an der gemeinsamen Strategie der Wikimedia-Bewegung mit. 

„Aus Diversität und Expertise das Beste holen, Menschen und Positionen zueinander bringen, den Vorstand kritisch begleiten. Das möchte ich als Vorsitzende im Präsidium umsetzen. Unsere Communitys im Fokus behalten und unser internationales Engagement ausbauen. Dafür möchte ich mich stark machen.“

Daniel Reisener, Schatzmeister

Daniel Reisener ist Diplom-Finanzwirt und berät als Steuerberater schwerpunktmäßig gemeinnützige Gesellschaften. Er ist bereits seit 2018 Schatzmeister im Präsidium von Wikimedia Deutschland.

„Als auf Non-Profit-Gesellschaften spezialisierter Partner in einer großen Steuerberatungs- und Wirtschafts­prüfungsgesellschaft und als aktueller Schatzmeister möchte ich in der nächsten Amtszeit weiterhin mit dem Präsidium und dem Vorstand an größeren Projekten arbeiten sowie den Verein weiter als politischen Player und starken Partner für die Communitys etablieren.“

Nora Circosta, Beisitzerin

Nora Circosta ist im Co-Vorstand von Change.org e.V. und war zuvor mehrere Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. 

„Ich möchte mich dafür einsetzen, dass der Zugang zu Freiem Wissen für alle Menschen möglich ist und alle zum Wissen der Welt beitragen können.“

Christina Dinar, Beisitzerin

Christina Dinar ist stellvertretende Leiterin des Centre for Internet and Human Rights und forscht zum Thema Meinungsfreiheit im Netz. Dinar ist bereits seit 2020 Teil des Präsidiums und war von 2013 bis 2015 hauptamtlich bei Wikimedia Deutschland im Community-Bereich tätig.

„Ich möchte in meiner zweiten Amtszeit dafür eintreten, dass digital-streetwork-Ansätze einen Platz in der Community-Arbeit finden, Ansätze wissenschaftlicher Forschung rund um die Wikipedia mehr beachtet werden und Wikimedia in einer Internetwelt, in der freie Zugänge zunehmend verschwinden, seiner demokratischen und menschenrechtlichen digitalen Verantwortung gerecht wird.”

Valerie Mocker, Beisitzerin

Valerie Mocker finanziert und unterstützt gemeinwohlorientierte Digitalisierung, zuletzt als Direktorin bei der britischen Innovationsstiftung Nesta. Mocker ist seit 2020 Teil des Präsidiums. 

„Als Digital-Unternehmerin und Tech-for-Good-Investorin mit Fokus auf gemeinwohlorientierte Digitalisierung möchte ich mithelfen, den Zugang zu freiem Wissen und dem Wikiversum zu schützen und zu stärken.”

Jens Ohlig, Beisitzer

Jens Ohlig ist Journalist und Software-Entwickler und war von 2012 bis 2020 als Mitarbeiter von Wikimedia Deutschland beim Start von Wikidata dabei und war am Aufbau des Projektes beteiligt.

„Freies Wissen ist mir eine Herzensangelegenheit. Ein offenes und freies Internet und der unbeschränkte Zugang zu allem, was uns dabei hilft zu verstehen, wie die Welt zusammenhängt, treiben mich seit mehreren Jahrzehnten an.“

Kamran Salimi, Beisitzer

Kamran Salimi arbeitet im Gesundheitswesen und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit demokratischen und partizipativen Initiativen. 

„Steinmeier sagte bei seiner Wiederwahl zum Bundespräsidenten im Februar 2022: ‘Jeder und jede, die sich engagiert ‐ im Beruf oder im Ehrenamt, im Gemeinderat oder im Verein ‐ der kämpft den Kampf um die Zukunft der Demokratie!’ Dem ist nichts hinzufügen.“

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In diesem Ausschuss werden internationale Regeln zum Urheberrecht diskutiert und Vorschläge erarbeitet, über die dann in der Generalversammlung der WIPO abgestimmt wird. NGOs können als sogenannte Beobachterorganisationen an den Sitzungen des Ausschusses teilnehmen und Erklärungen abgeben, sind aber nicht stimmberechtigt.

Die Entscheidung kam nicht völlig überraschend. China hatte bereits 2020 und 2021 ein Veto gegen die Akkreditierung der Wikimedia Foundation bei der WIPO-Generalversammlung eingelegt. Jetzt sprach sich die Volksrepublik auch gegen eine Anerkennung der unabhängigen Wikimedia-Chapter aus Deutschland, Frankreich, Italien, Mexiko, Schweden und der Schweiz aus. Da die WIPO ihre Entscheidungen in aller Regel im Konsensverfahren trifft, genügte Chinas Gegenstimme für eine Blockade.

Keine Grundlage für Zurückweisung

Nachvollziehbare Gründe für die Zurückweisung gibt es nicht. Das Sekretariat hat die Vollständigkeit der Bewerbungsunterlagen bestätigt. Alle Wikimedia-Chapter bringen sich nachweisbar produktiv in ihren jeweiligen Ländern in Debatten über urheberrechtliche Themen ein.

Darüber hinaus hat das Urheberrecht erheblichen Einfluss darauf, wie Inhalte in der Wikipedia, auf Wikimedia Commons und Wikidata genutzt werden können. Ohne Beobachterstatus wird den Communitys dieser Projekte eine Stimme in diesem wichtigen internationalen Forum verwehrt.

Chinas Alleingang

Wie schon im Fall der Wikimedia Foundation war China auch diesmal der einzige Staat, der explizit Einwand gegen eine Anerkennung der Wikimedia-Chapter erhob. Allerdings pochten eine Reihe weiterer Staaten auf die Einhaltung des Konsensprinzips und sprachen sich so indirekt gegen eine Anerkennung der Wikimedia-Vereine aus, darunter Bolivien, Iran, Nicaragua, Russland und Venezuela.

China beschuldigte die Wikimedia-Chapter wie auch die Wikimedia Foundation, über die Wikimedia-Projekte Desinformationen zu verbreiten, die im Widerspruch zur Ein-China-Politik stehen. Diese Begründung ist sachlich falsch: Weder die Wikimedia Foundation noch Chapter nehmen Einfluss auf die Inhalte der Wikipedia oder anderer Wikimedia-Projekte.

Es ist offensichtlich, dass die freie Enzyklopädie der chinesischen Regierung ein Dorn im Auge ist. Alle Sprachversionen der Wikipedia sind seit 2019 in China gesperrt.

Die Bundesregierung muss mehr tun

Besonders ärgerlich: Wie schon bei den Bewerbungen der Wikimedia Foundation in den letzten beiden Jahren scheitert die Akkreditierung der Wikimedia-Chapter an der Blockadehaltung eines einzelnen Mitgliedstaats. Dabei sieht die Geschäftsordnung der WIPO nicht einmal vor, dass bei solchen Entscheidungen Einstimmigkeit herrschen muss. Auch eine Abstimmung wäre möglich. Dann würde eine einfache Mehrheit für eine Akkreditierung genügen.

Hier ist auch die Bundesregierung gefragt. Zwar unterstütze die deutsche Delegation die Bewerbung von Wikimedia Deutschland eindringlich, doch kommt es jetzt auf eine mutige Reaktion an. Bleibt Chinas Einwand unangefochten, bedeutet das für die Zukunft nichts Gutes: Auch andere Mitgliedstaaten werden nun unliebsame zivilgesellschaftliche Organisationen einfach blockieren können.

Ein Ende ist nicht in Sicht

Wikimedia Deutschland und eine Reihe weiterer Wikimedia-Chapter haben sich auch bei der WIPO-Generalversammlung um eine Akkreditierung beworben. Über diese Anträge wird in der nächsten Sitzung im Juli entschieden. Erhalten Wikimedia Deutschland und Co. dann nicht mehr Unterstützung, bleibt dieser Teil der Zivilgesellschaft weiterhin außen vor.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 10. Mai 2022 bei netzpolitik.org, unter der Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 4.0. Im Rahmen der Reihe „Blackbox Genf“ berichtet Justus Dreyling, Referent für internationale Regelsetzung bei Wikimedia Deutschland, über die Verhandlungen zum internationalen Urheberrecht bei der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO).

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Interview: Maiken Hagemeister

Du bist seit 2014 im Präsidium, dieses Mal kandidierst Du nicht mehr. Wie fühlt sich das für Dich an?

Ich bin auch gespannt, wie sich das anfühlen wird. Wikimedia ist mir über die acht Jahre schon sehr ans Herz gewachsen. Ich bin vier Mal gewählt worden und habe das immer als eine große Ehre empfunden, dass mir diese Verantwortung anvertraut wird. Aber jetzt ist auch ein guter Zeitpunkt, um Platz für Neues zu machen.

Warum Wikimedia? Wie bist Du zum Verein gekommen?

Meine Arbeit befasst sich seit langem mit der Frage, wie wir eine gute und resiliente digitale Gesellschaft aufbauen können. Wikipedia war da für mich tatsächlich immer schon ein wunderbares Role Model für alles Gute, was Menschen mit dem Internet hervorbringen können. Gleichzeitig ist es auch ein Beispiel für die Herausforderungen und Gefährdungen, denen ein offenes, partizipatives System ausgesetzt ist – wie sichert man sich gegen Beeinflussung, wie kann man offen sein aber trotzdem Struktur und Richtung haben.

Ich hatte schon über Wikipedia als offenes System geschrieben. Ich war auf einer wissenschaftlichen Tagung zu einem Vortrag über Wikipedia eingeladen. Als dann die Präsidiumswahl 2014 anstand, fragten mich verschiedene Leute aus dem Umfeld von Wikimedia, ob ich für das Amt kandidieren möchte. Das fand ich interessant, weil ich von sehr unterschiedlichen Gruppierungen angesprochen worden bin.

Wie hast Du Deine Rolle im Präsidium wahrgenommen und gefunden?

Die Vereinsmitglieder geben uns als Präsidium das Mandat, aufzupassen, dass gute Entscheidungen getroffen werden. Ich habe meine Aufgabe im Präsidium immer so verstanden, dass wir uns mit den Fragen befassen müssen, auf die es eben noch keine fertigen Antworten gibt. Wir müssen uns ja fragen: Wo geht es hin? Was brauchen wir, damit es auch in 10 oder 20 Jahren eine lebendige Wikipedia gibt, damit dieser ganze Gedanke von freiem Wissen für alle eine Zukunft hat? Als Wikimedia Deutschland haben wir das Privileg, dass wir genug Ressourcen haben, um uns auch mit diesen dicken Brettern zu befassen. Dann können wir, was wir gelernt haben, weltweit an andere weitergeben.
Ich habe mich auch immer als Brückenbauerin verstanden, zwischen dem Verein, der Community, der Gesellschaft, dem Movement. Das System Wikimedia-Wikipedia-Global Movement ist ja sehr komplex. Ich schaue mir dann sehr genau alle Seiten an und höre zu. So konnten wir im Präsidium Verbindungen zwischen den Communitys und dem Verein, zur Gesellschaft und zu den internationalen Communitys herstellen: Wer immer nur auf seiner Seite bleibt, kann keine Brücke bauen. 

Welche Besonderheiten siehst Du in der Wikipedia?

Wikipedia ist die Wissensreferenzquelle Nummer 1. Alle, die etwas wissen wollen, landen bei Wikipedia. Alle haben eine große Verantwortung, darauf gut aufzupassen. Offene Systeme sind durchlässig, aber auch verletzlich. Die Wikipedia braucht kluge, sich immer wieder anpassende Strukturen, damit sie nicht manipuliert und beeinflusst werden kann. Gerade jetzt in diesen Zeiten ist valides, vertrauenswürdiges Wissen unglaublich wichtig.

Gab es schwierige Situationen in deinen Amtszeiten?

2014 war der Verein noch ganz anders aufgestellt, Controlling- und Reporting-Mechanismen haben wir erst eingeführt. Wir haben die Governance-Struktur unserem Wachstum angepasst und es gab vier Vorstandspersonen, fünf jetzt mit Franziska. Wir hatten also genug zu tun und natürlich auch Kontroversen. Aber wir haben immer wertschätzende Auseinandersetzungen geführt. Das finde ich wichtig. Oft bin ich mit einer anderen Meinung aus Diskussionen herausgekommen, als ich reingegangen bin. Das finde ich ein gutes Zeichen.

Am schwierigsten waren für mich als Präsidiumsmitglied die letzten zwei Jahre Pandemie. Ich höre wahnsinnig gern zu, in lokalen Räumen, auf Stammtischen und auf den Wiki-Konferenzen in Deutschland und der Welt. Das alles war unter pandemischen Bedingungen nicht mehr möglich. Auch fast alle unsere Sitzungen und Klausuren haben digital stattgefunden. Da fehlt etwas. Das persönliche Gespräch und die Bindungen haben unter der Pandemie gelitten.

Was hast Du durchsetzen wollen?

Das Projekt Wikipedia zukunftssicher zu machen! Open source generierte Systeme wie Wikipedia, Wikidata, Wikibase haben eine große Bedeutung für die Entwicklung einer digitalen Zivilgesellschaft. Es muss für die Gesellschaft sichtbar werden, dass es eine dem Gemeinwohl verpflichtete digitale Kultur gibt, die wir fördern müssen.

Als Präsidiumsmitglied war mir auch immer sehr wichtig, wie der Verein klug und nachhaltig wächst. Wachstum an sich ist ja kein Selbstzweck, wir wollen ja damit etwas erreichen.

Wichtig ist mir auch ein gutes Selbstverständnis. Nach welchen Werten handeln wir warum? Was sind unsere Aufgaben und Rollen? Wie können der Verein und die Community gut zusammenwirken? Wie können wir uns gut ergänzen und unterstützen? Es ist schön, dass es uns in den letzten acht Jahren immer mehr gelungen ist, Verbindungen zu schaffen.

Hast Du Wünsche für die zukünftige Arbeit des Präsidium? Was gibst Du den neuen Mitgliedern mit auf den Weg?

Ich wünsche mir, dass das neue Präsidium die große Verantwortung fühlt und wünsche ihm dafür alles Gute. Es ist eine schöne und wichtige Aufgabe, auch wenn es häufig keine schnellen Antworten gibt auf die Fragen des Vereins, des Movements und der digitalen Gesellschaft. Letztlich geht es um die Frage, prototypisch an einer resilienten Gesellschaft zu arbeiten. Und genau da entsteht Zukunft: wo es noch keine fertigen Antworten gibt.

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Ein Beitrag von Friederike von Franqué und Lilli Iliev

„Souverän. Sicher. Bürgerzentriert.“ – Der Fokus auf die Bedürfnisse von Bürger*innen steht nicht nur im Titel des neuen Digitalprogramms. Auch bei der Vorstellung der digitalpolitischen Ziele und Maßnahmen ihres Ministeriums bis 2025 hob Bundesinnenministerin Nancy Faeser hervor, dass die Digitalisierung von Verwaltungsleistungen Nutzer*innen in den Mittelpunkt stellen soll. In fünf Themenfeldern definiert das BMI die „wesentlichen Herausforderungen“ der Digitalisierung und nennt dazu Kernvorhaben. Weil es sich um dem BMI unterstellte Bereiche handelt, ist vor allem von der Weiterführung des Onlinezugangsgesetz (OZG), Registermodernisierung, Digitalen Identitäten und verbesserter Cybersicherheit zu lesen. Die Umsetzung des Digitalprogramms koordiniert Bundes-CIO Dr. Markus Richter, der die Vorhaben im Austausch mit den Ländern und Kommunen umsetzen möchte. Details sind in dem zwölfseitigen Papier kaum zu erfahren, dennoch zeigen die genannten Schwerpunkte immerhin eine Richtung auf, in die es in den nächsten Jahren gehen könnte. 

Wir haben die fünf Schwerpunkte im Digitalprogramm unter die Lupe genommen:

1. „Staatliche Leistungen für Menschen und Unternehmen digitalisieren“

Unter dieser Überschrift soll vor allem das OZG „nutzerorientiert“ weitergeführt werden. Das aktuelle Gesetz läuft Ende des Jahres aus; die flächendeckende Umsetzung gilt bereits jetzt als gescheitert. 

Wenn das BMI nun verspricht, „qualitative Erfolgsindikatoren“ einsetzen zu wollen und die Umsetzung der Leistungen nach Bedarf der Nutzer*innen zu priorisieren, scheint hier eine Ausweitung der bisher gemessenen Erfolgskriterien vorzuliegen. In der neuen Strategie wird Nutzer*innenorientierung übersetzt mit „einfach, jederzeit, transparent und an jedem Ort nutzbar“. Aus Sicht von WMDE gehört auch eine konsequente Ausrichtung an der Zufriedenheit der Nutzer*innen digitalisierter Dienstleistungen zur Erfolgsmessung. Dieses Kriterium wird allerdings nicht genannt.

Fazit: Was genau umgesetzt werden soll, bleibt  vage, Zeiträume oder präzise Maßnahmen fehlen. An der konkreten Ausgestaltung und Vergabe wird man sehen, wie stark die Nutzer*innen-Zentrierung tatsächlich ausfällt.

2. „Staat modernisieren

Die digitale Modernisierung des Staates soll durch „neue Formen der Zusammenarbeit und Arbeitsteilung“ erfolgen. Diese Zusammenarbeit bezieht sich aber auf föderale und kommunale Zusammenarbeit, nicht auf Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft. Das ist schade, denn hier werden Ressourcen liegen gelassen und auf mehr Transparenz verzichtet. 

Es bleibt zu hoffen, dass zivilgesellschaftliche Expertise u.a. beim Digitalcheck für Gesetze sowie zur Stärkung der Informationssicherheit abgefragt wird. Auch die geplanten ressortübergreifenden Projektteams und Innovationseinheiten – „GovLab.DE“ genannt – können von Erfahrungen aus der Zivilgesellschaft profitieren. Umgekehrt könnten die Angebote der Digitalakademie zur Weiterbildung der Bundesverwaltung auch für viel mehr Menschen interessant sein. Diese öffentlich finanzierten Bildungsformate müssen der Allgemeinheit frei verfügbar gemacht werden.

Fazit: Wir wünschen uns eine breitere Einbindung der Zivilgesellschaft bei der digitalen Modernisierung des Staates und eine systematische Weiterbildungsoffensive für alle Ebenen der Verwaltung – mit besonderem Fokus auf die Vorteile von Open Source und Nachhaltigkeit.

3. „Cybersicherheitsarchitektur modernisieren und harmonisieren“

Angesichts der zahlreicher werdenden Angriffe auf staatliche und kommunale Infrastruktur liegt es nahe, dass sich das BMI der Cybersicherheitsarchitektur annimmt. Die erprobte Expertise des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zu einer Zentralstelle auszubauen, kann nur begrüßt werden. Umso besorgniserregender ist, dass mit der expliziten Nennung der Zentralen Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (ZITIS) als Teil der „Weiterentwicklung von Cyberfähigkeiten“ nur gemeint sein kann, dass auf Hackbacks nicht verzichtet werden soll.

Fazit: Hier hätten wir uns nach dem Führungswechsel im BMI deutlich mutigere Signale erwartet, vor allem weil im Koalitionsvertrag die Ablehnung von Hackbacks klar festgelegt ist. Immerhin steht auch die „Weiterentwicklung des Informationssicherheitsrechts“ auf dem Plan, allerdings ohne Klarstellung, in welche Richtung dieses entwickelt werden soll.

4. „Daten rechtssicher erschließen und nutzen“

In diesem Vorhaben konzentriert sich das BMI auf bessere Datenqualität, die Einrichtung eines Dateninstituts, ein Datengesetz sowie das Vorantreiben der Datenstrategie der Bundesregierung (s. dazu auch den Blogbeitrag „Datenstrategie- Von Wikipedia & Co lernen?“). Wünschenswert wäre hier eine Vereinheitlichung in Form offener Standards, um Daten wirklich in der Fläche verfügbar zu machen. Nicht nur WMDE fordert schon lange, dass öffentliche Einrichtungen ihre Daten für alle zugänglich, maschinenlesbar und frei nutzbar zur Verfügung stellen müssen. Hier hätte sich das BMI schon festlegen können.

Fazit: Unklar bleibt, was „rechtssicheres“ und „verantwortungsvolles Nutzen und Teilen“ von Daten genau bedeuten sollen. Mit Blick auf den Koalitionsvertrag kann das nur heißen, dass auf Grundlage eines Rechtsanspruchs auf Open Data (siehe dazu Beitrag „Rechtsanspruch auf Open Data: Jetzt muss es endlich losgehen“) eine flankierende Gesetzgebung erfolgen soll, die Standards sichert und De-Anonymisierung von Daten unter Strafe stellt. Diese Rechtssicherheit bietet eine gute Grundlage für das im Koalitionsvertrag festgelegte Vorhaben, die Potentiale von Daten „gemeinsam mit Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft“ heben zu wollen. 

5. „Digitale Souveränität festigen und interoperable Infrastruktur schaffen“

In diesem für WMDE zentralen Handlungsschwerpunkt sollen Fähigkeiten und Möglichkeiten von Individuen und Institutionen gestärkt werden, damit sie ihre Rolle(n) in der digitalen Welt selbstständig, selbstbestimmt und sicher ausüben können. Digitale Souveränität wird hier ähnlich verstanden wie im Koalitionsvertrag, der diese unter anderem durch ein Recht auf Interoperabilität und Portabilität sowie den Einsatz offener Standards, offener Schnittstellen, Open Source und europäischer Ökosysteme sicherstellen möchte. 

Nutzer*innen könnten hier entscheidend profitieren. Wenn etwa Gatekeeping-Plattformen wichtige Aspekte ihrer Dienste interoperabel machen, kann Nutzer*innen verschiedener Dienste die Möglichkeit gegeben werden, sich miteinander zu verbinden oder ihre Identität zwischen den Diensten zu übertragen. Gleichzeitig können öffentliche APIs oder freier Zugang zu aggregierten Daten nicht nur Abhängigkeiten von einzelnen Anbieter*innen minimieren, sondern auch Wettbewerb fördern. Wenn Behörden freie Lizenzen verwenden und einen besseren Zugang zu Informationen ermöglichen, können sie die Verfestigung von Gatekeeping-Positionen verhindern. 

Ein interessanter Baustein ist hier die Bekräftigung des BMI zum Aufbau einer gemeinsamen Open-Source-Plattform für die öffentliche Verwaltung (Open CoDE). Auf dem Code Repository können Interessierte aus Bund, Ländern und Kommunen offene Quellcodes ihrer verwaltungsrelevanten Software-Projekte ablegen und mit anderen Entwickler*innen zusammenarbeiten. Das Projekt wurde vom BMI sowie von Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen initiiert. Das BMI betont hier Vorteile wie Unabhängigkeit von einzelnen Technologieanbieter*innen.

Fazit: Der Weg zur Digitalen Souveränität bleibt derselbe: Er führt über das Recht auf Open Data, über Open Source, offene Schnittstellen und offene Standards, und zwar gemeinsam mit Ländern und Kommunen.

Wikimedia Deutschland steht zur Begleitung bereit

Wikimedia Deutschland steht bereit, um die Umsetzung der geplanten Maßnahmen gut zu begleiten. Auf fragdenstaat.de/koalitionstracker können Interessierte transparent mitverfolgen, wie weit die Arbeit der Bundesregierung etwa zum Rechtsanspruch auf Open Data und weiteren Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag fortgeschritten ist.

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WikiPRedia

17:31, Tuesday, 23 2021 November UTC

Die deutschsprachige Wikipedia-Community versucht wieder einmal, die Regeln zum bezahlten Schreiben zu verschärfen. Das Thema wabert ungelöst seit Jahren durch das Wikiversum. Und auch dieses Meinungsbild ist ein notwendiger Schritt voran. Aber der Weg ist noch weit. Der beste Kommentar meinerseits wäre die Komposition eines Quartetts für Singende Säge, Bassdrum, Cembalo und Spottdrossel.

Aber ich kann nicht komponieren. Deshalb kommt das Nächstbeste: ein Gedicht.

Wikipredia

Die Regeln
existieren und doch nicht
nach Mondstand

Die Ethik
absolut seit Anbeginn
nein denn ja

Die Praxis
gesperrt verworfen gelöscht
freigeschaltet

Wikipredia
Darwinismus der Agenturen
Überleben des Dreistesten

Allein mit der Madonna zum Hasen

19:49, Thursday, 30 2021 September UTC

Darmstädter Madonna
Hans Holbein der Jüngere, 1526/1528
Öl auf Nadelholz (?), 146,5 × 102 cm
Sammlung Würth, Johanniterhalle (Schwäbisch Hall)

Wikipedia-KNORKE erwähnte ich ja an dieser Stelle schon einmal. Berliner Wikipedianerinnen und Wikipedianer treffen sich und erkunden zusammen eine ihnen unbekannte Gegend. Soweit so üblich. Diesmal jedoch gab es etwas besonderes: Auf ins Museum!

In Berlin gastiert gerade die Darmstädter Madonna, ein 1526 entstandenes Gemälde von Hans Holbeim dem Jüngeren. Diese Madonna hat eine bewegte Lebens- und Reisegeschichte, ist eines der bedeutendsten deutschen Gemälde des 16. Jahrhunderts und kann Menschen auch über Jahre faszinieren. Wunderbar, wenn man eine kundige Bilderklärung der Autorin des exzellenten Wikipedia-Artikels dazu bekommt.

Wir trafen uns einige Minuten vor der Öffnung in kleiner Gruppe vor dem Bode-Museum und konnten - da alle Anwesenden über eine Jahreskarte verfügten - auch sofort zur Madonna und zur Sonderausstellung "Holbein in Berlin" begeben. Der Raum war noch leer, die Museumswachmannschaft ließ freundlicherweise die leise aber engagiert redende Gruppe gewähren. Ein einziger Saal, in dessen Mittelpunkt die Madonna hängt. Links davon einige Holbein-Teppiche, ansonsten weitere Bilder und Zeichnungen von Holbein, Inspiratoren und andere Madonnen. Nicht überladen, sinnvoll aufbereitet und mit einem klaren Konzept - eine der besseren Kunstausstellungen.



Und dann ging es los: Es begann mit Schilderungen von der bewegten Entstehungszeit zur Zeit des Basler Bildersturms im Auftrag des Basler Ex-Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen. Die Aussage des Bildes traditioneller Marienfrömmigkeit in Zeiten der Reformation war Thema, ebenso natürlich wie der Teppich und seine Falte. Wir staunten über die Eigentümlichkeit, dass sich niemand auf dem Gemälde eigentlich anschaut und wurden über dden Unterschied zwischen Schutzmantelmadonnen und Stifterbildern aufgeklärt. Vermutungen tauchten auf, wo das Bild wohl im Original hing - vermutlich in der Martinskirche als Epitaph - und wir verfolgten gedanklich seine Wanderung aus Basel über den Grünen Salon im Berliner Stadtschloss bis hin zum Hause Hessen und das Frankfurter Städelmuseum bis hin zum spektakulären Verkauf an die Privatsammlung Würth. Die Meinungen über die Sammlung Würth in der Gruppe waren durchaus geteilt, ebenso wie die richtige Benennung des Bildes: ist es nun eher die Darmstädter Madonna oder eher die Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen?

Über die Darmstädter Madonna ging es dann zur Dresdner Madonna und einem der prägenden Momente deutscher Kunstgeschichte: dem Dresdner Holbeinstreit. Im 19. Jahrhundert wurde es den Menschen bewusst, dass es zwei fast identische Holbein-Madonnas gab und nur eine die echte sein konnte. In einer großen Ausstellung, unter lebhafter Anteilnahme der Öffentlichkeit und erregten Debatten der Experten entschieden sich die Kunsthistoriker schließlich für das Darmstädter Gemälde. Eine Sensation,  da die Kunstkennerschaft vorher felsenhaft von der Originalität des Dresdner Gemäldes ausging. Hier zeigte sich erstmals das Bemühen, um eine rein sachlich, objektive Abwägung der verschiedenen Gesichtspunkte - der Dresdner Holbeinstreit ist einer der Ausgangspunkte um die Kunstwissenschaft als Wissenschaft zu etablieren. Und - wie sich später herausstellte - lag die Kunstwissenschaft auch in diesem ihren Anfangsurteil richtig; sämtliche mittlerweile vorhandenen naturwissenschaften Verfahren die Darmstädter Madonna als die originale der beiden bestätigten.

Erkenntnisse am Rande: eine weitere Kopie des Gemäldes (beziehungsweise eine Kopie der Kopie - es stellt aus unerfindlichen Gründen das Dresdner Exemplar dar) hat sich in das Set des James-Bond-Filmes "Man lebt nur zweimal verirrt".

Hans Holbein der Jüngere: Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London, 1532. Eichenholz, 96,3 × 85,7 cm. Gemäldegalerie Dahlem der Staatlichen Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz

Und nachdem wir dann auch noch gerätselt hatten, wer die beiden Knaben unterhalb der Madonna sind, den verschwundenen Haaren der Tochter nachspürten und weiter über den Teppich in der Renaissancemalerei sinniert hatten, kamen wir dann nach knapp einer Stunde noch zu Georg Giesze. Giesze (auch Georg Giese) ist Titelheld in einem anderen Holein-Hauptwerk, das praktischerweise fünf Meter weiter links hing. Wieder mit Teppich und nun auch noch mit Glas, Metall, Bücherregalen und Briefen. Gedanklich begleitete wir Holbein dann weiter von Basel nach Antwerpen und London. Mittlerweile hatte sich der Raum etwas gefüllt. Nachdem wir dann noch den Weg aus dem Museum gefunden hatte (wie immer im Bodemuseum nicht ganz einfach und jedes mal findet man zwischendurch neue Säle) folgte noch ein erschöpfter Abschlusskaffee.

Eine Stunde fast allein mit der Madonna. Und immer noch Neues zu entdecken.

Wen wählen in das Board der Wikimedia Foundation?

21:03, Friday, 20 2021 August UTC

Vorweg, für die Eiligen

Meine Wahlvorschläge

  • Top 4: Douglas Ian Scott, Iván Martínez, Adam Wight, Dariusz Jemielniak
  • Top 8: Rosie Stephenson-Goodknight, Lorenzo Losa, Farah Jack Mustaklem, Gerard Meijssen
  • Wählbar: Reda Kerbouche, Pavan Santhosh Surampudi, Ravishankar Ayyakkannu

Wichtige Links

Vote now für das Wikimedia-Board

Für die nicht so Eiligen

Über den Dächern, Türmen und Gasometern Westberlins senkte sich die Abendsonne. Ich stand auf den Zinnen des Ullstein Castles und sinnierte. Direkt unter mir Straßentreiben, Sirenen, betrunkene Jugendliche, ein Ausflugsboot auf dem Teltowkanal, radelnde Ausflügler überquerten die Stubenrauchbrücke.

In der Ferne betrachtete ich die Türme des Spitzenlastheizkraftwerks Lichterfelde, der Sendeturm auf der Marienhöhe, den BfA-Büroturm und den ehemaligen Wasserturm im Naturpark Schöneberger Südgelände. Heute Nacht auf dem Heinweg: Welchen Weg sollte ich wählen? Unten, im Süden, über den Prellerweg vorbei am Sommerbad am Insulaner? Die Nordvariante über den Tempelhofer Damm und durch die Kopfsteinpflaster Tempelhofs? Oder die Mittelweg, mit Erklimmen der Höhe am Attilaplatz und später über den Ikea-Parkplatz? So viel zu wählen.

Wahlen spukten in meinem Kopf herum. Da war die Mitgliedsversammlung unseres Dauergartenvereins. Die Vorstandswahlen dort sollten wahrscheinlich, hoffentlich, unspektakulär verloren. Aber die Anträge. Wenn ein einzelnes Mitglied auf einem A4-Blatt 40 verschiedene Anträge stellt, richtig ernsthaft, dann verspricht das Unterhaltung.

Die Bundestagswahl: Auf dem Weg zum Ullstein Castle passierte ich zahlreiche Bundestagstagswahlplakate: den unlesbaren Blob der Grünen in Tarnfarbenoliv, die bildhaft dargestellte Biederkeit der Berliner SPD, zahlreiche Kleinparteien von Team Tödenhöfer über Volt bis zur Tierschutzpartei. Und so sehr es mich schmerzte das zu sagen: Das Plakatgame gewannen bisher die CDU und ihr Wahlkreiskandidat Jan-Marco Luczak. Sowohl optisch – als auch damit, überhaupt inhaltliche Aussagen fern von Plattitüden zu machen.

Vor allem aber war ich innerlich bei einer ganz anderen Wahl. Die Wikimedia Foundation wählte und wählt ihr Board, auf Deutsch das ehrenamtliche Präsidium der Wikimedia Stiftung. Die Wikipedia steht meinem Herzen näher als der Bundestag und selbst als der Dauergartenverein. Aber die Board-Wahlen erfordern merh Gedanken. Diese Gedanken bedurften des Kontextes.

Was ist die Wikimedia Foundation?

Die Wikimedia Foundation (WMF) ist die Betreiberin der Wikimedia-Projekte wie zum Beispiel der Wikipedia aber auch Wikimedia Commons und Wikidata. Die Foundation hostet die Server, stellt die Technik, ist am Ende rechtlich dafür verantwortlich was in den Wikipedien passiert. Dafür hat die Foundation derzeit etwa 450 Angestellte, ein Endowment von 90 Millionen Dollar und hatte 2020 Jahreseinnahmen von 127 Millionen US-Dollar.

Wo genau die Grenzen zwischen dem Einfluss der Wikimedia Foundation und den Communities liegen, ist umstritten. Letztlich kann die Foundation alles ändern und machen in den Projekten. Sie ist meistens weise genug, es nicht zu tun. Insbesondere schreiben keine Foundation-Mitarbeiter*innen in ihrer Arbeitszeit Artikel oder legen Inhalte in den Projekten an.

Die Foundation ist eine Organisation eigener selbstgenügsamer Vollkommenheit. Sie hat keine Mitglieder und ist – rechtlich – niemand rechenschaftspflichtig. Das Board besetzt sich prinzipiell aus sich selbst heraus. Es hat entschieden die Hälfte der Sitze Wahlen der weltweiten Wikip/media-Communities besetzen zu lassen zu lassen.

Was ist das Board of Trustees?

Das Board of Trustees ist das ehrenamtliche Aufsichtsgremium der Foundation. Es hat derzeit 16 Sitze. Davon steht einer Jimmy Wales als Gründer zu, sieben Sitze besetzt das Board selber, acht Sitze werden durch eine weltweite Communitywahl bestimmt.

Nun ist allein aus den Worten „ehrenamtlich“ und „weltweit / 450 Mitarbeiter / 127 Millionen Dollar Einnahmen“ klar, dass das Board eine abstrakte Leitungsposition einnimmt. Alleine, einen Überblick über so eine Organisation zu behalten, ist eine Mammutaufgabe. Dieser Organisation noch Vorgaben zu machen und sie in eine bestimmte Richtung zu lenken, eine Herausforderung.

Die Gefahr, in Detailinformationen zu ertrinken oder sich hoffnungslos im Alltagsgeschäft zu verfangen, ist groß. Seiner Aufgabe nach, beaufsichtigt das Board, was die Vollzeitkräfte machen und besetzt die Geschäftsführung.

Was zur Zeit ein besonderer Job ist: Die Geschäftsführerin der Foundation Catherine Maher verschwand im April 2021 überraschend. Der Posten ist seitdem unbesetzt. Ebenso wie sich die Chief Operations Officer im Jahr 2021 verabschiedete, die Abteilungen Communication und Technology auch niemand im Vorstand haben. Auf dem Schiff besetzt nur eine Notbesatzung an Offizier*innen die Brücke. Dem Board obliegt es derzeit, dieses Führungsvakuum schnell und kompetent zu beenden.

Welche Kriterien habe ich?

Grundsätzlich sollte jede*r Kandidat*in zwei Kriterien erfüllen. Sie sollte meine inhaltlichen Ziele teilen. Und sie sollte in der Lage sein, sich in einem ehrenamtlichen Job gegen eine komplette Organisation aus Vollzeitangestellten zu behaupten. Oft genug stehen bei solch ehrenamtlichen Gremien Kandidat*nnen zur Wahl, bei denen ich denke „Will Schlechtes, aber wird das erreichen“ und „Will Gutes, ist aber planlos. Am Ende werden die Hauptberuflichen machen was sie wollen. Oder es gibt Chaos.“

Angesichts der bewegten Zeiten, in denen wir leben; angesichts der latenten Führungslosigkeit der Foundation derzeit, möchte ich Kandidat*innen, die sich durchsetzen können. Kandidat*innen, die nach Möglichkeit die US-Zentrik der Foundation aufbrechen können. Ich möchte Kandidat*innen, die verstehen, dass Wikip/media keine allgemeine Weltbeglückungsorganisation ist, sondern sehr spezifische Sachen sehr gut durchführt – und andere überhaupt nicht kann. Es bringt nichts, sich auf allgemeine Weltbeglückungsziele zu stürzen, die weder die Foundation noch die Communities umsetzen können.

Wählenswert: Adam Wight. Bild: Recent selfie. Von: Adamw Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Welche Kandidaten?

Insgesamt stehen 19 Kandidat*innen zur Auswahl, die um vier Plätze streiten. Dabei sind Wikimedia-Urgesteine ebenso wie Newbies, viele Männer, mir auffallend viele Inder, viele Kandidat*innen mit NGO-Hintergrund, kaum eine*r, der/die fortgeschrittene IT-Kenntnisse hat.

Die Urgesteine

Dariusz Jemielniak – Professor of Management, daueraktiv auf allen Ebenen und vielleicht der einzige Mensch, der intellektuell versteht wie Wikipedia funktioniert.

Rosie Stephenson-Goodknight – WikiWomensGroup, Women in red, you name it. Bei überraschend vielen der Wikipmedia-Genderaktivitäten, die funktionieren, ist Rosie Stephenson-Goodknight beteiligt.

Gerard Meijssen – gefühlt war Gerard schon Wikipedianer bevor es Wikipedia gab. Vielleicht der spannendste Autor des Meta-Wikiversums und ein Chaot.

Mike Peel – langjähriges Mitglied des Funds Dissemantion Committees. (FDC) Hat bei mir in der Rolle durchgehend einen schlechten Eindruck hinterlassen.

Ravishankar Ayyakkannu – Mr. Tamil Wikipedia, der seinem Resumee zufolge seit 2005 in der Community und mit externen Partnern (wie Wikipedia Zero, Google) zusammenarbeitete. Gewinnt bei mir Diversitätspunkte, weil er nicht nur aus dem Global South stammt, sondern auch Ausbildung und Berufstätigkeit dort durchführte.

Wählenswert: Dariusz Jemielniak Bild: Dr. Dariusz Jemielniak – Wikimedia Foundation Board von: VGrigas (WMF) Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Im Wikiversum aktiv


Reda Kerbouche – Aktiv bei Wikimedia Algeria, Founding member der Wikimedia of Tamazight User Group. Lebt in Europa.


Lorenzo Losa – Ex-Vorsitzender von Wikimedia Italia.


Farah Jack Mustaklem
– Software Engineer, einer der wenigen Kandidaten mit Ahnung von Software. Aktiv bei den Wikimedians of the Levant und der Arabic language User Group. Mir persönlich zu sehr USA-sozialisiert für eine Board-Mitgliedschaft, andererseits sicher in jeder Hinsicht kompetent.

Douglas Ian Scott – Präsident von Wikimedia South Africa, Organisator der Wikimania 2018 und einziger Kandidat, den ich dank eines langen Wartepause am Kofferband irgendeines Wikimania-Flughafens persönlich besser kennenlernte – und begeistert war.

Iván Martínez – langjährig engagiert bei Wikimedia Mexiko, LGBTQ+-Aktivist und soweit ich hörte, das Wikiversum Lateinamerika ist begeistert von ihm.

Pavan Santhosh Surampudi – Community Manager at Quora. Versteht also vermutlich professionell etwas von Communities.

Adam Wight – Programmierer, Ex-Angestellter und WMF und WMDE und neben Gerard der Vertreter des Ur-basisdemokratischen, selbstorganisierten und Gegen-Informationsmonopole-Geistes des frühen Movements.

Vinicius Siqueira – in Wiki Movimento Brasil

Newbies

Es kann sich hierbei um langjährige und erfahrene Wikipedianer*innen handeln, die im kleinen Rahmen auch Projekte oder Gruppen organisiert haben. Erfahrungen in oder mit größeren Organisationen im Wikiversum fehlt vollkommen.

Lionel Scheepmans
Pascale Camus-Walter
Raavi Mohanty
Victoria Doronina
Eliane Dominique Yao
Ashwin Baindur

Wen werde ich wählen?

Leute, die sich durchsetzen können, und die auch die Grenzen des Wikiversums sinnvoll einschätzen können. Perspektiven auf das Leben, anders aussehen als „in US-NGOs sozialisiert“ werden bevorzugt.

Die Top 4

  • Douglas Ian Scott
  • Iván Martínez
  • Adam Wight
  • Dariusz Jemielniak

Top 8

  • Rosie Stephenson-Goodknight
  • Lorenzo Losa
  • Farah Jack Mustaklem
  • Gerard Meijssen

Wählbar

  • Reda Kerbouche
  • Pavan Santhosh Surampudi
  • Ravishankar Ayyakkannu

Wer wird wählen

Es wählen alle Menschen, die vage aktive Accounts in einem Wikimedia-Projekt haben. Die Bedingungen dafür sind niedrig angesetzt. Für Autor*innen ist es nötig 300 Bearbeitungen zu haben, kein Bot zu sein und höchstens in einem Projekt gesperrt zu sein. Die Bedingungen für die Board-Wahlen sind somit einfacher zu erfüllen als die Bedingungen zum Sichten in der deutschen Wikipedia. Die Kriterien mussten am 5. Juli 2021 erfüllt sein. Es hilft nicht, jetzt noch schnell zu editieren.

Das Wahlsystem

Es gilt das Präferenzwahlsystem. Dieses wird weltweit von einschlägigen Fachleuten als besonders fair bezeichnet. Es verzerrt den Wählerwillen weniger als viele andere Wahlsysteme. Praktisch wird es allerdings nur selten eingesetzt. Die bekannteste Wahl mit Präferenzwahl in letzter Zeit war die Bürgermeister*in-Wahl in New York, New York.

Bei Wahlsystem nummeriert man „seine“ Kandidat*nnen nach Präferenzen. Die beste Kandidatin bekommt eine Eins, der Kandidat danach eine zwei und so weiter. Hält man keine Kandidatin mehr für geeignet, hört man auf zu nummerieren.

Bei der Wahl werden in der ersten Runde alle Präferenzen mit „1“ gezählt. Ein Kandidat hat am wenigsten davon. Dieser scheidet aus. Von allen „1“-Wählerinnen des Kandidaten werden nun die „2“-Präferenzen seiner Wählerinnen auf die entsprechenden weiteren Kandidaten verteilt. Und so weiter, bis nur noch so viele Kandidatinnen übrig sind, wie es Plätze zu besetzen gilt.

Zur Wahl

Geht es hier.

Beitragsbild: Die Apostel wählen einen zwölften Zeugen als Ersatz für Judas. Aus dem Rabbula-Evangeliar.

Wiki Loves Jules Verne. Mit Wikipedia in Braunschweig.

08:28, Tuesday, 17 2021 August UTC


Mensch-Maschine Braunschweig


Im ICE ist Deutschland. Der Zug fährt ein und hält. Das Schild am Gleis behauptet tapfer „Zugdurchfahrt“. Die Türen lassen sich öffnen. Am Zug steht nichts geschrieben, außer Wagennummern, die nicht zu den Reservierungen passen. Das Publikum bleibt irritiert. Etwa die Hälfte der Anwesenden geht in den Zug und bleibt im Wageninnern ratlos stehen. Die andere Hälfte steht ratlos am Bahnsteig. 

Schließlich: Lichter gehen an. Der Zug verkündet mittels seiner Anzeigen nun auch, nach Kassel zu fahren.  Eine Frau entschuldigt sich über die Lautsprecheranlage über die falschen Wagennummern, man solle ich immer zehn wegdenken „Also 22 statt der angezeigten 32.“

Ein Mensch mit re:publica-Bändchen am Arm verscheucht die ältere Dame ohne Reservierung von seinem Platz und liest den gedruckten Spiegel. Ich höre ein angeregtes Gespräch zwischen einem Musicaldarsteller und einer Abteilungsleiterin im Innenministerium, die sich gerade kennenlernen über, den relativen Wert von Musikgymnasien in Berlin. Geht es noch deutscher?

Illustration aus dem Buch ""Le tour du monde en quatre-vingts jours" Alphonse de Neuville & Léon Benett


Passenderweise habe ich ein entsprechendes Buch mitgenommen. Nils Minkmars „Mit dem Kopf durch die Welt.“ Das hat schon auf dem Cover ein ICE-Fenster und geht der Frage nach, was Deutschland bewegt. Minkmar lässt sich über deutsche Normalität aus. Der deutsche Ingenieur, lange Jahrzehnte Sinnbild der Normalität, sei nicht mehr normal. Minkmar erzählt aus seiner französisch-deutschen Kindheit:


„Meine Mutter nannte dann immer eine Berufsgruppe, die uns besonders fern war, nämlich les ingenieurs. Wir waren in Deutschland […] und das ganze frisch aufgebaute Land ruhte auf Säulen, die les ingenieurs berechnet, gegossen und zum Schluss noch festgedübelt hatten. […] Viele Jahre später sollte ich die Gelegenheit haben, diese seltene Spezies besser studieren zu können. Sie saßen direkt hinter mir, zwei ausgewachsene Exemplare: Ingenieure, Familienväter, auf der Rückfahrt von einer Dienstreise. Sie plauderten über die sich verändernden Zeiten. […] Fernsehen, Marken, Politiker, auf keinem Gebiet fanden sich diese beiden braven Männer wieder, alles zu grell und bunt, zu aufgeregt. Ihre spezifischen Werte und Tugenden, Sorgfalt und diese stille Freude an der eigenen Biederkeit, das alles war an den Rand gerückt. Ingenieure waren nun Exzentriker. […] Diese Männer fanden sich kulturell kaum zurecht.“

Wenn „der deutsche Ingenieur“ nicht mehr normal in Deutschland ist, sind es jetzt Ministerialbeamtinnen und Musicaldarsteller?




Forschung Maschinenbau Braunschweig


Minkmar war noch nicht in Braunschweig. Oder Braunschweig ist nicht normal. Da steige ich harmlos aus dem Zug und die Stadt schlägt mir „Deutscher Ingenieur“ rechts und links um die Ohren. Braunschweig hebt das Thema "autogerechte Stadt" in Höhen, die selbst mir als gebürtigem Hannoveraner unerreichbar schienen.

Braunschweig. Bahnhofsvorplatz.


VW ist daran beteiligt, ist klar in der Gegend. Aber nicht nur. Ich wandelte also Freitagabend gegen 21 Uhr auf der Suche nach einem Wegbier durch das verlassene Braunschweig, passierte die Stadthalle und wurde prompt begrüßt mit „Tag des Maschinenbaus. Herzlich Willkommen.“



Vor allem aber  fiel mir bei diesem Wandeln auf, wie unglaublich gepflegt diese Stadt aussieht. Ich erblickte  keine einzige Kippe auf dem Weg. Selbst die Großbaustelle, über die irrte, wirkte irgendwie aufgeräumt. Viel verwunderlicher war, dass selbst die in Braunschweig reichlich vorhandenen 1970er-Großbauten gepflegt und sorgsam hergerichtet wirkten. Die Stadthalle selber, offensichtlicher spät 1960er/früh 1970er-Stil wirkte besser gepflegt als Berliner Gebäude nach zwei Jahren. Die Wege und Lampen darum herum: offensichtlich keine zehn Jahre alt. Sie wirkten wie frisch aus der Packung genommen.

Wegbier. In Braunschweig nur schwerlich aufzutreiben, dann aber stilgerecht,


Selbst die Schwimmbäder sind alle gepflegt(*), alle haben gleichzeitig geöffnet und keines ist aus obskuren Gründen gesperrt. Da spielt nicht nur bürgerschaftliches Engagement eine Rolle, sondern offensichtlich ist auch Geld vorhanden.

Auf dem Hotelzimmer, noch so ein sehr gut gepflegter und hergerichteter Bau, der einem „1970er!“ ästhetisch schon ins Gesicht schreit, mit dem Hotel-Wlan (7 Tage, 7 Geräte) nachlesend, wie das nun ist mit Braunschweig. Bekanntes taucht beim Nachlesen auf: Die physikalische-technische Bundesanstalt mit der Atomuhr; geahntes lese ich (Volkswagen – hey, das ist Niedersachsen und die Technische Universität existiert ja auch) und nicht bekanntes:

„Im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) verfügt die Region Braunschweig über die höchste Wissenschaftlerdichte,[103] im bundesweiten Vergleich über eine hohe Ingenieurquote[104] sowie über die höchste Intensität auf dem Gebiet der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In der Region Braunschweig arbeiten und forschen mehr als 16.000 Menschen aus über 80 Ländern[105] in 27 Forschungseinrichtungen sowie 20.000 Beschäftigte in 250 Unternehmen der Hochtechnologie[106]“

Dazu noch „Braunschweig ist die Stadt mit der niedrigsten Verschuldung Deutschlands.“ Und nach einer obskuren EU-Rangliste ist Braunschweig  die innovationsfreudigste Region der EU vor Westschweden und Stuttgart. Hier lebt der deutsche Ingenieur. Hier lebt die deutsche Technik. Was für ein passender Ort für Jules Verne.


Jules Verne


Jules Verne; französischer Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts und vor allem bekannt als "Vater der Science Fiction." Von seinem vielfältigen Werk sind vor allem die Abenteuer-Techno-Knaller wie Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, die Reise Von der Erde zum Mond oder die Reise zum Mittelpunkt der Erde bekannt. Wikipedia und die Deutsche Jules-Verne-Gesellschaft hatten ein gemeinsames Wochenende organisiert mit einer Tagung zu Jules Verne und Gesprächen zu Wikipedia.

Volker Dehs bestreitet das halbe Programm


Jules Verne, mir vor allem bekannt durch vage Erinnerungen an den 1954er Nemo-Film, Weiß-orange Taschenbücher und einen blau eingebunden Robur-Roman, der mich verstörte, weil er so anders war als die großen mir bekannten Abenteuerromane von Jules Verne. Warum ich überhaupt fuhr: Intuition. Ich hätte nur schwerlich begründen können, was genau mich reizte, aber die Mischung aus Vertrauen in die Veranstalter, Science Fiction und Neugier auf diese andere niedersächsische Stadt nach Hannover, trieben mich dorthin.

Verne selber gilt als Begründer Science Fiction. Und so bringt er als Autor frankophile Literaten und Groschenromanfans, Ingenieure und Naturwissenschaftler zusammen. Besessene Bibliographen waren Thema und Anwesend, ebenso wie die phantastische Bibliothek in Wetzlar – die Mischung der Jules-Verne-Aktiven unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Mischung der Wikipedia-Aktiven. Die Perspektiven, aus denen Verne hier unter die Lupe genommen wurden, waren vielgestaltiger als sie es in der Literatur sonst sind. Faszinierend hier war die Neigung unterschiedlicher und leicht besessener Menschen sich zu einem Thema auseinanderzusetzen.

Haus der Braunschweigischen Stiftungen - Veranstaltungsort.



Dementsprechend hatte der Veranstalter, der Wikipedia-Autor Brunswyk das Programm gestaltet: ist Verne eher katholisch oder eher laizistisch? Kam der Wille zur Aufklärung in seinen Büchern durch seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel hinein, während auf Verne eher zurückgeht, dass alles menschliche Streben gegenüber der göttlichen Macht sinnlos bleibt? Wen inspirierte er? Ist es eine sinnvolle Frage, dem nachzugehen, welche seiner Voraussagen, sich bewahrheiten? Dazu kamen dann noch Exkursionen zu Friedrich Gerstäcker, Fenimore Cooper, die Ingenieure, die ihre U-Boote dann nach Jules Verne „Nautilus“ nannten – und stark von diesem beeinflusst waren

Für mich brachte das Treffen interessante Erkenntnisse, wie die Tatsache, dass Verne immer Theaterautor oder – produzent werden wollte und wie sehr der Katholizismus sein Denken beeinflusste. Romancier war er eher gezwungenermaßen – und verdiente mit seinen zwei erfolgreichen Theaterstücken in seinem Leben ein Viertel so viel Geld wie mit etwa 80 bis 100 Romanen.

Interessant das Rätseln aller Anwesenden, warum Vernes Roman "der Grüne Strahl" so ein kommerzieller Erfolg war, was niemand der Anwesenden nachvollziehen konnte. Und dann eine Dreiviertelstunde später kam die Bemerkung in einem anderen Zusammenhang, dass "der Grüne Strahl" quasi Vernes einziges Buch mit einer weiblichen Hauptfigur war. Ich ahne einen Zusammenhang, Update: Es kam wie es kommen musst. Da denke ich mal, ich habe etwas entdeckt, dabei habe ich nur etwas falsch verstanden. Tatsächlich ist Der Grüne Strahl nicht das einzige Werk mit einer Protagonistin. Das prägnanteste Buch ist dabei Mistress Branican*, da hier die Titelfigur die komplette Handlung quasi im Alleingang bestreitet. Aber auch in anderen Büchern spielen Frauen eine wichtige Rolle (und dieser Umstand war Jules Verne sogar so wichtig, dass er in Interviews darauf hinwies): Die Kinder des Kapitän Grant*, Nord gegen Süd*, Reise um die Erde in 80 Tagen*, Ein Lotterielos* ... und einige mehr. (*Affiliate Links)

Für mich neu war die Erkenntnis, dass ein Großteil von Vernes Werk gar nicht in den Bereich Science Fiction gehört, sondern es (fiktive) Reisebeschreibungen sind. Und selbst dort wo Verne Maschinen und phantastische Gerätschaften erfindet, dienen diese vor allem dem Zweck zu reisen.

Und jetzt recherchiere ich, natürlich, zum Grünen Strahl.

Die Phantastische Bibliothek


Meine beiden Programmhighlights beschäftigten sich nur mittelbar mit Jules Verne. Sie kamen von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar: zum einen der Rückblick von Thomas Le Blanc auf Wolfgang Thadewald. Den großen Phantastik- und Jules-Verne-Sammler. Thadewald verstarb 2014. Er lebte in Langenhagen. Mehrere der Anwesenden hatten ihn noch persönlich gekannt. Und die Schilderung seiner Sammlertätigkeit, seiner Liebe zu Büchern und zu Menschen, aber auch die Besessenheit mit der Thadewald an ein Thema heranging und auch von Krankheit schon schwer gekennzeichnet das Arbeiten an Bibliographien nicht lassen konnte – es ließ sich nicht anders beschreiben als bewegend. Sicher war dieser Vortrag mein emotionaler Vortrag des Programms.

Wer auch immer aber auf die Idee kam, den Vortrag von Klaudia Seibel zu Future Life: Wie (nicht nur) Jules Verne dabei hilft, die Zukunft zu gestalten an Ende der Konferenz zu legen: Chapeau! Das Projekt ist, kurz gesagt, ein Projekt der Phantastischen Bibliothek. Die stellt zu bestimmten Themen Dossiers zusammen, wie Science-Fiction-Autoren sie sich vorstellen. Die Berichte  werden manchmal von öffentlichen Stellen, öfter von Großunternehmen bestellt, die damit selber zukunftsfähig werden wollen und in die Zukunft denken.

So als Beispiel: Nanotechnische Ideen in der Science Fiction



Wobei Auftraggeber von Staats wegen selten sind. Die meisten Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. Die allerdings meist gleich umfangreiche Verschwiegenheitsklauseln verlangt, weshalb die Phantastische Bibliothek da wenig zu sagen kann.

Da haben also Autoren und Mitarbeiter der Bibliothek ein profundes Wissen über die Science-Fiction-Literatur und die größte Bibliothek ihrer Art im Hintergrund und seit mittlerweile einigen Jahren eine große Datenbank aufgebaut, was Autoren zu verschiedenen Themen schreiben.

Als jemand, der ich selbst weiß, wie viele Situationen ich durch gelesene Bücher interpretiere – Bilder aus diesen Büchern im Hinterkopf habe und mir immer wieder mal sagen muss, dass ein Roman nur bedingt real ist, glaube ich sofort, dass es nichts gibt, was so sehr Denkprozesse auslösen und Kreativität triggern kann, wie Romane. Der befreit das Hirn gerade vom strikt logisch-folgerichtigen Denken, verrückt die Perspektive etwas nach links oder oben, und schon öffnen sich vollkommen neue Gedankenwege. Die Idee ist so brillant, dass es überraschend ist, dass sie wirklich angenommen wird. Anscheinend wird sie das.


Mensch Maschine Normal


Und nachdem ich dann wieder im Zug saß und das erste Handy-Ticket meines Lebens gekauft hatte, fragte ich mich wieder. Ist diese Stadt – die mir in vieler Hinsicht – so unfassbar „normal“ vorkommt, vielleicht die große Ausnahme? Sind die Musicaldarsteller, die mit „dem Alex“ [Alexander Klaws] telefonieren, normal? Die Menschen im Ministerium? Die größten Jules-Verne-Experten des Landes, die alle noch einen anderen Brotjob haben? Oder eher die Normalität vieler Menschen, die darin besteht, am Ende des Monats zu überlegen, wie denn die letzten 10 Tage mit dem leeren Konto noch überbrückt werden können?





Brauschweig ist die verstädterte Mensch-Maschine-Kopplung. In seiner Normalität sicher schon wieder ein Ausnahmefall in Deutschland. Aber ich sah die Zukunft: sie sitzt in einer Bibliothek in Wetzlar und liest Science-Fiction-Romane.

Weiterlesen


Mit Wikipedianern kann man nicht nur Verne lesen, sondern auch Cocktails mischen: Ramos Gin Fizz für die Enzyklopädie.

Oder man läuft mit Wikipedianern durch den Wedding:Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Mehr zu Future Life bei der phantastischen Bibliothek: Future Life. 

Zum Jules-Verne-Club

Die Wikipedia-Seiten zur Veranstaltung: Wikipedia:Wiki Loves Jules Verne

Beiträge zur Veranstaltung im Wikipedia-Kurier und im Blog von Wikimedia Deutschland.

Der grüne Strahl im Gesamttext bei zeno.org: Der grüne Strahl

Alle Iberty-Posts zur Kultur stehen unter: Kultur in Iberty!

Anmerkungen


Auch zu Schwimmbädern ein schönes Minkmar-Zitat aus dem Mit-dem-Kopf-durch-die-Welt.Buch:

„Nichts gegen das große Geld und die wenigen, die es genießen können, aber die Stärke mitteleuropäischer Gesellschaften liegt gerade in der Mischung. Für Reiche ist es in Singapur, Russland und Malaysia ideal. […]Glaspaläste und Shopping Malls gibt es auf der ganzen Welt, bald vermutlich auch unter Wasser und auf dem Mond. Öffentliche Freibäder, Stadtteilfeste oder Fußgängerzonen, in denen sich Reiche und Arme, Helle und Dunkle, Christen und Muslime mit ihren Kindern vergnügen und drängeln, gibt es nur hier. Ich fand es immer erstaunlich, dass es in Algerien beispielsweise keine öffentlichen Schwimmbäder gibt oder dass man in den USA oder in Brasilien Mitglied in einem Club werden muss. Das ist eine teure und in vieler Hinsicht sozial sehr voraussetzungsreiche Angelegenheit, nur um mit den Kindern mal schwimmen zu gehen, es sei denn natürlich, jeder hat seinen eigenen Pool im Garten, was, für mich zumindest, wie eine Definition von struktureller Langeweile klingt.“ (s. 104)


 

*Dieser Post enthält Affiliate Links zu geniallokal. Es handelt sich dabei um Werbung. Ich bekomme eine kleine Provision, wenn ihr dort bestellt, und ihr habt bei den Guten bestellt.


Berlin celebrates old school #wikipedia15

08:13, Tuesday, 17 2021 August UTC

I still remember the time when real life meetings for Wikipedians were new and adventurous and a bit scary. Did one really want to meet these strange other people from the Internet? How would they be? Could they even talk in real life or would they just sit behind a laptop screen staring on it for hours?

My first meeting in Hamburg – THE first Wikipedia meeting in Hamburg - would consist of three people (Hi Anneke, Hi Baldhur!) sitting in a pub, and just waiting and seeing what would happen. These meetings were kind of improvised, in a pub, quite private and personal in nature and no talk about projects, collaborations, “the movement” whatever. Just Wikipedia and Wikipedians having a nice evening.

WP15 Germany Berlin 01
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

So what a fitting setting to celebrate this day in Berlin just the old school way. Half improvised, organized by our dearest local troll user:Schlesinger on a talk page, we met in a pub, it was not clear who would come and what would happen except some people having a good time.

And so It was. In the “Matzbach” in the heart of Berlin-Kreuzberg seven people promised to come, in the end we were almost twenty. Long time Wikipedians, long-time-no-see-Wikipedians, a Wikipedian active mostly in Polish and Afrikaans, some newbies and two and a half people from Wikimedia Deutschland. Veronica from Wikimedia Deutschland brought a tiny but wonderful home-baked cake, and we just talked and laughed, talked about history and future.  Actually, mostly we talked about future.

WP15 Germany Berlin 03
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

About the Wikipedian above 30, who has just started a new a university degree in archaeology, the question whether the Berlin community should have its own independent space, industrial beer, craft beer and the differences, the district of Berlin-Wedding, the temporary David-Bowie-memorial in Berlin-Schöneberg, the vending machine for fishing bait in Wedding, new pub meet-ups in the future, who should come to the open editing events, how to work better with libraries, colorful Wikipedians who weren’t there, looking for a new flat, whether perfectionism is helpful or rather not when planning something for Wikipedians, explaining Wikipedia to the newbie, the difficulties of cake-cutting and whatsoever.

No frustration, almost no talk about meta and politics, just Wikipedians interested in the world, Wikipedia and eager to be active in and for Wikipedia and with big plans for the future. Old school. So good.

WP15 Berlin Torte angeschnitten

Die Verschwundenen

08:13, Tuesday, 17 2021 August UTC

Crossposting eines Posts von mir aus dem Wikipedia Kurier. Erfahrungsgemäß lesen das dort und hier ja doch andere Menschen.

Wikipedistas kommen und gehen. Manchmal gehen mehr, manchmal weniger. Einzelne davon fallen durch ihr Wirken in der gesamten Wikipedia auf oder versuchen sich wenigstens durch einen spektakulären Abgang in Szene zu setzen. Die meisten Autoren und Autorinnen aber gehen genauso still und leise wie sie gekommen sind und gearbeitet haben.

Die unseligen Autorenschwund-Debatten der unseligen Wikimedias kümmern sich ja um Zahlen und nicht um Autorinnen und Autoren. Wie armselig! Den Meta-aktiven Communitymitgliedern - aka Wikifanten - fallen vor allem die anderen Wikifanten auf, die entschwanden. Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es um lauter einzelne Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Arbeitsstilen und Interessen geht, die in Wikipedia tätig waren und sind. Es gibt vor allem diejenigen, die kommen, einen Beitrag leisten und dann wieder verschwinden. Der größte Teil der tatsächlichen Wikipedia wird von Menschen und Accounts gestaltet, deren Edits fast nur im Artikelnamensraum aufzufinden sind. Manchmal arbeiten sie unermütlich über viele Jahre, manchmal auch nur einige Wochen an einen oder zwei Artikeln. Viele davon sind als IP aktiv, so dass sich fast nichts über sie sagen lässt. Vielleicht sind die Beitragenden per IP auch gar nicht viele, sondern eine einzige sehr fleißige Autorin? Wer weiß?


 Viele Wikipedianerinnen und Wikipedianer sind derzeit inaktiv.

Anlässlich des Projektes WikiWedding und in meinem Bestreben möglichst viele Wedding-Aktive daran zu beteiligen, lese ich ja derzeit viele Artikel zu einem Themengebiet, das mir in den letzten Jahren eher fremd war und an dessen Entstehung ich nicht beteiligt war. Wer sich in den letzten Monaten am Thema beteiligt hat, ist mir bewusst, wer sich von 2001 bis 2014 des Weddings angenommen hat, musste ich nachlesen. Eine spannende Lektüre voller mir unbekannter Namen und Accounts. Neben einigen mir bekannten Wikipedistas waren dort vor allem mir unbekannte Accounts. Accounts, die oft aufgehört haben zu editieren. Meist sind sie still und leise gegangen. Ihre Edits und Kommentare geben keinen Hinweis warum. Aber anscheinend war es anderswo schöner. Oder sie hatten den Einruck, alles in Wikipedia geschrieben zu haben, was sie beitragen wollten. Um diesen Autorinnen und Autoren zumindest nachträglich etwas Aufmerksamkeit zu geben, um ihre Namen kurz aus den Tiefen der Versionsgeschichten zu retten, sollen hier einfach einige Autorinnen(?) und Autoren gewürdigt werden, die sich um den Wedding in Wikpedia bemühten bevor sie verschwanden.



Da ist zum Beispiel der Artikel zur Chausseestraße. Ein Mammutwerk von Gtelloke, dessen Wikipedia-Edits sich von Juni bis Dezember 2012 fast ausschließlich auf diesen Artikel beschränkten.


Bild: Die Chausseestraße 114-118 in Richtung Invalidenstraße von Gtelloke
Lizenz: CC-BY-SA 3.0



Da ist der Artikel zum Wedding selber. Angelegt 2002 von Otto, dessen letzter Edit aus dem Dezember 2004 stammt. Im November 2004 dann maßgeblich ausgebaut von Nauck, der sich auch sonst dem Ortsteil und seinen Themen widmete. Artikel zu Moabit, den Meyerschen Höfen, Mietskasernen und Schlafgängern waren Teil seines kurzen Werks, das im Wesentlichen nur zwei Wochen im November 2004 dauerte, aber die Grundlagen wichtiger Artikel zur Berliner Sozialgeschichte legte. Ein Blick auf seine Benutzerseite zeigt auch den Geist der Wikipedia-Frühzeit: ''GNU rockt! Der König ist tod, lang lebe das Volk! Lang lebe die Anarchie des Netzes! Licht und Liebe''

Weiterer Ausbau erfolgte durch 87.123.84.64, auch zu wikipedianischen Urzeiten. Dann passierte 500 Edits und acht Jahre im Wesentlichen nichts – mal ein Halbsatz hier, mal die Hinzufügung von drei Bahnstrecken dort, Hinzufügen und Löschen von berühmten Persönlichkeiten bis im Dezember 2014 der erste heute noch aktive Wikipedianer hinzukommt: Fridolin freudenfett verpasst dem Artikel mit „Katastrophalen Artikel etwas verbessert)“ eine Generalüberholung.

Der Leopoldplatz; angelegt von Frerix, der in den immerhin fünf Jahren seiner Wikipedia-Aktivität nie auch nur eine Benutzerseite für nötig hielt und anscheinend auch in keine Diskussion verwickelt wurde.  Zu seinen wenigen Beiträgen gehören neben der Anlage des Leopoldplatzes auch noch die Anlage der englischen Stadt Sandhurst, die Anlage des Kreuzviertels in Münster und des Three Horses Biers. Dann war er/sie wieder weg. Mutter des Artikels ist hier aber 44Pinguine, die den heutigen Inhalt maßgeblich prägt und auch heute noch aktiv ist.

Da wäre das Wahrzeichen des Weddings. Die Alte Nazarethkirche. Der Artikel stammt vor allem von 62.246.210.30.


Bild: Leopoldplatz, Ev. Alte Nazarethkirche, 1832–35 von Karl Friedrich Schinkel von Schliwiju

Nichts war für die Entwicklung des Weddings wohl so entscheidend wie die Geschichte der AEG. Dieser Artikel stammte in seiner Frühzeit von WHell, engagiertem Wikifanten, mit ausführlicher Artikelliste und Diskussionsseite, der uns 2007 verließ. Der letzte Eintrag auf seiner Diskussionsseite war „Hallo WHell, ich möchte Dich als den Hauptautor darüber informieren, dass ich den Artikel John Bull (Lokomotive) in die Wiederwahl zum Exzellenten Artikel gestellt habe,“ Größere Beiträge zur WEG folgten in den späteren Jahren durch Peterobst – aktiv von Februar bis April 2006 vor allem mit Beiträgen zur Berliner Industriegeschichte, nach seiner Benutzerseite AEG-Kenner und in Arbeit an einem Buch über den Konzern. Es folgten 80.226.238.197, von Georg Slickers 2006 (auch heute noch aktiv, wenn auch recht unregelmäßig), Flibbertigibbet 2006 , 79.201.110.89 im Jahr 2008 und der unermüdlichen 44Pinguine. Weiter ausgebaut von Onkel Dittmeyer, aktiv von 2009 bis Juli 2015 in Technikthemen und vielleicht immer noch unter neuem Account? Begann seine Karrier mit der Nutzerseite „Hier ist Nichts und das soll so bleiben !“ und hielt sich im Wesentlichen daran.

Da ist der Volkspark Rehberge. Angelegt von Ramiro 2005, aktiv 2005/2006, vor allem zum Thema Fußball. Maßgeblich ausgebaut, umfassend überarbeitet 2007 von 84.190.89.208 und noch einmal 2010 stark erweitert von Katonka. Landschaftsplaner mit unregelmäßigen Edits zwischen 2009 und 2014, die Edits waren wenige, aber die Qualität war hoch.


Bild: LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin Mitte - Panoramabild auf die Wiesen des Volkspark Rehberge in Berlin, Wedding (Mitte). Von: Patrick Franke Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Neben diesen Verschwundenen tauchen glücklicherweise aber auch heute noch aktive Wikifanten auf. Immer wieder 44Pinguine und Fridolin freudenfett. Darüber hinaus Definitiv, Magadan, Flibbertigibbet und Jo.Fruechtnicht.

Die Artikel entstanden durch Wikifanten und IPs. Accounts mit nur einem Thema oder anderen, die über Jahre thematisch sprangen. Während in der Frühzeit aber viele verschiedene Accounts und IPs an den Artikel beteiligt waren, waren in den letzten Jahren deutlich weniger Menschen aktiv. Fast alle inhaltlichen Edits in den von mir angesehenen Artikeln verteilen sich auf 44Pinguine,  Fridolin freudenfett und Definitiv. Wikipedia wird kleiner und noch lebt sie. Aber wir können all‘ den Verschwundenen danken, die vor uns kamen.

Seit nun schon ein paar Jahren hört man immer wieder über Probleme in der kroatischen (und zu einem gewissen Grad auch der serbischen) Wikipedia. Rechte Gruppen sollen das Projekt übernommen haben und alle Wikipedianer, die nicht ihrer Meinung sind, rausgeekelt oder einfach gesperrt haben.

Lange war nichts passiert, aber seit Ende letzten Jahres sah sich die WMF dann doch mal die Situation an und es wurde schon zumindest ein Admin gebannt.

Nun hat die WMF ein Abschlußdokument veröffentlicht; oder genauer schon Mitte Juni und ich habe es erst heute bei reddit gesehen. In dem Dokument finden sich solche Perlen, als das in hrwp behauptet wurde, Nazi-Deutschland habe Polen überfallen weil Polen einen Genozid an Deutschen verübt hätten.

Der ganze Bericht kann hier gefunden werden. Mich macht die ganze Geschichte sowohl traurig als auch wütend. Wikipedia soll die Leute so gut es geht aufklären und nicht Propaganda verbreiten!

IeS: Blog ist zurück

21:38, Friday, 16 2021 April UTC

Ich habe heute dieses Blog auf einen neuen Server umgezogen, sein DNS aktualisiert und sein SSL repariert. Werde versuchen, es nun wieder öfters zu befüllen. Wünscht mir Glück 🙂.

Wahl: Oversighter-Wahlen

21:11, Friday, 16 2021 April UTC

Bereits seit gestern und noch bis zum 28. April laufen die Oversighter-Wahlen. Doc Taxon, User:He3nry und Nolispanmo treten zur Wiederwahl an. Ich wünsche: Viel Erfolg!

Gab es in der DDR Spaghetti?

09:39, Friday, 26 2021 March UTC

Eine der schöneren unbekannten Ecken der Wikipedia ist die Seite zur Auskunft. Dort können Menschen mögliche und unmögliche Fragen stellen, die dann mal launisch, mal larmoyant, mal ernsthaft oder auch gar nicht beantwortet werden. Wie im wahren Leben und eine ewige Fundgrube obskuren Wissens, seltsamer Fragestellungen und logischen Extremsports.

Nicht die DDR. Bild: Giorgio Conrad (1827-1889) - Mangiatori di maccheroni. Numero di catalogo: 102.



Dort nun fragte vor ein paar Tagen ein unangemeldeter Nutzer:

 "Warum gab es in der DDR eigentlich nur Makkaroni (die in Wirklichkeit Maccheroncini waren), aber keine Spaghetti? Das erscheint mir nach Lektüre einiger Bücher aus der DDR so gewesen zu sein und ist mir auch so von meiner aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden Verwandtschaft bestätigt worden. Warum?"

Es folgte eine längere und mäandernde ausgiebige Diskussion, die immerhin folgendes ergab:

* Anscheinend gab es in der DDR Spaghetti, zumindest erinnerten sich einige der Diskutanten an derartige Kindheitserlebnisse.
* Ob Spaghetti so verbreitet waren wie Makkaroni oder Spirelli, darüber bestand Uneinigkeit.
* Die Nudelsaucensituation war in Berlin besser als im Rest der DDR.
* Die DDR allgemein pflegte in vielerlei Hinsicht traditionellere Essgewohnheiten als Westdeutschland, die Küche der DDR ähnelte in vielem mehr der deutschen Vorkriegsküche als dies für die westdeutsche Küche gilt.
* In Vorkriegszeiten waren Makkaroni verbreiteter als Spaghetti.
* Schon bei Erich Kästner wurden Makkaroni gegessen
* Der Makkaroni-Spaghetti turn im (west-)deutschen Sprachraum war Mitte der 1960er
* Schuld könnten wahlweise das mangelnde Basilikum, die mangelnde Tomatensauce, überhaupt mangelnde Kräuter, Italienreisen, Gastarbeiter, Miracoli oder auch was ganz anderes sein.
* Klarer Konsens im Rahme: Sahne gehört keineswegs in Sauce Carbonara!


Gab es in der DDR nicht: Miracoli. Bild: Miracoli-Nudeln mit Mirácoli-Soße von Kraft. Von: Brian Ammon, Lizenz: CC-BY-SA 3.0
 
Daneben tauchten eine ganze Menge Kindheitserinnerungen auf an exotische Spaghettimahlzeiten mit kleingeschnittenen Spaghetti, Ketchup-basierter Tomatensauce und anderen kulinarischen Exotika des geteilten Deutschlands.

Einige Antworten, viel mehr Fragen:
* seit wann wird in Deutschland überhaupt Pasta gegessen?
* wie lange schon ist Tomatensauce verbreitet?
* seit wann essen westdeutsche Spaghetti?
* Und wer ist Schuld? Die Gastarbeiter? Die Italienurlauber? Miracoli?
* Und wie kommen eigentlich die Löcher in die Makkaroni?

Also verließen wir dann erst einmal die Auskunft und die dortige Diskussion und betrieben etwas weitere Recherche. Das heimische "Kochbuch der Haushaltungs- und Kochschule des Badischen Frauenvereins", veröffentlicht 1913 in Karlsruhe, kennt sowohl Makkaroni wie auch Spaghetti. Ungewohnt für heute: die Makkaroni werden in "halbfingerlange Stückchen gebrochen" und dann 25 bis 30 Minuten gekocht.

Neben den diversen Makkaroni-Gerichten gibt es auch einmal Spaghetti. Die Priorität ist klar. Spaghetti werden erklärt als "Spaghetti ist eine Art feine Makkaronisorte. Beim Einkauf achte man darauf, daß sie nicht hohl sind"

Die "Basler Kochschule. Eine leichtfaßliche Anleitung zur bürgerlichen und feineren Kochkunst" von 1908 kennt keine Spaghetti aber diverse Gericht mit "Maccaronis". Darunter sogar schon die Variante "a la napolitaine" mit Tomatensauce.

Weitere Recherche. Weitere Erkenntnisse bringt das Buch "Meine Suche nach der besten Pasta der Welt: Eine Abenteuerreise durch Italien", das die Ankunft der Makkaroni in Deutschland auf das frühe 18. Jahrhundert verlegt. Die 1701 nachweisbaren "Macronen" waren wohl eher Lasagne, aber Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden in Prag und Wien echte Makkaroni-Fabriken.

Die Pasta folgte anscheinend den jungen Männern der Grand Tour aus Italien in das restliche Europa. Bestimmt waren die Grand Tours für junge Männer, die mal etwas von der Welt sehen und klassische europäische Bildung mitbekommen sollten, die auf der Tour aber anscheinend nicht nur Statuen und Kirchen kennenlernten, sondern auch Pasta.

Philip Dawe, The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade (1773) - 02
Der Macaroni. Der Hipster seiner Zeit. Bild: Philip Dawe: The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade, 1773.

In England gab es sogar einen eigenen Modestil Macaroni für exaltierte junge Männer - "a fashionable fellow who dressed and even spoke in an outlandishly affected and epicene manner". Die englische Wikipedia schreibt dazu lakonisch: "Siehe auch: Hipster. Metrosexuell." Komplett falsch wäre wohl auch die Assoziation zur Toskana-Fraktion nicht.

Nach diesen extravagant und auffallend auftretenden jungen Männern ist nun wiederum im Englischen der Macaroni penguin - auf deutsch der Goldschopfpinguin - benannt.


Makkaroni-Penguin. Benannt nach dem Stil, nicht nach den Nudeln. Bild: Macaroni Penguin at Cooper Bay, South Georgia von Liam Quinn, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Wie aber kommen nun die Löcher in die Makkaroni? Und seit wann? Licht in dieses Dunkel bringt die "Encyclopedia of Pasta." Diese lokalisiert die Entstehung der maschinellen Pastafertigung - die für Makkaroni in zumutbarer Menge unvermeidlich ist - in die Bucht von Neapel in das 16. Jahrhundert. Dort existerte eine Heimindustrie mit Mühlen, an die sich relativ problemlos eine im 16. Jahrhundert aufkommende ’ngegno da maccarun anschließen lies, die es den Neapolitanern ersparte stundenlang im Teig herumzulaufen, um ihn zu kneten: im Wesentlichen Holzpressen mit einem Einsatz aus Kupfer, je nach Form des Einsatzes entstehen verschiedene Nudelsorten und damit unter anderem Makkaroni. Die Makkaroni wurden dann in langen Fäden zum trocknen in die süditalienische Sonne gehängt.


Sommer, Giorgio (1834-1914) - n. 6204 - Napoli - Fabbrica di maccheroni
Neapel, 19. Jahrhundert. Bild: Giorgio Sommer (1834-1914), "Torre Annunziata-Napoli - Fabbrica di maccheroni". Fotografia colorita a mano. Numero di catalogo: 6204. 


Das hat alles nicht mehr wirklich etwas mit Spaghetti und der DDR zu tun, beantwortet nicht, warum die Deutschen in den 1960ern plötzlich lieber Spaghetti als Makkaroni mochten, oder warum die Makkaroni bei ihrem ersten Zug über die Alpen die Tomatensauce in der Schweiz ließen? Warum gibt es in Deutschland kein Äquivalent zu "Macaroni and cheese" (mehr)? Gab es ein Miracoli-Äquivalent in der DDR, bei dem es Pasta, Sauce und Käse schon in einer Packung gab? Warum sind Makkaroni in Deutschland tendenziell lang und dünn in vielen anderen Ländern aber dicker und hörnchenförmig-gebogen? Es ist hochspannend. Und ein Grund, noch viel mehr zu recherchieren.

Weiterlesen

Eine Investigation: Es gibt kein Mirácoli Carbonara mehr.

Coolest Wikipedia Tool 2020: Pywikibot

17:31, Thursday, 07 2021 January UTC

Seit 2019 wählt das Wikiversum die coolsten Tools, die besten Hilfsmittel, um in Wikipedia und anderen Wikis zu werken. Eines davon ist der Pywikibot, der Bot aller Bots.

Schneeregen fegte waagerecht über Vorplatz des Tempelhofer Hafens. Mein Pullover war gar nicht so kuschlig und dicht wie ich ihn in Erinnerung hatte. Die Handschuhe waren im Laufe der Jahre so fadenscheinig geworden, dass eine einzelne kurze Radtour die Finger vereisen ließ.

Ein einsamer, von Weihnachten übrig gebliebener, Quarkkeulchen-Stand vor dem Tempelhofer Hafen. Seine Lichter verhießen Wärme. Der Weg dorthin: Von Entbehrungen gezeichnet. Der Wind, der einem aus allen Richtungen ins Gesicht blies, trieb die Leute davon. Sie wussten nicht wohin, denn alles war geschlossen und zu Hause wollten sie ihre Mitbewohner nicht mehr sehen. Über der Szene kreiste ein hungriger Taubenschwarm.

„Ist es nicht herrlich“, fragte ich DJ Hüpfburg. „So viel Platz! Fast das ganze Hafengelände gehört uns. Und wir können uns problemlos aus drei Meter Sicherheitsabstand anschreien.“ – Sie antwortete „Du spinnst. Es ist scheißkalt. Ich bibbere. Das letzte Mal, als ich so gefroren habe, bin ich im Rozbrat mit meiner ehemaligen Band aufgetreten: „Pierdzące Zakonnice“.

Wir spielten Prog-Punk. Kein Wasser, keine Heizung und ein sibirischer Windhauch kam aus Richtung Minsk. Wer auf Toilette wollte, hat einen Eispickel in die Hand bekommen, falls das Plumpsklo wieder zugefroren war. Und am Ende des Abends haben wir Wahlplakate im Konzertsaal verbrannt, um nicht ganz zu erfrieren.

Aber wir haben gerockt: Kasia an der Geige, die andere Kasia am Theremin, ich an der KitchenAid und Anna am Gong und an der Rezitation. So viel Kunst war nie wieder davor oder danach im Rozbrat. Leider war es den Pferden zu kalt, so dass die weiße Kutsche ausgefallen ist. Hier am Hafen ist keine Kunst. Hier ist es nur scheißkalt. Ich gehe.“

Später, im Chat. Hüpfburgs Schilderung hatte mich an ein Video erinnert, das ich kurz vorher gesehen hatte: „Wikimedia Coolest Tool Award 2020.“ in meinen Versuchen, DJ Hüpfburg für die Wikipedia und ihr Umfeld zu begeistern, postete ich ihr den Link.

Southgeist: https://www.youtube.com/watch?v=zYM4k_LD_9w – Tools sind doch was für Dich

Hüpfburg: click

Hüpfburg: Das ist Wikipedia. Was soll ich damit?

Southgeist: Aber Tools. Nur mit ausgewählten Menschen. Fast nur Technik und kreative Sachen.


Hüpfburg: Wikipedia spießerfrei? Du meinst, das soll gehen?

Southgeist: Schau doch mal.

Hüpfburg: Ich sehe jetzt schon drei Minuten lang Berliner Straßen ohne Ton. Ich dachte schon, meine Lautsprecher wären kaputt.

Hüpfburg: I like the music.

Southgeist: Eben. Warte erst auf die Tools.

Hüpfburg: 52 Minuten! So lange soll ich Wikipedia schauen? In der Zeit zerstöre ich zwei Ehen, bringe einen Priester vom Glauben ab und bringe drei Paare neu zueinander. Sage mir lieber, was für Tools vorkommen.

Die coolest Tools

Ich erzählte.

Im Video werden vorgestellt: Der AutoWikiBrowser (Hüpfburg: „Da klingt der Name schon langweilig“), SDZeroBot generiert Benutzerseitenreports („Mich interessieren weder Benutzer noch ihre Seiten“), Proofread Page Extension („Korrekturlesen, geht es noch spießiger?“), Listen to Wikipedia („Schön, aber reichlich Kitsch. Wenn eines Tages zwei Wikipedianer kommen und einander heiraten wollen, werde ich das Tool in den Event integrieren“), AbuseFilter („Zu sehr Polizei“), LinguaLibre („I like“), und Pywikibot – ein Tool zum Erstellen weiterer Tools. („Das klingt spannend – erzähle mir mehr.“)

Pywikibot

Pywikibot ist ein Framework zum Erstellen von Bots. Oder anders gesagt: wer sich den Pywikibot installiert, kann mit überschaubarem Aufwand eigene Bots schaffen. Oder sich an einem der bereits auf dieser Basis geschaffenen Skripte bedienen. Die Bots können prinzipiell alles, was menschliche Nutzer von MediaWiki-Wikis auch können – nur schneller.

Wobei können in diesem Zusammenhang natürlich bedeutet: jemensch muss dem Bot vorher sagen, was er tun soll. Das dauert länger als ein Edit. Der Bot kommt sinnvoll ins Spiel, wo es eine hohe Zahl gleichartiger Edits gibt. Zum Artikelschreiben ist das wenig – zum Anpassen von Formalien ist es super. Und dazwischen liegt ein Graubereich. Nicht alles ist sinnvoll, nicht alles ist erlaubt – und um die Kontrolle zu wahren, hat der Pywikibot einen automatischen Slow-Down-Mechanismus, der den Bot absichtlich ausbremst.

Pywikibot geht zurück auf verschiedene Bots und Skripte aus dem Jahr 2003, existiert in dieser Form seit etwa 2008. Die aktuelle Variante ist in und für Python 3 geschrieben. Die Community, die sich um das Framework kümmert, hat eine dreistellige Zahl von Mitgliedern und ist so international, wie es die frühe Wikipedia war. Rein aus dem Bauchgefühl heraus würde ich auch sagen, was Charaktertypen und Soziodemographie angeht, ist die Pywikibot-Gruppe sehr viel näher an der Ur-Wikipedia als die heutigen Wikipedistas.

DJ Hüpfburg: „Du sagst es. Alt-Wikipedia. Diese Tool-Awards sind solche Lebenswerkauszeichungen? Das Bot-Framework gibt es seit fast 20 Jahren, das Proofread-Tool existiert seit fast 15 Jahren. Ist der Award so langsam oder gibt es so wenig Neues?“

Ich glaube, der Award ist langsam. Beziehungsweise er existiert erst seit letztem Jahr. Jetzt muss er die ganzen Tools der letzten Jahrzehnte durchprämieren, damit die nicht vergessen werden. Wie bei der Wikipedia auch: Die Grundlagen wurden vor langer Zeit gelegt. Alles, was jetzt kommt, baut darauf an, verbessert, schafft aber nur selten fundamental Neues.

Change Musiker to Musiker*innen

„Außer dem Tool-Award. Der ist neu? Und dem Video nach zu urteilen reichlich großartig.“
Yup. Und er hat mir und dir den Pywikibot gelehrt und damit eine wichtige Aufgabe erfüllt.

DJ Hüpfburg: „Ich kann also auf Basis von Pywikibot alle ‚Musiker‘ in Wikipedia durch ‚Musiker*innen‘ ersetzen?“
Ich: „Theoretisch ja. Praktisch gibt es verschiedene Hindernisse. Und du wirst auf ewig gesperrt werden.“

DJ Hüpfburg: „Dachte ich. Noch so jung und schon so strukturkonservativ diese Website. Wäre sie ein Mensch, würde sie einen beigen Pullunder über weißem Hemd tragen und Leserbriefe an die Fernsehzeitschrift schreiben. Aber ich kann mein eigenes Wiki aufsetzen und da noch Herzenslust alles bot-mäßig umbauen?“

Ich: „Yup. Wikidata freut sich auch. Da gibt es noch viel zu tun und die sind superfreundlich dort.“

DJ Hüpfburg: „Ich auf meinem Pybot einreitend in Wikidata! Das wäre fast so gut wie im Rozbrat. Mit der Kutsche, die dann doch nicht kam. Irgendwann im Laufe des Abends spielten wir Mozart. Da haben die Squatter angefangen mit Äpfeln zu werfen. Wir uns hinter dem Gong geduckt und ich ein Kitchen-Aid-Solo. Ich erinnere mich noch an den einen Tänzer, der allein Stand und Luft-Küchenmaschine gespielt hat. Ein Arm angwickelt am Körper als würde er die Maschine an sich drücken, mit dem anderen weit ausholende Bewegungen, um dann auf dem Einschaltknopf zu laden.“

„Leider hatten wir dem Publikum einen Mozart-Schock versetzt und die wollten uns nicht mehr gehen. Dadurch hatten wir alle Auftrittsorte in Posen durch. Kasia ging nach Prag und Paris, Jazz-Theremin studieren. „Ein Juwel unter unserer Studentinnen“ sagte mal eine Professorin. Kasia wäre fast dieses Jahr in der Philharmonie aufgetreten. Aber Deine komische Wikipedia hat immer noch keinen Artikel von ihr.“

Ich: „Es ist nicht meine Wikipedia.“

Ruhe. Hüpfburg dachte.

„Dieser Bot. Der kann doch sicher in Wikidata alle Personen auslesen, die Theremin spielen. Und dann eine Liste in Wikipedia anlegen. Die regelmäßig erneuert wird. Das müsste doch gehen. Vielleicht ist es einen Versuch wert.“

(Beitragsbild: Brødmaskin med striper i mange farger von: Øyvind Holmstad Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

SPARQL für Anfänger. Ein Versuch.

13:49, Wednesday, 18 2020 November UTC

SPARQL ist wie SQL, nur mit mehr Kontext. SPARQL ist eine Datenbanksprache, die es erlaubt, das Semantic Web zu befragen. Eine Sprache, die nicht nur Daten liefert. Sie ergründet auch das logische Verhältnis zwischen diesen Daten. Zumindest in der Theorie. In der Praxis ist es schwieriger. Ein Selbstversuch mit SPARQL, Wikidata und Schwimmbädern.

Es nieselregnet. Auf dem „Street Food Market“ am Tempelhofer Hafen versucht Schlagermusik die Trostlosigkeit zu vertreiben. Hinter DJ Hüpfburg und mir steht der „Irish Pub“-Wagen, ein Fleischer-Wagen und Curry Paule. Streetfood is coming home.

Street Food kam zurück von den Hipstern, die nach dem Thailandurlaub ihre Liebe zu Street Food entdeckt haben, zu den Leuten, die schon seit Jahrzehnten Essen an Deutschlands Straßen zubereiten. Die einzigen Gäste bei Curry Paule sind die Mitarbeiter vom Irish Pub. Am Irish Pub Wagen steht niemand. Ein eisiger Herbstwind verleidet den Aufenthalt draußen. Curry Paule bietet als große Attraktion vegane Wurst. Das hätte es 1985 nicht gegeben.

DJ Hüpfburg heuchelt Interesse gegenüber meinen Rede. Wir sitzen auf den Stufen am Hafen, betrachten die wöchentlich kleiner werdende Gruppe der Freizeitboote dort. Ich erzähle die letzten Züge einer Anekdote. Es geht um Mund-Nasen-Masken und Kommunikation:

„Ich stehe also mit Madame im IKEA. Wir hoffen auf die letzten Karlhugo-Stühle. Die sind quasi immer ausverkauft. Schaust du auf die Website bei unserem Laden, siehst Du einen oder zwei. Dann wieder null. Dann einen halben Tag lang acht Stühle, dann wieder null. Wir fürchten, bald gibt es sie gar nicht mehr. Wir fürchten, IKEA nimmt sie aus dem Programm. Also online geschaut, ob sie im IKEA Schöneberg vorhanden sind. Schnell die Gelegenheit ergriffen. Wir fuhren zum Bestellschalter, natürlich brav mit Maske, wie die Dame hinter der Plexiglasscheibe auch. Die Sprache wird durch die Masken vernuschelt.

Madame: Wir würden gerne einen Karlhugo abholen.

Verkäuferin schaut skeptisch: Karlhugo? Nie gehört. Sicher, dass es Karlhugo ist?

Madame: Doch, sicher: Karlhugo.

Verkäuferin tippt zweifelnd in ihren Rechner: „Ne, nichts.“

Madame: „Sicher, im Internet stand hier sind noch wir.“

Verkäuferin tippt weiter, kopfschüttelnd: „Kein. Karlhugo. Gar nicht.“

Madame hat mittlerweile die Website aufgerufen, zeigt sie der Dame in Blau-Gelb: „Hier. Acht Exemplare Karlhugo im IKEA Schöneberg.“

Verkäuferin: „Ach, Karlhugo! Gar nicht Karlhugo!“ Sie tippt energisch.

„Hätten sie doch gleich Karlhugo gesagt!“

Sie druckt den Zettel für die Kasse aus. Madame fragt mich: Hast du verstanden, was sie gesagt hat? Ich: „Karlhugo“.

DJ Hüpfburg ist beeindruckt. Ich bilde mir ein, einen Mundwinkel zucken zu sehen. „Du solltest Stand-Up-Comedy machen. Am besten mit Maske. Dann verstehen die Leute Dich schlechter.“

Ihre Gedanken werden düsterer: Weißt Du, wo man schnell einen Corona-Test herbekommt? Eine Freundin, Schneiderin, hatte einen Kunden, der jetzt positiv getestet ist. Das war ein schöner Auftrag: Dark Academia meets Southern Gothic, dunkle Mäntel, Cardigans, Wollpullover und künstliche Spinnenweben. Sie hatten vier Treffen in der letzten Woche zur Absprache. Mich hat sie gefragt, ob ich eine Quelle für schicke Brillen dazu habe. Hat Spaß gemacht. Also schön, bis der Kunde anrief mit dem Testergebnis. Nun ist alles Grütze.

Sie will gar nicht den Laden zumachen und schnell einen negativen Test. Aber dafür muss sie überhaupt an einen Test kommen. Und jeder geschlossene Tag schmerzt. Ich überlege: „Ich glaube, ich kenne eine Ärztin mit Corona-Sprechstunde. Müsste ich zu Hause suchen.“

Wir schweigen. Nieselregen und Herbststurm werden durch Gedanken an überfüllte Intensivstationen ergänzt. Eine Lachmöwe mit einem Pommes im Schnabel fliegt vorbei. Dj Hüpfburg steht wortlos auf, vegane Currywurst kaufen.

Sie kommt mit einer Wurst und einem Prospekt zurück. Große gelbe Buchstaben fordern mich auf: „Curryspargel! Freu Dich auf den Sommer!“

„Dirk, du hast mir Unsinn erzählt. Sparkel spricht sich gar nicht Spargel aus.“ Ich: „???“ Diese Datenbanksprache: SPARQL. Die wird „Sparkel“ ausgesprochen, wie im Englischen to sparcle leuchtend/blinkend. Sterne sparclen. Nicht wie im deutschen „Spargel.“

„Okay. Aber wie kommst du darauf?“

Ich spielte im Internet herum. Mir war langweilig. Hochzeiten im Oktober bei Corona ist kein Business. Also dachte ich, ich nutze die Zeit und beschreite innovative Recherchewege nach Eventlocations. Schlösser, Burgen, Industrieruinen. Als du mir wieder mit Wikipedia auf die Nerven gegangen bist, hast du von Wikidata erzählt. Ich dachte, Zahlen kann ich. Ich schaue wie das geht. Jetzt schaue ich Videos und ich teste.

Wikidata

Wikidata ist eine offene Datenbank. Das heißt: eine große Datenbank, in der Daten über alles stehen. Von der vagen Grundidee her so wie Wikipedia, aber mit weniger Gelaber. Wobei die Inhalte nicht einfach in der Datenbank stehen. Sie sind logisch verknüpft.

Es stehen nicht nur A, B und C in der Datenbank, sondern ihre Beziehung. Wenn dort steht „A ist Kind von B“. Und dort steht: „B ist Kind von C“. Dann kann man Abfragen, dass A das Enkelkind von C ist, ohne dass dies so explizit vorher eingegeben werden muss. Steht dort auch noch „D ist Kind von B“, kann man Abfragen, dass A und D Geschwister sind, ohne dass dies explizit in der Datenbank steht.

Bei Wikidata kann jede auf die Daten zugreifen, und etwas mit ihnen machen. So als einfache Idee: in Wikidata stehen immer die aktuellen Einwohnerzahlen jeder Stadt. Dann muss Wikipedia diese nicht mehr in jeder Sprachversion nachtragen, sondern kann diese aus Wikidata ziehen. Aber auch externe Anbieter.

Es ist möglich, Wikidata, direkt als Mensch aus quasi ocioell per Auge zu lesen. Hier zum Beispiel der Eintrag für das Stadtbad Mitte in Berlin:  Aber das ist ehrlich gesagt, hässlich, unübersichtlich und keinerlei Gewinn gegenüber Wikipedia. Da gefällt mir die Quartettkarte besser:

Quartettkarte "Stadtbad Mitte" im Quartett Schwimmbäder in Berlin / Zitronenpresse
Quartettkarte Stadtbad Mitte / Schwimmbäder in Berlin / Zitronenpresse

Besser für Wikidata ist eine Abfrage, die die gesuchten Daten hübsch arrangiert. Man befrage die Datenbank. Da man mit einem Computer Computersprech reden muss, gibt es SPARQL.

SPARQL

SPARQL ist eine Sprache zum Abfragen solcher semantischer Datenbanken. Sie existiert als offizielle Empfehlung des W3C-Konsortiums seit 2008. Inspiriert wurde sie durch SQL, hat aber Features, die ihr das logische Denken ermöglichen.

Wikidata hat eine Schnittstelle, in der man SPARQL-Abfragen einstellen kann: https://query.wikidata.org/

Alle Schwimmbäder

Schau mal, Du kannst Dir alle Schwimmbäder anzeigen lassen.

Das ist die Abfrage:

SELECT ?item ?itemLabel
WHERE
{
?item wdt:P31 wd:Q357380.

SERVICE wikibase:label { bd:serviceParam wikibase:language „[AUTO_LANGUAGE],de“. }
}

Ich: Aha?

Hüpfburg: Also von Anfang an.
SELECT – sagt, zeige mir Folgendes an: ?item und ?itemlabel

?item – ist jeder Gegenstand mit seiner Nummer in der Datenbank. SELECT ?item sagt „Zeige mir Gegenstände an, wie sie in der Datenbank stehen.“ Also zum Beispiel Q1292740.

SELECT ?itemlabel sagt „Zeige mir Gegenstände an, mit dem Namen, mit dem Menschen sie benennen.“ Also zum Beispiel „Stadtbad Mitte“.

Okay. Aber noch zeigt SELECT ?item ?itemLabel ja ALLE Gegenstände an. Nicht nur die Schwimmbäder.

Genau. Deshalb kommt ein Filter. Der wird gesetzt mit WHERE { }. Also zeige mir alle Gegenstände und ihre Bezeichnung, die folgende Bedingung erfüllen:

?item wdt:P31 wd:Q357380.

Total klar.

Okay: ?item – heißt für jeden Gegenstand muss eine Bedingung gelten.
wdt:P31 – jeder der Gegenstand muss zu einer bestimmten Klasse gehören, die im nächsten Wert steht.
wd:Q357380 – Das ist die Klasse, zu der der Gegenstand gehören muss. Hier: Hallenbad.

In Worten steht dort: Zeige mir alle Gegenstände, wenn diese Gegenstände zur Klasse Hallenbad gehören.

Die letzte Zeile – SERVICE wikibase:label… – sagt nur, dass wir nur die deutsche Bezeichnung haben wollen, nicht auch die englische, finnische und japanische

Hier we go!

Ich „109 Bäder. Weltweit. Ich bin nicht beeindruckt. Das sind weniger Bäder als Berlin und Brandenburg haben.“

Alle Schwimmbäder mit Bild

Hüpfburg: Aber es geht noch mehr. Die kannst dir jedes Bad mit einem Bild anzeigen lassen.

Hier die Abfrage:

SELECT ?item ?itemLabel ?pic
WHERE
{
?item wdt:P31 wd:Q357380.
?item wdt:P18 ?pic

SERVICE wikibase:label { bd:serviceParam wikibase:language „[AUTO_LANGUAGE],de“. }
}

SELECT kennst du ja schon. Diesmal soll ein Bild angezeigt werden. Also „?pic“ – zeige neben dem Gegenstand und dessen Namen auch das Bild.

Im Filter, also WHERE steht auch, dass ein Bild vorhanden sein muss.

Ich: „Okay, nur 79 Bäder. Und immer noch keine Bilder zu sehen. Nur ein Link“

Dann setzt Du #defaultview:imagegrid davor, dann hast du eine schöne Ansicht.

Okay, nun 79 mehr oder weniger schöne Bilder von 79, Bädern, die random sind. Die Idee überzeugt mich mehr als das Ergebnis.

Alle Schwimmbäder auf Karte

Die Abfrage mit Karte.

#defaultView:Map
SELECT *
WHERE {
?item wdt:P31/wdt:P279* wd:Q357380;
wdt:P625 ?geo .
}

SELECT: Wie vorher auch, nur dass du dieses Mal nichts angeben musst oder kannst, was gezeigt wird. Das macht #defaultView:Map

Der Filter, also WHERE hat nun noch wdt:P625 ?geo – es zeigt die nur Gegenstände an, die auch einen Platz auf der Karte haben.

Screenshot Schwimmbäder in Wikidata
Karte als Ergebnis der Abfrage „Schwimmbäder mit Karte“

Okay. Und wenn ich darauf gehe, sehe ich, dass es in den USA wd:Q15263936 gibt. Erstaunlich! Ich weise Hüpfburg darauf hin: Aber du kennst schon den Bäderatlas? Da gibt es alle deutschen Bäder – mehrere tausend, nicht einige Dutzend. Auf einer Karte. Mit allen wichtigen Infos. Und ich muss vorher nicht rumspargeln, um an die Infos zu kommen. Da reicht es, auf die Seite zu gehen.

So viele Möglichkeiten

Und wo sind die logischen Verknüpfungen in diesen Wikidata-Abfragen? – Die müssen erst in der Datenbank stehen. Wenn bei den Bädern der Architekt stünde, könntest du eine Abfrage bauen: „Zeige mir alle Gebäude von Schwimmbadarchitekten, die vor 1900 geboren wurden.“

Oder zeige mir alle verschollenen Filme, die als Handlungsort ein Schwimmbad haben. Oder zeige mir Schwimmbäder in Deutschland, die nach 1970 eröffneten und schon wieder außer Funktion genommen wurden. Nur fehlen dafür die Daten in der Datenbank. Daten, die nicht vorhanden sind, kannst Du nicht abfragen.

Ich stelle fest: „Als Schwimmbadsuchmaschine bin ich enttäuscht.“

„Ja“, wendet DJ Hüpfburg ein. „Aber ich suche keine Bäder. Ich suche Schlösser, Burgen und Industrieruinen. Für die gibt es keinen Atlas. Und Dirk, wie immer. Du denkst zu kurzfristig. Irgendwann stehen in Wikidata die Bahnlängen und die Gastro und die Beckentiefe und der Architekt und alles in der Nähe. Dann kannst du alle Bäder in der Nähe eines Bahnhofs suchen. Oder Hallenbäder mit 50-Meter-Bahnen. Oder alle historischen Bäder Italiens.“

„Okay, und wann? Bei dem Tempo dauert das bis 2050 oder so.“

Kann es sein, dass eine Datenbank da wirklich anders funktioniert als ein Lexikon? Wikidate andere Bedingungen erfüllen muss, um zu funktionieren als Wikipedia? Wenn das Lexikon große Lücken hat, freut man sich halt, über die Teile, die da sind. Da hat jeder Eintrag für den Leser einen Wert an sich. Wenn eine Datenbank große Lücken hat, ist sie nicht nutzbar, weil die Ergebnisse zufällig wirken. Dort bekommen die Einträge ihren Wert erst durch ihre Menge.

Sie gibt sie nicht geschlagen: „Denke an die Möglichkeiten. Du kannst es in deine Website integrieren. Stell dir vor du hast exklusive Schwimmbadvideos. Oder machst eine Seite über den Architekten Ludwig Hoffmann. Oder über Bahnhöfe in der Nähe von Sportstätten. Dann musst du dafür keine eigene Datenbank pflegen, sondern kannst ganz einfach die Daten aus Wikidata importieren.“

„Ganz einfach“, klar, lästere ich.„Einfacher als selber pflegen. Wenn ihr drei Leute findet, die das für ihre eigene Website machen, ist das Ergebnis besser, als wenn jeder seine eigene Datenbank hat.“

Da sage ich „das kenne ich“. Am Ende greifen Google und Facebook die ganzen Daten ab, bauen die in ihre Oberfläche ein – und das war es dann mit meinem Schwimmbadblog. Aber ich bin versucht. Mag die Hoffnung nicht fahren lassen.

„Okay. Ich trage jetzt ein, dass das Stadtbad Mitte eine 50-Meter-Bahn hat!“ Aber wie mache ich das? „Bahnlänge“ finde ich nicht als Kategorie. Muss ich die jetzt erfinden. Sinnvollerweise ja beim Oberbegriff „Hallenbad“? Aber wie lege ich das da an? Und was passiert mit Bädern, die mehrere Becken mit verschiedenen Bahnlängen haben? Es gibt auf jeden Fall noch viel zu tun.

Oder ich stelle Wohnzimmerstühle ein. Vielleicht sind die weniger komplex. Aber gibt es Kriterien für Relevanz in Wikidata? Fragen über Fragen.

Weiterlesen

Wo Wikidata sinnvoll wäre: Biographien von Sportlern

Die schönen Schwimmbadvideos gibt es bereits. Zum Beispiel vom Stadtbad Charlottenburg.

Wikipedia von A bis Z. Ein Versuch

19:16, Monday, 20 2020 July UTC

Brockhaus


Die Brockhaus Enzyklopädie ist ein mehrbändiges Nachschlagewerk in deutscher Sprache, das zuletzt von dem zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Wissen Media Verlag herausgegeben wurde. Ist es ein Nachschlagewerk? War es ein Nachschlagewerk? Seit einigen Jahren befindet sich der Brockhaus in einer Art Limbo des Untotseins. Irgendwie existiert er noch. So richtig aber auch nicht mehr. Ohne jetzt die Irrungen und Wirrungen des ehemaligen Goldstandards der deutschen Nachschlagewerke nachzuerzählen, reicht es mir zu erwähnen, dass noch vor 10 Jahren der Brockhaus quasi das unerreichbare Ziel, die große Messlatte und die ferne Vision dessen war, was Wikipedia werden sollte. Genau wie Wikipedia den Brockhaus anscheinend maßlos überschätzte, so war und ist der Brockhaus selbst ratlos wie er mit der Wikipedia umgehen sollte. Man weiß nicht, ob man von vertanen Chancen reden soll. Denn hatte der Brockhaus je Chancen?

Chiara Ohoven



Chiara Ohoven ist ein deutsches It-Girl. Viel mehr wissen wir nicht, da Wikipedia den zu Chiara gehörigen Artikel permanent löscht. Vor einigen Jahren erlangte sie kurzzeitig deutschlandweite Berühmtheit durch eine Do-it-Yourself Schönheits-OPs mit Schlauchbootlippen als Ergebnis, fand aber vor den Do-it-Yourself-Enzyklopädisten damit keine Gnade. Ansonsten folgt Chiara ihrer Mutter und ihrem Vater auf das Parkett der High Society und des Glamours. Und da kein Wikipedianer je zur High Society gehörte oder gehören wird, gilt sie in Wikipedia weiterhin als nicht-relevant.

Donauturm




Der Donauturm ist ein Aussichtsturm[4] inmitten des Donauparks im 22. Wiener Gemeindebezirk Donaustadt. Darüberhinaus sieht der Donauturm aus wie ein Fernsehturm, was zu einem der erbittertsten Editwars in der Wikipedia-Geschichte führte. Dort der Fachmensch für Fernsehtürme, der sich sehr sicher war, dass Fernsehturm die Bezeichnung eines bestimmten architektonischen Typs ist, dort eine Gruppe Wiener und Österreicher, die darauf verwiesen, dass von diesem Turm kein Fernsehsignal übertragen wird, noch nie ein Fernsehsignal übertragen wurde und niemand je plante von diesem Turm aus ein Fernsehsignal zu übertragen. Beide Seiten standen fester zu ihrem Standpunkt als der Donauturm im Wiener Boden. Schlußendlich führte der Editwar zu einem mehrseitigem Artikel im Spiegel, gebrochenen Herzen, frustrierten Wikipedianern und der Tatsache, dass jeder Wikipedianer weiß wie der Donauturm aussieht.


Elian


Elian ist ein in den 1980er Jahren aus dem Französischen entlehnter männlicher Vorname. Er geht auf den Beinamen Aelianus, eine Ableitung des römischen Geschlechternamens Aelius, zurück. elian (klein geschrieben und gesprochen eher wie Alien) kann auch als weiblicher Internetnickname genutzt werden. Ohne elian keine Wikipedia so wie wir sie kennen.

Gdansk



Danzig (polnisch Gdańsk Zum Anhören bitte klicken! [ɡdaɲsk],[3] kaschubisch Gduńsk), die Hauptstadt der Woiwodschaft Pommern im Norden von Polen, liegt an der Ostsee rund 350 km nordwestlich von Warschau und steht mit über 460.000 Einwohnern auf der Liste der bevölkerungsreichsten Städte Polens auf Platz sechs. Außerdem ist Gdansk Anlass des ersten Edit Wars, den ich persönlich mitbekommen habe. Es war 2003. Es war in der englischen Wikipedia. Deutsche und polnische Nationalisten ähnlicher Angestrengtheit konnten sich nicht einigen, ob die Stadt nun Danzig oder Gdansk heißt. Hilflos naive und offensichtlich überforderte Amerikaner versuchten zu vermitteln. Der interessante Moment kam, als der Edit-War zur Frage überging, ob die Band Danzig nun "benannt ist nach der Stadt Gdansk, ehemals Danzig" oder "benannt ist nach der Stadt Danzig, heute Gdansk".


Hubertus


Hubertus ist ein männlicher Vorname. Er wird NICHT Atze abgekürzt.

Kreuz


Curious Myths p 81
Bild: Page of symbols referenced in s:Curious Myths of the Middle Ages. 1868 von Sabine Baring-Gould. Public Domain.

Das Kreuz ist ein weltweit verbreitetes Symbol, das insbesondere religiöse und kulturelle Bedeutung hat. In diesen Bedeutungen hat sich Wikipedia unentrinnbar verheddert. Einerseits ist das Kreuz-Symbol ein wunderbares Beispiel dafür, welche Probleme das Internetprojekt mit Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten jeder Art hat. Andererseits ist der Streit darum ein tragischer Fall epischen Ausmaßes, der die Wikipedia-Community über Jahre in Aufregung hielt, die Nerven dutzender Wikipedianer verschliss und für Verzweiflung und Frustration allüberall sorgte. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: das Kreuz ist natürlich DAS Symbol des Christentums und symbolisiert Jesu Tod. Daraus folgend wurde † zum Symbol für den Tod. Das † kommt in der Wikipedia in Lebensdaten vor. (Beispiel: * 1600 †1666). Nun waren und sind sich die Wikipedianer nicht einig, ob †ein Symbol ohne jede Bedeutung ist, die einfach Standard ist, oder ob es immer noch christlich konnotiert ist. Bei Artikeln zu Menschen nicht-christlichen Glaubens kam und kommt es zum Streit. Ist das Kreuz nun eine christliche Usurpation von Nicht-Christen oder ist der Versuch deren Tod anders darzustellen - beispielsweise durch "gestorben 1666" ein Verbrechen an enzyklopädischer Neutralität und verstößt gegen die Einheitlichkeit der Form, die anzustreben ist? 

Lutz Heilmann


Siehe → Streisand-Effekt

Narrenschiff 


Das Narrenschiff (alternativ: Daß Narrenschyff ad Narragoniam) des Sebastian Brant (1457–1521), 1494 gedruckt von Johann Bergmann von Olpe in Basel, wurde das erfolgreichste deutschsprachige Buch vor der Reformation. Es handelt sich um eine spätmittelalterliche Moralsatire, die eine Typologie von über 100 Narren bei einer Schifffahrt mit Kurs auf das fiktive Land Narragonien entwirft und so der Welt durch eine unterhaltsame Schilderung ihrer Laster und Eigenheiten kritisch und satirisch den Spiegel vorhält. Im Wikipedianischen Zusammenhang war das Narrenschiff eine Art Mitteilungsblatt des Hans Bug, in dem er die Wikipedianer und ihre Laster und Untaten kritisierte. Bugs Narrenschiff war inhaltlich und qualitativ von Sebastian Brants Narrenschiff entfernt, wie es heutige Nachwuchswikipediakritiker von Bugs Narrenschiff sind. Wenn etwas in den letzten Jahren extrem gelitten hat, dann das Niveau der internen Wikipedia-Kritik.

Manipulation

Zur Manipuation in der Wikipedia und vor allem zu den Maßnahmen dagegen siehe Wikipedias Kontrollmechanismen gegen Manipulation

München


Bild: Wikipediastammtisch München 2005. Von: Hella Breitkopf Linzenz: CC-Attribution-Share Alike 3.0 Unported

München?/i [ˈmʏnçn̩] ( bairisch  Minga?/i) ist die Landeshauptstadt des Freistaates Bayern. Sie ist mit ca. 1,45 Millionen Einwohnern die einwohnerstärkste und flächengrößte Stadt Bayerns und, nach Berlin und Hamburg, die nach Einwohnern drittgrößte Kommune Deutschlands und die zwölftgrößte der Europäischen Union. Wikipedia-historisch ist München wichtig, da hier am 28. Oktober 2003, organisiert von → elian, das allerallererste Wikipedia-Treffen überhaupt stattfand. Und nachdem sich die Münchner einmal getroffen hatten und feststellen, dass es gar nicht so schlimm ist, folgten Treffen in Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, Boston, Taipeh, Alexandria bis es dann 2014 zum bisher größten Treffen in London mit knapp 2.000 Teilnehmern kam. Siehe auch → Wikimania, Stammtisch.


Nordsee


Die Nordsee ist ein Mehr, ein teil der Atlant, zwischen Grossbritannien, Skandinavien, und Friesland. Siehe auch Kattegatt, die Niederlanden, Deutschland.


Polymerase-Kettenreaktion

Der Artikel zur Polymerase-Kettenreaktion war im Mai 2001 der erste Artikel der deutschsprachigen Wikipedia. Vielleicht war es aber auch der Artikel zu Vergil. Oder der zur -> Nordsee. Die frühen Anfänge der Wikipedia liegen im Nebel. Mehr dazu: Wikipedia Manske Polymerase-Kettenreaktion.

Relevanz 


Relevanz (lat./ital.: re-levare „[den Waagebalken, eine Sache] wieder bzw. erneut in die Höhe heben“) ist eine Bezeichnung für die Bedeutsamkeit und damit sekundär auch eine situationsbezogene Wichtigkeit, die jemand etwas in einem bestimmten Zusammenhang beimisst. Das Wort ist der Bildungssprache zugeordnet[1] und bezieht sich auf Einschätzungen und Vergleiche innerhalb eines Sach- oder Fachgebietes. Das Antonym Irrelevanz (Adjektiv: irrelevant) ist entsprechend eine Bezeichnung für Bedeutungslosigkeit im gegebenen Zusammenhang, umgangssprachlich vereinfacht auch für allgemeine Sinnlosigkeit oder Unwichtigkeit. Das Fremdwort für eine allgemeine, qualitativ messbare Wichtigkeit ist Importanz. Siehe auch → Löschkandidaten, Relevanzkriterien, Inklusionismus, Exklusionismus, Tschunk.

Seitenleiste

Die Seitenleiste lässt sich vielleicht ab 2020 oder 2021 wegklappen. Siehe Seitenleiste Wikipedia nötig?

Strecke


Eisenbahnstrecke wird die Verbindung von Orten mit einem Schienenweg genannt. Im Gegensatz dazu bezeichnet der Begriff (Eisen-)Bahnlinie den auf diesen Strecken regelmäßig stattfindenden Verkehr. So können auf einer Strecke mehrere Bahnlinien oder eine Bahnlinie auf mehreren Strecken verkehren. Nach herrschender Meinung in der Wikipedia sind Strecken relevant und Linien irrelevant. Oder umgekehrt. Ich kann es mir nicht wirklich merken. Wobei die Regel zwar grundsätzlich gilt, bei Wiener Straßenbahnlinien gelten allerdings Sonderregeln und es ist andersrum. Und da wundert man sich, warum sich niemand mehr an Artikel zu Eisenbahnen herantraut.

Volker Grassmuck


Volker Grassmuck (* 1961 in Hannover) ist ein deutscher Publizist und Soziologe. Er ist assoziierter Professor für Mediensoziologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Wikipediahistorisch ist Grassmuck gleich zweimal wichtig. Zum einen war er auf der Gründungsversammlung von → Wikimedia Deutschland anwesend, was uns ein wunderbares Video bescherte.

Zum anderen veröffentlichte er 2002 ein Buch über Freie Software. Dieses Buch enthielt eine Fußnote, in der Wikipedia erwähnt wurde. Diese Fußnote brachte nicht nur den Verfasser dieser Zeilen zur Wikipedia, sondern auch → elian zur Wikipedia brachte.

Weiterlesen


Längerer Text zu Pokémon in der Wikipedia.

Weitere Texte zu online: Kultur in Iberty!




Seitenleiste Wikipedia nötig?

16:25, Thursday, 02 2020 July UTC

Wikipedia soll schöner werden.

Ich sitze am Teltowkanal. An mir ziehen die Mittagspausenspaziergänger aus Finanzamt, Arbeitsamt, Ufa-Fabrik und Ullstein Castle vorbei. Ich schaue sie nur aus den Augenwinkeln heraus an. Ich lerne italienisch. Dazu wähle ich Kacheln in der Sprachlern-App „Duolingo“ aus. Duolingo gibt Sätze vor, ich klicke auf dem Handy die entsprechenden Wörter aus einer kleinen Auswahl an.

„Ich trinke den Tee“ – Ich wähle die Kacheln „Io“ und „bevo“, „il“ und „té“. „Io bevo il té.“

„Das schwarze Pferd kauft rosa Hosen“ – Il cavallo nero compra i pantaloni rosa.

„Die Vögel spielen Flöte“ – Gli uccelli sounano il flauto.

„Mario und Luigi sind Klempner“ – Mario e Luigi sono idraulici.

Ich erreiche den fortgeschrittenen Teil oder Übung. Ich darf keine Kästchen mehr anklicken. Die Wörter sind nicht vorgegeben. Ich muss selber den Text schreiben, die entsprechende grammatikalische Form kennen. In die nächste Runde komme ich erst, wenn ich den ganzen Satz fehlerfrei auf der Handytastatur tippe. Duolingo gibt vor:

„Du hast mir gesagt, dass er jeden Montag im Sommer zu ihr kommen würde, damit sie nachmittags die Kaninchen auf dem Hügel in der Stadt mit dem rohen Gemüse füttern können.“ – WHAT?

Zum Glück erlösen mich Schritte. Ich höre DJ Hüpfburg den Kiesweg am Kanal entlang laufen. Hüpfburg war kurz beim Asia-Streetfood-Wagen und hat sich die Nummer 9 gekauft (Reis mit Huhn). Sie läuft den Weg hinunter, grinsend. „Ich hoffe wir werden die PiS endlich los.“ Sie freut sich über die polnischen Präsidentschaftswahlen.

„Ist Dir aufgefallen, dass ich tiefer deutsch rede als polnisch. Hat meine Freundin letztens bemerkt. Mit der Freundin rede ich in beiden Sprachen. Habe ich nie gemerkt. Aber sie hat recht. Wenn ich deutsch rede, rutsche ich nach unten. Oder nach oben wenn ich polnisch rede.“

Ich: „Nein“.

Sie: „Du hast doch letztens von den Wildbienen und dem Befruchten erzählt. Ich hab‘ jetzt von Z gehört, dass in Japan Befruchtung per Seifenblasen getestet wird. Nicht so effektiv wie Bienen aber besser als Befruchtung von Hand. Die Seifenblasen werden mit Pollen bestäubt und dann über die Pflanzen geblasen. Stand wohl in der New York Times. Fiel mir wieder ein, als ich letztens vor dem Rathaus Schöneberg eine Hochzeit mit vielen Seifenblasen gesehen hab. Vielleicht steht ja in Deiner Wikipedia was dazu.“

„Es ist nicht meine Wikipedia!“

„Seifenblasenpflanzenbefruchtung finde ich ich nicht. Aber sag: Warum ist Deine Wikipedia so hässlich. Und sie sieht so aus als wäre sie 2004 stehen geblieben.“ Ich ringe um Worte.

„Es ist nicht meine Wikipedia. Und sie ist nicht..“ Oder doch? Ob Wikipedia schön ist? Ich wohne seit 2004 gedanklich in der Wikipedia und im Wikipedia-Layout. Jegliche Fähigkeit, die „Schönheit“ des Layouts von Außen zu erkennen, ist mir vor Jahren abhandengekommen.

Aber die Wikipedia sieht altbacken aus. Dem stimme ich zu. Sie erscheint, wie das Internet 2005 aussah, nicht wie das Internet von 2020 wirkt. Gerade will ich zu längeren Erklärungen und Entschuldigungen ansetzen.

Wieder rettet mich ein Geräusch. Hufgetrappel. Auf einem Schimmel reitet Lukas von Gnom den Kiesweg hinab. Das Hemd geöffnet, das wallende blonde Haar wehend im Wind. Er spielt die Klarinette der Erkenntnis.

Reading/Web/Desktop Improvements

Die Töne dringen in mein Hirn hinein. Aus dem Nebel heraus formt sich in meinem Kopf die Erkenntnis: Reading/Web/Desktop Improvements (Lesen / Web / Computer) Es gibt ein Projekt Wikipedia schöner zu gestalten. Und es hat Chancen auf Umsetzung!

Ich versuche, den Vorwurf der Wikipedia-Altbackenheit zu kontern. „Aber es gibt das Projekt Reading/Web/Desktop Improvements zum Zusammenklappen der Seitenleiste in der Wikipedia.“

Hüpfburg wirkt nicht beeindruckt.

Ich versuche das Projekt zu erklären. Leider hat es keinen Namen, was das Sprechen und Schreiben über das Projekt verkompliziert. Deshalb werde ich es Projekt Desktop Improvements oder kurz Projekt DImp nennen.

DImp möchte Wikipedia leserfreundlicher machen. Dies soll geschehen, indem die linke Seitenleiste versteckt wird. Diese wird ausklappbar. Im Normalfall sieht man dort nur einen kleinen Pfeil. Erst man auf den Pfeil klickt, kommen alle Menüs zum Vorschein.

Dem fragenden Blick von Hüpfburg sehe ich an, dass sie denkt „Welche Seitenleiste?“ Sie bestätigt damit, dass man gedanklich verdrängt, was man nicht braucht.

Welche Seitenleiste?

In der Seitenleiste stehen links auf verschiedene Wikipedia-Funktionen. Sie sind inhaltlich wild gemischt. Warum sie dort in dieser Anordnung auftauchen: „Das ist in 15 Jahren historisch gewachsen und logisch kaum erklärbar.“

Screenshot des Wikipedia-Artikels Benutzerschnittstelle mit Heraushebung der linken Seitenleiste.
Seitenleiste in einem Wikipedia-Artikel

Links finden sich dort für die Leser. Die Links in der Leiste lenken zu Hinweisen für Neulinge oder Gelegenheitsautoren. Langjährige Hardcore-Autoren können in der Leiste Spezial-Werkzeuge finden. Alle sind bunt gemischt. Die Links haben sich über die Jahre angesammelt. Sie wurden umgetauft und inhaltlich umgewandelt. In seltenen Ausnahmefällen ist sogar ein Link verschwunden.

Die ganze Leiste zu erklären wäre müßig. Zu verschieden sind die Zielgruppen, so dass es niemand gibt, der alle Funktionen benötigt.

Für Leser am spannendsten sind die Links unten: die Sprachversionen. Dort können sich die Leser Wikipedia-Artikel zum selben Thema in anderen Sprachen finden. Es handelt sich bei den Artikeln in anderen Sprachen um eigenständige Artikel. Es sind keine Übersetzungen. Sie unterscheiden sich oft inhaltlich. Auf jeden Fall bieten sie eine andere Sichtweise auf dasselbe Thema.

Screenshot der Wikipedia-Seite "Benutzerschnittstelle" mit Fokus auf die Sprachlinks von Arabisch bis Russisch.
Ein Teil der Sprachlinks zur „Benutzerschnittstelle“

Ein Hinweis auf die Sprachlinks soll in den Kopfbereich der Seite wandern, sichtbarer werden. Alles andere soll unsichtbarer werden. So will es das DImp-Team.

Das, dessen Namen nicht genannt werden kann

Der Prozess ist schwierig zu finden. Denn er hat keinen Namen. Selbst der Behelfsbezeichnung Reading/Web/Desktop Improvements ist kaum zu entnehmen: Ist es die Bezeichnung für den Prozess? Ist es die Bezeichnung für das Team in der Wikimedia Foundation?

Kann man über etwas reden, dass keinen Namen hat? Ist jemand das Problem aufgefallen? Ist es Absicht? In den Tiefen der Wikimedia-Diskussion lassen sich Vorschläge finden, dem Kind einen Namen zu geben. Da bleibt es bei der ausufernden Umständlichkeit. Oder halt bei Projekt DImp.

Das Team

Das Team hinter DImp ist das „Readers Web Team“ aus Angestellten der Wikimedia Foundation. Das wiederum gehört zur „Abteilung“(?) Readers oder Reading. Die Wikimedia Foundation ist sich nicht sicher, wie die Abteilung heißt. Diese Reading-Abteilung wiederum gehört zur Gruppe „Product“. Product ist eine der zwei technischen Gruppen in der Wikimedia Foundation. Die wiederum..

DJ Hüpfburg ignoriert mich und schaut dem Mann mit der Bierflasche in der rechten Hand zu, der vollkommen in sich gekehrt mit links sein T-Shirt bis zur Schulter hochzieht. Ich bin so in Wikipedia-Inside-Detailtum verfallen, dass ich mir selbst nicht mehr zuhöre.

..Auf jeden Fall: Es geht nicht um die App oder die Mobilansicht, sondern die Ansicht am PC. Das Desktop-Ansichts-Team will am PC die linke Seitenleiste einklappbar machen.

Ausgangslage

Es begann im Mai 2019 ausgehend von der Prämisse: Wikipedia ist unübersichtlich.

Das DImp-Team brach die Prämisse herunter in drei Leitsätze: Kein Leser versteht, wie das Wiki funktioniert. Die Bedienung ist unnötig umständlich. Es sieht nicht einladend aus.

Daraus folgten die Ziele des Teams: 1) Die Oberfläche der Wikipedia soll übersichtlicher werden. 2) Die Oberfläche soll die Blicke auf den Inhalt der Artikel lenken. 3) Die wichtigen Bedienelemente sollen schneller zu finden sein.

Um die Verwerfungen mit der Community klein zu halten, gab es von Beginn an Bedingungen. Die Verbesserung sollte nicht in Chaos und Streit enden. Deshalb gab es Einschränkungen an der Reichweite von Projekt DImp: 1) Keine drastischen Änderungen am Layout. 2) Der eigentliche Inhalt aller Bedienelemente bleibt bestehen.

Anders gesagt: Alles sollte besser werden, aber nichts sollte sich ändern.

Der Prozess

Es begann mit Mai 2019 mit ersten Gedanken. Es dauerte bis September des Jahres mit Vorüberlegungen. Bereits im Juli 2019 entstanden programmierte Gedankenspiele. Auf der Wikimania im August 2019 gab es längere Diskussionen und Tests mit anwesenden Teilnehmern.

Nach weiteren Tests wurde es im Mai 2020 ernst: Die ersten beiden Prototypen für echte Features entstanden: zum Beispiel die zusammenklappbare Seitenleiste. Die wurden zuerst in internen, semiöffentlichen Wikis eingesetzt.

Es gibt das Feature im Officewiki, das die Wikimedia intern nutzt. Und es gibt das Feature im Testwiki. Ursprünglich sollte das Feature bis jetzt schon in „echten“ Wikipedias wie der hebräischen oder französischen getestet werden. Aber Corona.

Normalnutzer können dennoch etwas sehen: Das Feature lässt sich in jeder Wikipedia anzeigen. Einfach ?useskinversion=2 an den URL hängen. Also wenn der Link zum Artikel UI (User Interface) in Wikipedia lautet:

https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzerschnittstelle

müsst ihr nur

https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzerschnittstelle?useskinversion=2

in die Adresszeile schreiben und ihr könnt das Feature selber sehen.

Gif, das Auseinander- und Zusammenklappen der Seitenleiste demonstriert.
Die Einklappbare Seitenleiste in der Praxis.

Desktop ist wichtig

Auch wenn man denken sollte, dass die Desktop-Version inzwischen nur noch Autoren angeht, die Leser nutzen den Desktop. Etwa die Hälfte der Zugriffe verteilt sich auf Desktop und Mobilansicht. Die App spielt nur eine unbedeutende Rolle.

Screenshot der Zugriffsstatistik auf die Wikipedia aufgeteilt nach Desktop / App und Mobilansicht. Im Monat erfolgen je etwa 10 Milliarden Zugriffe per Desktop oder Mobile und knapp 300 Millionen via App.
Zugriffstatistik auf alle Wikimedia-Projekte nach Zugriffsmethode.

Hüpfburg staunt: „Ich dachte, Wikipedia ändert sich nie. Aber es ist ja noch schlimmer! 30 Angestellte, ein Jahr mit Gerede und Fragen und wieder Gerede und wieder machen und am Ende kommt ein elender Balken zum Zusammenklappen raus?“ Da war ja der Kommunismus effizienter.

Jein, wende ich ein. Es mag ein kleiner Schritt für den Sidebar sein. Aber es geht um Millionen Menschen. Bei 12 Milliarden Schritten im Monat führen auch kleine Schritte sehr weit. Bei den Autoren, die jeden Tag mit dem Anblick umgehen müssen, für die die Wikipedia-Oberfläche oft ein wichtiger Teil ihres Lebens ist, geht es um zehntausende Menschen. Angesichts der Auswirkungen, die selbst eine kleine Änderung der Wikipedia-Oberfläche in der Welt hat, ist der Aufwand klein.

„Wenn du meinst? Ich bleib lieber bei meinen Hochzeitswebsites. Dort muss ich nur den Geschmack der Braut treffen. Das geht einfacher.“

Weiterlesen

Die Website zum Projekt DImp. Reading/Web/Desktop Improvements.

Wer Insider-Baseball zur Wikipedia-Gestaltung nachlesen möchte: ein Wikipedia-Mobil-Ansichts-Entwickler schreibt warum es eine Desktop-Version gibt.

Wikipedia im Jahr 2001. Noch ohne Seitenleiste.

10 Regeln für den eigenen Wikipedia-Artikel

17:51, Thursday, 11 2020 June UTC

Wikipedia ist nicht nur eine Enzyklopädie mit dem Anspruch auf Ewigkeit, sondern auch ein Nachschlagewerk für Ephemeres und zeitgemäß Aktuelles. In der Wikipedia stehen nicht nur Artikel über Themen von Bach und Barock bis zu Bismarck oder zur Binomialverteilung. Im Bastelbrockhaus stehen auch Einträge über lebende Künstler, Sänger, Sportler, Unternehmen, Vereine und Stiftungen.

Nun können diese Künstler, Sänger und andere diese Einträge auch lesen und sind – mal zu Recht mal zu Unrecht – nicht glücklich mit diesen Artikeln. Mal sind die Artikel eigenwillig gewichtet, mal lassen sie das Wesentliche aus, mal sind Daten veraltet und ab und an enthalten die Artikel auch echte inhaltliche Fehler.

Artikel über sich selbst oder seine Organisation zu ändern, ist nicht einfach. Manchmal ist es aber für Wikipedia und die Betroffenen hilfreich. Deshalb hier einige Regeln zum Umgang mit dem eigenen Wikipedia-Artikel.

Maze 01
Auf den ersten Blick wirkt Wikipedia unübersichtlich. Bild: Maze01. Von Nevit Dilmen Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

(0) Vorweg: Wikipedia-Artikel sind böse

Die Grundregeln für den Umgang mit der eigenen Person oder Organisation in Wikipedia ist einfach: existiert noch kein Artikel, so ist das gut. Wikipedianer schätzen es gar nicht, wenn Betroffene über sich selbst Artikel anlegen. Die geschriebenen Regeln verbieten die Artikelanlage in eigener Sache nicht explizit. Die - wichtigeren - ungeschriebenen Regeln sprechen sich stark dagegen aus. Umso kritischer werden Wikipedianer die neuen Artikel begutachten, nach Schwächen und Fehlern suchen. Umso schlimmer wird das Spießrutenlaufen für denjenigen, der diesen Artikel anlegt.

Selbst wenn der Artikel durchrutscht, zumindest am Anfang keine Kritik erfährt: Viele der Ersteller und Objekte von Artikeln rechnen nicht damit, was für eine eindrückliche Erfahrung es sein kann, die Kontrolle aus der Hand zu geben, einer anonymen Gruppe von Menschen eine große Bühne zu geben, das eigene Leben oder die eigene Organisation darzustellen. Eine eigene Website oder ein Facebookauftritt kann dasselbe wie ein Wikipedia-Artikel. Aber man behält die Kontrolle.

Wenn eine Person oder Organisation keinen Wikipedia-Artikel hat, dann sollte sie eine Flasche Sekt öffnen, dankbar sein und sich auf andere Formen der Öffentlichkeitsarbeit verlegen. In vielen Fällen allerdings existiert der Artikel schon, oftmals nicht zur Zufriedenheit der betroffenen Person. Manchmal muss die Person oder Organisation halt damit leben, dass die eigene Existenz nicht nur Feiernswertes enthält. Manchmal hat sie aber auch legitime Gründe zur Kritik: Veraltetes, Unvollständiges, Fehlerhaftes oder eigentümlich Gewichtetes findet sich in vielen Wikipedia-Artikel. Es gibt die Möglichkeit, etwas daran zu ändern.


(1) Transparenz 


Wikipedia ist überaus kritisch gegenüber Bearbeitungen in eigener Sache. Jeder, der Artikel über sich selbst bearbeitet, muss Grundmisstrauen überwinden und Vertrauen gewinnen. Vertrauen gewinnt man durch Offenheit.

(2) Verifizierung 


Speziell für Bearbeiter in eigener Sache und ganz speziell für Menschen, die professionell unterwegs sind, existiert in der deutschen Wikipedia das Mittel der Verifizierung. Bearbeiter melden sich unter dem Namen ihrer Organisation/ ihrer Person an und stellen damit eine Grundtransparenz her. Danach schicken Sie eine Mail an  info-de-v@wikimedia.org und werden dann von Freiwilligen verifiziert. Weitere Details finden sich unter: Wikipedia:Benutzerverifizierung

(3) Diskussionsseiten 

Zu jedem Eintrag in der Wikipedia gehört eine Diskussionsseite, auf der dieser Eintrag diskutiert wird. Um Konflikte und Konfrontationen zu vermeiden, empfiehlt es sich, jede größere Änderung erst auf der Diskussionsseite mit einigen Tagen Vorlaufzeit anzusprechen. Erst wenn dort kein Widerspruch, oder gar Zustimmung, gekommen ist, sollte der Artikel selbst geändert werden. Taucht auf der Diskussionsseite Widerstand auf, so ist die Diskussionsseite zur Diskussion zu nutzen.


(4) Belegen 


Wikipedia ist eine Enzyklopädie, die verlässlich sein will, die aber jeder anonym bearbeiten kann. Zum Ausgleich legt die Community starken Wert darauf, dass jeder inhaltliche Beitrag belegt wird. Als Belege gelten nur Fakten, die anderswo veröffentlicht sind. Sei es in Büchern, Zeitschriften oder Websites. Diese Pflicht geht so weit, dass selbst Aussagen der Person selbst oder amtliche Dokumente nicht akzeptiert werden – sofern diese nicht an einer externen Stelle veröffentlicht wurden.

Belege im Artikel zur Wikipedia (kleiner Ausschnitt)
Dies klingt auf den ersten Blick aufwendiger als es ist. Zumindest in heutiger Zeit. So gut wie jede Wikipedia-relevante Person oder Organisation wird Zugriff auf eine Website haben, auf der sie etwas veröffentlichen kann. Im Zweifel besitzt zwar eine externe Veröffentlichung eine höhere Reputation.

Aber gültig sind auch Inhalte auf eigenen Websites. Wenn also Wikipedia ihren zweiten Vornamen falsch schreibt: beginnen Sie keine Diskussion mit der Community, sondern schreiben Sie ihn richtig auf der eigenen Website. Wenn die Community nicht glaubt, dass die Rolling Stones ihr größter literarischer Einfluss sind - schreiben Sie es auf der eigenen Website.

(5) Klare, harte Fakten. Keine Adjektive 


Artikel über sich selbst zu ändern, ist selbst unter den besten Umständen ein Drahtseilakt. Die Gefahr besteht, auf andere Autoren zu treffen, die dies aus Prinzip ablehnen und versuchen gegen die Edits zu arbeiten. Aber auch diese Autoren sind an Regeln gebunden. Je besser eine Bearbeitung nachgeprüft werden kann und je eindeutiger diese ist, desto höher sind die Chancen, dass sie bestehen bleibt.

Am besten hierfür eigenen sich unstreitige Zahlen und Fakten. Während Fakten einfach und erwünscht sind, ist dies mit Interpretationen schwierig. Diese sind generell in der Wikipedia verpönt. Je niedriger das Vertrauen ist, das ein Autor genießt, desto schwieriger wird es, Text einzubauen, der auch nur entfernt nach Interpretation aussieht. Adjektive sehen immer nach Interpretation und Wertung aus. Sie haben in einem Artikel über einen selbst nichts verloren.

(6) Verständlich bleiben 


Nun gibt es nicht nur die Community, für die ein Text geschrieben wird, sondern auch die Leser. Leser lieben Wikipedia, weil er hier klare, verständliche Informationen gibt, die sich beim ersten Lesen erschließen. Buzzwords, unverständliches, aber auch Fachsprache und Insiderlingo sind verpönt. Die Community achtet darauf dies durchzusetzen. „Geschwurbel“ ist einer der liebsten Begründungen innerhalb der Community um Text zu streichen.

Gerade professionelle PR-Personen stellt dies oft vor besondere Herausforderungen. So ist nicht ratsam zu schreiben, dass ein Unternehmen "Verbindungen herstellt zwischen den Grundbestandteilen der Industrieproduktion", sondern es stellt Schrauben her. Jemand "entführt nicht in Welten der zwei Sonnen", sondern schreibt Fantasy-Romane. Am besten haben Leserin oder Leser bereits beim ersten Lesen eine klare Vorstellung davon, um was es geht. 

(7) Mit der Community zusammen 


Wikipedia ist ein grundsätzlich offenes System, das von zahlreichen Vandalen, Trollen und Manipulatoren heimgesucht wird. Dementsprechend ausgebildet und etabliert sind mittlerweile die Mechanismen, unerwünschte Bearbeitungen fernzuhalten. Die etablierte Community hat die informellen, formalen und technischen Mittel Text zu verhindern, kann aber auch unglaublich Großartiges vollbringen. Jede Mitarbeit in Wikipedia, die von Erfolg gekrönt sein soll, funktioniert nur im gegenseitigen Vertrauen mit der Community.

Leider hat die Community die Eigenschaft die unkooperativsten und unfreundlichsten Mitarbeiter vorzuschicken, wenn es um das Sichten neuer Artikel geht. Oder anders gesagt: Die unfreundlichsten Mitarbeiter sind besonders motiviert darin, sich auf Neulinge zu werfen. Warum das so ist, darüber kann ich spekulieren, möchte es aber nicht. Aber nicht aufgeben: es gibt nette und freundliche Wikipedianerinnen und Wikipedianer. Mit etwas Ausdauer lassen sie sich finden. 

(8) Zu vermeiden: Freunde holen 


Manche Autoren fühlen sich von der Wikipedia-Community übermannt oder ungerecht behandelt und versuchen, Freunde zu motivieren, ihnen beizustehen. Kaum etwas ist schlimmer. Die reine Anzahl von Teilnehmenden in der Diskussion hat kaum ein Gewicht. Wesentlich bedeutender ist das Vertrauen, dass den einzelnen Beteiligten in der Community beigebracht wird.

Die Community hat ein eingebautes internes Vertrauenssystem, das maßgeblich auf bisherigen Beiträgen beruht. Wenn aus heiterem Himmel plötzlich eine größere Anzahl neuer Nutzer bei einem Thema auftaucht, lässt das bei vielen erfahrenen Wikipedianern Alarmglocken schrillen. Sie reagieren skeptischer und aggressiver. Dabei gilt: gegen eine skeptisch und aggressive Community zu agieren, hat nie Erfolg. Der Versuch, Freunde zu mobilisieren ist bisher immer nach hinten losgegangen.

(9) Das Sichtungsproblem 


Speziell die deutsche Wikipedia hat das Instrument der Sichtungen eingeführt. Das bedeutet: Änderungen an Artikeln werden sofort gespeichert. Wenn diese Änderungen von einem neuen Autor stammen, sind sie aber nicht sofort für die Öffentlichkeit sichtbar. Dafür muss erst ein erfahrener Wikipedianer sein OK geben. Je einfacher die Edits sind und je einfacher sich ihr Inhalt extern überprüfen lässt, desto schneller wird die Freigabe erfolgen.

Übersicht über die Seiten, die am längsten nicht gesichtet wurden.

(10) Fotos unter freier Lizenz 


Ein einfacher Weg, das Vertrauen der Community zu gewinnen, Inhalte beizutragen und es Wikipedia zu ermöglichen eigene Inhalte zu nutzen, ist das Bereitstellen von Fotos unter freier Lizenz. Das bedeutet, dass diese Fotos im Nachhinein genutzt, verändert und eingebaut werden können. Allerdings muss dabei der Autor genannt werden ebenso wie der Titel des Fotos. So in Wikipedia und von dort aus dann viral durch das halbe Netz.

Rose Stanwell Perpetual バラ スタンウェル パーペチュアル (7887553466)
Ist ein Foto unter freier Lizenz hochgeladen, kann es unter Autoren-Nennung quer durch das Internet gesehen werden. Bild: Rose Stanwell Perpetual バラ スタンウェル パーペチュアル von: T.Kiya Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

Weiterlesen


Der Wikipedia mangelt es nicht an Seiten mit Regeln, Vorschriften und Anleitungen. Auch zu diesem Themenkomplex gibt es eher zuviel als zu wenig zu lesen. Als Einstieg empfiehlt sich: Wikipedia:Interessenkonflikt  und die dortigen Links.

Bei Rückfragen zu bestimmten Einzelfällen, gerne auch eine Mail an mich, dirkingofranke@gmail.com

Alle Iberty-Posts zu Netz- und Kulturthemen finden sich unter. Kultur in Iberty! Eine Übersicht.

Wikipedia Manske Polymerase-Kettenreaktion

10:31, Wednesday, 03 2020 June UTC

Der Tunnel Beyschlagsiedlung auf der Berliner Stadtautobahn dröhnt. Der Widerhall der Hupe im Tunnel scheucht kleine Tiere auf. Der Harleyfahrer mit der Kutte „Odins Olle Outlaws MC“ verreißt fast die Maschine. Sein böses Starren kann ich durch das verspiegelte Tuning-Visier am Wehrmachtshelm spüren. Madame schaut überrascht von der Wettervorhersage am Handy auf. Müsste ich nicht lenken, würde ich entschuldigend mit den Schultern zucken. Die Begeisterung übermannte mich, führte meine Hand auf die Hupe.

Der Drosten hat im Radio minutenlang Wahrscheinlichkeiten über mehrere Generationen durchgerechnet. „Wenn jeweils einer zehn ansteckt und die anderen neun nur einen und einer von zehn bleibt die Woche zufälig zu Hause, dann sind wir in der dritten Generation..“ Überschlagsrechnungen! Mathe! Im Radio! Glückswolken ziehen auf. Madame freut sich an meiner Begeisterungsfähigkeit. Sie weist darauf hin: „Im Podcast“. Drostens praktische Wahrscheinlichkeitsrechnung läuft nicht im Radio.

Der Drosten-Podcast fühlt sich an wie frühe Wikipedia. Geschichten aus dem Leben. Wissenschaft. In der Hoffnung, dass die Hörer mitdenken. Anschaulich erklärt, unterhaltsam, relevant. Vielleicht fühle ich mich auch so sehr an die frühe Wikipedia erinnert, weil Drosten in hoher Intensität „PCR“ sagt.

PCR, die Polymerase Chain Reaction, deutsche Polymerase Kettenreaktion, ist ein Verfahren der Biochemie, um bestimmtes Erbgut (DNA oder indirekt RNA) nachzuweisen. Vor allem ist das Verfahren derzeit von weltweiter Relevanz, da der Test via PCR der Goldstandard zum Nachweis des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 (SARS2) ist.

Jeder frühe Wikipedista kennt das Wort Polymerase-Kettenreaktion. Denn der Wikipedia-Artikel zum Thema gilt als erster Wikipedia-Artikel überhaupt. Wie nerdig Wikipedia war, beweist, dass das Thema PCR das Thema des ersten deutschen Wikipedia-Artikels aller Zeiten war. Es beweist, wie Wikipedia damals auf die Zukunft gerichtet war.

PCR

Allerdings. Nur weil Wikipedistas das Wort kennen, wissen sie noch lange nicht, was es bedeutet. Es ist „was biologisches“, wäre meine Auskunft bis vor SARS2 gewesen. Aber ich kann nachschlagen.

CR

Was ist PCR? Der Teil, den ich als Banause zuerst verstehe: die Kettenreaktion oder Chain reaction. Es geht um einen chemischen Prozess, bei dem etwas hergestellt wird. Aus den Ausgangsprodukten wird wieder etwas hergestellt. Aus diesen wird im nächsten Schritt wieder etwas hergestellt. In jedem Schritt verdoppelt sich die Zahl. Das Verfahren läuft exponentiell ab. Wie bei jedem exponentiellen Wachstum können innerhalb kurzer Zeit enorme Mengen erzeugt werden.

Bei der der PCR wird DNA vervielfältigt. Die DNA wird in jedem Schritt verdoppelt. Bereits bei Schritt 5 hat man die 32-fache Menge des Ausgangsmaterials bei Schritt 10 de 1024-fache Menge und bei Schritt 15 entsteht etwa die 32.000-fache Menge des Ausgangsmaterials. Bei Schritt 16 die 64.000-fache Menge, bei Schritt 17 die 128.000-fache Menge.

Dies ist nötig bei Viren, die so klein sind, dass sie erst mit dem Elektronenmikroskop überhaupt gesehen sichtbar gemacht werden können.

Die Größe von Viren wird in Nanometer angegeben. Das ist dieselbe Einheit, die zur Messung der Wellenlänge von Licht benutzt wird. Dabei erreichen nur große Viren das Format einer kurzen Lichtwelle. SARS2 beispielsweise hat einen Durchmesser von 60 bis 140 Nanometer. Gerade noch sichtbares kurzwelliges ultraviolettes Licht hat eine Wellenlänge von etwa 400 Nanometer. Wir begeben uns in Gegenden der Physik in denen „Sichtbarkeit“ aus physikalischen Grünen schwierig wird.

Um die Existenz eines Virus nachzuweisen braucht es erhebliche Mengen des Virus. Er muss vielfach repliziert werden. Auf der Suche nach dem Coronavirus durchläuft der Virus etwa 35 Durchgänge der PCR-Verdoppelung. Was bedeutet: Aus einer Virus-RNA werden 35 Milliarden Kopien. Diese lassen sich mit diagnostischen Verfahren nachweisen. Ergänzend lässt sich Zählen wie viele Zyklen es bis zum Nachweis des Virus benötigt. Und daraus läßt sich rückschließen, wie viele Viren anfangs in der Probe waren.

P

Wie kommt die Polymerase zur Kettenreaktion?

DNA kommt in Doppelhelixstrukturen vor. Zwei identische DNA-Bänder kleben aneinander. Vor einer Zellteilung teilt sich dieses DNA, um jeder neuen Zelle einen identischen Satz DNA mitzugeben. Das zweite DNA-wird mit Hilfe der DNA-Polymerase aus den Informationen der ersten hergestellt, um wieder die Doppelstruktur zu haben.

Bei der PCR wird die im Original doppelsträngige DNA durch Erhitzen in zwei einzelne Stränge geteilt. Die künstliche hinzugefügte DNA-Polymerase erzeugt aus dem ersten DNA-Strang einen zweiten identischen Strang. Der neue Doppelstrang wird wieder durch Hitze geteilt. Und so weiter. Bis ausreichende Mengen an DNA zur Verfügung stehen.

Grafik zur Erläuterung der PCR. Die DNA wird aufgesplittet, mit Hilfe der Polymerase (und der Primer) verdoppelt und dann wieder aufgesplittet. Das ganze durch mehrere Durchgänge.
Schaubild der PCR aus der Wikipedia. Entstanden 2017. Von:
WiWiki Lizenz: Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international“

In der Realität ist der Prozess komplizierter. Was bereits damit beginnt, dass SARS2-Viren aus RNA bestehen, die PCR aber nur DNA kann. Die Viren müssen vor der PCR erst in Pseudo-DNA verwandelt werden. Aber das führt zu weit. Ehrlich gesagt verstehe ich es auch nicht mehr ansatzweise.

Der erste Artikel

Der Legende nach, die überall nachzulesen ist, war der Artikel zur PCR der allererste Artikel der deutschsprachigen Wikipedia. Wie immer, wenn es um etwas „erstes“ geht, wird der Anspruch bei genauerer Betrachtung schwierig.

Die Wikipedia stieg nicht wie Venus aus dem Wasser, sondern sie hatte Vorläufer. Die deutsche Wikipedia entstand aus der englischen Wikipedia. Die englische Wikipedia war als Skizzen- und Notizbuch für ein anderes Enzyklopädieprojekt, die Nupedia gedacht. Gerade in der Anfangszeit wechselten die Medien und die Software. Es begann mehrfach.

Die älteste Version

Wikipedia speichert alle Versionen aller Artikel. Der Kundige kann nachvollziehen, was im Jahr 2001 im Artikel zur PCR stand, was im Jahr 2010 und was im Jahr 2020. Alle diese Versionen sind datiert.

Einige Jahre nach ihrer Gründung fragten sich die Wikipedianer: Was war der allererste Artikel? Die Antwort schien einfach: der Artikel mit der ältesten auffindbaren Version. Es war der Artikel zur Polymerasekettenreaktion, geschrieben von Magnus Manske.

Anzeige der ersten auffindbaren Versionen des Wikipedia-PCR-Artikels. Man beachte, dass die ersten „Autoren“ (Angabe in der Spalte rechts vom Datum) alles technische Benutzer waren. Diese bearbeiteten offensichtlich einen bereits vorhandenen von einem Mensch geschriebenen Text.

Nun allerdings gab es ein Problem. Am Anfang war die Welt Chaos und so auch die Wikipedia. Aufgrund verschiedener Gründe waren die allerallerersten Versionen gelöscht worden. Die erste auffindbare Version in der Wikipedia 2010 – die erste Version zur Polymerase-Kettenreaktion – war nicht die erste geschriebene Version der Wikipedia 2001.

Wikipedia-Archäologie der Urgesteine Kurt Jansson und Jakob Voss brachten 2011 die erste geschriebene Version von 2001 zum Vorschein: Vergil. Geschrieben von James Allan Evans und auf deutsch übersetzt von Rainer Zenz.

Die deutsche Wikipedia kam nicht aus dem Nichts. Ihre ersten Artikel waren Übersetzungen englischer Wikipedia-Artikel, die als Entwürfe für englische Nupedia-Artikel entstanden waren. Wie Vergil so die PCR. Ist die Übersetzung eines Entwurfs für ein anderes Projekt ein „erster“ Artikel.

Sollte dieser Ruhm nicht dem Artikel zukommen, der auf Deutsch exklusiv für die deutsche Wikipedia entstand? Dann wäre es Dänemark, gefolgt von Kattegat und Nordsee – alle in kurzer Abfolge geschrieben vom Dänen Schweden Lars Aronsson.

Magnus Manske

Wer über PCR und Wikipedia redet, muss über Magnus Manske reden. Der einzige Wikipedianer, der seinen eigenen Gedenktag hat. Der 25. Januar ist der in Wikipedia gefeierte Magnus Manske Tag. „Tonight at dinner, every Wikipedian should say a toast to Magnus and his many inventions.

Manske ist derjenige, ohne den es Wikipedia in der heutigen Form nicht gäbe. Auch wenn seine Autorschaft des „ersten Artikels“ Zufall ist – der Zufall hat gut gewürfelt. Neben PCR stammten die ersten Artikel zu Charles Darwin von Manske oder zum Plasmid – ein Teil der Bakterien-DNA, der im Labor genutzt wird, um Gene zu vervielfältigen. 2008 meinte Manske im Interview, dass PCR vielleicht nicht einmal sein eigener erster Artikel in der Wikipedia war, sondern der Artikel „Zelle.“ Vielleicht aber auch die Mitochondrien.

Den Magnus-Manske-Day verdankt die Welt nicht dem Biochemiker Magnus Manske, sondern dem Programmierer Magnus Manske. Manske schrieb die erste Version der MediaWiki-Software, diejenige Software auf der Wikipedia bis heute läuft.

Manske führte neue Funktionen ein, die bis heute Standard der MediaWiki-Software sind. Manske führte Beobachtungslisten, Beitragslisten und die Existenz verschiedene Namensräume ein. Seine kontroverseste Erfindung war vielleicht die Erfindung der „Administratoren“ als Gruppe mit besonderen Rechten.

In den folgenden Jahrzehnten stammten aus Manskes Händen weitere Tools um Wikipedia, die Wikipedia-Galerie und die Wikipedia-Datenbank zu bearbeiten. Manskes Motivation, Mediawiki zu programmieren, wird vielen Wikipedistas bekannt vorkommen: Er wollte etwas lernen. In diesem Fall die Programmiersprache PHP, die er vorher noch nie genutzt hatte, und in der Mediawiki programmiert ist.

Manske stammt aus Köln, ist 45 Jahre alt und arbeitet seit 13 Jahren am Wellcome-Trust-Sanger-Institut in Cambridge. 2012 war ein Co-Autor eines Nature-Aufsatzes zur Sequenzierung der DNA von Malaria-Parasiten. 2013 war er „Head of Informatics in the Malaria Programme at the Sanger Institute“ Unter anderem war er beteiligt, die Lookseq-Software zu Programmieren, die es Forschern erlaubt DNA-Sequenzen zu visualisieren. Was inhaltlich meinem bescheidenen Verständnis nach nahe an der PCR ist.

Pantha rhei

Dieses Unfertige. Diese Mischung aus großen, komplexen Gedanken wie dem zur PCR und dem Unordentlichen des Neuanfangs wie die Löschung der Versionen, diese reizte mich und viele andere an der Wikipedia. Es begeisterte und begeistert mich. Und auch wenn Christian Drosten kein Student ist, diese Lernbegeisterung verströmt er mit jedem Satz. Diese Begeisterung, wie er kurz Wahrscheinlichkeiten durchrechnet – und in seinem Inneren davon auszugehen scheint, dass ihm alle begeistert Folgen können. Das ist der Geist der Wikipedia in ihren besten Momenten.

Titelbild

Gegenüberstellung eines RNA-Strangs und eines DNA-Doppelstrangs mit Darstellung der jeweiligen Nukleobasen (Link) von: Benutzer:Sponk, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Weiterlesen und -hören

Langes Podcast-Gespräch mit Magnus Manske im Wikistammtisch

Manskes Blog

Rückblick von Jakob Voss auf die ersten 10 Jahre Wikipedia von dort aus gefunden die ersten 10.000 Edits der englischen Wikipedia – verloren geglaubt und 2010 wiedergefunden

Auch aus dem Jahr 2011 Kurt Jansson „Der kurze Sommer der Anarchie“ – ein Rückblick, der aus heutiger Perspektive selber schon sehr historisch und nostalgisch wirkt.

Auch bei der Recherche gefunden. Ein 300-Seiten-Epos in Form einer linguistischen Doktorarbeit zum Schreiben in der Wikipedia. Beim ersten Überfliegen aus Sicht eines Wikipedianers: Die Autorin hat Ahnung. Und niemand las ich bisher, der so toll und anspruchsvoll ausformulieren könnte, wie wir in der Wikipedia so herumlavieren. Nach der Lektüre des Textes hat man beim piefigsten Editwar die Überzeugung an bedeutsamen Prozessen teilzunehmen.

Die deutsche Wikipedia, Stand August 2001

Wikimania 2016 - random thoughts

20:05, Friday, 06 2020 March UTC

Wikimania! The world Wikipedia conference. Every year in a different place on changing continents. Organised by locals but with basically a lot of the same people always attending. A highlight in the Wikipedia year. So much to see and to comprehend. In case you missed it, here is my live twitter feed (and thanks to Sucomo for the support). But what happened there of course lasts longer than just for the moment,

Just to get some thinking going and pin down some notes from Wikimania as long as I still remember. Some random thoughts about Wikimania 2016 in Esino Lario, close to Lake Como, Lomardy, Italy.

1200 Wikipedians in a small village with about 800 inhabitants. Sleeping in every free bed the village had to offer, attending workshops in discussions in a school, the local museum, the local gym and the theater. The Wikimania was down to earth. Literally, as this was outdoors and the environment played a big part in Wikipedia, but also metaphorically. Much less about "we save the world" and "why we are important" and a lot more about "The How". Stuff for daily activities one can work with.


So just for some random thought before I did more thorough thinking and analysis:





Stunning scenery. We were allowed to drive every day the way from Lake Como to Esino Lario and it qualifies as most scenic commute I have ever undertaken.

View on my daily commute.

Great venue. The most wiki-style conference. It looked like the whole village was involved andcontributing to the event. As fas as I could see, the village got something infrastructure, events aimed at the locals and events aimed at Wikimedians and locals alike.




Stones, mountains, the nearby lake, more stones. This Wikimania was down to earth, even literally.


Talks: same procedure as last year and the years before. Basically the same people talking about the same topics as always.. Discussions rounds were a great idea but always a bit bogged down because there were too many people in the room to really discuss. Training sessions were a good diea and the one i attended did make sense.

Can we maybe just skip the presentations next time altogether (or put them in some place "for press and others who don't know anything) and just design the real program out of training sessions and discussions? 

Walkimania. Up and down and up again. Following the mule path. Great. Got some movement in between sessions and one was not confined to a hotel/campus setting but walked (and climbed) around the real world. Big, big, plus.

THE RAIN


THE HAILSTORM


Best conference catering ever. Salad. Vegetables. Good quality meat. Vino rosso. Also really liked that a lot of the catering happened at a restaurant/bar setting, but even the tent-catering was way better than these kunds of catering are in other places.



Texas line dancing on an Italian village square.

My thoughs on Mapping Wikipedia made some progress.

Never seen so few talks by the Wikimedia Foundation or other Wiki-professionals. Did not miss them.

Whoever designed the Wikimania-Shirts and their colour must have spent a lot of time at Pizzeria Oasi looking at their tables and chairs.



Not much about Foundation politics. I am sure all politics happening at the Foundation and the chapters were of really big interest to some people. But people who don't really care about this inside baseball did not have to listen to all the people involved for days and hours.

Even the two surprise moments (Christophe Henner as new chairman of the board and Katherine Maher as now-non-temporary CEO - congratulations to both!) were delived elegantly, swiftly and just fitting into ethe occasion and the moment.

Paid editing really differs throughout the different language versions. Though the talk was more about the rules than about actual editing happening or not happening.

Jimmy seemed to be way more enthuastic and engaged at a Wikimania than I have seen him for a long time. Cool. My most touching moment: Jimmy offering his personal help to the blocked Uzbek Wikipedia.

Heard about some cool projects done throughout the Wiki world.

Italy has a lot of different police troups and all of them were at the Wikimania. At least they all were friendly and mingled and such. Still a bit strange: Wikimania in the most peaceful place one could imagine and at the same time the Wikimania with the most police ever.




I have seen a 6-meter theremin played by a falcon.